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Der Eiserne Vorhang in den Köpfen - in Russland droht ein neuer Isolationismus

Dienstag, 17. Juni 2014, 22:11:39 | Armin Knigge

Kündigt sich mit der Ukraine-Krise eine neue Periode des Isolationismus in Russland an? Droht der Gesellschaft damit die Abkoppelung von der ökonomischen, technologischen und kulturellen Entwicklung in Europa und den Vereinigten Staaten, die sie zurückwirft in die Unfreiheit und den Provinzialismus der UdSSR? Der Politologe Georgij Bovt entwirft in der Internetzeitung gazeta.ru ein solches Szenario, und er geht dabei nicht so sehr mit Vladimir Putin ins Gericht als vielmehr mit der russischen Gesellschaft. Nach einem halbherzigen Versuch, sich mit westlichen Lebensformen bekannt zu machen, kehrt die paternalistisch gesinnte Mehrheit freiwillig in eine westfeindliche, ganz auf sich gestellte nationale Isolation zurück, - eine infantile, aber wirksame Trotzreaktion. Sie erspart die Mühe des Nachdenkens über die innneren Probleme des Landes. Die Kolumne wird in vollständiger Übersetzung aus dem Russischen vorgestellt. Sie soll als ein Diskussionsbeitrag verstanden werden, der interessante Beschreibungen besonders zu der mentalen Befindlichkeit der heutigen Russen enthält, aber mit der Kompromisslosigkeit seiner Kritik auch zum Widerspruch herausfordert. Einige Überlegungen dazu finden sich in der Nachbemerkung des Übersetzers. Sie beziehen sich – wie schon die beiden vorhergehenden Einträge auf diesem Blog – auch auf die entschieden proeuropäische Einstellung Maksim Gorkis in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

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DER EISERNE VORHANG IN DEN KÖPFEN
Georgij Bovt über eine neue Epoche des Isolationismus
Gazeta.ru, 12.05.2014. Origininaltext hier

Die Ukraine-Krise ist noch weit von einer Lösung entfernt. Möglicherweise sogar weit von ihrem Höhepunkt. Ihre Erscheinungsformen sind bisweilen so bizarr, dass es scheinen könnte, dieser Alptraum wird schnell an sein Ende kommen, und alles wird wieder sein wie vorher.

Aber nichts wird sein wie vorher.

Die Beziehungen zum Westen im postsowjetischen Format sind zusammengebrochen. Diese Beziehungen sind nach meiner Auffassung nicht wiederherstellbar, solange es dort und bei uns nicht eine neue Generation von Politikern an der Macht gibt. Wir haben uns schroff voneinander abgewendet. Erschrocken, gekränkt oder verärgert. Was macht das für einen Unterschied? Der Umgang beschränkt sich immer mehr auf einen Informationskrieg. Und Sanktionen.

Wie schmerzhaft kann die Isolation Russlands werden?

Sie beschränkt sich nicht auf die Listen einzelner Personen und Unternehmen. Es geht um eine Botschaft, die lautet: „Wir wollen euch zu Parias machen“. Dieses Signal empfangen mehr oder weniger deutlich die politischen und Business-Eliten, die kulturellen und wissenschaftlichen Vereinigungen, und es wird auch auf der unteren Ebene empfangen. Das heißt nicht, dass die Welt untergeht, aber man muss einfach auf alles gefasst sein. Die indirekten und nicht deklarierten Folgen, die überraschend eintreten, können erheblich sein, sie entziehen sich der Berechnung und der Anpassung.
Heute versucht man zu berechnen, welche Kosten zum Beispiel die Umorientierung des Handels mit Energieträgern von Europa auf Asien verursachen könnte, oder der finanzielle Druck von Onkel Sam auf das russische Bankensystem. Man versucht einzuschätzen, wie sich die Einschränkungen der Kreditmöglichkeiten für die Unternehmen auswirken, wie teuer die Überbrückung des Zugangs zu neuen Technologien wird und wie die Kürzung und Verteuerung der Importe, angefangen mit dem kleinen, aber wichtigen Sektor der Produktionseinrichtungen bis zu den großen Sektoren der Konsumgüter und Lebensmittel. Dabei sind sich sogar die größten Alarmisten und Pessimisten einig, dass selbst die schärfsten in unserer vernetzten Welt überhaupt möglichen Sanktionen das Land weder sofort noch auf längere Sicht komplett ruinieren würden.

Es geht einfach um den Übergang in einen neuen Zustand.

Eine mechanische Übertragung der Bedingungen der sowjetischen Zeit auf die gegenwärtige ist nicht möglich, obwohl die sowjetischen Bilder, Werte und Modelle in der Weltanschauung der heutigen Schöpfer einer neuen Realität vorherrschen. Diese Menschen werden nicht den „Sowok“, die sowjetische Sklavennatur, restaurieren, aber sie werden in Übereinstimmung mit den sowjetischen Vorstellungen vom Schönen und Guten agieren. So wie im Westen viele Politiker, gleich einem alten Schlachtross, in der neuerlichen Konfrontation mit Moskau den gewohnten Trommelschlag herausgehört haben (man muss jetzt nicht weiter so tun, als glaubte man, dass die Russen zur „gemeineuropäischen“ Familie gehören), so krochen auch bei uns aus allen Winkeln die Politruks des nicht zu Ende geführten „kalten Krieges“. Mit einem solchen Zustand ist man vertraut. Und vertraut ist man im Großen und Ganzen auch mit dem Zustand des Isolationismus.
Werden die Zahlsysteme Visa und Mastercard zusammenbrechen? Die erdrückende Mehrheit der Nutzer von Plastik bilden die Inhaber von Bankkarten, und 80% von ihnen nutzen die Karte nur zum Abheben am Bankomat./…/
Von den 15-17% der Einwohner, die einen Auslandspass besitzen, reisen mehr als drei Viertel in die Türkei, nach Ägypten oder Thailand. Obwohl es im Jahr ca. 50 Mio. Aus- und Einreisen nach und aus Europa gibt, sind das im wesentlichen immer dieselben Menschen – nicht mehr als 3 -5 % der Bevölkerung. Etwa 80% haben nie eine Reise über die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion hinaus gemacht. Wenn es in der EU den Gedanken gegeben hat, man könne mit Hilfe eines visafreien Verkehrs die Mentalität der Russen in Richtung auf eine europafreundlichere Einstellung bewirken, dann wird das jetzt keinen Erfolg haben. Ihre „Erfahrung“ sagt den Bürgern Russlands, „da müssen ich nicht hin“.

Man mag einwenden, auch in Amerika reist die große Mehrheit niemals ins Ausland. Ich füge hinzu: dort ist sogar der Kongress voll mit Leuten, die keinen Auslandspass besitzen. Und das Resultat ist sichtbar: die Außenpolitik der USA ist charakterisiert durch die mangelnde Lust, sich auf die Feinheiten des Lebens in anderen Ländern einzulassen. Auch in der Ukraine.
Die Epoche des neuen Isolationismus wird sich von der sowjetischen dadurch unterscheiden, dass es damals einen Wettkampf zweier Systeme gab. Wir dagegen haben unserem Ärger mit der Losung „Russland ist nicht Europa!“ Luft gemacht. Aber auf bloßer Verneinung kann man kein Wertesystem aufbauen. Das kurzfristige Kennenlernen des Westens, der manchen als eine Filiale des Paradieses erschienen war, hat in der Tat zu einer Enttäuschung sogar bei denen geführt, die dort gelebt und erfahren haben, wie das Leben dort funktioniert. Schwierig. Nach Gesetzen, die uns unbequem sind. Und nicht jeder kann sich dort einrichten. Wozu also dorthin fahren? Sich anstrengen, um ihre Gesetze dort in den Kopf zu bekommen? Eine fremde Sprache lernen (eine solche beherrschen bei uns auf dem Niveau fließenden Sprechens 3 -5% der Bevölkerung)?

Wie man sagt, Reisen macht die Klugen klüger, aber die Dummen dümmer.

Der russische Mensch war nie ein Weltbürger. Die seit den Zeiten Peters des Großen aufgezogene dünne proeuropäische Schicht wurde mit dem Blut der Revolution abgewaschen. Die am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts begonnene Integration in die aus breiten und verschiedenartigen Schichten bestehende europäische Gesellschaft wurde abgebrochen. Es ist z.B. wenig bekannt, dass die Zahl russischer Staatsbürger an Ingenieurschulen, an pädagogischen und anderen Fachschulen sowie an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der führenden Universitäten in Europa am Anfang des 20. Jahrhunderts an manchen Orten 40% der Studierenden erreichte. Das russische Imperium jener Zeit befand sich auf der Schwelle zu dem endgültigen und unumkehrbaren Bruch mit seinem scheinbar ewigen Status als Hinterhof Europas, des Bruchs mit einem jahrhundertelangen Provinzialismus. Die Bolschewiki haben auf ihre Art gleichfalls einen solchen Bruch versucht. Aber aus der Weltrevolution wurde nichts, und das universale Sozialsystem nach dem Krieg verband sich mit der Isolierung der Bevölkerung der UdSSR von der Außenwelt.

Diejenigen, die vor einem „eisernen Vorhang“ warnen, verkennen die Situation. Der Vorhang ist längst errichtet. In den Köpfen. Er ist fester und höher, als jede Berliner Mauer.

Heutzutage kann man jede beliebige Information finden. Aber der Wunsch, sie zu finden, sie zu vergleichen und selbständig zu analysieren, ist in Russland nicht vorhanden. Hinzu kommt, dass die Staatsmacht große Anstrengungen unternimmt, einen nationalen Firewall zu errichten, der den Zweck hat, das russische Internet soweit wie möglich von „verderblichen Einflüssen“ zu isolieren. Ich weiß nicht, ob die alarmistischen Prognosen über eine schon in diesem Jahr beabsichtigte Schließung von Facebook, Twitter und Google zutreffen. Die formalen gesetzgeberischen Voraussetzungen sind jedenfalls gegeben. Und wieder einmal muckt niemand oder fast niemand dagegen auf. Obwohl diese Maßnahmen in der Tat unverhältnismäßig sind. Die heutige Westfeindlichkeit und der Antiamerikanismus sind, ebenso wie die fast einmütige Unterstützung der „Rückkehr“ der Krim, entstanden in dem freiesten Informationsmilieu, das es je in der Geschichte Russlands gegeben hat. Wer will, kann immer eine Alternative zu der offziellen Meinung finden. Indem sie einen Firewall errichtet, wird die Staatsmacht als Minimum den Effekt der verbotenen Früchte erzeugen. Und sie wird sich auf einen technologischen Wettlauf einlassen, den sie am Ende sowieso verlieren wird.

Das vorgesehene eingeschränkte Informationsmilieu ist für die erdrückende, paternalistisch eingestellte Mehrheit komfortabel. So komfortabel wie der wachsende allgemeine Provinzialismus des gesellschaftlichen Lebens. So ist es bequemer.

Unbequem – das ist die andere Meinung, die das bestehende , vereinfachte, provinzielle Bild der Welt stört. Und deshalb wird die andere Meinung immer feindseliger aufgenommen. Der Zug zur Selbstisolation, zur Verpuppung in der Larve, wird als natürlich empfunden. Nicht willens, die technologischen Herausforderungen anzunehmen, die uns eine immerwährende Rückständigkeit bringen, nicht willens, sich auch nur für eine kleine Weile in ein Modell der Wirklichkeit zu vertiefen, das auf anderen Prinzipien der Beziehungen zwischen Staat und Bevölkerung aufgebaut ist, gehen die Selbstisolationisten allen Versuchungen und Minderwertigkeitskomplexen aus dem Wege. Diese Reaktion ist infantil, aber sie funktioniert.

Ausreisevisa, wie in Turkmenien, braucht es gar nicht, um die Menschen im Land zu halten. Das Abgeschnittensein vom Weltfinanzsystem, die verschärften Regeln für Valuta (unvermeidlich wegen der Verschlechterung der Wirtschaftslage), ein Komplex administrativer Hebel (nicht nur zu den Sicherheitsbehörden, sondern auch zu Studenten, Reservisten, Gelehrten, Angestellten der Staatsunternehmen usw.), die Einwirkung der Propaganda in Bezug auf die feindliche Umgebung, wo man sich besser nicht herumtreibt, der innere mentale „eiserne Vorhang“ des weltweiten Provinzlers – alles das macht die Isolation wesentlich effektiver als die in der Sowjetzeit, obwohl sie äußerlich weniger streng ist.

Dazu kommt der demographische Abfluss derer, denen hier etwas nicht gefällt, - das ist ein Sicherheitsventil. Sollen sie sich besser davonmachen, anstatt hier Unruhe zu stiften.

Aber die Flucht aus dem System wird immer schwieriger infolge des bildungsmäßigen, technologischen, informationellen und kulturellen Rückstands. All dies, vor allem der Niedergang der Bildung (ihre Provinzialisierung), der Verlust technologischer Kompetenzen, macht nicht nur das Land, sondern auch seine Bürger unfähig zur Konkurrenz. Und so sind sie nicht gefragt auf dem Arbeitsmarkt. Im Moment ist das natürlich eine starke Übertreibung, aber man stelle sich zum Vergleich die Eurointegration der Nordkoreaner vor.

Das Sowjetsystem hat gewaltige Mittel eingesetzt, um die Menschen gegen „verderbliche Einflüsse“ abzuschotten. Man hat „Stimmen“ im Radio gestört, Filme zensiert oder verboten, Bücher und Zeitschriften in Sekretaschränken eingeschlossen. Die Apologeten der „scharaschki“, wissenschaftlicher Einrichtungen mit Strafgefangenen, sind stolz: dank ihnen haben wir die Atombombe entwickelt und den Sputnik in den Kosmos geschickt. Aber sie verschweigen, dass in jener Zeit die Kontinuität der wissenschaftlichen Entwicklung mit dem imperialen Russland noch nicht abgerissen war: in vielem sind alle diese Entdeckungen und die Gelehrten selbst auf dem Fundament der alten Schule gewachsen, sie alle wurden von alten Lehrern ausgebildet.

Und noch ein anderes Beispiel. Als die UdSSR zusammenbrach, wurde die neue Ökonomie von denen geschaffen, die zuvor Zeitschriften wie „Probleme des Friedens und des Sozialismus“ oder „Der Kommunist“ herausgegeben hatten. Diese Menschen waren aus dem Weltsystem des ökonomischen und soziologischen Wissens ausgeschlossen.

Unsere hektische Suche nach Ideen und die Diskussionen über die Wege zum Aufbau eines neuen Lebens waren, wie jetzt klar geworden ist, das kindliche Geplapper von Ignoranten. Von daher die kolossale Zahl der Fehler.

Es war das Ergebnis der Inkompetenz, eines Produkts der Isolation des sowjetischen Systems. Seiner Scheuklappen, seines Dogmatismus, der herrschenden Mentalität der Unfreiheit und Angst – „dass-bloß-nichts-passiert“.

Das Ergebnis der neuen Isolation wird dasselbe sein. Ein System, dass im Verkehr mit der Außenwelt beschränkt ist, das sich an seinem unvergänglichen Provinzialismus berauscht, der Konkurrenz von Ideen und Informationen beraubt, ausgeschlossen aus dem technologischen und wissenschaftlichen Austausch, aus den Wissensströmen über neue Formen der gesellschaftlichen Kooperation, ist zum Untergang verurteilt. Aber bis zum letzten Moment wird die erdrückende Mehrheit der Bewohner in dem glücklichen (wirklich glücklichen!) Unwissen verharren über das, was in Wirklichkeit vor sich geht und wohin es führt. Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen für ein solches Glück? Im Grunde kostet es doch gar nicht so viel.

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Nachbemerkung des Übersetzers:


In letzter Zeit sind auch bei uns scharfe und kompromisslose Urteile nicht nur über die aktuelle Politik Russlands, sondern über die Wiederkehr der scheinbar unausrottbaren „russischen Verhältnisse“ laut geworden. Aber so bitterböse Analysen eben dieser Verhältnisse wie in dem vorliegenden Beitrag gibt es nach meinen Beobachtungen nur in Russland selbst. Es handelt sich dabei um ein wichtiges Phänomen in dem laufenden Informationskrieg: im überlauten Chor der „patriotischen“ Mehrheit sind die einzelnen Stimmen des Widerspruchs, der „Andersdenkenden“, keineswegs verstummt. Und was sie zu sagen haben, ist durchaus nicht identisch mit der Russlandkritik in den westlichen Medien. Wir haben es mit einem Blick von innen zu tun, wie er nur in nationalen Selbstporträts zu finden ist. Der kritische Punkt in dem vorliegenden Bild der russischen Gesellschaft ist ihre Trägheit. In einer Sitution des freien Austauschs von Informationen und Meinungen, wie sie in der russischen Geschichte nie zuvor bestanden hat, fehlt allgemein die Lust, diese Möglichkeiten zu nutzen: Stimmt eigentlich, was die staatlichen Medien uns erzählen? Es gibt alle möglichen enzyklopädischen Sammlungen, die Fakten mit Quellennachweis verarbeiten, und es gibt regierungskritische Organe, die eine andere Meinung vertreten. Und gerade das gefällt dem Durchschnittsbürger nicht. Die andere Meinung stört , weil sie zum Vergleich, zur Überprüfung der eigenen auffordert. Das ist unbequem, es erfordert Mühe und die Bereitschaft, unter Umständen die eigenen Vorurteile zu revidieren. Wieviel bequemer ist es dagegen, sich in einer nationalen Gemeinschaft heimisch zu fühlen, die sich durch eine irgendwie einzigartige höhere „Zivilisation“ von allen übrigen unterscheidet und vor allem dem „Westen“ moralisch, politisch, kulturell und überhaupt „menschlich“ haushoch überlegen ist. Der Politologe Georgij Bovt könnte sich hier, wenn es denn heute opportun wäre, auf Maksim Gor’kij berufen, der oft auf diesen Zusammenhang zwischen der nationalen Selbsterhöhung und der schlichten Eigenschaft der menschlichen Faulheit hingewisen hat.
Was man gegen die Konzeption des Autors einwenden könnte, ist wiederum eine Eigenschaft der typisch russischen Innenansicht, nämlich ihre kompromisslose und fast zynische Verurteilung der gesamten russischen Gesellschaft. Es stimmt ja nicht, dass etwa aus Anlass der Angriffe gegen die Freiheit im Netz „keiner aufmuckt“. Das Internet ist seiner Natur nach, und ganz besonders in Russland, ein Medium der „Aufmucker“. Die vorgestellte Kolumne ist selbst ein Beispiel dafür. Die Massenkundgebungen gegen Wahlfälschungen im Winter 2011/12 und viele solche Aktionen in der Folge waren über das Internet organisiert. Diese Entwicklung zurückzudrehen, dürfte – technisch wie politisch - kaum möglich sein, wie der Verfasser einleuchtend argumentiert. Überhaupt wird in dieser Sicht eines radikalen Liberalen der gewaltige Fortschritt ausgeblendet, den die kulturelle Elite in Russland seit der Perestrojka zustande gebracht hat. Das gesamte geistige Erbe der Menschheit, in Sowjetzeiten von einer bürokratischen Zensur zurechtgestutzt, steht heute in einer Vielzahl von Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt zur Verfügung. Die Geschichte der Revolution und der UdSSR ist völlig neu geschrieben worden und erschöpft sich keineswegs in Stalinkult und Sowjetnostalgie, auch wenn es manchmal so scheinen könnte. Allein über den totgeschwiegenen Trotzki ist eine ganze Bibliothek ernsthafter Forschung entstanden, und über die Ikone der russischen Revolution gibt es ein Buch mit dem Titel „Lenin. Priester des Terrors“ (D. Volkogonov, 2013), eine Ungeheuerlichkeit für ehemalige Sowjetbürger. Ähnliche Umwälzungen haben die Welten der Literatur, des Theaters, des Films, der Musik usw. erlebt. Irina Prochorova, deren Verlag „Novoe literaturnoe obozrenie“ ein Symbol der neuen russischen Kultur geworden ist, hat dazu mit Recht erklärt: „Die Gesellschaft ist besser als ihr Ruf“.
Was man als Beobachter in dem hier vorgestellten Beitrag vermisst , sind Töne der Anerkennung und Ermunterung nicht nur für diese zahlenmäßig kleine, aber aktive kulturelle Elite, sondern auch für die gesamte Gesellschaft der gebildeten und freiheitsliebenden „Konsumenten“, die diese Umwälzungen ermöglicht haben. Gorki hat in seinen Aufrufen an die Adresse der „jungen Demokratie“ in Russland vor dem Ersten Weltkrieg seine ebenso radikale Kritik an den russischen Verhältnissen stets mit dem Lob und der Bewunderung für die von der Intelligenz und der Arbeiterschaft getragene Freiheitsbewegung verbunden, u.a. in dem Artikel „Aus der Ferne“ (Izdaleka, 1911/12), wo er diese neue Generation auffordert, unermüdlich gegen die ihnen immer noch innewohnenden Reste einer „asiatischen Trägheit“ anzukämpfen und ihr Leben „aktiv“ in die eigenen Hände zu nehmen. Nur in diesem Sinne, nicht als eine Verklärung des tatsächlichen zeitgenössischen Lebens im Westen oder gar des Kapitalismus ist Gorkis spezifisches „Westlertum“ zu verstehen. In dem genannten Artikel erklärt er: „Wir müssen uns ein für allemal sagen, dass wir Europäer sind und dass wir unaufhörlich und tatkräftig am Beispiel des Westens lernen müssen, wie man lebt und arbeitet“. Den Anlass für diese Gedanken boten die Bestrebungen westlicher Wissenschaftler und Künstler, angesichts des erstarkenden aggressiven Nationalismus vor dem Ersten Weltkrieg eine „Internationale Liga“ für Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu schaffen (s. dazu in den vorhergehenden Einträgen auf diesem Blog.)
Appelle wie diese werden heute in Russland nicht gern gehört. Aber das wird nicht ewig so bleiben.

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Kategorie: Russland und die Russen

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