Blog > Eintrag: Kultur gegen Krieg und Politik (II) – Ljudmila Ulitzkaja: „Leb wohl, Europa!“ (2014)

Kultur gegen Krieg und Politik (II) – Ljudmila Ulitzkaja: „Leb wohl, Europa!“ (2014)

Donnerstag, 06. November 2014, 10:25:32 | Armin Knigge

Kultur gegen Krieg und Politik (II) – Ljudmila Ulitzkaja: „Leb wohl, Europa!“ (2014)

Ljudmila Ulitzkaja Foto von svoboda.org

In russischer Sprache hier.

Im vorhergehenden Eintrag auf diesem Blog ging es um einen 1923 entstandenen Artikel von Maxim Gorki, in dem der Schriftststeller, noch ganz unter dem Eindruck der Schrecken des Ersten Weltkriegs, die Schriftsteller und Künstler aufrief, die „Kraft der Phantasie“ zu mobilisieren, die alten „Luftschlösser“ des Humanismus zu restaurieren: die Brüderlichkeit der Nationen und die Achtung vor dem Menschen. Gorki erweist sich in dieser kleinen Arbeit, entgegen dem herrschenden Bild von seiner Persönlichkeit, als ein Gegner des revolutionären Geistes in der russischen Literatur und der mit dieser Funktion verbundenen Mittel der Didaktik und der Predigt und vertritt das Ideal einer „selbstgenügsamen“, von den Einflüssen der „schmutzigen Politik“ freien Kunst. Der folgende Eintrag ist der gegenwärtigen Situation in Russland gewidmet, in der eine ähnliche Konfrontation zwischen Krieg und Politik auf der einen und der Kultur auf der anderen Seite vor sich geht. Als Beispiel wird der Auftritt der russischen Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja im Juli 2014 in Salzburg anlässlich der Verleihung des Östereichischen Staatspreises für Europäische Literatur und ein Essay für den „Spiegel“ behandelt: „Mein Land krankt“. Dazu eine polemische Erwiderung in der regierungsnahen „Rossijskaja gazeta“.



In Russland herrscht das Prinzip des „Wir“

Zuerst zu den in letzter Zeit so beliebten historischen Analogien. Trotz mancher Ähnlichkeiten vor allem im Bereich der Propaganda kann man wohl kaum von einer Situation wie bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs sprechen, und auch die These der Rückkehr zum Stalinismus in Russland gilt nur mit erheblichen Einschränkungen. Aber es gibt – weiter und in neuen Formen – die Konfrontation von Kultur und Politik. Unter den Bedingungen des Krieges – des Kriege der Waffen, der Informationen, der Ideologien und Emotionen – werden zuerst gewisse Grundwerte der Kultur zerstört: Wahrheitsliebe, Freiheit der Meinung und des Wortes, Achtung vor Andersdenkenden, anderen Kulturen und Religionen. In Russland herrscht heute das Prinzip des „Wir“, des „Unser oder nicht unser“. „Krym nash!“ – die Krim gehört uns – ist zur Testformel für Freund oder Feind geworden. Die Befürworter der Regierungspolitik bilden die sogenannte erdrückende Mehrheit, und sie neigt in der Tat dazu, die Minderheit zu erdrücken. Statt der eigentlich zu erwartenden allgemeinen Freude über die „nationale Wiedergeburt“ überwiegen in den Medien negative Emotionen wie Empörung, Wut, Aggressivität, nicht nur auf die „Faschisten“ in Kiew, auf Amerika und die EU, sondern auch auf Kritiker der Regierungspolitik und Verteidiger des „Euromajdan“ im eigenen Land. In manchen Bezeichnungen für diese Andersdenkenden scheint das Wort „Volksfeinde“ aus der Sowjetzeit zurückzukehren. Es wächst offenbar der Wunsch, sie aus der Öffentlichkeit zu entfernen, ihnen das Wort zu entziehen, ihre moralische Reputation zu zerstören. Ein bezeichnendes Beispiel dafür bot die Berichterstattung über den „Marsch des Friedens“ in Moskau am 21. September 2014. Nach übereinstimmenden Angaben in den wenigen Berichten über das Ereignis bewegten sich an diesem Tag im Zentrum Moskaus zwischen 15 000 und 20 000 Demonstranten mit Plakaten und Sprechchören gegen die Ukraine-Politik Russlands. Regierungsnahe Organe wie die „Rossijskaja gazeta“ und die Agentur RIA Novosti erwähnten die Aktion mit keinem Wort, ein beispielloser Vorgang selbst in der aufgeheizten Atmosphäre der letzten Monate. Der Beobachter der „Komsomolskaja pravda“ beschrieb die Demonstranten als „Gesindel mit ukrainischen Flaggen“. Er fühle sich an ein Wort des Dichters Wladimir Majakowski vor hundert Jahren erinnert: „Ich liebe es zuzuschauen, wie Kinder sterben“. So sei auch die Stimmung der Demonstranten angesichts der von der ukrainischen Armee ermordeten Kinder.


Ljudmila Ulitzkaja: „Leb wohl, Europa!“

Bösartige Ausfälle solcher Art richten sich nicht nur gegen politische Aktivisten, sondern auch gegen einzelne Kulturschaffende, die sich kritisch äußern. Wie Maxim Gorki und Romain Rolland in den zwanziger Jahren, so treten auch die „Häretiker“ unserer Tage meist nicht mit politischen Manifesten auf, sondern mit Aufrufen zur Bewahrung der Kultur, darunter nicht wenige mit bekannten Namen in Russland wie Boris Akunin, Dmitrij Bykov oder Ljudmila Ulitzkaja. Die Strategie der Staatsmacht besteht auch hier in dem Bemühen, die moralische Autorität dieser Persönlichkeiten zu untergraben. Ein signifikantes Beispiel dafür bietet ein polemischer Beitrag gegen Ulitzkaja in der „Rossijskaja gazeta“. Dazu zunächst einige Informationen über die dieser Polemik vorangehenden Auftritte der Schriftstellerin im vergangenen Sommer.

Die auch in Deutschland bekannte Ljudmila Ulitzkaja (zuletzt 2012 mit dem Roman „Das grüne Zelt“) hatte am 26. Juli im Rahmen der Salzburger Festspiele den Östereichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten. Ihre Dankesrede mit einer Klage über die Verhältnisse in Russland hatte sie in einem Essay für den „Spiegel“ noch einmal formuliert: „Mein Land krankt. Ich lebe in Russland. Ich schäme mich“. Dazu brachte der „Spiegel“ zwei Fotos, ein Porträt der Schriftstellerin neben dem einer prorussischen Kämpferin in der Ukraine mit Maske und Tarnanzug. In Russland folgten bald darauf mehrere Auftritte Ulitzkajas, in denen die Schriftstellerin ihre Ansichten bekräftigte, darunter ein Interview in der oppositionellen russischen „Novaja gazeta“ (24. August 2014).

In ihrem Essay für den „Spiegel“ (34/2014, 18.08.) geht Ulitzkaja von der Situation bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus, die nach ihrer Auffassung eine „gefährliche Ähnlichkeit“ mit der heutigen Lage in Europa und der Welt aufweist. Sie erkennt in „einigen Ländern“, hauptsächlich aber in ihrer Heimat Russland einen gesteigerten Nationalismus, die „Ausbeutung des Begriffs Patriotismus“ und die Tendenz zur nationalen Überheblichkeit. Sie selbst sei politisch nicht aktiv, erklärt die Schriftstellerin, aber sie sage ihre Meinung, und deshalb werde sie in Russland der „Fünften Kolonne“ zugerechnet und beschuldigt, ihr Land zu hassen. Sie empfinde aber keinen Hass, sondern nur Scham und Hilflosigkeit angesichts der politischen Situation: „Die gegenwärtige Politik Russlands ist selbstmörderisch und gefährlich und in erster Linie eine Bedrohung für Russland selbst, könnte aber durchaus zu einem Auslöser des Dritten Weltkriegs werden“.

Nach diesem geharnischten Angriff auf die Politik kommt Ulitzkaja zu ihrem eigentlichen Thema, der Bedeutung der Kultur als einer humanistischen Kraft des Widerstands gegen die gefährlichen Abenteuer der Staatsmacht. Mit diesem Ansatz erinnert der Auftritt Ulitzkajas durchaus an Gorkis Thesen von 1923, aber der Grundton unterscheidet sich wesentlich von dem des Kulturoptimisten Gorki. Der herrschende Nationalismus zu Beginn des Ersten Weltkriegs, der sogar Geister wie Thomas Mann, Robert Musil und Hugo von Hofmannsthal erfasste, habe gezeigt, dass „selbst der hoch entwickelte Intellekt der in der Natur des Menschen-Tieres angelegten Aggression nichts entgegenzusetzen hat“. Die Aufklärung, Wissenschaft und Kunst haben es nicht geschafft, die Angriffsinstinkte des Menschen zu zähmen. In Russland hat die Kultur gegenwärtig eine schwere Niederlage erlitten, meint die Schriftstellerin: „Mein Land hat gegenwärtig der Kultur, den Werten des Humanismus, der Freiheit der Persönlichkeit und der Idee der Menschenrechte, einer Frucht der gesamten Entwicklung der Zivilisation, den Krieg erklärt“. Russland leide an „aggressiver Unbildung, Nationalismus und imperialer Großmannssucht“. Aber auch die intellektuelle Gemeinschaft sei, ähnlich wie die vor hundert Jahren, von diesen Kriegsbedingungen betroffen. Sie ist gespalten, nur ein kleiner Teil leistet Widerstand, stellt die Schriftstellerin fest. „Unsere große Kultur“, die sie mit den Namen Tolstoi, Tschechow, Tschaikowski und Schostakowitsch charakterisiert, konnte „die Politik der religösen Fanatiker und der kommunistischen Ideen“ nicht verhindern. Drei Jahrhunderte habe sich die russische Kultur aus den Quellen der europäischen ernährt. Das sei nun vorbei, vielleicht für immer: „Leb wohl, Europa!“

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Stimmungen in Russland war die heftige Reaktion auf diese Bekenntnisse vorhersehbar. Fast mehr noch als die Angriffe auf die russische Politik sorgte der europäische Rahmen dieser Ereignisse für Empörung. Eine russische Schriftstellerin, in Europa hoch geschätzt, erhält einen östereichischen Staatspreis, der der europäischen Literatur gewidmet ist. Sie selbst trägt ihre vernichtenden Urteile über Russland einem Auditorium der Salzbuger Festspiele vor und bekräftigt sie in einem deutschen Politmagazin. Unerträglich für russische Patrioten: die Schriftstellerin schämt sich für ihre Heimat und ist begeistert von der westlichen Kultur. Der größere Teil des „Spiegel“-Essays ist den Erlebnissen in Salzburg gewidmet. Ulitzkaja zeigt sich tief beeindruckt von dieser „mythischen Stadt“, in der sich ihr „das nostalgische Bild eines ausgestorbenen schönen Lebens“ darbietet. Als eine unglaubliche Überraschung erlebt sie die Reden der östereichischen Politiker auf dem Festakt der Eröffnung des Salzbuger Festspiele: Politiker, die sich als „gebildete Menschen“ erweisen! Der Landeshauptmann von Salzburg Wilfried Haslauer erklärte, Kultur und Politik seien heute keine unversöhnlichen Gegensätze mehr, die Kunst sei ein unverzichtbares Instrument für die Lösung von Konflikten in der Gesellschaft. - Bei den Lesern des Essays im Westen mag eher etwas anderes Überraschung auslösen, nämlich das gänzliche Fehlen einer kritischen Distanz zu diesen Ritualen der Kulturpolitik. So schön hat sich der Westen früher in den Augen der Dissidenten aus Sowjetrussland präsentiert, die mit ähnlichen Erfahrungen in den Westen kamen. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist der Auftritt Ulitzkajas ein Beleg für die von neuem aufgebrochene Kluft zwischen Russland und Europa. Heute ist Europa in Russland wieder „der verfaulende Westen“, und Bekenntnisse zur europäischen Kultur sind dem Publikum nicht zuzumuten. Die Agentur ITAR-TASS sagte eine seit längerem verabredete Pressekonferenz mit Ulitzkaja zwei Stunden vor Beginn mit der Begründung ab, im Gebäude habe es einen Rohrbruch gegeben.


Die westliche Kultur – ein „gottloser Karneval“

Die Erwiderung auf Ulitzkajas Essay in dem Regierungsorgan „Rossijskaja gazeta“ (26.08.2014) war folgerichtig in wesentlichen Teilen ein Angriff auf den Westen und seine Kultur. Jurij Kublanowski, ein Dichter, der in letzter Zeit öfter als Unterstützer Putins aufgetreten ist, präsentiert hier eine Polemik im Stil der sowjetischen Vernichtungsfeldzüge gegen Dissidenten, nur mit dem Unterschied, dass der Verfasser nicht die kommunistische Partei, sondern das christlich fundierte „Vaterland“ vertritt. Ein Kuriosum der russischen Ideologiegeschichte besteht darin, dass er einst selbst ein Dissident und Weggefährte Alexander Solschenizyn war.
Kublanowski zitiert die Selbstcharakteristik Ulitzkajas – „eine russische Schriftstellerin jüdischer Herkunft und christlicher Prägung“ – und knüpft daran ein vernichtendes Urteil über die westliche Kultur. Im Krieg mit dieser ursprünglich christlichen Kultur befinde sich nicht der russische Staat, sondern der Westen selbst, die „ganze Kultur der postchristlichen Zivilisation“. Das könne man an den Erzeugnissen der „gottlosen, lästerlichen Kunst“ in den Museen erkennen. Die Beispiele – „Duchamps schmutzige Klosettbecken“ und „Rauschenbergs bemalte Ziegenböcke“ – erinnern an die Präsentation „entarteter Kunst“ im NS-Staat und ähnliche Beschimpfungen moderner Kunst in der Sowjetunion, jetzt sind sie allerdings religiös begründet, moderne Kunst als „gottloser Karneval“.
Die Ausdrücke „Werte des Humanismus“ und „Freiheit der Persönlichkeit“ werden mit Anführungs- und Fragezeichen versehen und auf die in Russland verhassten 90-er Jahre bezogen, als die „Chunta der Oligarchen“ (ein Ausdruck Solschenizyns) das Land zugrunde gerichtet habe.
Der Vorwurf der Kriegstreiberei wird ins Gegenteil verkehrt: allein der Westen trägt die Schuld für die Krise im Nahen Osten und in der Ukraine. In Kiew haben seine „Schützlinge vom Majdan“ mit viel Geld aus dem Westen den gewählten Präsidenten entmachtet, Russland haben die westlichen Politiker wie einen „widerborstigen Schüler“ behandelt und mit unverschämten Sanktionen belegt. Wer also entfesselt einen neuen Weltkrieg? Russland ist es nicht!
An Ulitzkaja persönlich richtet Kublanowski schwere Vorwürfe: „Warum verlegen Sie, Ljudmila, die Verantwortung für diese ganze globale Krise von den kranken auf die gesunden Schultern?“ Der Schriftstellerkollege appelliert an die Verantwortung der Autorin vor ihrem Lesepublikum, besonders vor ihren jungen Lesern, die sie mit ihren „undurchdachten Erwägungen“ „in Versuchung“ führe.
Er empfinde Mitleid mit Ulitzkaja und anderen Vertretern ihrer Generation, erklärt der Verfasser, und holt dann zum entscheidenden Schlag gegen sie aus: „Sie schreiben in russischer Sprache, aber die Heimat ihrer Sprache kennen sie schlecht, von ihrer Schönheit sind sie nicht durchdrungen, zu ihrer Geschichte verhalten sie sich nicht auf die Art Puschkins. Warum schreiben sie dann in russischer Sprache?“
In sowjetischer Zeit wäre das eine Ankündigung des Ausschlusses aus dem Schriftstellerverband und damit eines faktischen Berufsverbots gewesen. Da es diese Einrichtung nicht mehr gibt, erscheint die rhetorische Frage „nur“ noch als eine Aufforderung zur Ausreise oder zur inneren Emigration.
Am Schluss des Artikels nimmt der Verfasser die Formel „Leb wohl, Europa!“ aufs Korn und gibt ihr eine überraschende Wendung: „Wir“, d.h. die Mehrheit der Russen, verabschieden uns trotz der dort herrschenden politischen Verhältnisse nicht von Europa und bleiben der europäischen Kultur verbunden, jedenfalls dem Teil von ihr, der nicht dem „gottlosen Karneval“ verfallen ist. Dabei beruft sich Kublanowski auf die Worte Andrej Werssilows, eines „russischen Europäers“ in Dostojewskis Roman „Der Jüngling“. Sie seien „für uns auch heute aktuell“. Der Wortlaut des Bekenntnisses von Werssilow wird nicht zitiert, es ist dem russischen Leser jedenfalls dem Sinn nach vertraut. Hier ein Satz daraus: „Für den Russen ist Europa genau so kostbar wie Russland: jeder Stein in Europa ist ihm lieb und teuer“.
Sollen wir dem Verfasser wirklich glauben, dass die Mehrheit der Russen heute diesem Satz Werssilows, eines „gentilhomme russe et citoyen du monde“, zustimmen würde?


Die russische Kultur – wem gehört sie? Und was ist Kultur?

Die Bezugnahmen auf Puschkin und Dostojewski zeigen, dass die neue „vaterländische“ Staatsideologie auf das Erbe der russischen Kultur Anspruch erhebt. Der gespaltenen Gesellschaft entspricht ein gespaltenes Verhältnis zur nationalen Kultur. Puschkin, der in der Auffassung der russischen Intelligenzija immer, wenn nicht ein Revolutionär, so doch ein Verkünder des Geistes der Freiheit war, wird in letzter Zeit immer mehr zu einem Prediger des Gehorsams und der Pflichten des Staatsbürgers, der alle staatsfeindlichen Umtriebe verurteilt. Jurij Poljakow, der Chefredakteur der „Literaturnaja gazeta“, hat in einem Interview aus Anlass des 215. Geburtstags des Klassikers (6. Juni 2014) erklärt, Puschkin habe in seiner Abhandlung über den Bauernaufstand Pugatschows „überzeugend gezeigt, wohin alle diese Majdans führen“. Das bezieht sich auf die vielzitierte Formel „Gott bewahre uns vor einem russischen Aufstand, er ist sinnlos und gnadenlos“. Dass die Proteste auf dem Majdan nichts anderes als eine solche „Pugatschowschtina“ gewesen seien, ist die neue Lesart Puschkins.

In einer Umbruchsituation, die von den einen als „nationale Wiedergeburt“, von den anderen als „der Höhepunkt des kollektiven Wahnsinns“ (Dmitrij Bykov) bezeichnet wird, ist der Begriff der Kultur, der nationalen wie der universalen, zu einem Objekt und Instrument des politischen Kampfes geworden. Unter diesen Bedingungen ist es nicht möglich, eine einheitliche Meinung über Sinn und Bestimmung der Kultur herzustellen. Um eine Verständigung in dieser Debatte zu ermöglichen, wäre es dennoch wünschenswert, etwas wie einen gemeinsamen Nenner für alle kulturellen Bestrebungen und Tätigkeiten zu finden. Am wenigsten überzeugend erscheinen hier Ideale wie der Dienst am Vaterland, seiner Macht und Größe. Aber auch Begriffe wie die Verteidigung der Menschenrechte und der Freiheit der Persönlichkeit sind durch übermäßigen Gebrauch verschlissen und – fälschlich oder zu Recht – Bestandteile einer „westlichen“ Propaganda geworden. In dem kleinen Ausschnitt der Problematik auf diesem Blog scheint mir der Begriff einer von den Ansprüchen der Politik freien schöpferischen Tätigkeit, also der Kunst im weitesten Sinne, wie er von Gorki und Rolland vertreten wird, eine Andeutung dessen zu sein, worum es eigentlich geht. Ulitzkaja meint wohl dasselbe, wenn sie davon spricht, das Kunst keinen „Standpunkt“ habe, sondern als ein „lebendiger Strom“ zu verstehen sei. Der humanisierende Effekt der Kultur, wenn es ihn denn gibt, könnte als Wirkung eben dieser nicht an bestimmte Zwecke gebundenen kreativen Tätigkeit, des Erbauens von „Luftschlössern“ verstanden werden. Weitere begriffliche Klärungen sollte man den Philosophen überlassen. In jedem Fall ist die schöpferische Tätigkeit an die Bedingung der Freiheit gebunden. In staatlichem Auftrag und unter staatlicher Kontrolle ist sie nicht möglich. In Russland verstärkt sich gegenwärtig wieder einmal die Tendenz zur Beaufsichtigung der Kulturschaffenden. Es bleibt nur zu hoffen, dass die nun fast dreißig Jahre währende „Freiheit auf Probe“, die der russischen Kultur eine nie gekannte Weltoffenheit gebracht hat, eine Rückkehr zu sowjetischen Verhältnissen unmöglich macht.
Zum Umkreis des Themas auf diesem Blog

“Im Kopf nichts als der Krieg“ – Gorki schreibt 1914 an seinen Sohn
Der „wahre Gorki“ (L. Spiridonova) – wer ist er im heutigen Russland?
Der Eiserne Vorhang in den Köpfen – Russland droht ein neuer Isolationismus
Krieg der Emotionen – ein Ende der ukrainischen Krise ist nicht in Sicht

Kategorie: Russland und die Russen

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang