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Wer war er eigentlich, der "russische Bauer"? Über Gorkis Artikel "Vom russischen Bauern" (I)

Sonntag, 07. Juli 2013, 16:59:32 | Armin Knigge

Wer war er eigentlich, der

Die Version in russischer Sprache hier.

Die Fotografie habe ich vor einiger Zeit im russischen Internet gefunden, sie diente dort auf verschiedenen Websites als Illustration zu dem berühmt-berüchtigten Gorki-Artikel „Vom russischen Bauern“ (1922). Obwohl ich über Zeit und Ort des Fotos nichts in Erfahrung bringen konnte, hat sich dieses Bild in meiner Vorstellung so fest mit dem Thema des Artikels verbunden, dass ich es mir kaum in einem anderen Kontext denken kann. Es passt einfach perfekt zu Gorkis Bild vom russischen Bauern (wenn auch in weiblicher Variante). Aber passt es auch zum wirklichen Landbewohner des vorrevolutionären Russlands? Und von wem ist da überhaupt die Rede? Der russische Bauer ist eine verschwundene, von völlig gegensätzlichen Mythen umrankte Klasse.

Drei Frauen schauen den Betrachter an. Kopftücher und herbe Gesichtszüge könnten als Merkmale „ländlichen“ Lebens erscheinen, vor allem aber der gewaltige Fleischbrocken, den die Frau im Vordergrund offensichtlich zum Kauf anbietet. Unverpackt, vielleicht die hintere Hälfte eines Ferkels oder eines Kalbs, wird er wie ein Symbol der Stärke präsentiert. Die Frau schaut den Fotografen – oder den potentiellen Käufer – ernst und eher abweisend an, als wollte sie ihre Ware eher verteidigen als verkaufen. Die beiden Begleiterinnnen blicken noch deutlicher misstrauisch und unfreundlich. Sie wollen offensichtlich nicht fotografiert werden. Sie sind an fremdem Ort, in der Stadt, so kann man annehmen (das Schild an der Mauer sagt etwas über „Handel“).

Wer Gorkis Artikel „Vom russischen Bauern“ liest, findet dort eine Stelle, die genau diese Situation zu beschreiben scheint: Es geht um den Tauschhandel, der im Hungerjahr 1919 weit verbreitet war. Für die Bauern eine Gelegenheit, ihren Hass auf die Stadtmenschen auszuleben, ihnen mit Brot und Kartoffeln alles abzukaufen, was sie brauchen konnten oder immer schon einmal haben wollten. Sie haben „den Städtern Stiefel und Kleider ausgezogen“, schreibt Gorki, und sie haben sich dabei bemüht, dem für sie ohnehin vorteilhaften Geschäft zusätzlich einen demütigenden Charakter zu geben: die Ware als ein Almosen, das sie nur widerwillig dem „Herrn“ reichten, der „sich bei der Revolution verausgabt hatte“. Die Bauern machen die „Schlauköpfe“ aus der Stadt verantwortlich für die herrschenden chaotischen Verhältnisse und sehnen sich nach der alten Ordnung, sagt uns Gorki.

Auf dem Foto symbolisiert der aufgerichtete Fleischbrocken (ein Schelm, der Böses dabei denkt!) die stolze Überlegenheit des Besitzenden noch deutlicher, als es mit Brot und Kartoffeln möglich wäre. Hohn und Spott sind zwar in den Gesichtern der Frauen nicht zu erkennen, aber mit Freundlichkeit haben ihre potentiellen Kunden nicht zu rechnen. - Das alles sind natürlich reine Phantasien des heutigen Betrachters, über die Entstehung der Aufnahme ist (mir jedenfalls) nichts bekannt. Vielleicht sähe alles ganz anders aus, wenn wir Zeugnisse über die abgebildete reale Situation hätten, womöglich handelt es sich sogar um eine gestellte Aufnahme, in Szene gesetzt, um eben diesen Inhalt zu transportieren. Auch Bilder können lügen.

Der zwiespältige Eindruck von diesem Fotodokument – die anscheinend passgenaue Plausibilität auf der einen und die Ungewissheit über den wirklichen Inhalt auf der anderen Seite – gilt auch für den heutigen Leser des Gorki-Artikels „Vom russischen Bauern“. Es handelt sich um ein kompromisslos negatives, geradezu abstoßendes Porträt der Bewohner der russischen Dörfer, dieser „halbwilden, dummen, schwerfälligen Menschen“, die in den endlosen Weiten Russlands ein quasi prähistorisches Leben führen, ganz ihrer schweren körperlichen Arbeit und den Unbilden der Natur ausgeliefert, ohne die Errungenschaften der Zivilisation, mit einem aus Misstrauen und Hass gemischten Verhältnis zur staatlichen Ordnung und zur Kultur der Städte. Dabei handelt es sich in Gorkis Darstellung nicht nur um die Eigenschaften einer Klasse, sondern um den Charakter der Nation, deren erdrückende Mehrheit aus Bauern besteht. Schon diese allgemeine Charakteristik der „russischen Menschen“ hat den Artikel zu einem Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen gemacht. Zu einem vollends skandalösen Auftritt des Schriftstellers wurde die Abhandlung aber durch Gorkis Erklärung, dem russischen Bauern und dem russischen Menschen sei eine besonders raffinierte Form der Grausamkeit eigen. Manche Kommentare und Erwiderungen konzentrierten sich ganz auf den Punkt der „russischen Grausamkeit“.

Auf die russischen Leser übt dieses Werk bis heute eine schockierende Wirkung aus: die einen sind entsetzt und bestürzt über die Wahrheit, die sie in ihm zu erkennen glauben, die anderen empört über die ungeheuerliche Verleumdung des russischen Volkes, der sich Gorki hier schuldig gemacht habe. Die Meinung der letzteren hat dazu geführt, dass der Artikel seit seiner Erstveröffentlichung 1922 in Berlin (als Buchausgabe in der deutschen Übersetzung beim Ladyschnikow-Verlag, dort im selben Jahr auch die Originalausgabe) bis heute nicht nachgedruckt worden ist. In der sowjetischen ebenso wie in der postsowjetischen Periode erschien das Werk gewissermaßen unzumutbar für die russische Öffentlichkeit. Nur im Internet kursiert der Text seit 2007 auf mehreren Diskussionsforen - ein Beleg für die Nützlichkeit dieser Einrichtung.

Für den Leser, der Gorki schätzt und die Lobeshymnen über ihn ebenso wie die Verdammungsurteile ablehnt, ist der „russische Bauer“ ein harter Brocken. Obwohl vieles darin Gorkis Lebenserfahrung und seine tiefe Kenntnis Russlands und der Russen überzeugend zum Ausdruck bringt, enthält die Abhandlung doch eine Reihe unhaltbarer Behauptungen und Verallgemeinerungen, die zu Recht Widerspruch hervorgerufen haben.
Der Grund dafür ist, wie so oft bei Gorki, das politische Umfeld der Entstehungszeit und seine eigene, schwierige und widersprüchliche Einstellung zur Sowjetmacht. Der „russische Bauer“ dient in dieser Abhandlung zuerst und vor allem dem Zweck, die „Tragödie der Revolution“ zu erklären und klarzustellen, dass er selbst, Gorki, nicht auf der Seite der bäuerlichen Massen, sondern auf der der revolutionären Intelligenzija steht – ungeachtet seiner Differenzen mit den Bolschewiki. Drei Jahre nach der Aufkündigung des Bündnisses mit Lenin und seiner Partei in der Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution“ erneuert er seine Solidarität mit den neuen Herren Russlands, die er nicht in der Rolle der Täter, der Schuldigen am „roten Terror“, sondern als Opfer sehen will, als edelmütige Menschen, die an der übermenschlichen Aufgabe einer Neugestaltung der russischen Gesellschaft zu scheitern drohen.

„Ich will niemand verurteilen, niemand rechtfertigen – ich will nur erzählen…“ erklärt Gorki zu Beginn, und dann tut er genau das, was er nicht will: er verurteilt die einen und rechtfertigt die anderen. Die Intention des Artikels konzentriert sich in dem Satz: „Die grausamen Formen, welche die russische Revolution angenommen hat, erkläre ich aus der beispiellosen Grausamkeit des russischen Volkes“. Die Tragödie der Revolution besteht nach Gorki darin, dass sie sich in einem „Milieu von Halbwilden“ abgespielt hat: „Fast der ganze Vorrat von geistiger Energie, die Russland im neunzehnten Jahrhundert angesammelt hat, ist in der Revolution verbraucht worden, hat sich in der bäuerlichen Masse aufgelöst“.


Dorf und Stadt – unversöhnliche Feinde

Wie kommt es zu der feindseligen Einstellung der Bauernmasse der Revolution gegenüber?
Vieles von dem, was Gorki dazu zu sagen hat, kennt der Leser schon aus dem Aufsatz „Zwei Seelen“ (1915), dort waren es Asien und Europa, die die Doppelnatur des russischen Nationalcharakters ausmachen. Jetzt geht es um eine andere Dichotomie, die Gorki mit der gleichen Kompromisslosigkeit verteidigt: Dorf und Stadt. Die Bauern sind gewissermaßen von Natur aus Konterrevolutionäre, das Leben in verstreuten Siedlungen inmitten der endlosen Weite Russlands erzeugt bei dem Bauern ein Gefühl der Einsamkeit und Gleichgültigkeit, die grenzenlose Ebene „saugt ihm das Wollen aus der Seele“.
Die Arbeit ist nichts als eine schwere Last, ihre Resultate vergehen wie die Jahreszeiten, sie lässt nichts Bleibendes zurück. Wie schon in „Zwei Seelen“ steht diesem trägen und passiven Lebensstil das Leben des Städters gegenüber, der im Grunde ein Produkt der europäischen Aufklärung ist und der alles das hat, was den Bewohnern der Dörfer fehlt: ein aktives Verhältnis zur Natur, die er seinem Willen unterwirft, intellektuelle und künstlerische Energie, die auch die Fähigkeit zur Selbstkritik einschließt, und ein Gedächtnis für die eigene Vergangenheit. Bei den Bauern fehlt hingegen jedes historische Bewusstsein, sogar ihre eigenen großen Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit wie Iwan Bolotnikow und Stenka Rasin haben sie vergessen. - Manches in diesem finsteren Gemälde des Landlebens bleibt ungeklärt, und Gorki kümmert sich wenig um Ungereimtheiten. Warum z.B. sind diese passiven, trägen Bauern trotzdem so entschiedene „Anarchisten“, sträuben sich heftig gegen alle Maßnahmen des Staates und wünschen sich einen „Staat ohne Macht“? Warum sind sie Verteidiger des Eigentums, das ja gewöhnlich ortsgebunden ist, wenn zugleich der „Instinkt des Nomaden“ sie in die lockende Ferne zieht?


Die russische Grausamkeit

Gorkis Absicht, beim Leser Abscheu und Empörung über die Klasse der russischen Bauern zu erregen, zeigt sich am deutlichsten bei der Behandlung des Themas der Grausamkeit. Es wäre nicht besonders auffällig, wenn sich Gorki auf die Gewalt gegen Frauen und Kinder beschränkt hätte. Das ist eine bis heute verbreitete und unbestrittene Erscheinung des Alltagslebens, die Gorki sarkastisch so zusammenfasst: „Überhaupt prügelt man in Russland gern, ganz gleich wen“. Trotzdem: Gewalt im Alltagsleben gibt es überall auf der Welt. Hier dagegen will uns Gorki erklären, dass es sich um ein nationales Alleinstellungsmerkmal der Russen handelt: „Ich glaube, dass einzig und allein das russische Volk – so wie etwa nur der Engländer ein Gefühl für Humor hat – ein ausgesprochenes Gefühl für Grausamkeit besitzt, für eine kaltblütige Grausamkeit, die sozusagen die Grenzen der menschlichen Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, sucht…“. Beispiele für dieses „teuflische Raffinement“ bringt Gorki nicht aus dem Alltagsleben, sondern – seinem Thema entsprechend – aus den Ereignissen der Revolution und des Bürgerkriegs. In Sibirien haben Bauern gefangene Rotgardisten mit dem Kopf nach unten so eingegraben, dass nur die Beine sichtbar waren. An den Bewegungen der Beine beobachteten sie dann sachkundig, wer dem Tod am längsten Widerstand leistete. Auf der anderen Seite der Front wurden gefangenen Offizieren Hautstücke herausgeschnitten, die die Epauletten und die Biesen ihrer Hosen nachzeichnen sollten: „vorschriftsmäßig anziehen“ hieß diese Operation. Nach der Beschreibung weiterer Scheußlichkeiten antwortet Gorki auf die Frage, wer sich grausamer verhalten hätte, die Weißen oder die Roten: „Wahrscheinlich ist es bei beiden dasselbe, denn die einen wie die anderen sind Russen“. An Zynismus grenzende Aussagen solcher Art haben Gorki nicht ganz unbegründet den Vorwurf der „Russophobie“ eingetragen, der damals wie heute für weit harmlosere Äußerungen erhoben wird. Man wird diese maßlosen Übertreibungen wohl eher als den Ausdruck der Verzweiflung verstehen müssen: wieder ist eine Revolution in Russland gescheitert, in diesem Land, mit diesem Volk kann der neue Mensch nicht geschaffen werden.

Wo ist eigentlich der „gute Bauer“?

Gorki setzt den Kampf gegen die Idealisierung des russischen Bauern in der russischen Literatur fort, ein Thema, das schon ein Markenzeichen seiner frühen Erzählungen war. Gawrila, der habgierige und gewissenlose Gegenspieler des edlen Räubers Tschelkasch, war eine der ersten Verkörperungen des „anderen“ Bauern nach den gutherzigen und frommen Gestalten Dostojewskis und Tolstojs aus diesem Stand. 25 Jahre später, nach den Erfahrungen von Revolution und Bürgerkrieg, fragt Gorki von neuem: „Aber wo steckt denn nun eigentlich der gutmütige, nachdenkliche russische Bauer, der unermüdliche Sucher der Wahrheit und Gerechtigkeit, von dem die russische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts der Welt so überzeugend und so schön erzählt hat?“ Er selbst habe seit seiner Jugend nur den „finsteren Realisten und Schlaukopf“ getroffen, der es versteht, in jeder Situation mit List und Tücke seinen Vorteil zu erreichen. Gorki verweist auf die Zeitgenossen Tschechow und Bunin, die ebenfalls die dunklen Seiten des ländlichen Lebens gezeigt haben. Inzwischen gibt es auch Schriftsteller, die selbst aus dem Dorf stammen, erklärt Gorki, und die besser als sonst jemand „das Leid und die groben Freuden des Dorfes, die Blindheit seines Denkens und die Rohheit seines Fühlens“. Einer, der hier genannt wird, Iwan Wolnow, passt eigentlich nicht in Gorkis Schema, von ihm wird später noch zu reden sein.

Der Bauer ist nicht fromm!

Unter den positiven Eigenschaften, die die Literaturklassiker und die Narodniki den Bauern zugeschrieben hatten, war es vor allem die Religiosität, die Gorki ihnen keinesfalls zugestehen wollte. Denn der Glaube, die Suche nach Gott und der Wahrheit, sind in Russland höchste Prädikate für Menschlichkeit und geistige Autorität. Und diese Eigenschaften stehen nur den Gebildeten zu, behauptet Gorki. Nach seiner Ansicht kann ein Mensch ohne elementare Bildung kein Theist oder Atheist sein, mehr noch, um gläubig zu sein, müsse er zu einem kritischen intellektuellen Denken fähig sein, denn der Weg zum Glauben „muss durch die Wüste des Unglaubens führen“. Man könnte meinen, hier sei von den Romanen Dostojewskis die Rede, die den Bauern in der Tat fremd waren. Fragwürdig erscheint auch ein anderes Argument für den Unglauben der Landbevölkerung, die sich auf ihr Verhalten nach der Revolution bezieht. Ihr Getreide haben die Bauern oft mit der Waffe und unter Einsatz ihres Lebens verteidigt, erklärt Gorki, aber als die Sowjetmacht im Zuge der atheistischen Propaganda die Klöster auflöste und die heiligen Reliquien als Hokuspokus lächerlich zu machen versuchte, habe es kaum Widerstand gegeben. Die Rolle der Religion und der Kirche auf dem Lande, ein wichtiges und schwieriges Thema in diesem Zusammenhang, hätte eine sorgfältigere Betrachtung verdient, als sie ihr hier zuteil wird.

Dasselbe gilt für die Beurteilung der allgemeinen geistigen Fähigkeiten des Bauerntums.
Neben dem Fehlen der Religiosität konstatiert Gorki bei den Bauern ein „eingewurzeltes, blindes Misstrauen gegen jede Gedankenarbeit“, den „Skeptizismus der Unwissenheit“. Er äußert sich in der Ablehnung von Technik und Wissenschaft, in der abergläubischen Furcht vor Neuerungen wie der Elektrizität und überhaupt in einem an Hass grenzenden Misstrauen gegenüber der Stadtkultur. Gusseiserne Denkmale und Fahnen hält der Bauer für Unsinn und Materialverschwendung. Ein alter Bauer hat ihm gesagt: „Wir haben gelernt in der Luft herumzufliegen wie die Krähen, und wir schwimmen in der Tiefe des Wassers wie die Hechte, aber auf der Erde zu leben, das verstehen wir nicht“. Ist das wirklich so dumm? Diese Art des „Philosophierens“ der einfachen Menschen war für den Künstler Gorki immer ein Gegenstand lebhaften Interesses und auch der Sympathie. Hier dagegen gibt es nur den Kampf gegen Aberglauben und Unwissenheit wie in einem Schulungskurs des Komsomol.

Gorkis Absicht, die Bauern als eine Gefahr nicht nur für die Revolution, sondern für den Bestand der gesamten von der Städten geprägten Kultur darzustellen, kommt besonders deutlich in seiner Behandlung der Hungersnot zum Ausdruck. Hier geht es buchstäblich um Leben und Tod. In den Tauschgeschäften mit den Städtern erkennen die Bauern ihre Chance, den Gebildeten und allgemein den „Herren“ Paroli zu bieten, ihren eigenen Vorstellungen von der Gesellschaft Nachdruck zu verleihen. Auf die massenhaften Opfer des Hungers, auch unter den Bauern selbst, reagieren sie ohne Mitgefühl, hat Gorki beobachtet. Im Gegenteil, wieviel Land wird da frei für die Überlebenden! „Mit den Bauern werdet ihr nicht fertig“, sagt ihm einer, „der Bauern weiß jetzt: wer das Brotgetreide hat, in dessen Hand ist auch Gewalt und Macht“. Schon jetzt hintertreibt er die Kollektivierungspolitik der Kommunisten, meint Gorki. Er zitiert den Ratschlag eines Bauern, den er seinem Nachbarn gibt: „Hab acht, Iwan, tritt nicht der Kommune bei, sonst schneiden wir deinem Vater und deinen Brüdern die Hälse ab, und beiden Nachbarn noch obendrein“.


„Die Tragödie der russischen Revolution“

Mit seinem in groben Strichen gezeichneten Bild „Vom russischen Bauern“, einer Masse von unzivilisierten, fortschrittsfeindlichen und grausamen Menschen, hat Gorki den dunklen Hintergrund geschaffen, vor dem die Revolutionäre in hellem Licht erstrahlen können, als uneigennützige, nur von den Idealen der Freiheit und Gerechtigkeit beseelte Erneuerer Russlands. Das Resumee der Abhandlung beginnt mit einer eindeutigen Solidaritätserklärung zugunsten der Bolschewiki: „Wenn man den Führern der Revolution, der aktivsten Gruppe der russischen Intellektuellen, ‚Bestialität’ vorwirft, so sind diese Beschuldigungen für mich nur Lüge und Verleumdung“. Aber Gorki, der Verfasser der „Unzeitgemäßen Gedanken“, weiß natürlich, dass sich die Sache nicht so einfach verhält. Er wolle damit keinesfalls sagen, fügt er hinzu, „dass ich die Wahrhaftigkeit der Sieger für heilig und unbestreitbar halte“. Die Menschen verhalten sich, dem Entwicklungsstand der Menschheit entsprechend, oft noch wie „tollwütige Bestien“, erklärt Gorki, und besonders die Politiker seien „die ärgsten von allen verdammten Sündern auf Erden“. Das komme daher, dass die Art ihrer Tätigkeit sie „unabweislich zwingt“, sich von dem jesuitischen Prinzip „der Zweck heiligt die Mittel“ leiten zu lassen. Mit diesen Erklärungen begibt sich Gorki in eine gefährliche Nähe zu seiner eigenen Verurteilung der Politik Lenins und der Bolschewiki in den „Unzeitgemäßen Gedanken“. Aber diese Vorwürfe will er hier nicht wiederholen. Die Führer der Sowjetmacht erscheinen ihm vielmehr als aufrichtige Menschen, als „Fanatiker einer Idee“, und solche Menschen „nehmen oft bewusst Schaden an ihrer Seele, zum Wohle der anderen“. Das soll heißen, die Grausamkeiten der Revolution sind unbestreitbar, aber sie werden von den Verantwortlichen nicht aus niedrigen Beweggründen begangen, sondern zum Wohl der Allgemeinheit. Die Männer, die „diese furchtbare Last auf sich genommen haben, die Herkulesarbeit, den Augiasstall des russischen Lebens zu reinigen“, kann Gorki deshalb nicht als „Volksbedrücker“ sehen – „von meinem Standpunkt aus sehe ich in ihnen eher Opfer“.

Die Tragödie der russischen Revolution ist nach Gorki eine Tragödie der Intelligenz und der Arbeiterklasse, nicht der Bauernmassen. Der Bauer ist kein Opfer, er ist ein gefährlicher aktiver Feind, der „um den Preis des Untergangs der Intellektuellen und der Arbeiter … zum Leben erwacht ist“. Das heißt nicht, dass er schon den Sieg davongetragen hat. Für einen Augenblick lässt Gorki sogar den Gedanken zu, dass die Bauern gleichfalls Mitgefühl verdienen könnten, dass die Revolution „dem Bauern teuer zu stehen gekommen“ ist und er „noch nicht alles bezahlt“ hat. Alles, was diese Klasse der Bauern schon jetzt erlitten hat und künftig in noch viel größerem Maßstab erleiden wird, ist in der Abhandlung erwähnt: die gewaltsamen Requirierungen und Zwangsabgaben des Getreides, die Hungersnöte und die Anfänge der Kollektivierungspolitik, die Zerstörung der Heiligtümer auf dem Lande. Die Revolution hat nach Gorkis Worten „wie mit einem Stahlpflug die Volksmassen so tief durchfurcht“, dass sie niemals zu ihren alten Lebensformen zurückkehren werden. In diesem Kontext sind das überraschende Erkenntnisse, die eine Vorstellung davon geben, in welchem Maße die Bauern die Anerkennung und das Mitgefühl als Opfer der Revolution verdient hätten. Aber diesen Schluss lässt Gorki nicht zu. Es darf kein Mitleid mit dem Feind geben. Und er beschreibt das Schicksal, das den Bauern bevorsteht, mit einem Vergleich aus der biblischen Geschichte: „Wie die Juden, die Moses aus der Knechtschaft befreit hatte, so werden die halbwilden, dummen, schwerfälligen Bewohner der russischen Dörfer aussterben, alle diese fast Grauen erregenden Menschen..., und ihre Stelle wird ein neues Geschlecht von gebildeten, verständigen, lebensmutigen Menschen einnehmen“. In Diskussionen unserer Tage ist die Meinung geäußert worden, Gorki habe hier die Bauern gleichsam zum Tode verurteilt und in diesem Sinne die Hungersnöte mit Schadenfreude als gerechte Strafe begrüßt. Eine boshafte Unterstellung, - sie ändert aber nichts daran, dass Gorki in diesem Bild die Mehrheit der damaligen Bevölkerung Russlands als eine aussterbende Spezies beschreibt, deren einzige Bestimmung es ist, den Humus für ein höher entwickeltes „Geschlecht“ zu bilden. Man muss allerdings bedenken, dass diese Verachtung des „Gegenwartsmenschen“ zugunsten des zukünftigen ein allgemeiner Zug im Denken der progressiv gestimmten Intellektuellen in ganz Europa war.

Am Schluss des Artikels macht sich Gorki Gedanken darüber, wie das neue Geschlecht der aufgeklärten Menschen aussehen wird. Interessant an diesem Blick in die Zukunft ist, dass der Schriftsteller, ernüchtert von den Erfahrungen der Revolution, kein Reich von Übermenschen, hochentwickelten Intellektuellen und Künstlern beschreibt wie in den utopischen Vorstellungen seiner Jugend. Es wird nicht einmal ein besonders „liebes und sympathisches russisches Volk“ sein, erklärt Gorki, aber doch endlich einmal ein tatkräftiges und praktisch denkendes Volk, dass sich nicht den Kopf zerbricht über Einsteins Relativitätstheorie oder die Bedeutung von Shakespears und Leonardo da Vinci, dafür aber ein ausgeprägtes Interesse für Traktoren und Elektrizität entwickelt hat. Man könnte hier von einer zutreffenden Vorausschau auf die Sowjetgesellschaft sprechen, die Gorki ein Jahrzehnt später als die Welt des neuen Menschen begrüßt hat. Als er „Vom russischen Bauern“ schrieb, stand er der praktischen Politik Lenins und der Bolschewiki noch sehr kritisch gegenüber und fürchtete, dass ihr Ziel nicht die Bewahrung der Kultur, sondern nur die gewaltsame Erhaltung der Macht sei. Dennoch billigte er den Führern dieser ungeliebten Macht den Status von uneigennützigen und heldenhaften Kämpfern zu, die in einem „Milieu von Halbwilden“ am Aufbau eines neuen Lebens arbeiten. Verglichen mit den „Unzeitgemäßem Gedanken“ der Jahre 1917-1918 war das ein Schritt zur Erneuerung des Bündnisses mit den Bolschewiki.

(Fortsetzunng im nächsten Eintrag)

Kategorie: Streit um Gorki

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