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Ein Märchen über das „nationale Gesicht“ Russlands – Maxim Gorkis Kommentar zur Krimkrise

Montag, 17. März 2014, 17:34:36 | Armin Knigge

Ein Märchen über das „nationale Gesicht“ Russlands – Maxim Gorkis Kommentar zur Krimkrise

In russischer Sprache hier.

Zu der Abbildung: Der georgische Bauer (stehend) reagiert widerborstig auf die Belehrung des russischen Gutsbesitzers (liegend), er sei eigentlich ein Russe. (Zeichnung von Joachim Kratsch in der Insel-Ausgabe „Russische Märchen“, Leipzig 1968)


Ein satirisches Porträt des russischen Nationalismus aus der Sammlung „Russische Märchen“ (1912) enthält viele Anklänge an die ideologischen Schlachten, die heute um die Ukraine und die Krim ausgefochten werden. Einer unter den russischen Nationalisten, auf die Gorkis Satire zielte, war der Politiker und Publizist Petr Struve, der die Vorherrschaft der russischen Kultur und der russischen Sprache im Reich propagierte und zum Kampf gegen den „ukrainischen Partikularismus“ aufrief. Als Kommentar zu diesem Eintrag ist ein Brief aus Moskau beigefügt, der eine kritische Erwiderung darstellt.


Es war einmal ein vornehmer Herr, der hatte sein halbes Leben schon hinter sich. Da fühlte er, dass ihm irgend etwas fehlte, und er machte sich große Sorgen deswegen. Lange grübelte er, und plötzlich hatte er es:
„Herrgott! Ich habe ja kein nationales Gesicht!“
Er stürzte zum Spiegel. Tatsächlich - er hatte ein ganz unbestimmtes Gesicht, das aussah wie ein fehlerhaft gedrucktes Blatt mit einer Übersetzung aus einer fremden Sprache, angefertigt von einem unsorgfältigen, ungebildeten Übersetzer: niemand versteht, wovon der Text eigentlich handelt – ob er verlangt, die eigene Seele der Freiheit des Volkes zum Opfer zu bringen, oder ob sie die unbedingte, restlose Anerkennung des Staates fordert.
Der Herr kam zu dem Schluss: „Nein, mit solch einem Gesicht kann man nicht leben…“. Er wusch sich täglich mit einer teuren Seife. Es half aber nichts: die Unbestimmtheit blieb…

Wir befinden uns in der Welt der „Russischen Märchen“ Gorkis, in denen der in Italien lebende Emigrant seiner Empörung und Verzweiflung über die Zustände in seiner Heimat Luft machte: die Repressionen des Staates und das Renegatentum in der Intelligenzija nach dem Scheitern der Revolution von 1905; das Anwachsen des großrussischen Chauvinismus und die Unterdrückung von Minderheiten im Reich; das Desinteresse an gesellschaftspolitischen Fragen und der modische Pessimismus in Kunst und Literatur. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg gehören zu den Perioden der Stagnation in der russischen Geschichte. Die Helden der „Russischen Märchen“ sind in der Mehrzahl Heuchler und Karrieristen, oft auch einfach Gauner, die sich auf die Anpassung an den Zeitgeist verstehen. Literarisch stehen die Märchen in der Tradition Gogol’s und Saltykow-Schtschedrins, eine Mischung aus Folklore, Politsatire und Groteske.
Der unbestimmte Ausdruck des „nationalen Gesichts“ bezieht sich auf das allgemeine Merkmal der mangelnden Eigenständigkeit der russischen Kultur, einer Kultur der „schlechten Übersetzungen“ fremder Ideen, zugleich zielt dieses Motiv aber auch auf die wechselvolle Karriere des Politikers Petr Struve. Er war früher ein Anhänger des sog. legalen Marxismus. Im Märchen wird dazu gesagt: „Er war früher einmal Sozialist gewesen und hatte die Jugend aufgehetzt; dann hatte er all das aufgegeben, und jetzt trat er mit Füßen, was er einst gesät hatte“.

Über die aktuellen Überzeugungen des „Barin“ (ein Gutsbesitzer oder einfach ein vornehmer Herr) lässt der weitere Gang der Ereignisse keinen Zweifel. Er findet sein wahres „nationales Gesicht“ mit der Hilfe des Reviervorstehers der Polizei von Judenfresser (keine Übersetzung, so heißt er auch im Russischen). Der Polizist, „ein bemerkenswerter Kenner der nationalen Aufgaben“, gibt dem Herrn gern Auskunft auf die Frage, wie er sein Gesicht verändern könnte:
„Nichts einfacher als das, mein Lieber! Sie müssen sich nur an die Fremdstämmigen heranmachen, dann kommt ihr wahres Gesicht sofort zum Vorschein“. Sie werden Freunde, und der Barin läuft sofort auf die Straße, bezieht an einer Ecke Posten und wartet auf das Erscheinen eines Fremdstämmigen. Es erscheinen nacheinander drei Vertreter nationaler Minderheiten, ein Jude, ein Georgier und ein Ukrainer, und auf jeden von ihnen stürzt sich der russische Patriot, um ihnen klarzumachen, wer Herr im russischen Imperium ist.
„Wenn du“, sagt er dem ersten von ihnen, „ein Jude bist, dann musst du eben Russe werden! Und wenn du nicht willst, dann…“
Die Juden sind, wie man aus allen Anekdoten weiß, ein nervöses und ängstliches Volk, erklärt uns der Erzähler, und im vorliegenden Fall hat es der Barin zudem mit einem launenhaften Menschen zu tun, der ihm kurzerhand eine Ohrfeige verpasst. Der Barin erträgt die Beleidigung ohne Murren: so ist es eben, wer sein nationales Gesicht zum Vorschein bringen will, muss auch zu Opfern bereit sein.
Dem Georgier, der sich erdreistet, in seiner eigenen Sprache über seine Liebe zu Haus und Heimat zu reden, gibt er zu verstehen, wo er hingehört:
„Wenn Sie Georgier sind, sind Sie damit gleichzeitig Russe. Sie sollen nicht Ihre mingrelische Hütte lieben, sondern das, was man Ihnen befiehlt, und das Gefängnis sogar ohne Befehl…“ Und weil der Kaukasier, wie durch sämtliche Anekdoten erwiesen, ein unkultivierter und aufbrausender Mensch ist, findet sich der Barin in horizontaler Lage wieder. Er liegt da und denkt sich: „Was nun? Da gibt es noch Tataren, Armenier, Baschkiren, Kirgisen, Mordwinen, Litauer – Herrgott, so viele! Und dann noch unsere eigenen, die Slawen…“
In diesem Moment kommt ein Ukrainer vorbei und „natürlich“, sagt der Erzähler, singt er wieder einmal in seiner Muttersprache die „rebellischen Lieder“ vom schönen freien Leben der Vorväter in der Ukraine.
„Nein“, sagt der Herr und erhebt sich wieder auf die Füße. „Wollen Sie bitte so liebenswürdig sein und von heute an richtig russisch sprechen! Sie gefährden sonst nämlich die Einheit des Reiches…“ (genauer: „benutzen Sie gefälligst das jerý“ – einen Laut und Buchstaben, der im Ukrainischen mit i zusammenfällt).
Der Ukrainer hört sich das in aller Ruhe an, denn die Ukrainer sind, wie alle kleinrussischen Witze bezeugen, ein etwas langsames Volk, und dann verabreicht er dem zudringlichen Lehrer die nächste Tracht Pügel.
Mitleidige Menschen liefern ihn bei der Polizeistation ab. Dort begutachten der Vorsteher von Judenfresser und der Polizeiarzt die Physiognomie des Barin. Sie bestätigen ihm, dass sich sein Gesicht verändert hat, aber nicht in Hinsicht auf Schönheit und Anziehungskraft. „Sie haben jetzt ein Gesicht solcher Art, dass sie eigentlich Hosen darüber ziehen müssten“, sagt ihm der Arzt.


Petr Struve gegen den „ukrainischen Partikularismus“

Gorkis Märchen vom „nationalen Gesicht“ ist eine deftige Satire, die sich nicht mit Feinheiten und Differenzierungen aufhält. Dennoch hat die scharfe Kritik an dem russischen Chauvinismus der Zeit eine reale Grundlage, insbesondere in den Auftritten des Politikers Petr Struve. 1911 erschien seine Sammlung von Aufsätzen „Patriotica“, wo er sich für einen „kämpferischen Nationalismus“ aussprach, der die „Eingliederung“ aller Nationalitäten in die russische Kultur nötigenfalls mit Zwangsmaßnahmen vollziehen sollte. (Struves Aufruf zum Kampf gegen den „ukrainischen Partikularismus“ und die Antwort Gorkis sind unten (im Rahmen) als ergänzende Information angeführt.) Struve solidarisierte sich im wesentlichen mit der Position des Premierministers Petr Stolypin, der in Bezug auf die Revolutionäre erklärte: „Sie wollen große Erschütterungen, wir wollen ein Großes Russland“. In der Praxis beinhaltete die Idee des Großen Russland die Verteidigung des Imperialismus, den großrussischen Chauvinismus und die Unterdrückung der „kleinen Nationen“.

In einem Brief an seine Frau Jekaterina Peschkowa vom 30 Januar (12 Februar) 1912 spricht Gorki von seiner Erschütterung über das Anwachsen der nationalistischen Stimmung in Russland und äußert sich empört über die Auftritte Petr Struves. Im Anmerkungsteil der Vollständigen Briefausgabe, Bd. 9, Moskau 2002, S. 484f., finden sich dazu die folgenden Erläuterungen:
Die Erwähnung Struves bezog sich auf dessen Artikel „Die gemeinrussische Kultur und der ukrainische Partikularismus“ (Russkaja mysl’ 1912, Nr. 1). Darin erklärte Struve: „Ohne etwas gegen die ukrainisch-kulturellen Bestrebungen zu haben, die auf die Unterstützung und Pflege der ‚lokalen’ Besonderheiten der Sitten und der Sprache gerichtet sind, bin ich doch bewusst und entschieden gegen die Zuspitzung dieser ‚lokalen’ Tendenzen zu einem politischen und kulturellen Partikularismus, der die gemeinrussische Kultur sowie ihr Organ und Symbol, die gemeinrussische Sprache, ablehnt und danach strebt, das regionale ukrainische Prinzip in eine Reihe und auf eine Stufe mit dem nationalen Element zu stellen, das, meiner tiefen Überzeugung nach, in einem einheitlichen Russland in diesem Sinne gleichfalls einheitlich sein muss“. Der Autor rief die „russische progressive öffentliche Meinung“ auf, „energisch und ohne jegliche Rücksichten den Kampf mit dem ‚Ukrainertum’ (ukrainstvo) aufzunehmen“, besonders jetzt, da „in unserem Leben grausame Probleme heranreifen und große Stürme gesät werden“.
Gorki sah in Struves Artikel den Auftritt eines „Apologeten der toten Moskauer Staatsideologie (gosudarstvennosti)“, der der Regierung Ratschläge erteilte, wie man mit der Revolution und besonders mit dem nationalen Problem umzugehen habe. Als Antwort auf Struves Thesen erschien Gorkis Artikel „Über die russische Intelligenzija und die nationalen Fragen“ (Ukrainskaja zhizn’1912, Nr. 9). „Der Vertreter der russischen Intelligenzija ist ein Demokrat“, erklärte Gorki, „er hat sich nie für einen Menschen gehalten, der berufen ist, das Kommando über die Nationalitäten zu übernehmen, die zum Bestand des Imperiums gehören. […]Den jetzt von Herrn Struve erzeugten und von moskauer philosphischen Vereinigungen aufgeblasenen Lärm um das „Große Russland“ halte ich für unbedingt schädlich: er richtet sich gegen eine der wenigen stabilen Traditionen unserer demokratischen Intelligenzija.[…]Im Gedenken an die Unterdrückung, die sie selbst erlebt hat und weiter erlebt, wird sie nicht mit denen gehen, die sie zur Unterdrückung von Völkern verleiten wollen, die Seite an Seite mit ihr leben; sie wird nicht erlauben, die Freiheit von Menschen zu beschränken, die die Freiheit ebenso notwendig brauchen wie sie selbst“.




„Ich verliere den Glauben an Russland, an seine Zukunft“

Die persönliche Situation Gorkis zur Zeit der Entstehung der „Russischen Märchen“ war weit entfernt von der munteren und angriffslustigen Stimmungslage, die den Erzähler der Märchen auszeichnet. Von seinem Exil auf Capri verfolgte er die Entwicklung in Russland, insbesondere das Anwachsen des russischen Chauvinismus, mit großer Unruhe und ohne Illusionen. „Mein Leben ist sehr schwer“, schrieb er an J.P. Peschkowa (30 Januar (12 Februar) 1912). „Mir scheint, ich verliere das, was das Wichtigste in meinem Leben war, den Glauben an Russland, an seine Zukunft“. Die einzige Hoffnung auf eine Heilung von der Krankheit des Nationalismus gab ihm das Projekt der Schaffung einer „Internationalen Liga“, deren Aufgabe die Vereinigung der Intellektuellen verschiedener Länder zum Kampf gegen den Krieg sein sollte. Die Idee gehörte dem amerikanischen Schriftsteller Upton Sinclair. Er schickte Gorki den Aufruf zur Gründung der Liga, der schon von dem niederländischen Schriftsteller Frederik van Eeden, dem deutschen Dichter Richard Dehmel und dem deutschen Chemiker und Philosophen Wilhelm Ostwald unterschrieben war. In einem Brief an den Redakteur der Kulturzeitschrift „Zaprosy zhizni“ R.M. Blank (Juni 1912) sprach Gorki mit Enthusiasmus von diesem Projekt: „Für Russland, das gegenwärtig in einer krankhaften Weise nationalistisch gestimmt ist, wäre die Idee eines breiten Internationalismus als eine Art Gegengift und Schutzimpfung von großem Nutzen, sogar dann, wenn das für uns vorläufig noch eine rein ästhetische Idee ist… Sozialer Ästhetizismus ist jedenfalls nicht schädlich“. Die Globalisierung des Kapitals konnte und sollte nach der Überzeugung des Schriftstellers auch eine „Internationalisierung der geistigen Reichtümer“ nach sich ziehen. In einem Brief an den ukrainischen Schriftsteller Michajlo Kocjubinskij nennt er die Liga „etwas in der Art eines planetarischen Parlaments“. Die Gründung kam jedoch nicht zustande. Sinclair teilte Gorki mit, dass er sich genötigt sehe, das Projekt aufzuschieben, da nur wenige Antworten eine so deutliche Zustimmung enthielten wie die von Gorki. Die Stimme der internationalen Vernunft hatte sich im Zusammenstoß mit den mächtigen Emotionen des Nationalismus als zu schwach erwiesen, eine Erfahrung, die Gorki auch während des Ersten Weltkriegs in seiner gegen Imperialismus und Krieg gerichteten Publizistik machen musste.


Was sagt uns Gorkis Märchen?

„Eine Moral gibt es hier nicht“, versichert uns der Erzähler am Schluss des Märchens, aber das ist natürlich nur die Koketterie eines überzeugten Vertreters der „Sozialpädagogik“. Mit allen Mitteln der Satire, groben und feinen, bemüht sich Gorki, den Lesern das – im wörtlichen Sinne – hässliche Gesicht des Nationalismus vorzuführen. Die von jeglichem Ausdruck befreite Physiognomie des Haupthelden, in der „alles verwischt“ ist, spiegelt die innere Leere dieses Menschen, das Fehlen einer Persönlichkeit. An ihre Stelle ist das aufgeblasene Bewusstsein der eigenen Überlegenheit getreten, das sich auf zwei heilige Werte des Russentums stützt: die Nation und den Staat, das Imperium. Von anderen Nationen des Imperiums, die der Patriot nur in Form von Anekdoten und Vorurteilen kennt, wird die „freiwillige“ Assimilation an die russische Kultur, vor allem an die russische Sprache gefordert.

Die genannten Züge des Chauvinismus kommen in dieser oder jener Form auch in der aktuellen Krise um die Ukraine und die Krim zum Vorschein, wobei sich beide Seiten einer radikal nationalistischen Rhetorik bedienen. Der ukrainische Patriot auf dem Maidan hat mit dem fröhlichen Unruhestifter des Märchens wenig gemeinsam und begnügt sich nicht damit, nostalgische Volkslieder zu singen. Dennoch war die Weltöffentlichkeit mit Recht in erster Linie nicht über die ukrainischen Nationalisten beunruhigt, sondern über die plötzlich in Massen auf der Krim aufgetauchten schwer bewaffneten Soldaten, die offiziell keinem Staat angehören. Ihr Verhalten ließ jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass es sich um eine russische Besatzungsmacht handelte. In dieser Hinsicht waren sie dem Herrn aus Gorkis Märchen ähnlich, der zwar ohne bewaffnete Helfer, aber mit der gleichen Unverschämtheit russische nationale Interessen vertritt.


„Die Ukraine – ein Teil der großen russischen Welt“

Ins Auge fallende Parallelen gibt es nicht nur mit der Welt der „Russischen Märchen“ Gorkis, sondern auch mit den ideologischen Auseinandersetzungen jener Zeit. Der agressive Nationalismus in den letzten Jahren des Zarenreichs, der den Schriftsteller zur Verzweiflung brachte, ist ein Jahrhundert danach auch in den Reaktionen der russischen Presse auf den Krimkonfikt zu beobachten. Petr Struve, der Prototyp des Märchens, hat auch heute seine Gesinnungsgenossen. Als ein besonders ausgeprägtes Beispiel sei hier der Autor des Artikels „Die Rückkehr“ Petr Akopov in der Zeitung „Vzgljad“ (3.März 2014) geannt. Die Redaktion stellt ihn folgendermaßen vor: „ein Analytiker mit extrem rechten, monarchistischen Ansichten, Nationalist, Imperialer (imperec, von engl. Imperial, der Bezeichnung einer Rasse in der Serie von Computerspielen The Elder Scrolls) und genossenschaftlicher Sozialist“. Der Artikel bestätigt diese Charakteristik in Stil und Inhalt. Der 1. März 2014 (der Tag, an dem Putin das Gesuch an den Föderationsrat um den Einsatz der Streitkräfte auf dem Territorium der Ukraine richtete) „ist schon in die Geschichte eingegangen“, verkündet der Autor. Dieser Tag markierte nach seiner Auffassung das Ende der postsowjetischen Periode und zugleich das der monopolaren Welt infolge der „Rückkehr“ Russlands auf seinen angestammten Platz als „eines der globalen Machtzentren, die absolut selbständig Entscheidungen zum Schutz ihrer nationalen Interessen treffen“. In der gleichen Tonlage wie Struve, der ein Jahrhundert zuvor zum Kampf gegen das separatistische „Ukrainertum“ aufgerufen hatte, empörte sich Akopov über die Politik der „Derussifizierung“ der neuen Regierung in Kiew und die Versuche der EU, die Ukraine „in ein antirussisches Aufmarschgebiet in der Art von Polen zu verwandeln“. Mit der Position Struves stimmt auch die zentrale Stellung der russischen Sprache in der Argumentation Akopovs ein: „Die Ukraine – das ist historisches Russland, und wir können nicht zulassen, dass in ihr alle diejenigen bedrängt werden, die russisch sprechen und in einer Union mit Russland leben wollen“. Der Autor spricht zwar nicht von einer „gemeinrussischen Kultur“ und einer „gemeinrussischen Sprache“ im Gegensatz zu der ukrainischen Kultur, die nur von „regionaler“ Bedeutung sei, aber man darf annehmen, dass er diese Meinung Struves teilt. Auf die gleiche Ansicht scheinen auch Bemerkungen des Präsidenten der Russischen Föderation hinzudeuten. Im September 2013 sprach Vladimir Putin in dem internationalen Diskussionsclub „Waldaj“ von den gemeinsamen historischen Wurzeln der Ukraine und Russlands und von der Ähnlichkeit ihrer Kulturen und Sprachen. „In diesem Sinne sind wir ein Volk“, erklärte er dazu. Die Ukraine sei „ein Teil unserer großen russischen (rossijskogo) Welt, der russisch-ukrainischen“. Es fragt sich, in welchem Sinne diese Einheit verstanden werden soll. Obwohl der Präsident hinzufügte, dass sich Russland „mit Respekt“ zu dem Umstand verhalte, dass „dieses Territorium heute ein unabhängiger Staat ist“, können die poetischen Formeln von der nationalen Einheit in den Ohren aufmerksamer Zuhörer leicht einen „imperialen“ Beiklang bekommen.

Sehnsucht nach dem „Imperium“

Das Wort „Imperium“ in Bezug auf die russische Vergangenheit, früher eher ein Begriff mit Fragezeichen, hat in letzter Zeit eine immer deutlicher positive Färbung angenommen. Die Überzeugung, dass das Imperium der russischen Zaren ein gesegnetes Land war, das durch einen verbrecherischen Umsturz verloren ging, gehört schon seit langem zu den Gundwahrheiten des nationalen Selbstverständnisses. Neuerdings erfährt nun auch die UdSSR eine Wertschätzung gleicher Größe. Das bezeugen u.a. Bücher des in Russland beliebten Genres der populären Geschichtsschreibung, deren Titel an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen: „Das Imperium des Guten“ (frei nach Ronald Reagan; von S. Kremlev, 2009), „Das Imperium UdSSR. Der demokratische Überstaat (Narodnaja sverkhderzhava)“ (A. Golenkov, 2010) sowie „Die UdSSR – das verlorene Paradies“ (Ju. Mukhin, 2014). Die Annotation zu dem letzteren beginnt mit den Worten: „Dieser Staat ist in die Ewigkeit versunken wie das legendäre Atlantis. Der Untergang dieser großen Zivilisation ist eine Tragödie planetarischen Ausmaßes, vergleichbar nur mit dem Untergang Roms“. Im weiteren wird unter den unvergänglichen Errungenschaften dieses Imperiums „die Selbstachtung des Sowjetmenschen“ hervorgehoben, „der Stolz auf das eigene Land, das Bewusstein, Bürger eines Landes zu sein, das nicht ein rohstoffreiches Anhängsel des Westens darstellt, sondern eine führende Großmacht“. Der Minderwertigkeitskomplex des Bürgers im postsowjetischen Russland, der in dieser hymnischen Verehrung der UdSSR zum Ausdruck kommt, ist auch der Grund für die begeisterten, siegestrunkenen Reaktionen vieler Kommentatoren schon auf die Ankündigung des Einsatzes russischer Truppen auf der Krim. Für diese Vertreter des äußersten rechten Lagers, die allerdings die Gefühle eines sehr großen Teils der Bevölkerung artikulieren, waren diese Märztage ein großes Glück, ein einziger, durch nichts zu trübender Feiertag.

Die Moskauer Staatsideologie (gosudarstvennost’), von der Gorki in dem angeführten Artikel gegen Petr Struves nationalistische Auftritte gesprochen hat, war damals keineswegs eine „tote“ Tradition, wie Gorki glaubte, und sie hat sich ein Jahrhundert danach von neuem als äußerst lebendig, gefährlich und ansteckend erwiesen. Die Gesinnungsgenossen Gorkis in Bezug auf die nationale Frage, die wie er eine russisch-nationalistische Kulturpolitik im Umgang mit den nationalen Minderheiten entschieden ablehnen, stellen auch heute eine Minderheit in Russland dar. Dennoch ist die Zahl der Bürger, die gegen eine Ansteckung durch die Idee des „Großen Russlands“ immun sind, in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Das haben die Massendemonstrationen in Moskau und anderen Städten vor zwei Jahren nachhaltig zum Ausdruck gebracht, und das bezeugt die lebendige Szene des russischen Internets, das eine weniger sichtbare, aber nicht weniger effektive Demonstration für die russische Zivilgesellschaft darstellt. Insofern darf man erwarten, dass die russische Gesellschaft dieses ernste Rezidiv des Nationalismus überwinden und auf den Weg der „Internationalisierung“ geistiger Werte zurückkehren wird, für den Gorki in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg mit großem Enthusiasmus geworben hat.


Die deutschen Übersetzungen aus dem Märchen über das „nationale Gesicht“ entstammen (leicht bearbeitet) der Ausgabe: Maxim Gorki, Russische Märchen. Mit 18 Zeichnungen von Joachim Kratsch, Insel-Verlag, Leipzig 1968. (Das Buch ist in Antiquariaten verfügbar, u.a. ZVAB)

Als Kommentar zu diesem Eintrag füge ich einen Brief einer Kollegin und Gorki-Forscherin aus Moskau bei, mit der ich in regelmäßigem Meinungsaustausch bin. Natalja Nikolajewna Primotschkina, Doktor der Philogie, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für die Erforschung und Herausgabe der Werke Gorkis am Institut der Weltliteratur in Moskau. Ich möchte vorweg feststellen, dass die in dem Brief zutage tretenden Meinungsverschiedenheiten zwischen uns nicht zu einer ernsthaften Störung unserer wissenschaftlichen und persönlichen Beziehungen geführt haben. Die Ukraine-Krise bringt die Gemüter in Wallung. - Der Brief ist aus dem Russischen übersetzt. Mit der Qualifierung meines Beitrags als „rebellisch“ (kramol’naja stat’ja) nimmt die Briefschreiberin einen von mir gebrauchten scherzhaften Ausdruck auf.

Lieber Armin, ich habe gerade Ihren „rebellischen“ Aufsatz über den russischen Nationalismus und das „Ukrainertum“ gelesen. Wie immer, ist Ihr Beitrag interessant und wissenschaftlich untermauert. Aber alles, was den jetzigen Ereignissen in der Ukraine gewidmet ist, stellen Sie im Geist der westlichen Medien dar, die, im Unterschied zu Stalins Zeiten, jetzt selbst einen eisernen Vorhang errrichtet haben und keine wahrheitsgetreuen Informationen über die Ereignisse passieren lassen. Ich weiß, dass man Ihnen nicht sagt, dass der entsetzliche Nationalismus mit einer starken Neigung zum Faschismus von der heutigen illegitimen Regierung in Kiew ausgeht, die die Macht mit Hilfe bewaffneter Kräfte ergiffen hat. Alles was in der Ukraine vor sich geht, hat große Ähnlichkeit mit den Ereignissen in Russland 1917, als die friedliche, unblutige Februarrevolution mit dem Oktoberumsturz endete und der Zerschlagung der Demokratie und der Freiheit durch die Bolschewiken. Heute stecken die neuen Machthaber alle Andersdenkenden ins Gefängnis, wie es damals die Bolschewiken taten. Das Verhalten der europäischen und der amerikanischen Regierung erschüttert mich. Wir reden, schreien laut über diese Dinge – aber sie sehen und hören uns einfach nicht. Früher habe ich gedacht, dass nur unsere kommunistische Regierung verlogen war, aber jetzt sehe ich – alle Mächte dieser Welt sind verlogen. Besonders widerwärtig ist es zu sehen, wie in Europa Aggressivität und nationaler Egoismus in geschickter Weise hinter einem höflichen Lächeln und äußerlicher Wohlerzogenheit versteckt wird.
Gorki hat nicht immer gegen den russischen Nationalismus polemisiert, Ende der zwanziger Jahre kam es zu einem Konflikt mit den ukrainischen Nationalisten. Er wollte nicht, dass „Die Mutter“ ins Ukrainische übersetzt werden sollte, weil er wusste, dass die Ukrainer alle bestens Russisch verstehen, und die Forderung nach einer Übersetzung nur eine nationalistische Dummheit war. Aber man hat ihn dafür in den Zeitungen beschimpft. Näheres darüber kann man im nächsten, dem 17. Band der Gorki-Briefausgabe lesen.
Über die Krim. Das ist ein Land, das vom 18. bis zum 20. Jahrhhundert viele Male in schrecklichen Kriegen buchstäblich mit russischem Blut getränkt worden ist. Die Krim war nie ukrainisch. Der kommunistische Führer Chruschtschow hat sie in einem Akt der Willkür und großtuerischen Gebärde, um seine Macht zu festigen, 1954 der Ukraine „geschenkt“. Alle haben damals geschwiegen und darin nur eine leere Formalität gesehen, weil es die vereinte Sowjetunion gab. Aber als das Land auseinender fiel, kam die Krim plötzlich zur Ukraine und wurde einer gewaltsamen, kleinlichen und boshaften Ukrainisierung unterzogen. Ich bin selbst viele Male auf die Krim gereist und habe die Ereignisse dort seit zwanzig Jahren mit eigenen Augen gesehen. Ein Beispiel: auf der Krim sprechen 100 % der Bevölkerung Russisch, aber das Fernsehen sendete in ukrainischer Sprache. Würde es Ihnen etwa gefallen, wenn in Deutschland plötzlich alle Radio- und TV-Sendungen auf Russisch oder Englisch umgestellt würden? Die Sprache ist doch die Basis, der Zement jeder Nation.
Ihnen werden falsche Informationen vorgesetzt: wir haben keinerlei Truppen auf die Ukraine geschickt, die Einwohner der Krim wollten selbst zu Russland, zu ihrer angestammten Heimat. Dafür haben 96% der Bevölkerung gestimmt. Versuchen Sie, Ihre Stereotype zu überprüfen, die Ihnen von einer geschickten Propaganda aufgezwungen worden sind! Ich persönlich werde keinerlei Vorteile von der Vereinigung der Krim mit Russland haben. Früher bin ich dorthin in ein Land gefahren, das einen niedrigeren Lebensstandard hatte, jetzt werden die Preise dort ansteigen. Aber ich bin bereit, diesen Nachteil trotz meines schmalen Budgets in Kauf zu nehmen angesichts des Triumphs der höheren Gerechtigkeit. Ich habe mich nie damit abfinden können, dass die Krim nicht unsere war.
Ich hoffe, dass unsere politischen und ideellen Meinungsverschiedenheiten unseren Umgang und Meinungsaustausch nicht stören werden. Die Ideen Gorkis und Sinclairs über eine Internationale Liga haben in der Begegnung mit der grausamen Wirklichkeit eine vollständige Niederlage erlitten. Mein Glaube an den Demokratismus und die Freiheitsliebe des heutigen Westens hat gleichfalls eine Niederlage erlitten. Ich sehe jetzt die Doppelmoral und den nationalen Egoismus der Länder Europas und der USA.
Alles Gute wünscht Ihnen
Natalja

Kategorie: Russland und die Russen

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