Blog > Eintrag: Die Entdeckung des Jahres 2012 – eine kluge Frau in der Politik

Die Entdeckung des Jahres 2012 – eine kluge Frau in der Politik

Dienstag, 01. Januar 2013, 14:10:13 | Armin Knigge

Die Entdeckung des Jahres 2012 – eine kluge Frau in der Politik

Über Irina Prochorova, die Schwester des Milliardärs und Präsidentschaftskandidaten Michail Prochorov

Putins Macht bröckelt, die Opposition ist nach wie vor unorganisiert, aber der Milliardär und Direktor von „Noril’skij nikel‘“ Michail Prochorov, der als Präsidentschaftskandidat gegen Putin beachtliche 8 Prozent erreichte, hat gerade beschlossen, Politiker zu werden, und mit seiner neuen Partei „Bürgerplattform“ am Aufbau eines modernen Rechtsstaats mitzuwirken, der auf Kultur und Bildung basiert. Seine Schwester Irina, eine Philologin und Kulturhistorikerin, unterstützt ihn dabei. Kommt das Heil Russlands künftig von den Reichen und ihren Wohltätigkeitsfonds? Von Menschen, deren Eltern sowjetische Staatsdiener waren? Vielleicht ist diese bizarr erscheinende Idee wirklich eine Variante des russischen Sonderwegs.


Nichts Neues in Russland?

Der Eintrag zum Jahresbeginn 2012 auf diesem Blog war – der vorherrschenden Stimmung im russischen Internet und auch in der deutschen Presse folgend – eine optimistische Prognose: „Das neue Russland auf dem Bolotnaja-Platz“, und er endete mit den Worten der Dichterin Olga Sedakova: „Möge sich dieser Augenblick der Befreiung von üblen Machenschaften nicht als eine weitere flüchtige Episode erweisen. Es hängt von uns ab“. Bei einer Betrachtung der Situation ein Jahr später werden viele meinen, dass das Urteil auf der Hand liegt: Ja, es ist leider so gekommen, wie zu befürchten war. Die Massenaktionen auf den Moskauer Plätzen sind wirklich eine flüchtige Episode geblieben, Putin ist mit großer Mehrheit Präsident geworden. Und wer wird es als großen Erfolg der Opposition feiern wollen, dass die Zuordnung Putins zur Kategorie „vertrauenswürdiger Politiker“, die lt. Umfragen Ende 2011 39% betrug, nun auf 36% gesunken ist? Nichts Neues in Russsland, das entspricht den Erwartungen der Mehrheit im Inland wie außerhalb der Grenzen Russlands. Aber diese Ansicht ist falsch, schon allein deshalb, weil sie bequem ist und genaues Hinschauen überflüssig erscheinen lässt.

Niemand konnte ernsthaft erwarten, dass die Ergebnisse der Parlamentswahlen revidiert würden. Aber ein viel wichtigeres Ziel der Demonstranten wurde zweifellos erreicht und zeigt deutliche Auswirkungen: die Macht hat viel von ihrer Autorität verloren, sie kann auch mit den verschärften Gesetzen zum Demonstrationsrecht die Angst nicht wiederbeleben, die den einstigen Sowjetbürgern tief in den Knochen steckte und die sich in den frechen und witzigen Parolen der „Internethamster“ auf den Straßen verflüchtigt hat. Und Putin selbst hat viel von seinem Image des Superhelden verloren. Seine „Botschaft“ (Poslanie) vom 12. Dezember 2012 wirkte, wie Kommentatoren nicht nur in der „Novaja gazeta“ bemerkten, blass und ohne klare Linie, eine Mischung aus Christentum, Patriotismus und Sowjetnostalgie. Dabei ist die Opposition, die er offensichtlich als ernsten Gegner fürchtet, nach wie vor schwach und untereinander zerstritten.

Dass sich wirklich etwas verändert, zeigt sich nicht nur in den fortdauernden Protestaktionen, sondern auch im Erscheinen neuer Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit, die einen neuen Politikstil vertreten. Zu ihnen gehört der Direktor des in Nordsibirien gelegenen weltweit größten Buntmetallproduzenten „Noril’skij nikel‘“ Michail Prochorov, der sich um die Präsidentschaft beworben und einen Achtungserfolg erzielt hat. Als seine Unterstützerin in der Präsidentschaftskampagne trat seine Schwester Irina Dmitrievna Prochorova auf, und von ihr soll im folgenden hauptsächlich die Rede sein, denn sie ist in mancher Hinsicht noch interessanter als der zweifellos ungewöhnliche Unternehmer Prochorov.

Irina Prochorova – die Sensation der Präsidentschaftskampagne

Irina Prochorova war nach dem Urteil der Journalistin Ksenija Sokolova in der renommierten Kulturzeitschrift „Snob“ „die Hauptsensation der Präsidentschaftskampagne 2012“. Ihren spektakulärsten Auftritt hatte sie im Streitgespräch mit dem prominenten Filmregisseur Nikita Michalkov in dem Telekanal „Rossija 24“. Nach dieser Debatte, in der Michalkov als Vertrauensperson des Kandidaten Putin auftrat, war das Erstaunen in der Öffentlichkeit groß. Eine Frau, selbst kaum bekannt und nur als Schwester eines reichen Unternehmers und Politikneulings legitimiert, zeigte sich gegenüber der lebenden Legende des russischen Films als eine kompetente und selbstbewusste Opponentin, dabei freundlich und sachlich im Ton. Auch Michalkov war sichtlich beeindruckt, er verzichtete auf polemische Ausfälle, die man von ihm durchaus erwarten konnte. Ksenija Sokolova hat eine einfache Erklärung für die Verwunderung in der Öffentlichkeit: Auftritte von Politikern im russischen Fernsehen sind in aller Regel durch dreiste Lügen, einen flegelhaften Umgang mit dem politischen Gegner oder clowneske Unverschämtheiten im Stil von Wladimir Schirinowski gekennzeichnet.

Der Auftritt einer Frau mit Intelligenz und kultivierten Umgangsformen reichte also schon für den Eindruck einer Sensation – ein trauriges Zeichen für die politische Kultur in Russland allgemein und insbesondere für die marginale Rolle, die Frauen in den höheren Etagen der Politik spielen. Dabei gibt es an Irina Prochorova weit mehr zu bewundern als gutes Benehmen. Sie ist promovierte Philologin, spezialisiert auf moderne englischsprachige Literatur und hat 1992 das Verlagsprojekt „Novoe literaturnoe obozrenie“ (Neue literarische Rundschau) gegründet. Dort erscheinen 18 Buchserien zu Kultur, Wissenschaft und Erziehung und drei Zeitschriften, die besonders um die Eingliederung der russischen Humanwissenschaften in den internationalen Kontext bemüht sind. Slavisten kennen die Literaturzeitschrift „Novoe literaturnoe obozrenie“ (NLO) als das gegenwärtig im internationalen Maßstab renommierteste Organ der Literatur- und Kulturwissenschaft in Russland. Es war auch dieses geisteswissenschaftliche Profi, das dem Erscheinen dieser Frau auf der politischen Szene eine besondere Note gab, denn das Interesse an Kultur gilt in Russland nicht gerade als eine Eigenschaft des Fernsehpublikums, das durch ein fast gänzlich vom Staat gelenktes Programm auf billige Unterhaltung eingestellt ist. Und nicht zuletzt weckte Prochorova Sympathien durch eine Eigenschaft, die eigentlich das Gegenteil erwarten ließ: ihre Zugehörigkeit zur Welt der Reichen. Ihr Auftreten widersprach gänzlich der Vorstellung des Publikums von dem Typus „nahe Verwandte eines Oligarchen“, ein glamouröses Wesen, mit Schmuck und Pelzen behängt und durch launenhaftes Benehmen in teuren Hotels gekennzeichnet. Prochorova strahlt dagegen nichts anderes aus als „Normalität“, ihre gepflegte Erscheinung ohne den bei den Neureichen üblichen „glamur“ (auf der zweiten Silbe betont) passt zu ihrem geistigen Profil.


„Die Gesellschaft ist besser, als sie selbst von sich denkt“

So unspektakulär und vernünftig wie ihr Auftreten sind auch die Ansichten von Irina Prochorova, die sie im Interview mit Ksenija Sokolova erläutert. Sie sind – wie übrigens auch die Ansichten ihres Bruders – fern von jeder Radikalität und Aggressivität, aus Sicht der Liberalen sicher eine weichgespülte Fassung der neuen politischen Kultur ohne den nötigen Kampfgeist. Aber das ist auch die Stärke dieser Haltung, die Irina Dmitrievna selbst in der Formel zusammenfasst: „Die Gesellschaft ist viel besser, als sie selbst von sich denkt“ (so ist auch das Interview in „Snob“ überschrieben). Man könnte das für kalkulierte Schmeichelei halten, aber es handelt sich allem Anschein nach um eine feste Überzeugung dieser Frau, die ihr die Kraft zu einer fast naiven optimistischen Perspektive hinsichtlich der Entwicklung Russlands gibt. Von der negativen historischen Vorbestimmtheit der Entwicklung Russlands, einer in Kreisen der Opposition verbreiteten Ansicht, hält sie gar nichts. Im Gegensatz zu der bis heute bestehenden „archaischen Macht“ sei die Gesellschaft „modern, lebendig und dynamisch“. Sie sei fähig zu lernen und sich neuen Bedingungen anzupassen. Wenn sie bislang nicht die Möglichkeit hatte, die Fähigkeit zum Widerstand gegen administrative Willkür zu entwickeln, dann komme es heute darauf an, die Menschen davon zu überzeugen, dass diese Widerstandsfähigkeit eine erlernbare Sache sei, etwas, das man sich systematisch aneignen kann. Dazu braucht es nach Prochorovas Überzeugung keinen Umsturz der Verhältnisse, sondern den beharrlichen Aufbau von Institutionen einer funktionierenden Demokratie. Prochorova bezieht sich dabei auf die „Theorie der kleinen Schritte“, eine Formel, die am Anfang des 20. Jahrhunderts zu Unrecht mit einer negativen Konnotation belegt war. Die Gesellschaft wollte den anderen Weg, die große Revolution und die Mythen vom Glück der ganzen Menschheit. Die heutige Gesellschaft dagegen erscheint der Kulturhistorikerin bereit, das ewige Kreisen um die nationalen Mythen vom russischen Sonderweg, der „russischen Idee“ und dem mächtigen Staat aufzugeben und sich auf eine ernsthafte Analyse der bestehenden Verhältnisse und der möglichen Ansätze für Reformen einzulassen. Die Massenproteste vom Dezember 2011 sieht Prochorova als eine neue Etappe in der Entwicklung der Zivilgesellschaft, als Resultat eines langen und quälenden Reifeprozesses, an dessen Ende ein auf Kultur und Bildung gegründetes Staatswesen und eine entsprechende Ökonomie stehen könnten.

Diesem Ziel dient der 2004 ins Leben gerufene „Michail-Prochorov-Fonds“, ein Wohltäigkeitsprojekt zur Förderung von kulturellen Initiativen, an dessen Gründungsidee die Schwester des Unternehmers maßgeblich beteiligt war. Der Fonds fördert Initiativen im Bereich der Kultur, des Sports, der Wissenschaft und der Entwicklung eines qualifizierten Journalismus. Das Besondere an der Ausrichtung dieses Projekts ist die Idee des Regionalismus, der Dezentralisierung der Kultur. Die Arbeit des Fonds ist gezielt auf die Bedürfnisse einzelner Regionen gerichtet, nach der Gründung war sie zuerst auf das Norilsker Industriegebiet beschränkt, zu dem 2006 die bedeutende sibirische Region Krasnojarskij kraj hinzukam. Die regionale Ausrichtung ist keineswegs als Provinzialismus zu verstehen, sie umfasst auch die Herstellung internationaler Kontakte. Ziel ist nach Prochorovas Worten die Wiederherstellung des durch die postsowjetischen Entwicklungen „zerrissenen kulturellen Raums“. Dazu gehört auch eine neue politische Kultur, die Bruder und Schwester bei ihren Auftritten vorführen: die Abkehr von dem rüden Stil der politischen Debatten, Achtung vor dem Gegner, Kompromissfähigkeit, Wiederherstellung des Vertrauens in die Politik.

Herkunft aus der sowjetischen Intelligenzija

Woher kommen solche Anschauungen? Als Quelle könnte man die Ausbildung an einer englischen oder amerikanischen Universität vermuten. Aber Prochorova hat ihr Studium 1978 an der Moskauer Lomonossow-Universität abgeschlossen und auch ihr Bruder hat seine Ausbildung in Ökonomie und Finanzwirtschaft an sowjetischen Hochschulen erhalten. Beide gehören also zu der heutigen Elite mit Wurzeln in der Zeit vor 1991, der die Mehrheit der heute in Politik, Wirtschaft, Kultur und nicht zuletzt auch in der Kirche Tätigen angehört. Die Eltern der Prochorovs waren verhältnismäßig hochrangige Funktionäre, der Vater leitete die Abteilung für internationale Beziehungen der staatlichen Sportkommission (Goskomsport), die Mutter arbeitete an einem Institut für Maschinenbau der chemischen Industrie. Gefragt, ob sie so etwas wie Nostalgie für die sowjetische Vergangenheit empfinde, antwortet Prochorova zunächst zurückhaltend: sie habe eine glückliche Kindheit erlebt und von daher keinen Grund, sich als Opfer der Sowjetmacht zu fühlen. Aber die Erfahrung der Unfreiheit beim Umgang mit westlicher Literatur habe sie zu der Einsicht gebracht, dass eine wissenschaftliche Tätigkeit unter sowjetischen Bedingungen unmöglich war. Dennoch ist aus Prochorovas persönlichen Erinnerungen so etwas wie Nostalgie herauszuhören, sie bezieht sich vor allem auf das Elternhaus und mit ihm auf die Lebensweise der sowjetischen Intelligenzija mit den langen philosophischen und politischen Debatten in der kleinen Küche der elterlichen Wohnung, die von moralischen, nichtmateriellen Werten geprägt waren. Nach dem Tod der Eltern sind die Geschwister noch eine Zeitlang in der bescheidenen Dreizimmerwohnung geblieben, weil sie sich von dieser Atmosphäre nicht trennen mochten.

Eine ganz andere Sache sind für die 56-jährige die Katastrophen und Verbrechen des Sowjetstaates. Sie müssen ohne Rücksichten aufgeklärt und die Schuldigen, soweit man ihrer habhaft werden kann, wenigstens einer „symbolischen Bestrafung“ für ihre Untaten zugeführt werden – eine in Russland sehr unpopuläre Ansicht.
Gleiches gilt auch für ihre Antwort auf die Frage, wie sie es mit dem Glauben und der Kirche halte. Selbst ein nur in engen Grenzen vernünftiger Mensch könne sich nicht ernsthaft als Atheisten bezeichnen. Die Moral der modernen europäischen Kultur basiere auf christlichen Werten wie Humanität und Nächstenliebe, zu denen sie sich bekenne. Sie sei aber weder getauft noch gehe sie in die Kirche. Konflikte zwischen angeblich Gläubigen und angeblich Ungläubigen führt sie auf die Machenschaften verantwortungsloser Politiker zurück, die die Kirche für ideologische Zwecke missbrauchen. (Über die Kirche selbst, die ihre neue Rolle als Unterstützerin der Macht mit großem Eifer angenommen hat, sagt Prochorova allerdings nichts.)

„Wie halten Sie es mit dem Reichtum?“

Von besonderem Interesse sind die Äußerungen Prochorovas zum Thema des Reichtums. In einer Gesellschaft, die nach dem Ende der relativ egalitären Sowjetgesellschaft eine extreme Spaltung in Arme und Reiche erfahren hat, ist das eine heikle Frage, und manche Antwort erscheint hier nicht so überzeugend wie der übrige Katalog der politischen Ansichten. Wie die meisten Reichen verweist Prochorova darauf, dass sie zeitweilig in mehr als bescheidenen Verhältnissen gelebt hat, besonders als alleinerziehende Mutter nach der Scheidung von ihrem Mann. Als der Bruder dann mit der Gründung seines ersten Unternehmens schnell zu Wohlstand kam und sie daran beteiligte, empfand sie es vor allem als Erleichterung, die Angst um das ständig fehlende Geld los zu sein. Dass sie nie Stolz auf das mit dem Reichtum gewonnene Sozialprestige empfunden hat, darf man ihr glauben. Die Verachtung des Geldes war immer eine – mehr oder weniger aufrichtig vertretene – Grundüberzeugung der russischen und auch der sowjetischen Intelligenzija. Die Interviewerin fragt nach. Fast alle zu Geld gekommenen ehemaligen Sowjetbürger sind doch der Versuchung erlegen, „alles, und alles auf einmal“ zu kaufen? Nein, antwortet Irina Dmitrievna, das habe es bei ihnen nie gegeben, keine Yachten und Brillianten, überhaupt ist ihr die Lebensweise der Neureichen zuwider. Nur ein größeres Haus, bessere Haushaltstechnik und bequemere und modischere Kleidung habe man sich geleistet. Und die größte Errungenschaft der neuen Freiheit war das Reisen: mit eigenen Augen zu sehen, was zuvor in einer märchenhaften Ferne lag, etwa das Britische Museum oder den Kölner Dom.

Als eine kluge und mit einem sozialen Gewissen ausgestattete Frau weiß Prochorova natürlich, dass man mit solchen Gesten der Bescheidenheit allein nicht die in der Gesellschaft herrschende Abneigung gegen die Reichen überwinden kann. Die Spaltung der Gesellschaft sieht sie als ein gefährliches zerstörerisches Potential. Ganze Bevölkerungsgruppen haben ihren sozialen Status verloren (etwa die Universitätsprofessoren), andere sind aus der Unterschicht zu sagenhaftem Reichtum aufgestiegen. Das bedeutet eine harte Prüfung der moralischen Festigkeit für jeden einzelnen Bürger. Ehemalige Freunde oder Nachbarn geraten in Verlegenheit, wenn sie sich nach Jahren der Trennung gegenseitig über ihre neuen Verhältnisse berichten. (Mir kam dabei Tschechows Erzählung „Der Dicke und der Dünne“ in den Sinn.) Auch sie selbst empfindet, wenn nicht Scham, so doch ein Unbehagen bei solchen Begegnungen, erklärt Prochorova: Man muss an sich arbeiten, auf die eigenen Worte und Handlungen achtgeben, um keine Taktlosigkeiten zu begehen.
Manche dieser Erklärungen werden bei materiell schlechter gestellten Menschen oder richtig Armen sicher keine besonderen Sympathien auslösen, etwa die Sorge der Mutter, ihre Tochter womöglich durch Überprotektion zu einem lebensuntüchtigen Menschen zu machen. Manch eine Mutter aus dem Publikum wird sich dazu denken: Deine Sorgen möchte ich haben! Es ist auch klar erkennbar, dass die Menschen aus Prochorovas Umfeld aktiv an dem Ausbau ihres Status als neue Elite arbeiten. Die Tochter besucht eine humanitär ausgerichtete Klasse an einem mit vielen Profilen ausgestatteten Lyzeum, ihre Kameraden, auch die sozial schwächeren, dürfen alle auf gesicherte Plätze in der neuen russischen Gesellschaft hoffen.

Erscheinungen solcher Art berühren die allgemeine Problematik des Reichtums und der Wohltätigkeit, die es an anderen Orten und anderen Zeiten immer gegeben hat und weiter geben wird. Es wäre aber ungerecht, hier von Heuchelei, Doppelmoral, Selbstbetrug usw. zu reden. Reiche Menschen, die sich so viele Gedanken um das Wohl ihrer Mitbürger machen wie die Prochorovs , verdienen allemal mehr Sympathie und Unterstützung als die weitaus größere Gruppe der Neureichen, die ihren Wohlstand in maßloser Verschwendung zur Schau stellen.


Und doch immer noch „die Gesetze des GULAG“?

Am Schluss des Interviews kommt die Rede auf Michail Chodorkovskij, in vielem ein den Prochorovs nahestehender Zeitgenosse, mit dem Unterschied, dass er im Gefängnis sitzt. Irina Dmitrievna spricht Chodorkovskij und seiner Familie ihr tiefstes Mitgefühl aus und äußert sich mit bei ihr ungewohnter Heftigkeit über die schändliche Behandlung dieses Menschen, die der Reputation Russlands immensen Schaden zugefügt habe. Mit diesem Wechsel des Tons scheint die Grundüberzeugung Prochorovas in der Überschrift des Interviews doch noch ins Wanken zu geraten: Ist diese Gesellschaft wirklich so viel besser, als sie selbst von sich denkt? In ihrer Empörung lässt sich Irina Dmitrievna zu einer These hinreißen, die man so nicht stehen lassen kann: „Mir scheint, das Hauptproblem besteht darin, dass das Land, ungeachtet der zahlreichen äußeren Veränderungen, weiter nach den Gesetzen des GULAG lebt...“ Zur Illustration verweist sie auf das Bild der Cottage-Siedlungen der Neureichen in der Umgebung Moskaus mit ihren von Stacheldraht, Mauern und Wachtürmen gesicherten Palästen. In solchen Dekorationen könne man Filme nach den Sujets der Lagererzählungen von Schalamow drehen! Prochorova hat sicher recht mit der Feststellung, dass diese Siedlungen die Traumatisierung der Gesellschaft durch ein tief sitzendes Misstrauen der Menschen gegeneinander sinnfällig machen. Aber vom GULAG sind sie, so wie das ganze heutige Russland, glücklicherweise weit entfernt.

Persönlich würde ich mich lieber der These anschließen, dass die russische Gesellschaft besser ist als ihr Ruf und viele ihrer Selbstinterpretationen. Das passt auch besser zum kalendarischen Anlass dieses Eintrags. Zur Bestätigung dieser Ansicht möchte ich diesmal nicht Gorki zitieren, obwohl es bei ihm genug optimistische Äußerungen über die Lernfähigkeit und die großen Perspektiven des russischen Volkes auf dem Wege zu Vernunft und Demokratie gibt, sondern seinen Freund Romain Rolland, der anlässlich weniger optimistischer Urteile Gorkis über die Missstände in Russland und die Grundübel des russischen Nationalcharakters die Verteidigung des russischen Volkes übernahm (An Gorki, 4. Oktober 1923): „Ihr unglückliches Volk ist nicht schuld daran. Es hat alles getan, was es konnte. Es war gezwungen, sich in einem einzigen Jahrhundert die Errungenschaften der Zivilisation anzueignen, die andere europäische Völker im Laufe von zehn Jahrhunderten allmählich geschaffen und angesammelt haben. Mit Verstand und einem großen Vorrat an Lebenskräften ausgestattet, hat es wahre Wunder auf dem Gebiet der Kunst, der Literatur und der Wissenschaft vollbracht...“. Zum Unglück Russlands sei dieser Prozess aber einfach zu schnell abgelaufen und habe die Gesellschaft überfordert, so dass sie gleichsam in einem Lebensalter der Pubertät stehen geblieben sei. Rolland schließt dennoch mit einem optimistischen Ausblick: „Russland wird leben, es wird triumphieren. Sein junges Volk ist mit einer gigantischen Kraft begabt, und die europäischen Räuber in seiner Umgebung sind alt, ihnen fallen die Zähne aus“.

Ein solcher Kult des "Ostens" und seiner kulturellen Überlegenheit gegenüber dem absterbenden Westen, eine in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bei den Intellektuellen in Westeuropa verbreitete Ansicht, hat heute keine Basis mehr. Aber die gegenteilige Ansicht, dass Russland hoffnungslos in den Gesetzen des GULAG verharre, ist ebensowenig begründet, und Menschen wie die Prochorovs bieten selbst überzeugende Beispiel für die Veränderungen zum Besseren in Russland.

Den Originaltext des Interviews finden Sie hier.

Kategorie: Russland und die Russen

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang