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Krieg der Emotionen – ein Ende der ukrainischen Krise ist nicht in Sicht

Montag, 19. Mai 2014, 22:41:43 | Armin Knigge

Krieg der Emotionen – ein Ende der ukrainischen Krise ist nicht in Sicht

In russischer Sprache hier.

Der vorhergehende Eintrag auf diesem Blog Ein Märchen über das „nationale Gesicht“ Russlands – Maxim Gorkis Kommentar zur Krimkrise war den ersten Reaktionen der Öffentlichkeit in Russland auf die Annexion der Krim gewidmet. In den seither vergangenen Wochen ist die Begeisterung über diesen „Sieg der historischen Gerechtigkeit“ und die zumindest gefühlsmäßig wiedergewonnene Großmachtrolle Russlands eher noch lauter und heftiger geworden, gepaart mit der kategorischen Zurückweisung anderer Meinungen im eigenen Land und wütenden Attacken auf den Westen und die „Faschisten“ in Kiew. Nicht zuletzt als Folge dieses Informationskriegs hat sich die Situation in der Ukraine enorm zugespitzt. In den Kommentaren taucht beängstend oft das Wort Krieg auf. Ein Beobachter der Zeitung gazeta.ru (5.05.2014) entwirft vier mehr oder weniger wahrscheinliche Szenarien, die alle mit militärischer Gewalt verbunden sind: der Einmarsch russischer Truppen in den Südosten der Ukraine, der als eine Art „Blitzkrieg“ (sic) Frieden schaffen soll; die erfolgreiche Niederwerfung des Widerstands der Separatisten durch die ukrainische Armee; das Erscheinen eines neuen Präsidenten nach der Wahl vom 25. Mai, der sich, von Russland bedrängt, gezwungen sieht, die Nato um Hilfe zu bitten, und schließlich als letztes, nicht weniger deprimierendes Szenarium ein dauerhafter bewaffneter Aufstand der Separatisten, der in einen Partisanen- oder Bürgerkrieg übergeht.
Unter den vielen historischen Analogien, die angeführt werden, wird insbesondere auf die Situation vor dem Ersten Weltkrieg verwiesen. In Deutschland hat der „Spiegel“ die Frage „Krieg in Europa?“ zur Diskussion gestellt, und in der „taz“ (6.05.2014) war zu lesen: „Die Schlagzeilen vermitteln den Eindruck, die Vorkriegszeit ginge gerade zu Ende“.

Der Vergleich mit dem Ersten Weltkrieg ist sicher eine Überspitzung. Im vorausgehenden Beitrag auf diesem Blog ging es nicht um eine Analogie der gesamten historischen Situation heute und damals, sondern um bestimmte Erscheinungsformen des russischen Nationalismus in den Jahren vor Ausbruch des Weltkriegs, die sich in der Gegenwart in gewisser Weise wiederholen. Ich persönlich teile die hoffentlich nicht zu naive Hoffnung auf einen Erfolg der Verhandlungen, in denen dem russischen Präsidenten die Rolle des Friedensstifters zuteil wird – angesichts der Erwartungen seiner Anhänger in Russland eine Rolle, die ihm wohl nicht gefallen wird.


„Wie kann man denn nicht sehen, dass…?“

Die Ereignisse in der Ukraine säen Zwietracht, nicht nur in den Medien und auf der Straße, sondern auch unter Arbeitskollegen, Freunden und Verwandten. Ein relativ harmloser Fall dieser Art ist der Kommentar meiner verehrten Kollegin aus Moskau zu meinem vorigen Eintrag. Der unterschiedliche Blick auf die Dinge mag hier in gewissem Maße durch das unterschiedliche Informationsmilieu bedingt gewesen sein. Aber solche Meinungsverschiedenheiten ergeben sich auch zwischen Menschen, die über die gleichen Möglichkeiten der Information verfügen. Marija Genkina, eine Frau, die in Lwow geboren ist und in Amerika lebt, schreibt in ihrem Blog auf der Internetseite snob.ru (4.04.2014): „In letzter Zeit haben wir, die außerhalb Russlands leben, Angst vor Gesprächen mit Russen. Bei einem ist die Freundin zu Besuch, bei einem anderen der Schwiegervater, ein dritter hat seine Verwandten angerufen – und fast immer sind unsere Meinungen zur Ukraine und der Krim so unterschiedlich, dass es praktisch keine Berührungspunkte zwischen ihnen gibt. Wir verstehen nicht, wie sie in solchem Maße von der russischen Propaganda abhängig sein können und nicht sehen, was wir sehen. Und sie meinen natürlich, dass im Gegenteil wir abhängig von der Propaganda sind“.
Nach meinen Beobachtungen ist die Diskussion in Russland ebenso von gegenseitigem Nichtverstehen und der kompromisslosen Ablehnung fremder Standpunkte geprägt. Auf die Frage, ob die Angliederung der Krim eine Okkupation oder ein Sieg der höheren Gerechtigkeit sei, oder auf die Frage, ob die Aktivisten auf dem Majdan Freiheitshelden oder Faschisten seien, kommen die Antworten wie aus der Pistole geschossen und im Ton der Empörung: „Wie kann man denn nicht sehen, dass…?“ Dieses Phänomen ist auch Politologen, Kulturologen und anderen Experten in Russland aufgefallen, die unterschiedliche Erklärungen dafür anbieten. Die einen verweisen auf das Fehlen einer politischen Kultur in der Geschichte Russlands, andere auf den russischen Nationalcharakter, der Kompromisse nicht zulässt, wieder andere auf das Weiterwirken der sowjetischen Vergangenheit, in der die Menschen zum Glauben an unumstößliche Wahrheiten erzogen wurden.


Emotionen als Waffen der Politik

In diesem Beitrag soll es um ein Merkmal der aktuellen Debatte gehen, das diese eigentümliche Taubheit der Gesprächspartner teilweise erklärt, nämlich um das Vorherrschen von Emotionen und persönlichen Zuständen gegenüber Argumenten und Fakten. Die Menschen hören sich nicht zu, sie halten sich nicht mit Analysen, Argumenten pro und contra auf, sondern beschreiben immer von neuem, wie sie den Konflikt erleben, wie sie sich über etwas freuen, wie enttäuscht, empört, erschüttert usw. von etwas anderem sie sind. Das gilt nicht nur für die „Patrioten“, sondern großenteils auch für die westlich orientierten Liberalen. Bei letzteren erklärt sich die Emotionalität auch aus dem Gefühl der Fremdheit im eigenen Land. Die vollkommene Gegensätzlichkeit der emotionalen Reaktionen auf dieselben Ereignisse zeugt davon, das wir es mit einer tief gespaltenen Gesellschaft zu tun haben. Die einen sind stolz auf die „Rückkehr“ Russlands in den Kreis der großen geopolitischen Spieler, die anderen marschieren auf Moskaus Straßen mit Plakaten „Vergib uns, Ukraine“, „Die Okkupation der Krim – Schande Russlands“ u.ä. Lassen wir die bei solchen Gegenüberstellungen sofort auftauchenden Fragen nach der zahlenmäßigen Größe dieser Gruppen, Alter, Bildungsgrad, Wohnort im Zentrum oder in der Provinz beiseite, es ist einfach so, dass bedeutende Teile der russischen Bevölkerung den Konflikt mit extrem gegensätzlichen Gefühlen erleben. Es hat wenig Sinn zu fragen, ob diese Gefühle richtig oder falsch, erlaubt oder unerlaubt sind. Sie sind Teil eines jeden Menschen, Ausdruck seiner Zugehörigkeit zu einem Kollektiv und zugleich persönliches Bekenntnis. Dennoch können sie einen beträchtlichen Einfluss auf das Leben der Gesellschaft und des Staates haben, und hier darf man sehr wohl die Frage nach den mehr oder weniger positiven Auswirkungen solcher Gefühle stellen, besonders wenn sie in geballter Form zum Ausdruck kommen. Zu dieser Kategorie gehört der Komplex von Emotionen, der unter den Namen Patriotismus, Heimatliebe, Nationalismus und Chauvinismus bekannt ist.

Patrioten - Fanatiker und Dummköpfe?

Im vorigen Eintrag auf diesem Blog ist der russische Patriotismus am Material des satirischen Märchens „Vom nationalen Gesicht“ von Maksim Gorki zusammen mit den Auftritten des nationalistischen Politikers Peter Struwe behandelt worden, der 1912 zum Kampf mit dem „Ukrainertum“ aufgerufen hatte. In der Gestalt des Gutsherrn im Märchen, der den im Zarenreich lebenden anderen Nationalitäten klarmacht, dass sie sich gefälligst als „Russen“ im Sinne des Imperiums zu fühlen hätten, zeigt Gorki den Nationalisten als einen ebenso arroganten wie beschränkten Charakter. Heißt das, dass alle Patrioten Fanatiker und Dummköpfe sind? Als Deutscher hat man kein Problem damit, diese Eigenschaften als typisch für alle Nationalisten zu verstehen. Der Nationalismus ist uns so gründlich ausgetrieben worden, dass heute sogar ein Wort wie „Vaterlandsliebe“ den Verdacht auf rechtsextremes Gedankengut weckt. Dabei hat der Patriotismus in der deutschen Geschichte keineswegs fest zur politischen Rechten gehört, er war wesentlicher Bestandteil der Befreiungsbewegung. Dass das auch heute so sein kann, zeigt das aktuelle Beispiel der Ukraine, wo der Begriff der Freiheit sich mit dem der Unabhängigkeit von Russland und mit der nationalen Würde verbindet. Auch in Russland ist der Nationalismus nicht in jeder Erscheinungsform aggressiv, chauvinistisch und fremdenfeindlich. In den Auftritten der Unterstützer Putins überwiegen sogar oft „positive“ Emotionen. In der Erklärung von über 500 Kulturschaffenden zur Politik der Regierung (11.03.2014) betonen die Unterzeichner ihre Solidarität mit dem Brudervolk der Ukrainer und die Hoffnung auf „eine gesicherte Zukunft unserer Kulturen“. Nichtsdestoweniger hat das Bild der Ukrainer, ihrer nationalen Kultur und ihrer Sprache in Russland erheblichen Schaden genommen, beginnend mit harmlosen Scherzen über die ukrainische Sprache bis zu wütenden Protesten gegen die angebliche gewaltsame „Derussifizierung“ der Kultur, die brutale Zerstörung sowjetischer Denkmäler u.a.m. In solchen Phänomenen zeigt sich die immer gegenwärtige Kehrseite des Nationalismus: die Glorifizierung der eigenen Nation geht in der Regel einher mit der Herabsetzung der anderen Nationen, sie tendiert zu einer Hass- und Verachtungsideologie. Ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie ein im Ansatz humanistischer Patriotismus zu einem geistigen Imperialismus werden kann, bietet das Werk Dostojewskijs, dessen Ruhm in Russland heute in erster Linie nicht auf seinem Künstlertum, sondern auf seiner Heiligsprechung des russischen Volkes und seiner Polemik gegen den Westen beruht.


Spiel mit dem Feuer oder „Sehnsucht nach dem Positiven“?

Eine Antwort auf die Extreme des Nationalismus ist die ebenso extreme Formel „Nationalismus bedeutet Krieg“, die in der gegenwärtigen Debatte aus dem Lager der Liberalen zu hören ist. „Der Patriotismus kennt keine andere Anwendung als die des Krieges“, erklärt der Publizist Aleksandr Nevzorov (Subscribe.ru, 28.03.2014). „Das ist wie der Lauf einer Maschinenpistole, zu etwas anderem ist er nicht zu gebrauchen. Da, wo es Patriotismus gibt, gibt es nach ein-zwei Jahren zwangsläufig Krieg, einen großen oder kleinen“. Ein anderer Beobachter, Nikolaj Svanidze (Subscribe.ru, 5.05.2014) sieht die Bedeutung des Nationalismus vor allem in seiner Anwendung als Narkotikum: „Die Situation mit der Krim hat Russland direkt in die Vene getroffen, das Land erlebte einen kajf“ (im Russ. die Bezeichnung eines Glücksgefühls nach der Einnahme von Drogen). Der Jubel über die Annexion der Krim habe nicht in erster Linie auf politischen Überzeugungen beruht, meint der Autor, in ihm sei vielmehr die „Sehnsucht nach dem Positiven“ zum Ausdruck gekommen: „Die Menschen wollen sich endlich einmal über irgendetwas freuen, etwas Großes und Ernstes in staatlicher Dimension, auf das man stolz sein kann“. Der Verfasser des Artikels sieht sich aber bei allem Verständnis auch in der Pflicht, seine Landsleute zu warnen: der „kajf“ verlangt seiner Natur entsprechend nach „Fortsetzung des Banketts“, im gegebenen Fall nach der Aneignung weiterer Territorien, und das würde zu ersten Komplikationen führen.


Gefühle der Andersdenkenden

Menschen, die dem Rausch des Patriotismus nicht verfallen und die Regierungspolitik kritisieren, haben es in Russland seit langem schwer, jetzt aber werden sie ohne „demokratische“ Zurückhaltung offen angefeindet. Putin hat sie als „fünfte Kolonne“ des Westens beschimpft, andere Benennungen erinnern an die sowjetische Allzweckwaffe „Feind des Volkes“. Die so behandelten russischen Menschen fühlen sich als Fremde im eigenen Land. Unter der Überschrift „Russland, das verloren hat“ (in Anspielung auf das geflügelte Wort über das vorrevolutionäre Russland, „das wir verloren haben“) äußert Jelena Sannikova auf der Internetseite Grani.ru (31.03.2014) die Ansicht, dass die Annexion der Krim nicht einen Sieg, sondern einen schweren Verlust für Russland, für seine moralische Autorität, bedeutet habe: „Ich schäme mich für diejenigen meiner Landsleute, die in Jubel ausgebrochen sind, so als ob ihnen jetzt die Krim gehöre. Ich schäme mich für diesen imperialen Rausch, diese Verblendung, für diese rückständige, barbarische Freude des Eroberers“. Freude empfindet die Verfasserin dagegen über den Sieg des ukrainischen Volkes, das sich „von seinen Usurpatoren befreit hat“. Der Artikel endet mit dem Glückwunsch „Auf unsere und eure Freiheit, ukrainische Freunde!“ Im Vergleich mit den Positionen der Unterstützer der russischen Regierung erscheint hier alles diametral entgegengesetzt: die politischen Begriffe, die Beschreibung der Situation, die Adressaten der Vorwürfe und der Glückwünsche. Man hat den Eindruck, es handle sich hier nicht um Opponenten in einer politischen Auseinandersetzung, sondern um Bewohner verschiedener Welten. Die Internetseite grani.ru ist übrigens seit 13. März blockiert. Sie gehört zu den Portalen, die auf der Grundlage des sog. Lugovoj-Gesetzes (nach einem Duma-Abgeordneten) verboten worden sind. Die Begründung lautet: „Aufrufe zu rechtswidriger Tätigkeit und Teilnahme an Massenveranstaltungen, die unter Verletzung der bestehenden Ordnung durchgeführt werden“. Die Redaktion der Seite protestiert gegen dieses Vorgehen und erklärt ihren Besuchern, dass sie nicht rechtswidrig handeln, wenn sie sich Zugang zu der blockierten Seite verschaffen.

Ein Gesinnungsgenosse von Jelena Sannikova, der bekannte Dichter und Publizist Dmitrij Bykov, hat in seiner Kolumne in der „Novaja gazeta“ (3.05.2014) eine sarkastische Grabrede auf die Kämpfer des Majdan gehalten, wie immer in Versform (frei übertragen): „Ergebt euch, Kämpfer vom Majdan. Meint ihr, euch rettet nun Europa? Gebt alles her, wie ihr’s getan schon jetzt mit eurem Simferopol.“ In parodistischem Anklang an das Thema der Demut in der russischen Literatur verurteilt der Dichter jegliche Aktionen des Widerstands und der Freiheitsbewegung: „Nur Putin, unser wahrer Held, wird bei den Nachbarn Ordnung schaffen. Trotz Schande vor der ganzen Welt bringt er zum Schweigen alle Waffen. Macht nichts, das Land ist dann zwar tot, doch merke: lieber tot als rot!“

Alissa Ganijewa, eine Schriftstellerin, die mit Ihrem gerade erschienenen Roman „Die russische Mauer“ auch in Deutschland bekannt ist, hat ihre Erschütterung über die Vorgänge um die Ukraine unter der Überschrift „Back in the U.S.S.R.“ in der „Welt“ (29.03.2014) beschrieben: „Ich kann nicht glauben, was gerade in meinem Land geschieht. Der sowjetische Geist der Breschnew-Ära scheint über Nacht zurückgekehrt. Wer Kritik äußert, gilt als Hochverräter“. Die Rhetorik und die Denkschablonen der sowjetischen Periode, die der Verfasserin nur als Erscheinungen einer lange zurückliegenden Vergangenheit bekannt waren, sind plötzlich wieder ganz reale Gegenwart. Die in der Gesellschaft herrschenden Stimmungen – der Jubel nach der Angliederung der Krim, die Ganijewa für rechtswidrig hält; die Unterstützungserklärung der Kulturschaffenden für die Politik Putins; die Heroisierung Stalins im Staatsfernsehen (im Gegensatz zu dem „Verräter“ Trockij); die Beschimpfung der Teilnehmer des „Marschs für den Frieden“ – alles das erscheint ihr wie ein Albtraum und erzeugt ein Gefühl der Fremdheit im eigenen Land. Besonders schmerzlich empfindet sie die Konflikte mit früheren Gesinnungsgenossen, Teilnehmern der „Schneerevolution“ 2011-12. Eine Freundin aus diesem Kreis fragt die Verfasserin in aller Unschuld: „Was ist denn daran schlecht, dass die Krim wieder uns gehört?“ Klar, dass hier mit Gegenargumenten nichts zu machen ist. Die Reaktion wird wie immer kommen: „Wie kann man nicht sehen, dass…?“ Nur ein Gedanke tröstet die Verfasserin, nämlich die Zuversicht, dass „in der Ukraine, trotz der Einmischung Russlands und des nachrevolutionären Chaos, gute Chancen auf die Schaffung einer lebendigen demokratischen Gesellschaft bestehen. Das wäre für uns, die russischen Nationalverräter, ein Pfand für unsere eigene zukünftige Freiheit“.


Gefühle der „Doppeldenker“

Außer den Vertretern der beiden großen Lager, den Patrioten und den Liberalen, melden sich in der Debatte auch Menschen zu Wort, die sich den Luxus (und das Risiko) einer eigenen Meinung leisten. Ihnen ist der Artikel „Die Verwilderung der Heimat“ in der „Frankfurter Allgemeinen“ (4.05.2014) gewidmet. Kerstin Holm, Moskau-Korrespondentin der FAZ, hat Ukrainer und Russen getroffen, die der Politik beider Länder, ihres eigenen und des anderen, kritisch gegenüberstehen. In der Hauptsache geht es um europäisch gebildete Russen, die die Politik ihrer Regierung verteidigen, obwohl sie diese Regierung für eine Verbrecherbande halten. So klagt der Moskauer Philosoph Petr Rezvykh (Rezvych) über den Verfall der politischen Kultur und die „Straßenjungenmentalität“ von Putin, und stellt zugleich fest, die Majdanbewegung, begonnen im Namen von Freiheit und Demokratie, habe sich mit ihren repressiven Maßnahmen gegen Andersdenkende zu einer Revolution des bolschewistischen Typs entwickelt. Der Regierung fehle die Legitimität. Die ostukrainischen Widerstandskämpfer folgten nur dem Kiever Vorbild.

Der Kunsthistoriker Aleksandr Kuznecov, Teilnehmer der Demonstrationen für ehrliche Wahlen in Moskau, sieht in den Angeboten der EU an die Ukraine einen Akt der „Verführung politisch unreifer Menschen“, der im Endeffekt schädlich für die Entwicklung der Zivilgesellschaft in der Ukraine ebenso wie in Russland sei. - Der ukrainische Soziologe Jevgenij Gnatenko wehrt sich dagegen, dass man die Widerstandskämpfer im Südosten der Ukraine als Separatisten bezeichnet. Sie seien einfach nicht einverstanden mit einer Politik der Orientierung auf den Westen, die sie für schädlich halten. – Mit anderen, eher ästhetischen als politischen Argumenten wendet sich auch eine bekannte ukrainische Pianistin (die ihren Namen nicht öffentlich machen wollte) gegen das Kiever Regime. Sie beklagt die „Verwilderung“ ihrer Heimatstadt. Ein „Mob“, „bewaffnete Randalierer“ hielten das Bürgermeisteramt besetzt und hätten sich sogar in dem ehrwürdigen Kiever Konservatorium unmöglich aufgeführt. Außerdem empört sich die Musikerin, die versichert, nie eine Kommunistin gewesen zu sein, über die blindwütige Zerstörung sowjetischer Denkmäler. Sie habe sich in Kiev gefühlt „wie in Rom während des Barbarensturms“ und werde nun nach Moskau umziehen. – Einen Mangel an Kultur beklagt auch der bekannte russische Schriftsteller Wiktor Jerofejew, er beobachtet ihn aber im Westen. Jerofejew, den die Verfasserin des FAZ-Artikels als den „russischen Europäer schlechthin“ bezeichnet, konstatiert in seinem geliebten Frankreich eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber Fragen der Kultur und der Moral. Die gebildete Klasse sei nur an Bequemlichkeit und Konsum interessiert.


Die „Putin-Versteher“ in Deutschland

Entgegen einer in Russland verbreiteten Meinung wird die Debatte über die ukrainische Krise in Deutschland keineswegs von Russophobie und dem Geist eines neuen Kalten Krieges beherrscht. Zwar gibt es keine Meinungsverschiedenheiten über den völkerrechtswidrigen Charakter der Annexion der Krim, und in manchen Merkmalen der Debatte, etwa der Dämonisierung der Persönlichkeit Putins („Putin ist Dschinghis Khan im Internet“ in der „Welt“, 4.05.2014) mag man sich an den Kalten Krieg erinnert fühlen. Aber ein überraschend großer Teil der Beobachter in den Medien ist nicht bereit, die Politik Putins uneingeschränkt zu verurteilen, und ein ebenso großer Teil ist nicht bereit, sich mit dem Befreiungskampf der Ukrainer zu solidarisieren. Das Hauptargument der „Putin-Versteher“ ist eine Mitschuld des Westens an der Entstehung des Konflikts durch eine seinerseits aggressive Einkreisungspolitik gegenüber Russland, deren Folgen voraussehbar waren. Hinzu kommt ein Komplex von Argumenten und unausgesprochenen Gefühlen, die die deutsche Kriegsschuld und die Millionen Opfer in Russland betreffen, auch positive Erinnerungen an die lange Geschichte deutsch-russischer Kulturbeziehungen, nicht zuletzt in der Geschichte der DDR. Zudem stehen die vielen in der postsowjetischen Periode entstandenen Kontakte einer Politik im Wege, die Russland von neuem nur als Feind betrachtet, der in seine Schranken gewiesen werden muss. Eine Solidarisierung mit den Aktivisten des Majdan wird vor allem durch die Beteiligung der rechtsextremen Partei „Svoboda“ erschwert, viele Beobachter in Deutschland betrachten sie als „faschistisch“ und begeben sich damit in eine bedenkliche Nähe zur russischen Propaganda.
Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch zeigte sich in der Berliner Zeitung „erschüttert“ darüber, in welchem Ausmaß ihm dieses „Verständnis für Putin“ auf der Leipziger Buchmesse begegnet sei. Er spricht von einer „selbstzerstörerischen Tendenz“ im Denken der Linken. Andere Kommentatoren sehen in den prorussischen Auftritten europa-kritische und allgemein antiwestliche Stimmungen oder sogar eine von von Russland gesteuerte Infiltration.
Das Magazin „Cicero“ (25.03.) hat diesen Deutungen eine geradezu abenteuerliche Version hinzugefügt: die Deutschen haben angesichts der Krimpolitik Russlands „Sympathien für einen Führer“ entdeckt, der „ein gedemütigtes Volk zu alter Größe emporführt“. Tatsächlich gibt es Äußerungen Putins, die man als ein Werben um das Verständnis der Deutschen in diesem Sinne verstehen kann. Gibt es aber wirklich Hinweise darauf, dass „die Deutschen“ Hitler nachtrauern?
Dieser und viele andere Beiträge kennzeichnen die Aufgeregtheit der Debatte, die in Deutschland bei strittigen Fragen oft zu beobachten ist. Von heftigen Gefühlen überwältigt zeigen sich auch einzelne Vertreter der mit Osteuropa befassten Wissenschaft. Karl Schlögel, ein Prominenter auf diesem Gebiet, spricht in der „Welt“ (2.05.2014) von seiner Fassungslosigkeit über die Entwicklung in Russland. Er sieht seine immer um Vermittlung und Verständnis bemühten Entdeckungsreisen nach Russland durch diesen plötzlichen „Schlag von hinten“ zunichte gemacht: „Russland ist nun wieder da als das Land, das Angst verbreitet“.


„Ein Leben in Frieden, Liebe und Solidarität“

Der Krieg der Emotionen hat an die Schwelle eines echten Krieges geführt, besonders nach den Ereignissen in Odessa am 2. Mai. Die Verteidiger der Einheit der Ukraine – „das sind die, die unsere Jungen verbrennen“, schreien seitdem Frauen auf den Straßen. Ein friedliches Zusammenleben der verfeindeten Gruppen scheint für lange Zeit unmöglich. Andererseits wächst bei allen Beteiligten die Erkenntnis, dass nur Verhandlungen die Lage entspannen können. Die Führung Russlands ruft ihre Anhänger in der Ukraine zur Mäßigung auf. Die Russische Orthodoxe Kirche unterstützt diese Bemühungen mit dem Aufruf „zur Abkehr von der Sprache des Hasses und der Gewalt“ und ermahnt die Gläubigen, dass „die Brudervölker der Weißrussen, der Russen und der Ukrainer in Frieden, Liebe und Solidarität zusammenleben müssen“ (Erklärung des Heiligen Synods der ROK, 19.03.2014). Man darf allerdings nicht übersehen, dass Priester derselben Kirche auf dem nichtoffiziellen Internetportal „Russkaja narodnaja linija“ eifrig Öl ins Feuer gießen.

Die Überwindung von Hass und Gewalt erfordert in der Tat einen Verzicht auf die militante Sprache und den Krieg der Emotionen. Wohl wissend, dass das in der gegenwärtigen Situation eine illusorische und naive Hoffnung ist, erlaube ich mir (auch im russischsprachigen Teil des Blogs) einige Anregungen, auf welchen Gebieten eine Revision der Gedanken und Gefühle bei den Menschen in Russland zur Entspannung beitragen könnte. Das betrifft vor allem die Achtung vor dem Recht. Im Augenblick genügt den Bürgern Russlands das Argument „Die Krim war immer russisch“ vollkommen, um die Annexion als rechtmäßig zu betrachten. Völkerrecht und eigentlich die gesamte Sphäre von Recht und Gericht werden eher dem „verlogenen“ westlichen Denken zugerechnet. Andererseits bestehen dieselben Menschen auf der Rechtmäßigkeit von Referenden, aber nur, wenn die Ergebnisse den eigenen Wünschen entsprechen (nicht so im Falle des Referendums von 1991, in dem die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine bestätigt wurde).
Eine ähnliche Missachtung erfährt der Begriff der Freiheit in Russland. Es kam der Regierungspropaganda sehr gelegen, dass die rechtsextreme Partei in der Ukraine „Svoboda“ heißt. Der Name war vorzüglich geeignet, nicht nur die „faschistische Junta“, sondern zugleich die ganze Majdan-Bewegung als eine Revolution des bolschewistischen Typs zu diskreditieren und zu kriminalisieren. Dabei verdient sie weit mehr den Vergleich mit der Februarrevolution 1917 in Russland, die eine bankrotte Monarchie beseitigt hat. Auch die ukrainische Revolution hat im Namen der Freiheit und nationalen Unabhängigkeit eine korrupte Diktatur beseitigt. Es ist dieser Geist, den die russische Führung fürchtet, weil er ihre Macht bedroht, mehr als die Einkreisung durch NATO und EU. Der Dichter Dmitrij Bykov hat das in der oben zitierten Ansprache an die Majdan-Aktivisten auf den Punkt gebracht: Nicht eure Annäherungsversuche an die Nato haben euch in Schwierigkeiten gebracht: „…die Freiheit ist an allem schuld“.

Auch in Russland sind Stimmen zu hören, die, an die Ukrainer gewendet, den gemeinsamen Geist der Freiheit, „eurer und unserer Freiheit“, beschwören. Im ganzen ist jedoch in Russland trotz der engen Kontakte mit dem Nachbarland wenig Mitgefühl mit der ukrainischen Befreiungsbewegung zu bemerken. Vielleicht ändert sich das, wenn die nationale Begeisterung abflaut und sich die Aufmerksamkeit wieder auf die innenpolitischen Probleme Russlands richtet. Das könnte auch zu mehr Verständnis für diejenigen Ukrainer führen, die Ukrainisch sprechen und keinen Anschluss an Russland, sondern eine unabhängige freie Gesellschaft wollen. Maxim Gorki, der Patron dieses Blogs, würde sich zweifellos über eine solche Entwicklung freuen.


Zum Thema "Russland und die Ukraine" die Russland-Analysen Nr. 277 vom 23.05.2014 unentgeltlich von Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen anfordern fsopr@uni-bremen.de.

Kategorie: Russland und die Russen

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