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Drei Gorki-Abende in Berlin - manchmal ohne Gorki

Freitag, 09. November 2012, 15:05:20 | Armin Knigge

Drei Gorki-Abende in Berlin - manchmal ohne Gorki

Ein Familienbesuch Ende Oktober in Berlin, geplant mit Berücksichtigung des Theaterangebots, brachte mir die Gelegenheit, an drei Abenden Gorki in Berlin zu erleben: am 26.10. „Wassa Shelesnowa“ im Berliner Ensemble, am 28.10. „Kinder der Sonne“ im Deutschen Theater und am 30.10. „Das Maxim Gorki Theater wird 60“, ein Bühnenprogramm im Haus nahe Unter den Linden, hinter der Neuen Wache. Gorki - omnipräsent im heutigen Berlin? Nein, das kann man wirklich nicht sagen, es handelt sich eher um einen kalendarischen Zufall. Trotzdem war dieses Zusammentreffen interessant, weil es reichlich Gelegenheit bot, über das Thema „Gorki – einst und jetzt“ nachzudenken. Wieder einmal bestätigte sich die Erkenntnis: es ist schwierig mit diesem Klassiker. Die Versuche einer Aktualisierung seines Erbes in den genannten neueren Inszenierungen erschienen mir nur teilweise gelungen. „Wassa Shelesnowa“, mit einer großen Aufführungstradition in Deutschland, bot kraftloses konventionelles Theater , wie man es am BE nicht erwarten sollte, „Kinder der Sonne“ eine exzellente Aufführung, die aber das Stück zu leicht nahm, wie mir scheint.
Auch „das Gorki“, wo seit der Gründung 1952 an 954 Abenden Gorkistücke gespielt wurden (Stand: 2002), stellte sich zu seinem 60. Geburtstag nicht als ein Ort intensiver Gorki-Pflege vor. Der Umgang mit Gorki war schwierig, weil man sich dort – oft wider besseres Wissen – nicht an der vielschichtigen Künstlerpersönlichkeit des Namensgebers, sondern an dem sowjetischen Gorki, dem Begründer des sozialistischen Realismus orientierte oder orientieren musste. Zwar hatte das Theater mit seinen ersten beiden Intendanten Maxim Vallentin (1952-1968) und Albert Hetterle (1968-1995) Kenner der russischen Kultur und Verehrer des Dramatikers Gorki an seiner Spitze, beide waren aber zugleich überzeugte Kommunisten, die ihren Parteiauftrag ernst nahmen. Und der verbot es den Regisseuren und Schauspielern bei Gorki ebenso wie bei anderen Autoren, sich in die Tiefen komplexer und widersprüchlicher Themen und Charaktere zu begeben. Der Name Gorki stand für „Parteitheater“. So erklärt es sich wohl, dass man sich am MGT zum Jubiläum offenbar ungern an den Namenspatron erinnnerte, in manchen Beiträgen blieb er sogar gänzlich unerwähnt. Trotzdem hat der Dramatiker Gorki in dem Theater seines Namens eine wichtige Rolle gespielt. Darum geht es in diesem Eintrag.


60 Jahre Gorki-Theater – das Bühnenprogramm

Den Eindruck, dass man sich ungern an Gorki erinnerte, konnte man jedenfalls aus dem Bühnenprogramm am 30.10. nach Hause nehmen, wo Gorki nur einmal am Rande, und eher mit einem Fragezeichen für seine Bedeutung in diesem Hause Erwähnung fand. In den szenischen Darbietungen war Gorki nicht vertreten. Vor zehn Jahren, zum 50. Geburtstag des Theaters, hatte es einen umfangreichen Bild- und Essayband im Verlag Theater der Zeit („Maxim Gorki Theater 50 Jahre und kein Ende“) gegeben, ein materialreiches Buch, in dem es auch viel Interessantes zu Gorki gab, darunter den Artikel „Gorki am Gorki“ des langjährigen Dramaturgen Manfred Möckel (1966-2001), der das Bühnenprogramm zum 60. moderierte. Diesmal musste wohl an Gedrucktem gespart werden, was ja kein Fehler sein muss. Dafür bot das Bühnenprogramm, bestehend aus sechs szenischen Beiträgen, Rückblicke auf sechs Jahrzehnte MGT. Es begann mit einer parodistischen, sehr „r-r-russischen“ Vorstellung des Stücks „Für die auf See“ von Boris Lawrenjow, mit dem das Theater 1952 eröffnet wurde. In dieser Probe des sozialistischen Realismus zu Stalins Zeiten, ausgeführt von Studenten der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, wurde der gewaltige Abstand zum heutigen Status des Theaters deutlich, der am Ende mit einem Auszug aus dem mehrfach ausgezeichneten Stück „Heaven (zu Tristan)“ von Fritz Kater (Pseudonym von Armin Petras, der auch Regie führte, 2007) vertreten war. Fritzi Haberlandt und Peter Kurth spielten eine Szene aus diesem Drama über die „Zertrümmerung einer Lebenslandschaft“ in der „gegenwärtigen Hölle des deutschen Ostens“ (zit. aus der Homepage des MGT). Dazwischen gab es, unterstützt durch filmische Aufzeichnungen, Erinnerungen an andere erfolgreiche Produktionen, insbesondere Tschechows „Drei Schwestern“ unter der Regie von Thomas Langhoff (1979), die aber hier in der Doppelung von szenischem Spiel und Film gar nicht so legendär wirkte, wie es ihrem Ruf entspricht, sondern eher etwas steif und künstlich. Gut gemeint, aber irgendwie unlebendig wirkten (jedenfalls auf mich) auch die Lesungen politischer Botschaften, das „Manifest 1989“ (Ruth Reinecke) und der Monolog einer wütenden Zeitgenossin (Ursula Werner) aus dem „Bankenstück“ von Lutz Hübner. Wirklich glänzende Leistungen boten zwei anwesende Schauspieler: Götz Schubert als Hitler in George Taboris „Mein Kampf“ (1990, Regie: Thomas Langhoff) und Jörg Gudzuhn als (gefilmter) Zettel in Shakespeares „Sommernachtstraum“ (1980, Thomas Langhoff).


„Kleines Theater mit großem Komplex“

Auf Sesseln im Vordergrund begleiteten Zeitzeugen das Bühnengeschehen, befragt von Manfred Möckel. Das war manchmal interessant, vor allem im Gespräch mit dem „Altkritiker“ Martin Linzer, überwiegend aber anstrengend, besonders beim Anhören banaler Schauspieleranekdoten (meine Frau fand den ganzen Zeugenaufmarsch „langweilig und unprofessionell“). Für die, die es noch nicht wussten (sicher eine kleine Minderheit im Saal), kam immerhin heraus: es wurde viel gekämpft an diesem Theater, vor und hinter den Kulissen, es gab Heldentum und Siege im Kampf gegen die Parteibürokraten, und es gab unerträgliche Kränkungen nach der Wende. Von den weniger rühmlichen Seiten der Geschichte, die es natürlich auch gab, Anpassung und Heuchelei („Unser Gruss – unser Lied für die Partei“ hieß ein Programm noch 1971) war weniger die Rede. Die Berliner Morgenpost reagierte darauf in Ihrem Bericht (1.11.) mit ätzendem Spott: „ein allzu weit schweifender Erinnerungsabend der ergreifenden Bilder grandioser und gar grausiger Kunst, der billigen Verklärungen und netten Geschwätzigkeiten“. Mit der Überschrift „Kleines Theater mit großem Komplex“ zielte die Zeitung auf die Entstehungsgeschichte des Theaters: „Seine Gründerväter waren Stalin und Stanislawski“. Katharina Thalbach wird zitiert: „Das Parteitheater, da ging man eigentlich nicht hin“. Das Bild des „Gorki“ war hier zweifellos überzeichnet, aber gerade in seinem gehässigen Ton auch historisch aufschlussreich, es wehte darin etwas aus den Zeiten des Kalten Krieges.

Die älteren Ensemble-Mitglieder wollen diesen Ruf endgültig loswerden, das zeigte auch ein Interview mit den Schauspielerinnnen Monika Lennartz, Ursula Werner und Swetlana Schönfeld (Berliner Zeitung 26.10., zeitgleich Frankfurter Rundschau). Sie waren die „Drei Schwestern“ (Überschrift) in den beiden wohl berühmtesten Inszenierungen des in diesem Jahr verstorbenen Thomas Langhoff: Tschechows gleichnamiges Drama (1979) und Volker Brauns auf die DDR-Wirklichkeit bezogene Neufassung „Die Übergangsgesellschaft“ (1988). Das Stück war ein offener Affront gegen die Parteibürokratie, die im Parkett saß. Verständlich, dass man sich an so etwas gern erinnert. Obwohl die Erfahrungen der drei Schauspielerinnen bis in die fünfziger Jahre zurückreichen und sie zum Teil in der Familie von Repressalien des Stalinregimes betroffen waren (Swetlana Schönfeld erwähnt es kurz), möchten die drei die Geschichte des MGT am liebsten erst mit Thomas Langhoff beginnen lassen: „Als Künstler wurden wir überhaupt erst 1978 wahrgenommen... Vorher waren wir immer ‚das kleine Theater mit dem großen Komplex‘“. Gorki kommt auch in diesem Jubiläumsbeitrag nur am Rande vor, die Schauspielerinnen verdanken ihm offenbar wenig, auch Swetlana Schönfeld spricht nicht von der Rolle der Wassa Shelesnowa, die sie gegenwärttig am BE spielt. Wie stark der Name Gorkis auch im Bewusstsein der Ensemblemitglieder mit der stalinistischen Vergangenheit verknüpft war, zeigt die Äußerung von Monika Lennartz: „Ich dachte ja, dass die das (das MGT) nach der Wende sofort wieder umbenennen würden“. Natürlich wäre eine solche Maßnahme im Gorki-Ensemble auf heftigen Protest gestoßen, weil es um „unser Gorki“ ging, aber zu einer vehementen Verteidigung des Klassikers, der am Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin mit „Nachtasyl“ einen grandiosen Erfolg hatte, hätte es wohl doch nicht gereicht. Ursula Werners Erinnerungen in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur (dradio.de, 30.10.) sind mit „Gorkis Geist“ überschrieben, wobei jedoch der Geist des Zusammenhaltens im Ensemble gemeint ist, nicht der Geist des Schriftstellers Gorki. Die Gründung des Theaters beschreibt Werner nicht als ein Projekt der Propaganda der Besatzungsmacht, sondern als eines der „Völkerverständigung“, in dem es darum ging, deutschen Zuschauern die russische Kultur nahe zu bringen. Auch die Schauspielerin Ruth Reinecke erzählt in ihren Erinnerungen (Berliner Morgenpost, 30.10.) vor allem von der legendären „Übergangsgesellschaft“ und ihrer Bewunderung für Albert Hetterle, der bei diesem Projekt seine Stellung riskierte. Den Namenspatron des Theaters lässt auch sie unerwähnt.


„Gorki am Gorki“ – ein schwieriges Kapitel

Die Erinnerung an Gorki ist also, wie es scheint, einem Prozess der kollektiven Verdrängung zum Opfer gefallen, der Namensgeber ist Teil des „großen Komplexes“ geworden, mit dem die Mitglieder des alten Ensembles bis heute zu kämpfen haben. In Wirklichkeit hat Maxim Gorki, auch wenn er nie einen zentralen Platz im Repertoire eingenommen hat, doch eine wichtige Rolle in der Geschichte des MGT gespielt, und es lohnt sich, wie ich meine, einiges davon in Erinnerung zu bringen. Ich beziehe mich im folgenden vor allem auf Material aus dem erwähnten Band zum vorigen, dem 50. Geburtstag des Theaters (2002), insbesondere auf Manfred Möckels Artikel „Gorki am Gorki“.

Der erste Intendant, Maxim Vallentin, verdankte Gorki seinen Vornamen. Der Vater, Richard Vallentin, hatte in der berühmten deutschen Erstaufführung des Dramas „Nachtasyl“ in Berlin am Theater Max Reinhardts (1903), die es auf über 500 Vorstellungen brachte, Regie geführt und die Rolle des Satin gespielt. Maxims Mutter, Elise Zachow, spielte (mit dem Sohn schwanger) die Rolle der Anna. Kein Wunder also, dass er nicht nur Gorkis Vornamen erhielt, sondern später auch in der kommunistischen Bewegung des Arbeitertheaters tätig war und nach Moskau emigrierte. Von dort kehrte Vallentin nach dem Krieg nach Berlin zurück. Mit dem Auftrag der Partei, ein neues Theater mit dem Namen des sowjetischen Klassikers und Begründers des sozialistischen Realismus zu leiten, war er voll einverstanden: es sollte ein Instrument der antifaschistischen Umerziehung des deutschen Publikums mit einem Repertoire hauptsächlich aus der sowjetischen Gegenwartsdramatik sein. Dennoch hätte Vallentin zur Eröffnung gern sein Lieblingsstück „Nachtasyl“ aufgeführt, aber das wurde ihm von der Staatlichen Kunstkommission verwehrt. Die Gründe sind nicht schwer zu erraten. Dieses düstere Drama mit seinem philosophischen Diskurs über die Frage: Was brauchen Menschen im Elend (und Menschen überhaupt) notwendiger: tröstliche Lügen und menschliche Zuwendung oder den Aufruf zu Widerstand und stolzer Selbstbehauptung? – das passte so gar nicht in die primitive Welt der stalinistischen Rhetorik und Didaktik. Weit besser geeignet war das zur Eröffnung gespielte Kriegsdrama Boris Lawrenjows „Für die auf See“, in dem es um die disziplinarische Verfehlung eines U-Bootkommandanten und ihre glückliche Überwindung mit Hilfe der Partei ging.

Über Gorki ist zu sagen, dass nicht nur „Nachtasyl“, sondern das gesamte künstlerische Profil dieses Schriftstellers für die ihm zugedachte Rolle ungeeignet war. Besonders zum Dramatiker Gorki passte der „offizielle Heiligenschein“, der seinen Namen damals umgab, sehr wenig, wie Manfred Möckel feststellt. Die wichtigsten Helden seines dramatischen Werks waren Landstreicher, Deklassierte, Intelligenzler und Bourgeois, alle mit einer komplizierten Innenwelt ausgestattet. Klassenbewusste Proletarier waren in diesen Stücken seltene Ausnahmeerscheinungen. Erst 1954 wagte sich Vallentin an den ersten Gorki, der mit Bedacht ausgewählt war. „Dostigajew und andere“, 1932 geschrieben, spiegelte Gorkis Unterstützung des Stalinregimes nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion. Es behandelt, relativ nahe an der Parteilinie, den moralischen Verfall des russischen Großbürgertums und seine feindselige Reaktion auf den Oktoberumsturz. Der Konflikt, bei Gorki schon plakativ genug, wurde durch die Inszenierung zusätzlich ideologisch zurechtgerückt, denn der Klassenfeind erschien nicht wie bei Gorki als eine Gruppe gefährlicher und listenreicher Gegner, sondern als ein Haufen moralisch verkommener, erbärmlicher Gestalten. Eine solche „Begradigung“ ideologischer Ecken und Kanten wurde in vielen Gorki-Inszenierungen am MGT vorgenommen, zum Nachteil für die künstlerische Qualität. Die Aufführungspraxis der Stücke glich damit der Behandlung des gesamten Werkes Gorkis in der Sowjetunion und den sozialistischen Ländern.
Doch es gab auch bemerkenswerte Abweichungen von dieser Linie. Dazu gehörte sicher Vallentins „Nachtasyl“-Inszenierung, die erst 1957 zustande kam. Sie war ein Remake der legendären Aufführung an Max Reinhardts Theater ohne neue Akzente, aber trotz aller „Bastschuhromantik“ (vielleicht auch dank dieser unzeitgemäßen Präsentation) ein großer Erfolg. Die weiteren Gorki-Aufführungen unter Vallentins Intendanz „Feinde“ (1959) , „Jegor Bulytschow“ (1962) und „Wassa Shelesnowa“ (1970) waren schwächer, für die starken Charaktere aus dem Kaufmannsmilieu und das mit ihnen verknüpfte Thema des Todes fehlte Vallentin offenbar der Sinn. Bei „Wassa Shelesnowa“ bot sich außerdem der Vergleich mit früheren Aufführungen an, die erheblich größeres Format hatte, darunter die Inszenierung am Berliner Ensemble mit Therese Giehse in der Hauptrolle (Regie: Berthold Viertel, 1949). Zwei Jahre zuvor hatte Giehse die Rolle am Züricher Schauspielhaus gespielt. Zusammen mit der Fernsehfassung von Egon Monk (1963) gelten diese Produktionen bis heute als die besten deutschen Aufführungen des Stücks.
Solche Vergleiche mit früheren Produktionen muss sich auch die aktuelle „Wassa Shelesnowa“ am BE gefallen lassen, die ich am 26.10. sehen konnte (Premiere: 23. März 2012). Das Resultat kann m.E. nur zum Nachteil dieser Neuproduktion von Manfred Karge (als Übersetzer und Regisseur) ausfallen. Es gab hier weder Brecht noch Stanislawski, sondern ein sehr konventionelles, um nicht zu sagen provinzielles Theater ohne wirklich starke Momente. Swetlana Schönfeld, langjähriges Mitglied des Gorki-Theaters, lieferte eine eindimensionale routinierte Charakterdarstellung der herrischen Geschäftsfrau, ihre Gegenspielerin, die Revolutionärin Rachel (Marina Senckel), blieb gänzlich ohne Profil; Wassas Bruder Prochor (Roman Kaminski) und der Fahrer Pjatjorkin (Michael Kinkel) hatten als Repräsentanten des russischen Milieus teilweise peinliche Auftritte. Ob das Stück in dieser Form ein ernster Beitrag zur neuen Kapitalismus-Kritik sein kann, wie das Programmheft nahelegt, scheint mir sehr zweifelhaft.


Neues unter Albert Hetterle

Intendant Albert Hetterle (1968-1995), gleichfalls aus Überzeugung auf die Parteilinie verpflichtet, entwickelte jedoch, anders als sein Vorgänger, eine deutliche Vorliebe für komplizierte und widerspruchsvolle Charaktere bei Gorki, die er selbst spielte. In dem Drama „Die Letzten“ (Regie: Wolfgang Heinz, 1975) verlieh er dem widerwärtigen Polizeichef Kolomizew mit Nuancen von Weichheit und Ehrlichkeit eine schillernde, verführerische Ausstrahlung. Die Inszenierung gehörte zu den besten im MGT, sie bot „eine aufwühlende, alle Dimensionen dieser großen Analyse bürgerlicher Endzeit freilegende Deutung“ (Christoph Funke).
Hetterles Neuinszenierung von „Nachtasyl“ (1977) verstärkte gegenüber dem Sozialdrama die philosophische Dimension des Themas, sie betonte die Kraft des Widerstands und die Verurteilung der tröstlichen Lüge. In „Die Kleinbürger“ (1982) führte Hetterle Regie und spielte den in seiner Wut auf die rebellische Jugend hilflosen Hausherrn Bessemjonow. Auch das schwierige Stück „Barbaren“ wurde unter Hetterle zweimal inszeniert (1972 von Hans-Dieter Mäde, 1982 von Hetterle selbst), es gelang aber beiden nicht, das große Bedeutungspotential in diesem Kampf der „eisernen Menschen“ gegen das „hölzerne Russland“ sichtbar zu machen. Die Aufführung von Mäde wurde sogar zum „Debakel“, berichtet Möckel. Es kamen nur 19 Vorstellungen zustande.

Zu den Verdiensten der Intendanten Vallentin und Hetterle gehört, dass sie eine Reihe begabter Regisseure in das MGT brachten, die einflussreichsten unter ihnen waren Horst Schönemann, Thomas Langhoff und Rolf Winkelgrund. Sie befreiten das Theater von dem Ruf eines reinen Parteitheaters, indem sie den Inszenierungsstil in Richtung auf ein freies Spiel mit artistischen und poetischen Elementen grundlegend veränderten und gleichzeitig kritische Auseinandersetzungen mit der Wirklichkeit der DDR auf die Bühne brachten. Auch die Klassiker-Pflege diente diesem aktuellen Anliegen, wie das Beispiel von Tschechows „Drei Schwestern“ mit der Weiterentwicklung in Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ zeigte. Aber keiner der Genannten mochte sich auf Gorki einlassen. Nur Rolf Winkelgrund, der 1982 mit „Einer flog über das Kuckucknest“ (nach dem Roman von Ken Kesey) eine der erfolgreichsten Produktionen des MGT inszenierte, wagte sich, nach der Wende, an eine weitere Aufführung von „Wassa Shelesnowa“ (1992). Nach großen Erwartungen, die durch seine vorhergehenden Arbeiten geweckt waren, wirkte die Aufführung, nach dem Urteil Manfred Möckels, „merkwürdig matt und unkonzentriert“.

Als ein besonderes - und vorläufig letztes - Ereignis in der Geschichte „Gorkis am Gorki“, muss die Inszenierung „Kinder der Sonne“ (Regie: K.D. Schmidt, 1995) genannt werden. Sie war ein programmatisches Projekt zum Neubeginn unter dem Intendanten Bernd Wilms, der aus dem Westen kam und Albert Hetterle ablöste, eine schwierige Situation in einem Theater, dessen Ensemble überwiegend aus langjährigen, unkündbaren Schauspielern bestand und das von „Abwicklung“ bedroht war. Dass Wilms ein Gorki-Stück wählte, war eine versöhnliche Geste gegenüber den Traditionen des Hauses. Die andere Seite – es spielten fast ausschließlich neu verpflichtete Schauspieler, Wilms setzte auf Verjüngung und ein mehr am Boulevard orientiertes Theater. Es war „kein großer, dennoch ein glücklicher Start“, urteilt Möckel in seinem Rückblick. In „Kinder der Sonne“ ging es um die Auseinandersetzung junger Intellektueller mit sich und ihren Lebensansprüchen, eine Aufführung von beträchtlichem Unterhaltungswert, in der es „mit Spielwitz zwischen Ulk und Einfühlung hin und her gin, ohne in die seelische Tiefe der Figuren oder die bei Gorki bittere und gnadenlose Suche nach einer besseren Welt vorzudringen“. Mich erinnerte diese Beschreibung an die aktuelle Inszenierung „Kinder der Sonne“ im Deutschen Theater, die ich am 28.10. gesehen habe. Verglichen mit „Wassa Shelesnowa“ im BE war es eine Aufführung nicht nur mit beträchtlichem Unterhaltungswert, sondern mit einem ausgezeichneten Ensemble, angeführt von Ulrich Matthes und Nina Hoss in den Rollen des weltfremden Gelehrten Protassow und seiner Frau Jelena. Das Spiel dieser Hausgemeinschaft, in der alle endlos über ihre Beziehungen und ihre Hoffnungen auf ein anderes Leben reden, ohne wirklich etwas davon zu verstehen oder aktiv an einer Veränderung zu arbeiten, war rührend und manchmal lächerlich anzusehen, eine Komödie mit ernsten Untertönen. Dennoch fehlte die „Sonne“ in Gorkis Stück, das Pathos der Hoffnung auf den neuen Menschen und die neue Welt der Vernunft, die den Autor nach der gescheiterten Revolution 1905 ganz erfüllte. Vielleicht ist das heute auf dem Theater nicht mehr vermittelbar. Auch das Sozialdrama um den brutalen Schlosser Jegor wirkte in dieser Umgebung merkwürdig fremd. Dabei fehlt es hier nicht an aktuellen Parallelerscheinungen.


Kein Mekka der Gorki-Pflege

Manfred Möckels Fazit in seinem Bericht „Gorki am Gorki“ erscheint mir gerecht, ein Urteil ohne Selbstbeweihräucherung und ohne harsche Kritik. Das MGT hat viel an Gorki gearbeitet, ein „Mekka der Gorki-Pfege“ war es dennoch nicht. Die Inszenierungen waren von Respekt vor dem Klassiker getragen, vielleicht mit zuviel Respekt. Die besten Regisseure zeigten kein Interesse an Gorki oder scheuten vor so viel Tradition und Anspruch zurück. Dem wäre hinzuzufügen, dass natürlich auch die politischen Barrieren ursächlich für diese Zurückhaltung waren. Gorki stand sozusagen unter Denkmalschutz, er sollte nicht als russischer, sondern als ein sowjetischer Klassiker gespielt werden, und damit schied der wesentlichereTeil seines dramatischen Erbes aus: sein widersprüchliches Menschenbild und seine grüblerische Philosophie, die an Tschechow geschulte Charakterzeichnung und Beziehungsstruktur, das Thema der Freiheit und der sozialen Verantwortung und manches andere.
So kam es, dass das Gorki-Theater gerade das Drama „Sommergäste“, das besonders gut in die Aufbruchsstimmung der sechziger Jahre passte, der Westberliner Schaubühne und Peter Stein überließ (1975). Zusammen mit der Filmfassung hatte das Stück eine starkre mobilisierende Wirkung auf die studentische Jugend. Am MGT sind die „Sommergäste“ nie aufgeführt worden.


„Gorki hätte seine Freude gehabt“

Dass es auch am MGT Menschen gab, die Gorki als einen möglichen Verbündeten im Kampf gegen die Parteibürokratie betrachteten, beweist eine Äußerung des Schauspielers Uwe Kockisch in dem Band zum 50. Geburtstag des Theaters. Kockisch, auf der Feier zum 60. nicht anwesend, war von 1972-1992 am Gorki engagiert und sah sich schon in der Gefahr, zum „Darstellungsbeamten“ zu werden. Sein Ideal war ganz im Gegenteil „die kollektive Entbehrung für die Revolution auf dem Theater“, eine seiner Lieblingsrollen die des rebellischen Pepel in „Nachtasyl“. Gefragt, ob Rolf Winkelgrunds Inszenierungen der polnischen Autoren Mrozek und Rozewicz, Aufführungen, die an Beckett und Ionesco geschult waren, nicht dem Geist der sowjetischen Dramatik mit seiner „Bewahrung des Edlen und Guten“ widersprochen hätten, antwortete Kockisch: „Ich denke, Gorki hätte seine Freude gehabt. Er war ein Gegner jeglicher Bevormundung und glaubte an die Humanisierung der Welt durch Kunst, die nicht beschönt, sondern erhellt.“ Und er verweist in diesem Zusammenhang auf die „Unzeitgemäßen Gedanken“ (1917/18), in denen Gorki Lenin und die Bolschewiken als gewissenlose Abenteurer verdammte. Die Veröffentlichung der in sowjetischer Zeit verbotenen Teile von Gorkis Werk und die damit verbundene Neubewertung des Schriftstellers in Russland findet in dem Material zum 60. Geburtstag des MGT nirgendwo Erwähnung.


„Fontane auf Facebook“

Am Schluss soll hier ein Glückwunsch zum Jubiläum erwähnt werden, der bei Gorki wohl keine Freude ausgelöst, ihn aber sicher amüsiert hätte, denn er hatte Sinn für Kuriositäten. Es handelt sich um den Beitrag seiner russsichsprachigen Landsleute in Deutschland auf dem Portal germania-online.ru, überschrieben mit „Das Maxim Gorki Theater: setze ‚like‘“. Es sei eines der führenden Berliner Theater, heißt es dort, auf seiner Bühne werden wichtige Fragen gestellt und mutige Experimente gemacht. Als das kleinste unter den DDR-Theatern habe es sich aus den „finsteren Niederungen des sozialistischen Realismus“ herausgearbeitet und im Jubiläumsjahr ein weiteres Mal weltweites Aufsehen erregt – als erstes Theater mit einer kompletten Aufführung auf Facebook! Das große Lob bezog sich auf die Idee des Intendaten Armin Petras, unermüdlich im Erfinden neuer Theaterideen, die Inszenierung „Effi Briest“ nach Theodor Fontane (Regie: Jorinde Dröse) vor der Bühnenpremiere auf einem eigens dafür eingerichteten „Maxim-Gorki-Theater-online“ zu präsentieren. Dafür gab es eine 50-minütige Kurzfassung „Effi Briest 2.0“ und dazu alle Facebook-Kommunikationselemente: die Rollen erhielten Personenprofile und die Zuschauer durften abstimmen, z.B. darüber, ob Effi im Superheldinnen-Kleid heiraten sollte. Auch der „Spiegel“ feierte „Effi Briest 2.0“, wenn auch nicht ganz so enthusiatsisch wie die community der Russen in Deutschland, als „die knappe Geburtststunde der weltweit ersten Social-Media-Inszenierung“. Von Maxim Gorki war auf Germania-online nicht die Rede. Aber vielleicht sorgt ja die neue Jugend Russlands eines Tages auch für „Gorki auf Facebook“.


Zu „Kinder der Sonne“ finden Sie auf diesem Blog drei Einträge:

Gorkis „Kinder der Sonne am Malyj teatr“
Von Kindern der Sonne und Menschen in der Finsternis
“Kinder der Sonne“ im Hamburger Thalia Theater

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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