Blog > Eintrag: Maxim Gorki: Unbekannte Erzählungen, Berlin1941 – Zum Thema des Mitleids

Maxim Gorki: Unbekannte Erzählungen, Berlin1941 – Zum Thema des Mitleids

Donnerstag, 05. Dezember 2013, 10:28:52 | Armin Knigge

Maxim Gorki: Unbekannte Erzählungen, Berlin1941 – Zum Thema des Mitleids

Ein Band mit Erzählungen Maxim Gorkis in deutscher Sprache, erschienen 1941 in Berlin, im Jahr des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion – das wirft Fragen auf. Nicht nur deshalb, weil hier ein in Hitlerdeutschland verbotener Autor gedruckt wurde, sondern auch deshalb, weil die 17 in diesem Band enthaltenen Erzählungen überwiegend zum ersten Mal in deutscher Sprache, einige zumindest neu übersetzt erschienen und in diesem Sinne unbekannt waren. Der Band ist bei F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung erschienen, als Übersetzer wird Paul Kamin genannt. Ein Vor- oder Nachwort, in dem man etwas über die Entstehung dieser Ausgabe erfahren könnte, gibt es nicht. Gefunden habe ich diesen interessanten Titel in dem 2012 erschienenen Buch „Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen“ meines Kollegen Friedrich Hübner. Diese „kommentierte Bibliographie“ ist weit mehr als die fleißige Sammelarbeit eines Spezialisten auf dem Gebiet der Rezeption der russischen Literatur im deutschsprachigen Raum, sie bietet zu den 3220 Positionen deutscher Erstübersetzungen russischer belletristischer Texte, erschienen 1900 -1990, ein umfassendes und vielfältiges Bild dieses wichtigen Kapitels der deutsch-russischen Kulturbeziehungen. In den Kommentarteilen erfährt man Wesentliches nicht nur über die politischen, rechtlichen und sonstigen Rahmenbedingungen der Buchproduktion, sondern auch über die Verlage und die einzelnen Persönlichkeiten, die an der Vermittlung russischer Literatur in Deutschland mitgewirkt haben wie Iwan Ladyschnikow, Johannes von Guenther, Arthur Luther, Wieland Herzfelde und viele andere. Die Rezeption Maxim Gorkis im deutschsprachigen Raum nimmt in Hübners Buch breiten Raum ein, denn mit dem Werk Gorkis, der gleichermaßen als innnovativer Schriftsteller, als politische Persönlichkeit und als Vermittler des nationalen Selbstverständnisses der Russen aufgenommen wurde, beginnt die Bekanntschaft des deutschsprachigen Lesepublikums mit der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Zu dem Gorki-Band „Unbekannte Erzählungen“ von 1941 merkt Hübner an, er sei bemerkenswert „als letztes Zeugnis deutsch-sowjetischer Annäherung nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes und vor Hitlers Überfall auf die Sowjetunion“. Dies allein ist schon ein Gesichtspunkt, der eine nähere Beschäftigung mit diesem Buch rechtfertigt. Man könnte z.B. darüber nachdenken, ob sich dieser Band vielleicht im Gespäck von deutschen Soldaten an der Ostfront befand und was sie möglicherweise darüber dachten. Neben diesen politischen Begleitumständen verdient aber auch der Inhalt des Bandes Aufmerksamkeit. Warum hat der Herausgeber neue, in Deutschland unbekannte Erzählungen ausgewählt und nach welchen Kriterien ist er dabei vorgegangen? Über die Person des Übersetzers Paul Kamin und das damalige Profil des Verlages F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung habe ich nichts herausfinden können. Es scheint mir aber deutlich erkennbar, dass der Herausgeber (Paul Kamin oder ein anderer) mit den ausgewählten „unbekannten Erzählungen“ auch einen „unbekannten Gorki“, d.h. ein bestimmtes Bild von Gorki vorstellen wollte, das von den gängigen Urteilen über den „Sturmvogel“ der Revolution merklich abwich und auch zu dem aktuellen Bild des Schriftstellers in den dreißiger Jahren nicht passte. Die unbekannten Erzählungen vermitteln insgesamt eine Autorpersönlichkeit, in der das Kämpferische, die Natur des Revolutionärs, fast gänzlich abwesend zu sein scheint. Stattdessen begegnen wir einem Künstler, der in einer Haltung der Trauer und des Mitgefühls eine Welt beschreibt, in der Bosheit und Grausamkeit herrschen und Mitmenschlichkeit eine Eigenschaft zu sein scheint, die ausschließlich bei Verlierern, Sonderlingen und Kranken anzutreffen ist. Nur im letzten Text kommt, wie eine Gegenstimme, die alles vorher Gesagte in Frage stellt, der Gorki des „stolzen Menschen“ zu Wort, der jedem Kult des Leidens den Kampf ansagt. Ein Leser, der mit Gorki nicht vertraut ist, muss hier eigentlich in einem Zustand der Ratlosigkeit zurückbleiben. Insofern ist dieser Band auch ein aufschlussreiches Beispiel für die Widersrpüche bei Gorki und für die allgemeine Problematik der Themen des Mitleids und der christlichen Barmherzigkeit im 20. Jahrhundert.

Es mag sich bei dieser Auswahl um den Versuch handeln, den Bolschewiken und Kampfgefährten Lenins gleichsam zu entpolitisieren, ihm ein menschliches Gesicht zu geben, um ihn im Rahmen der Verständigung mit Stalin weniger anstößig erscheinen zu lassen. Besser als diese opportunistische Motivation würde mir allerdings die Erklärung gefallen, dass mit dieser Auswahl – unabhängig von der aktuellen Situation – der Künstler Gorki im Gegensatz zu dem Ideologen gewürdigt werden sollte, wobei die Widersprüche zwischen beiden am Schluss durchaus mit Absicht hervorgehoben wurden.


Gorki im Dritten Reich: „Untermensch“ und „Bolschewist“

Bevor ich auf den Inhalt der „unbekannten Erzählungen“ näher eingehe, sei noch kurz auf die Umstände der Gorki-Rezeption in Deutschland nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verwiesen. Es konnte niemanden überraschen, dass der Name Gorkis 1933 auf den ersten Listen „verbrennungswürdiger Bücher“ erschien, die der Berliner Bibliothekar Wolfgang Herrmann zusammengestellt hatte und die der Deutschen Studentenschaft als Grundlage für die Aktionen „wider den undeutschen Geist“ dienten. Zeitungsberichten zufolge wurden die Werke Gorkis schon im ersten Jahr der NS-Herrschaft aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt. Eine Gorki-Feier im Dresdener Centraltheater wurde als „Kulturbolschewismus in Sachsen“ angeprangert. (Ich beziehe mich auf Positionen in der Bibliographie „Maxim Gorki in Deutschland“, Akademieverlag Berlin 1968, eine trotz unvermeidlicher Parteinähe verdienstvolle Arbeit über die Gorki-Rezeption 1899 – 1965, die neben den Werken des Schriftstellers auch die Publikationen über Gorki verzeichnet.) Den Ton der Gorki-Kritik in NS-Organen kennnzeichnet der Artikel „Maxim Gorki und das Untermenschentum“ (in: Der Weltkampf. Monatsschrift für Weltpolitik, völkische Kultur und die Judenfrage aller Länder (München), 13, 1936). Als Feind erschien Gorki den Nationalsozialisten nicht nur wegen seiner Nähe zum Bolschewismus und als erklärter Sympathisant der Juden, sondern auch deshalb, weil er als einer der stimmgewaltigsten Vertreter des Antifaschismus in Europa auftrat, insbesondere in seinen Artikeln in „Pravda“ und „Izvestija“. Spätestens 1938 wurden diese Artikel auch einem breiteren deutschsprachigen Publikum bekannt, überschrieben mit dem Titel des bekanntesten in dieser Reihe (der sich allerdings nicht gegen den äußeren Feind, sondern gegen die innere Opposition im Sowjetreich richtete): Wenn der Feind sich nicht ergibt, wird er vernichtet. Gesammelte Aufsätze 1927-1935, Paris: Éd. Prométhée; im selben Jahr auch in Zürich erschienen. Mit diesen Auftritten vollzog sich auch ein Wandel in der Reputation des Schriftstellers, von einem Großen der Weltliteratur wurde er immer mehr zu einem politischen Publizisten und Repräsentanten des sowjetischen Staates. Entsprechend dieser Rolle ging die Publikation der Werke Gorkis und die kritische Rezeption von unabhängigen Verlagen wie Malik, Insel oder Diederichs zunehmend in die Hände von Einrichtungen der Kommunistischen Partei und der sowjetischen Buchproduktion über. Nach den ersten deutschen Gorki-Ausgaben bei Ladyschnikow und Wolff sowie im Malikverlag übernahm die sowjetische Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR (Vegaar) die Verbreitung der Werke Gorkis. Von 1926-1931 erschienen dort 17 Bände „Ausgewählte Werke“ des Schriftstellers. Nach 1933 bekam die Vegaar faktisch das weltweite Monopol für die Publikation sowjetischer Literatur in deutscher Sprache (Hübner, S. 606).
In diesem Zusammenhang erklärt sich z. T. auch die Entscheidung des Nobelpreiskomitees im Jahr 1933 - gegen Gorki und zugunsten Iwan Bunins (der übrigens mit seinen maßlosen Angriffen auf Gorki selbst aktiv auf diese Entscheidung hingewirkt hatte). Arthur Luther begrüßte die Entscheidung mit der Begründung, er schätze Bunin höher ein als „Gorki und die Sowjetgrößen“ (Gorki in Deutschland, Nr. 3042). Die russische Dichterin und Emigrantin Marina Zwetajewa war anderer Meinung: Gorki sei „größer, menschlicher, origineller und nötiger“ als Bunin, schrieb sie dazu. Gorki verkörpere eine neue Epoche, Bunin dagegen das Ende einer Epoche. Aber es sei hier um Politik gegangen, fügt sie sarkastisch hinzu, und natürlich könne der schwedische König einem Kommunisten keinen Orden anheften.


Mitleid anstelle von Freiheitskampf

Diese Hintergründe konnten jedem Leser bekannt sein, der 1941 den Band „Unbekannte Erzählungen“ in Händen hielt, ihn vielleicht sogar mit an die Ostfront nahm. Sollte ein solcher Leser dort nach einem Vertreter des „Untermenschentums“ oder einer „Sowjetgröße“ gesucht haben, so ist er mit Sicherheit enttäuscht worden. Aber auch von dem in Deutschland so bekannten leidenschaftlichen Freiheitskämpfer und Revolutionär findet sich kaum eine Spur. In den Erzählungen, die alle zum Frühwerk (bis 1905) gehören, ist das gesamte Milieu der Intelligenzija und der Revolutionäre ausgeblendet, es gibt nur das Leben der einfachen Leute, der Handwerker, Bauern, Diebe, Vagabunden und Sonderlinge aller Art. Unter ihnen gibt es eine Reihe von Menschen, bei denen sich körperliche Gebrechen wie Krankheit und Missgestalt mit seelischer Schönheit verbinden, insbesondere mit einer Haltung der Hilfsbereitschaft und des Mitgefühls mit anderen Menschen.

Das Thema der Barmherzigkeit, des Mitgefühls mit der leidenden Kreatur (im Russischen als sostradanie oder – stärker national gefärbt – als zhalost’ bezeichnet), erscheint in dieser Auswahl nicht nur als ein Motiv unter anderen, sondern als ein Grundproblem des Menschen, das in verschiedenen Situationen und mit gegensätzlichen Bewertungen gleichsam zur Diskussion gestellt wird. Dabei steht außer Frage, dass die Menschen, die Mitgefühl zeigen, beim Leser weit mehr Sympathie erwecken als diejenigen, die ein solches Verhalten für dumm und unvernünftig halten. Und das ist vom Autor offensichtlich so gewollt. Der Held der Erzählung „Wanjka Masin“ (alle Titel in der Schreibung des besprochenen Bandes), ein Zimmermann, von seinen Arbeitskollegen wegen seiner Missgestalt und seiner Ungeschicklichkeit belächelt, verdient sich ihren Respekt und ihre Bewunderung, als er ihrem Chef, dem Bauunternehmer, beim Einsturz eines Gerüsts das Leben rettet. Dabei ist dieser Chef ein Leuteschinder und disqualifiziert sich endgültig, als er dem Retter als Dank ganze drei Rubel anbietet. Wanka hält seinem Chef eine Strafpredigt und ist nahe daran, ihn zu verprügeln. Aber seine Rettungstat bereut er nicht. Er hat es „aus Mitleid“ getan, denn „auch er (der Chef) ist ein Mensch“. In der Erzählung „Wie Semaga verhaftet wurde“, findet der Dieb Semaga auf der Flucht vor der Polizei ein ausgesetztes kleines Kind im Schnee und nimmt es an sich, um es vor dem Erfrieren zu retten. Als er bald darauf gefasst wird, ist das Kind tot. „Ach du! Also bin ich unnütz deinetwegen hereingefallen“, sagt er zu dem toten Kind, aber wie Wanka Masin bereut auch er seine Tat nicht. In „Die Teilung“ wird erzählt, wie ein kleiner Junge, der von seiner ewig betrunkenen Tante zum Betteln auf die Straße geschickt wird, sich von einem raffinierten erwachsenen Bettlerkollegen die Hälfte seiner Tageseinnahmen abschwatzen lässt. Wieder ist Mitleid der Grund, denn der Mann, ein ehemaliger Lakai, versteht es ausgezeichnet, sich als armes Opfer der Verhältnisse darzustellen. Dass der Junge auch noch einen Buckel hat, kennzeichnet die Tendenz zu sentimentalen Übertreibungen, die in vielen dieser Erzählungen zu bemerken ist. Aber das ändert nichts an der im ganzen glaubwürdigen Darstellung des ewigen Themas der Barmherzigkeit. Der junge Gorki, meist vertreten durch den „Wanderer“ und Beobachter des Lebens, gestaltet dieses Thema in ganz unterschiedlichen Gestalten und Tonlagen, etwa in den christlich-religiös gefärbten Litaneien eines alten Ehepaars vom Lande, das den Tod einer früheren Hausgenossin beklagt, einer jungen verbannten Revolutionärin („Die Kleine“) oder in den traurigen Gedanken einer gebildeten Frau, die im Alter erkennen muss, dass sie die Sklavin ihres Mannes und ihrer Kinder geworden ist und dabei ihr eigenes Leben verloren hat („Ein Märchen“).


„Mitleid ist Dummheit“

In scharfem Kontrast zu den guten, mitleidsfähigen Menschen stehen Beispiele der Verweigerung von Mitgefühl und unverhüllter Grausamkeit. Ein Junge, der beim Stehlen ertappt worden ist, wird zum Opfer der sadistischen Spiele eines Händlers („Der Dieb“). Ebenso ergeht es dem Wanderarbeiter Maxim, dem autobiographischen Helden Gorkis, der beim Transport von Salz nicht nur der glühenden Sonne, sondern als Neuling auch den grausamen Scherzen seiner Arbeitskollegen ausgesetzt ist („In den Salzgärten“). Unbarmherzig verhalten sich auch die Mitglieder einer Dorfgemeinde in „Die Nachbarn“, die einen der ihren der Justiz ausgeliefert haben, um ein gemeinsam begangenes Verbrechen zu vertuschen. Als er nach verbüßter Strafe zurückkehrt, verweigern ihm die Nachbarn die Aufnahme im Dorf. Dass sich solche Fälle von Unmenschlichkeit gerade auf dem Lande ereignen, unter den von der klassischen Literatur so liebevoll porträtierten russischen Bauern, ist bei Gorki nicht überraschend (vgl. den Eintrag zu Gorkis Artikel „Vom russischen Bauern“ in diesem Blog). Den russischen Bauer verkörpert der Titelheld der Erzählung „Finogen Iljitsch“, die zugleich ein Schlüsseltext zum Thema des Mitleids ist. Finogen, dem Charakter nach ein „kluger Raubvogel“, gilt als der mächtigste Mann im Dorf. Seine Devise lautet: Mitleid, Hilfe für Schwache ist Dummheit. Was der Bauer einzig braucht, ist Klugheit und Vernunft, beide verstanden als geschickte Beförderung des eigenen Vorteils. Entsprechend dieser Devise verhindert Finogen die Aufnahme des Geschäftsmanns Lochow in die Dorfgemeinschaft, der nach einem wenig erfolgreichen Leben einen ruhigen Platz für sein Lebensende sucht und dabei seine bescheidenen Ersparnisse zum Einsatz bringen will. Finogen würde gern an Lochows Geld kommen, um einen gemeinsamen Landkauf der Bauern zu finanzieren, aber er kommt zu dem Schluss, dass das nicht „vorteilhaft“ für ihn wäre. Lochow denkt an die Einrichtung einer Kneipe im Dorf, und dieses Geschäft will Finogen selbst machen. So stellt er den Konkurrenten, einen im Grunde einsamen und schwachen Menschen, den Nachbarn gegenüber als einen machthungrigen Eindringling dar, der das Dorf ins Unglück stürzen würde. Dem Bewerber selbst erklärt er unumwunden, dass er ein Dummkopf und zu schwach für die Verwirklichung seiner Pläne sei. Lochow resigniert und verlässt das Dorf. Nur um die 700 Rubel tut es Finogen leid. Es gehört zu den Paradoxien in Gorkis Weltanschauung, dass er sich in seiner nietzscheanisch gefärbten Kritik an der christlichen Mitleidsethik in eine gefährliche Nähe zu dem schlauen Finogen Iljitsch begab: „Mitleid ist Dummheit“.

Lieder der Trauer und Hoffnungslosigkeit

Zum Umkreis des Themas Mitleid gehört auch das Gefühl einer scheinbar grundlosen Schwermut, der existenziellen Trauer, die im Russischen mit toska, skuka, grust’ und weiteren Synonymen bezeichnet wird. In den „Unbekannten Erzählungen“ begegnen sie , wie auch sonst im Werk Gorkis, oft in Verbindung mit dem musikalischen Thema des Gesangs. Im Gesang kommt eine Art Selbstmitleid des Menschen – ohne die gewöhnliche verurteilende Färbung – zum Ausdruck, ein vanitas-Bewusstseins, die Unausweichlichkeit des Leidens und des Todes in diesem Leben. Gorki hat diese Stimmung vielfach in breit ausgeführten Szenen mit Sängern und ihren Zuhörern gestaltet. Gemeinsam ist diesen Szenen, dass alle Beteiligten, sogar die hartgesottenen Zyniker unter ihnen, von starken Emotionen überwältigt werden und oft den Tränen nahe sind. Gesungen werden ausschließlich Volkslieder, meist solche, in deren Texten Naturerscheinungen wie ziehende Wolken, das Rauschen des Windes oder weite Räume wie Meer und Himmel Analogien zu der Stimmung der existenziellen Trauer bilden.
In der Erzählung „Die Sonnenbrüder“ sind es zwei Vagabunden, die im Duett ihrem Weltschmerz Ausdruck verleihen. Der Zuhörer in Gestalt des jungen Gorki beschreibt seine Reaktion: „Immer wehmutsvoller erklang diese russische Melodie, immer hoffnungsloser die Klage, immer verzweifelter das Stöhnen, so dass die Phantasie einen Menschen mit dem Tode ringen sah“. Trauer und Hoffnungslosigkeit erscheinen als Zustände der nationalen Seele, mit dem Motiv des Todes erhalten sie eine religiöse Dimension. Einer der Sänger erweckt den Eindruck, „als hielte er das Totenamt für sich selber“. In „Das Lied der Blinden“ drückt der Gesang der blinden Bettler die Leiden eines Menschen aus, der mit aller Kraft vergeblich versucht „die Sonne zu sehen“ und wird so zum Symbol der Situation des Menschen überhaupt. „In mir erweckte das Lied ein seltsames, unheimliches Gefühl“, sagt Gorkis Ich-Erzähler. „Mir taten alle leid, - die Blinden, die Sehenden, und ich selbst tat mir auch leid für alles, was ich im Leben schon gesehen habe“.

Was hier auf eine besondere Situation bezogen ist, lässt sich als Grundstimmung und als Thema auf den ganzen Band „Unbekannte Erzählungen“ übertragen. Mitgefühl mit leidenden, einsamen, hilfsbedürftigen Menschen zeigen nicht nur die guten Menschen wie Wanjka Masin, sondern auch der tonangebende autobiographische Ich-Erzähler und mit ihm der Autor. Ist Gorki, der Revolutionär, der Sänger des nietzeanisch gefärbten Übermenschen, also in Wahrheit der Sänger des Mitleids, womöglich der christlichen Nächstenliebe?
Gleichsam als eine Antwort auf diese Frage, und zwar eine entschiedene Verneinung, erscheint der Schlusstext des Bandes, eine philosophische Betrachtung über die Zeit und den Sinn des Lebens mit dem Titel „Die Uhr“. Zuerst erschienen 1896 in der Zeitung Nizhegorodskij listok, vermittelt dieses eher publizistische als erzählerische Werk die Gedanken des noch wenig bekannten 28jährigen Schriftstellers, seine Suche nach einem festen Standpunkt und einem Lebensprogramm. Als zentrales Symbol erscheint das eintönige Ticken der Uhr: gleichgültig gegenüber dem Schicksal des Menschen, der ihm zuhört, registriert es mit mathematischer Genauigkeit das Verrinnen der Zeit, bringt ihn mit jeder Sekunde dem Tode näher, seinem unausweichlichen Ende. Die Uhr verkörpert in diesem Sinne eine Haltung des Fatalismus, der Hinnahme einer Weltordnung, in der der Mensch weit mehr Leiden als Freuden erfährt. Die angemessene und einzig mögliche Art, über diese Welt zu sprechen, scheint der Ton der Klage, des Mitgefühls mit der leidenden Kreatur und des Mitgefühls des Menschen mit sich selbst zu sein. Bis hierher kann das Bild der Uhr durchaus als Resumee der „Unbekannten Erzählungen“ von 1941 dienen. Aber es geht Gorki gerade nicht um eine Bestätigung, sondern um eine entschiedene Absage an diese fatalistische Haltung, um den Appell zum Widerstand nicht nur gegen ungerechte soziale Verhältnisse, sondern gegen eine fundamentale Ungerechtigkeit der Natur: die Verurteilung des Menschen, eines Wesens mit grenzenlosen Fähigkeiten, zu einem erniedrigenden Ende: „Von dir bleibt nichts übrig als dein Körper, der übel riechen wird. Empört sich dein Stolz nicht über diese seelenlose Schöpfung, die dich ins Leben gestoßen hat und wieder aus dem Leben reißt?“ Dieser Empörung Ausdruck zu verleihen, bedeutet, „dass du dies Leben, das dich erniedrigt, als einen Feind ansiehst und ihm den Kampf ansagst“. Falsch ist die Haltung der Klage über die eigene Schwäche: „Alle Menschen sind unglücklich, aber am unglücklichsten sind die, die ihr Unglück offen zur Schau tragen“. Der wahre Mensch opfert sein Leben im Kampf für hohe Ziele, „große Taten“, „Ideale“, und hinterlässt damit eine Spur in der Welt. „Wenn die Menschen wollten, könnten sie alles erringen, Herrscher des Lebens sein, nicht seine Sklaven wie jetzt“. Die Schlussformel dieses Plädoyers für ein kämpferisches Leben bringt noch einmal das zentrale Thema des Mitleids zur Sprache. In der Übersetzung von Paul Kamin lautet sie: „Es lebe der Mensch, der es nicht versteht, sich zu schonen!“ Genauer müsste es heißen, „... sich selbst zu bemitleiden (жалеть себя)». An anderer Stelle wird diese Haltung als „sich mit seinem Leiden schmücken“ bezeichnet.


Mitleid – eine Stimme gegen zwei mitleidlose Systeme

Mit viel pathetischer Rhetorik und wenig gedanklicher Schärfe gehört „Die Uhr“ zu den schwächeren Werken Gorkis, bedeutsam ist jedoch das Thema des Mitleids, sowohl für die eigene künstlerische Entwicklung des Schriftstellers als auch für den weiteren Kontext der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Frage, welche Behandlung der Würde des Menschen gemäßer sei, die mitfühlende und tröstende Zuwendung oder der Appell an seinen Stolz und seinen Kampfgeist, war das zentrale Thema des Dramas „Nachtasyl“(1902) und ein Leitmotiv des gesamten Werkes Gorkis. Kennzeichnend für die Schwankungen des Schriftstellers in dieser Frage ist seine zwiespältige Einstellung zu der Figur des „Trösters“ Luka, der gegen die erklärte Intention Gorkis immer wieder die Sympathie des Publikums weckte. In den dreißiger Jahren erklärte ihn der Autor deshalb zu einer „schädlichen“ Figur. Als Autor richtungweisender Artikel in der sowjetischen Presse war Gorki nicht nur ein Befürworter, sondern ein Schöpfer der Staatsideologie, die den Kampf gegen äußere und innere Feinde in den Mittelpunkt stellte und jede Form des Mitgefühls als Schwäche und potentiellen Verrat verurteilte. Die mit dem Thema des Mitleids geradezu überladene Auswahl „Unbekannte Erzählungen“ bildete einen seltsamen Kontrast zu dem aktuellen Gorki der dreißiger Jahre. Sie reflektierte die seltsam widersprüchliche Gemütsverfassung des jungen Gorki, der einerseits auf der Suche nach dem neuen Menschen war, dem „stolzen“ Gegenbild zu den erbärmlichen Gestalten des Kleinbürgertums, andererseits aber tief verwurzelt war in der Tradition der russischen Literatur, in der seit Gogol’s Akakij Akakijewitsch und seinem gestohlenen Mantel das Thema des Mitleids mit den Erniedrigten und Beleidigten einen zentralen Platz einnahm. Mit der zunehmend kämpferischen Haltung des Schriftstellers und seiner Annäherung an die Bolschewiki wurden solche Werke wie die Erzählung von dem gutherzigen „Wanjka Masin“ oder „Das Lied der Blinden“ in gewisser Weise untypisch für das Markenzeichen Maxim Gorki. Der Schriftsteller war offenbar selbst dieser Ansicht und hat keines der in den „unbekannten Erzählungen“ enthaltenen Werke in die Werkausgaben aufgenommen.

In der Situation der Annäherung der beiden totalitären Staaten Hitlers und Stalins nach dem Pakt von 1939 mag es dem Herausgeber der „Unbekannten Erzählungen“ ein Anliegen gewesen sein, den russischen Schriftsteller – entgegen dem Bild des „Bolschewisten“ und „Untermenschen“ in den nationalsozialistischen Medien - als einen Apologeten der Menschenliebe und Friedfertigkeit vorzustellen. Obwohl diese Auffassung keineswegs dem Selbstverständnis Gorkis entsprach, waren die „unbekannten Erzählungen“ in der Situation des Jahres 1941 eine Stimme der Menschlichkeit, die sich gleichermaßen gegen zwei totalitäre Regims richtete: gegen den räuberischen Nationalsozialismus, der sich anschickte, den sowjetischen Kommunismus zu unterwerfen, und gegen das ebenso totalitäre System Stalins. Im Geist gleichermaßen räuberisch und gewalttätig, waren sich diese Systeme einig auch in ihrer Unbarmherzigkeit gegenüber dem eigenen Volk. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion konnte das Buch als ein Protest gegen den Krieg und für das Mitgefühl mit seinen Opfern gelesen werden. So betrachtet, fand sich Gorki posthum unter den „weinerlichen Berufshumanisten“ wieder, die er in den dreißiger Jahren so heftig bekämpft hatte. Die Paradoxien, die Gorkis Leben und Werk durchziehen, spiegeln sich auch in seiner zeitweise absurd anmutenden Wirkungsgeschichte. Dazu gehört auch der Umstand, dass Gorki vier Jahre nach dem Erscheinen der „Unbekannten Erzählungen“ gleichsam mit der Roten Armee nach Berlin zurückkehrte, diesmal in der Rolle des Klassikers der Besatzungsmacht, dessen Werke im Verlag der sowjetischen Militäradministration (SWA) erschienen. Als Instrumente einer wohlverstandenen „Entnazifizierung“ wären die Werke Gorkis zweifellos eine gute Wahl gewesen, aber die Tatsache, dass sie als Träger der Ideologie des Stalinismus präsentiert wurden, machte ihre mögliche humanisierende Wirkung von vorherein zunichte. So war es für die besiegten und tief in die NS-Ideologie verstrickten Deutschen nicht schwer, sich dem Einfluss dieses „Bolschewisten“ zu entziehen. Dass Gorki in dem antifaschistisch gestimmten Teil der Gesellschaft in der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR viele neue Freunde gefunden hat, gehört zu den erfreulichen Episoden seiner Wirkungsgeschichte, aber auch hier blieb die lebendige und widerspruchsvolle Persönlichkeit Gorkis nicht von einseitigen und willkürlichen Adoptionen verschont.

Gorkis „Unbekannte Erzählungen“ von 1941 bieten also reichlich Stoff zum Nachdenken. Das Thema des Mitleids, das in ihnen so auffallend dominiert, ist erst in jüngster Zeit zum Gegenstand seriöser wissenschaftlicher Untersuchungen geworden, insbesondere in den Arbeiten von Lidija Kolobaeva, die beim frühen Gorki eine ganz Reihe von Leitmotiven der Philosophie Nietzsches herausgearbeitet hat, nachdem die sowjetische Gorki-Forschung das Nietzscheanertum Gorkis jahrzehntelang hartnäckig geleugnet hatte. Zu ihnen gehört Nietzsches Kritik des Mitleids im Kontext der christlichen Mitleidsmoral, die den Menschen erniedrigt und die er durch den Begriff der „Mitfreude“ ersetzten wollte. Eine wichtige Rolle spielt dieser Themenkomplex auch in den Auseinandersetzungen mit dem Werk Dostojewskis. Der nationalistische Kult um den russischen Klassiker im postsowjetischen Russland hat Dostojewskijs Apologie des Leidens und des Mitleidens, die angeblich die moralische Überlegenheit des russischen Nationalcharakters über die anderen Nationen begründen, zu einem Instrument der politischen Propaganda gemacht.
Die „Umwertung der Werte“, die den Anfang des vorigen Jahrhunderts kennzeichnete und auch Nietzsches und Gorkis Kritik der christlichen Mitleidsmoral einschloss, erscheint heute vielen durch die Erfahrung des mitleidlosen und mitleidsfeindlichen Totalitarismus diskreditiert. Nichtsdestoweniger muss diese Infragestellung sogenannter ewiger und allgemeinmenschlicher Werte im Zusammenhang einer Bewegung des Aufbruchs und der Suche nach einem neuen Menschenbild gesehen werden, einer Bewegung, die im Zeichen der Freiheit und der schöpferischen Kraft des Menschen stand und nichts mit dem totalitären Staat zu tun hatte.


Literatur

Maxim Gorki, Unbekannte Erzählungen, Aus dem Russischen von Paul Kamin, Berlin F.A. Herbig Verlagsbuchandlung o.J. [1941]

Maxim Gorki in Deutschland. Bibliographie 1899 bis 1965. Zusammengestellt und annotiert von E. Czikowsky, I. Idzikowski und G. Schwarz, Akademie-Verlag, Berlin 1968 (Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Veröffentlichungen des Instituts für Slawistik, Sonderreihe Bibliographie, Nr. 2)

Friedrich Hübner, Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen. Eine kommentierte Bibiographie, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2012 (Bausteine zur slavischen Philologie und Kulturgeschichte, NF, Reihe C, Bd. 4)

L.A. Kolobaeva, Filosofija i literatura: paralleli, pereklicki i otzvuki (Russkaja literatura XX veka), Moskva, „Russkij impul’s“ 2013 (darin Aufsätze über Gorki und Nietzsche sowie über das Problem des Mitleids im Werk Gorkis).


Zum Thema der mitleidlosen Bauern:
Wer war er eigentlich, der “russische Bauer”? Über Gorkis Artikel „Vom russischen Bauern“

Zum Thema „Lieder der Trauer“:
LANGEWEILE – Gorki über einen rätselhaften Zustand der „russischen Seele“

Zum Thema des Dostojewskij-Kults im heutigen Russland:
“Der Meister aus Russland“ – Horst-Jürgen Gerigk über Dostojewskij

Kategorie: Streit um Gorki

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang