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Den Menschen keinen Zwang antun - Gorkis Erzählung "In der Schlucht")

Montag, 03. September 2007, 18:59:17 | Armin Knigge

Aus der Erzählung „In der Schlucht“ (В ущелье)
Übersetzung Armin Knigge, Originaltext im russischsprachigen Teil)

Die Erzählung „In der Schlucht“, geschrieben und erstveröffentlicht im Jahr 1913, ist in den Zyklus „Wanderungen durch Russland (По Руси) eingegangen. Sie reflektiert Eindrücke aus dem Jahr 1891, als der 23-jährige Aleksej Peshkov, der spätere Gorki, als Nachtwächter beim Bau einer Arbeiterbaracke in einer Bergschlucht beschäftigt war. Der Ort liegt nicht weit von der Eisenbahnstation Beslan im Nordkaukasus (dem Ort des Geiseldramas 2004). Dort wurde um diese Zeit die sog. Vladikavkazer Eisenbahnmagistrale gebaut.
Wie immer in den autobiographisch fundierten Werken Gorkis geht das Thema weit über die Gestaltung persönlicher Erinnerungen hinaus. Der autobiographische Held bleibt weitgehend auf die Rolle des Beobachters – wenn auch eines mitfühlenden, engagierten Beobachters – beschränkt. Das eigentliche Thema ergibt sich aus dem Zusammenstoß zweier gegensätzlicher Charaktere und Lebenspositionen. Im Zentrum steht die Figur des Pavel Silant’ev (der in diesem Abschnitt Vasilij heißt, weil er seinen richtigen Namen noch nicht preisgegeben hat). Silant’ev ist deutlich als ein ‚positiver Held‘ gekennzeichnet, von unbestimmter Herkunft, auf der Wanderschaft wie Gorkis berühmte Vagabunden, die „Barfüßigen“ (босяки), aber anders als sie eher ein politisch denkender Mensch mit einem kritischen Blick für die Eigenheiten der russischen Nation. Das bringt ihn in Konflikt mit seinem Arbeitskameraden, dem pensionierten Soldaten Pavel Ivanovich, der nur „der Soldat“ genannt wird. Er ist ein russischer Patriot und Feind aller fremden Nationalitäten und Konfessionen. Im vorangehenden Teil der Erzählung ist er mit Silant’ev (Vasilij) in Streit geraten, weil der sich kritische Bemerkungen über die Mentalität der eigenen Landsleute erlaubt hat.
Die nächtliche Szene am Feuer, an der Silant’ev, der Soldat und der Erzähler beteiligt sind, bringt wieder das Thema der Aggressivität und Fremdenfeindlichkeit zum Vorschein, zeigt aber zugleich die Möglichkeit, solche Konfliktsituationen durch menschliche Nähe zu überwinden. Eine weitere Komponente des Thema bildet eine Gruppe von Zimmerleuten, die ein Stück weiter ebenfalls am Feuer sitzen. Es sind Molokane, Angehörige der christlichen Sekte dieses Namens, die das Prinzip der Gewaltfreiheit vertreten. In ihrem menschlichen Verhalten sind sie eher unsympathisch gezeichnet, sie vermeiden Kontakte mit ihren Landsleuten. Ihre Frauen singen am Feuer Lieder, in denen Christus gepriesen und der Kampf mit dem sündigen Fleisch besungen wird.
Der weitere Fortgang der Handlung steht in scharfemKontrast zu der Grundstimmung in diesem Abschnitt. Das feierlich getönte Erlebnis der „Verwandtschaft“ aller Menschen hat keine nachhaltige Wirkung. Eine Gruppe betrunkener Arbeiter bringt Silant’ev bestialisch um, angestachelt von dem Soldaten, der sich wiederum über den mangelnden Patriotismus seines Kameraden geärgert hat. Der ‚Tod der Guten‘ ist ein wiederkehrendes Motiv in den „Wanderungen durch Russland“, es zeigt die tiefe Sorge des Autors um die Zukunft Russlands.


Vasilij isst Brot, ohne sich zu beeilen; er bricht ein kleines Stück ab, rückt damit seinen Schnurrbart zurecht und steckt es sorgfältig in den Mund; nahe bei den Ohren bewegen sich kleine Kugeln unter der Haut.
Der Soldat hatte schon gegessen, er isst wenig und lustlos; vorsichtig holte er eine Pfeife unter seinem Hemd hervor, stopfte sie mit Tabak, griff mit den Fingern ein Stück Kohle aus dem Feuer, steckte die Pfeife an und sagte, während er dem Gesang der Molokanen zuhörte:
„Satt sind sie – und heulen! Ständig liegen sie mit Gott im Streit.“
„Und was macht dir das aus?“, fragte Vasilij lächelnd.
„Ich habe keine Achtung vor diesem Volk. Die sind keine Gerechten, das sind eher Gauner. Gott ist ihr erstes Wort, und das zweite – der Rubel.
„Wie hast du das gesagt?“, rief Vasilij erstaunt und fing laut, mit Genuss, an zu lachen. „Gott das erste, und der Rubel das zweite, das stimmt! Aber trotzdem“, sagte er in sanftem Ton, „man soll Menschen keinen Zwang antun. Wenn du ihnen Zwang antust, werden sie es mit dir genauso machen. Was hat das für einen Sinn? Bei uns kannst du sowieso den Mund nicht auftun, kein eigenes Wort sagen. Gleich hast du die Faust im Gesicht...“
„Mag sein“, sagte der Soldat friedfertig, nahm ein quadratisches Stück von einem Brett in die Hand und betrachtete es aufmerksam.
„Und vor welchem Volk hast du Achtung?“, fragte Vasilij nach einer Weile. Der Soldat hüllte sein Gesicht in eine graue Tabakwolke und steckte das Holz ins Feuer.
„Achtung habe ich vor dem russischen Volk“, sagte er in belehrendem Ton, „vor dem echten Volk, das eine schwierige Erde bearbeitet. Aber wie ist das bei den Hiesigen? Hier lebt es sich einfach, es gibt mehr Getreide aller Art, und die Erde ist leicht, gutmütig, du brauchst sie bloß umzugraben, schon bringt sie Frucht – da hast du, nimm! Ein verspieltes Kind ist die Erde hier, offen gesagt, ein Mädchen : du hast sie nur einmal angefasst – und das Kind ist fertig...“
„So ist das“, sagte Vasilij, der Tee aus einem metallenen Becher schlürfte. „Und ich würde alle aus Russland hierher umsiedeln.“
„Wozu das?“
„Damit sie hier leben.“
„Und dort können sie nicht leben?“
„Wozu bist du hierher gekommen?“
„Ich? Ich bin ein einsamer Mensch.“
„Und warum bist du einsam?“
„Na...das ist mir so bestimmt! Also habe ich so ein Schicksal.“
„Du solltest darüber nachdenken, warum es so ist...“
Der Soldat nahm die Pfeife aus dem Mund, führte die Hand mit ihr zur Seite und mit der anderen strich er sich erstaunt über sein flaches Gesicht. Er schwieg einen Moment, und plötzlich fing er an zu sprechen, murrend mit einer beleidigten Stimme und ungeschickten Worten:
„Warum, warum! Gründe gibts dafür mehr als genug! Zum Beispiel: wenn Leute anders leben und denken als ich, nicht einverstanden mit mir, dann sind sie mir alle unangenehm, und ich gehe von ihnen fort...Nachdenken soll ich! Bist du der einzige, der denkt? Klugscheißer,,,“ Er wurde plötzlich wütend, steckte die Pfeife in den Mund, machte ein finsteres Gesicht und versank in Schweigen. Vasilij aber schaute in sein vom Feuer rotgefärbtes Gesicht und sagte leise:
„Das ist es eben: mit niemandem sind wir einverstanden, und unsere eigenen Regeln haben wir nicht. Wir leben ohne Wurzeln, ziehen hierhin und dorthin und sind allen im Wege, und deshalb lieben sie uns nicht...“
Der Soldat stieß eine Wolke Rauch aus dem Mund und verbarg sich darin. Eine gute Stimme hatte Vasilij – geschmeidig, freundlich, die Worte sprach er klar und rund aus.
Im Wald ruft in aufdringlichem Ton die Bergeule – ein prachtvoller rötlicher Vogel mit dem tückischen Gesicht einer Katze und spitzen grauen Ohren. Einmal erblickte ich diesen Vogel am Tag zwischen Steinen, direkt über meinem Kopf, und ich erschrak beim Anblick seiner gläsernen Augen: rund wie Knöpfe, waren sie von innen her von einem drohenden Feuer erleuchtet. Lange stand ich starr vor Schrecken und verstand nicht – was war das?
„Woher hast du eine so schöne Pfeife“, fragte plötzlich Vasilij, der sich eine Zigarette drehte. „Eine alte deutsche Pfeife“.
„Keine Angst, sie ist nicht gestohlen!“, antwortete der Soldat, der die Pfeife wieder herausgenommen hatte und sie mit Stolz betrachtete. „Eine Frau hat sie mir geschenkt.“
Er blinzelte Vasilij verständnisinnig zu und seufzte.
„Würdest du erzählen, wie das war?“, schlug Vasilij leise vor, und dann plötzlich schwang er seine Arme in die Höhe, streckte sich und sagte mit einer von Trauer erfüllten Stimme:
„Die Nächte hier...Gott behüte, was für böse Nächte! Es scheint, dass du schlafen willst, aber du kannst nicht, viel besser schläft es sich am Tag, irgendwo im Schatten. Aber in den Nächten wirst du einfach verrückt, ständig musst du denken und weißt nicht, an was. Und die Seele wächst, singt...“
Der Soldat hörte aufmerksam zu, vor Erstaunen stand ihm der Mund offen, seine weißen Brauen hoben sich immer höher.
„Bei mir auch“, sagte er leise. „Immer, stell dir vor.. Was ist das?“
Ich wollte sagen:
„Und bei mir auch, Brüder!“
Aber sie schauten einander so seltsam an, gerade so, als ob ein jeder den anderen erst jetzt sich gegenüber erblickte. Und sogleich fingen sie an, sich in raschem Wechsel gegenseitig zu befragen – wer er sei, wo gewesen sei und wohin er geht, – gleichsam wie Verwandte, die sich überraschcend getroffen und gerade erst von ihrer Verwandtschaft erfahren haben.
Über dem hell leuchtenden Feuer der Molokane haben sich die zottigen, schwarzen Pfoten der Kiefern ausgestreckt; so als wollten sie sich wärmen, haschen sie nach dem Feuer, wollen es umarmen und auslöschen. Zuweilen zieht es das Feuer zum Fluss, die roten Zungen strecken sich hinter der Baracke hervor, es hat den Anschein, dass die Baracke in Brand geraten ist.
Die Nacht wird immer dichter, duftender, immer zärtlicher umarmt sie den Körper; du badest in ihr, wie im Meer, und wie das Meer den Schmutz von der Haut abwäscht, so erfrischt auch diese singende Dunkelheit die Seele. In solchen Nächten ist die Seele in ihre schönsten Gewänder gekleidet, und wie eine Braut erbebt sie in gespannter Erwartung: gleich wird sich vor ihr etwas Wunderbares auftun.

Kategorie: Russland und die Russen

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