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„Was wollt ihr eigentlich?“ – Roman Sentschins Buch über die „Schneerevolution“ 2011-12

Freitag, 03. Januar 2014, 19:28:36 | Armin Knigge

„Was wollt ihr eigentlich?“ – Roman Sentschins Buch über die „Schneerevolution“ 2011-12

In russischer Sprache hier.

Rückblicke auf das vergangene und Ausblicke auf das kommende Jahr haben gewöhnlich das Ziel, über den laufenden Moment hinaus etwas vom Wehen des Zeitgeists zu erfassen und zu verdeutlichen, in welcher Richtung er weht. In den Neujahrsbeiträgen auf diesem Blog habe ich mich nach Kräften bemüht, dieser Forderung des Genres zu genügen. Zum Jahresbeginn 2012 hatte ich damit Glück, die Massenproteste auf den Straßen Moskaus boten sich als ein Thema an, das von den Beteiligten selbst und von vielen Beobachtern sofort als ein bedeutender historischer Moment wahrgenommen wurde. Die Ereignisse wurden sogar mit der Revolution von 1905 in Beziehung gesetzt. Das war zweifellos übertrieben, denn es gab in dieser Protestbewegung, die heute wegen der damals herrschenden Kälte als „Schneerevolution“ oder mit Bezug auf ein Erkennungszeichen der Demonstranten als „Revolution der weißen Bänder“ bezeichnet wird, weder einen Blutsonntag mit hunderten Opfern noch die Massen des verelendeten Proletariats. Richtig bleibt aber die Einschätzung der ersten Beobachter, dass sich hier etwas äußerst Ungewöhnliches, ein Umbruch vollzogen hatte. Er fand seinen Ausdruck in den – überwiegend jüngeren – Menschen aus den Büros und Geschäften der modernen, elektronisch hochgerüsteten Großstadt Moskau, die ihrem Zorn über die Machenschaften des „Tandems“ freien Lauf ließen. Sie taten dies nicht mit Schaum vor dem Mund, sondern eher mit fröhlichem Selbstbewusstsein und satirischen Kommentaren zu den Verlautbarungen der Regierung (Putinporträt mit den Worten: „Nach meinen Unterlagen seid ihr hier alle bezahlte Leute“). An die Stelle der flammenden Revolutionäre, in Russland wohlbekannt, traten hier einfach intelligente junge Menschen, die der Staatsmacht jeden Respekt verweigerten und Putins Image des starken Mannes wirkungsvoll (u.a. mit unanständigen Symbolen) demontierten. In dem Eintrag zum Jahresbeginn 2012 (Links s. unten) habe ich sie mit Gorkis Lieblingshelden, den „ozorniki“ verglichen, die, wie der junge Gorki selbst, den Typ des respektlosen, angriffslustigen Unruhestifters verkörpern. Dass dieser Typ nun in Russland massenhaft auftreten kann, hat in der Tat etwas Revolutionäres, denn die Mehrheit der ehemaligen Sowjetbürger zeigt immer noch die Verhaltensweisen einer Sklavennatur.
Es gab natürlich von Anfang an auch skeptische Stimmen über die Schneerevolution: ein im Grunde unpolitisches Massenspektakel ohne Programm und Perspektiven, das bald vergessen sein wird. Im Jahr darauf schienen diese Stimmen sogar recht zu behalten, denn vieles schien in die alten Bahnen zurückgekehrt zu sein - in Russland nichts Neues. Ich habe dem im Neujahrseintrag 2013 widersprochen und sehe auch heute keinen Grund, mich der Fraktion der Skeptiker anzuschließen. Natürlich ist der Enthusiasmus der Massenmeetings von 2011-12 etwas abgeflaut, die Geschichte läuft nicht ständig auf Hochtouren. Aber die entscheidenden Errungenschaften der Protestaktionen sind geblieben: die Überwindung der Angst vor dem Staat und die Zerstörung des Mythos von seiner Unverwundbarkeit. Dass der Präsident wegen seiner außenpolitischen Erfolge neuerdings in aller Welt als „Sieger“ gefeiert oder gefürchtet wird, macht dieses Ergebnis der Proteste nicht rückgängig. Denn im Lande zeigt sich die Staatsmacht weiter unfähig, die wirtschaftlichen und sozialen Probleme anzugehen.

Soviel zur Politik – nun zur Literatur. Denn dort ist die Schneerevolution, die von Anfang an einen „literarischen“ Charakter hatte, mittlerweile als Stoff und als Thema angekommen. Roman Sentschin, ein führender und vieldiskutierter Vertreter der jungen Realisten (Jahrgang 1971), hat die Protestaktionen 2011-12 in einem Werk verarbeitet, das man als Familienroman bezeichnen könnte: „Was wollt ihr eigentlich?“ (Чего вы хотите?) erschienen in der Zeitschrift „Druzhba narodov“ (2013, Nr. 3) und als Buch im Moskauer Verlag Eksmo, erzählt davon, wie sich die Ereignisse dieses Winters im Leben einer gewöhnlichen Moskauer Familie widerspiegeln. Die Tatsache, dass der Familienvater ein bekannter Schriftsteller ist und seine Frau Gedichte schreibt, bedeutet nicht, dass wir es mit Vertretern jener neuen kulturellen Elite zu tun haben, die es zu medialer Berühmtheit und beträchtlichem Wohlstand gebracht haben. Die Familie der Sentschins (ja, die Familienmitglieder figurieren im Roman unter ihren Realnamen!) führen ein normales Leben ohne Reichtum und Glamour, modische Bekleidung und Schuhe können sie sich eher selten leisten, wenn die Honorare eingegangen sind. Die Eltern leben in ständiger Sorge um die Zukunft ihrer Kinder (zwei Mädchen, eine 14 Jahre, die andere noch ein Kind), aber sie finden dabei immer Zeit, auf echt russische Art in der Küche mit Freunden die Lage im Lande zu diskutieren. Und mehr als das - sie reihen sich aktiv in den Kampf um ein „Russland ohne Putin“ ein, beteiligen sich an den legendären Demonstrationen auf dem Bolotnaja-Platz, dem Sacharow-Prospekt und anderen Orten Moskaus.

Es versteht sich, dass ein „heißes“ Sujet solcher Art widersprüchliche Reaktionen ausgelöst hat, Reaktionen einiger namhafter Kollegen und Kritiker sind in „Druzhba narodov“ (2013, 4) publiziert und werden im folgenden teilweise angeführt. Überraschend dabei ist, dass sich die Aufmerksamkeit der Rezensenten nicht in erster Linie auf die politischen Aspekte dieses auf den ersten Blick rein politischen Sujets richtet, sondern mehr auf die Probleme des literarischen Handwerks. Behandelt werden vor allem zwei Fragen: welchen Sinn hat der radikale Dokumentarimus, den Sentschin anwendet, und warum überlässt er der 14jährigen Tochter des Schriftstellers Darja, also einem halbwüchsigen, noch unfertigen Menschen (russ. podrostok), die Rolle des Beobachters und Kommentators der Ereignisse. Der Dokumentarismus Sentschins hat offenbar seine sehr literarischen Eigenheiten. Denn es bereitet dem Autor offenbar keine Schwierigkeiten, die Welt der Gedanken und Gefühle seiner Tochter von innen zu zeigen, während wir den Schriftsteller selbst nur als Familienoberhaupt und Diskussionsteilnehmer kennenlernen und nichts über seine eigenen Gedanken und Gefühle erfahren. Es ging Sentschin offenbar um eine literarische Konstruktion, in der nicht seine eigene, sondern die Sicht einer anderen Person im Mittelpunkt steht. Er wollte eben nicht ein politisches Pamphlet von der Art schreiben, wie sie im Titel des Werks vorgegeben scheint. Der Titel ist offensichtlich eine Anspielung auf den Roman „Was willst du eigentlich?“ (1969) von Wsewolod Kotschetow, in dem dieser stalinistische Literaturfunktionär die Schriftsteller Isaak Babel, Marina Zwetajewa und Ossip Mandelstam als Volksfeinde attackierte. Es war offenbar nicht Sentschins Absicht, sein eigenes politisches Kredo zu veröffentlichen, er wollte einfach erzählen, „wie es war“ – bei ihm zu Hause und auf den Straßen, wobei durchaus verschiedene Einstellungen und Bewertungen zur Sprache kommen sollten. Um diesen Effekt zu erreichen, verzichtete er sowohl auf die persönliche Stellungnahme als auch auf die Rolle des Autors als letzte Instanz der Wahrheit. Er begegnet uns im Roman nur als eine handelnde Person unter den anderen, zudem nicht als eine untadelige Person. Einige Rezensenten irritierte dieser Kunstgriff, sie reagierten verärgert auf den „naiven“ und „unreflektierten“ Stil des Erzählens. Aber eben dieses Herangehen an das Thema unterstreicht auf der formalen Ebene den allgemeinen Sinn des Unfertigen, Vorläufigen und nicht selten Unvernünftigen, das den Ereignissen und den beteiligten Personen anhaftet, ein Sinn, der sowohl die Schwäche als auch die Stärke der Opposition in Russland kennzeichnet.


„Sentschin fürchtet die literarische Lüge wie die Pest“

Roman Sentschin ist ein unbeirrbarer Anhänger des Realismus. Experimente mit alternativen Geschichtskonzeptionen und Fantastik, die einen großen Teil der gegenwärtigen russischen Literatur bestimmen, sind ihm fremd. Auf diesem Blog ist er den Lesern in dem Eintrag „Ein Mönch der Literatur“ (zu dem Buch „Vorwärts und aufwärts“, 2008) vorgestellt worden. Sentschin „fürchtet die literarische Lüge wie die Pest“, hat die Kritikerin Irina Rodnjnanskaja festgestellt. Er kann nur über das schreiben, was er wirklich kennt. In dem genannten Buch ist das die Welt einer ziemlich unansehnlichen Person, eines verlotterten jungen Mannes, der in endlosen Monologen davon träumt, „auf der Ebene der Kunst“ das zu erreichen, was ihm „auf der Ebene des Lebens“ nie gelingen will: ein anständiges Leben, mit Sinn erfüllt durch die Arbeit des Schriftstellers. Der Held heißt übrigens auch hier Roman Sentschin und ist damit ebenso wie in dem neuen Buch eine Maske des Autors.


Die Schneerevolution in der Wohnung der Sentschins

Der Dokumentarismus in „Was wollt ihr eigentlich?“ drückt sich in der uneingeschränkten Herrschaft des gegenwärtigen Moments aus, alles geht jetzt und hier vor sich, die Handlung ist in sechs Kapitel aufgeteilt, von denen jedes einen bestimmten Tag beschreibt, beginnend mit dem 18. Dezember 2011 und endend mit dem 25. Februar 2012. Die Topographie des Romans, Straßennamen, Metrostationen usw. erinnern uns ständig daran, dass wir uns in Moskau befinden. Die Zeiten sind unruhig. In der Wohnung der Sentschins erörtern die Eheleute mit den Freunden in Anwesenheit der Kinder die politische Lage. Die einen sind der Überzeugung, dass der Staat „in allen Nähten kracht“, die anderen halten dagegen, dass dieses Regime „noch mindestens 30 Jahre“ fest im Sattel sitzen wird. Hauptthema sind die letzten und die bevorstehenden Protestaktionen, an denen alle Anwesenden teilgenommen haben bzw. teilnehmen werden. „Ehrlich gesagt, ich sehe keine besonderen Sinn in diesen Aktionen“, erklärt Serjoscha. „Und warum bist du dann hingegangen?“, fragt ihn der „Papa“ (d.h. Sentschin, beobachtet von seiner Tochter). Und Serjoscha rechtfertigt sich: „Man muss doch irgendwas tun“. Das Gespräch nimmt oft den Charakter einer militärischen Lagebesprechung an: „Am zehnten bestand die Chance, etwas zu erreichen“, sagt Sentschin, „wenn diese hunderttausend nicht auf den Bolotnaja-Platz gezogen, sondern auf dem Platz der Revolution geblieben wären, dann hätte sich die Staatsmacht wahrscheinlich auf Kompromisse eingelassen“. Im Aussprechen der Ziffern hört man den Stolz der Teilnehmer auf den Erfolg, eine Art Rausch der großen Zahlen. Und dem Leser (ebenso wie dem Mädchen Darja) entgeht auch nicht, dass bei diesen politischen Diskussionen immer Flaschen auf dem Tisch erscheinen und rasch geleert werden. Der Hausherr träumt in der solchermaßen angeregten Stimmung von dem großen historischen Roman, den er vielleicht dereinst schreiben wird: Wenn er zu seinem „Klim Samgin“ (Gorki!) heranreift sei, werde er darin unbedingt einen Abschnitt über den zehnten Dezember unterbringen. Es folgt die Beschreibung einer ganzen Szene, in der dem Führer der Partei der Nationalbolschewisten Eduard Limonow die Rolle des Volkstribunen zugeschrieben wird. Mit dem Megaphon in der Hand versucht er die Demonstranten vom Verlassen des Platzes abzuhalten. An anderen Stellen des Romans werden weitere bekannte Vertreter der Opposition mit ihren realen Namen angeführt: Sergej Udalzow, Aleksej Nawalny, die Journalistin Julija Latynina, die Schriftsteller Boris Akunin, Dmitrij Bykov, Zachar Prilepin u.a. In Sentschins Buch kommt der „literarische“ Charakter der Protestbewegung zum Ausdruck, von dem schon in dem Eintrag von 2012 auf diesem Blog die Rede war. Er äußert sich in der oft demonstrativ apolitischen Haltung der Beteiligten zugunsten eines rirogosen Moralismus. Es sind Emotionen, nicht politische Programme, die der Bewegung ihre mobilisierende Kraft verleihen.


Darja – der andere Blick

Die Gespräche der Erwachsenen bilden für sich genommen ein interessantes Selbstporträt der Teilnehmer der Protestaktionen. Warum braucht es dazu noch die Perspektive eines 14jährigen Mädchens, deren Gedanken- und Gefühlswelt mehr als die Hälfte des Textes gewidmet ist? In den kritischen Beiträgen wurde angemerkt, dass es eine äußerst riskante Sache für einen Schriftsteller sei, über die eigene Tochter oder sogar in ihrem Namen zu schreiben. Mehrere Kritiker äußerten die Ansicht, Sentschin habe in Wahrheit gar nicht über seine Tochter geschrieben, sondern eine Art Doppelgänger für sich selbst erfunden, der die Beobachtungen und Ansichten des Autors, besonders die skeptischen, an den Leser bringt. Der Schriftsteller Alexander Berjosin hält es sogar für möglich, dass in Darjas Reaktionen auf das Verhalten der Erwachsenen die fundamentale Kritik der ganzen nachfolgenden Generation an den Kindereien ihrer Eltern zum Ausdruck kommt: „Vielleicht sehen die Halbwüchsigen in den Meetings nicht mehr als eine ausgelassene Party und schauen auf ihre vierzigjährigen Eltern mit Kummer und Mitleid? Vielleicht sind sie reifer?“ Das ist aber ohne Zweifel eine inadäquate und voreingenommene Interpretation. Im Unterschied zu den früheren Werken Sentschins, vor allem dem Roman „Die Jeltyschews“, wo die erschütternde Geschichte einer gänzlich zerstrittenen Familie erzählt wird, hat der Autor hier wenn nicht das perfekte „Familienglück“, so doch eine Familie gezeigt, in der alle Mitglieder sich gegenseitig lieben und achten. Darja selbst verhält sich zu der Welt der Eltern mit gespannter Aufmerksamkeit und gesellt sich am Schluss gemeinsam mit ihnen zu den Demonstranten.


Darjas Welt – „überall nur Schlechtes“

Darja ist ein für ihr Alter ungewöhnlich ernsthaftes, nachdenkliches Mädchen und infolgedessen nicht sehr glücklich. Sie interessiert sich nicht für Liebesgeschichten und stundenlange Telefongespräche mit Freundinnen. Stattdessen ist ihr Leben schon jetzt von dem Gefühl der Verantwortung für die eigene Zukunft bestimmt. Von überall hört sie, dass gerade in ihren Jahren die Fundamente für ein erfolgreiches Leben gelegt werden müssen. Die Mutter treibt sie ständig zum Üben auf dem Fagott, der Musikprofessor (eine amüsante Studie!) fordert von seinen Schülern grenzenlose Hingabe an die Kunst, außer dem Fagott darf es nichts anderes geben.

In dieser Situation einer nicht gerade glücklichen Kindheit (die übrigens in vielem an Familienverhältnisse bei uns erinnnert) begegnet Darja dem Geist der Zeit, den Aufregungen, Hoffnungen und Ängsten des Winters 2011-12. Ihre Reaktion ist alles andere als das freudige Vorgefühl der Freiheit und eines neuen Lebens. Darja gerät in einen Zustand der Verwirrung und Angst. Alle diese aufgeregten Gespräche, die den Eltern offensichtlich trotz allem nicht wenig Vergnügen bereiten, bringen sie zur Verzweiflung. Alle sagen, dass Putin schlecht ist, dass Russland untergeht, dass das russische Volk ausstirbt, von „Gastarbeitern“ (so auch im Russischen) verdrängt wird. Dazu wird den Menschen auf allen Informationskanälen der Eindruck vermitelt, dass sie in einem gefährlichen, unsicheren Land leben. Auf „Radio Moskau“ gibt es von früh bis spät Nachrichten über Morde, Überfälle von irgendwelchen Verrückten, Kriminalität aller Art: „Du hörst es, und es schnürt dich wie mit Stricken zusammen – überall nur Schlechtes“. Jeder erwartet von den anderen nur Böses, alle sind potentielle Feinde. Haben diejenigen womöglich recht, die behaupten, das sei der Normalzustand Russlands, eine Art nationale Krankheit? Eine Bestätigung dieser Ansicht findet Darja dort, wo sie sie am wenigsten erwartet, in den Büchern des geliebten Vaters. Früher hat sie sich für die Schreibereien des Vaters nicht besonders interessiert, jetzt findet sie dort seine „schwarzen Gedanken“ über das Heimatland: „Russland hat immer besoffen in der Ecke gelegen und um was zu fressen gebettelt und dann wieder um was zu saufen“. Darja kann diese finsteren Bilder nicht in Übereinstimmung mit dem realen Leben auf den Straßen Moskaus bringen. Die Menschen ziehen sich modischer an, die Autos werden immer luxuriöser, die Straßen sind sauberer und die Bettler deutlich weniger geworden. Auch die materielle Lage in der Familie hat sich verbesssert, und beide Eltern erklären ihr auf ihre angstvollen Fragen – entgegen ihren sonst geäußerten Überzeugungen: „Reg dich nicht auf, alles wird gut!“ Darja entflieht diesem Wirrwarr, zieht sich mit ihrem Laptop in einen Winkel zurück und wartet mit Ungeduld darauf, endlich den Zustand der „Reife“ zu erreichen, am besten mit achtzehn oder wenigstens mit sechzehn Jahren.


„Russland ohne“ gegen „Russland für“

Im Februar 2012, als sich die Eltern auf die nächste Aktion vorbereiten („Weißer Kreis“ - eine Menschenkette am Gartenring) fasst Darja den Entschluss, sich selbst ein Bild von den Vorgängen zu verschaffen, mit den Eltern auf die Straße zu gehen. Zuvor waren bei ihr neue Zweifel am Sinn der Proteste aufgetaucht. Sie hat im Internet ein Video „Russland ohne Putin“ gesehen, das Unterstützer der Proteste abschrecken soll (eine glänzende Satire!). Wenn Nawalnyj und seine Genossen an die Macht kommen, wird Russland innerhalb von zwei Jahren buchstäblich aufhören zu existieren, lautet die Botschaft. Es wird eine Provisorische Regierung aus Liberalen und Nationalisten gebildet, die natürlich schnell auseinanderfällt. Die Nationalisten gehen in den Untergrund und beginnen mit Terroraktionen. Die Wirtschaft bricht zusammen, der Börsenhandel wird eingestellt, es herrscht Hyperinflation. Ethnische Konflikte weiten sich zum Bürgerkrieg aus. Aleksej Nawalnyj bitte in den USA um politisches Asyl. Darja hat jetzt endgültig genug von diesem Chaos. Sie zieht mit den Eltern los, auch die kleine Schwester ist dabei.

Die letzte fünzehn Seiten des Romans sind den Ereignissen auf der Straße und den Eindrücken Darjas gewidmet. Sie sieht mit eigenen Augen ein gespaltenes Land. Anfangs ist sie beeindruckt von der friedlichen und heiteren Stimmung unter den Demonstranten, aber auch von der großen Kraft, die von der Geschlossenheit dieser riesigen Menge ausgeht. Sie empfindet Sympathie für diese Menschen, die aus ihren warmen Wohnungen in den Frost hinausgegangen sind, um sich für etwas einzusetzen, das ihnen wichtig und wertvoll ist. Der Vater spricht von einem „Feiertag der Freiheit“ und Darja wird es „wenn auch nicht direkt freudig, so doch irgendwie hell in der Seele“ – eine für sie überraschende Erfahrung. Aber dieser Zustand hält nicht lange an. Hinter den Demonstranten am Straßenrand formiert sich eine parallele Kette von Gegendemonstranten, die den „weißen Kreis“ auf die Fahrbahn drängen. „Russland ohne Putin“ und „Russland für Putin“ stehen sich drohend gegenüber. Die Situation wird gefährlich, und der Vater führt seine Familie zu einem anderen Schauplatz der Proteste im Zentrum der Stadt. Dort geraten sie in eine handgreifliche Auseinadersetzung zwischen Demonstranten und „Naschisten“ (Mitgliedern der regierungsnahen Organisation „Naschi“ – die Unsrigen). Die Menschen schreien sich in höchster Wut ihre Parolen ins Gesicht, es kommt zu Gewalt und Blutvergießen. Darja beobachtet diese Szenen mit wachsender Erregung und verliert schließlich die Kontrolle über sich. Ohne jemanden anzusehen, geht sie mitten in das Schlachtgetümmel und schreit: „Idioten! Was wollt ihr eigentlich?!“ Die Eltern bringen sie in Sicherheit.

Ein Spiegel der „Schneerevolution“

Was bedeutet der Schrei des Mädchens, und an wen ist er gerichtet? Bedeutet die Schlusszene eine Distanzierung des Autors von der Protestbewegung? So einfach ist die Sache nicht. Der Sentschin in der Rolle des Familienvaters und Demonstranten zeigt uneingeschränkte Solidarität mit der Grundforderung der Bewegung: „Russland ohne Putin“. Er erklärt seinen Töchtern am Beispiel konkreter Aussagen des Präsidenten, dass dieser Mensch kein Gewissen hat und Russland zugrunde richtet. An die Stelle dieses Regimes muss nach seiner Überzeugung „der normale Sozialismus“ treten, der „in fast ganz Europa das Leben bestimmt“ (eine Feststellung, der Leser in Westeuropa wohl kaum zustimmen würden!). Als historische Vorbilder der aktuellen Bewegung stellt er seinen Kindern die Dekabristen vor, eine verhältnismäßig kleine Gruppe von ehrlichen, aufopferungsvollen Menschen, in vielem der „Klasse der Kreativen“ von heute ähnlich. „Hier ist die Intelligenzija, sie ist immer schuldig und hat zugleich immer recht“, erklärt Sentschin (ganz im Geist Gorkis!).

Nichtsdestoweniger ist die aktuelle Situation geeignet, einen jungen, noch wenig auf das Leben vorbereiteten Menschen in Verwirrung und Verzweiflung zu stürzen. Dies am Beispiel der Tochter des Schriftstellers (die man natürlich als eine fiktive Person verstehen muss) zu zeigen – das ist der Sinn dieses literarischen Kunstgriffs. Die Verwirrung in den Gedanken und Gefühlen Darjas ist, nach Ansicht der Kritikerin Marija Remizova, „der maximal adäquate Spiegel des Chaos und der Erregung der Gemüter, die für die Schneerevolution charakteristisch sind“. Und die Schriftstellerin Irina Bogatyreva fügt diesem Gedanken einen psychologischen Aspekt hinzu: das Thema des Erwachsenwerdens, verstanden als das Erwachsenwerden einer Halbwüchsigen und zugleich des ganzen Landes. Darja und ihrer Generation stellt sich die Aufgabe einzusehen, dass ihre Eltern sich ebenso wie sie – und wie die ganze russische Gesellschaft - „im Zustand des Nichtverstehens“ und der Unreife befinden.
Was hat dieses Symbol einer sozusagen nationalen Pubertät im Konzept Sentschins zu bedeuten? Es scheint mir trotz der düsteren Schlussbilder Ausdruck einer Hoffnung zu sein. Die Diagnose einer Zeit des Übergangs verheißt zwar keine lichte Zukunft, aber sie lässt die Möglichkeit zu, dass sich das pubertäre Russland im Übergang zu einer erwachsenen, selbstbewussten und vernünftigen Nation befindet.

Ihnen, liebe Besucher des Blogs der-unbekannte-gorki.de, wünsche ich im Neuen Jahr Gesundheit, ein harmonisches Familienleben und Vergnügen beim Lesen guter Bücher.


Die vorhergehenden Neujahrseinträge auf diesem Blog:

Zum Neuen Jahr 2012: Das neue Russland auf dem Bolotnaja-Platz
Die Entdeckung des Jahres 2012 – eine kluge Frau in der Politik

Über Roman Sentschin (Senchin) auf diesem Blog:
Ein Mönch der Literatur: “Vorwärts und aufwärts” von Roman Senchin

In deutscher Übersetzung liegt vor:
Roman Sencin (mit einem „hatschek“ auf dem c), Minus. Aus dem Russischen von Ulrike Zemme. DuMont, Köln 2003.

Kategorie: Neue russische Literatur

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