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"Im Kopf - nichts als der Krieg" - Gorki schreibt im September 1914 an seinen Sohn Maksim Peschkow

Donnerstag, 25. September 2014, 13:35:14 | Armin Knigge

Gorki mit seinem Sohn Maksim Peschkow, Paris 1912

In russischer Sprache hier.

Der in diesem Eintrag vorgestellte Brief, geschrieben am 26. September (9. Oktober neuen Stils) 1914 ist ein in mehrfacher Hinsicht interessantes Dokument. Vor allem anderen zeugt er von einer sehr herzlichen und zugleich achtungsvollen Beziehung des Vaters zu seinem 17-jährigen Sohn, wie sie in diesem Alter der Kinder nicht selbstverständlich ist. Dabei bezieht sich die Nähe von Vater und Sohn nicht so sehr auf die Sphäre der Familie als auf die der Weltanschauung, auf die Ansichten zu den laufenden Ereignissen. Vater und Sohn verbindet der Widerwille gegen den Krieg und gegen die in Russland herrschende Atmosphäre des Chauvinismus und Antigermanismus. Maksim hatte seine Ansicht in dieser Sache in einem Brief an den Vater so ausgedrückt: „Mir gefällt die Beziehung der Russen zum Krieg ganz und gar nicht. Sie wollen sich gleichsam wie die Engländer auf den Meeren präsentieren, nur auf dem Festland.[…] Äußerst unangenehm ist die Hetze der russischen Regierung, die in den Zeitungen Meldungen über die Bestialitäten der Deutschen verbreitet“. Der gemeinsame skeptische Blick auf den russischen Nationalismus und auf Russland überhaupt erklärt sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass Vater und Sohn erst vor kurzem nach einem längeren Auslandsaufenthalt in die Heímat zurückgekehrt waren. Das Jahr 1913 hatte Maksim zusammen mit seiner Mutter, Gorkis erster Ehefrau Jekaterina Peschkowa, im Haus des Schriftstellers auf der Insel Capri verbracht. Dort hatte Gorki seit 1906 gewohnt, nachdem er Russland zusammen mit seiner neuen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Marija Andrejewa, im Zusammenhang mit den Ereignissen der russischen Revolution von 1905 verlassen hatte. Der Besuch der ersten Frau und des Sohnes bei Gorki 1913 fand in Abwesenheit von Andrejewa statt, die Familienverhältnisse gestalteten sich schwierig. Im Dezember 1913 war Jekaterina Peschkowa von Capri mit dem Sohn nach Moskau zurückgekehrt, während Gorki Petersburg als seinen neuen Wohnort in der Heimat wählte, genauer ein Haus in einer Feriensiedlung (Mustamjaki) in Finnland. Vater und Sohn hatten Mühe, sich wieder an die Verhältnisse in Russland zu gewöhnen, beide fühlten sich fremd in der Heimat. Besonders im politischen Bereich empfanden sie die Einsamkeit des Andersdenkenden.
Zum Zwecke der besseren Lesbarkeit wird der Text des Briefes ohne einzelne Anmerkungen wiedergegeben. Stattdessen folgt ein gebundener Kommentar, erweitert durch Material aus anderen Quellen, hauptsächlich aus dem Anmerkungsteil des 2006 erschienenen elften Bands der akademischen 24-bändigen Ausgabe der Briefe Gorkis, der die Briefe 1913-1915 enthält.

Maksim Gorki an den Sohn Maksim Peschkow
Mustamjaki, 26. September (9. Oktober) 1914

Du hast mich sehr erfreut mit Deinem Brief, mein lieber Freund, es ist sehr angenehem zu wissen, dass Du Dich zu den laufenden Ereignissen so vernünftig und menschlich verhältst! Und ich sage Dir nicht im Scherz, dass ich Dich sehr lieb habe und Achtung vor Dir empfinde, ja, Achtung deshalb, weil Du zu allem eine eigene Ansicht hast und sie Dir auch nicht nehmen lässt. Mit dieser Eigenschaft wirst Du es im Leben nicht leicht haben, mein lieber Sohn, aber dafür wirst Du als ein ehrlicher Mensch leben. Aber lassen wir das Philosophieren! Ich drücke Dir fest die Hand.
Jewgenitsch [N.E. Burenin, ein Verwandter] habe ich noch nicht gesehen, ich fahre ja nicht nach Petersburg, aber ich habe über andere seine Erzählungen von dem geplanten Büro Peschkow-Burenin gehört und von dem Rohrstock, den Du ihm dazu geschenkt hast. Ich habe sehr gelacht.
Wie ich lebe und wann ich zu Euch komme, habe ich im Brief an die Mutter geschrieben. Es verlangt mich sehr danach, bald nach Moskau zu kommen, aber leider hält mich eine dringende Arbeit auf. Wie immer! Es ist doch komisch, wenn man bedenkt, wie viel ich arbeite, und wie wenig Vernünftiges dabei herauskommt! Ich habe noch zwei Teile von „Kindheit“ geschrieben, der erste erscheint in Kürze in der Buchfassung. Es besteht gerade ein „Moratorium“, eine zeitweilige Unterbrechung aller Zahlungsverpflichtungen, und ich erwarte, dass ich bald ohne Geld dasitzen werde. Ich lese die Zeitungen, aber es wird mir immer mehr zuwider. Sehr beunruhigen mich die Dinge an der französischen Front. Was wird, wenn die bis zum Stumpfsinn erbosten und erschöpften Deutschen es schaffen, Frankreich zu zerschlagen? Was mir Angst macht, sind nicht die physischen Verluste an Menschen, sondern der Verlust an lebendigem Geist, der wachsende Hass des Menschen gegen den Menschen und von daher das allgemeine Absinken der europäischen Kultur. Das ist es, was mir Angst macht!
Wie geht es bei Dir in der Schule? Ist es nicht sehr schwer für Dich? Wahrscheinlich sind alle Deine Kameraden vom Patriotismus angeschossen, ist es so? Ein Patriot zu sein, ist kein Fehler, ganz und gar kein Fehler – aber ein stumpfsinniger und dummer Patriot zu sein, das ist ein Unglück. Und man muss immer daran denken: „Der fremde Dummkopf ist ein Vergnügen, der eigene – eine Schande“.
Auf Wiedersehen, mein Lieber, verzeih mir den langweiligen Brief. In meinem Kopf ist nichts als der Krieg. Und da erscheinen bei mir noch verschiedene Philosophen und fragen: wie denken Sie?
In den Zeitungen drucken sie Unfug über mich, ich muss Dementis an die Redaktionen schreiben.
Bleib gesund, sei munter und fröhlich!
Alles, alles Gute.
Wir sehen uns bald.

A.



Krieg - der Zusammenburch der europäischen Kultur

„In meinem Kopf ist nichts als der Krieg“ - es ist der Erste Weltkrieg, dessen Beginn vor hundert Jahren in unseren Tagen viel Aufmerksamkeit erfährt. In dem vorausgehenden Brief des Sohns und in der Antwort des Vaters stellt er das Hauptthema dar. Und beide Äußerungen kennzeichnet die völlige Abwesenheit dessen, was im zweiten Monat des Krieges die Atmosphäre in Russland bestimmt: ein bis zur Trunkenheit gesteigerter Patriotismus, der Hass auf den Feind und die Vorfreude auf den glorreichen Triumph über ihn. Den jungen Mann stößt der Chauvinismus der Regierungspropaganda ab, der Vater befürchtet das Ende der europäischen Kultur. Ihn beunruhigt besonders ein drohender Sieg der Deutschen über Frankreich, das für Gorki seit der Lektüre von Balzac und Dumas in seiner Jugend den Ort eines anderen Lebens und einer höheren Kultur darstellt. Der Schriftsteller schreibt um diese Zeit am zweiten Teil der autobiographischen Trilogie „Unter fremden Menschen“ (im Brief als Fortsetzung von „Kindheit“ erwähnt), wo diese Leseerlebnisse beschrieben sind. Die Nachricht von der Zerstörung der berühmten Kathedrale von Reims durch Artilleriebeschuss und von anderen Verbrechen der deutschen Armee haben Gorki entsetzt und ihn sogar dazu bewogen, einen von Iwan Bunin verfassten Protest von Kulturschaffenden gegen die „Bestialitäten der Deutschen“ zu unterzeichnen. Aber diese Unterstützung des herrschenden Antigermanismus hat Gorki bald bereut. In der Artikelserie „Unzeitgemäßes“ (Nesvoevremennoe) zitiert er mit Empörung die Äußerungen von Schriftstellerkollegen, die die Vernichtung der ganzen deutschen Nation fordern, darunter Aleksandr Kuprin: „Gegen uns marschieren die Horden wilder, barbarischer Hunnen, die auf ihrem Weg alles niederbrennen und vernichten werden und die man vollständig vernichten muss“. Neben Kuprin und Fjodor Sologub war auch Gorkis enger Freund Leonid Andreev unter den Feinden der deutschen Kultur: „Wir protestieren und sprechen dem deutschen Volk unsere Verachtung aus“. Derartige rassistische und nationalistische Losungen wies Gorkis dem Repertoire der Boulevardpresse zu, die diese „Ströme von dunklen Instinkten“ im ganzen Land verbreite. „Mir scheint, dass dies in den Tagen des Zusammenbruchs der Kultur nicht die Aufgabe eines Schriftstellers ist. Der russische Schriftsteller, der Verteidiger der Gerechtigkeit, der Wahrhheit und der Freiheit, der Prediger der Achtung vor dem Menschen muss die Rolle derjenigen Kraft übernehmen, die den Aufruhr der erniedrigenden und schändlichen Emotionen im Zaum hält“.
Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass Gorki selbst diesem ehrenhaften Prinzip im gesamten Verlauf des Krieges treu geblieben ist, insbesondere in seiner Tätigkeit als Redakteur der im Dezember 1915 zuerst erschienenen und von ihm gegründeten Monatsschrift „Letopis’“ (Chronik) und als Organisator des Verlags „Parus“. Die Publikation von Analysen und Kommentaren zu Geschichte, Ökonomie und Kultur der europäischen Länder in diesen beiden Organen war von dem Ziel geleitet, den antihumanistischen Charakter des Krieges zu zeigen und die „planetarische Kultur“ zu verteidigen, die mit dem Kriegsausbruch für lange Zeit zerstört schien. Ein erheblicher Teil der Beiträge fiel infolgedessen der rigorosen Kriegszensur zum Opfer.


„Wir müssen lernen, uns selbst und andere zu verstehen“

Gorki macht sich Sorgen darüber, dass die Klassenkameraden wahrscheinlich von dem herrschenden Patriotismus „angeschossen“ sind. Seine Beurteilung des Patriotismus zeigt ihn als einen verantwortungsbewussten Erzieher. Er verurteilt nicht den Patriotismus schlechthin, die Liebe zum eigenen Land, sondern den Patriotismus der Dummheit und Beschränktheit. In Gorkis satirischem Märchen „Über das nationale Gesicht“ (1912), das in einem der vorhergehenden Einträge auf diesem Blog vorgestellt ist, äußert sich diese Geisteshaltung in dem arroganten Umgang eines großrussischen Beamten mit Vertretern der nationalen Minderheiten. Das Thema der Missachtung oder der einfachen Unkenntnis der nichtrussischen Kulturen des Imperiums ist in dem zitierten Brief nicht direkt angesprochen, es hat Gorki aber während der Kriegsjahre weiter intensiv beschäftigt.
Unter seinen Korrespondenten befand sich der bekannte ukrainische Historiker und Politiker Michail Gruschewskij. Seine auf die nationale Besonderheit der ukrainischen Kultur fokussierte Konzeption der russisch-ukrainischen Beziehungen und vieles in seiner Biographie könnten heutigen Patrioten in Russland Anlass bieten, ihn als „Faschisten“ zu bezeichnen, was er mit Sicherheit nicht war. Zu seiner Zeit galt Gruschewskij, Verfasser einer zehnbändigen „Geschichte der Ukraine und Russlands“, als ein gefährlicher Revolutionär. 1914 wurde er nach Simbirsk verbannt, ab 1916 durfte er wieder in Moskau leben, stand aber unter strenger Polizeiaufsicht. Gorki interessierte sich lebhaft für die Gedanken Gruschewskijs zur ukrainischen Frage und lud ihn zur Mitarbeit an dem Journal „Letopis’“ ein. In einem Brief an Gruschewskij (9. August 1916) machte er seinen Korresponden mit dem Projekt eines Buchs zum Thema „Die Ukraine und Moskau in ihrem geistigen Leben“ bekannt. Die Ausgabe kam nicht zustande, aber in dem Briefwechsel mit Gruschewskij wurde eine lebhafte Diskussion über die Besonderheiten der beiden Kulturen geführt. Gruschewskij gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass es mit dem geplanten Werk gelingen möge, „eine Bresche in den Wall des `Leichtsinns` zu schlagen, wie Sie [Gorki] die Einstellung der russischen Gesellschaft zur nationalen Frage bezeichnet haben“. Gorki und Gruschewskij waren einig in der Überzeugung, dass „Moskau“ mit allen Mitteln danach strebte, die ukrainische Nation zu „versklaven“. Die Zentralgewalt sah in dem nationalen Selbstbewusstsein der Ukrainer eine Gefahr für die Einheit des Imperiums. Gorki unterstützte diese These mit seiner Konzeption zweier entgegengesetzter Kulturen, die er in seinem Artikel „Zwei Seelen“ (1915) in Bezug auf die Stellung Russlands zwischen Europa und Asien entwickelt hatte, gegründet auf die Kategorie des Volkscharakters oder der „nationalen Psyche“. Aus seinen Beobachtungen am Material der Folklore leitete er den Schluss ab, dass in den Vorstellungen der beiden Kulturen über Grundfragen wie das Schicksal, die Religion und Gott, die eigene historische Vergangenheit und andere stets der gleiche Unterschied zutage trete. Auf der einen Seite die „asiatische“, passive Seele des Großrussen, die zum Gehorsam gegenüber den religösen und staatlichen Autoritäten neigt, auf der anderen die „europäische“, aktive Mentalität der Ukrainer, die zu rationalem Denken und freier Selbstbestimmung tendiert. Unabhängig von der strittigen Frage nach der wissenschaftlichen Solidität und Überzeugungskraft dieser Kategorien zeugt der leidenschaftliche Ton der Debatte davon, dass die Beteiligten die nationale Frage für ein äußerst wichtiges und bedrückendes Problem hielten. Über das oben genannte Projekt einer Beziehungsgeschichte zwischen Kiew und Moskau schrieb Gorki: „Mir scheint, dass dieses Buch der politisch unaufgeklärten und sozial unterentwickelten moskauisch-russischen Gesellschaft einen nicht geringen Nutzen bringen könnte […] Wir müssen lernen, uns selbst und andere zu verstehen, und weil wir unserer Natur nach nicht sehr zu dieser Beschäftigung neigen, beginnt die Geschichte uns eine ziemlich strenge Lehre zu erteilen“. Es sei hier noch vermerkt, dasss Gruschewskij, als er 1917 nach Kiew zurückkehrte, zum ersten gewählten Präsidenten einer unabhängigen Ukraine wurde, bis ihn ein Kosakenaufstand aus diesem Amt vertrieb. 1931 wurde er in der Sache des „Ukrainischen nationalen Zentrums“ verhaftet, aber nach Verhören freigelassen. Der russisch-ukrainische Konflikt unserer Tage hat eine lange Vorgeschichte.

Der Aufruf „sich selbst und andere zu verstehen“, kennzeichnete auch Gorkis Kampf gegen den Antisemitismus, der im Krieg erschreckende Ausmaße angenommen hatte. Die Regierung verbreitete das Gerücht, dass die Juden in den frontnahen Gebieten systematisch Spionage für den Feind betrieben. Es begannen massenhafte Kriegsgerichte und Erschießungen, die Gesellschaft wurde von einer Welle des Antisemitismus überschwemmt. Auf Initiative Gorkis kam es Ende 1914 zur Gründung der „Russischen Gesellschaft für das Studium des Lebens der Juden in Russland“. In der Presse erschien ein „Offener Brief dreier Schriftsteller an das Publikum“ mit den Unterschriften von Gorki, Leonid Andrejew und Fjodor Sologub, in denen die Anschuldigungen gegen die Juden energisch zurückgewiesen wurden. (Die persönlichen Differenzen zwischen den drei Schriftstellern wurden im Dienst dieser Sache zurückgestellt.) Die Unterzeichner verwiesen darauf, dass die Juden in dieser schweren Zeit „Hand in Hand mit den Russen“ die Heimat verteidigten. Der Antisemitismus wurde hier mit solcher Heftigkeit verurteilt, dass wesentliche Passagen des Aufrufs der Zensur zum Opfer fielen, z.B. die folgende: „Wir müssen voller Scham eingestehen, dass der Albtraum des weltweiten Gemetzels, der in den Menschen animalische Gefühle weckt, offenkundig das Anwachsen des Antisemitismus im russischen Volk fördert“. Dem Aufruf war ein Fragebogen zur Lage der Juden beigefügt, die Antworten sollten als Material für geplante Publikationen zum Thema dienen. Auf dieser Basis entstanden die Sammelbände „Stschit“ (der Schild) und „Die Juden in Russland“. Noch vor dem Krieg, im Jahr 1913, hatte Gorki mit großer Erregung auf den Sensationsprozess gegen den Juden M.T. Bejlis in Kiew reagiert. Bejlis wurde beschuldigt, einen Ritualmord an einem christlichen Jungen begangen zu haben. Der offensichtlich antisemitische Charakter der Anklage rief stürmische Proteste bei der russischen Intelligenz und in der Weltöffentlichkeit hervor. In einem Brief an Georgi Plechanow (Oktober 1913) gab Gorki seiner Befürchtung Ausdruck, dass „ diese schmutzige, verlogene ´Sache´ in Europa die Meinung bestätigen wird, dass wir Asiaten und Barbaren sind“.


„Es ist schwer, in Russland zu leben…“

Die persönliche Stimmungslage Gorkis nach seiner Rückkehr nach Russland war von schwarzem Pessimismus bestimmt. Das Land hatte sich nach seinem Eindruck in den Jahren nach seiner Abreise 1906 bis zur Unkenntlichkeit verändert. Noch vor Ausbruch des Krieges, im Juli1914, schreibt Gorki an Maksim: „Es ist schwer, in Russland zu leben, mein lieber Sohn, sehr schwer! Alles ist irgendwie fremd, ungewohnt, vieles hatte ich vergessen und erkenne es nun mit schmerzlichem Erstaunen wieder, es ist so absurd und grausam“. In anderen Briefen dieser Zeit spricht er von der „krampfhaften Geschäftigkeit“, die das Leben angenommen hat: „Alle sind bedrückt, alle, ausgenommen die Esel, deren triumphierendes Gebrüll ohne Zweifel mit einem verlegenen Gebrumm enden wird“. Der Umstand, dass der eigene Sohn sich zu den Vorgängen „so vernünftig und menschlich“ verhält, bereitet dem Schriftsteller eine große Freude, zugleich aber neue Sorgen: der Sohn wird es , so wie sein Vater, nicht leicht haben im Leben. Gorki muss ihn darauf vorbereiten, dass er in den Zeitungen viel „Unfug“ über seinen Vater zu lesen bekommt. Ein solcher Fall war ein in der Zeitung „Birzhivye vedomosti“ veröffentlicher Brief Gorkis, in dem dieser angeblich seinem Freund, dem Sänger Fjodor Schaljapin, das Geständnis machte, er habe sich von einem leidenschaftlichen Pazifisten in einen glühenden Patrioten verwandelt, nachdem „die Deutschen ihre schmutzige, blutbefleckte Hand auf die heiligsten Orte gelegt haben“. Der Brief endete mit dem Aufruf, „unseren Soldaten, den machtvollen Recken“ alle erdenkliche Hilfe zu leisten. Heute ist bekannt, dass der Verfasser des Briefs aus der Redaktion der Zeitung „Birzhevye vedomosti“ stammte. Dem Einspruch Gorkis folgte jedoch kein Widerruf der Redaktion.
Erlebnisse solcher Art weckten in der Seele des Schriftstellers das Gefühl der Einsamkeit in einem Meer von Stumpfsinn und Bosheit. In einem Brief an den Schriftsteller V.S. Vojtinskij spricht er davon, dass ihm die Formen dieses Krieges „pathologischer“ als die aller zuvor bekannten Kriege erscheinen: „Die Grandiosität dieses Krieges hat eine angsterregende Auswirkung auf das primitive Denken, und primitiv denken in Russland von 175 Millionen wahrscheinlich 173“. Maksim erzählte von ähnlich bedrückenden Erlebnissen in der Schule. Seine Kameraden schlugen ihm vor, zum Spaß russische Schimpfwörter ins Französische zu übersetzen.
In Verbindung mit solchen Eindrücken spricht Gorki in dem angeführten Brief über die Vergeblichkeit seiner Ideale und Bestrebungen: „Es ist doch komisch, wenn man bedenkt, wie viel ich arbeite, und wie wenig Vernünftiges dabei herauskommt!“ Was die künstlerische Produktion betrifft, war dieses Urteil zweifellos ungerecht. In den Jahren 1913-1916 erschien eine Reihe der besten Werke Gorkis: „Kindheit“, „Unter fremden Menschen“, Erzählungen aus dem Zyklus „Wanderungen durch Russland“, das Stück „Der Alte“ und andere.
Immer wieder beunruhigen ihn Gedanken an die Zukunft, die in seiner Vorstellung immer die „Hauptzeit“ war, die Verheißung eines möglichen und realen Glücks für den Einzelnen und für die Gesellschaft. Der Sohn war für ihn der symbolische Vertreter künftiger Generationen, der vor dem Gericht der Geschichte das Urteil über das Erbe des Vaters fällen würde. Diese ihm vom Vater zuerkannte Autorität begründet den Ausdruck der Hochachtung vor dem eigenen Sohn, der einem Siebzehnjährigen gegenüber etwas seltsam erscheinen kann.
In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass das Bild Maksims in den Briefen des Schriftstellers nicht den Vorstellungen des Publikums von Gorkis Sohn entsprach. Er galt eher als ein etwas leichtsinniger junger Mann, der sich mehr für schnelle Autos und die Freuden des Lebens interessierte als für das Schicksal des Landes. Diesem Bild von seiner Persönlichkeit entsprach auch sein von Gorki oft erwähnter Humor und sein Talent zu clownesken Auftritten in der Familie. Dennoch darf man davon ausgehen, dass sich Gorki im Urteil über seinen Sohn nicht geirrt hat. In den Briefen und überlieferten mündlichen Äußerungen erscheint er als ein ernsthafter und nachdenklicher Mensch und ein scharfsinniger Beobachter des Lebens.
Ein Jahr später spricht Gorki in einem Brief an Jekaterina Peschkowa (6. November 1915) noch einmal über seine „respektvolle“ Beziehung zu dem gemeinsamen Sohn. Wieder macht er sich Sorgen um Maksims Zukunft: „Schwere Zeiten warten auf unseren Sohn, harte Jahre“. Zudem zweifelt Gorki an seiner eigenen Fähigkeit als „Lehrer“. Wird die „Wahrheit“, an die er selbst so fest geglaubt hat, auch für den Sohn taugen? Aus heutiger Sicht bietet es sich an, diese Fragen mit dem Tod des Sohns im Jahre 1934 in Verbindung zu bringen. Man könnte dieses Ende, das mit großer Wahrscheinlichkeit von dem Chef der OGPU Jagoda organisiert war, als eine grausame und zynische Antwort auf die Frage nach dem Sinn und den Erfolgsaussichten der „Wahrheit“ betrachten, von der Gorki in dem Brief an Jekaterina Peschkowa spricht. Über den Inhalt dieser Wahrheit ist dort nichts gesagt, aber aus der Gesamtheit der Briefe des Schriftstellers aus den Kriegsjahren geht mit aller Deutlichkeit hervor, welches Glaubensbekenntnis er in dieser Periode sines Lebens vertrat. Eine treffende Beschreibung seines Programms findet sich in den Erinnerungen von N. Valentinov (Pseudonym von N.V. Vol’skij), einem politischen Weggefährten des Schriftstellers seit der ersten Revolution in Russland 1905. „Die Losung ‚Europa werden’“, erinnert sich Valentinov, „hörte ich in den Jahren 1914-1916 viele Male von ihm[…] Und wenn er erklären sollte, was es bedeute, Europa zu sein, dann antwortete er jedesmal: keine Sklaven, sondern freie Menschen sein, zu arbeiten verstehen, kultiviert sein und über ein gutes Wissen verfügen. Die Wörter ‚wissen’ und ‚aufklären’ führte er ständig im Munde“. In den Diskussionen, die im heutigen russischen Internet geführt werden, wird solchen Äußerungen von seiten der Patrioten regelmäßig das Etikett der „Russophobie“ aufgeklebt. Aber es ist kaum zu bestreiten, dass Gorki nicht nur seinen Sohn, sondern auch sein Land und sein Volk aufrichtig geliebt hat.


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Kategorie: Russland und die Russen

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