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Wer war er eigentlich, der "russische Bauer"? - Über Gorkis Artikel "Vom russischen Bauern" (II)

Sonntag, 07. Juli 2013, 17:12:21 | Armin Knigge

Im ersten Teil des Eintrags ging es um die Thesen Gorkis, um die „Tragödie der Revolution“, wie er sie 1922 sah. Der zweite Teil ist zustimmenden und ablehnenden Reaktionen der Zeitgenossen in der Sowjetliteratur und einigen heutigen Meinungsäußerungen zu Gorkis Artikel gewidmet. Am Schluss wird Alexander Tschajanows Roman „Reise meines Bruders Alexej ins Land der bäuerlichen Utopie“ (1920) vorgestellt, den man als eine Gegenrede zu Gorkis "russischem Bauer" lesen kann.


War das russische Bauerntum wirklich so? – Pro und contra

Gorki hat den „halbwilden“ russischen Bauern nicht erfunden. Vieles in diesem düsteren Bild des russischen Bauerntums ist auch aus der älteren russischen Literatur, z.B. in den Erzählungen Nikolaj Leskows und bei den Zeitgenossen Tschechow und Bunin zu finden. Der Leser im deutschsprachigen Raum kann sich anhand der Neuübersetzung von Bunins Erzählungen „Das Dorf“ und „Suchodol“ ( Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg, Zürich 2011) ein Bild von der „sklavischen Ergebenheit und der mitleidlosen Grausamkeit der Dorfbewohner“ machen (Karla Hielscher in einer Rezension des Deutschlandfunks). In Suchodol pflegte man sich mit einer Riemenpeitsche zu Tisch zu setzen, erinnert sich eine alte Dorfbewohnerin, „für den Fall, dass es Streit gibt“. Und den gab es Tag für Tag. Aber Bunin zeigt auch die andere Seite des Landlebens: die tiefe Verbindung dieses Lebens mit der Natur, den hohen Wert der Arbeit im bäuerlichen Denken und die „Familiarität“ (semejstvennost’) in der sozialen Ordnung des Dorfes. Bauern, das Hofgesinde und die Gutsbesitzer verschmelzen zu einer von ihrem Ort geprägten Gemeinschaft, in der es Klassengrenzen, aber auch „Blutsvermischung“ über Jahrhunderte hinweg gab.
Diese konservative Linie in der Literatur über das russische Dorf haben in sowjetischer Zeit Bauerndichter wie Sergej Jessenin, Sergej Klytschkow, Nikolaj Kljujew u.a. weitergeführt, von Gorki mit Misstrauen beobachtet. Diese Klagen über den Untergang des „Bauernparadieses“ war für ihn „nicht die Lyrik, die unsere Zeit braucht“. Man muss aber zu Gorkis Ehre sagen, dass er diese Dichter wegen ihrer Originalität und sprachlichen Stärke auch geschätzt und bewundert hat, - ein Beispiel für den permanenten Konflikt zwischen dem Ideologen und dem Künstler Gorki. Im Falle des Dichters Pawel Wasiljew führte das dazu, dass Gorkis öffentliche kritische Bemerkungen über einige unbeherrschte Auftritte Wasiljews zu einer politisch motivierten Kampagne gegen den Dichter führten, die Gorki keineswegs so beabsichtig hatte und die er nur mit Mühe eindämmen konnte. Nach seiner Rückkehr nach Sowjetrussland hat Gorki seine Autorität bewusst mit richtungweisenden Artikeln in „Pravda“ und „Izvestija“ eingesetzt, war sich dabei aber nicht immer darüber im klaren, dass seine kritischen„Gedanken“ oft als Instruktionen verstanden und in administrative Maßnahmen gegen die kritisierten Autoren umgesetzt wurden. Gorkis Wort konnte sich unter Umständen in eine für den Betroffenen lebensgefährliche Waffe verwandeln.

In Gorkis zwiespältigen Reaktionen auf die Bauerndichter kam das zwiespältige Verhältnis Gorkis zum Thema des Bauerntums und zugleich zum Thema des russischen Volkscharakters zum Ausdruck. Die von ihm so erbarmungslos verurteilten halbwilden, besitzgierigen und fortschrittsfeindlichen Bauern bildeten doch zugleich das unerschöpfliche Reservoir der „russischen Menschen“, ihrer bei aller Schwerfälligkeit originellen, „talentierten“ Denkweise und Sprache, die er in seinem Werk geschildert hat. Insofern ist Gorki, der Künstler, die erste und wichtigste Gegenstimme zu dem politischen Pamphlet „Vom russischen Bauern“.

Es fehlte aber auch nicht an Widerspruch von seiten ihm nahestehender Zeitgenossen.
Einer von den in dem Artikel erwähnten neuen Bauernschriftstellern, vorgestellt als der „begabte Bauer Iwan Wolny“, genoss die besondere Sympathie Gorkis und ist auch Gegenstand des literarischen Porträts „Iwan Wolnow“ (so sein richtiger Name). Liest man dieses Porträt, so fragt man sich, ob Wolnow wirklich ein so zuverlässiger Zeuge für Gorkis Ansichten gewesen ist. Er war zwar am Ende seines Lebens (1931) ein überzeugter Bolschewik und bestätigte aus seiner persönlichen Erfahrung vieles von dem, was schon Tschechow und Bunin über die dunklen Seiten des Bauerntums geschrieben hatten, aber er war doch nicht einverstanden mit diesem Blick von Vertretern einer fremden Klasse, der auch vielen marxistischen Kritikern eigen war: „Sie haben das Dorf ohne jede Nachsicht verurteilt,“ wird Wolnow in Gorkis Porträt zitiert, und „keinerlei mildernde Umstände für die Sünden des Bauern gefunden. Man merkt, dass sie froh waren, von der Verpflichtung, über ihn nachzudenken, befreit zu sein, und so ihre Sympathien auf den Proletarier übertragen zu können“. Dies ist ein Vorwurf, der auch auf Gorki zutrifft.
In einem Brief an Gorki hat Wolnow schon 1925 ein neues Leben auf dem Lande beobachtet, das im Widerspruch zu Gorkis Ansichten stand: „Auf dem Lande ist Tauwetter, Umbruch, bald kommt der Frühling. Und es ist ein schrecklicher Umbruch, sage ich Ihnen, ein Umbruch des Geistes und der Gewohnheiten, des Alltagslebens und seiner ‚russischen’ Grundlagen“.
Wolnow liebte seine ländliche Heimat, wo er als Kolchosvorsitzender die Kollektivierung durchzuführen hatte, und er hat nicht wenig unter dieser Aufgabe gelitten. Gorkis gnadenlose Einstellung zum russischen Dorf - „soll es doch zugrunde gehen!“ - schmerzte ihn.
Die brutale Parole der Bolschewiki „Den Bauer muss man im Fabrikkessel herauskochen“ lehnte er ab: „Diese Kessel gibt es nicht“. Wolnow war gerade wegen seiner bolschewistischen Grundüberzeugungen ein unbequemer Mahner für die Staatsmacht. Nach seinem Tod 1931 verschwand er aus der Literatur, erst in den Jahren der Perestrojka erinnerte man sich wieder an ihn.


Das Schicksal der Dorfbewohner: Emanzipation und neue Versklavung

Unter dem Einfluss dieses und anderer Zeugnisse über eine Modernisierung nicht nur des ökonomischen, sondern auch des kulturellen Lebens auf dem Lande, begann Gorki seine Einstellung zum Dorfleben zu ändern. An seinen Schriftstellerkollegen und Freund Romain Rolland schickte er Anfang der 30-er Jahre ganze Serien von Berichten über die Erfolge der Kulturarbeit auf dem Lande: der Bücherhunger des Dorfes habe zu Engpässen in der Papierproduktion geführt, besonders den Frauen habe sich durch die Befreiung von der Hausarbeit und Bildungsangebote die Chance zu einem neuen Leben eröffnet. Scheidung von einem gewalttätigen Mann sei jetzt kein Problem mehr, konstatierte Gorki stolz. Manches wirkt hier unfreiwillig komisch: die Frauen gehen in modischer Kleidung und Seidenstrümpfen (!) aufs Feld, hatte Gorki beobachtet. Trotzdem: nicht alles war hier nur Wunschdenken. Es gibt seriöse Zeugnisse ausländischer Besucher über die erfolgreiche Moderniserung der Landwirtschaft in den 20er Jahren. Aber mit der Zwangskollektivierung und „Entkulakisierung“ begann die systematische Versklavung und Entrechtung der Landbevölkerung, der „stalinsche Feudalismus“ (so in einem Referat für Lehrer zu diesem Thema im Runet). In der Literatur wurden schamlose Lügen über das sowjetische Dorfleben verbreitet, z.B. in dem Roman „Der Ritter des Goldenen Sterns“ des Stalinpreisträgers Semen Babajewski. Gegen diese Schönfärberei war die 1958 beginnende Romanserie „Brüder und Schwestern“ von Fjodor Abramow gerichtet, die erstmals die bittere Armut auf dem Lande, die Rechtlosigkeit der Kolchosarbeiter und die Herrschaft der stalinistischen Bürokratie schilderte. Auf dieser Linie folgten in den sechziger Jahren die Autoren der „Dorfprosa“, von denen besonders Walentin Rasputin auch im Westen bekannt geworden ist. Ihre Versuche, das Leben der Dorfbewohner und ihre Welt in das gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, brachten jedoch bis heute keine wirkliche Klärung der tragischen und widerspruchsvollen Geschichte des russischen Bauerntums. Vieles wurde durch die Vermischung mit dem neu erwachten russischen Nationalismus wieder in ideologische Bahnen gelenkt und damit mehr verdunkelt als aufgeklärt. Die alten Mythen vom gutherzigen und frommen Bauern erlebten so in postsowjetischer Zeit eine Wiederbelebung.

Russophobie oder bittere Wahrheit? – Meinungen von heute

In der Zeit der Perestrojka gehörte Gorkis „Vom russischen Bauern“ zu dem neu entdeckten Material, das geeignet war, den sowjetischen Klassiker als einen Verräter an den nationalen Traditionen zu entlarven. Das gilt z.B. für den 1991 erschienenen Artikel „Traurige Überlegungen zu Maxim Gorkis mit viel Geschick verfassten Artikel ‚Vom russischen Bauern’“ des angesehenen Bauernschriftstellers der sowjetischen Periode Boris Moschajew (Mozhaev). Durchdrungen von dem antisowjetischen Geist der Perestrojka, erklärte Moschajew Gorkis Artikel, den er gerade zum ersten Mal gelesen hatte, zu einer ungeheuerlichen Verleumdung des russischen und sowjetischen Bauerntums und zu einer Beleidigung der ganzen Nation. Der verächtliche Ton Gorkis, erklärt Moschjew, erinnnere ihn an den Lakaien Smerdjakow in Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“, der sein Bedauern darüber ausdrückt, dass die barbarischen Russen im Krieg gegen Napoleon nicht von den Vertretern einer höheren Kultur unterworfen worden seien. In der Sache habe Gorki zudem keine Ahnung von den Verhältnissen auf dem Lande gehabt. Schon vor der Revolution habe es auf dem Lande intensive Beziehungen zur Kultur der Städte und einen beträchtlichen Anteil von Lesekundigen in der Bevölkerung gegeben. Die von Gorki geschilderte Grausamkeit sei weder dem Volk noch dem vorrevolutionären Staat, sondern allein den Kommunisten anzulasten. Die angebliche Dummheit der Bauern sieht Moschajew eher als einen ideologiefreien gesunden Menschenverstand, der die Grundwerte des Eigentums und des Rechts hochhielt und der mit dieser Klasse leider verschwunden sei. Die Vernichtung der Bauern, eine Reihe von monströsen Verbrechen, sei von Gorki in einer beispiellosen Weise gerechtfertigt worden. Moschajew hält es dabei offenbar für unerheblich, dass der Hauptteil dieser Verbrechen erst ein Jahrzehnt nach der Entstehung des Artikels begangen wurde. Trotzdem trifft diese gnadenlose Abrechnung mit Gorki den Schriftsteller nicht ganz unverdient, sie ist das Spiegelbild seines eigenen Stils in „Vom russischen Bauern“, - und ebenso ungerecht.

Die Verfasser von Blogs und die Teilnehmer eines Internetforums (http://forum.north-america.ca) zu Gorkis Artikel „Vom russischen Bauern“ zeigen in ihren Stellungnahmen oft eine starke Betroffenheit von diesem tragischen Thema, aber kaum solides Wissen von den Zusammenhängen. Wiederholt erscheint wie bei Moschajew der Vorwurf der „Russophobie“, das heutige Standardargument für unpatriotisches Verhalten. Dazu Überlegungen zur Natur des Menschen allgemein und zu Beispielen der Grausamkeit bei anderen Völkern, nach denen man nicht lange suchen muss. Interessanter erscheint mir die eher nachdenklich gestimmte Stellungnahme eines gewissen Mitridat in dem genannten Forum. Sie ist ein gutes Beispiel für die schwierigen Fragen, die sich einem russischen Menschen von heute und ehemaligen Sowjetbürger stellen, wenn er mit diesem Thema konfrontiert wird. „Da lese ich nun Gorki und denke: grauenvoll, einfach grauenvoll. Und dabei man muss doch bedenken: die Eltern meiner Eltern, väterlicher- und mütterlicherseits, stammten von diesen grauenvollen Bauern ab. Für meine Eltern war das Dorf schon Exotik (sie waren schon in Städten geboren). Ich selbst kenne das Dorf nur aus ethnografischen Museen…
Ich schaue auf eine Fotografie: ein glattgeschorener Bauer mit schwerem Blick und vorgeschobenem Unterkiefer. Er könnte leicht auf ein Plakat der Miliz passen: ‚Gesucht werden…’. Und dabei ist das mein Großvater, Literaturwissenschaftler und stellvertretender Direktor eines Tolstoj-Museums, Absolvent der Moskauer Universität, Intelligenzler der ersten Generation. – Überhaupt ist in unserem Leben alles relativ“.
Wir sind wieder bei den Fotos, die so passend zu Gorkis „russischem Bauern“ scheinen und vielleicht gar nicht passend sind. Mancher von uns hier in Deutschland verfügt sicher auch über Familienfotos, die zu solchen Überlegungen Anlass geben könnten. Die meisten von uns stammen schließlich auch von Bauern ab, die – auf Fotos und in Wirklichkeit – nicht immer nur verehrungswürdige Patriarchen waren.


Tschajanows „Reise in das Land der bäuerlichen Utopie“ (1920)

Was wäre gewesen, wenn in Russland die Bauern an die Macht gekommen wären? Auf diese Frage antwortete der Agrarökonom und Schriftsteller Alexander Tschajanow in seinem 1920 in Moskau erschienenen Roman „Reise meines Bruders Alexej ins Land der bäuerlichenUtopie“. Eine deutsche Übersetzung dieses bemerkenswerten Phantasieprodukts ist 1981 in Frankfurt a.M. erschienen (s. Literaturangaben am Ende des Eintrags), und die Herausgeberin hatte die glückliche Idee, Gorkis „Vom russischen Bauern“ als Anhang beizufügen. Äußerungen der beiden Zeitgenossen über das Werk des anderen sind (mir) nicht bekannt, aber Tschajanows Roman und Gorkis Artikel erscheinen in vielen Punkten wie ein Streitgespräch über die Bauernfrage. Tschajanow war als Agrarökonom an Moskauer Hochschulen tätig und wurde nach der Revolution ein Sowjetfunktionär, der bis zu seiner Verhaftung 1930 ein angesehenes agrarökonomisches Institut bei Moskau leitete. Nebenbei schrieb er Theaterstücke und Prosa in der romantischenTradition E.Th.A Hoffmanns und interessierte sich für Kunstgeschichte. Tschajanows Persönlichkeit und seine utopische „Reise“, die nur auf persönliche Weisung Lenins erscheinen durfte (W. Kasack, Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrunderts), sind zusammen ein bemerkenswertes Zeugnis über die Atmosphäre der ersten Jahre nach der Revolution, in der vieles möglich war, sogar Gedanken über ein sozialistisches Bauernparadies.

Tschajanows Held denkt, bevor er seine Traumreise antritt, mit Sorge über die Parolen der Revolution nach. Gerade ist das Dekret erlassen worden, das die häusliche Verpflegung verbietet und damit „das süße Gift der bourgeoisen Familie“ aus dem Dasein der Menschen vertreiben soll. Obwohl er ein überzeugter Sowjetfunktionär ist, macht ihm diese Politik Angst. Auf seiner Traumreise in das Land der Zukunft erfährt er dann, dass die Gesellschaftsform, aus der er kommt, in der neuen Welt des Jahres 1984 (ob George Orwell hier die Anregung für seinen bekannten Roman erhalten hat, ist ungeklärt) als „staatlicher Kollektivismus“ bezeichnet wird und als ein überwundener Irrweg des Sozialismus in „trauriger Erinnerung“ ist. Alles, womit sich das sowjetische System selbst als höchstentwickelte Gesellschaftsform rühmte: die Herrschaft des Proletariats, Großstädte mit Hochhäusern und riesigen Fabrikhallen, die Unterwerfung der Natur mit Staudämmen und einer mechanisierten Landwirtschaft – alles dies war ein Irrweg! Und ein Vertreter dieses Systems wagte es schon 1920, in einem von Bürgerkrieg und Hunger heimgesuchten Land, diesen Gedanken auszusprechen, wenn auch nur in der Form einer in leichtem Ton gehaltenen literarischen Utopie. Die Zukunft, so Tschajanows Botschaft, gehört den Bauern, die die besseren Sozialisten sind. Kremnev, Tschajanows Held, erwacht in einem wahrhaft paradiesischen Land, amerikanisch anmutende Autobahnen und Luftschiffe fügen sich in eine liebliche, parkartige Landschaft, anstelle von Hochhäusern bilden Bauernhöfe die Wohn- und Arbeitsstätten der Menschen.
Man könnte meinen, hier werde Gorkis Bild vom russischen Bauerntum Punkt für Punkt in sein Gegenteil verkehrt. Sind die Bauern wilde Anarchisten? Nein, aber sie wollen keinen allmächtigen Staat, die Organisation des Gemeinschaftslebens soll vor allem von Genossenschaften und anderen kooperativen Einrichtungen getragen werden. Sind sie Feinde der Städte? Das trifft nur bedingt zu, ihre Politik ist auch hier von gesundem Menschenverstand geleitet. Im Jahr der Zukunft 1944 haben sie ein „Dekret über die Vernichtung aller Städte über 20.000 Einwohner“ erlassen, nachdem sie auf legalem Wege als Mehrheit an die Macht gekommen waren. Der Abriss der Hochhäuser führte zwar zeitweilig zu chaotischen Landschaften, aber das Ergebnis gibt den Planern Recht. Sogar die Erlöserkathedrale in Moskau wird teilweise abgerissen, bleibt aber als mit Efeu bewachsene malerische Ruine erhalten (jedenfalls eine poetischere Lösung im Vergleich mit dem Totalabriss 1931 und der 2000 abgeschlossenen Neuerrichtung.)
Ist die bäuerliche Arbeit eine „Versklavung durch den Boden“? Nein, sagen Tschajanows Bauern, der landwirtschaftliche Familienbetrieb ist vielmehr die natürliche Arbeits- und Lebensform des Menschen. Handarbeit geht vor Maschinenarbeit, der Bauern kümmert sich persönlich um seine Pflanzen. Ertragssteigerung ist nicht alles, nur Qualität durch selbstbestimmte Arbeit zählt. Sklavenarbeit ist der Fluch, den der Kapitalismus den Menschen gebracht hat. Die Planwirtschaft des „staatlichen Kollektivismus“ hat diesen Zustand noch verschlimmert, gibt der Ökonom Tschajanow zu verstehen und formuliert den für sowjetische Zensurverhältnisse unglaublichen Satz: „Das System des Kommunismus verwies alle am Wirtschaftsleben Beteiligten auf etatmäßige Tagelöhnerpositionen und raubte ihrer Arbeit somit jegliche Motivation“. Im Paradies der Bauern ist die Industrieproduktion zwar weiter unentbehrlich, insbesondere für die Regulierung des Wetters durch „magnetische Kraftwerke“, aber sie wird durch hohe Steuern und sonstige Maßnahmen unter Kontrolle gehalten. „Unproduktive“ Einkommen aus Aktien u.ä. sind abgeschafft.

Sind die Bauern grausame Bestien? Undenkbar in dieser friedlichen Welt. Die Bauern lehnen es auch ab, ihre vernünftigen Ideen in den Formen eines aufgeklärten Absolutismus durchzusetzen. „Wir wollten die Welt durch die Überlegenheit unserer organisatorischen Ideen erobern“, sagt einer ihrer Wortführer im Roman, „nicht dadurch, dass wir jedem Andersdenkenden ‚in die Fresse schlugen’“. Die Freiheit der Persönlichkeit ist in dieser Welt ein heiliges Recht.
Ist Bauernherrschaft gleichbedeutend mit der Vernichtung der Kultur? Im Gegenteil, gerade auf diesem Gebiet scheint Tschajanow Gorkis Träume von einer sozialistischen Kultur überbieten zu wollen. Die Städte sind nicht mehr zum Wohnen da, sie dienen vielmehr als Versammlungsorte und neue Zentren der Bildung und Kultur. Kultur bedeutet dabei nicht nur bäuerliche Folklore, die hier natürlich nicht fehlen kann, sondern die Pflege eines säkularen, aufklärerischen Geisteslebens mit einem Bildungssystem, das mit „Pflichtreisen“ (ins Ausland!) und Wehrdienst für Weltoffenheit und Gemeinschaftsgeist sorgt . Die Kunst, besonders die Malerei, genießt öffentliche Förderung. Für die Nationalhymne des neuen Russlands hat Tschajanow ein Symbol gewählt, das Gorki als geistigen Diebstahl hätte empfinden können: Skrjabins sinfonische Dichtung „Promethée“, dem Lieblingshelden Gorkis Prometheus gewidmet.

Bemerkenswert ist auch das Vorwort zu Tschajanows Roman. Es stammt von dem namhaften Publizisten, Diplomaten und Literaturkritiker Watzlaw Worowski aus den Reihen der alten Bolschewiki und enthält eine musterhafte marxistische Analyse dieser von einem bäuerlichen Klassenstandpunkt verfassten „falschen“ und „illusionären“ Vision. Man werde nun vielleicht fragen, erklärt der Verfasser am Schluss, warum so etwas trotzdem gedruckt und verbreitet werden darf. Und er gibt darauf die vernünftige, aber gänzlich unzeitgemäße Antwort, der Bauer solle doch wissen, „wie sich Menschen, die anders als wir denken, die Zukunft vorstellen, … damit er sich kritisch und bewusst mit den Beweggründen des Gegners auseinanderstezen kann“. In der Regel bevorzugte das Regime, wie wir wissen, eine andere Methode, nämlich die, Andersdenkenden „in die Fresse zu schlagen“, wie es im Roman heißt.

Der Leser von heute wird in Tschajanows Roman, neben vielen Torheiten, wie sie zu utopischer Literatur gehören, interessante Parallelen zu Diskussionen unserer Tage über ökologische Landwirtschaft, Raubbau an der Natur, fremdbestimmte Arbeit und Finanzkapitalismus finden. Aber der Wahrheit über das russische Bauerntums und sein Schicksals kommen wir auch dort nicht näher. Die drei Frauen auf unserem Foto schauen den Betrachter an. Wer sie sind und was aus ihnen geworden ist, verraten sie uns nicht.


Die Zitate aus Gorkis Artikel „Vom russischen Bauern“ und aus Tschajanows Roman folgen der Ausgabe:
Alexander Wassiljewitsch Tschajanow, Reise meines Bruders Alexej ins Land der bäuerlichen Utopie. Aus dem Russischen von Christiane Schulte und Rosalinde. Herausgegeben von Krisztina Mänicke-Gyöngyösi. Frankfurt a.M.: Syndikat, 1981
(Gorkis Artikel als Anhang, S. 89-110 nach der deutschen Übersetzung Berlin 1922; ein Teilabdruck desselben Textes findet sich auch in: Russen in Berlin 1918-1933, herausgegeben von Fritz Mieracu, Reclam Leipzig 1987, S.116-132)


Den Text des früheren Artikels zum russischen Nationalcharakter „Zwei Seelen“ (1915) mit anschl. Kommentar finden Sie hier.

Kategorie: Streit um Gorki

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