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Über schädliche Klassiker in der Schule – Ein Kulturfunktionär fordert Erziehung zum Glauben

Samstag, 18. Mai 2013, 19:11:37 | Armin Knigge

Version in russischer Sprache hier.

„Wenn man mit der Literatur des 19. Jahrhunderts auf das Land einschlägt, wird es zusammenbrechen“. Was für ein Satz! Die klassische russische Literatur, der Stolz der nationalen Kultur, wird zur Waffe in der Hand gottloser liberaler Erzieher, die in der Schule systematisch die Autorität des Staates untergraben. Ein Jahrhundert nach der Oktoberrevolution, ein Verbrechen, für das Gott dem russischen Volk 70 Jahre Kommunismus als Buße auferlegt hat, droht erneut der Zusammenbruch des Staates. - Aus dem Munde eines Würdenträgers der orthodoxen Kirche wären diese Äußerungen nichts Ungewöhnliches gewesen, sie stammen aber von einem einflussreichen Berater der Kultusbürokratie und beziehen sich auf die Vorbereitung eines neues Programms für den Literaturunterricht an den Schulen Russlands. Pawel Poschigailo (Pozhigajlo) ist Vorsitzender der Kommission für Kultur in der „Gesellschaftlichen Kammer Russlands“, einem vom Präsidenten eingesetzten Beratergremium, das die Interessen der Bürger gegenüber dem Staat zur Geltung bringen soll. In der russischen Öffentlichkeit, die im allgemeinen kaum noch auf extreme Meinungsäußerungen aus patriotischen und kirchlichen Kreisen reagiert, haben die Auftritte von Poschigailo in den letzten Wochen doch für einige Aufregung gesorgt.


Ostrowski und Turgenjew – „unter besonderer Kontrolle“

Ein Artikel mit der Überschrift „Ostrowski und Turgenjew werden unter besondere Kontrolle gestellt“ in der Zeitung „Izvestija“ vom 6. März 2013 brachte die Diskussion in Gang. Die neue Konzeption für einen vereinheitlichten Literaturunterricht solle nach Ansicht Poschigailos, der wörtlich zitiert wird, „die Lehrer auf eine Erziehung orientieren, die den Kindern mit Hilfe literarischer Bilder den Stolz auf unser multinationales Land, einen tiefen und unaufgeregten Patriotismus, die Achtung vor verschiedenen Kulturen und die Wertschätzung einer gefestigten traditionellen Familie vermittelt“. In diesem Zusammenhang wurde berichtet, es gebe eine Liste „potentiell gefährlicher Werke“ der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, die einer solchen Zielsetzung wegen der regierungskritischen Einstellung der Autoren im Wege stünden. Genannt werden Alexander Ostrowski, Iwan Turgenjew, Nikolai Nekrassow und Michail Saltykov-Shchedrin. Noch am selben Tag folgte – quasi offiziell auf dem Portal der „Gesellschaftlichen Kammer“ – ein energisches Dementi des Gremiums mit der Überschrift „Niemand schickt sich an, die Klassiker zu verbieten“. Poschigailo wird mit den Worten zitiert, der Artikel schreibe ihm Ideen zu, die man nur als „Hirngespinste“ bezeichnen könne. Am 26.März trat Poschigailo dann in dem Radiostudio der „Komsomol’skaja pravda“ auf, und in diesem Interview wurde unmissverständlich klar, dass seine Ansichten über die russische Literatur noch weit radikaler sind, als in dem „Izvestija“-Artikel dargestellt. Vor allem kam hier der religiöse Fundamentalismus und die militante Verteidigung der Autorität des Staates (des vorrevolutionären ebenso wie des heutigen) durch den Vorsitzenden der Kulturkommission klar zum Ausdruck. Ein Teil der Schriftsteller des 19. Jahrhunderts habe „künftige Revolutionäre ideologisch ausgerüstet“, erklärte Poschigailo. In diesem Zusammenhang werden nicht nur die als revolutionäre Demokraten bekannten Belinski, Tschernyschewski und Dobroljubow genannt, sondern auch die politisch weit weniger radikalen Schilderer der russischen Verhältnisse Saltykow, Ostrowski und Turgenjew. Sie alle haben nach Poschigailos Worten „eine Weltanschauung vertreten, die vom orthodoxen Christentum abgetrennt“ sei, in der „der Mensch zur Hauptgröße und zum gemeinsamen Nenner des gesellschaftlichen Lebens“ erhoben werde. Auf die Frage, was er am Humanismus für schlecht halte, antwortete Poschigailo: „Er setzt den Atheismus voraus“. Und hier halte er es mit Dostojewski, der gesagt habe: „Der Mensch ohne Gott verwandelt sich in ein Tier“, und mit Gogol’, der mit den Worten zitiert wird: „Jeder Mensch muss die Pforte des Evangeliums durchschreiten, anders ist er kein Mensch“. Ob jemand nach dieser Logik ein Mensch ist oder nicht, darüber entscheidet nicht nur sein religiöses Bekenntnis, sondern auch und vor allem seine loyale Einstellung gegenüber der Staatsmacht. Das sagt Poschigailo nicht offen, aber es ergibt sich aus seiner Argumentation. Die von Kirche und Glauben abgefallenen Schriftsteller tragen die Mitverantwortung für die Oktoberrevolution, dieses größte Verbrechen des russischen Volkes. 70 Jahre Kommunismus waren die ihm dafür von Gott auferlegte Strafe, dies sei der prophetische Sinn von Dostojewskis Roman „Verbrechen und Strafe“ (besser bekannt als „Schuld und Sühne“). Wieder einmal bestätigt sich hier die Rolle Dostojewskis als Prophet und Lehrmeister der postsowjetischen Staatsideologie, der damit gleichsam die Position Lenins einnimmt, wenn auch vorerst mit deutlich weniger Denkmälern. Dem Erbe Dostojewskis als „politisches Testament“ für die Gegenwart ist ein Eintrag auf diesem Blog gewidmet (Link am Ende des Eintrags). Das traurige Ergebnis dieser missbräuchlichen Benutzung des berühmten Schriftstellers besteht darin, dass ein ganz auf innere Konflikte und dramatische Glaubenskämpfe angelegtes Werk zu einem Instrument der Propaganda gegen liberale Staatsfeinde und für die Lobpreisung des braven Bürgers und Kirchgängers geworden ist. Als Verkörperung dieses Ideals stellt sich Poschigailo selbst vor: „Mit 34 Jahren habe ich begonnen, zur Beichte zu gehen und das Abendmahl zu nehmen. Und ich habe dabei natürlich mein Leben und meinen Freundeskreis geändert, vielen Dingen der modernen Welt entsagt, - seit zwölf Jahren spiele ich nicht mehr Karten, gehe nicht ins Kasino. Ich habe fünf Kinder.“ In einem anderen Interview fügte er hinzu: „von einer Frau“. Die moralische Höhe, von der Poschigailo seine Umgebung betrachtet, wird in der Charakterisierung seiner Gegner deutlich: der Dichter Lew Rubinstein, der Poschigailo in einer Kolumne mit scharfer Ironie angegriffen hatte, erscheint in einer Erwiderung auf dem persönlichen Blog des Vorsitzenden der Kulturkommission als ein amoralisches Subjekt, ein „Verteidiger von Gays und Lesben“ und auch der Mädchen von Pussy Riot, die in der Erlöserkathedrale einen „Hexensabbat“ veranstaltet haben. Es sei ihm unbegreiflich, „auf welcher Grundlage alle diese pseudoliberalen Rubinsteins nur sich allein für die letzte Instanz der Wahrheit halten“. Poschigailo beschreibt ihre Haltung als eine Art Paranoia: überall wittern sie Eingriffe der „Macht“, überall stört sie die „Obrigkeit“. Ist es vielleicht so, dass sie „einfach den Staat nicht lieben“, fragt der Apologet eben dieses Staates. Und er beschreibt damit im Grunde die eigene Befindlichkeit, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Überall treiben „Liberale“ ihr Unwesen.


Schwierigkeiten mit den Kassikern

Eigentlich scheint alles sehr einfach. Die von Poschigailo vertretene Position ist auf den ersten Blick die genaue Umkehrung der Beurteilung der Klassiker in der staatlichen Propaganda der sowjetischen Periode. Was revolutionär war in der Literatur des 19. Jahrhunderts, atheistisch, gesellschafts- und regierungskritisch mit dem Ziel einer gerechteren Gesellschaft, war gut, moralisch sauber und vorbildlich; die Apologetik religiöser Werte, die Verteidigung von Staat und Kirche und der Aufruf zur sittlichen Selbstvervollkommnung des einzelnen Menschen war schlecht, moralisch unsauber und verwerflich. Aber schon die sowjetische Literaturwissenschaft hatte große Mühe, mit diesen groben Kategorien zurechtzukommen, zu widersprüchlich und ambivalent waren Autoren wie Puschkin, Lermontov, Gogol’, Tolstoj, Dostojewski, um in diese Schubladen zu passen. Ein Beispiel dafür bietet die Entwicklung Gogol’s, der mit seinem „Revisor“ und dem ersten Teil der „Toten Seelen“ problemlos in die Kategorie der „entlarvenden“ und in diesem Sinne revolutionären Darstellung des reaktionären russischen Staates, der moralisch verkommenen Gutsbesitzer und der korrupten Beamtenschaft zu passen schien, bis er dann eine moralisch-religiöse Wende vollzog und in den Augen des Sowjetmarxismus zum Apologeten desselben reaktionären Staates wurde. Aber selbst noch in dem „Briefwechsel mit Freunden“, der diese Wende reflektierte, waren die Verhältnisse nicht eindeutig. Ganze Kapitel, darunter eines mit dem bezeichnenden Titel „Furcht und Schrecken Russlands“, fielen der Zensur zum Opfer, sie waren voll von bitteren Wahrheiten über Betrug, Räuberei und Rechtlosigkeit im Staatsapparat. Entsprechend gespalten in einen „progressiven“ und einen „reaktionären“ Gogol’ war das sowjetische Bild des Schriftstellers, und eben dieser doppelte Gogol’ findet sich – nur mit umgekehrter Bewertung – in den Thesen Poschigailos. Der „Revisor“ könne eine staatsfeindliche Gesinnung bei den Schülern erzeugen, meint er im Interview, und wenn man ihn trotzdem behandele, dann sollte anschließend der „Briefwechsel mit Freunden“ für das notwendige Korrektiv sorgen. Übrigens wurde der „Briefwechsel“ zum Anlass eines offenen Briefs des Kritikers Belinski an Gogol’ mit Vorwürfen wegen seiner reaktionären Gesinnung, und für die Verlesung dieses Briefs in einem regierungskritischen Kreis wurde der junge Dostojewski zu Zwangsarbeit verurteilt. Also hatte auch der in den Augen des Patrioten Poschigailo untadelige Dostojewski mit revolutionären Umtrieben zu tun. So verzwickt sind die Verhältnisse in der russischen Literatur! (Über Gorki hat sich Poschigailo, soweit ich sehe, nicht geäußert. Gorki könnte dort kaum anders als in der Rolle des leibhaftigen Satans auftreten.)


„Das Volk ist nicht rein“

Wie soll nun nach den Vorstellungen des Vorsitzenden der Kulturkommission der „Gesellschaftlichen Kammer Russlands“ das zur Erneuerung anstehende Programm für den Literaturunterricht aussehen? Die Behandlung von Werken Ostrowskis, Nekrassows und Turgenjews hat mit Vorsicht zu erfolgen, denn diese Werke nützen den heutigen liberalen Staatsfeinden und könnten die Schüler einseitig „ideologisieren“. In diesem Zusammenhang empfiehlt Poschigailo auch die Entfernung populärer Autoren der Gegenwartsliteratur, darunter Ljudmila Ulitzkaja und Wiktor Pelewin, aus den Lektürelisten. Bei Dostojewski, dessen „Verbrechen und Strafe“ gewissermaßen zum aktuellen Hauptwerk der russischen Literatur erhoben wird, sieht Poschigailov die Gefahr der „Ideologisierung“ offenbar nicht als gegeben an.
Generell muss die traditionell positive Bewertung des Volkes in der klassischen russischen Literatur einer Korrektur unterzogen werden, meint der Kulturfunktionär. Das Volk ist nicht geheiligt und bewunderungswürdig in seinem rebellischen Geist, es hat auch kein „Recht auf einen Aufstand“, wie dies fälschlicherweise in sowjetischen und auch neueren Darstellungen behauptet werde. „Das Volk ist nicht rein“ lautet die Überschrift in der Druckfassung des Interviews vom 26.03. Mit der Oktoberrevolution hat das Volk eine schwere Sünde begangen und den Zorn Gottes auf sich gezogen. Dafür, dass sich so etwas künftig nicht wiederholt, soll nach dem Willen Poschigailovs und seiner Gesinnungsgenossen eine Erneuerung der christlichen, genauer der kirchlich-orthodoxen Werte in der schulischen Erziehung sorgen. Die methodische Literatur auf der Grundlage eines areligiösen Humanismus (eines dieser Werke charakterisiert Poschigailo als „absolut heidnisch“) muss durch entsprechende patriotisch-religiöse Konzepte ersetzt werden. Es gehe ihm nicht um eine Ausweitung des Religionsunterrichts, erklärt Poschigailo dazu. Das könnte bei den Schülern eher Überdruss hervorrufen. Eine nachhaltige Wirkung verspricht sich der Kulturfunktionär nur von der intensiven Überzeugungsarbeit mit den Mitteln des Literaturunterrichts: „Ich denke, die Eingliederung in die Kirche (vocerkovlenie) muss über die russische Literatur erfolgen“.

Dem westeuropäischen Beobachter muss vor allem die Selbstsicherheit zu denken geben, mit der diese zum Teil haarsträubenden Ansichten vorgetragen werden. Poschigailo ist trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit, die er durch seine Auftritte erlangt hat, kein exponierter Entscheidungsträger in der russischen Bildungspolitik, aber er verkörpert einen herrschenden Trend, der ihm die Protektion von „ganz oben“ sichert. Es geht hier um nicht weniger als die Restaurierung der sowjetischen Kulturpolitik auf wesentlichen Feldern der Erziehung, d.h. um die staatlich organiserte Propaganda in der Schule, nur mit ausgetauschten, meist genau entgegengesetzten Inhalten und Bewertungen. Das kann nicht zuletzt Auswirkungen auf das gesamte Niveau der Bildung nach sich ziehen. Kennzeichnend dafür ist eine Bemerkung Poschigailovs in dem Interview mit der „Komsomol’skaja pravda“, die den Bereich der Fremdsprachen betrifft und einen neuen Wirbel ausgelöst hat: Es sei doch angesichts der demographischen Situation in Russland überlegenswert, erklärte er, ob man nicht für eine gewisse Zeit auf den Fremdsprachenunterricht verzichten sollte, „damit die Menschen das Land nicht verlassen“. Die damit frei gewordenen Stunden könnten dem Literaturunterricht zugeschlagen werden. Nachdem dieser Vorschlag sogar in der „Gesellschaftlichen Kammer“ auf Widerspruch gestoßen war, hat Poschigailo erklärt, er habe nicht das Englische, sondern nur die zweite und dritte Fremdsprache im Sinn gehabt.


„Sie können alles verbieten!“

Die Reaktionen auf Poschigailos Ansichten zur Schulpolitik waren in er Mehrzahl eindeutig ablehnend, eine Welle der Zustimmung haben diese Auftritte jedenfalls nicht ausgelöst. Die russische Öffentlichkeit ist vielleicht doch offener und aufgeklärter, als sie in manchen Berichten westlicher Beobachter erscheint. Als Beispiel für die ironischen und witzigen Kommentare zu Poschigailos Thesen kann eine Glosse in der Zeitung „Moskovskij komsomolec“ dienen (die bizarren Namen von Einrichtungen aus sowjetischer Zeit werden anscheinend ewig bestehen bleiben). Unter der Überschrift „Ruft Gogol’ auf den Bolotnaja-Platz?“ macht sich die Vizepräsidentin des Journalistenverbands „Mediasojuz“ Jelena Zelinskaja über die Staatsmacht lustig, die in der Person Poschigailos „plötzlich erkannt hat, dass die Karikaturen Ostrowskis und Gogol’s konkret auf sie gerichtet sind“. Etwas Aktuelleres als Gogol’s „Revisor“ und Saltykovs Stadt „Glupov“ (abgeleitet von glupyj ‚dumm’) könne man sich gar nicht vorstellen. Auch die zwiespältige Einstellung der Patrioten zur sowjetischen Vergangenheit wird hier aufs Korn genommen. Denn die Verurteilung der Oktoberrevolution als einer historischen Katastrophe bringt sie in Konflikt mit ihrer heimlichen Bewunderung für die Leninisten, die im Gefolge dieser Katastrophe einen mächtigen Staat geschaffen haben. In anderen Kommentaren wird sogar die Vermutung geäußert, Poschigailo sei Mitglied der Kommunistischen Partei (die ja heute ebenfalls die patriotische Linie vertritt).

Ernster ist der Ton auf den Internetseiten der Verbände der Atheisten, die sich mit guten Gründen Sorgen um ihre Zukunft in Russland machen. Er habe es schon lange gewusst, erklärt einer von ihnen: „Wenn die Orthodoxen an die Macht kommen, werden sie die traditionelle Kultur mit demselben Eifer zerstören wie die nichttraditionelle… Alles um sich herum betrachten sie als eine einzige Verschwörung gegen die Kirche“.
Ein anderer entgegnet auf die Äußerung „Fremdsprachenkurse kann man nicht verbieten“: „Warum nicht? Wenn sie wollen, können sie bei uns alles verbieten. In dieser Welt ist alles möglich“.
Für den westlichen Beobachter ist auffallend, dass in den kritischen Beiträgen ein Argument fehlt, dass bei uns sofort ins Feld geführt würde, wenn ein Kulturfunktionär auf die Idee käme, das Einpflanzen religiöser Überzeugungen als höchstes Ziel der Erziehung zu deklarieren: die Trennung von Kirche und Staat. Dabei ist der weltliche Charakter des Staates ebenso wie die Gewissens- und Konfessionsfreiheit im Grundgesetz der Russischen Föderation von 1993 garantiert. Dieses Gesetz ist offenbar so weit von der Wirklichkeit entfernt, dass es als lächerlich erscheinen kann, sich darauf zu berufen. Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung in dieser Frage ist die Erinnerung ist das Dekret „über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche“, das in die Verfassung der UdSSR von 1918 aufgenommen wurde. Diese Bestimmung, die man als eine damals fällige Modernisierung des Staates betrachten kann, war zugleich der Auftakt für eine massive antireligiöse Propaganda und schwere Repressionsmaßnahmen gegen die Kirche und ihre Vertreter, die zahllose Opfer forderten. Nach dem Ende der Sowjetunion hätte man erwarten können, dass an die Stelle der gewaltsamen Unterdrückung jeder religiösen Betätigung eine rechtsstaatlich organisierte Trennung von Staat und Kirche gesetzt würde. Stattdessen folgt die Regierung einem Prinzip, das man auf vielen Gebieten der Politik und Kultur beobachten kann. Die Verhältnisse unter der Sowjetmacht werden einfach auf den Kopf gestellt, wobei das Unrecht bestehen bleibt: Geld und Eigentum, zu Sowjetzeiten als Teufelswerk des Kapitalismus verdammt, werden zum unbeschränkten Mittel der Herrschaft; die „flammenden Revolutionäre“ werden zu Staatsfeinden und die „verräterischen Popen“ zu hochangesehenen Erziehern der Jugend. Folgerichtig dient nun auch die russische klassische Literatur nicht mehr der Erziehung von Revolutionären, sondern liefert das Rüstzeug für das Ideal des ordentlichen Staatsbürgers: Treue zur Obrigkeit und der Kirche, Abscheu vor moralischen Ausschweifungen und politischen Protestaktionen, Bewahrung der nationalen Traditionen und des hohen Werts der Familie. Ein altes bürgerliches und keineswegs besonders russisches Ideal. Aber dass es ausgerechnet in Russland Wirklichkeit werden könnte, erscheint mehr als zweifelhaft.

Über die Rolle Dostojewskis in der heutigen russischen Staatsideologie siehe auf diesem Blog: Dostojewski: „Politisches Testament“.

Kategorie: Russland und die Russen

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