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Gorki - der bekannte und der unbekannte

Sonntag, 02. September 2007, 18:16:54 | Armin Knigge

Gorki - der bekannte und der unbekannte

Was verstehe ich unter dem „unbekannten Gorki“? Da wäre zuerst zu klären, wer eigentlich der „bekannte“ Gorki ist. Hier wie da geht das nicht mit zwei Worten ab. Die Rezeptionsgeschichte Gorkis ist mit Klischees gepflastert. Sehen wir einmal vom „Sturmvogel“ der Revolution und ähnlichen ab und wählen als Arbeitshypothese ein in jüngster Zeit in Russland vielgebrauchtes Wort – der „vielgesichtige Gorki“ (многоликий Горький). Das klingt nicht „stolz“ (wie in dem vielzitierten „Mensch – das klingt stolz“ aus „Nachtasyl“), wohl aber ein wenig postmodern und „interessant“. Ja, Gorki ist heute wirklich vielgesichtig, wenn auch nicht im Westen, wo er immer noch als die graue Maus des sozialistischen Realismus gering geschätzt oder einfach ignoriert wird. wohl aber in Russland, wo sich in den Wandlungen des Gorki-Bildes die Umbrüche der letzten Jahrzehnte spiegeln. Beginnen wir mit dem uralten Gorki, der immer noch seine Anhänger hat und in der „Großen Sowjetenzyklopädie“ (1952) so beschrieben wird: „großer russischer Schriftsteller, Begründer (основоположник) der Literatur des sozialistischen Realismus, Ahnherr (родоначальник) der Sowjetliteratur“. Von den drei Teilen dieser Bestimmng haben zwei – der sozialistische Realismus und die Sowjetliteratur – ihr Ende gefunden, der dritte – die Größe Gorkijs – ist mit einem Fragezeichen versehen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion musste unausweichlich auch der sowjetische Gorki verschwinden, jenes gewaltige, monolithische und drohende Kultursymbol dieses Staates.
Während der Perestrojka ging viel Neues (im Sinne von neuen Materialien) in das Bild des Schriftstellers ein, überwiegend zum Nachteil seiner Reputation. Das gilt zuerst für die Teilveröffentlichung seines Briefwechsels mit Stalin ( s. dazu den Beitrag Eine schwere Schuld. Gorki und Stalin). Wenn die Herausgeberin der Briefe, T. Dubinskaja-Dzhalilova, feststellt, der von Gorki in den 30er Jahren verkündete „proletarische Humanismus“ sei faktisch ein „stalinscher“ Humanismus gewesen, so ist das nicht von der Hand zu weisen, was auch immer Gorki selbst mit diesem Begriff im Sinn hatte. Als ein schwerer Schlag für die moralische Autorität Gorkis erwies sich auch A. Solschenizyns „Archipel Gulag“, seine große Anklageschrift gegen das System der sowjetischen Straflager, die den Lesern in Russland nach der Veröffentlichung im Westen erst mit 25 Jahren Verspätung zugänglich wurde. Dort spricht Solschenizyn mit Empörung über das 1934 unter der Redaktion von Gorki erschienene Buch über den Weißmeer-Ostseekanal, der von Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen errichtet worden war. Dies sei ein „schändliches Buch“, das „zum ersten Mal in der russischen Literatur die Sklavenarbeit verherrlicht hat“.
Gleichzeitig mit solchen mehr oder minder gerechtfertigten Vorwürfen gegen den ‚politischen‘ Gorki erschienen auch abfällige Urteile über den Künstler (V. Pjecuch, „Gorki, der Bittere“ u.a.). Er sei einfach ein mittelmäßiger Autor, dem nur die staatliche Propaganda Größe verliehen habe. Diese Ansicht schien ihre Bestätigung in ähnlichen Urteilen aus den Kreisen der älteren russischen Emigration zu finden, deren Werke die russischen Leser ebenfalls erst mit der Perestrojka kennen lernten. Nun konnten sich die Gorki-Verächter – wenn auch mit zweifelhaftem Recht – auf den großen Ivan Bunin berufen, der sich voller Verachtung über diesen „ewigen Halbintelligenzler“ und seinen „beispiellos unverdienten Weltruhm“ geäußert hatte.
Die verschiedenen Komplexe negativer Urteile über Gorki bildeten zusammen die Kehrseite des zuvor bekannten Gorki, das (oft karikierte) Bild des entzauberten sowjetischen Klassikers, und sie schienen seinen Aussschluss aus dem Kanon der Literatur des 20. Jahrhunderts vorzubereiten. Im Westen hatte sich dieser Prozess der Dekanonisierung Gorkis schon in den 30er Jahren vollzogen, im Russland der Perestrojka kam es nicht zu diesem Ende. Im Gegenteil, gleichzeitig mit den „Entlarvungen“ und schweren Angriffen auf seine Autorität kam ein Prozess der „Rückkehr“ des Schriftstellers in die Kultur der Gegenwart in Gang. „Der Götze steht immer noch so, wie er gestanden hat“, wunderte sich der Kritiker P. Basinskij schon 1992 in der Literaturnaja gazeta. „Gorki ist unzerstörbar. Hier gibt es irgendein Geheimnis.“ Solche Hinweise auf das „Geheimnis“ oder das „Rätsel“ im posthumen Schicksal dieses Autors haben sich seither vermehrt. In ihnen äußert sich ein neues, seriöses Interesse an der „geistigen Persönlichkeit“ (M. Agurskij), insbesondere an dem eigentümlichen religiösen Bewußtsein dieses Atheisten, an seiner Nähe zu Nietzsche und den späteren französischen Existenzialisten. Aber in der Redeweise von Geheimnis, Rätsel u.ä. kommt auch eine gewisse Ratlosigkeit zum Ausdruck, die sich aus den kaum erklärbaren Widersprüchen im Denken und Handeln dieses Menschen ergibt. Nicht nur sein Verhältnis zum Bolschewismus und zu Lenin, auch das zum russischen Volk und seinen Perspektiven ist vom vielfachen Wechsel zwischen extrem gegensätzlichen Ansichten geprägt. Das bedeutet keineswegs, dass es Gorki an „Überzeugungen“ oder an der nötigen Charakterstärke gefehlt habe, um sie konsequent zu vertreten. Der schon erwähnte P. Basinskij weist in seiner Gorki-Biographie (2005 in der von Gorki begründeten Serie „Das Leben bedeutender Menschen“ erschienen) immer wieder auf die „Ambivalenz“ und „Widersprüchlichkeit“ im Denken und Handeln dieser Persönlichkeit hin. Nach dem ‚sowjetischen‘ und dem ‚antisowjetischen‘ ist nun der ‚vielgesichtige‘ Gorki in die wechselvolle Rezeptionsgeschichte des Schriftstellers aufgenommen.

Zum heute „bekannten“ Gorki gehört eine weitere, ziemlich eigentümliche Konzeption von Leben und Werk des Schriftstellers, nämlich die aus dem Umkreis der traditionellen Gorki-Forschung, die vor allem im Gorki-Archiv in Moskau (Teil des Instituts für Weltliteratur, das immer noch den Namen des Schriftstellers führt) und auf den regelmäßigen Gorki-Konferenzen (Gorkovskie chtenija) in Nizhni Novgorod betrieben wird. Nachdem diese Einrichtungen ihrer früher quasi staatlichen Autorität und der entsprechenden Finanzmittel beraubt sind, setzen sie ihre Arbeit unbeirrt fort und bringen der Forschungsarbeit über Gorki durch ihre Publikationen (insbesondere die bis Band 12 erschienene Ausgabe der Briefe und die Serie „Gorki-Archiv“) großen Nutzen. Die aufopferungsvolle Arbeit der Mitarbeiter unter schwierigen Bedingungen verdient Respekt und Anerkennung. Dennoch rufen die Publikationen aus dieser Umgebung den Eindruck einer gewissen Abgeschiedenheit vom gegenwärtigen kulturellen Leben in Russland hervor. In Inhalt und Stil erinnern diese Publikationen oft an die ritualisierten Formen des Umgangs mit dem „großen Schriftsteller Gorki“ der sowjetischen Periode. „Gorki ist groß, wertvoll, bedeutend und außerordentlich aktuell für unsere Tage.“ Der kategorische Ton dieser Feststellung ist kennzeichnend für viele Urteile aus der Gorki-Forschung alter Schule. In ihm drückt sich gleichsam die Stimmungslage einer belagerten Festung aus: wir geben „unseren“ Gorki nicht für Beleidigungen her! Kritische Bewertungen der Rolle Gorkis in den Stalnzeit werden zurückgewiesen oder abgeschwächt. Wenn Gorki in der Gestalt des Sowjetmenschen sein eigenes Ideal des MENSCHEN verkörpert gesehen habe, so sei er darin den „besten humanistischen Traditionen der russischen Literatur und dem Geist des Christentums gefolgt“. „Es ist nicht die Schuld des Schriftstellers, dass diese Idee entstellt und nicht in ihrer Ganzheit realisiert worden ist“. Veröffentlicht ein Jahr vor der 70. Wiederkehr der Ereignisse des Jahres 1937 müssen diese Worte ungläubiges Erstaunen hervorrrufen. Obwohl in der Gorki-Forschung viel von einer „neuen Sicht“ auf Gorki und der Notwendigkeit der Revision vieler Konzepte über ihn gesprochen wird, wird die Erneuerung des Gorki-Bildes nur mit einer fragwürdigen Methode der Addition betrieben, indem man dem traditionellen Gorki-Bild neue, „aktuelle“ Eigenschaften hinzufügt, ohne sich Gedanken über die Verträglichkeit all dieser Komponenten untereinander zu machen: Gorki, so erfahren wir, ist „zutiefst national“, er ist ein religiöser Mensch, ein Feind der „Polittechnokraten“ u.a.m.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was eigentlich jener Gorki (im Profil) zu bedeuten hat, der seit einiger Zeit in das Logo der Literaturnaja gazeta „zurückgekehrt“ ist, wo Gorki nun wieder seinen angestammten Platz an der Seite Alexander Puschkins einnimmt. Ist das ein „neuer Gorki“ oder einfach ein Symbol dafür, dass, wie der Chefredakteur in einem Artikel dazu erklärt, „die Periode der Selbstzerstörung offensichtlich zuende geht“? Dann wäre Gorki hier so etwas wie ein trojanisches Pferd, der heimlich wiederhergestellte ‚alte‘ Gorki der sowjetischen Periode, ein Meilenstein auf dem Weg zurück zu einem „mächtigen Staat“.

Der heute „bekannte Gorki“ erscheint, wie man sieht, als ein ziemlich buntes Phänomen. Und wie steht es mit dem „unbekannten Gorki“, der die Hauptperson auf dieser Website sein soll? Unter den beschriebenen Varianten, die sich heute im Umlauf befinden, ist er wohl am ehesten in dem „vielgesichtigen“ Gorki Basinskijs und anderer Autoren zu finden. Über die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit seiner Persönlichkeit haben viele Zeitgenossen Gorkis gesprochen, darunter so seltsame (weil ihm geistig eigentlich nicht nahestehende) Verehrer wie der Symbolist Andrej Belyj, der 1922 in einer Rede zum dreißigsten Schriftstellerjubiläum des Autors erklärte: „Gorki ist widersprüchlich wegen seiner Vielschichtigkeit. Er ist wahrhaftig die Stirn unseres Zeitalters“. Andererseits beginnt die „Vielgesichtigkeit“ die Merkmale eines neues Klischees in der langen Reihe der geflügelten Worte über Gorki anzunehmen. Pluralität hat für sich allein keine Bedeutung, sie reduziert alle Inhalte auf Null.

„Der unbekannte Gorki“ auf diesem Blog – das ist zunächst einfach ein „interessanter“ Mensch und Künstler, er dient als Ausgangspunkt für eine freie Diskussion über verschiedene Themen, aktuelle und nichtaktuelle, die zu seinen „Überzeugungen“ gehören. Jedes dieser Themen, sei es der Mensch (mit großem und mit kleinem Anfangsbuchstaben), das russische Volk und seine Perspektiven, die russische Revolution oder die Bestimmung von Kunst und Literatur – besitzt in seinen Äußerungen und seinen literarischen Bildern zwei Seiten: eine festgelegte und offen zur Schau getragene, programmatische Fassung, und eine heimliche ‚Gegenstimme‘, in der sich Skepsis oder sogar ein tiefer Pessimismus zu Wort melden. Diese innere Spaltung wahrzunehmen und nach ihren Gründen in der Person, aber auch in der Zeit zu fragen, scheint mir eine spannende Aufgabe und ein guter Ansatz für die Suche nach Erkenntnissen, die weit über das Phänomen Gorki hinausgehen können.

Was meine persönlichen Meinungen und Vorurteile in Bezug auf Gorki angeht, so behalte ich mir das Recht vor, sie auszusprechen und zu verteidigen, habe aber nicht die Absicht, sie meinen Lesern aufzuzwingen. Der Umstand, dass der Verfasser und Redakteur des Blogs ‚von außen‘ auf Gorki und Russland blickt, wird, wie ich hoffe, keine Zweifel an seiner Kompetenz hervorrufen. Der Blick ‚von der Seite‘ ist nicht immer „der stolze Blick des Fremdstämmigen“ (гордый взор иноплеменный), der – wie der Dichter Tjutchev erklärt – das wahre Russland weder wahrnehmen noch verstehen kann. Die wichtigstenThemen, die mich an Gorki interessiert haben und weiter interessieren, sind oben genannt. Auch sein radikales „Westlertum“ und seine Predigt des „aktiven Menschen“ (trotz ihrer ermüdenden Wiederholungen eine in der russischen Tradition ungewöhnliche Predigt) sehe ich als eine für das heutige Russland zukunftsweisende Denkrichtung an, fruchtbarer jedenfalls als der blühende Dostoevskij-Kult mit seiner Verherrlichung des „russischen Menschen“. Auch die einsame Unbeirrbarkeit, mit der Gorki 1917/18 in seiner Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken“ gegen die Revolution der Bolschewiken und gleichzeitig auch gegen die Nationalisten und die „russische Dummheit“ zu Felde zog, nötigt mir Respekt ab. In Gorkis künstlerischem Schaffen spricht mich seine Galerie „russischer Typen“ besonders an, die hintersinnigen Störenfriede (озорники), die Sonderlinge (чудаки) und die „Philosophen“ aus dem Volk mit ihren schwerfälligen Gedanken. Ein bedeutendes literarisches Talent beweisen seine Verfahren der Charakterisierung solcher Menschen durch ihre Physiognomien, ihre Mimik und Gestik , ihre Sprache und ihre Denktätigkeit. Bemerkenswert finde ich eine Reihe „starker Frauen“ (neben Klischees der „ehrbaren Dirne“ u.a., die es aber bei Dostoevskij nicht weniger gibt), eine Reihe von anrührenden Geschichten zum Thema der unglücklichen Liebe („Matvej Kozhemjakin“, „Der Romantiker“, „Geschichte einer unerwiderten Liebe“) und vieles andere mehr.
„Das Leben des Klim Samgin“, den großen ‚Abschiedsroman‘, halte ich für einen künstlerischen Misserfolg und gleichzeitig für ein höchst interessantes und zu Unrecht weitgehend unbekanntes Werk der russischen Literatur. Gorki hatte sich darin eine unerfüllbare Aufgabe gestellt, den Versuch einer Selbsterziehung durch Selbstbestrafung, unternommen von einem „Plebejer“, der sich in die Welt der Intellektuellen verirrt hatte. (s.a. Mein Gorki)
Mein professionelles Interesse, das des Literaturwissenschaftlers, ist vor allem auf die Rezeptionsgeschichte dieses Schriftstellers und ihre Probleme gerichtet. Wer hat wann, wie und warum Gorki gelesen, und welche Eindrücke hat diese Lektüre im Leser ausgelöst? Entsprechend seiner interessanten Persönlichkeit ist Gorki auch nach seinem Tod ein sehr interessantes Schicksal zuteil geworden. Gegenwärtig hat allem Anschein nach ein neues Kapitel dieser Geschichte begonnen. Aus Fakten der Buchproduktion und anderen Informationen geht hervor, dass Gorkis Werke heute wieder geeignet sind, das Interesse eines breiteren Lesepublikums zu wecken. Leider weiß ich von diesem neuen ‚Massenleser‘ fast nichts. Was zieht ihn zu Gor’kij? Ist es Nostalgie, die Sehnsucht nach den sowjetischen Zeiten oder nach dem „Russland, das wir verloren haben“, d.h. nach der vorrevolutionären russischen Wirklichkeit, die uns im Werk Gorkis so vielfältig begegnet? Oder ist es einfach die Neugier, einen Autor kennen zu lernen, der immer noch einen großen Namen hat? Die vorliegende Website ist von mir nicht zuletzt in der Hoffnung eingerichtet worden, auf diese Fragen Antworten von meinen Besuchern zu erhalten, gleichgültig, ob sie aus Deutschland oder aus Russland stammen, ob sie sich professionell mit Literatur befassen oder ‚einfache‘ Leser sind. Mit Interesse und Vergnügen erwarte ich Ihre Reaktionen, verehrte Leserin, verehrter Leser!

Kategorie: Einführung

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