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Tonnen von bürokratischem Stumpfsinn: Gorki-Feier 1932

Montag, 03. September 2007, 18:34:42 | Armin Knigge

Aus dem Tagebuch des Schriftstellers Kornej Chukovskij (Tschukowski); Dnevnik 1930-1969, Moskva 1994, S. 70-71, Übersetzung Armin Knigge, Originaltext im russischsprachigen Teil)

28. November 1932, Leningrad

Vorgestern in Akkapella haben wir, die Schriftsteller, Gorki geehrt. Der Saal war brechend voll. Vorn an den Tisch setzten sich irgendwelche finster blickenden grauen Menschen bürokratischen Aussehens. Den Vorsitz führte Bauze, der ehemalige Redakteur der Krasnaja gazeta. Die Schriftsteller, wir waren zu dritt – ich, Ejchenbaum und Tschapygin – fühlten uns auf dieser Feier überflüssig. Das Referat hielt ein fetter, selbstgefälliger Redner in agitatorischem Stil. Er fing an zu beweisen, dass Gorki immer ein hundertprozentiger Bolschewik gewesen sei, dass er immer das Kleinbürgertum gehasst habe – und schrecklich hartnäckig brummelte er anderthalb Stunden lang seine Thesen zu diesem hoffnungslosen und kaum jemanden interessierenden Thema vor sich hin. Ich hörte ihm mit Staunen zu: es war offensichtlich, dass die Wahrheit diesen Menschen nicht im mindesten interessierte. Und so verstand er auch seine Aufgabe: die Fakten so zusammen zu mischen, dass die von der Obrigkeit bei ihm bestellte offiziöse Version über den Jubilar herauskam. Nicht ein einziges lebendiges oder irgendwie menschliches Wort, Phrasen der offiziösen Stilistik einer Zeitung aus der tiefsten Provinz. Das Publikum war derart benommen von diesem bürokratischen Auftritt, dass es nicht einmal mit der Wimper zuckte, als der Redner sich versprach und statt „Gorki“ „Trotzki“ sagte. Ist doch gleichgültig!
Dann trat Ejchenbaum auf. Er kam mit einem Zettelchen – und war sehr aufgeregt, weil er schon seit etwa drei Jahren keinen öffentlichen Auftritt gehabt hatte. Sein Vortrag war nicht gut verständlich, er verglich das Schicksal Turgenevs und Tolstojs mit dem von Gorki, moralisierte mit wenig Überzeugungskraft, aber plötzlich ertönte lauter Beifall, d.h. es war ein wenn auch schwaches, so doch ein menschliches Wort.– Nach Ejch. trat Chapygin auf. Er machte den Witzbold, das ist sein Spezialität: was soll man von mir erwarten, so bin ich nun mal, als wunderlicher Mensch geboren. So ist seine Manier und so fing er auch an: „Gorki kennt mich gut, wie denn sonst! Und , natürlich, liebt er mich!“ /.../
Diese ganze „Ehrung“ regte mich auf; von der einen Seite – der staatlichen – ganze Tonnen hoffnungslosen bürokratischen Stumpfsinns, von der anderen Seite – der der Literaten und des Allrussischen Schriftstellerverbands ein kränklicher nebulöser Professor und ein Hanswurst. Und in mir kam der Wunsch auf, über Gorki möglichst viele menschliche Züge mitzuteilen, ihn als einen respektlosen, fröhlichen, talentierten, aufgeregten, lebendigen Menschen darzustellen. Ich begann von seinen Scherzen zu reden, seinen witzigen Notizen in Chukokkala, erzählte lustige Anekdoten über ihn, las Auszüge aus meinem Tagebuch – aus all dem entstand ein Bild des echten, nicht des ikonographischen Gorki und die Menge nahm meine Erzählungen mit wahrer Begierde auf, applaudierte mitten in der Rede, und als ich fertig war, drückte sie so stürmisch und begeistert ihre Gefühle aus, dass die dort, die Bürokraten, finstere Gesichter machten.
Dann trat ein abstoßendes Subjekt auf und verlas mit toter Stimme ein Telegramm, das „die Schriftsteller“, russische Schriftsteller, an Gorki schickten. Das war eine Sammlung aller möglichen Plattheiten und Banalitäten, wie sie selbst in Vjatka nicht zu hören sind. Unfassbar: in der Stadt Puschkins, Saltykov-Shchedrins, Dostoevskijs den Schriftstellern eine solche Grußadresse aufzuzwingen und sie an einen anderen Schriftsteller zu schicken! Und so lang, an die 300 Zeilen, – und man hat sich absichtlich bemüht, dass da nicht womöglich ein eigenständiger Gedanke oder ein persönliches Gefühl zu Wort komme. Gorki erhält genau die Einschätzung, die vom letzten Rundschreiben gefordert ist. Und die Hauptsache: sie haben uns die Grußadresse nicht einmal gezeigt, die sie in unserem Namen geschrieben haben. Und überhaupt benahmen sie sich merkwürdig gegen uns, so als ob wir ein feindliches Lager seien, sie schauten nicht einmal in unsere Richtung.

Kategorie: Streit um Gorki

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