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Kultur in Zeiten des Krieges - Zur Situation in Russland

Sonntag, 22. Februar 2015, 10:39:34 | Armin Knigge

Kultur in Zeiten des Krieges - Zur Situation in Russland

Reporter der "Komsomolskaja prawda" berichtet aus Donetzk, 11.02. 2015

„Werden Russland und Amerika in der Ukraine Krieg führen?“ – diese Frage, gestellt von dem politischen Beobachter Georgij Bowt in der gazeta.ru (9.02.2015), wäre vor etwas mehr als einem Jahr noch vollkommen absurd erschienen. Heute beschreibt sie eine der realen Möglichkeiten der politischen Entwicklung. Dass die Weltordnung aus den Fugen geraten ist, wird in aller Welt konstatiert - von den einen mit Sorge, auf der Gegenseite mit Triumphgefühlen. In Russland sind (vorläufig noch) beide Einstellungen dazu festzustellen. „Der Sieg des Mittelalters“ ist ein Artikel in derselben Zeitung (gazeta.ru, 5.02.2015) überschrieben. Der Autor Fjodor Lukjanow vertritt die Ansicht, das gegenwärtige Modell der internationalen Beziehungen bilde nicht so sehr Samuel Huntingtons „Zusammenstoß der Zivilisationen“ ab als vielmehr einen Zusammenstoß von Epochen und ihrer Wertvorstellungen. Im Nahen Osten, in der Ukraine und anderswo triumphiere der „Geist des Mittelalters“ mit seinen Kriegen und innerstaatlichen Konflikten, die von Hass und religiösem Fanatismus begleitet werden. Grundlegende Rechtsnormen wie die Souveränität eines jeden Staates in seinen Grenzen, die z.B. Kernstück des westfälischen Friedens von 1648 war, seien außer Kraft gesetzt. Die Menschheit habe sich nicht vorwärts, sondern rückwärts bewegt.
Die Minsker Vereinbahrungen vom 12.02.2015 scheinen dieser Feststellung zu widersprechen. Die Staatschefs der vier an den Verhandlungen beteiligten Mächte bekräftigen am Anfang der Erklärung „die vollständige Achtung der Souveränität und der territorialen Ganzheit der Ukraine“. Das ist zweifellos ein Grundsatz, der die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts begründet. Aber wie sieht es mit der Achtung der Souveränität der Ukraine wirklich aus, wenn im Komplex der Ausführungsmaßnahmen die Ukraine verpflichtet wird, bis Ende des Jahres eine neue Verfassung vorzulegen, in der eine „Dezentralisierung“ des Staates zugunsten der selbsternannten Republiken enthalten ist, und wenn die Erfüllung dieser Forderung die Voraussetzung dafür bildet, dass der ukrainische Staat die Kontrolle über seine Grenze zur Russischen Föderation ausüben darf. Bis dahin – also bis Jahresende – bleibt die Grenze offen, und die Zentralgewalt muss sich sogar verpflichten, die „grenzüberschreitende Zusammenarbeit“ der Donezker und Luhansker Gebiete mit Russland zu unterstützen. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass dies die Ergebnisse eines Machtpokers sind, den Russland gewonnen hat. Das wird auch durch die Tatsache bestätigt, dass der „Waffenstillstand“ mit der Eroberung einer weiteren ukrainischen Stadt durch die Separatisten begonnen hat.

Die Kommentare in den regierungsnahen Organen konstatieren mit unverhohlener Schadenfreude, dass die Majdan-Bewegung, ein Jahr nach ihrem Beginn in Kiew, ein unrühmliches Ende gefunden habe, den Menschen in der Ukraine habe sie nichts als Tod und Zerstörung gebracht. Die Warnung an die eigene Bevölkerung ist dabei nicht zu überhören, obgleich mit Widerstand in Russland kaum noch zu rechnen ist.
Trotzdem ist die allgemein zu beobachtende Erleichterung über diesen Ausgang verständlich und richtig. Selbst die „Novaja gazeta“, das führende Organ der Opposition, will die Erörterung der „Schattenseiten“ des Abkommens erst einmal zurückstellen, „wenn Stille einkehrt“, wenn die Menschen aus den Kellern herauskommen und den Kranken und Verletzten Hilfe zuteil wird.


„Eine Wanne voller Blut jeden Abend“

Von den erschreckenden Auswirkungen des Krieges auf die gesellschaftliche Atmosphäre in Russland ist auf diesem Blog im letzten Jahr ausführlich die Rede gewesen. Inzwischen sind solche Informationen – trotz aller Einwände der „Russland-Versteher“ – auch in unseren Medien angekommen. Als Beispiel empfehle ich einen Beitrag der NZZ vom 2.02.2015, dessen martialischer Titel „Eine Wanne voller Blut jeden Abend“ die Berichterstattung des russischen Staatsfernsehens durchaus zutreffend beschreibt. Die Autorin Anna Schor-Tschudnowskaja, Mitarbeiterin der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien, die ihr Material aus dem Briefwechsel mit vielen Freunden in Russland bezieht, stellt dazu fest: „Seit Russland einen hybriden Krieg gegen die Ukraine begonnen hat, regieren im Land die Macht der Lüge und die Ohnmacht des Faktischen. Gegen eine Hirnwäsche, die an übelste Sowjetzeiten erinnert, haben kritische Stimmen kaum ein Chance“. Im Umgang mit der Opposition kehrt der Begriff der „Feinde des Volkes“ in der Variante „Nationalverräter“ zurück. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die Gewalt als Mittel der Politik akzeptieren: „Noch nie war die Gewaltbereitschaft im postsowjetischen Russland so hoch wie jetzt“, stellt die Autorin fest.
Meine Ausflüge im russischen Internet bestätigen diesen Eindruck. Das heißt natürlich nicht, dass in Russland die Kriegstreiber die Oberhand gewinnen. Zum Selbstbild der Russen gehört noch immer die unbedingte Friedensliebe, zu einer gängigen Formel geprägt in einem Gedicht Jewgeni Jewtuschenkos, das zu einem populären sowjetischen Lied vertont wurde: „Wollen die Russen den Krieg?“ (Chotjat li russkie vojny?) Ein Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine wird zwar nach wie vor von einer Mehrheit abgelehnt, aber die Zahl derer, die einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine als einen schon im Gang befindlichen Bürgerkrieg akzeptieren oder ihn mit großer Wahrscheinlichkeit erwarten, ist in den Umfragen der letzten Monate deutlich gestiegen. Diese schleichende Gewaltbereitschaft steht nicht im Widerspruch zu dem in den Umfragen dominierenden Wunsch nach „Stabilität“. Gewalt erscheint gerechtfertigt, wo es um die Wiederherstellung der „Ordnung“ im Lande oder in einem „übergeschnappten Territorium“ (ein Blogger) geht, um den Kampf gegen Unruhestifter aller Art.


Militarisierung der Massenmedien

Auffallend ist die wachsende Präsenz von Themen, die mit Krieg und Waffen zu tun haben, man kann von einer Militarisierung der Massenmedien sprechen. Eine symbolische Verdichtung dieser Erscheinung sind die Köpfe der Kriegsbericherstatter Steschin und Kots, die regelmäßig unter Stahlhelmen in der „Komsomolskaja prawda“ erscheinen. Das Foto in diesem Eintrag zeigt Aleksandr Kots, der Titel ist einem Telefonbericht für Radio „Komsomolskaja prawda“ vom 11.02.2015 entnommen. Von der Moderatorin gefragt, wie lange sich die ukrainische Armee in dem Kessel von Debalzewe noch halten könnte, zitiert der Reporter u.a. den Witz, der auch im Internet verbreitet ist: „Das ist ukrainischer Volkssport – in Kessel geraten“. Auf diese Art der Berichterstattung bezog sich eine Stellungnahme der bekannten Fernsehmoderatorin und politischen Journalistin Ksenija Sobtschak (Tochter des bekannten früheren Bürgermeisters von Petersburg Anatolij Sobtschak). In dem Sender NTV erklärte Sobtschak, sie habe kein Vertrauen zu den Korrespondenten der „Komsomolka“, sie berichteten voreingenomen und manipulierten Fakten. Die Antwort war eine Flut von beleidigenden Ausfällen gegen die „Skandal-Journalistin“ und „Provokateurin“ Sobtschak. Dabei ist die Parteilichkeit der Journalisten schon an ihrem martialischen Aufzug abzulesen, und vertrauen kann ihnen nur, wer ihre Meinung teilt.
Es sind aber nicht nur Meinungsäußerungen dieser oder jener Art, die eine propagandistische Funktion erfüllen. Schon allein die Masse der Fotos mit Verletzten und Toten, zerstörten Häusern, Waffen, Panzern, Soldaten in Tarnanzügen usw. erzeugen auch fern von den betroffenen Gebieten den Eindruck der Allgegenwärtigkeit des Krieges und seiner Unvermeidlichkeit. Auch Berichte über neue Waffensysteme, z.B. die Verfeinerung der Atomwaffen („Vom Atomknüppel zum Atomskalpell“, Lenta.ru, 9.02.2015), Manöverberichte u.ä. gehören zum Repertoir der Kriegspropaganda.
Diese mediale Militarisierung versetzt die Bevölkerung, besonders die ältere Generation, in eine Stimmungslage, die ihnen aus der Sowjetzeit vertraut ist: wir sind von Feinden umgeben, wir müssen die Heimat verteidigen, zu Opfern bereit sein. Europa und Amerika erscheinen in diesem Denksystem nicht nur als potentielle militärische Gegner, sondern als Ursprung einer demokratisch-kapitalistischen Lebensordnung, die der Mehrheit in Russland (jedenfall außerhalb der Großstädte) fremd und feindlich geblieben ist. Diese Gemütsverfassung hat der Politologe Georgij Bowt in dem Artikel „Der Eiserne Vorhang in den Köpfen“ überzeugend analysiert (Übersetzung auf diesem Blog, Link am Schluss des Eintrags).


Verklärung der Sowjetzeit und Führerkult

Die schwindende kritische Distanz zur sowjetischen Periode der Geschichte, die bis zur hymnischen Verklärung des untergegangenen Imperiums reicht, ist besonders auf dem Buchmarkt zu beobachten. Die Regel, dass Buchpublikationen sich von den politischen Auseinandersetzungen fernhalten und solidere Analysen als die Tagespresse liefern, erscheint weitgehend außer Kraft gesetzt. Einige aktuelle Buchtitel wie „Das Imperium des Guten“ oder „Die UdSSR – das verlorene Paradies“ sind in früheren Einträgen auf diesem Blog erwähnt worden. Hinzu kommen zahlreiche Beiträge zu einem erneuerten Führerkult, von dem nicht nur die Romanovs, sondern vor allem Stalin profitieren. Als Beispiel sei hier die populärhistorische Abhandlung „Selektion eines Führers“ von Nikolaj Schachmagonow genannt, erschienen 2015 im Verlag „Osoznanie“ (Erkenntnis), einer Einrichtung des Außenministeriums (MID). In der Annotation heißt es, das Buch sei Stalin gewidmet, „der von den Feinden Russlands eben deshalb so sehr gehasst wird, weil er mehr als einmal unsere Heimat vor dem unausweichlichen Untergang gerettet hat“. Damit stehe Stalin in der Reihe der großen russischen Herrscher, der Großfürsten, Zaren und Imperatoren Russlands. Das Buch soll den Leser mit dem wahren Verlauf der russischen Geschichte bekannt machen, „nicht verfälscht von gayropäischen [sic, gejropejskimi], liberastischen Erfindungen“. Die Vulgarität der Sprache zielt offenkundig auf einen ungebildeten Leser, man könnte sagen, auf einen Halbwüchsigen, der Ziele für seine aggressiven Gefühle sucht. Auch diese Infantilisierung des Staatsbürgers gehörte zur Kultur der sowjetischen Periode, die nun mit aktualisierten Feindbildern zurückkehrt.


Die Leibeigenschaft als hohes Gut?

Es fehlt auch nicht an (pseudo)philosophischen Begründungen für dieses Menschenbild. Es wird mit dem Begriff der sobornost’, der kirchlich-religiösen Gemeinschaft der Gläubigen, oder mit dem mehr säkularen Begriff des Kollektivismus in Verbindung gebracht, der dem Russentum angeblich eigen sei. Zu diesem Thema fand eine Publikation in dem denkwürdigen Jahr 2014 viel Beachtung, die mit der Ukraine-Krise nur indirekt zu tun hat. Der Präsident des Verfassungsgerichts der Russischen Föderation Walerij Sorkin, ein angesehener Rechtsgelehrter, veröffentlichte in der Zeitung „Vedomosti“ (30.09.2014) eine Abhandlung über die Geschichte des Rechts und insbesondere der Rechtsreformen in Russland, die nach Meinung des Verfassers in ihrem Ergebnis falsch waren. Zu ihnen gehört als wichtigste die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861. Mit ihr, so argumentiert Sorkin, wurde die „obstschina“, die kollektive Organisation des Eigentums und der Arbeit der Bauern, und damit „die wichtigste Klammer der nationalen Einheit“ beseitigt. In der Folge entstand eine wilde, bindungslose Masse, die ihre Unzufriedenheit gegen die Monarchie richtete und sie schließlich im Jahre 1917 zu Fall brachte. Bei dieser mit viel Material erarbeiteten These handelte es sich wohl um nicht mehr als den eigenwilligen Versuch eines Juristen, auf dem Feld der nationalen Geschichtsforschung Eindruck zu machen. Aber in der gegebenen Situation traf diese These genau in die Kerbe des neuen Nationalismus mit seinen antiwestlichen und antidemokratischen Tendenzen. Liberale Kritiker konstatierten mit Entsetzen, hier werde der Versuch gemacht, die Sklaverei zur Haupteigenschaft des russischen Nationalcharakters und zugleich zur Grundlage der neuen Staatlichkeit zu machen. Das war zweifellos eine übertriebene Reaktion, aber die Position des Urhebers der These an der Spitze des Verfassungsgerichts rechtfertigte jedenfalls Zweifel an seiner Gesinnung und ebenso am Wesen des Staates, den er vertritt.


Kult um Wladimir Putin

In der Reihe der verehrten Herrscher in der russischen Geschichte hat auch der lebende amtierende Präsident seinen Platz gefunden. „Von Nikolaj I. bis zu Putin“ lautet der Untertitel einer Geschichte der „Russischen Idee“ von Aleksander Janow, deren zweiter Teil 2014 erschienen ist. Während es sich hier um ein wissenschaftliches Werk mit einer kritischen Einstellung zum russischen Nationalismus handelt, sind viele andere Bücher der letzten Jahre der Flut der Propagandaliteratur zuzurechnen, zum Beispiel der 2014 erschienene Band „Putin. Der Schlussstein der russischen Staatlichkeit“ (ohne Autor). In direktem Gegensatz zu seinem Inhalt erklärt der Verlag in seiner Annotation: „Dieses Buch ist keine Lobeshymne auf Putin, keine Apologie. Es ist der Versuch einer Forschungsarbeit, die zeigen soll, wie unser Land aus der Asche der ‚Perestrojka’ und der ‚Marktreformen’ wiedererstanden ist, welche Energien der russischen Zivilisation der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft sich heute in der Persönlichkeit des amtierenden Präsidenten fokussieren, warum gerade Vladimir Putin zum Schlussstein der vaterländischen Staatlichkeit geworden ist“.

Korrekterweise muss hier daran erinnert werden, dass die heutige russische Öffentlichkeit nicht ausschließlich von Publikationen dieses Genres bestimmt wird. Ein Gegenstück zu dem zitierten Werk bildet z.B. die ebenfalls 2014 erschienen Monographie „Die neue nationale Idee Putins“, in der der Soziologe Igor’ Ejgman in aller Deutlichkeit darlegt, wie sich das politische Sytem in den letzten zwei Jahren verändert hat. Putins „Autokratie“ habe kein einziges der drängenden Probleme Russlands gelöst. „Chauvinismus und höchst gefährliche Kriegsspiele“ bilden das Fundament seiner neuen nationalen Ideologie, erklärt der Autor.
Unter den Gegenstimmen sind auch die wissenschaftlichen Publikationen aus dem Verlag Nowoje literaturnoe obozrenie (Neue literarische Rundschau) zu nennen, einem international renommierten Projekt der Leiterin Irina Prochorowa, einer prominenten Persönlichkeit der liberalen Szene. Gerade erschienen ist ein Band mit Beiträgen zu einem internationalen Symposium im Jahr 2013: „Wege Russlands. Alternativen der gesellschaftlichen Entwicklung“.
Die russische Kultur ist gespalten, wobei der demokratisch und westlich orientierte Teil immer mehr an Bedeutung verliert. Kritische Publikationen bleiben auf das meist akademische Umfeld ihrer Entstehung beschränkt und haben kaum noch Einfluss auf die öffentliche Meinung. Dass sie immer noch erscheinen dürfen, hat sicher auch mit dem Bemühen des Staates zu tun, nach außen eine demokratische Fassade aufrecht zu erhalten.


Putins Präsentation der Macht

Ob und in welchem Sinne Vladimir Putin als eine bedeutende historische Persönlichkeit gelten darf, wird wohl noch lange eine Streitfrage bleiben. Man kann aber mit Gewissheit sagen, dass in seiner Person, seiner Herkunft und seinen Vorstellungen die Hoffnungen einer breiten Mehrheit in Russland zusammentreffen: vor allem der Wunsch nach einer Herrscherpersönlichkeit, die die Reihe der mächtigsten Großfürsten, Zaren, Revolutionsführer und Generalsekretäre fortsetzt. Dass er diesen Auftrag zu seiner persönlichen Sache gemacht hat, ist an seinem Auftreten und den Formen der öffentlichen Präsentation seiner Macht abzulesen. Dabei verbinden sich Rituale der Monarchie mit denen der Sowjetmacht, z.B. bei der Zeremonie der Ordensverleihung an verdiente Staatsbürger im Kreml. Zuletzt erhielten dort am 22. Dezember 2014 aus seiner Hand 48 Vertreter der Kultur und der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Arbeiter und der Sicherheitskräfte (so die Reihenfolge und Benennung der sozialen Gruppen in dem Bericht des „Moskowskij komsomolets“, 23.12.2014). In den Namen der Auszeichnungen sind Monarchie und Sowjetmacht zu einer nationalen Einheit verschmolzen: „Held Russlands“ „Für Verdienste vor dem Vaterland“, Orden der „Ehre“ und der „Völkerfreundschaft“ sowie ein Orden mit dem Namen Alexander Newskis, des Bezwingers der Ritter des Deutschen Ordens auf dem Eis des Peipussees 1242.
In der abschließenden Rede des Präsidenten überwogen allerdings deutlich die sowjetischen Töne: „Unsere Traktoristen sind Künstlern ähnlich, und die Künstler den Soldaten, und diese sind Helden ähnlich, mehr als das, sie sind es wirklich. Unser Land aber hat mit nichts anderem Ähnlichkeit, es ist einmalig!“
(Mit Bedauern muss ich hier anmerken, dass der Patron dieses Blogs Maksim Gorki eine nicht unwesentliche Quelle dieser Art von Sowjetkitsch gewesen ist. Ich bin trotzdem der Meinung, dass diese Sprache bei Gorki andere Inhalte zum Ausdruck bringt.)


„Antisowjetismus ist Russophobie“

Der synthetische Charakter der neuen nationalen Ideologie bringt oft überraschende Paradoxien hervor, die sich die scharfzüngigen Satiriker aus dem liberalen Lager nicht entgehen lassen. Der Dichter Lew Rubinstein macht sich in „Grani.ru“ (11.02.2015) über den „Hauptkommunisten des Landes“ Gennadi Sjuganow lustig, der öffentlich erkärt hatte: „Antisowjetismus ist eine Form der Russophobie, und wer gegen die sowjetische Geschichte kämpft, ist offenkundig ein Feind Russlands“. Er sehe da eher einen Kampf mit der Logik, meint Rubinstein, denn in dieser Sicht werden Gegner der Kommunisten, unbestreitbare „Antisowjetschiki“, wie die weiße Armee im Bürgerkrieg zu Feinden der Russen und Russlands erklärt, während sie doch leidenschaftliche russische Patrioten waren. Auch Rubinstein selbst sieht sich in dieser paradoxen Beleuchtung: ein bekennender Anhänger des Antisowjetismus, der jedoch den Begriff „Russenfresser“, den er eher für eine Verschwörungstheorie hält, in keiner Weise auf sich beziehen kann. In dem Beitrag „Der Russophob Solschenizyn“ hat Rubinstein den Verfasser des „Archipel Gulag“, eine hochverehrte Stütze des postsowjetischen Regimes, als eine ebenso paradoxe Konstruktion beschrieben.


Ein Hit im Internet: „Mein Putin“

Nicht wenig Material für eine satirische Verarbeitung liefern auch Auftritte von ernsthaften Putin-Verehrern, jenen „85 Prozent“, die als feste statistische Größe seit mehr als einem Jahr in der öffentlichen Debatte (auch im Westen) etabliert sind. Einer dieser Auftritte, der an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist, gehört der Sängerin Maschani aus Novosibirsk und hat unter dem Titel „Mein Putin (Russland – Ukraine)“ einen sagenhaften Erfolg im russischen Netz erzielt. Binnen drei Tagen nach seinem Erscheinen am 1. Februar erreichte der „Klip o Putine“ 1,5 Millionen Aufrufe auf YouTube. Maschani wandert in einem Kleid, das sich aus den Nationalfarben Weiß-Blau-Rot zusammensetzt, über ein Feld, begleitet von einem Motorradfahrer, dessen Gesicht unsichtbar bleibt. Dabei singt sie ein Lied, das hauptsächlich aus einer endlos wiederholten Liebeserklärung besteht „Du bist Putin, mein lieber Putin, /Nimm mich mit dir/ Ich will mit dir sein…“ Dazwischen gibt es aber auch handfeste politische Parolen: „Den Rauch durchdringend, wirfst du den Fehdehandschuh, bringst die Krim zurück, und mit ihr, befreit von allen Fesseln, lässt du die (Sowjet-)Union wiedererstehen…“ Währenddessen irrt dieselbe Maschani, gekleidet in die ukrainischen Nationalfarben Blau-Gelb, durch ein turmartiges Gefängnis, auf der Suche nach einem Ausgang. Am Ende findet sie ihn, während ihre russische Schwester von dem Motorradfahrer entführt wird. (Link am Ende des Eintrags).
Wir sind mit diesem Beispiel in den untersten Etagen der gegenwärtigen Kultur in Russland angekommen, und es wäre natürlich ungerecht, solche Produktionen als repräsentativ für den gegenwärtigen Zustand des Geisteslebens im Lande anzusehen. Es ist aber unbestreitbar, dass solche Beispiele in vergröberter Form ein allgemeines Merkmal der Kultur in Zeiten des Krieges abbilden: die Tendenz zum Gleichschritt, zur Unterdrückung Andersdenkender und zu Lüge und Demagogie. Darin unterscheidet sich die „friedliche“ Begeisterung für den Herrscher nicht von der Kriegspropaganda.


Die russische Literatur ist am Leben

Wenn es um die Kultur in Zeiten des Krieges geht, muss die Frage nach der Literatur, d.h. nach der mit einer großen Tradition beladenen russischen Literatur von heute gestellt werden. In Russland hört man oft: die russische Literatur gibt sie nicht mehr, sie ist nur noch eine Einnerung an einstige Größe. In der Tat gibt es gegenwärtig keinen lebenden Schriftsteller, dessen Bedeutung sich mit der Solschenizyns, Pasternaks oder Majakowskis vergleichen ließe, von Tolstoj, Tschechow und Gorki zu schweigen. Aber das ist noch kein Beweis für einen kulturellen Niedergang. Es gibt heute in Russland eine große Zahl interessanter Schriftstellerpersönlichkeiten, die der Literatur ihren angestammten Platz als Organ der gesellschaftlichen Selbstreflexion ohne staatliche Gängelung, also im Prinzip einen Status wie im vorrevolutionären Russland, zurückerobert haben. Mit dem Ende der Sowjetunion drohte der russischen Literatur ein katastrophaler Absturz. Sie verlor ihren privilegierten Platz im Rahmen der Staatskultur, die Schriftsteller waren nicht länger mit materiellen Gütern gesegnet, ihr Berufsstand garantierte ihnen nicht mehr für sich allein gesellschaftliches Ansehen. Stattdessen mussten sie sich – jeder auf sich allein gestellt – auf dem kapitalistischen Buchmarkt behaupten, der von einer Massenproduktion ausländischer Trivialliteratur (aber auch ausländischer Klassiker) überschwemmt wurde und seine traditionelle Leserschaft zudem an periodische Unterhaltungsmedien zu verlieren drohte. Zwei Auswege boten sich hier an: der Schriftsteller konnte versuchen, sich die Gunst der neuen Macht zu erschreiben oder sich dem Massengeschmack auf dem Buchmarkt anzupassen. Beide Wege sind erwartungsgemäß von vielen Mitgliedern des sowjetischen Schriftstellerverbandes beschritten worden, aber nicht in einem solchen Maße, dass die Literatur ihre gesellschaftliche Bedeutung verloren hätte. Die Einstellung der Schriftsteller zur Regierung ist in aller Regel kritisch bis radikal ablehnend, die regierende Macht hat nach meinem Eindruck nur wenige Unterstützer. Allerdings gibt es auch bei den Schriftstellern eine Spaltung in eine „patriotische“ und eine „liberale“ Grundeinstellung, die sich politisch sehr verschieden ausprägen kann. Streitgespräche zu solchen Themen nehmen in diesem Bereich nur selten die aggressiven Formen an, die in der politischen Publizistik vorherrschen. Ein Beispiel dafür bietet Sachar Prilepin, der einerseits gegen die Liberalen und die neue Mittelklasse polemisiert, andererseits aber mit seinem Roman „Das Kloster“ (Obitel’) über das Straflager Solowki im letzten Jahr eine interessante Debatte über die Bedeutunng der sowjetischen Kultur ausgelöst hat. Das nationale Schicksal ist, wie schon immer in Russland, das Hauptthema der erzählenden Prosa, jetzt vor allem die sowjetische Vergangenheit, die wie ein unbewältigter Albtraum auf der russischen Gesellschaft lastet. Sie wird in grotesken Formen wie bei Wladimir Sorokin, in phantastischen Allegorien wie bei Viktor Pelewin oder in Konstruktionen alternativer Geschichtsverläufe wie bei Olga Slawnikowa oder Dmitri Bykow thematisiert. Es gibt auch „einfache“, realistische Schilderer der sowjetischen Vergangenheit und der Gegenwart wie Julija Ulitzkaja oder Roman Sentschin, der auf diesem Blog schon mehrfach zu Wort gekommen ist.


Kommt eine neue „Verstaatlichung“ der Literatur?

Die Putin-Regierung hat die Schriftsteller im allgemeinen in Ruhe gelassen, solange sie nicht unmittelbar politische Aktivitäten entfaltet haben. Seit den Massenkundgebungen der Opposition 2011-2013, an denen Schriftsteller wie Boris Akunin und Dmitrij Bykow führend beteiligt waren, und den Protesten gegen die Krim-Annexion hat sich das geändert. Ein Beispiel dafür bietet die Behandlung Ljumila Ulitzkajas, die für ihren im Westen veröffentlichten Essay „Abschied von Europa“ in der Regierungszeitung „Rossijskaja gazeta“ mit einer scharfen, sie persönlich herabsetzenden Rüge bestraft wurde. Sie wurde unverblümt aufgefordert, auf den Gebrauch der russischen Sprache zu verzichten und das Land zu verlassen (dazu der Eintrag „Kultur gegen Krieg und Politik (II)“).

Es gibt Anzeichen dafür, dass die Regierung die Literaturproduktion wieder fester in die Hand nehmen will. Eines davon ist die Ausrufung des Jahres 2015 zum „Jahr der Literatur“. Eine der Vorbereitung dieses Ereignisses gewidmete Sitzung im Kreml mit verschiedenen staatlichen Kulturgremien unter Vorsitz des Präsidenten Putin am 26. Dezember 2014 zeigte deutlich, welche Ziele mit dieser Ehrung der Schriftsteller und der Literatur verfolgt werden sollen. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Gennadi Sjuganow forderte nicht nur eine 100-bändige Sammlung der russischen Klassiker für die notleidenden Bibliotheken des Landes, sondern auch neue Ausgaben der sowjetischen Schriftsteller Bondarenko, Rasputin, Aleksejew und Isajew, deren Werke „eine ganze Generation von Helden, Patrioten und unermüdlichen Arbeitern“ erzogen hätten. Bei dieser Gelegenheit äußerte er auch seine Ansicht über die in den nächsten Jahren anstehenden Schriftsteller-Jubiläen. Den hundertsten Geburtstag Solschenizyns im Jahr 2018 erkannte er als ein feierwürdiges Jubiläum an, gab aber zu verstehen, dass ihm der Klassiker Turgenjew mit seinem im selben Jahr anstehenden 200. Geburtstag lieber wäre als der Autor des „Archipel Gulag“. (Dass 2018 auch der 150. Geburtstag Maksim Gorkis gefeiert werden könnte, kam offenbar nicht zur Sprache.) In dem Bericht der „Rossijskaja gazeta“ (28.12.2014) über die Sitzung erhob der Verfasser Pawel Basinskij - überraschend bei einem Kulturredakteur der Regierungszeitung - Einspruch gegen die allzu deutliche prosowjetische Tendenz in dem Auftritt des Kommunistenführers. Er wies darauf hin, dass auch Dissidenten wie Aksjonow oder Wojnowitsch ihren Platz in der russischen Literatur verdient hätten und dass der Klassiker Turgenjew „durch und durch ein Europäer“ gewesen sei, was mancher heute vielleicht anstößig finden könnte. Ein Streit um den Rang von Jubiläen widerspreche dem Wesen der russischen Literatur, erklärte Basinskij, ihr Reichtum bestehe gerade in der Vielfalt und Gegensätzlichkeit der Positionen. „Keine homogene Kultur“ lautet die Überschrift des Berichts, die vielen Teilnehmern der Sitzung sicher nicht gefallen hat.


Hundert Jubiläen und „ein stilles, sanftes Sausen“

Das aufwändige Programm des Literaturjahres 2015 sieht eine Vielzahl von Veranstaltungen vor, darunter ca. hundert Jubiläen internationaler und russischer Schriftsteller, einen „Tag des slavischen Schrifttums“ und einen „Tag der russischen Sprache“ (Erlass des Präsidenten aus dem Jahr 2011). Welche Schwierigkeiten sich bei der Ausgestaltung dieses Programms ergeben könnten, zeigt die Liste der beteiligten Organisationen: Es gibt einen „Sojuz rossijskich pisatelej“ und einen „Sojuz pisatelej Rossii“, ersterer stellt die politisch neutrale Nachfolgeorganisation des sowjetischen Schriftstellerverbands dar, der andere versammelt die Schriftsteller, die sich zu den Werten des Patriotismus und der Orthodoxen Kirche bekennen. Daneben bestehen zahlreiche weitere Vereinigungen mit spezifischen Aufgaben und regionalem Bezug. Aus Vertretern verschiedener Organisationen setzt sich die in diesem Jahr gegründete, augenscheinlich regierungsnahe „Literaturnaja palata“ zusammen, eine Art runder Tisch, der sich mit der „Rettung“ der einstigen sowjetischen Verlage und anderer Einrichtungen der staatlichen Literaturverwaltung befassen soll, die in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt worden sind. Von der Zensur ist nicht die Rede, aber Befürchtungen in dieser Richtung sind heute nicht mehr abwegig..
Die Literatur wird trotzdem weiter bestehen, sie zeigt sich immer wieder erstaunlich resistent gegen die lautstarke Propaganda. Dmitrij Bykow hat für diesen „leisen“ Widerstand ein schönes Bild im Alten Testament gefunden (Erstes Buch der Könige. 19,11-12). Der Prophet Elia vernimmt die Stimme des Herrn nicht in dem starken Wind, der seinem Erscheinen vorausgeht, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern in dem, was danach kommt: „ein stilles, sanftes Sausen“.




Der Eiserne Vorhang in den Köpfen – in Russland droht ein neuer Isolationismus
Kultur gegen Krieg und Politik – Ein Bekenntnis Maxim Gorkis (1923)
Kultur gegen Krieg und Politik (II) – Ljumila Ulitzkaja: „Leb wohl, Europa!“ (2014)
Klip-o-Putine

Kategorie: Russland und die Russen

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