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Im tiefsten Europa - Brief an den Präsidenten

Montag, 12. Januar 2015, 15:58:11 | Armin Knigge

Im tiefsten Europa - Brief an den Präsidenten

Sind wir nun Europa oder Asien? Zu diesem ewigen Thema der Selbsterforschung Russlands stelle ich Ihnen, verehrte Besucher des Blogs „Der unbekannte Gorki“, einen Beitrag aus der Zeitung „Moskovskij Komsomoljez“ (29.12.2014) in deutscher Übersetzung vor. Er ist Teil einer Serie von Aleksandr Minkin unter dem Titel „Briefe an den Präsidenten“. Ohne dass es dazu eines Kommentars bedürfte, liefert der Artikel den Beweis dafür, dass die Pressefreiheit in Russland nicht aufgehoben ist. Hoffen wir, dass sie wenigstens in den bestehenden Grenzen erhalten bleibt.

Herr Präsident, mit erschreckender Heftigkeit ist in den Jahren Ihrer Regierung der alte Streit entbrannt: Wer sind wir? Wo sind wir?
Sind wir Europa? Oder sind wir Asien? Manche reden von Eurasien, andere schimpfen: Asiopa.
Alle kleinen Jungen in unserem Land (und auch alle kleinen Mädchen) kennen den Reim auf „Europa“ [gemeint ist das russische Wort ‚zhopa’, ‚Hintern’]. Auch „Asiopa“ zielt in diese Richtung. Aber es ist an der Zeit, erwachsen zu werden, es geht um ein ernstes Problem.
Fragen Sie die Eurasisten in Ihrem Beraterstab (die nicht nur Sie, sondern das ganze Volk an der Nase herumführen wollen): „Nennen Sie mir mal zehn große europäische Schriftsteller“. Und jeder Ihrer Asiaeuropäer wird ohne nachzudenken sagen: Shakespeare, Molière, Cervantes, Flaubert, Goethe, Dante, Homer... Und zehn asiatische? Oder gab’s da keine großen?

Der von uns heute erlebte politische Moment des Übergangs ist äußerst interessant. Das ist einer von den Momenten einer allgemeinen Ermüdung, in denen in einer Gesellschaft (sogar in einer ganz von den Ideen der Unabhängigkeit und Freiheit durchdrungenen Gesellschaft) alle möglichen Erscheinungsformen des Despotismus möglich sind.
Viele befinden sich heute in einem Zustand der Erschöpfung. Von daher kommt die seltsame Angst vor allem, was sich vorwärts bewegt, vor allem, was sich rührt, was laut seine Meinung sagt und nachdenkt.
Diese Angst vor neuen Revolutionen benutzt die Regierung zu ihrem Vorteil. Sie hat sich zu einer kleinlichen Tyrannei entwickelt. Sie fügt sich und uns Schaden zu. Wenn sie annimmmt, dass nun in den Geistern Gleichgültigkeit gegenüber den Ideen der Freiheit herrscht, dann irrt sie sich. Es herrscht nur Erschöpfung. Eines Tages wird man von der Regierung entschieden Rechenschaft fordern über alle ungesetzlichen Handlungen, die sich in letzter Zeit gehäuft haben.
Was für eine gewaltige Strecke haben die Herrschenden uns zurücklegen lassen! Vor zwei Jahren konnte man sich noch Sorgen um die Aufrechterhaltung der Ordnung machen, jetzt müssen viele um die Aufrechterhaltung der Freiheit zittern.
Der Staat ist ins Wanken geraten, Gesetze verlieren ihre Gültigkeit, die politische Einigkeit ist von Intrigen zerrissen. Die Elite verwildert und degeniert, alle empfinden eine tödliche Schwäche – eine äußere ebenso wie eine innere. Die Hauptstützen des Staates sind zusammengebrochen – es gibt keine Polizei mehr, keine Finanzen, alle wissen, dass das Ende naht. Von daher entsteht in allen Herzen die Sehnsucht nach dem Vergangenen, die Furcht vor der Zukunft, das Misstrauen gegen alle und alles, Verzagtheit und Widerwille.
Da die Krankheit des Staates in seinem Haupt nistet, werden die dem Haupt nahen Menschen zuerst davon erfasst. Ein Teil der Elite, der weniger anständige und weniger edle, bleibt „bei Hofe“. Alles wird bald zusammenbrechen, die Zeit drängt, man muss sich beeilen, noch schnell reich werden, die Stunde nutzen. Alle denken nur an sich. Ohne jedes Mitgefühl für das Land bauen sie ihr persönliches Glück auf dem großen Unglück der Gesellschaft. Diese Menschen raffen alles an sich, dessen sie habhaft werden können – Orden, Titel, Ämter, Geld. Ihr Leben besteht nur aus Ruhmsucht und Gier. Unter äußerer Wohlanständigkeit verbergen sie Lasterhaftigkeit. Die Menschen werden grausam. Und wenn der Tag kommt, da er in Ungnade fällt, erwacht in dem Beamten etwas Monströses, er verwandelt sich in einen Dämon.
Der hoffnungslose Zustand des Staates drängt die andere, bessere Hälfte der Elite auf einen anderen Weg. Sie wird von Abscheu gegen alle öffentlichen Angelegenheiten erfasst, sie kann nicht helfen, denn es naht das Ende der Welt . Was kann man tun und lohnt es sich überhaupt noch, in Verzweiflung zu verfallen? Man muss sich vergessen, die Augen vor allem verschließen, Feste feiern, es sich gut gehen lassen. Wer weiß, ob man noch wenigstens ein Jahr vor sich hat.
Das Bild, das wir soeben flüchtig umrissen haben, findet sich in einem gewissen Moment in der Geschichte aller Monarchien, aber besonders klar kommt es am Ende des 17. Jahrhunderts in Spanien zum Vorschein…

Herr Präsident, wir bemühen uns hier nicht zum ersten Mal, Sie mit Zitaten aus der Klassik zu unterhalten. Aus der europäischen Klassik. Vom fünften Absatz dieses Briefes (beginnend mit „Der von uns heute erlebte politische Moment…“ bis „kommt es am Ende des 17. Jahrhunderts in Spanien zum Vorschein“) – alles, was Sie gelesen haben, hat Victor Hugo am Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben. Und Sie und wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts. Es sind gerade einmal zweihundert Jahre vergangen. Zu ändern brauchten wir nur ein Wort: „der Adel“ wurde durch „die Elite“ ersetzt.
Warum schreibt der Franzose Hugo im 19. Jahrhundert über Spanien im 17.? Unwichtig. Wir würden auch mit Vergnügen über altertümliche Geschichten schreiben und hätten damit keine Unannehmlichkeiten. Im Gegenteil: wir würden noch eine Auszeichnung dafür bekommen.
Die Hauptsache ist etwas anderes. Wenn Sie bei der Lektüre der Worte Hugos dachten, es gehe um das heutige Russland, - dann heißt das, dass wir uns unzweifelhaft in Europa befinden, im tiefsten Europa. Und da der beschriebene Weg, wie Sie sehen, schon erprobt und ausgetreten ist, so kann man hoffen, dass wir es schaffen werden, ihn bis zum Ende zu gehen. Bliebe nur die Frist festzulegen. Auf der Pressekonferenz vom 18. Dezember haben Sie das in glänzender Weise getan. Sie haben damit begonnen.


PUTIN: Die Wirtschaft wird wachsen. Unsere Wirtschaft wird aus der gegenwärtigen Situation herauskommen. Wieviel Zeit dazu gebraucht wird? Beim Zusammentreffen der ungünstigsten Bedingungen, denke ich, zwei Jahre. Danach ist das Wachstum unausweichlich.
Die Journalisten waren wie vor den Kopf geschlagen.
TERECHOW (Interfax): Ich würde es doch gern ein bisschen genauer wissen, Wladimir Wladimirowitsch. Nach der Situation im Land zu urteilen, haben wir es mit einer schweren Währungskrise zu tun, einer so schweren, dass man sogar in der Zentralbank sagt, sie hätten das in ihren schrecklichsten Träumen nicht vorausgesehen. Wie kommen Sie zu der Annahme, dass es nach den zwei Jahren, von denen Sie reden, besser wird?
PUTIN: Ich habe gesagt, dass beim Zusammentreffen der ungünstigsten Bedingungen der außenwirtschaftlichen Konjunktur eine solche Situation annähernd zwei Jahre dauern kann. Die Situation kann sich auch schon früher erholen. Sie kann sich im ersten, im zweiten Quartal, in der Mitte oder am Ende des nächsten Jahres erholen…

Bis zum „ersten Quartal“, Herr Präsident, schaffen wir es gerade, den Karpfen zu essen und die Neujahrstanne zu schmücken. Aber im Ernst, solche kurzfristigen Versprechen haben den Nachteil, dass die Menschen keine Zeit haben, sie zu vergessen.

Nikita Chruschtschow hat im Oktober 1961 feierlich versprochen, dass es „zum Ende des Jahres 1965 keine Steuern von der Bevölkerung mehr geben wird“ und dass wir 1980 den Aufbau des Kommunismus erfolgreich beenden werden. Die Straßen des Landes waren mit gewaltigen Transparenten geschmückt: DIE HEUTIGE GENERATION DER SOWJETMENSCHEN WIRD IM KOMMUNISMUS LEBEN!
Genau drei Jahre später, im Oktober 1964, wurde Nikita gestürzt. Im Herbst 1971 starb er, und im Jahre 1980 konnte er für die Abwesenheit des Kommunismus schon nicht mehr verantwortlich gemacht werden. Und die Abschaffung der Steuern vergaßen die Menschen, während sie in den Schlangen nach Wodka anstanden.
Statt im Kommunismus zu leben, war es unseren Generationen beschieden, das Leben im Banditismus zu genießen.
Nein, wesentlich besser ist es, eine Frist anzusetzen, die offensichtlich die Frist eines normalen Menschenlebens übersteigt.
Erinnern Sie sich an Tschechows „Drei Schwestern“? Dort versprach der Oberst Werschinin, dass „unser Leben in zwei- bis dreihundert Jahren wunderschön“ sein werde.
Von dieser Frist sind schon hundert Jahre vergangen. Sehr viel Zeit bleibt nicht mehr. Unsere Urenkel (wenn sie denn Tschechow lesen) werden erfahren, ob sich die Prophezeiung erfüllt hat.

Aleksandr Minkin

Den Originaltext finden Sie hier.

Kategorie: Russland und die Russen

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