Blog > Eintrag: "Der Meister aus Russland" - Horst-Jürgen Gerigk über das Werk Dostojewskijs

"Der Meister aus Russland" - Horst-Jürgen Gerigk über das Werk Dostojewskijs

Freitag, 01. November 2013, 16:00:57 | Armin Knigge

Horst-Jürgen Gerigk: Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller. Vom „Toten Haus“ zu den „Brüdern Karamasow“, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2013

Dostojewskij ist der Klassiker für alle. Seine Bücher finden sich nicht nur in Buchhandlungen und Bibliotheken, sondern auch auf den Büchertischen der Warenhäuser. Sein Werk beschäftigt eine international vernetzte Forschung ebenso wie ein breit gefächertes Publikum, das von Bildungsbürgern bis zu wenig anspruchsvollen Liebhabern von spannenden Geschichten und Hollywood-Filmen reicht. Horst-Jürgen Gerigk ist der ideale Erklärer und Vermittler für alle, die mehr über das faszinierende und in vielem rätselhafte Phänomen Dostojewskij erfahren wollen. Der renommierte Vertreter der internationalen Dostojewskij-Forschung kann mit gleicher Kompetenz und Unterhaltsamkeit über die „poetologische Rekonstruktion“ eines Textes reden wie über die Besetzung einer Romanverfilmung nach Dostojewskij. In seinem neuen Buch kommen alle Seiten des „Meisters aus Russland“ zur Sprache, zuvörderst der „durchtriebene Handwerker des künstlerischen Effekts“, sodann der Psychopathologe des Verbrechens, der christliche Prophet und scharfsinnige Analytiker des modernen Menschen, schließlich der Propagandist des russischen Nationalismus und der orthodoxen Kirche. Den Hauptteil des Buches bilden die Interpretationen der fünf großen Romane, die Dostojewskijs Weltruhm begründet haben.
Im folgenden wird zuerst Gerigks Auffassung von den Aufgaben der Literaturwissenschaft, insbesondere von der Rolle des Lesers erörtert, danach geht es um das Verhältnis zwischen dem Künstler und dem Ideologen Dostojewskij und um die Themen und Interpretationsprobleme in den großen Romanen. Am Schluss wird der politische Dostojewskij-Kult im heutigen Russland erörtert, der in mehreren Einträgen auch in diesem Blog behandelt ist.

Die Beschreibung der Schlussszene des Romans „Ein grüner Junge“ (besser bekannt unter dem Titel „Der Jüngling“) mag manchem Dostojewskij-Verehrer pietätlos erscheinen, aber sie
gibt einen Eindruck wieder, den alle Leser des Klassikers kennen: „Die gesamte Szene ist von extremer Melodramatik geprägt. Alle sind erregt. Es wird geschrien, geschlagen, gespuckt, in Ohnmacht gefallen, und es fließt Blut, wenn auch nicht mit tödlichem Ausgang. Alles auf engstem Raum“. Zugleich erfahren wir, welche Assoziationen diese Machart früher auslöste und welche sie heute auslösen kann. Vom Standpunkt der zeitgenössischen Leser waren es die Boulevard-Romane des Franzosen Eugène Sue, während die heutigen sich eher an Hollywood erinnert fühlen. Eine mögliche Besetzung des entsprechenden Films – Leonardo DiCaprio als Arkadij Dolgorukij, Robert De Niro als Werssilow usw. – wird sogleich angeboten. Hinter solchen kurzweiligen Darstellungen der Literaturgeschichte vermutet man nicht gerade einen namhaften Vertreter der akademischen Literaturwissenschaft und der internationalen Dostojewskij-Forschung. Aber Horst-Jürgen Gerigk schafft es mühelos, diesen scheinbaren Gegensatz aufzuheben, und er hat in einer Reihe von Publikationen auch eine theoretische Begründung für seine Auffassung von den Aufgaben der Literaturwissenschaft gegeben. Seine philosophisch fundierten Thesen (er bezieht sich insbesondere auf Kant und Heidegger) besagen mit einfachen Worten folgendes: die Literaturwissenschaft soll und kann sich ihren Gegenstand, die „Literatur“, nicht selbst ausdenken und von dieser Definition ihre Aufgaben ableiten, sie muss sich mit dem „vorwissenschaftlichen“ lebendigen Prozess der Literaturgeschichte befassen, der von den nichtprofessionellen Lesern und ihrem „natürlichen Verständnis“ literarischer Werke in Gang gehalten wird. Dies besagt jedoch nicht, dass die Interpretation literarischer Werke, hier das Verstehen der Romane Dostojewskijs, in das Belieben der Leser mit ihren sehr unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten gestellt wäre. Gerigk hält im wesentlichen an der Methode fest, die als „immanente Interpretation“ bekannt ist. Ihr Gegenstand ist der Text, der alles, was zu seinem Verständnis nötig ist, selbst mitbringt, der also, um verstanden zu werden, auf Kommentare aus dem Umfeld seiner Entstehung, insbesondere aus dem Leben des Autors, aus der Gesellschaftsgeschichte, auch aus der Rezeptionsgeschichte des Werks selbst, letztlich nicht angewiesen ist. Gerigk spricht von „künstlerischen Sachverhalten“, von dem als „verstandene Welt“ fixierten Kunstwerk. Der Sinn dieses Kunstwerks, verstanden als die ins Werk gesetzte Intention des Autors, ist bei entsprechender Aufmerksamkeit des Lesers grundsätzlich erfassbar und führt zu einer, zumindest theoretisch, „richtigen“ Interpretation, die das Ergebnis einer „poetologischen Rekonstruktion“ darstellt. Allerdings bietet gerade Dostojewskij ein Beispiel dafür, dass diese Rekonstruktion dem Interpreten große Schwierigeiten bereiten kann. Zu Dostojewskijs Strategie gehört, wie der Verfasser betont, eine tiefe Abneigung gegen das „letzte Wort“, er versteckt regelrecht das Gemeinte und lockt den Leser auf falsche Fährten.

Das Buch „Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller“ zeigt in musterhafter Weise die eindrucksvollen Möglichkeiten dieser Herangehensweise, die Lust an der detektivischen Analyse der „machiavellistischen Poetik“ des Meisters aus Russland, es zeigt aber auch, wie schwer es ist, den gewaltigen Berg an Informationen und Meinungen über Dostojewskij einfach nur zusammenfassend darzustellen, geschweige denn, die Bedeutung solcher komplexer Phänomene wie der Kriminalpathologie, des orthodoxen Christentums oder des russischen Nationalismus für Dostojewskijs Werk auszuloten. Gerigks Buch enthält gleichwohl viel Material und zahlreiche interessante Urteile prominenter Dostojewskij-Leser zu diesen Themenfeldern. Was der Verfasser aus einsehbaren Gründen nur am Rande behandelt hat, ist die politische Wirkungsgeschichte Dostojewskijs, die mit der Wiederbelebung des russischen Nationalismus gerade einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Das zu erfassen, hätte ein anders lautendes Thema erfordert. In einem Maksim Gorki gewidmeten Blog kann dieser letzte Komplex natürlich nicht unbehandelt bleiben, zumal er in früheren Einträgen schon erörtert worden ist. Zuvor soll es aber um Kernthemen des Buches gehen: das Spiel des immanenten Autors mit seinem vorgestellten Leser, das Verhältnis des Ideologen und des Künstlers Dostojewskij zueinander und die Schwierigkeit einiger Interpretationen.


Dostojewskij und sein Leser

Dostojewskij hat „das Verhältnis zwischen Text und Leser auf ganz besondere Weise dramatisiert“, stellt der Verfasser im Vorwort fest. Er behält seinen Leser ständig im Auge, spielt mit seinem Rezeptionsverhalten, sowohl mit dem des naiven Lesers, der alles für bare Münze nimmt, als auch dem des „schlauen“, der sich in Vermutungen über das Geschehene ergeht. Beide können in die Falle tappen, die ihnen der Autor stellt. Ein Beispiel ist die Verführung des Lesers in „Verbrechen und Strafe“ (bekannter als „Schuld und Sühne“), sich mit dem blutbefleckten Mörder zu identifizieren. „Wir“, die Leser, sind mit ihm in dieser „Hölle der Angst“ eingeschlossen und hoffen mit ihm, dass er unentdeckt bleibt. Wer das bemerkt, macht eine Erfahrung mit sich selbst. In anderen Fällen geht es um Irritationen des Lesers, die sich aus der verwischten Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit ergeben. Dostojewskijs Darstellung des Verbrechens spielt immer mit den Erwartungen des Lesers, sei es des „sensationslüsternen Zeitungslesers“, sei es des „gesitteten Staatsbürgers“ mit seinen geheimsten Wünschen und Ängsten. Der gesamte Komplex der Lesererwartung wird vom Verfasser in einer Liste von „sieben Wirkungsfaktoren“ zusammengefasst, die bis heute die Attraktivität des Phänomens Dostojewskij ausmachen: Verbrechen, Krankheit, Sexualität, Religion, Politik, Komik und Spannung, wobei die Spannung durchaus nicht auf dem letzten Platz stehen muss.
Natürlich wünscht sich Dostojewskij, wie jeder Autor, einen idealen Leser, der alle Tricks des Autors durchschaut und ihm dennoch widerspruchslos folgt. Von ihm, dem Leser, wird vor allem Aufmerksamkeit, „Speicherungsfähigkeit“ und allgemein „Kunstsinn“ gefordert, nicht selten bis an die Grenze des Zumutbaren, stellt der Verfasser fest. Aber wie steht es mit der Freiheit des Lesers, könnte man fragen, wenn doch diese Eigenschaften nur zum „Nachvollzug“, der „poetologischen Rekonstruktion“ der Intention des Autors dienen? Dazu finden sich hier und da interessante Bemerkungen, die dem Leser gewissermaßen die Lizenz zur Verweigerung seiner Zustimmung erteilen, z.B. in Bezug auf den Roman „Böse Geister“ (besser bekannt als „Die Dämonen“). Man könne diesen politischsten aller Romane, das antirevolutionäre Pamphlet, „auch als willkommenes Musterbeispiel einer spannenden Geschichte“ lesen, räumt der Verfasser ein. Eine Akzentuierung des Sinns auf dem Schicksal Russlands „muss ein heutiger Leser nicht mitmachen“. Das eröffnet natürlich ein weites Feld der Diskussion über die Rolle des Lesers im allgemeinen, die ja in der Theorie der Rezeptionsästhetik zum Teil ins andere Extrem getrieben worden ist: jede Sinngebung ist zuerst vom aktuellen Kontext, d.h. vom Leser geprägt.


Dostojewskij – der Ideologe und der Künstler

Eine zentrale These des Buches ist die dominierende Bedeutung des Künstlers in der komplexen Persönlichkeit Dostojewskijs, sowohl im Verhältnis zu dem „Menschen“, d.h. dem Subjekt der Biographie, als auch zu dem Ideologen. Vieles in Dostojewskijs Leben, vor allem die Epilepsie, die Scheinhinrichtung und das Zuchthaus, legt den Gedanken nahe, dass es hier in erster Linie um ein Leben geht, das im Werk nur eine fragmentarische Abbildung erfahren hat. Gerigk widerspricht dieser Auffassung entschieden und mit überzeugenden Argumenten. Dostojewskij gehöre zwar zu den großen „Selbstverwertern“ in der Weltliteratur, aber seine bleibende Bedeutung bestehe in der künstlerischen „Verwandlung“ dieses Lebensstoffs: „Sein ‚Leben’ wäre heute für niemanden von Interesse, wenn es nicht das Leben dieses einen Schriftstellers gewesen wäre… Nicht er ist es, der sein Werk hervorbringt, sondern sein Werk ist es, das ihn hervorbringt“.
Komplizierter ist die Antwort auf die Frage, wie der Künstler von dem Ideologen abzugrenzen sei. Gemäß seiner Methode der poetologischen Rekonstruktion sieht der Verfasser Dostojewkijs Entwicklung vor allem als einen Prozess der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Sein Weg als Künstler sei „ganz von der Obsession praktizierter Erzählkunst beherrscht“. Die im Buch beschriebenen Experimente mit den Darstellungsformen der Innenwelt und der Außenwelt der Personen, der Welt des Traums, der willentlichen und unwillentlichen Erinnerungen u.a.m. bestätigen diese These. Sie scheint mir aber doch angreifbar durch ihre Beschränkung auf Formprobleme und eine gewisse Geringschätzung des Ideologen Dostojewskij, der vor allem als „missionarischer Christ“ und Propagandist des russischen Nationalismus gekennzeichnet wird, während in der Darstellung der großen Romane eine Reihe von künstlerischen Errungenschaften vorgeführt werden, die man sehr wohl dem Ideologen zugute halten könnte. Dostojewskij hat ja sein „neues Wort“ nicht nur in seinen zweifelhaften Thesen zur Rolle Russlands, zur „Ehrlosigkeit“ der Revolutionäre und zur „Judenfrage“ zum Ausdruck gebracht, sondern in einer Reihe von scharfsinnigen Beobachtungen, die heute ins allgemeine Bewusstsein eingegangen sind, etwa in der Antwort auf die Frage „Wie kommt das Böse in die Welt?“: „Weil es vom Menschen gewollt wird“. Sie gilt auch ohne theologische Begründung. Unbestritten ist heute auch Dostojewskijs Fundamentalkritik an einem „arithmetischen Humanismus“ (ein geopfertes Leben gegen tausend gerettete), der dem einzelnen Leben unterschiedliche Grade der Berechtigung zuschreibt. Hier ist vieles als Vorausdeutung auf den Totalitarismus in Kraft geblieben. Auch Dostojewskijs Beiträge zur Analyse der russischen Kultur und zum ewigen Thema des russischen Nationalcharakters können, wenn sie ohne Demagogie verwendet werden, durchaus einer freien und nicht unbedingt christlichen „Selbstfindung“ Russlands dienen. Welchen Stellenwert der Schriftsteller selbst diesen Gedanken in seinem künstlerischen Universum gegeben hat, wissen wir nicht. Gerigk hält es für denkbar, dass Dostojewskij sogar die „Eckpfeiler“ seiner Thematik, Kriminologie und Christentum, aus den Erfordernissen seiner „machiavellistischen Poetik“ abgeleitet hat. Der Künstler in ihm habe möglicherweise überlegt, ob sich nicht für das von ihm mit Vorliebe gestaltete Verbrechen, den Mord, „erst auf der Folie einer christlichen Ethik die höchste Leuchtkraft einstellt“. Hier muss der Verfasser gewiss mit Widerspruch rechnen, nicht nur in den Kreisen der Dostojewskij-Verehrer.


Die großen Romane

Den Hauptteil des Buches bilden fünf Einzelanalysen der großen Romane, die Dostojewskijs Weltruhm begründet haben: „Verbrechen und Strafe“, „Der Idiot“, „Böse Geister“, „Ein grüner Junge“ und „Die Brüder Karamasow“. Ein Wort vorweg zu den Titeln. Drei davon weichen von den fast ein Jahrhundert lang gebräuchlichen Überschriften ab und stammen von der 2010 verstorbenen Übersetzerin Swetlana Geier, der das Buch gewidmet ist. Ich weiß, dass viele Leser (darunter auch ich), über diese Neufassungen nicht so glücklich sind, wie die Verlagswerbung und die Rezensionen uns glauben machen wollen. Meiner Ansicht nach sollte man übersetzten Titeln, die sich über Jahrzehnte eingebürgert haben, so etwas wie einen Bestandschutz gewähren, sofern sie nicht als grobe Verfälschungen des Themas betrachtet werden müssen. Das ist aber bei den Titeln „Schuld und Sühne“, „Die Dämonen“ und „Der Jüngling“ nicht der Fall. Unter diesen Titeln haben Thomas Mann, Robert Musil, Stefan Zweig und viele ihrer Zeitgenossen die Romane gelesen, und in ihren Äußerungen dazu bleiben die Titel sowieso erhalten. Die Übersetzung „Ein grüner Junge“ halte ich zudem für einen schweren Missgriff. Ich kann dazu im Deutschen kein Beispiel für eine sinnentsprechende Anwendung entdecken. Frühere Versuche wie „Junger Nachwuchs“ und „Ein Werdender“ sind allerdings ebenfalls unpassend, „Der Jüngling“ klingt dagegen wie ein echter Klassiker. Diese Einwände beziehen sich natürlich nur auf die Titel, Neuübersetzungen des Gesamttextes gehören selbstverständlch zum literarischen Prozess.

„Verbrechen und Strafe“ ist und bleibt wohl auch der meistgelesene Roman, „der Dostojewskij“ schlechthin, in dem alle sieben Wirkungsgfaktoren - am stärksten das Verbrechen und am wenigsten die Komik – zur Geltung kommen. Aber auch die Demontage des abendländischen Helden Prometheus, des „Frevlers zum Heile der Menschheit“, gehört in der Gestalt Napoleons zu den starken Komponenten des Romanthemas. Die These, dass ein großer Teil der Handlung als „Phantasieleistung“ des träumenden Raskolnikow verstanden werden könne, obwohl es dafür keinen Beleg im Text gibt, wird wohl nicht ohne Widerspruch bleiben. Überspitzt erscheint diese Interpretation vor allem deshalb, weil sie einen Träumer voraussetzt, der seine eigene Geschichte verfälscht, einen „Kitsch-Menschen“, der sich mit erfundenen Geschichten das Ansehen eines Helfers und Retters verschaffen will. Es genügt wohl auch, diese sentimentalen Episoden mit der Nähe zur Trivialliteratur zu erklären, die Gerigk in diesem klassischen Roman konstatiert.

Der Held des Romans „Der Idiot“ wird in einer Formel charakterisiert, die Gerigks Begabung für präzise und zugleich elegante Formulierungen bezeugt: „das Urthema des lächerlichen Helden, der sich durch distanzlose Lauterkeit das Verdikt seiner ratlosen Umwelt zuzieht“. Gleichwohl ist diese scheinbar eindimensionale Figur eines absolut guten Menschen den Interpreten ein Rätsel geblieben. Alles in diesem Roman erscheint „übertrieben“, „extravagant“ und „phantastisch“, besonders die Schlussszene mit der toten Nastasja Filippowna, ihrem Mörder Rogoschin und seinem Rivalen Myschkin. Die Verbindung des „Narren in Cristo“ und der „femme fatale“ konnte nicht gut ausgehen, stellt der Verfasser fest. Die Szene nehme sich aus wie eine „nekrophile Andacht“.
Ein wenig extravant nimmt sich auch Gerigks Idee aus, den Roman mit dem „Camp“ genannten ästhetischen Programm von Susan Sontag (1969) in Verbindung zu bringen, einem „Signum elitärer Reflexion“. In einer Wendung gegen die etablierte Hochkultur der Kunst und ihre akademische Begleitung versammelt der Camp-Kanon kitschverdächtige Objekte wie die Zeichnungen Aubrey Beardsleys, „Schwanensee“, Federboas und fransenbesetzte Kleider, den Film „King Kong“ und weiteres dieser Art. Susan Sontag habe den „Idioten“ in ihrer Sammlung einfach vergessen, mutmaßt der Verfasser. Nabokows Urteil über den Roman – „ein verrücktes Haschee“ - wird angeführt und auch der berüchtigte „Idiotenführer durch die russische Literatur“, ein Dokument der Russlandverachtung, das Bertha Diener-Eckstein unter dem Namen Sir Galahad 1925 herausgegeben hat. Die „Camp“-Eigenschaften des Werks selbst provozieren solche Reaktionen, stellt der Verfasser fest. Am Schluss des Kapitels steht als Fortsetzunng dieser Linie der Phantastik und Extravaganz Oscar Wildes Drama „Salome“.

Die Bemerkung über den Roman „Böse Geister“ („Die Dämonen“), man könne das Buch als eine spannende Geschichte ohne die „russische“ Dimension lesen, ist oben schon angeführt. Als bedeutungsvoll und unverzichtbar wird uns jedoch die metaphysische Dimension in der Gestalt Stawrogins vorgeführt, sein „kreativer Nihilismus“, der eine „Anti-Schöpfung“ hervorbringt, in der die Teufelsgestalt Petr Werchowenskij und die zum Tode verurteilten Geschöpfe Stawrogins Schatow und Kirillow hausen. Stawrogins Beichte über den sexuellen Missbrauch eines Kindes bewertet Gerigk als „das Abgründigste, was Dostojewskij jemals geschrieben hat“. Das chaotische Fest und die anschließende „Feuersbrunst des Nihilismus“ veranschaulichen die Hölle der russischen Provinz und ihre metaphysische Dimension.

Den Roman „Ein grüner Junge“ (wenn er denn so heißen muss) nennt der Verfasser eine „geschriene Dichtung“. Eine Episode voller Melodramatik „typisch Dostojewskij“ aus dem Roman ist eingangs zitiert worden. Es geht um Vaterlosigkeit – ein Leitmotiv des Gesamtwerks – und um „pubertäres Weltverhalten“. Zu den wirkungsstarken Motiven Dostojewskijs gesellt sich hier die Gier nach Macht und Reichtum („ein Rothschild werden“), eine Krankheit, die der Held nach großen Enttäuschungen überwindet.

Als grandioses Abschiedswerk nimmt der Roman „Die Brüder Karamozov“ einen zentralen Platz in Gerigks Darstellung ein, ein Werk, in dem der Schriftsteller sowohl in der Funktion des „durchtriebenen Handwerkers des künstlerischen Effekts“ als auch in der des Kriminologen und missionarischen Christen alle Register seiner Kunst zieht. Ein Vater, der seine drei Söhne mit seiner hemmungslosen Verlogenheit und Lebensgier schon zu Lebzeiten vaterlos macht, erzeugt bei ihnen den Wunsch, er möge von dieser Welt verschwinden. Der „Wunsch des Bösen“ keimt bei allen auf, auch bei dem frommen Alexej, der ihn aber sogleich von sich weist. Dagegen wird das Böse bei Iwan, dem Intellektuellen, zum Mordgedanken, für dessen Realisierung er Smerdjakow, eine gewissenlose Lakaiennatur, vorgesehen hat. Smerdjakow wird auch wirklich zum Exekutor des Gedankens, nachdem Dmitrij, der seinen Vaters am heftigsten von allen hasst, im letzten Moment von der Tat Abstand genommen und dem Täter so den Platz freigemacht hat. Dostojewskijs provozierender Ausgang des Kriminaldramas besteht nicht darin, dass Dmitrij Opfer eines Justizirrtums wird, sondern darin, dass der Verurteilte die Schuld an einem Mord, den er nicht begangen hat, als sein Schicksal anerkennt und auf sich nimmt. Die für die Sinnfindung entscheidenden Fragen in der mit großem Nachdruck vorgetragenen Interpretation des Verfassers beziehen sich auf die These, Dmitrij sei der Hauptschuldige in diesem Komplott des Bösen, und auf die Bedeutung der Gerichtsverhandlung. In der Logik einer Stufenfolge des Bösen, die der Verfasser entwickelt, kann der Mordgedanke nur Realität werden, wenn aus dem Wunsch ein fester Tatentschluss hervorgeht, und das ist erst bei Dmitrij der Fall. „Ohne Dmitrij kein Mord“, lautet das Fazit. Gleichzeitig weist Gerigk die in der Dostojewskij-Forschung verbreitete Auffassung zurück, der Autor habe die Justiz als eine Einrichtung der Inkompetenz und Anmaßung lächerlich gemacht, während ein imaginäres göttliches Gericht den wahren Schuldigen erkannt und zur Einsicht gebracht habe. Die Unterscheidung zwischen einer realistischen und einer allegorischen Deutungsebene, die der Verfasser in der Regel anwendet, möchte er hier nicht gelten lassen. Das Gericht führt, so wie es da ist, den Ratschluss einer höheren Instanz aus: „Der Justizirrtum ist kein Störfall im Heilsgeschehen, sondern der Vollzug des Heilsgeschehens“.

Offene Fragen ergeben sich, wie mir scheint, vor allem in Bezug auf die These, Dmitrij sei der Hauptschuldige. Der Intellektuelle Iwan ist mit seinen Gedanken nahe bei einem Tatentschluss und verlässt den Ort des Geschehens, um dem Mörder freie Hand zu lassen. Einwände gegen eine Hauptschuld Dmitrijs können sich auch aus der Tatsache ergeben, dass dieser im letzten Moment Abstand von der Tat nimmt. Er hatte die Gelegenheit, hielt die Waffe in der Hand und wurde nicht gestört. Warum hat er den verhassten Vater nicht erschlagen? Darüber ist im Text nichts gesagt. Man könnte also meinen, Dmitrij erweise sich in dieser kritischen Situation als ein anständiger Mensch, der es nicht über sich bringt, einen Menschen zu töten. Eine mögliche Erklärung könnte auch darin bestehen, dass Dostojewskij diesen Menschen, der mit der Anerkennung seiner Schuld zu einem moralischen Helden werden soll, nicht mit blutbefleckten Händen und der ganzen Hässlichkeit einer Mordtat verunzieren wollte. Raskolnikow ist mit einer solchen Untat belastet und kann bis zum Schluss nicht von ihr exkulpiert werden. Wie dem auch sei, die gedankenreiche Analyse dieses großen Romans, in der unter anderem eine ausgelassene Zeile (der Vollzug der Tat) und eine Tür (geöffnet oder geschlossen) entscheidende Bedeutung für die Handlung und den Sinn des Ganzen erlangen, bildet einen würdigen Abschluss der Werkdarstellungen in diesem Buch.
Im Kapitel „Leben und Werk“ schließt Gerigk seine Deutung der „Brüder Karamasow“ mit dem Gedanken ab, dass Dostojewskij in diesem Roman die Geschichte seines eigenen „Verbrechens“ (der politischen Rebellion) und seiner gerechten „Strafe“ (dem Zuchthaus) aufgearbeitet und „den Frieden mit sich selbst geschlossen“ habe. Diese gewissermaßen regelwidrige Überschreitung der Grenzen der immanenten Interpretation erscheint so als ein zwar nicht obligatorischer, wohl aber gewichtiger Baustein zum Verständnis des Romans, in dem sich Werk und Leben des Autors vollenden.


Dostojewskij im heutigen Russland

Zum Schluss sollen hier, wie angekündigt, einige Bemerkungen zum Problem der politischen Instrumentalisierung Dostojewskijs und seines Werkes folgen. Dostojewskijs Person und sein Werk waren schon zu seinen Lebzeiten eine ergiebige Quelle für „antinihilistische“, antiwestliche und antisemitische Strömungen in der russischen Gesellschaft. Besonders das „Tagebuch eines Schriftstellers“ (acht Bände!), diente solchen Zwecken, und dies mit voller Zustimmung des Autors. Was die künstlerische Produktion Dostojewskijs betrifft, so stellte die Inanspruchnahme von Gestalten und Motiven mit dieser Zielrichtung oft eine missbräuchliche Benutzung dar. Der Künstler Dostojewskij war mit der Deklaration seiner politischen Ansichten deutlich zurückhaltender als der Verfasser des „Tagebuchs“. In der Dostojewskij-Forschung war lange sogar die Ansicht verbreitet, das künstlerische Werk sei überhaupt von den ideologischen Abwegen des Publizisten nicht betroffen. Horst-Jürgen Gerigk gehört zu denjenigen, die in dieser Sache für klare Worte gesorgt haben. Der Ideologe Dostojewskij ist auch im künstlerischen Werk anwesend, stellt er in dem vorliegenden Buch fest, auch wenn er dort nicht „zu Hause“ ist wie im „Tagebuch“, sondern nur „zu Gast“. „Das Böse hat ausländisches Blut“, wird dem Leser oft suggeriert, vorzugsweise polnisches.

In diesem Blog ist der „politische Dostojewskij“ in drei Einträgen behandelt (Links am Ende des Eintrags). Einer von ihnen, „Gorki gegen Dostojewski: Kampf um das Selbstbild der Russen“, betrifft die kritische Reaktion Gorkis auf Inszenierungen der „Brüder Karamasow“ und der „Dämonen“ am Moskauer Künstlertheater im Jahre 1913. In dem Artikel „Über das Karamasowtum“ protestierte Gorki gegen die Aufführungen mit der Begründung, sie stelltem das Sadistische und Krankhafte bei Dostojewskis zu sehr in den Vordergrund. Als Beispiel nannte er die Figur Fjodor Karamsows. Dieser von Dostojewski meisterhaft dargestellte „krankhaft böse Mensch“ sei unzweifelhaft „eine russische Seele“, und in dieser Eigenschaft ein gefährliches und „schädliches“ Vorbild für das leicht verführbare russische Publikum. Der Skandal, den dieser Auftritt auslöste, hat dazu geführt, dass Gorkis Argumentation im einzelnen kaum noch beachtet wurde. Dabei gibt es in diesem Artikel Vorwürfe an die Adresse Dostojewskijs, die auch heute noch als berechtigt gelten können, insbesondere Aljoscha Karamazovs Antwort auf die Frage, ob es wahr sei, dass „die Jidden zu Ostern Kinder stehlen und umbringen“. Die Antwort lautet „Ich weiß es nicht“. Empört über dieses Wort, nahm Gorki den Helden gegen seinen Autor in Schutz: Der sanfte Aljoscha hätte niemals so antworten können, erklärte er, weil er unmöglich an diese „schändliche Legende“ hätte glauben können.

In dem Eintrag „Dostojewski: ‚Politisches Testament’“, geht es um eine Sammlung von Artikeln aus dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ und Fragmenten aus dem künstlerischen Werk, die 2006 in Moskau erschienen ist und als „filosofskij bestseller“ annonciert wurde. Der Titel „Politisches Testament“ erweist sich im Vorwort als ein Katalog von moralischen und religiösen Anweisungen des Klassikers an die Bürger des heutigen Russlands: Abkehr von der „raubtierhaften Gier nach materieller Versorgung“ wird da gefordert, als vorbildlich gerühmt dagegen das dem russischen Menschen innewohnende „unaufhörliche Bedürfnis nach reinigenden Leiden“. Schatows Worte über das „Gottträger“-Volk der Russen aus den „Dämonen“ wird zusammen mit dem Kommentar Wassilij Rosanows zitiert: „Für die Russen ist das die Heilige Schrift“. Die bekannte Formel „Puschkin – unser alles“ soll nach dem Willen der Herausgeber auf den wahren Klassiker umadressiert werden: „Dostojewskij – unser alles“.

Im dem Eintrag „Über schädliche Klassiker in der Schule“ wird diese Formel zu einem bildungspolitischen Programm erhoben. Es handelt sich um den TV-Auftritt des einflussreichen Kulturpolitikers Pawel Poschigailo im März 2013. Die klassische russische Literatur habe „eine Weltanschauung vertreten, die vom orthodoxen Christentum abgetrennt“ gewesen sei, und sie habe damit „Revolutionäre erzogen“, erklärte Poschigailo Dies erfordere eine strengere Aufsicht über den Literaturunterricht in der Schule, nicht nur Saltykow-Stschedrin, sondern auch Turgenjew müssten mit kritischen Kommentaren versehen werden. Das Allheilmittel gegen die schädlichen Einflüsse ist Dostojewskij, vor allem sein Roman „Verbrechen und Strafe“, der eine neue allegorische Bedeutung erhält: das Verbrechen des russischen Volkes war die Oktoberrevolution und die Strafe dafür waren 70 Jahre Kommunismus. Mit Dostojewskij wird das solchermaßen schuldig gewordene Volk den Weg zurück zum Glauben finden, hofft der Berater des Präsidenten, denn der russische Klassiker hat erkannt: „Der Mensch ohne Gott verwandelt sich in ein Tier“. „Ich denke, die Eingliederung in die Kirche (vocerkovlenie) muss über die russische Literatur erfolgen“, erklärte Poschigailo, und meinte damit in erster Linie Dostojewskij. Die Idee einer Verschmelzung von Staat und Kirche, von Dostojewskij als ein weit entferntes Ideal verkündet, erweist sich so als willkommene Unterstützung der neuen Staatsautorität.

Was bedeutet dieser neue Dostojewskij-Kult für unser Verständnis des Schriftstellers und seines Werks? Man könnte darin nicht mehr als eine missbräuchliche Benutzung seines Namens und seiner Autorität sehen und darauf verweisen, dass die Dostojewskij-Verehrer aus den Kreisen der Patrioten meist gar nicht willens und in der Lage sind, Dostojewskij zu verstehen. Der „Meister aus Russland“ in dem besprochenen Buch würde sie , wenn sie ihn denn kennen lernten, nur in ihrer Meinung bestätigen, dass aus dem Westen nichts Gutes zu erwarten ist. Dennoch stellt der politische Dostojewskij-Kult eine ernstzunehmende Gefahr dar. Er schadet nicht nur der im Aufbau befindlichen Zivilgesellschaft in Russland, sondern auch dem Ansehen des Künstlers Dostojewskij, der in der Rolle des „Staatsschriftstellers“ präsentiert wird.

Einträge zu Dostojewskij:

Gorki gegen Dostojewski: Kampf um das Selbstbild der Russen
Dostojewski: „Politisches Testament“
Über schädliche Klassiker in der Schule

Kategorie: Russland und die Russen

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang