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LANGEWEILE - Gorki über einen rätselhaften Zustand der "russischen Seele"

Montag, 22. Oktober 2012, 17:22:57 | Armin Knigge

In russischer Sprache hier.

Nach den Einträgen „Neugier“, „Unruhestifter“ und „Verrat“ folgt mit „Langeweile“ ein weiterer Bedeutungskomplex in der Reihe der Schlüsselwörter, die charakteristisch für Gorkis geistige Welt sind und zugleich wesentliche Themen der russischen Kultur betreffen (Links am Ende des Eintrags)

„Langeweile (skuka) – das ist die Leere des winterlichen Nichtstuns im Dorf, aber auch die endlos sich hinziehende mühevolle Arbeit; das ist die Einsamkeit des armen Kleinbauern, aber auch die tierische Wut, die von Menschenmassen ausgeht. Langeweile ist nicht mit der einen oder anderen Situation verbunden, sondern mit der immergleichen Einrichtung des Daseins.“ (Lev Anninskij über das Schaffen des Schriftstellers Jurij Kazakov)

Das russische Wort SKUKA bezeichnet zusammen mit dem bedeutungsnahen TOSKA einen Grundzug der sogenannten russischen Seele, und in dieser Eigenschaft ist es auch außerhalb Russlands vielen Menschen bekannt, die sich - auch ohne eine Slavistikstudium - irgendwie mit diesem rätselhaften Phänomen befasst haben.
In dem russischen einsprachig erklärenden Wörterbuch von Ozhegov und Shvedova bedeutet es in der zweiten dort angebenen Bedeutung „Fehlen von Fröhlichkeit, Unterhaltsamkeit, z.B. auf einem geselligen Abend, einer vecherinka“. Fröhlichkeit und Unterhaltsamkeit sind in einer Konsumgesellschaft wie der heutigen russischen (und der unsrigen) wichtige Werte. Ihr Fehlen hat aber nichts Rätselhaftes an sich, es ist einfach „nichts los“. Schwwieriger ist es mit der ersten Bedeutung nach Ozhegov/Shvedova: „Das Leiden am Fehlen einer Beschäftigung oder eines Interesses an der umgebenden Welt“. Es ist klar, dass esich um einen unangenehmen, quälenden Zustand handelt, aber aus welchem Grund hat der
betreffende Mensch seine tätige Beziehung zur Umwelt und das Interesse an ihr verloren? Die Sache ist die, dass die echte skuka sich in der Regel nicht auf eine konkrete Situation bezieht, sondern einen unglücklichen Seelenzustand, der schwer erklären ist. In vielen der Synonyme, die diesen Zustand beschreiben, sind zwar solche Gründe erkennbar, aber sie bleiben sehr allgemein: „Trauer“ (pechal‘, toska), „Leere“ (pustota), „Einsamkeit“ (odinochestvo), „Verzagtheit“ (unynie), „Gleichgültigkeit“ (ravnodushie), „Verzweiflung“ (otchajanie), „Sehnsucht“ nach etwas (toska). Gemeinsam bezeichnen sie eine spezifisch russische Gemütsverfasung, die den Bezeichnungen „Langeweile“, „ennui“, „boredom“ u.a. in den westlichen Sprachen nahe steht, aber nicht synonym mit ihnen ist. Die skuka ist ein russischer „Weltschmerz“.

In der russischen klassischen Literatur ist das Thema der skuka in zahllosen Variationen ausgearbeitet, beginnend mit Meisterwerken wie Puschkins Gedicht „Winterweg“, in dem eine ganze Reihe von Leitmotiven der skuka vertreten ist: die „öde“ Schneelandschaft, in der sich die Straße kaum abzeichnet, die schnell dahinfliegende Trojka, das monotone Glöckchen, die wehmütigen Lieder des Kutschers und die traurigen Gedanken des Fahrgasts. So wie hier besteht oft ein enger Zusammenhang zwischen dem skuka-Thema und dem „russischen Raum“, der Weite und Einförmigkeit der Landschaft.. Im Werk Gorkis ist die skuka eines der zentralen Themen. Man kann sagen, dass Gorki der Dichter der skuka ist, dass dieses Phänomen eine starke Faszination auf den Denker und den Künstler ausübt. Das sagt einiges über einen Schriftsteller, der als der Begründer des sozialistischen Realismus gilt. Dmitrij Bykov spricht in seiner Gorki-Monographie (2008) im Zusammenhang mit der Erzählung „Von den Küchenschaben“ (O tarakanakh) von der „ewigen skuka der gorkischen Helden“. In der genannten Erzählung sei das Thema so dominierend, dass die künstlerische Beschreibung der skuka selbst schon langweilig werde, meint Bykov. Im allgemeinen trifft das aber nicht zu, Gorki hat die skuka in inhaltlich und stilistisch sehr verschiedenen Variationen gestaltet.
Im folgenden geht es zunächst um die subjektive Seite der skuka, insbesondere um den sprachlichen und musikalischen Ausdruck dieses Gemütszustands: die Stimme der Klage, besonders im Lied. Danach geht es um die Langeweile als gesellschaftliche Zustand („Wie die Menschen leben“) und um die gleichsam sinnlich spürbare giftige Substanz, die diesen Zustand verursacht. Eine weitere Variation des Themas ist die Beziehung zum Raum, die „Geographie der russischen Seele“. Am Schluss geht es um die Besonderheiten der Langeweile in Gorkis letztem Roman „Das Leben des Klim Samgin“.


„Es war quälend, dieses Lied zu hören...“

Menschen, die unter der skuka leiden, tun dies bei Gorki in der Regel nicht in Einsamkeit und Schweigen, sie brauchen andere Menschen, denen sie ihre unglückliche Seele öffnen können, möglichst mit lauter Stimme. Gubin, der Held der gleichnamigen Erzählung, der an einen herrenlosen Hund erinnert, schreit im Wirtshaus mit sich überschlagender Stimme: „Ich kenne eure Wahrheit... eure ganze hiesige Wahrheit kenne ich!“ Der Erzähler denkt aus diesem Anlass nach über die vielen, in Kneipen ausgetragenen Streitgespräche über die Wahrheit , die er miterlebt hat und stellt dazu fest, dass alle diese vielstimmigen Wettkämpfe bis zu Raserei und Blutvergießen nur den sinnlosen und ausweglosen Schmerz über das russische Leben ausdrücken. Es scheint ihm, dass „die Menschen in Wirklichkeit nichts suchen und gar nicht wissen, was sie suchen sollen, sie schreien einfach nur, um sich von der Langeweile des Lebens zu befreien“. In Gestalt des autobiographischen Helden („Unter fremden Menschen“) erinnert er sich, wie er als junger Mensch selbst nach einem solchen lauten Selbstausdruck verlangte. Die beschriebene Situation vermittelt eine anschauliche Vorstellung von dieser „skuka des Lebens“ (obwohl das Wort selbst hier nicht vorkommt): „Schwer waren mir diese Winterabende unter den Augen der Hausherren in dem kleinen, engen Zimmer. Eine tödliche Stille herrscht hinter den Fenstern, selten einmal knackt der Frost, die Menschen sitzen am Tisch und schweigen wie gefrorene Fische. Manchmal scharrt der Schneesturm an den Scheiben... Man möchte sich in eine dunkle Ecke setzen, sich zusammenziehen und heulen wie ein Wolf.“ Die Natur selbst scheint Anteil zu nehmen an diesem Kummer, in anderen ähnlichen Situationen „heult“ auch der Schneesturm. Zu den Ausdrucksformen der skuka gehört auch das „Stöhnen“ (von Menschen und Naturerscheinungen wie dem Wind). Der Mensch kehrt in diesem Zustand gleichsam zu den Ausdrucksformen der vormenschlichen Kreaturen zurück.
(Eine Bemerkung zur Etymologie von „skuka“: das Wort geht auf die urslavische Wurzel *-kuk- zurück. Nach dem etymologischen Wörterbuch von Max Vasmer enthält diese Wurzel die Bedeutungen von Tierstimmen, besonders Vogelstimmen, im Ton der Klage und der Trauer. In anderen slavischen Sprachen gibt es verwandte Wörter wie slowenisch skúcati, tschechisch skuceti, skoukati, slowakisch skucat‘ mit der Bedeutung ‚heulen‘ oder ‚winseln‘ (meist von Hunden). Besonders nahe an der Bedeutung der russischen skuka ist das bulgarische Verb ‚kukam‘ – ich stehe allein, lebe als armer Bauer.- Ob auch der Schrei des Kuckucks in diese Reihe gehört, ist Vasmers Wörterbuch nicht zu entnehmen. Das russische Verb kukovat‘ bedeutet neben dem Rufen des Kuckucks auch ‚Not leiden‘, ‚im Elend leben‘.)

Das Stöhnen des Windes und das Heulen des Wolfs gehören zum Motivbestand des russischen Volkslieds. Lev Anninsij spricht in dem eingangs angeführten Artikel über das Werk Jurij Kazakovs über die Vorliebe dieses Autors zu unertklärlichen, anscheinend aus weiter Ferne kommenden Naturlauten. Solche Eindrücke, sagt Anninskij, vermittelt auch das russische Lied mit seinen langgezogenen Lauten: „Das wortlose Russland drückt seinen Schmerz mit Stöhnen und Heulen aus.“
Das Lied erscheint in Gorkis Werk als eins der stärksten Ausdrucksmittel der skuka.Die Beschreibungen von Sängern und Gesang gehören zu den besten Seiten seiner Prosa. Im Chorgesang der Arbeitskollegen Peschkows in der Bäckerei Semjonows („Der Hausherr“) drückt sich die Trauer dieser Burschen vom Lande über die verlorene Heimat und die Wut über die unmenschlichen Lebensverhältnisse in der Stadt aus. In der Erzählung „Der Wächter“ werden aus den lasterhaften Oberhäuptern der Stadt im Moment des gemeinsamen Singens menschliche Wesen, die sich dieser Tätigkeit mit tiefem Ernst widmen.

Eine eigentümliche Komposition zum Thema der skuka stellt die Erzählung „Am Tschangul“ dar. Der autobiographische Held verirt sich in der Steppe und stößt auf eine einsame Mühle, wo seltsame Menschen wohnen. In der nächtlichen Stille fasziniert ihn die Stimme einer Frau, die immer von neuem ein einziges trauriges Lied in einer unbekannten Sprache singt: „Einsamkeit, unausschöpflich wie das Meer, umfing die Steppe, überschwemmte sie, im Herzen wuchs das Mitleid mit der Erde und allem, was auf ihr lebt“. Die Sängerin erweist sich als eine geisteskranke Frau, die Opfer eines Verbrechens ist und auf die Rückkehr ihres ermordeten Liebsten wartet. „Es war quälend, dieses Lied zu hören“, erinnert sich der Erzähler. Das Erlebnis wird für ihn zu einer Vorahnung des eigenen Schicksals als Schriftsteller und Künstler.


„Wie die Menschen leben“

Die Langeweile im Werk Gorkis – das ist nicht nur der Seelenzustand eines Individuums, sondern ein Zustand der Gesellschaft, eine unheilbare Krankheit des „russischen Lebens“, vorzugsweise des Kebens in den russischen Provinzstädten. Der Held der Erzählung „Ein erfolgloser Schriftsteller, ein geistiger Bruder Gorkis „wurde im Alter von zwanzig Jahren bis zur Stummheit der Seele von der Langeweile des Lebens durchdrungen“ und schrieb die Erzählung „Wie die Menschen leben“. Einzelheiten über den Inhalt erfahren wir nicht, die Redaktion der Zeitschrift, der der Autor das Manuskript geschickt hat, hat ihm nur mitgeteilt, dass die Erzählung von der Langeweile „langweilig“ geschrieben“ sei und nicht angenommen werden könne. Man braucht aber nur die oben erwähnte Erzählung „Von den Küchenschaben“ heranzuziehen, um sich die Realisierung des Themas der Langweile vorzustellen. Der Held, ein Waisenkind namens Platon, klagt ein Leben lang darüber, dass es ihm icht gelingt, ein "„interessantes Leben“ zu führen, also das, was das direkte Gegenteil der Langeweile ist: „Alle leben langweilig (skuchno)“. Uninterssant lebt der Ziehvater, der Uhrmacher Ananij, der „aus Langeweile“ (ot skuki) sich ständig mit seinem Freund herumstreitet, die Hausherrin verbringt ihr Leben mit der Sorge um ihre Enten, ein anderer Bewohner des Hauses ist in sein Sparbuch verliebt. Sogar ungewöhnliche Ereignisse wie die Prügelei mit einem Opernsänger oder die heroische Rettung des Stubenmädchens aus dem brennenden Haus können den verschlafenen Zustand seiner Seele nicht ändern: „Immer bedrückender fühlte er diese alles wie Rauch durchdringende Langeweile“. Wo in der Welt das „Interessante“ verborgen ist, erfährt er erst, als er den Engländer Leslie Morton kennen lernt, einen Exzentriker und Equilibristen. Kraftvoll und talentiert in seinem Auftreten, öffnet er Platon das Tor in die Welt des Ungewöhnlichen und Wunderbaren. Platon bewundert seine erstaunliche Fähigkeit „alles nicht so zu machen, wie es gewöhnliche Menschen machen“. So spielt er zum Beispiel einen betrunkenen oder verrückten Vogel, lässt den Rauch einer Zigarre aus seiner Glatze aufsteigen u.a.m. Platons Versuche, dem Beispiel des Exzentrikers zu folgen, gelingen jedoch nicht und führen letztendlich zum Tod des Helden. Es ist ihm nicht gelungen, diese Welt zu überwinden, in der die Küchenschaben herrschen, die Verkörperung der Langeweile.
Der Sinn des Wortes skuka berührt sich hier mit anderen Begriffen, besonders mit den um die Jahrhundertwende viel gebrauchten Wörtern „Kleinbürgertum“ (meshchanstvo) und „Banalität, Abgeschmacktheit“ (poshlost‘). Auch sie beziehen sich auf eine Welt kleinlicher Interessen und grauer Mittelmäßigkeit, in der alles das fehlt, was ein „interessantes Leben“ ausmacht: ungewöhnliche Persönlichkeiten, starke Leidenschaften, revolutionäre Bestrebungen. Denn och erschöpft sich die Bedetung des Phänomens der skuka, nicht in soziologischen Termini wie Rückständigkeit, Konservatismus oder Fortschrittsfeindlichkeit. Die skuka ist eine rätselhafte Substanz, ein alles druchdringender giftiger Rauch.


„Nicht aus Bosheit, sondern aus Langeweile“

Eine der eindrucksvollsten Beschreibungen der Langeweile bezieht sich auf eine Unterhaltungsveranstaltung der Kaufleute von Nizhni Novgorod im zweiten Teil der autobiographischen Trilogie („Unter fremden Menschen“). Die Situation ist auf den ersten Blick denkbar weit von Langeweile entfernt, die Kaufleute folgen gespannt einem Schauspiel, das zu ihrem Vergnügen veranstaltet wird. Einer aus ihrem Kreis bietet ein Wette an, dass Angestellter es schafft, in zwei Stunden zehn „funt“ (ca. 4 Kilogramm) Schinken zu verzehren. Die Zuschauer schreien durcheinander, ermuntern den armen Burschen, dessen Gesicht mit der Zeit die Farbe des Schinkens annimmt. Die Stimmung ist aber im Grunde eher aggressiv als fröhlich, alle hoffen heimlich, dass der Kollege die Wette verliert und halten sich trotzdem mit Einsätzen zurück. Der unglücklche Schinkenfresser überschreitet die Frist um wenige Minuten und wird vom Publikum erbarmungslos ausgelacht.
Der autobiographische Held folgt dem Spektakel mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu. Woher kommt bei diesen nach außen hin soliden und anständigen Menschen die zynische Einstellung gegenüber dem einzelnen Menschen kommt, die er immer wieder an ihnen beobachtet, dieser ständige Wunsch, sich über einen Menschen lustig zu machen, ihm wehzutun. Die Antwort wird in der folgenden Beschreibung der vorherrschenden Stimmung, des sichtbaren und fühlbaren geistigen Klimas gegeben. Der Beobachter hat den Eindruck, dass das lärmende Leben auf dem Basar plötzlich abreißt, die Bewegung der Menschen und Tiere erstirbt; zu hören ist nur noch der traurige Klang der Kirchenglocken: „Langeweile, kalt und fade, steigt von überall her auf; von der mit schmutzigem Schnee bedeckten Erde, von den grauen Schneewehen auf den Dächern, von den fleischfarbenen Ziegeln der Gebäude; die Langeweile erhebt sich als grauer Rauch aus den Schornsteinen und kriecht in den grauen, niedrigen, leeren Himmel; Langeweile steigt als Dampf aus den Pferden auf, aus dem Atem der Menschen.“ Die skuka besitzt sogar einen eigenen Geruch, sie riecht nach Schweiß, nach Fett und Piroggen, und der Geruch presst den Kopf zusammen wie eine warme und zu enge Mütze.

Man kann nicht sagen, dass die Langeweile hier „langweilig beschrieben“ sei, wie die Redaktion in der Erzählung „Ein erfolgloser Schriftsteller“ entschieden hat. Gorki lässt sich immer neue Verfahren für die Darstellung der rätselhasften Substanz namens „skuka“ einfallen. Der zeitlich begrenzte ungückliche Zustand einer einzelnen Person weitet sich aus und wird letztendlich zu einer selbständig agierenden dämonischen Kraft, die die Menschen veranlasst, sich gegenseitig zu quälen. Die Erzählung „Aus Langeweile“ (Skuki radi) ist ganz diesem Thema gewidmet. Die Bewohner einer einsam gelegenen Eisenbahnstation machen sich erbarmungslos lustig über zwei Menschen, als sich herausstellt, dass sie, beide nicht mehr jung und nicht mit Schönheit gesegnet, ein heimliches Liebesverhältnis unterhalten. Der Mann verleugnet darufhin seine Partnerin, weil er sich ihrer schämt, und schließt sich den Spöttern an. Die Frau, eine schüchterne, gutherzige Person, begeht Selbstmord, was bei den Schuldigen kaum Reuegefühle aufkommen lässt. Einer rechtfertigt sich mit den Worten: „Das machen wir aus Langeweile, haben ein bisschen Spaß...“
Die skuka ist in dieser Erzählung verbunden mit dem Motiv des grenzenlosen Raums. Das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit, dass die Bewohner der in der Steppe gelegenen Station bedrückt, wird gleichsam hervorgebracht von dem „gleichgültigen Schweigen der weiten und öden Ebene“.


„Die Geographie der russischen Seeele“

In der Erzählung „Der Wächter“, deren Schauplatz wiederum eine Eisenbahnstation in der Steppe ist, stellt Gorki ausdrücklich eine Verbindung zwischen dem typisch russischen Raum der Natur und der Seelenverfassung der skuka her, ein Zusammenhang, den Nikolaj Berdjaev „die Geographie der russischen Seele“ genannt hat. Für die Prostituierte Ljoska erschöpft sich der Sinn des Daseins in dem Wort „langweilig“ (Skushno, chelovek...). Auch ihr schamloses Benehmen rechtfertigt sie mit dem Gefühl der Leere: „aus Langeweile“ hat sie „die Scham verloren“. Der Erzähler kommentiert dieses Lebensgefühl, das nicht nur einzelne Menschen, sondern „die Russen“ allgemein betrifft, als eine Wirkung des russischen Raums: „Ich verstand damals noch nicht die ‚Langeweile‘ der Menschen, deren Leben auf den weiten Flächen geboren wird und abläuft, in der Leere, hell erleuchtet bald von der Sonne, bald vom Mond, auf den weiten, flachen Ebenen, wo der Mensch klar seine Nichtigkeit erkennt, wo es fast nichts gibt, was seinen Willen zum Leben stärken könnte“. Ohne nähere Begründung, quasi als eine bekannte Tatsache, wird hier eine direkte, nicht metaphorische Einwirkung des Naturraums auf die nationale Seele festgestellt. Das spricht dafür, dass diese Vorstellung auf einer langen und gefestigten Tradition beruht.

Der schweizer Slavist Felix Philipp Ingold ist dieser Tradition in seinem inhaltsreichen Buch „Russische Wege“ (2007, Fink Verlag München) nachgegangen. Es geht in diesem unterhaltsam geschriebenen und reich illustrierten Buch um die „Macht des Raumes“ oder auch die „Schwerkraft der Leere“ in ihrer Wirkung auf die kollektive Mentalität des Russentums und damit über alles, was mit den Begriffen der „russischen Seele“, der „russischen Idee“ und des historischen „russischen Sonderwegs“ zusammenhängt. Ingold vertritt hier nicht eigene Thesen, sondern dokumentiert und kommentiert eine ausschließlich aus russischsprachigen Quellen bestehende Tradition. Sie reicht von der nationalen Selbstkritik Peter Tschaadajews im frühen neunzehnten bis zu den verklärenden Selbstbildern des Russentums in den Arbeiten des Philologen Dmitrij Lichatschow im späten zwanzigsten Jahrhundert. Nahezu alle namhaften Vertreter der philosophischen und publizistischen Literatur zweier Jahrhunderte haben ebenso wie die Dichter und Schriftsteller von Puschkin bis Solschenizyn Beiträge zu diesem Thema geliefert. Ingolds eigener Beitrag besteht in der originellen Idee, als Ausgangspunkt für die Darstellung dieses Material einen konkreten geographischen Tatbestand zu wählen, das russische Transportwesen, die „russischen Wege“, Straßen und Flüsse. Indem sie ihrer Aufgabe, die enorme Ausdehnung des russländischen Territoriums zu strukturieren und „befahrbar“ zu machen, nur unter größten Schwierigkeiten und vielfach gar nicht gerecht werden, verstärken sie im Bewusstsein der Bewohner die Vorstellung von der Grenzenlosigkeit und unüberwindlichen Weite dieses Raums. Die mentalen Auswirkungen dieses Raumgefühls reichen in den Beschreibungen des Russentums von Gefühl der Leere und Einsamkeit über die Neigung zu ausschweifenden philosphischen Betachtungen, zu Zynismus und Nihilismus bis zu Passivität, Trägheit und mangelnder Arbeitsdisziplin der Russen. Ingold ist sich durchaus darüber im klaren, dass den Forscher auf diesem Felde zahllose Klischees erwarten: Vorurteile, poetische Bilder und Behauptungen, die zuweilen die Grenze zum Absurden und Lächerlichen überschreiten. Es geht dem Verfasser aber nicht um eine kritische Analyse der Glaubwürdigkeit solcher Ansichten. Das wissenschaftliche Interesse an ihnen erscheint ihm allein durch die massenhafte Verbreitung und die Beständigkeit der Tradition gerechtfertigt.
Die am häufigsten vertretenen Ansichten zur „Herrschaft des Raums über die russische Seele“(N. Berdjajew) haben auch eine gewisse Plausibilität für sich. Die Weiträumigkeit, erhebungslose Eintönigkeit des oft als wüstenhaft und öde beschriebenen russischen Raums findet seine Entsprechung in Seelenzuständen wie Einsamkeit und Leere, in Vorstellungen von Ruhe, Schlaf und Tod. In dem Material des Buches gehört dazu auch die Gemütszustände der Trauer und der Sehnsucht in dem russsichen Wort „toska“. Die „skuka“ erwähnt der Verfasser nur am Rande als weitgehend synonym mit „toska“. Darüber könnte man streiten, denn die Beschreibungen der betreffenden Inhalte treffen in vielen Fällen eher auf die Verwendung von „skuka“ als auf die von „toska“ zu. Es lässt sich auch schwer feststellen, auf welchen der beiden russischen Begriffen die deutschen Wörter „Leere“, „Ödnis“, „Einsamkeit“, „Trauer“, „Langeweile“ u.a.jeweils zurückgehen, die in den Übersetzungen russischsprachiger Äußerungen verwendet werden. In dem schon angeführten Gedicht „Winterweg“ erscheinen „toska“ und „skuka“ als Synonyme, in anderen Kontexten bestehen deutliche Bedeutunsgunterschiede. Gorki bevorzugt für die Bezeichnung der russischen Langeweile eindeutig das Wort skuka. Dabei hat er die traditionellen Bezug auf die russische Weite weitergeführt und mit eigenen Ausdrucksmitteln bereichert. Die angeführte Äußerung über die „Langeweile der Menschen in den weiten Ebenen“ („Der Wächter“) bietet einen ganzen Katalog der mentalen Wirkungen des Raumes: das Gefühl der Einsamkeit, der Nichtigkeit des Menschen, das Fehlen des „Willens zum Leben“.

Ingold zitiert auch den entsprechenden Abschnitt aus Gorkis bekannter Schrift „Vom russischen Bauern“ (nach der Originalausgabe in deutscher Sprache, Berlin 1922): „Die endlose Ebene, in der sich strohgedeckte Holzhütten zu engen Dörfern drängen, wirkt wie ein verwüstendes Gift auf den Menschen, saugt ihm das Wollen aus der Seele.“ Weiter ist die Rede von der „Leere“, die seine Seele ergreift, von dem Gefühl der Nichtigkeit des Menschen in dieser grenzenlosen Ebene und von der „Gleichgültigkeit“, dem fehlenden Wunsch, etwas zu verändern in dieser öden Welt, die in der russischen Ausgabe „skuchnaja zemlja“ heißt.


Klim Samgin und die Langeweile

In Gorkis Abschiedsroman „Das Leben des Klim Samgin“ erfährt das Thema der Langeweile gewisse veränderungen, aber die Grundbedeutung – ein unglücklicher Seelenzustand von allgemeiner, existenzieller Bedeutung – bleibt bestehen. Langeweile ist ein beinahe permanenter Zustand des Helden, aber er langweilt sich anders als die Personen „aus dem Volk“. Bei Samgin handelt es sich eher um die Langeweile eines Intellektuellen westlichen Typs, der zuviel von der Welt zu wissen glaubt, um noch das Interesse an ihr zu bewahren. Samgin ist zudem städnig damit beschäftigt, sich die Reputation eines unabhängigen Geistes zu verschaffen und aufrecht zu erhalten. Deshalb artikuliert er regelmäßig seinen Überdruß an den in der Gesellschaft verbreiteten Ansichten und Begriffen. Insbesondere das Reden von der Liebe zum Volk und der Notwendigkeit ihm zu dienen ist ihm „langweilig“, ebenso die Rede vom Proletariat und der Revolution. Er klagt darüber, dass sein Bewusstsein mit „sozialem Trödel überfrachtet“, dass er in solchem Maße von „fremden Worten überschüttet“ sei, dass er sein eigenes Selbst nicht mehr wahrnehmen könne. Das ist nicht die skuka des einfachen russischen Menschen in der endlosen Weite, sondern der Lebensüberdruss der westlichen Moderne.
Aber dieser Snobismus bildet nur die eine Seite der vielschichtigen Hauptfigur des Romans. Samgin ist nicht nur ein mäßig talentierter Intellektueller, den der Autor als ein abschreckendes Beispiel dieser Spezies, als einen „Revolutionär auf Zeit“ und einen potentiellen Verräter vorführen will, er ist bei alledem auch ein russischer Mensch und damit ein Träger der obligatorischen Eigenschaften der nationalen Seele. Zu ihnen gehört auch die Fähigkeit, die echte russische Langeweile zu erleben. Er erlebt sie als ein Gefühl der Leere, der Sinnlosigkeit und Einsamkeit, und diese Empfindung steht in einem seltsamen Kontrast zu der vom Autor betonten Nichtigkeit seines Charakters, seiner „leeren Seele“ (so bezeichnet in dem ursprünglich vorgesehenen Untertitel „Geschichte einer leeren Seele“). Es stellt sich heraus, dass dieser substanzlose Mensch gerade in der Wahrnehmung der „Leere“ zu starken Emotionen fähig ist, z.B.in der folgenden ganz alltäglichen Szene, einem Gespräch mit Nachbarn im Garten des elterlichen Hauses, wo Klim zu Besuch ist : „Klim fühlte das Anwachsen einer unerträglichen Langeweile. Alles war langweilig: die Frau, das weiße Kleid, auf das sich alle Augenblicke kleine Schattenflecken vom Laub der Bäume legten; der schwindsüchtige Musiker mit grünlicher Gesichtsfarbe und seiner schwarzen Brille; das unbewegliche Gras des Gartens, der trübe Himmel, die träge herüberwehenden Geräusche der Stadt.“ Samgin lebt mehrere Tage hindurch unter der Last dieser Langeweile, „ihn quälte die Leere in der Seele, die sich anfühlte wie ein ziehender Schmerz“. In diesen scheinbar realistisch abgebildeten Eindrücken des alltäglichen Lebens tritt das tiefsitzende Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere des Lebens zutage, die russische skuka.
Samgin besitzt auch die Fähigkeit Gorkis, die Langeweile als eine gegenständliche Erscheinung wahrzunehmen, häufig in Gestalt der „langweiligen“ Substanz des Staubs. Die „staubige Langeweile“ (pyl’naja skuka) oder die „staubige Leere“ (pyl’naja pustota) verfolgt den Helden an verschiedendsten Orten, zuweilen nimmt sie auch die Gestalt einer giftigen Flüssigkeit an, ähnlich wie in der oben angeführten Szene auf dem Basar in Nizhni Nowgorod: „Die Langeweile sprühte auf ihn herab, sie kam von überall her, von den Menschen, den Gebäuden, den Dingen, von der ganzen Masse der Stadt, die sich an das Ufer des stillen, trüben Flusses drängte.“
Die Erfahrung der Langeweile gehört zu den Motiven, die die Nähe des „negativen Helden“ zu seinem Autor belegen. Das Phänomen der Gespaltenheit des Schriftstellers Gorki in seinen Rollen als Autor und als Held ist in vielen Forschungsbeiträgen der letzten Zeit angesprochen. Das beiden beiden vertraute Gefühl der Langeweile ist einer der Gründe für die dunkel gefärbte Grundstimmung des Romans und das gänzliche Fehlen des Optimismus, der für ein Werk des sozialistischen Realismus obligatorisch war. Die „Tollkühnheit der Tapferen“ aus dem „Lied des Falken“, der unbedingte Glaube an die lichte Zukunft hat keinen Platz in diesem vielschichtigen Gemälde einer extrem unruhigen, katastrophenträchtigen Epoche der russischen Geschichte.

Weitere Schlüsselwörter zum Werk Gorkis:
NEUGIER
Unruhestifter (Ozorniki)
VERRAT - Gorki über eine Krankheit des 20. Jahrhunderts

Kategorie: Russland und die Russen

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