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Fünf Jahre Gorki-Blog – Bericht und Inhaltsübersicht (Zweiter Teil)

Montag, 27. Februar 2012, 14:33:33 | Armin Knigge

In russischer Sprache hier.
Der erste Teil hier.

Gorki in unseren Tagen

Eine Reihe von Einträgen berichtet über Ereignisse der letzten Jahre in Russland und Deutschland, die mit Gorki zusammenhängen. Zwei Todestage des Schriftstellers, der siebzigste (2006) und der fünfundsiebzigste (2011) waren Anlass für Gedanken zu seiner gegenwärtigen Bedeutung.
Von einem neuen, vorurteilsfreien Blick auf Gorki zeugen in Russland zwei neuere Biographien aus der Feder von Pavel Basinskij und Dmitrij Bykov. Dass er auf neue Weise als «zeitgemäß» empfunden wird, belegen Gedanken Gorkis über den «Sklaven von gestern» und den «Wert des Lebens» in einem Buch des bekannten Filmregisseurs Andrej Kontschalowskij.
Der Dramatiker Gorki wird in zwei aktuellen Inszenierungen des selten gespielten Dramas «Kinder der Sonne» vorgestellt, am Malyj teatr in Moskau und am Thalia Theater in Hamburg.
Eine Studententheatergruppe in Trier hat sich eigene Gedanken über Gorkis Nachtasyl gemacht.

Von zwei Lehranstalten, die beide den Namen Gorkis tragen und beide zur Geschichte der DDR gehören, war schon in den letzten Einträgen die Rede. Eine Maxim-Gorki-Oberschule ist einer der Schauplätze in Uwe Tellkamps bekannten Roman Der Turm über das Leben der Bildungselite in Dresden in den letzten Jahren der DDR. Die Büste Maxim Gorkis vor dem Gebäude der Schule und andere Symbole der staatlichen Gedächtniskultur, die sich auf die Sowjetunion beziehen, haben eine rein politische Funktion und tragen wenig zur Vertiefung der deutsch-russischen Kulturbeziehungen bei.


Abschaffen oder neu begründen? – Streit um das «Maxim-Gorki-Gymnasium»

Ist Gorki geeignet, als Namenspatron für ein Gymnasium im vereinigten Deutschland zu fungieren? Diese Angelegenheit hat mich eine Zeitlang sehr beschäftigt, obwohl ich nur aus der Ferne beteiligt war. Dem «Maxim-Gorki-Gymnasium» in Heringsdorf sind zwei Einträge gewidmet. Einer von ihnen beschreibt den Streit um den Namen der Schule, der durch einen Artikel in der Schülerzeitung ausgelöst wurde. Der Verfasser hatte Zweifel an der Autorität Gorkis, eines „Anhängers des Totalitarismus“, geäußert. Der andere Eintrag enthält meine auf Wunsch von Beteiligten verfasste Stellungnahme Abschaffen oder neu begründen?. Da ich Einzelheiten über den Verlauf der Diskussion erst vor kurzem erfahren habe, möchte ich hier einige Bemerkungen anfügen. Zwei ehemalige Schüler, die damals, 2008, entgegengesetzte Positionen vertraten und auch heute dabei bleiben, haben sich bei mir gemeldet. Einer, der Verfasser des «skandalösen» Artikels, berichtete von den vergeblichen Versuchen einer Gruppe von Schülern und Lehrern, die Diskussion zu versachlichen und eine Podiumsdiskussion zu organisieren. Die Versuche seien an dem «geballten Pathos» der Gegner einer Umbenennung (die Gemeinde, ehemalige Schüler, ein großer Teil der Lehrerschaft, die Zeitung «Neues Deutschland») und an dem Desinteresse der Schüler gescheitert. Auch mein «Gutachten» konnte daran nichts ändern. Es sei doch sehr traurig, meint der ehemalige Schüler, dass das Angebot einer freien Meinungsbildung in dieser Sache nicht genutzt und sogar in scharfer Form zurückgewiesen wurde.
Diese Ansicht teilt der andere Briefschreiber ganz und gar nicht. Eine Umbenennung habe er damals schon allein aus «rationalen Gründen» abgelehnt. Sie hätte zwangsläufig eine Debatte über alle mit Gorki verbundenen Erinnerungsorte in Heringsdorf nach sich gezogen, denn Gorkis Namen trug nicht nur das Gymnasium, sondern auch eine Straße und eine Buchhandlung. Dazu kam die «Villa Irmgard», Gorkis Wohnung im Jahr 1922, ein Zentrum von Kulturveranstaltungen. Der Briefschreiber verwies in diesem Zusammenhang auf den «kommerziellen Faktor Usedoms» und führte dazu einen überraschenden Vergleich an. In Heringsdorf finden jährlich «Kaisertage» statt (im Gedenken an Aufenthalte Wilhelms I. und Wilhelms II.). Trotz der zweifelhaften Reputation dieser Herrscher stellten die «Kaisertage» einen Publikumsmagneten dar, stellt der Briefschreiber fest, und niemand werde sie ernsthaft abschaffen wollen. Gorki, vereint mit den deutschen Kaisern im Dienst an der regionalen Wirtschaft – das bringt eine satirische Note in diese Debatte.
Dagegen erscheint mir ein anderer Grund, den der Briefschreiber für seine Einstellung anführt, menschlich verständlich. Es sind Erinnerungen an seine Kindheit, insbesondere an „Exkursionstage“, die oft in die „Villa Irmgard“ führten. Dort erzählte man den Kindern von Maxim Gorki und las ihnen aus seinen Werken vor. Auf den Spuren des Schriftstellers wurden auch andere Orte besucht. Davon zeugt ein Film, der mit Kindern gedreht wurde (Er war leider nicht auffindbar). Das heißt, der Name Gorki war für den Briefschreiber mit positiven Erfahrungen verbunden. Das ist nachvollziehbar, aber ein Ersatz für die Aufarbeitung einer historischen Vergangenheit können solche persönlichen Erinnerungen nicht sein.

Charakteristisch für die ganze Debatte war, dass ihr eigentlicher Anlass, die Persönlichkeit Gorkis und seine Rolle in Sowjetrussland, außerhalb des Horizonts der Beteiligten blieb. Kaum jemand war wirklich bereit, sich in die historischen Hintergründe zu vertiefen. Gorkis Name blieb daher ein von konkreten Inhalten weitgehend entleertes Symbol einer vergangenen Epoche, vor allem ein Symbol des Staates DDR und seiner Kultur. Im übrigen hat sich die Sache auf unspektakuläre Weise erledigt. Das Gorki-Gymnasium wurde mit einer Realschule zu einer Gesamtschule an anderem Ort fusioniert, wobei der Name Gorkis verloren ging. Nur das Denkmal des Schriftstellers wird vielleicht vor dem Gebäude der namenlosen Schule an ihn erinnern. In gewisser Weise erscheint mir diese stille Beerdigung des Problems als ein Symbol für die Haltung der Verweigerung und Abwehr bei vielen ehemaligen Bürgern der DDR, wenn es um die Vergangenheit geht.
Ein ähnliches Beispiel für den schwierigen Umgang mit der Vergangenheit an einer Schule in der ehemaligen DDR findet sich in Judith Schalanskys Roman „Der Hals der Giraffe“ (2011).
Auch in Russland gestaltet sich der Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit problematisch, wie der Streit um den „Antisowjetschik“ Aleksandr Podrabinek zeigt, der mit seinen scharfen Tönen gegen die Sowjetepoche den Zorn der Veteranen des Krieges herausforderte.



«Einmal im Herbst» - ein Filmprojekt

Bisher nicht im «Unbekannten Gorki» behandelt ist ein Filmprojekt zu einer Erzählung Gorkis, das mir – über den Blog – einen interessanten Gedankenaustausch mit dem Autor des Films gebracht hat. Ich möchte es deshalb hier etwas ausführlicher vorstellen. Im April 2008 meldete sich bei mir Matthias Schwelm, Student an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Auf der Suche nach einem passenden Stoff für seine Diplomarbeit war er auf Gorkis Erzählung «Einmal im Herbst» (Odnazhdy osen'ju) gestoßen, und das Thema hatte ihn sofort persönlich angesprochen: ein junger Mann, der seinen Platz im Leben sucht und sich dabei von sehr verschwommenen Vorstellungen «aus Büchern» leiten lässt, trifft eine junge Frau, die ihn in das wahre Leben und gleichzeitig in die Geheimnisse der Liebe einführt. Herr Schwelm fragte mich nach wissenschaftlicher Literatur und erläuterte seine persönliche Auffassung von der Geschichte. Berührt hatte ihn die Einfachhheit, das «Archetypische» der Situation; aber auch die ironische Distanz, die der Autor zu seinem Helden einnimmt. Er meinte daher, der Erzähler sei ein alter Mann, der sich an seine Jugend erinnert. Ich konnte ihm berichten, dass Gorki zur Zeit der Entstehung der Erzählung (1894) 26 Jahre alt war, also jünger als Matthias selbst zu dieser Zeit. Wir haben mehrfach solche Informationen und Meinungen über Gorki ausgetauscht. Den Film selbst, 2008 in Polen an der Ostsee gedreht, konnte ich auf einer DVD anschauen, die mir Herr Schwelm geschickt hat. Der Film hat mir, offen gesagt, nicht gefallen. Die Szene «unter dem Boot» schien mir nicht überzeugend. Aber das ist nicht das Wesentliche. Der Autor wollte keine Literaturverfilmung, sondern einen Diskurs über fundamentale Fragen, die durch Gorkis Erzählung angeregt waren, Fragen nach dem Glauben und der Wahrheit. Im Begleitschreiben zu der DVD beschrieb der Autor die Produktion des Films als einen Prozess der Selbsterfahrung, in dem auch die Erzählung ihren Platz hat: «Maxim Gorki hat mich ein Stück des Weges begleitet und dem Film mehr als nur seinen Namen gegeben». Gorki habe ihn als eine «schöpferische Persönlichkeit» beeindruckt.

Titel de Films: „Einmal im Herbst“; Produktion: Filmakademie Baden-Württemberg 2010; Buch: Matthias Schwelm und Vera Müller; Regie: Matthias Schwelm.

Nachtrag vom 21.03.2012: Wie ich gerade von Herrn Schwelm erfahre, hat der Film beim Publikum ein positives Echo gefunden und ist für zwei Filmpreise nominiert worden. Ich freue mich darüber und wünsche dem Autor auf seinem weiteren Weg Glück und Erfolg.

Nominierungen

First Steps Award 2011

Preis für junge FILMkunst 2011l




Zeitgeist und Politik

Das Thema „Gorki in unseren Tagen“ verbindet sich mit einem allgemeinen Interesse an den Ereignissen in diesen „unseren Tagen“. Eine Reihe von Einträgen hat keinen direkten Bezug zu Gorki, wohl aber einen Bezug zum „Zeitgeist“ (cajtgajst, so heißt er auch russisch) und zur Politik, besonders in Russland. Eines der größten Probleme der gegenwärtigen Kultur Russlands ist die sowjetische Vergangenheit und die mangelnde Bereitschaft großer Teile der Bevölkerung, sich ernsthaft mit diesem Thema zu befassen. Der Streit um den „Antisowjetschik“ Aleksandr Podrabinek ist im Zusammenhang mit Heringsdorf erwähnt. Andere Aspekte dieses Problems werden in den Einträgen über Nikolaj Berdjajews Werk Wahrheit und Lüge des Kommunismus und Orlando Figes Untersuchung Die Flüsterer behandelt. Mit der Benutzung des Klassikers Dostojewski durch Vertreter des russischen Nationalismus befasst sich der Eintrag über das angebliche Politische Testament Dostojewskis. Der 100. Todestag Tolstojs gab Anlass zu Betrachtungen über die Klassikerpflege in Russland. Mehr aus Gründen der Unterhaltung wurde im Blog vermutlich die erste deutsche Übersetzung einer der Verskolumnen Dmitrij Bykovs aus der „Novaja gazeta“ vorgestellt, ein Reiseführer Russland als Gruss an Barak Obama aus Anlass seines Russlandbesuchs.
Politische Ereignisse werden nicht im Rahmen der tagespolitischen Auseinandersetzungen behandelt, sondern im Rahmen der gesellschaftlichen Debatte über Grundwerte wie Demokratie und Freiheit, z.B. in dem Neujahrsgruß 2011Leben ist Freiheit. So sind auch die jüngsten Einträge über die Debatte um die sowjetische erstklassige Diktatur (Dmitrij Bykov) und über die Meetings in Moskau zu verstehen.


Neue russische Literatur – das erste Jahrzehnt

Die russische Literatur des 21. Jahrhunderts befindet sich noch im Stadium der Entstehung. Gleichwohl sind in ihrer Entwicklung interessante Tendenzen zu beobachten, die in fragmentarischer Form Eingang in den Blog gefunden haben, beginnend mit dem Neujahrseintrag 2010 über die Literatur der «nuller» Jahre. Ohne systematischen Zusammenhang werden Kostproben verschiedener Richtungen in der russischen Gegenwartsliteratur vorgestellt, darunter die «Welt aus Plastik» Sergej Minajews; die anspruchsvollen Experimente Michail Schischkins; der «neue Realismus» Roman Sentschins; die Sowjetnostalgie Juri Poljakows und die anthropologischen Überlegungen Aleksandr Slapowskijs. Mit einem Auszug über die Bedeutung des Geldes wird Aleksandr Archangelskijs Roman «Höchstgebot» vorgestellt. Ausnahmsweise werden auch einmal deutsche Bücher besprochen, so Uwe Tellkamps Wenderoman Der Turm und der Roman von Eugen Ruge über den Untergang der DDR, beide mit Bezug auf die russische Kultur.

Soweit die Inhaltsübersicht zum Thema «Fünf Jahre Gorki-Blog», die Ihnen, liebe Besucher, hoffentlich die Orientierung auf diesen Seiten erleichtern wird. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Kommentare und Zuschriften und benutze die Gelegenheit, auch meiner Kollegin und unersetzlichen Helferin Natalja Lange zu danken, die mir ihre ausgezeichnete Kompetenz in der Muttersprache Russisch und ihre fundierte Kenntnis der russischen Kultur zur Verfügung stellt.

Beachten Sie auch die Vorschau auf Themen des laufenden Jahres.

Verzeichnis der im Blog behandelten Werke Gorkis
(Originaltitel am Ende des Eintrags im russischsprachigen Teil)

Der Nachtwächter
In der Schlucht
Bemerkungen aus dem Tagebuch
Unzeitgemäße Gedanken [Blinde Fanatiker]
Unzeitgemäße Gedanken [Christus und Prometheus]
Das Leben des Klim Samgin [Ein großes Buch]
Das Leben des Klim Samgin [Eine russische Schönheit]
Das Leben des Klim Samgin [Ein russischer Kapitalist]
Das Leben des Klim Samgin [Bankiers]
Wanderungen durch Russland [Ein Abend bei Schamow]
Wanderungen durch Russland [Ein Abend bei Panaschkin]
Wanderungen durch Russland [Ein Abend bei Suchomjatkin]
Wanderungen durch Russland [Ein Mensch wird geboren]
Nachtasyl
Kinder der Sonne [Malyj teatr, Moskau]
Kinder der Sonne [Thalia, Hamburg]
Kinder der Sonne [Programmheft, Thalia]
Zwei Seelen [Text]
Zwei Seelen [Kommentar]
Lew Tolstoj
W.I. Lenin
Von dem Jungen und dem Mädchen, die nicht erfroren sind
О С.А. Толстой
Sofja Andrejewna Tolstaja
Der Spitzel (Leben eines unnützen Menschen)
Karamora
Der Romantiker

Kategorie: Einführung

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