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Welches Christentum braucht Russland? Zu Pavel Basinskijs Buch „Der Heilige gegen Tolstoj“ (2013)

Mittwoch, 19. Februar 2014, 21:04:10 | Armin Knigge

Welches Christentum braucht Russland? Zu Pavel Basinskijs Buch „Der Heilige gegen Tolstoj“ (2013)

In russischer Sprache hier.

Johannes von Kronstadt (1829-1908), in den letzten Jahrzehnten des Zarenreiches ein berühmter Prediger und Wunderheiler der Russischen Orthodoxen Kirche, galt in den Kreisen der Intelligenzija als ein Musterbeispiel für den Obskurantismus der Kirche und den Chauvinismus des rechtsradikalen „Bundes des russischen Volkes“, dem er angehörte. Mit seinen Verdammungsurteilen gegen die antikirchlichen Schriften Lew Tolstojs trug er wesentlich zu der Exkommunizierung des Schriftstellers durch den Heiligen Synod (1901) bei. In seinem 2013 erschienenen Buch „Der Heilige gegen den Löwen“ (ein Wortspiel mit dem Namen des Schriftstellers Lew) bemüht sich der Publizist und Schriftsteller Pawel Basinskij um einen gerechteren Blick auf Johannes von Kronstadt, indem er die Aufmerksamkeit auf die gemeinsamen Grundzüge von „zwei großen russischen Menschen“ richtet. Jeder von ihnen war, so meint der Autor, in einer krisenhaften Situation der Kirche und des Glaubens um eine Rettung und Erneuerung des Christentums bemüht. Aber kann man diese diametral entgegengesetzen Auffassungen der Kirche und des Christentums den Bürgern des heutigen Russlands wirklich als gleichwertige Alternativen anbieten, wenn es um die Schaffung einer freien und demokratischen Gesellschaft geht?


Lew Tolstoj und Johann von Kronstadt sind die Haupthelden in der biographischen Erzählung des bekannten Publizisten und Schriftstellers Pawel Basinskij, der in diesem Blog nicht zum ersten Mal vertreten ist (Links am Ende des Eintrags). Für sein Tolstoj gewidmetes Buch „Flucht aus dem Paradies“ (2010) erhielt er den renommierten Preis „Das große Buch“. Davor hatte er eine bemerkenswerte Biographie über Maksim Gorki veröffentlicht (2005 und weitere Ausgaben). Was hat den vielseitig interessierten Autor dazu bewogen, dem berühmten Schriftsteller Lew Tolstoj den „Heiligen und Gerechten“ der Orthodoxen Kirche Johannes von Kronstadt gegenüberzustellen, der ein Zeitgenosse des Schriftstellers war, aber einer völlig andersartigen Kultur angehörte? Bei uns muss man die Enzyklopädien bemühen, um Informationen über diese halb vergessene Person der russischen Geschichte zu erlangen. Lediglich den Bewohnern Hamburgs könnte der Name etwas sagen, da im Jahr 2007 die alte Gnadenkirche in St. Pauli als Gotteshaus der russisch-orthodoxen „Gemeinde des Hl. Johannes von Kronstadt“ eingeweiht worden ist. Der historistische Baustil des Gebäudes, der sich an östlich-byzantinischen Kirchen orientierte, passte zu der Übergabe an das Moskauer Patriarchat, die innere Neugestaltung durch Moskauer Ikonenmaler und die Einbettung des Projekts in die Städtepartnerschaft Hamburg - St. Petersburg sorgte für entsprechende Aufmerksamkeit. Interessierte können auch eine in der Schweiz erschienene Monographie über den „Starez Russlands“ zur Hand nehmen.
In Russland ist Johann von Kronstadt, 1967 in New York und 1990 in Moskau kanonisiert, nach einer siebzig Jahre währenden verächtlichen Behandlung wieder zu einem der meistverehrten Heiligen Russlands geworden. Er genießt wieder die Reputation eines „Batjuschka des Volkes“, der Buchmarkt ist voll von Ausgaben seiner Schriften wie „Mein Leben in Christo“, „Wird mich der Herr retten?“ oder „Wunder. Geistliche Fragen und Antworten“. Auch Johannes’ polemische Predigten gegen Tolstoj, den er „den Blinden von Jasnaja Poljana“ und „ein sittliches Monstrum“ genannt hat, werden wieder aufgelegt. Der Kirchenbann gegen den Klassiker ist nicht aufgehoben und stellt für manche unter den neuen Gläubigen ein Problem dar. Darf man den Häretiker überhaupt lesen?


„Es gibt bei uns keinen Dialog mit der Kirche.“

Gerade in dieser „Geschichte einer Feindschaft“ (Untertitel) hat Basinskij das Symbol einer noch tieferen Spaltung entdeckt, die die ganze Kultur Russlands betrifft und sich in den ideologischen Zusammenstößen unserer Tage erneuert: auf der einen Seite der Vertreter der europäischen Aufklärung, für den die Kirche (und gemeinsam mit ihr der Staat) nichts anderes darstellt als eine „Einrichtung zur Pervertierung der Menschen“, auf der anderen der Priester´“aus dem Volk“, der sein ganzes Leben dem Dienst an der Kirche, dem Hort des Glaubens und der göttlichen Gnade, gewidmet hat.. Und beide halten sich für gläubige Christen. Heute gibt es zwar in Russland nicht mehr so extrem ausgeprägte Einzelpersönlichkeiten, aber die Frontlinien des Konflikts sind die gleichen geblieben, sie zeichnen sich infolge des erneuerten Bündnisses zwischen Staat und Kirche sogar noch deutlicher ab. Die Beobachtung dieser Sítuation hat Basinskij seit langem beunruhigt und ihm die Idee für dieses Buch gegeben. In einer Diskussion mit Michail Ardov, dem Autor des Buches „Kleine Geschichten aus dem Leben eines Erzpriesters“ hat er erklärt: „Es gibt bei uns keinen Dialog mit der Kirche, wir versuchen nur, uns gegenseitig fertigzumachen“ (das letzte Wort „uzhuchit’“ gehört auch im Russischen zur groben Umgangssprache).

Als eine Bestätigung dieser Meinung könnte eine Rezension auf Basinskijs Buch dienen, die auf Colta.ru, einer unabhängigen kulturpolitischen Internetseite erschienen ist (27 Mai 2013). Die Autorin Elena Rybakova glaubt nicht daran, dass der Autor des Buches eine freie Diskussion über Glaubensprobleme anstoßen wollte, sie beschuldigt ihn im Gegenteil, mit aller Kraft die antikirchliche Position Tolstojs zugunsten des Hl. Johannes zu diskreditieren. Basinskij ist ein Etatist, ein „gosudarstvennyj chelovek“, erklärt die Verfasserin mit unverhohlener Ironie, und als solcher sei es seine Pflicht, in einer Periode der Zuspitzung des ideologischen Kampfes „in vorderster Linie Salven von Propaganda (agitki) auf den Gegner abzufeuern“. Wer Basinskijs Buch ohne Voreingenommenheit gelesen hat, wird dieses Urteil für ungerecht halten. An vielen Stellen drückt der Autor sein Bedauern, ja seine Verzweiflung über eben diese „militärische Manier“ der Konfliktlösung aus: beide Helden seines Buches sind nicht willens oder nicht fähig, sich auch nur annähernd in die Position des Opponenten zu versetzen, es geht ihnen nur darum, ihn zu vernichten. In den Predigten des Johannes von Kronstadt wird das unverblümt gesagt, in seinen Tagebüchern gibt es Gebete an den Herrn mit der flehentlichen Bitte, dem Leben des Häretikers ein Ende zu machen. Bei Tolstoj mag der Ton weniger aggressiv erscheinen, weil sich die Polemik nicht gegen seinen Opponenten oder andere Personen, sondern gegen die abstrakte Institution der Kirche richtet, aber seine „vernünftige“ Analyse der Kirche, einer Verbrecherorganisation, ist von der gleichen, an Fanatismus grenzenden Unerbittlichkeit geprägt.
Basinskij will sich nicht in diesen Barrikadenkampf begeben, er versucht, seine beiden Opponenten als „zwei große russische Menschen“ und charismatische geistliche Autoritäten zu verstehen, die in Russland Starzen heißen. Man darf ihm glauben, dass er die „Taubheit“ der streitenden Parteien überwinden möchte. Darin unterscheidet sich der konservative Kulturredakteur der regierungsnahen „Rossijskaja gazeta“ vorteilhaft von den Vertretern einer radikalen „Verkirchlichung“ der russischen Kultur, die auf diesem Blog in der Person des Regierungsberaters Pawel Pozhigajlo vorgestellt worden sind. In der zitierten Rezension wird Basinskij einfach in eine Reihe mit Pozhigajlo gestellt, der russische Klassiker in die Kategorien der „Gottlosen“ und der „genialen Propheten“ einteilt. Basinskij schreibt keine „agitki“ im Stil der religiösen Erbauungsliteratur, die in Verlagen mit so sprechenden Namen wie „Institut der russischen Zivilisation“, „Zur Einheit!“, „Zauberlaterne“ oder „Sibirischer Wohlklang“ erscheint. Und es ist schwer vorstellbar, dass Basinskijs Buch den Lesern dieser Literatur gefällt.


Zwei Kämpfer für die Erneuerung des Christentums

Dennoch darf man feststellen, dass Johannes von Kronstadt im Buch eine gewisse positive Voreingenommenheit von seiten des Autors genießt, und dafür gibt es respektable Gründe, auch wenn sie für einen Beobachter von außen nicht unbedingt überzeugend erscheinen. Lew Tolstoj ist in der gesamten russischen Kultur allgegenwärtig, für Johannes von Kronstadt interessieren sich nach wie vor nur „einfache“ Menschen und die kirchlichen Autoritäten, Vertreter der Klasse der Gebildeten und Kreativen gehören in der Regel nicht zu seinen Anhängern. Und das sei doch ungerecht, gibt uns der Autor zu verstehen. Schließlich stand hinter Tolstoj nur die kleine Minderheit der Intelligenzija, hinter Johannes aber „die vielen Millionen des russischen Volkes“. Basinskij konstatiert mit Bedauern und Unverständnis, dass z.B. ein so guter Kenner des russischen Volkes wie der Schriftsteller Nikolaj Leskow, der Verfasser der „Klerisei“, einer so liebevollen Darstellung der russischen Provinzgeistlichkeit, den Prediger und Wunderheiler Johannes als einen Scharlatan betrachtet und geradezu mit Hass verfolgt hat. Wie konnte es sein, fragt der Autor, dass die meisten bekannten Schriftsteller ebenso verächtlich von diesem frommen und wohltätigen Menschen dachten und blind waren für die Züge, die diese beiden Vertreter des Christentums miteinander verbanden: die enge Bindung an den Glauben und die Rituale der orthodoxen Kirche durch die Tradition der eigenen Familie (trotz gegensätzlicher sozialer Bedingungen); das Bekenntnis zu Gott als dem universalen Geist; der zentrale Begriff der Seele als Ort des Glaubens; die Bevorzugung der Ansichten „einfacher“ Menschen in Fragen des Glaubens gegenüber den Gebildeten. Sogar in der Sphäre des intimen Lebens gibt es Gemeinsamkeiten, obwohl gerade hier extreme Unterschiede zutage treten. Beide waren im Grunde einsame Menschen, die in äußerst gespannten familiären Verhältnissen lebten, beide unterzogen sich, besonders in ihren Tagebüchern, einer strengen Selbstkontrolle. Beide waren, mit einem Wort, Kämpfer für eine Erneuerung des Christentums in einer Situation, in der der Einfluss der Kirche und des Glaubens auf das sittliche Leben der Gesellschaft deutlich schwächer wurde.

„Ich habe eine Antwort auf die Frage des Lebens gesucht, nicht auf die Fragen der Theologie und der Geschichte, und deshalb war es für mich vollkommen gleichgültig, ob Jesus Christus Gott ist oder nicht Gott, von wem der heilige Geist ausgeht usw., und ebenso unwichtig und unnötig war es zu wissen, wann und von wem welches Evangelium geschrieben ist und welches Gleichnis Christus zugeschrieben oder nicht zugeschrieben werden kann. Wichtig war mir das Licht, das seit 1800 Jahren die Menschheit erleuchtet hat und auch mich erleuchtet; und wie man die Quelle dieses Lichts nennen soll, und aus welchem Material sie besteht, und wer sie angezündet hat, das war mir ganz gleichgültig…“
Lew Tolstoj, „Kurze Auslegung des Evangeliums“ (1881)

„Verborgen, gänzlich verborgen hat der Herr seine Göttliche Weisheit vor den Augen dieses Wahnsinnigen, dieses stolzen und unverschämten Menschen, der unwürdig ist, sie zu kennen und sie zu seiner Rettung zu gebrauchen, - und der Herr lässt ihn in tiefster Finsternis mitten im Licht des Tages, im strahlenden Glanz der Wahrheit Gottes und der heiligen Kirche. Dieser Graf in seinem Jasnaja Poljana ist von undurchdringlicher Finsternis umgeben. Möge der Herr ihm ein gerechter Richter sein. Gott ist erhaben über Beschimpfungen… und dieser neue Häretiker wird den Giftbecher, den er sich und anderen bereitet hat, selbst bis zur Neige austrinken“.
Johannes von Kronstadt, „Über die geistige Blindheit des Blinden von Jasnaja Poljana“ (1896)




Vor welchem von ihnen soll man „das Haupt neigen“?

Im Schlussteil des Buches bechreibt der Autor die Fortsetzung des Streits seiner beiden Haupthelden in der Gegenwart, eine Fortsetzung, die keine Lösung erkennen lässt. Sogar die Grabstätten der beiden Opponenten scheinen die eine und einzige Wahrheit für sich zu beanspruchen: das schmucklose, einsam im Wald von Jasnaja Poljana gelegene Grab Tolstojs und die aus weißem Marmor erbaute Gedächtnisstätte für Johannes von Kronstadt in dem von ihm gegründeten St.-Johannes-Kloster in St. Petersburg. Der Autor selbst sieht sich unter denen, die Zweifel an dieser rigorosen Trennung hegen und dazu neigen, ihr Haupt bald vor dem einen, bald vor dem anderen zu neigen. Mir scheint, dass hier eine echte Ungewissheit in Sachen des Glaubens zum Ausdruck kommt, die die ganze ältere und mittlere Generation der Russen betrifft, also die ehemaligen Sowjetbürger, auch wenn nur wenige darüber sprechen. Nach den Verfolgungen, die die Kirche und die Geistlichkeit in der Revolution und unter der Sowjetherrschaft zu erleiden hatten, ist eine respektvolle Beziehung zur Kirche die selbstverständliche menschliche Reaktion auf die Verbrechen der Vergangenheit. Auch ein neu erwachtes Interesse an Glaubensfragen, wie es auch im Westen z.B. auf Kirchentagen zu beobachten ist, gehört zu den guten Zeichen einer Erneuerung der Gesellschaft. Das Problem besteht in Russland aber darin, dass die potentiellen Kandidaten für einen erneuten Eintritt in die Kirchengemeinde in ihrem eigenen Leben oder in der Überlieferung der Familie sieben Jahrzehnte einer dramatischen Geschichte des Landes miterlebt haben und folglich andere Menschen geworden sind als ihre Vorfahren im Zarenreich, während die Russische Orthodoxe Kirche auf wunderbare Weise in derselben Gestalt wiedererstanden ist, die sie vor der Revolution besaß. Und das ist im wesentlichen die Kirche, die Johannes von Kronstadt repräsentiert hat.


Glaube und Gehorsam – sind das Synonyme?

Aber kann dies die Kirche eines neuen Russlands werden? Basinskij will diese Option auf jeden Fall bestehen lassen, aber er selbst lässt bei seiner Darstellung des Charakters und des Verhaltens des „heiligen Priesters“ und Wunderheilers Johannes nicht selten Zweifel oder sogar Verzweiflung über gewisse Eigenschaften erkennen, die die unendliche Entfernung dieses Lebens in Christo von den Bedingungen der heutigen Gesellschaft und auch von den Bedürfnissen gläubiger Christen deutlich machen.
So führt er eine der Bestimmungen des Rituals der Eucharistie aus dem Tagebuch des Priesters an: „Du bist ein Säugling: sauge an der Brust des Göttlichen Leibes und Blutes, und wenn du durch ihn auf wunderbare Weise deine Seele gesättigt hast, dann frage nicht: wie ist die Brust beschaffen?“ – „Räsonniere nicht! Rebelliere nicht!“ – kommentiert dazu der Autor Basinskij. Das Buch ist voll von solchen Erklärungen und Geboten des Priesters in derselben knorrigen Sprache, die nur im kirchlichen Bereich in Gebrauch ist. Aus ihnen entsteht das Bild eines Menschen, der sich als „Knecht Gottes“ im buchstäblichen Sinne bedingungslos dem Dienst des göttlichen Willens unterwirft, eines Willens, der von der Kirche repräsentiert und vollzogen wird. Eine selbständige Bewusstseinstätigkeit des Gläubigen hat hier keinen Platz. Der Verstand erscheint in dieser Perspektive überhaupt als ein zweifelhaftes Organ, durch das der Teufel seine Verführungskünste vollbringt.

Die Annahme dieses Glaubens war im Leben des jungen Mannes, der mit weltlichem Namen Iwan Sergijew hieß, kein bewusster Akt, stellt der Autor fest. Der Sohn eines bettelarmen Küsters in dem Dorf Sura im Gebiet von Archangelsk wählte das einzige Modell des Verhaltens, das ihm seine Umgebung anbot: es war der Gehorsam gegenüber den Lehrern und Vorgesetzten und die Dankbarkeit gegenüber den Eltern dafür, dass sie ihm das Studium ermöglicht hatten. Das war es, was Iwan Sergijew von Lew Tolstoj unterschied, meint Basinskij. Letzterer hatte die Wahl zwischen verschiedenen Verhaltensmodellen. Eines von denen, für die er sich entschied, war die kompromisslose Ablehnung jeder Form der Gewalt in Bezug auf die Persönlichkeit. In diesem Sinne widersetzte er sich mit Erfolg seinem Hauslehrer, der seinen Willen brechen wollte. Es fragt sich, warum eine solche Wahl für den künftigen Priester nicht existiert haben soll. Sich den Forderungen des Milieus zu unterwerfen oder ihnen zu widerstehen – ist das nicht eine Entscheidung, vor der jeder junge Mensch steht? Aber es geht nicht nur darum. Wichtiger erscheint mir der Einwand, dass in dem Bekenntnis des Johannes von Kronstadt der Glaube mit dem Gehorsam gleichgetzt wird, und zwar nicht nur mit dem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, sondern gleichermaßen gegenüber der Obrigkeit. Die Gegenüberstellung der beiden Helden des Buches erhält damit eine Tendenz, die wohl kaum so direkt vom Autor beabsichtigt sein kann: Johannes, der Vertreter der Demut (smirenie), der gehorsame Gottesknecht, wird Tolstoj, der Verkörperung des „stolzen Menschen“ und Rebellen gegenübergestellt, der sich an Gott und der Kirche versündigt. „Stolz“ war der regelmäßige Vorwurf der Verteidiger der Kirche an die Adresse des Schriftstellers.
Bezogen auf die aktuelle politische Situation in Russland könnte das etwa bedeuten, dass der Hl. Johannes der rebellierenden Jugend, z.B. auf dem Bolotnaja-Platz zur Zeit der „Schneerevolution“, als Gegenbeispiel eines christlichen Verhaltens präsentiert wird. Die Vorstellung von einem Auftritt des Priesters unter diesen Umständen muss zu dem Schluss führen, dass es dort keinen Platz für seinen Glauben und sein Menschenbild gibt und dass es kaum wünschenwert wäre, ihm diesen Platz zu gewähren.

Nicht weniger problematisch erscheint die heutige Bewertung der Wohltätigkeit und der Wunder des Johannes von Kronstadt. Über die persönliche Güte und Großzügigkeit bei der materiellen Hilfe für seine Schützlinge gibt es zahlreiche glaubwürdige Zeugnisse, darunter die sarkastische Feststellung eines Biographen, er sei in Russland der erste Priester gewesen, der Geld nicht verlangt, sondern großzügig verschenkt habe. In dieser Eigenschaft könnte Johannes für die erschreckend unbarmherzige heutige Gesellschaft in Russland ein gutes Vorbild bleiben.
Die Rolle des Predigers und Wunderheilers Johannes erscheint dagegen heute eher zweifelhaft. Nach einer öffentlichen „Danksagung“ einer Gruppe von Verehrern im Jahre 1883 setzte die Massenpilgerschaft nach Kronstadt ein, in der sich hysterische Ausbrüche des Wunderglaubens mit kalkulierter Geschäftemacherei verbanden. Es gibt zahlreiche Berichte über außer Kontrolle geratene Menschenmassen, die sich auf den Priester stürzten und physischen Kontakt mit ihm suchten. Er selbst wirkte in dieser Situation eher wie ein gehetztes Tier als ein charismatischer Prediger. Der Autor des Buchs hätte hier etwas mehr kritische Distanz wahren müssen. Stattdessen erklärt er, die Rolle des Johannes von Kronstadt in diesem Umfeld entziehe sich „der rationalen Analyse“: „An ihn kann man nur glauben oder nicht glauben“. Da wird wieder einmal der Topos vom rätselhaften Russland ins Spiel gebracht. Ich selbst hatte bei der Lektüre eher den Eindruck, dass man sich aus den Berichten der Zeitzeugen sehr wohl ein umfassendes Bild von den Stärken und auch von den Schwächen dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit machen kann. Ihn als einen „großen Menschen“ und einen „Giganten“ zu bezeichnen, scheint mir übertrieben. Er war aber, ungeachtet seiner zum Fanatismus gesteigerten Religiosität, zweifellos ein guter Mensch mit einem Herz für die Armen und Kranken.

In der erwähnten religiösen Erbauungsliteratur unserer Tage erscheinen die Wunderheilungen des Johannes meist als erwiesene Tatsachen. Auf diese Weise wird die in Russland ohnehin verbreitete Sucht gefördert, an Wunder aller Art (und ebenso an Verschwörungen) zu glauben. Das Zentrum dieser Art des Glaubens ist – mit dem Willen der Geistlichkeit oder gegen ihren Willen – die Orthodoxe Kirche. Davon zeugten z.B. im Jahre 2011 die nach Tausenden zählenden Warteschlangen vor der Erlöserkirche in Moskau, wo der „Gürtel der Heiligen Gottesmutter“ in einem Reliquenschrein für die andächtige Berührung durch die Gläubigen bereit stand. Basinskij stellt in seinem Buch fest, dass es auch in den Formen der Verehrung des Johannes von Kronstadt „viel Heidnisches“ gab.

Wie unendlich weit entfernt von dieser Welt des Wunderglaubens erscheint dagegen das „Evangelium des Lew“, das Basinskj dem Hl. Johannes gegenüberstellt, eine von allem Mysterien befreite sittliche Lehre für aufgeklärte Menschen. Obwohl Tolstojs rationalistische Religiosität, die Vergöttlichung der Vernunft, angesichts der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts in vielem zum Widerspruch herausfordert, bezieht sie sich doch ganz auf die diesseitige Welt. Bei der Lektüre von Basinskijs Buch erging es mir so, dass ich jedesmal, wenn der Bericht von Johannes zu Lew Tolstoj wechselte, ein Gefühl der Erleichterung empfand, der Befreiung von den im ganzen doch deprimierenden Eindrücken aus dem Leben des Johannes von Kronstadt. Und es schien mir, dass sich auch der Ton des Berichterstatters bei diesen Übergängen deutlich aufhellte. Dort, bei Tolstoj, pulsiert das Leben, entfalten sich die inneren Dramen des Schriftstellers, begegnen ständig interessante Menschen, beginnend mit der Reihe ungewöhnlicher Charaktere unter den Vorfahren und der zeitgenössischen Verwandtschaft Tolstojs. Allein die Schicksale seiner verschiedenen Tanten stellen ein reiches Material für die russische Kulturgeschichte dar. Man kann natürlich einwenden, dass wir es hier mit dem Leben einer privilegierten Schicht zu tun haben, das man fairerweise nicht mit dem der armen Geistlichkeit aus dem hohen Norden Russlands vergleichen kann. Aber das betrifft nicht die Antwort auf die Frage, welches Christentum und welche Kirche am ehesten den Werten und Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft entspricht. „Dürftig war das kulturelle Gepäck des Johannes“, stellt der Autor mit deutlichem Bedauern fest. Ist es diese Kultur, die die Russen heute brauchen?


Der „blutige Gorki“ – war er wirklich so?

Im Schlussteil des Buches „Der Heilige gegen Lew“ wird der Name Gorkis erwähnt, wobei der Autor ihm eine bedeutende, aber nicht sehr schmeichelhafte Rolle zuweist: „Im Resultat des Streits zwischen Tolstoj und der Kirche folgte die Jugend weder der Kirche noch Tolstoj“, stellt Basinskij fest. „Sie folgte Maksim Gorki“. Das bedeutet, sie folgte ihm auf dem Weg der Revolution, der hier verstanden ist als der Weg der Gewalt und des Blutvergießens. Der Autor zitiert dazu eine bekannte Äußerung Gorkis in einem Brief an seine Frau J.P. Peschkowa (9. Januar 1905), der sich auf die Ereignisse des sog. Blutsonntags bezieht. Gorki gratuliert seiner Frau zum Beginn der russischen Revolution und fügt hinzu: „Die Getöteten sollen uns nicht in Verwirrung bringen, nur mit Blut nimmt die Geschichte neue Farben an.“ In der „blutigen Messe“, die unter der Herrschaft des Bolschewismus folgte, hatte niemand Sinn für die Starzen, weder für den von Jasnaja Poljana noch für den von Kronstadt, stellt der Autor fest. In dieser sehr vereinfachten Beschreibung der Situation scheint Gorki selbst eine blutige Färbung anzunehmen, und das ist offenkundig ungerecht. Basinskij, der sich in vielen Publikationen mit der Persönlichkeit des Schriftstellers befasst hat, weiß sehr wohl, dass Gorki kein Zyniker und Gewaltverherrlicher war. Im Kontext des behandelten Buches erscheint er mir eher als der dritte neben den „Rettern des Glaubens“ und Kämpfern für eine Erneuerung des Christentums. Das Thema des Romans „Die Mutter“ war nicht die „blutige Messe“ der Revolution, sondern der „Marsch der Kinder“ zu einem neuen Leben und einem neuen Glauben unter dem Schutz der mütterlichen Liebe. Die Ausarbeitung dieses Thema ließ unter ästhetischen Gesichtspunkten zu wünschen übrig und war auch historisch ein Misserfolg, aber als das „Evangelium des Maksim“ verdient es bis heute ernsthafte Beachtung.

Gorki ist übrigens auch unter den Zeitgenossen, die Erinnerungen an Johannes von Kronstadt hinterlassen haben. Die Begegnung mit ihm fand 1891 oder 1892 in einem Kloster statt, für das mehrere Orte in Frage kommen. Bemerkenwert an der 1922 veröffentlichten Skizze ist der Umstand, dass sich der junge Peschkow intensiv um ein Treffen mit dem berühmten Prediger bemüht hatte, weil er ihm seine Zweifel in Glaubensfragen vortragen wollte. Das Gespräch wurde zu einer Enttäuschung. Johannes wies den „Seminaristen“ in strengem Ton zurecht und verbot ihm seine „aufrührerischen“ Reden. Gorki meinte jedoch in seinem Verhalten eher Anzeichen von Angst und Unsicherheit wahrzunehmen.


„An welchen Gott glaubt der russische Mensch?“

Einen interessanten, aber sehr einseitigen Beitrag zur Diskussion um die Kirche und den Glauben hat der bekannte Publizist und Filmregisseur Andrej Kontschalowskij in der „Rossijskaja gazeta“ (4. April 2013) publiziert. Bezogen auf das Buch Basinskijs ist der Artikel „An welchen Gott glaubt der russische Mensch?“ eine radikale Abrechnung mit der Kirche, die Johannes von Kronstadt repräsentiert, einer Kirche, die von der europäischen Tradition einer historischen und kritischen Verarbeitung der christlichen Überlieferung vollständig abgekoppelt war und bis heute durch den übermäßigen Gebrauch von Ikonen und Talismanen aller Art heidnische Züge aufweist. Der russische Mensch glaube vor allem an einen Gott, der alle Sünden vergibt, stellt Kontschalowskij sarkastisch fest, und das sei der Grund dafür, dass die Kriminellen in großer Zahl unter den neuen Gläubigen zu finden sind. – Mit solchen Thesen, so zutreffend sie im einzelnen sein mögen, wird man kaum gläubige oder am Glauben interessierte Menschen erreichen. Basinskijs Buch scheint eher geeignet, die dringend notwendige Diskussion zu diesen Fragen in Gang zu setzen, an deren Ende ein bei Kontschalowskij angeführtes Wort von Anton Tschechow stehen könnte: „Die wahre Religion ist die Suche nach Gott“.


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Kategorie: Russland und die Russen

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