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Zum Neuen Jahr 2015: Wie steht es mit der Opposition in Russland?

Dienstag, 30. Dezember 2014, 21:46:40 | Armin Knigge

Zum Neuen Jahr 2015: Wie steht es mit der Opposition in Russland?

"Die Mädchen trugen auf den Köpfen Kränze à la NATALKA POLTAWKA" (Boris Akunin)

In russischer Sprache hier.

In dem vorhergehenden Neujahrsbeitrag (3.01.2014), der Roman Sentschins Buch „Was wollt ihr eigentlich?“ gewidmet war, habe ich zu zeigen versucht, dass sich mit der „Schneerevolution“ 2011-2012 etwas äußerst Ungewöhnliches, ein Umbruch vollzogen hatte, der im Grunde unumkehrbar war. Auch wenn diese Massenbewegung rasch wieder abflaute, bedeutete sie doch für viele Menschen – exemplarisch für Sentschin selbst und seine Familie – eine wichtige Erfahrung: die Überwindung der Angst vor dem übermächtigen Staat und die Zerstörung des Mythos seiner Unverwundbarkeit. Ich glaubte sogar Anzeichen dafür zu erkennen, dass sich die Herrschaft der Putin-Administration ihrem Ende nähere. Es gab in der russischen Presse zahlreiche kritische Analysen, die den neuen lautstarken Nationalismus als den Versuch der Regierung erkannten, die Misserfolge in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu übertönen. Mit dieser Prognose habe ich mich gründlich geirrt. Statt einem Zusammenbruch hat das Schicksal dem Regime einen neuen Aufschwung und eine maximale Unterstützung von seiten der Bevölkerung gebracht. Die Opposition hat einen weiteren schweren Rückschlag erlitten und wird kaum noch gehört. Sie ist aber keineswegs verschwunden, wie es in Deutschland manchmal scheinen könnte, und sie hat – in Gestalt nicht von Parteien, wohl aber von Einzelpersönlichkeiten – Wesentliches zu sagen. Einige ihrer Vertreter, darunter wieder Roman Sentschin, sollen im folgenden zu Wort kommen.


Der Zerfall der sowjetischen Imperiums

Ihren Erfolg verdankt die Regierung der widerspenstigen ukrainischen Nation und dem „Euromajdan“. Ein außenpolitischer Konflikt (der von den Russen eher als ein innenpolitischer empfunden wird) hat der Macht, wie es scheint, das Weiterbestehen auf lange Zeit gesichert. Im Resultat befindet sich Russland an allen Fronten im Krieg. In der Ukraine ist es ein realer blutiger Krieg, der im Kern auf den Zerfall des sowjetischen Imperiums zurückgeht. Formal schon vor 23 Jahren vollzogen, ist dieses Ende zwei „Brudervölkern“ erst jetzt schmerzhaft zum Bewusstsein gekommen. Die Ukrainer wollen mit einer klaren Mehrheit das sowjetische Imperium und die ihnen verhasste sowjetische Lebensform verlassen und in einem unabhängigen Staat mit einer europäischen Kultur leben. Die Mehrheit der Russen und der prorussischen Bewohner der Ukraine neigen mehr oder weniger bewusst zu einer Wiederherstellung des Imperiums und der damit verbundenen Existenz in einem autoritären Staat. Für die älteren von ihnen ist die Sowjetunion ein Ort teurer Erinnerungen. Dieser Grundkonflikt wird nicht nur in militärischen Zusammenstößen ausgetragen, sondern wesentlich auch in Propagandaschlachten, und er erreicht auch die Ebene der privaten, persönlichen Beziehungen. An sich harmlose Vorurteile, Scherze und Redensarten, die das Verhältnis der „Kleinrussen“ und der „Moskoviter“ betreffen, können zu ernstem Streit unter Freunden, Kollegen und Verwandten führen. Die Nationen sind sich fremd geworden, weil es nicht mehr um kleine kulturelle Unterschiede, sondern um fundamentale Lebensprogramme geht. Ein russisch-patriotisch gesinnter Blogger hat den Ukraine-Konflikt so zusammengefasst: „Je weiter wir uns von diesem übergeschnappten Territorium [nicht Land!, A.K.] fernhalten, desto besser für uns“. (http://www.echo.msk.ru/blog/amountain/1446428-echo/.
Im Ergebnis herrscht in der russischen Gesellschaft eine ständige Gereiztheit, die sich bis zum Hass steigern kann. Die tragischen, immer noch nicht vollständig aufgeklärten Ereignisse bei dem Brand in Odessa am 2. Mai 2014, dem zwischen 38 und 42 prorussische Demonstranten zum Opfer fielen, sind zu einem festen Bestandteil der Propaganda geworden, sie gelten als unumstößliche Beweise für die Bestialitäten der „majdanovcy“, die die Schutzsuchenden in den Korridoren des Gewerkschaftshauses „eingefangen“ und „bei lebendigem Leib verbrannt“ haben sollen. In einer der zahlreichen Buchpublikationen, die der „Wahrheit“ im Ukraine-Konflikt gewidmet sind, ist vom „Odessaer Holocaust“ die Rede.

Der überwiegende Teil der Einträge auf diesem Blog im abgelaufenen Jahr war der Informationssituation in Russland gewidmet, dem „Krieg der Emotionen“ und der Übermacht der staatlichen Propaganda, der sich einzelne Persönlichkeiten, Schriftsteller und andere Kulturschaffende, zu widersetzen versuchen. Dabei hat sich der Patron des Blogs, der „unbekannte Gorki“, ein weiteres Mal als Beispiel für einen mutigen Kampf für die Kultur und gegen die Kontrollansprüche des Staates bewährt. Unter den Bedingungen des militanten russischen Nationalismus im Ersten Weltkrieg und später in den 20-er Jahren unter den Bedingungen der Parteidiktatur hat er unbeirt sein Ideal eines undogmatischen Sozialismus und einer von politischen Interessen freien Kultur vertreten.


Die Krise der Opposition

Wenden wir uns noch einmal dem Thema des vorhergehenden Neujahrsbeitrags zu. Im Vergleich mit der aktuellen Situation stellen sich die Ereignisse in Roman Sentschins Buch – die „Schneerevolution“ 2011-2012 im Leben der Familie des Schriftstellers – wie Kinderspiele dar. Der Zusammenstoß zweier gesellschaftlicher Bewegungen – „Russland für Putin“ und „Russland ohne Putin“ – konnte den Teilnehmern damals noch als ein Duell von annähernd gleichen Kräften mit offenem Ausgang erscheinen. Heute hat sich eine solche Sicht als lächerliche Illusion erwiesen. „ Russland für“ hat einen glänzenden Sieg über „Russland ohne“ errungen. Die Aktivisten der Protestbewegung haben ihren Einfluss auf das politische Leben nahezu vollständig verloren. In den Auftritten des Präsidenten werden sie als vaterlandslose Gesellen, in Zeitungen wie der „Komsomol’skaja pravda“ als „fünfte Kolonne“ der „faschistischen Chunta“ in Kiew und als Sadisten beschrieben, die sich über den Tod von Kindern freuen, die bei den Bombardierungen durch ukrainische Truppen in der Ostukraine umgekommen sind.
Die führenden Aktivisten der Oppositionsbewegung sind zudem ihrer Handlungsfreiheit beraubt. Der Führer der „Linken Front“ Sergej Udalzow wurde im Rahmen der sogenannten „Bolotnaja-Sache“ wegen „Organisierung von Massenunruhen“ am 6. Mai 2012 zu 4,5 Jahren Freiheitsentzug verurteilt und befindet sich in Haft. Alexej Nawalny, bekannt durch seinen Kampf gegen die Korruption, ist im Jahr 2013 wegen Unterschlagung von staatlichem Eigentum zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt worden und stand bis Oktober 2014 unter Hausarrest. Am 30.12. ist er zu einer weiteren Haftstrafe wegen Betrugs verurteilt worden.
Die Opposition leidet aber auch an inneren Zwistigkeiten. „Die Ukraine führt die Opposition immer weiter auseinander“, schrieb die „Novaja gazeta“ aus Anlass des „Friedensmarsches“ vom 21. September. Diese große Manifestation von ca. 20.000 Teilnehmern, die von den regierungsnahen Medien einfach verschwiegen wurde (eine neue Stufe der Manipulation in der Informationspolitik), bestand in der Mehrzahl aus Parteilosen, die ohne Flaggen und andere Symbolik für das Ende des Krieges in der Ukraine eintraten, aus Liberalen, die die Regierungspolitik scharf verurteilten, und aus „bunten“ Minderheiten sogar aus dem Lager der Patrioten. Die Linken hatten die Teilnahme verweigert, da sie eine Unterstützung der einen wie der anderen kämpfenden Partei als unzulässig ansahen.
Von der Verschärfung der Situation besonders schwer betroffen waren viele namhafte Vertreter der Kulturelite, denen die politische Routine für solche Situationen fehlte. Für sie war die Annexion der Krim und die sie begleitende Medienkampagne ein schockhaftes Erlebnis. Als Beispiel sind die Auftritte der Schriftstellerin Julija Ulitzkaja auf diesem Blog behandelt worden. Andere, wie der Schriftsteller, Journalist und TV-Moderator Dmitrij Bykov, reagierten mit einem zeitweiligen Verstummen. In der „Novaja gazeta“ (21.07.2014) schrieb Bykov an dem Platz, wo gewöhnlich seine bekannte, in Versen gehaltenen politische Kolumne steht: „Der Autor fühlt zum ersten Mal in seinem Leben, dass er für diese Nummer der Zeitung kein Feuilleton schreiben kann und darf. Man kann Verse schreiben nach Auschwitz, aber keine Feuilletons in Zeiten des kollektiven Wahnsinns“. Der Dichter Lew Rubinschtein beschrieb die Situation mit den Worten: „Wir befinden uns plötzlich im Inneren eines schlechten Witzes, und erkennen mit Trauer und Entsetzen, dass an diesem Witz nichts Komisches ist“. Selten ist die Fremdheit zwischen der Kulturelite und der breiten Bevölkerung, die es in Russland immer gegeben hat, in so krasser Form zutage getreten. Möglicherweise hängt das auch damit zusammen, dass die Kultur und besonders der Literatur, deren Hochachtung in der sowjetischen Periode zur Staatsdoktrin gehörte, diesen bevorzugten Platz verloren hat. Diese allgemeine Abwertung des kulturellen Sektors macht es dem Staat leicht, repressive Maßnahmen gegen unbequeme Kulturschaffende zu ergreifen. Die Internetseite Grani.ru (2.12.2014) mit dem zitierten Beitrag von Rubinschtein ist in ein Register verbotener Portale eingetragen, weil von dort angeblich „Aufrufe zu rechtswidriger Tätigkeit und zur Teilnahme an Massenveranstaltungen, die mit der Störung der öffentlichen Ordnung verbunden sind“, ausgehen.


Roman Sentschin: „Am Rande des Wahnsinns“

Ähnliche Gefühle der Verlorenheit und Fassungslosigkeit hat auch Roman Sentschin erfahren, der Autor des Buchs „Was wollt ihr eigentlich?“ Sentschin ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Literaturnaja Rossija“ und veröffentlicht dort gelegentlich eigene Feuilletons. In Nr. 1, 2014 der Zeitung erschien sein Artikel „Am Rande des Wahnsinns“, in dem er von einer Neuerscheinung auf dem Buchmarkt berichtete, die ihn in Verwirrung gestürzt hat. Es handelte sich um das Buch „Biographischer Kalender ‚Stalin’ für das Jahr 2014“. Dabei irritierte ihn nicht die Tatsache, dass Stalin in dieser Weise geehrt wurde - Publikationen über Stalin erscheinen am laufenden Band – wohl aber der Herkunftsort des Bandes. Herausgegeben hat den Kalender das altehrwürdige Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad, genauer das dort angesiedelte Patriarchale Verlags- und Polygraphie-Zentrum. „Da begann sich mir der Geist zu verwirren“, bemerkt der Schriftsteller. Stalin im Kreis wenn nicht der Heiligen der Orthodoxen Kirche, so doch im Kreis der von ihr gewürdigten historischen Persönlichkeiten? Er weiß zwar, dass russische Historiker neuerdings aus Stalin einen Verteidiger der Kirche machen, aber er hat auch andere kirchengeschichtliche Arbeiten gelesen, die von den endlosen Listen erschossener Geistlicher und Würdenträger der Kirche in der Jahren 1937 und 1938 handeln. Dem Schriftsteller erscheint es unfassbar, dass diese Verbrechen des Stalinregimes einfach vergessen werden Im selben Umkreis stieß er auf weitere seltsame Allianz. Der Verlag, in dem der Stalin-Kalender gedruckt wurde, ist auf zwei Themen spezialisiert – Stalin und die Dynastie der Romanovs. Im Katalog des Verlags werden den Kunden in einer Reihe z.B. die Titel „Stalin. Das Schicksal der Epoche in Photographien und Dokumenten“ und „Die Romanovs. Heldentum im Namen der Liebe“ angeboten.
Was haben Stalin, die Kirche und die Romanovs gemeinsam? Offensichtlich geht es hier nur um die Macht und das Imperium. Diesem gemeinsamen Nenner werden alle Unvereinbarkeiten geopfert.

Um der Gerechtigkeit willen muss gesagt werden, dass solche „Seltsamkeiten“ der gegenwärtigen Kultur durchaus zu ernsten Diskussionen im Internet führen, sie werden aber oft von militanten Verteidigern der sowjetischen Vergangenheit dominiert. So erging es auch Sentschin mit seinem Artikel „Am Rande des Wahnsinns“. In einer Erwiderung, die in „Literaturnaja Rossija“ abgedruckt wurde, erteilte ein Leser aus Tscheljabinsk, Doktor der Philosophie, dem Schriftsteller eine scharfe Rüge. Mit seinen Beschuldigungen des Stalinregimes sei Sentschin der nunmehr über zwanzig Jahre dauernden „idiotischen“, „debilen“, „pseudodemokratischen“ Propaganda auf den Leim gegangen, indem er mit aus dem Zusammenhang gerissenen Fakten systematisch das Bild der sowjetischen Gesellschaft zerstöre. Der Opponent riet dem Schriftsteller, die Dinge „durch ein anderes Prisma“ zu betrachten und sich bei seiner Meinungsbildung nicht an antisowjetische Teleserien oder die Aktivisten vom „Bolotnaja-Platz“ zu halten, sondern an die „menschliche Mehrheit Russlands“, d.h. an „die Menschen, die fähig sind, ehrlich und produktiv zu arbeiten“.
Derartige Versuche, unbequeme Kritiker durch Berufung auf die „einfachen Menschen“ und ihre Meinungen zu diskreditieren, sind aus der sowjetischen Propaganda bekannt und kehren jetzt, wie mir scheint, verstärkt wieder. Damit werden antiintellektuelle Instinkte geweckt, die es jeder Gesellschaft gibt, und ein Ideologem der „Einfachheit“ verbreitet, das in Wirklichkeit auf die widerspruchsloe Übernahme staatlich vorgegebener Ansichten zielt.

Zu diesen „einfachen Wahrheiten“ gehört neuerdings auch die Verurteilung jeglicher „Unruhe“ in der Gesellschaft. Die Menschen wollen keine Veränderungen, sondern „Stabilität“. Gemäß den Ergebnissen einer Umfrage des Levada-Zentrums (gazeta.ru, 25.11.2014) hält die Mehrheit der Russen jede Art von Konflikten und Auseinandersetzungen für schädlich. Sie glauben, dass auch friedliche Proteste unausweichlich zu Gewalt und Anarchie führen. Die Untergrabung der Ordnung sei ein Nährboden für die Entstehung des „Faschismus“, wofür die Geschichte des Euromajdan in Kiev den Beweis geliefert habe.


Solidarität mit dem Euromajdan

Das Element der „Unruhe“ hat in der Tat in der Ukraine seine neue Heimstatt gefunden. Eben wegen dieser, wie sie meinen, produktiven Unruhe solidarisieren sich viele Oppositionelle mit dem Euromajdan. Gerade in diesem Punkt sind die Gräben in der Gesellschaft unüberbrückbar.
Julija Latynina, eine streitbare Journalistin hat die Massenmeetings vom 20. Februar 2014 und den folgenden Tagen, die zu einem radikalen Machtwechsel in Kiew führten, sofort mit großem Enthusiasmus begrüßt („Echo Moskvy“, 21.02.2014). Dies sei der „Tag der Erstürmung der Bastille“ gewesen: „In der Ukraine geht eine klassische bürgerliche Revolution vor sich, mit dem Marsch auf die Tuillerien, der Erstürmung der Bastille und der Einberufung der Generalstände, die plötzlich vor der Revolution einknicken, obwohl sie daran gar nicht gedacht hatten“. Über die Richtigkeit der historischen Analogie zu befinden, ist hier nicht der Ort. Jedenfalls war das eine alternative Meinung, diametral entgegengesetzt der offiziellen Ansicht von einem „faschistischen Putsch“.

Dasselbe kann man über einen Auftritt des Schriftstellers Boris Akunin sagen, eines führenden Vertreters der „Schneerevolution“, der sich aus Anlass des Jahrestags der Entstehung des Majdan am 22.11.2014 auf livejournal zu Wort meldete. Dieser Beitrag soll im folgenden etwas ausführlicher wiedergegeben werden, denn er enthält in Inhalt und Form eine, wie ich finde, wohltuende, sanfte Alternative zu der in Russland herrschenden Hysterie. Vom Standpunkt der patriotisch gesinnten Öffentlichkeit war dieser Auftritt sogar noch provokanter als der von Latynina und anderen politischen Beobachtern, da Akunin die Kühnheit besaß, sich in seiner Heimat Russland eine eigene Version des Euromajdan zu wünschen. Die Überschrift lautete „Werden auch wir, Brüder, Herren im eigenen Land sein?“ – und zudem bediente sich Akunin in dieser Überschrift der ukrainischen Sprache, die in letzter Zeit wegen ihrer Nähe zum Russischen oft Gegenstand von Sticheleien ist.
Der Schriftsteller verzichtete auf alle historischen Analogien, er sprach einfach über seine persönlichen Gefühle und die sich daraus ergebenden Überlegungen. Den Anlass bot ein Konzert der ukrainischen Rock-Gruppe „Okean Elzy“, das Akunin kurz zuvor besucht hatte. Das Konzert fand in London, nicht in Kiew statt, aber der Saal war voll von Ukrainern, die sich in Volkstrachten und voller Begeisterung zu ihrer Nationalität bekannten. „Die Mädchen trugen auf den Köpfen Kränze à la Natalka Poltawka“, berichtet der Schriftsteller. (Natalka Poltawka ist die Heldin eines volkstümlichen ukrainischen Liebesdramas von Iwan Kotljarewskyj, s. dazu das oben wiedergegebene Foto aus einer Aufführung der Ukrainischen Staatsoper.) Fast alle rufen im Chor „Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!“ und schwenken gelb-blaue Fahnen. Und am Schluss singt der ganze Saal die ukrainische Nationalhymnne „Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben…“
Ich enthalte mich hier jeder Bewertung, die solche Bildern reflexartig bei diesen oder jenen Menschen auslösen. Wichtig ist hier nur, was sie bei dem Gast aus Russland bewirken. Und der empfindet, unerwartet für sich selbst, ein starkes Gefühl, das er als „heftigen Neid“ bezeichnet. So erging es ihm in der Kindheit, wenn er mit einer Erkältung zu Hause bleiben musste und dann aus dem Fenster beobachtete, wie die anderen draußen etwas unglaublich Interessantes spielten, und wie „klasse“ sie sich dabei fühlten. Danach folgt eine Übertragung dieser Allegorie auf die politische Situation. Ich gebe sie in den Worten Akunins wieder und bitte um Verzeihung für die Länge:


Traum von einem Nationalismus der Völker Russlands

Denn wenn bei uns eine Menschenmasse „Ruhm sei Russland!“ ruft und Fahnen schwenkt, ist es entweder eine staatlich-patriotische Aktion oder eine Zusammenrottung aggressiver Fremdenhasser. Und Landsleute, die Michalkows Nationalhymne vom „ewigen Bund brüderlicher Völker“ singen, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, da fehlt mir die Vorstellungskraft.
/…/
Die Altgedienten unserer Community erinnern sich wahrscheinlich, dass ich vor rund drei Jahren in der Ukraine war und dann hier im Blog schrieb, es komme meines Erachtens kein Land zustande; ich hatte nicht gespürt und nicht verstanden, was die Ukraine eigentlich ist. Ich habe alle Einheimischen gefragt. Keiner, selbst kluge Professoren aus Lwow, konnten mir eine Formel des „Ukrainertums“ erstellen.

Jetzt gibt es diese Formel. Mit bloßem Auge sichtbar. Sie heißt „nationale Wiedergeburt“. Und „Danke schön!“ sollten die Ukrainer wohl Janukowytsch und Putin sagen, da der erste den Majdan provoziert hat und der zweite den Ukrainern geholfen hat, sich zusammenzuschließen und zu einer Nation zu werden.
Nachdem ich meinen Neid ausgekostet hatte, erinnerte ich mich daran, wie wir im August 1991 ebenfalls mit russischen Fahnen herumgelaufen waren, und wie toll das war. Dann aber, sehr bald, haben wir es aufgegeben. Pfui! Offizieller Glanz und Spiegelfechterei!
Dann bewegten sich in meinem durch und durch liberal-kosmopolitischen Kopf reichlich unbequeme Gedanken, die schon nicht mehr mit der Ukraine zu tun haben.
Wissen Sie, ich habe den modernen Nationalismus stets für Barbarei gehalten, einen Anachronismus und, schlimmer noch, für Häresie. Allein das Wort schon wirkte auf mich wie ein Allergen. Dann aber habe ich eine Menschenmasse gesehen, die stolz auf ihre Nationalflagge ist, die die Nationalhymne nicht unter dem schwebenden Knüppel singt und die dabei niemanden verdammt oder hasst, sondern einfach sich freut - , und ich war voll Neid und Bitterkeit, dass dies unter den Realitäten Russlands nicht möglich ist.
Wird es aber ohne einen solchen Aufschwung und eine solche Geschlossenheit nichts Gutes in unserem Land geben?
Es ist klar, dass russischer, tatarischer, baschkirischer, dagestanischer und jeder andere ethnische Nationalismus nur zu Schlägerei und Unglück führen. Aber „russländischer“ Nationalismus? Einer, der die Ethnien Russlands nicht trennt, sondern sie zu einer gemeinschaftlichen Sache vereinigt, die für alle interessant und wichtig ist?
Ich will Sie fragen.
Was kann das für eine Sache sein? Haben Sie Ideen und Vorschläge?
(Nur keinen Krieg, bitte!)
Wie müsste ein Staat aussehen, damit ihn die Menschen als den ihren betrachten? Und zugleich frage ich Sie, wie Sie es mit der russischen Hymne halten.



Am Ende des Eintrags folgt eine von dem Schriftsteller organisierte Umfrage „Wie verhalten Sie sich zu unserer Nationalhymne?“ mit 4481 Teilnehmern und folgenden Resultaten. Für die Antwort „Ich liebe sie und singe sie“ stimmten 22%, für „Hymne ist Hymne. Alle singen sie, da kann ich auch mitsingen“ 20,6%, für „Eine schlechte Hymne, ich will eine andere“ 40,1%. Und auf die letzte, etwas hinterhältige Frage „Was für eine Hymne haben wir eigentlich, wie lauten die Worte?“ antworteten erfolgreich 17,4%.

Es ist nicht schwer, die Reaktionen derjenigen Leser auf diesen Auftritt vorauszusagen, die nicht zu den Gesinnungsgenossen Akunins gehören: Ein nationaler Aufschwung unter den Bedingungen in Russland nicht möglich? Der nationale Aufschwung hat doch gerade hier in Russland stattgefunden und nicht bei den Faschisten in Kiew! usw.
Nichtsdestoweniger handelt es sich hier um eine einzelne und nachdenkliche Stimme, die sich wohltuend von der vorherrschenden dröhnenden Propaganda abhebt. Als Beispiel führe ich nur den vielbeachteten Satz des Nachrichtenmoderators Dmitrij Kiselev im russischen Staatsfernsehen an: „Russland ist das einzige Land in der Welt, das fähig ist, die USA in radioaktiven Staub zu verwandeln“ (um richtig verstanden zu werden: Kiselev hat natürlich nicht zum Krieg gegen Amerika aufgerufen, es handelt sich sozusagen um eine mediale Vernichtung des Feindes).

Ich beglückwünsche Sie zum Anbruch des Neuen Jahres 2015, verehrte Besucher des Blogs „Der unbekannte Gorki“. Möge es Ihnen und uns allen Gesundheit, Glück und „Stabilität“ bringen – insbesondere in Bezug auf die Ökonomie und den Waffenstillstand in der Ukraine – hoffentlich nicht in Bezug auf die offizielle politische Rhetorik in Russland.

”Was wollt ihr eigentlich?” – Roman Sentschins Buch über die „Schneerevolution“ 2011-2012
Die übrigen Einträge des abgelaufenen Jahres auf diesem Blog haben alle einen Bezug auf die aktuelle Situation in Russland.
Boris Akunins Eintrag in livejournal ist auszugsweise in deutscher Übersetzung zusammen mit Beiträgen anderer Blogger zum „Jahrestag des Maidan“ enthalten in: Russland-Analysen Nr. 287, 5.12.2014. Dieser Informationsdienst kann kostenlos bestellt werden unter http://www.laender-analysen.de/russland/.

Kategorie: Russland und die Russen

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