Blog > Eintrag: Maxim Gorki - das Gesicht des Künstlers

Maxim Gorki - das Gesicht des Künstlers

Mittwoch, 20. März 2013, 19:31:08 | Armin Knigge

Der Eintrag stellt eine überarbeitete Fassung von zwei Vorträgen dar, gehalten auf der Tagung der Evangelischen Akademie Meissen „Maxim Gorki – eine Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts“ (22.-23. Juni 2012) und einer Konferenz des Instituts für Weltliteratur (IMLI) in Moskau aus Anlass des 145. Geburtstags des Schriftstellers (25. März 2013).

„Gorki ist uns immer mit dem Gesicht des Künstlers zugewendet, es scheint uns zweifelhaft, ob er noch ein anderes Gesicht hat“. Ein Jahrhundert später erscheinen diese Worte des Dichters Alexander Blok in dem Artikel “Volk und Intelligenz“ (1909) fast paradox. Uns, den Lesern des 21. Jahrhunderts, begegnet der Schriftsteller Maxim Gorki, wenn er uns überhaupt begegnet, mit einer ganzen Reihe von Gesichtern, unter denen das des Künstlers nicht den ersten Platz einnimmt. Über Gorkis Bedeutung als Künstler und Klassiker der russischen Literatur bestehen außerdem extrem gegensätzliche Ansichten. Um heute zu einem gerechteren Urteil über diesen umstrittenen Autor zu kommen, scheint es mir sinnvoll, die These Bloks von der Prädominanz des Künstlertums in Gorkis Persönlichkeit ernstzunehmen.

In seinem Artikel „Volk und Intelligenz“ stellte Blok den Schriftsteller und Vertreter des Volkes Gorki den Theoretikern und Ideologen der Sozialdemokratie gegenüber, vor allem dem späteren Volkskommisssar für Bildung A. Lunatscharski. Gorki und Lunatscharski waren verbunden durch das Projekt des „Gotterbauertums“, einer sozialistischen Religion, die den Arbeitern und Bauern den Marxismus in den ihnen vertrauten Formen der christlichen Heilslehre vermitteln sollte. Lunatscharski hatte die Idee in dem Buch „Religion und Sozialismus“ entwickelt, Gorki präsentierte sie in dem Roman „Die Beichte“ als das Bekehrungserlebnis eines jungen Mannes am Ende einer Pilgerreise durch Russland. Das politische Zweckbündnis der beiden Männer ändere aber nichts an der Grundverschiedenheit ihres Herangehens an die Sache, erklärte Blok: „Gorki, der russische Künstler, und Lunatscharski, der Theoretiker der Sozialdemokratie – das sind unvergleichbare Größen“. Gorki sei niemals „dogmatisch“ gewesen und das verbinde ihn mit der ganzen russischen Literatur. Wertvoll an Gorki sei das, was er nicht mit Lunatscharski, sondern mit Gogol gemeinsam habe, und das sei vor allem die Liebe zu Russland.

Entgegen der Ansicht Bloks haben sich im weiteren Verlauf der Entwicklung Gorkis vor allem die „anderen“, mit seinem Künstlertum nur entfernt verbundenen Gesichter des Schriftstellers vermehrt. Zu dem Verbündeten und Ideologen der Bolschewiki kam der radikale Kritiker eben dieser Bolschewiki, der Emigrant, der Bewahrer (in den Augen der Emigranten: der Zerstörer) der einheitlichen russischen Kultur, der Freund Lenins und der Verbündete Stalins, der öffentliche Verteidiger der Sowjetmacht gegenüber dem Ausland, schließlich der mögliche Opponent des Diktators, vielleicht sogar sein Opfer. Das Gesicht des Künstlers scheint demgegenüber zweitrangig und zudem in seiner Bedeutung zweifelhaft.


Ein Großer der Weltliteratur oder ein halbgebildeter Plebejer?

Bis gegen Ende der 20er Jahre galt Gorki trotz der Dominanz des Politischen in seiner Bewertung als einer der Großen der Weltliteratur, der die Anerkennung und Verehrung vieler namhafter Schriftstellerkollegen genoss. Stefan Zweig stellte sich in seinem ersten Brief an Gorki (1923) als ein Bewunderer seiner Kunst vor: „Ich liebe Ihr Werk unendlich: seit Jahren hat mich nichts dermaßen erschüttert wie die Schilderung Ihrer ersten Ehe [gemeint ist die Erzählung „Die erste Liebe“ (1923)] in den „Erinnerungen“ . Wir haben niemanden in der deutschen Literatur, der diese Unmittelbarkeit der Wahrheit hätte /…/ selbst Tolstoi hatte nicht diese Natürlichkeit des Erzählens“. Auch in den Briefen Romain Rollands an Gorki finden sich zahlreiche Äußerungen über die meisterliche Erzählkunst des Kollegen und Freundes. Heute sind solche Äußerungen einer rückhaltlosen Bewunderung des Künstlers Gorki selten geworden. Das hat seinen Grund nicht nur darin, dass man heute auch manche Mängel seines Schreibens deutlicher wahrnimmt. Der wichtigere Grund dürfte wohl der sein, dass Gorki über lange Zeit zu viel Lob und zudem von der falschen Seite geerntet hat. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion wurde er gewissermaßen auf administrativem Wege zum Genie und größten Schriftsteller nicht nur der Sowjetliteratur, sondern der ganzen russischen Klassik gleich nach oder neben Puschkin erklärt. (Auf dem Logo der „Literaturnaja gazeta“ ist diese Idee in Gestalt der Profile der beiden Klassiker seit 2004 wieder sichtbar, nachdem Gorki 1990 von dort entfernt worden war.) Gleichzeitig wurde jede Kritik an seiner Person und seinem Werk praktisch verboten. In den stets wortgleich wiederholten Formeln „Ahnherr (rodonatschalnik) der Sowjetliteratur“ und „Begründer (osnovopolozhnik) des sozialistischen Realismus“ wurde seine alles überragende Bedeutung festgelegt. Die faktische Verstaatlichung des Künstlers Gorki kommt in der Sowjetenzyklopädie, Ausgabe 1952, musterhaft zum Ausdruck: Gorkis „Größe und Weltbedeutung“ bestehe darin, dass dieser „geniale Künstler“ „seine Kunst und seine gesamte Tätigkeit eng verbunden hat mit der Ideologie und der gesellschaftlichen Praxis des russischen revolutionären Proletariats“. Es folgt ein Lenin-Zitat, in dem der Revolutionsführer dem Schriftsteller bescheinigt, dass er „mit seinem gewaltigen künstlerischen Talent der internationalen proletarischen Bewegung einen großen Nutzen gebracht hat und weiter bringen wird“. Auch Lenins Nachfolger Stalin bleibt nicht unerwähnt. Gorkis Bedeutung erscheint so als eine ihm von Partei und Staat verliehene Auszeichnung, ein Orden für treue Dienste. Die wissenschaftliche Gorki-Forschung wurde zu einer Filiale der staatlichen Propaganda. Manches davon ist in den mit Gorki verbundenen Institutionen, dem Gorki-Archiv in Moskau, den Museen und den regelmäßigen Gorki-Konferenzen in Nizhni Novgorod bis heute erhalten geblieben. Die Folge ist, dass es für die Reputation eines Wissenschaftlers nachteilig sein kann, sich mit Gorki zu beschäftigen.

Unter diesen Umständen war es unvermeidlich, dass sich der Zorn der freiheitlich und antisowjetisch gestimmten Publizistik in den 90er Jahren mit besonderer Heftigkeit gegen Gorki richtete. Dabei trafen zwei Strömungen negativer Urteile über Gorki zusammen, zum einen die Versuche der lebenden Zeitgenossen, den sowjetischen Götzen (meist mit den Mitteln der Polemik und Parodie) zu entlarven, zum anderen die Ansichten der Emigranten über den Schriftsteller, die den meisten Lesern in Russland erst jetzt bekannt wurden. Als besonders gefährlich für das Ansehen Gorkis erwiesen sich die Urteile von Vladimir Nabokov und Ivan Bunin, weil diese Autoren gerade erst wieder in ihre Rechte als erstrangige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts eingesetzt worden waren. So lag es nahe, ihre kompromisslos negativen und (im Falle Bunins) von Hass geprägten Urteile als unwiderlegliche Zeugnisse kompetenter Zeitgenossen zu betrachten.
In seinen amerikanischen Vorlesungen über die russische Literatur lautet das Fazit Nabokovs in dem Kapitel über Gorki (zitiert nach der deutschen Übersetzung von Karl A. Klewer, Frankfurt 1984): „Als schöpferischer Künstler ist Gorki nur von geringer Bedeutung. Aber als bunte Erscheinung im Sozialgefüge Russlands ist er nicht uninteressant.“ Im gleichen Ton beißender Ironie spricht Nabokov von der „soliden Halbbildung“ Gorkis und der „Armseligkeit seiner Begabung“, die sich in einem Mangel an „Vision und Vorstellungskraft“ und der Neigung zu der „alten Schule sentimentalen und melodramatischen Schreibens“ äußere. In der Erzählung „Sechsundzwanzig und eine“ findet sich nach Ansicht Nabokovs „kein lebendiges Wort, kein einziger Satz, der nicht von der Stange käme“.
Noch härter geht Bunin in seinem Nekrolog (1936) mit seinem einstigen Freund und literarischen Kollegen ins Gericht. Auch bei ihm dominiert das Thema der Halbbildung und der Primitivität seiner Natur. Physiognomie und Körperhaltung Gorkis zeigen in der Beschreibung Bunins die Züge eines unzivilisierten, prähistorischen Menschen: eine niedrige Stirn, hervorstehende Wangenknochen „wie bei einem Tataren“, eine faltige Haut „wie bei einem Affen“. In seinem Auftreten glaubt Bunin Merkmale eines gerissenen Betrügers wie bei manchen Helden seiner frühen Erzählungen zu erkennen. Gorkis Schreibweise wird dementsprechend als routiniert und auf den Massengeschmack zielend gekennzeichnet. Mit diesen „primitiven Fähigkeiten“ und seiner „homerischen Lügenhaftigkeit“ habe Gorki dem Bolschewismus eine verbrecherische Hilfe geleistet.

Stellt man die aufgeführten vier Urteile nebeneinander: den „russischen Künstler“ bei Blok, den Großen der Weltliteratur in den Urteilen Zweigs und anderer, den in Bronze gegossenen sowjetischen Staatsschriftsteller und den halbgebildeten Plebejer bei den Emigranten, so fällt es schwer zu glauben, dass hier von ein und derselben Person die Rede ist. Und doch haben diese extremen Unterschiede einsehbare Gründe. In ihnen spiegeln sich die Umbrüche des 20. Jahrhunderts, gleichzeitig aber auch bestimmte Merkmale der Persönlichkeit Gorkis, die sich auf die Rezeptionsgeschichte ausgewirkt haben. Gorki besaß in hohem Maße die Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen, sie zu begeistern und zu mobilisieren, und ebenso die Fähigkeit, heftigen Widerwillen und Hass bei seinen Gegnern hervorzurufen. Beides zeugte von einer starken Persönlichkeit und – entgegen den Urteilen Nabokovs und Bunins – auch von einem großen kreativen Talent, denn die Wirkung Gorkis ging immer zuerst von seinen literarischen Texten aus, zu denen man auch die publizistischen Auftritte rechnen muss. Dabei war er in der Wahl der literarischen Mittel – allerdings nur in der ersten Periode seines Ruhms - nicht besonders wählerisch. In dieser Hinsicht waren die Ansichten Nabokovs und Bunins durchaus zutreffend. Sie gingen von einem prinzipiell anderen Begriff der Literatur aus. Literatur war für sie die Sache einer hochgebildeten Elite, die Kunst des Schreibens, deren Qualität von der Beherrschung literarischer Verfahren, dem Spiel mit Motiven, Sujets und Genres abhängt, nicht aber von der moralischen Autorität des Autors und schon gar nicht von seinen öffentlichen Auftritten. Von dieser Warte aus betrachtet konnte Gorki wirklich als ein halber Dilettant und ein Scharlatan erscheinen. Unbestreitbar gab es bei ihm Beispiele eines „sentimentalen“ oder „melodramatischen“ Erzählens. Seine vermenschlichten, anthropomorphen Naturbeschreibungen (zum Beispiel in der Formel am Anfang und am Schluss der Erzählung „Malwa“: „Das Meer lachte“) waren bekannt, ebenso stilistische Schwankungen zwischen einem hochpathetischen Predigtton, journalistischem Geplauder und volkstümlicher Umgangssprache.
Der Begeisterung der Leser haben diese Mängel keinen Abbruch getan, und zwar nicht wegen ihres mangelhaften Geschmacks, wie Nabokov und Bunin meinten, sondern eher deshalb, weil sie hinter diesem unausgewogenen Stilgemisch eine starke Persönlichkeit und ein ungewöhnliches kreatives Talent erkannten. Dies war übrigens auch der Eindruck Tschechows, der den jüngeren Kollegen auf die Mängel seiner Schreibweise aufmerksam gemacht hat, aber in seinen Äußerungen über Gorki nie Zweifel daran aufkommen ließ, dass er ein Schriftsteller von großem Format sei.


„Der Mensch soll ein Künstler sein“

Gorkis Künstlernatur war nicht nur eine ihm von Kritikern und Kollegen zugeschriebene Eigenschaft, sie entsprach auch seinem Selbstverständnis. In einem Brief an den Maler Il’ja Repin (1899) bekannte sich der junge Aufsteiger gegenüber dem berühmten Zeitgenossen zu dem Ideal der Freiheit und Unabhängigkeit eines Künstlers. Er gehöre in dieser von ständigen Auseinandersetzungen zerrissenen Gesellschaft keiner Partei an, erklärte Gorki, und er sei darüber glücklich, denn das bedeute Freiheit: „Und der Mensch braucht Freiheit… Sich niemandem unterwerfen – das ist ein Glück“. Ganz offenherzig war Gorki hier nicht. Von seiner Tätigkeit im Rahmen der Arbeiterbewegung, die ihn um diese Zeit schon mehrfach in Konflikte mit der Polizei gebracht hatte, erwähnt er in diesem Brief nichts. Aber er betrachtete sich offenbar auch in diesem Bereich der politischen Bindungen und Abhängigkeiten als ein freier Mensch, jedenfalls wollte er das sein. Und diese Freiheit verband sich in der Vorstellung des jungen Gorki mit dem Wesen des Künstlers und dem Wesen des Menschen überhaupt: „Der Mensch soll in seiner gesamten Tätigkeit – und am meisten in der Kunst – ein Künstler sein, d.h. schön und stark wie (ein) Gott“.

Ein solches Ideal zu realisieren, war unter den historischen Bedingungen des 20. Jahrunderts natürlich eine große Illusion, dennoch hat Gorki sich nie von diesem Ideal losgesagt. Den Roman „Das Leben des Klim Samgin“, der die Hauptsorge seiner letzten Lebensjahre war, hat er wirklich als ein freier Künstler geschrieben, obwohl er wusste, dass dieses Werk weder dem Diktator noch den jungen Sowjetmenschen gefallen würde.
Dennoch hat sich Gorki im Laufe seiner Entwicklung immer wieder von diesem Freiheitsideal des Künstlers entfernt. Man könnte die Entwicklung Gorkis, etwas vereinfacht gesagt, als eine permanente Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Antikünstler in seiner Persönlichkeit beschreiben. Zu dem ersteren gehören seine unersättliche Neugier auf „interessante“ Menschen, die Fähigkeit, herrschenden Meinungen zu widerstehen, die Fähigkeit zu einem achtungsvollen Umgang mit ideologischen Gegnern, die Anerkennung der produktiven Kraft des Zweifels und der kritischen Selbstbeobachtung. Zu den Zügen des Antikünstlers gehört seine Neigung zu dogmatischen und rationalistischen Behauptungen, die übertriebene Verehrung von Autoritäten in der Politik und der Wissenschaft, die Apologie der Gewalt (gegenüber Menschen und gegenüber der Natur) und die Verherrlichung des „erhebenden Betrugs“, der schönen Illusion, im Gegensatz zu den unbequemen „niedrigen Wahrheiten“, die er oft als „schädliche“, lästige Hindernisse auf dem Weg zu dem neuen Menschen verurteilt hat.


„Schreiben wie Flaubert“

In zahlreichen Äußerungen Gorkis über das eigene Schaffen kommt eine wachsende Unzufriedenheit mit sich selbst, mit den eigenen schöpferischen Fähigkeiten zum Ausdruck. Auf ein großes Lob Romain Rollands (Oktober 1923) für „Meine Universitäten“ reagierte er mit Widerspruch: das Buch sei misslungen, chaotisch, ohne die nötige „Achtung vor dem Wort“ geschrieben. Er gibt auch eine Begründung dafür: der Autor werde von dem Wunsch getrieben, möglichst schnell alles zu sagen, was er weiß und erfahren hat. Er fühle sich überladen mit Eindrücken des Lebens, eine Erfahrung, die Gorki an vielen anderen Stellen wiederholt hat, auch im „Klim Samgin“. Aber anders als im Frühwerk gilt die Kunst des Schreibens dem reifen Gorki nicht mehr als zweitrangig, er möchte endlich „schreiben lernen“. Am wenigstens sei er ein „Verehrer Gorkis“, erklärt er in dem Brief an Rolland, und er bekennt sich zu seinem Wunschtraum – „schreiben wie Flaubert“.

Wie Flaubert zu schreiben, ist Gorki wohl kaum jemals gelungen, aber das entsprach auch nicht seiner Begabung. Im Erzählwerk der 20er Jahre hat er die stilistischen Experimente teilweise so weit getrieben, dass manch eine Erzählung (z.B. „Über die Küchenschaben“) nur noch wie ein verwirrendes Geflecht düsterer Leitmotive erscheint. Die Bilanz der künstlerischen Erfolge Gorkis ist dennoch beachtlich. Sie beruht auf seiner Fähigkeit, unverwechselbare Erkennungsmerkmale zu setzen, das Markenzeichen „Gorki“ zu erfinden und immer wieder neu zu gestalten. Er hat es mit seinem Erscheinen in der russischen Literatur geschafft, Begriffen wie „Optimismus“, „Heroismus“ und „Romantik“, die am Jahrhundertanfang eher fragwürdig erschienen, neues Leben einzuhauchen; er hat den Kult des Menschen trotz der Nähe zu Nietzsches Ideen mit ganz eigenen Bildern in die Weltliteratur eingeführt: zu ihnen gehören die ein wenig naiv anmutenden Tiergestalten „Falke“ und „Sturmvogel“ ebenso wie die mythischen Gestalten der Übermenschen in den romantischen Legenden („Die alte Isergil“), die malerischen Vagabunden und der Falschspieler Satin in „Nachtasyl“, der Verkünder des „stolzen Menschen“. Bemerkenswert war seine Fähigkeit, Situationen zu erfinden, in denen ganze Komplexe sozial-philosophischer Probleme symbolisch konzentriert sind (der stolze Räuber Tschelkasch in Konfrontation mit dem habgierigen Bauern Gawrila; der „Weggenosse“, der den jungen Peschkow schamlos ausnutzt u. a.) Auch die großen utopischen Entwürfe in den Romanen „Die Mutter“ und „Die Beichte“ zeugen, obwohl sie in künstlerischer Hinsicht eher Misserfolge waren, von der intensiven Suche nach einem „neuen Wort“, mit dem die Erzählung von der russischen Revolution eine biblische Dimension erhalten sollte.

Nach der Rückwendung zu einem wieder mehr traditionellen Erzählen ab ca. 1910 hat Gorki die russische Literatur mit weiteren Neuheiten bereichert. Zu ihnen gehört das neue Genre der Autobiographie, die den Widerstand gegen die Macht des Milieus zum Thema machte (im Kontrast zu der „glücklichen Kindheit“ bei Rousseau und Nachfolgern), er hat ferner – auf der Linie von Turgenev und Leskov - eine eigene Galerie von Charakteren aus dem Volk geschaffen („Wanderungen durch Russland“) sowie eine neue Gattung des literarischen Porträts („Lev Tolstoj“ u.a.). In „Klim Samgin“ hat er schließlich das Genre des Bewusstseinsromans in die russische Literatur eingeführt, das in Westeuropa durch Autoren wie Thomas Mann und Robert Musil vertreten war.


Zwei neuere Ansichten zum Künstler Gorki

Es bleibt die Frage, warum diese von Spezialisten seit langem anerkannten Verdienste Gorkis im postsowjetischen Russland nicht zu einer wirklichen Neuentdeckung und einer großen Leserschaft geführt haben. Ein wesentlicher Grund dafür bleibt zweifellos das Weiterwirken seiner Reputation als sowjetischer Klassiker. Aber es ist wohl auch so, dass Gorkis Werk für Leser, die mit Begeisterung Dostojewski, Tolstoj und Tschechow lesen, nicht die Merkmale bietet, die eine Identifikation mit dem Autor und seiner Schreibweise erst ermöglichen: ein klares Profil der Autorpersönlichkeit, ein Kanon anerkannter Werke und ein im wesentlichen gleichbleibender literarischer Stil. Bei Gorki bleibt vieles unklar und widersprüchlich, weder seine Gedanken noch seine Schreibweisen lassen sich am Ende auf einen Nenner bringen. Man kann das als Mangel empfinden oder auch als Tugend: dieser Autor befindet sich ständig auf der Suche nach seinem eigentlichen Selbst, das er bis zum Schluss nicht gefunden hat. Ein weiterer Grund für die mangelnde Beliebtheit Gorkis mag in dem düsteren Grundton der dargestellten Welt zu finden sein, dem Überwiegen der „Scheußlichkeiten“ der russischen Wirklichkeit gegenüber dem Ausdruck von Lebensfreude.

Einige weiterführende Gedanken zu diesem Thema sind in zwei Publikationen der letzten Jahre enthalten. Die eine (2008 bei Yale University Press erschienen) stammt von dem amerikanischen Slavisten Donald Fanger (als Übersetzer, Herausgeber und Verfasser der Einführung) und trägt den vielversprechenden Titel „Gorky’s Tolstoy & Other Reminiscences. Key Writings by and about Maxim Gorky“. Der andere Beitrag über Gorki findet sich in dem Buch des russischen Schriftstellers Dmitrij Bykov „Die sowjetische Literatur. Kurzer Lehrgang“ (2012). Beide Autoren bescheinigen Gorki ein enormes künstlerisches Talent, gehen aber davon aus, dass über die Bedeutung Gorkis noch kein Konsens besteht.
Fanger will mit seiner Sammlung von „Schlüsseltexten“ von und über Gorki einen Kanon zur Diskussion stellen, der von den bekannten, besonders den sowjetischen Anthologien deutlich abweicht. Als wichtigste Texte werden die literarischen Porträts bekannter Zeitgenossen (die Erinnerungen an Lev Tolstoj, Anton Tschechow, Leonid Andrejew. Alexander Blok und den weniger bekannten Freund und Hausgenossen Tolstojs L.A. Sulerzhitskij) in den Vordergrund gestellt. Damit wird zu Recht der autobiographische Charakter des Gorkischen Werkes und seine Bedeutung als Zeitzeuge hervorgehoben. Zugleich zeigt sich an der Bearbeitung des autobiographischen Materials auch Gorkis Qualität als Schriftsteller. Fanger betont indessen, dass wir von Gorki „selbst“ sehr wenig wissen. Infolge seiner erklärten Abneigung gegen jede öffentliche Darstellung des persönlichen, intimen Lebens habe er Äußerungen dieser Art stets vermieden und stattdessen eine Art Stellvertreter oder Doppelgänger geschaffen, den „impliziten Autor“ als einen „Quasi-Charakter“. Gorkis „Einzigartigkeit“ (singularity) erscheint Fanger unbestreitbar, aber wer der „reale Gorki“ wirklich sei, bleibe eine offene Frage. Seine Bekanntheit im Sinne der modernen Medienkultur („der meistfotografierte Schriftsteller seiner Zeit“) besage nichts über sein Wesen.
Auch bei der Auswahl der Urteile von Zeitgenossen über Gorki hält sich Fanger an das Prinzip der Offenheit und des Widerspruchs. Der Dichter und zeitweilige Mitarbeiter Gorkis Wladislaw Chodasewitsch hat sich sehr kritisch über die Neigung des Schriftstellers zum Selbstbetrug geäußert und die Rückehr nach Sowjetrussland als unverzeihlichen Verrat an den eigenen Idealen verurteilt. Der Schriftsteller Jewgenij Zamjatin hat dagegen die gespaltene Natur Gorkis in die des Künstlers und des Ideologen betont und ein im ganzen von Respekt und Sympathie getragenes Bild von seiner Persönlichkeit gezeichnet. Eine glückliche Wahl in dieser Sammlung ist der Nekrolog auf Gorki von Georgij Adamowitsch. Der führende Literaturkritiker der russischen Emigration bekannte sich darin zu seiner zwiespältigen Einstellung Gorki gegenüber, in der sich die Bewunderung für seine moralische Autorität mit dem Entsetzen über seine politische Rolle in den letzten Lebensjahren verbindet. Den Künstler Gorki sah Adamowitsch nahe bei seinem Intimfeind Dostojewski, wie dieser habe er sich ständig und oft in einer undurchsichtigen Weise mit Fragen des Glaubens beschäftigt.
Mit Gorkis Texten umzugehen, den fiktionalen ebenso wie den publizistischen und brieflichen Äußerungen, erfordert nach Meinung Fangers eine besondere Fähigkeit zur Interpretation, wie sie für Beispiele der „größten Erzählkunst“ erforderlich ist. Das komplexe Phänomen Gorki „schreit nach seiner Enthüllung“, stellt der Verfasser fest. Dazu sei es zunächst erforderlich, die künstlerischen Texte von den direkten Äußerungen des Schriftstellers zu trennen. Am Ende dieses Prozesses könnte vielleicht Gorkis Entdeckung „als ein moderner Schriftsteller“ stehen.

Dmitrij Bykov, einer der bekanntesten Schriftsteller unserer Tage in Russland, hat sich schon in seiner Monographie („Gab es Gorki?“, 2008) entschieden gegen die „Entfernung“ Gorkis aus der Literaturgeschichte ausgesprochen. So steht Gorki auch am Anfang seiner ironisch als „Kleiner Lehrgang“ überschriebenen Geschichte der Sowjetliteratur. Aber der Gorki des ersten Kapitels ist alles andere als der bekannte „Stammvater“ der Sowjetliteratur, die in ihren Höhen und Tiefen auf eine sehr unsowjetische Art vorgestellt wird. Gorki erscheint hier nicht als Lehrer und Muster des sozialistischen Realismus, sondern unter der Überschrift „Ein Mensch für sich“ („Sam sebe chelovek“, ein Ausdruck aus der Erzählung „Tschelkasch“).
Gorkis großes Thema, der Traum vom neuen Menschen, ist durch die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in Frage gestellt worden, aber er ist nicht verschwunden, erklärt Bykov, und Gorki werde für alle, die ihn weiterträumen, ein treuer Weggefährte bleiben. Im übrigen sieht er Gorkis Bedeutung, im Prinzip wie Fanger, vorwiegend in seiner Rolle als Künstler. Auch hier wird ein neuer Kanon zur Diskussion gestellt: die Romane sind – mit Ausnahme des letzten – überwiegend misslungen, die kleine Erzählform dagegen von großem Wert und auch im Vergleich mit Tschechow eigenständig. Auch als Publizist und Satiriker („Russische Märchen“) verdient Gorki hohes Lob, meint Bykov. Außerdem betont er die dunklen Seiten der Thematik Gorkis, seine Vorliebe für das Pathologische, Monströse. Gorkis Freizügigkeit bei der Behandlung sexueller Motive sei im Rahmen der prüden Sowjetliteratur schockierend gewesen („Der Nachtwächter“ u.a.). Mit Recht betont Bykov die große Bedeutung des Themas des Verrats und des „Immoralismus“, das Gorki als ein zerstörerisches Element im Leben der Partei und der ganzen revolutionären Bewegung dargestellt hat („Karamora“ u.a.). Ähnlich wie Fanger zeigt Bykov Gorki im ganzen als einen problematischen Schriftsteller, der auch künftig nicht auf einen Erfolg beim breiten Leserpublikum hoffen darf, er sei ein „Schriftsteller für wenige, nicht für alle“.


„Die Werke vergessen, der Mensch niemals“?

Die zentrale Bedeutung der Künstlerpersönlichkeit Gorkis in den neueren Urteilen berührt eine Fragestellung , die die ganze Rezeptionsgeschichte des Schriftstellers begleitet hat. Welcher Teil seiner Hinterlassenschaft ist der bedeutendere, seine literarischen Werke oder die Erinnerung an seine Person? Anton Tschechow hat diese Frage (1903 in einem Brief an einen Freund) in einer zugespitzen Form beantwortet: „Ich denke, es wird eine Zeit kommen, da die Werke Gorkis vergessen sein werden, aber er selbst wird sogar in tausend Jahren nicht vergessen sein“. Man könnte meinen, dass diese Prophezeiung sich heute bewahrheitet hat. Gorki wird in der Öffentlichkeit weit mehr in seinen biographischen Zusammenhängen als in seiner Eigenschaft als Künstler wahrgenommen. Ein Teil seines Werks gilt mit Recht als veraltet. Trotzdem ist diese Betrachtungsweise nicht haltbar. Was wäre Gorki „selbst“ ohne seine Werke? Alles was wir von Gorki wissen, stammt aus seinen Büchern, die publizistischen Werke und die Briefe eingeschlossen.
Dennoch erscheint mir Tschechows These bedenkenswert und könnte als Anregung für eine ganzheitliche Betrachtung des Phänomens Gorki dienen. Denn in der Tat steht der Mensch Gorki, in Tschechows Formulierung „er selbst“, im Mittelpunkt der gesamten Hinterlassenschaft des Schriftstellers. Auf den autobiographischen Charakter seines Schreibens hat Fanger mit Recht aufmerksam gemacht. Gorki hat keine Tagebücher hinterlassen. Seine Werke, die fiktionalen ebenso wie die publizistischen und brieflichen Texte, sind im Grunde alle Selbstgespräche, Auseinandersetzungen mit den Grundfragen der Zeit und mit seiner persönlichen Einstellung zu ihnen. In gewisser Weise trifft das natürlich auf jeden Schriftsteller zu, aber verglichen mit Dostojewski, Tolstoj oder Tschechow hat Gorki weit mehr als diese in der Ich-Form der Erinnerung gesprochen, und die Beziehungen des „impliziten Autors“ im gesamten Erzählwerk zu der realen Person Gorkis sind viel enger und direkter als bei seinen Vorgängern. Insofern könnte man Tschechows Prophezeiung für richtig halten, dass Gorki der Nachwelt nicht in Gestalt seiner Werke, sondern als ein Mensch in Erinnerung sein werde. Um diese komplexe Persönlichkeit zu erfassen, ist es vielleicht sinnvoll, anstelle einer sauberen Trennung von Biographie und Werk, die ohnehin nicht möglich ist, alle Zeugnisse seines Lebens mit gleicher Aufmerksamkeit zu behandeln. Das Gesicht des Schriftstellers Maxim Gorki, das aus dieser Betrachtungsweise hervorgeht und seinem Wesen am nächsten kommt, scheint mir dasjenige zu sein, das Blok in seinem Artikel 1909 hervorgehoben hat, das „Gesicht des Künstlers“.

Einträge zum Thema auf diesem Blog

Gorki – der bekannte und der unbekannte
Tonnen von bürokratischem Stumpfsinn: Gorki-Feier 1932
Über “Seltsamkeiten” und den “echten Künstler”. Pavel Basinskij über Gorki
”Es gab ihn und es gibt ihn wieder“: Dmitrij Bykovs Buch über Gorki
Widersprüche bei Gorki (Zitate aus der Literatur)
Widersprüche bei Gorki (Kommentar)

Gorki-Lexikon:
Neugier
Unruhestifter (Ozorniki)
Herz und Kopf in der russischen Kultur – “Der Nachtwächter”
VERRAT – Gorki über eine Krankheit des 20. Jahrhunderts
LANGEWEILE - Gorki über einen rätselhaften Zustand der “russischen Seele”
Ein großes Buch – „Das Leben des Klim Samgin“

Kategorie: Streit um Gorki

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang