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Boris Nemzow - das andere Russland

Mittwoch, 18. März 2015, 09:50:20 | Armin Knigge

Boris Nemzow - das andere Russland

In russischer Sprache hier.

Boris Nemzow (1959-2015) war als Politiker und als Mensch der verkörperte Gegensatz zu dem amtierenden Präsidenten. Er war der Führer der Protestbewegung gegen den Krieg in der Ukraine und gegen die geopolitischen Ambitionen der Putin-Regierung. Er kämpfte für eine Wende von der dominierenden Außenpolitik zu einer Politik der inneren Reformen und der sozialen Gerechtigkeit. Er war ein entschiedener Gegner der immer deutlicher werdenden Wiederbelebung der Sowjetunion, ihrer politischen Strukturen und ihrer Kultur. Sein Ziel war ein modernes Russland im Kreis der demokratischen Staaten Europas und der Welt. Auch als Persönlichkeit erschien Nemzow als Kontrastfigur zu Wladimir Putin. Während dieser in seinem Selbstverständnis und in der staatlichen Propaganda immer mehr den Generalsekretären der Partei und den Zaren des russischen Imperiums gleicht, lebt Nemzow in der Erinnerung seiner Mitstreiter, und nicht allein dort, als ein Mensch, der den Kampfgeist eines professionellen Politikers besaß, zugleich aber als ein gänzlich unautoritärer Charakter erschien, der den Freuden des Lebens zugewandt war. In den Erinnerungen an ihn ist oft von der „Leichtigkeit“ seines Wesens die Rede. Dies und die Tatsache, dass er sich nicht bereichert hat, obwohl er als eine der führenden Gestalten der Perestroika die Möglichkeit dazu hatte, wird ihn vielleicht einmal zu einer verehrungswürdigen Symbolfigur der postsowjetischen Epoche machen. Das wäre dann eine gewisse Kompensation dafür, dass er zu Lebzeiten nie zu einer ernsthaften Bedrohung für den amtierenden Präsidenten geworden ist.


Ein Opfer der Atmosphäre des Hasses

Die in ihrer Offenheit und Dreistigkeit beispiellose Ermordung Boris Nemzows stellte nach dem Hoffnungsschimmer der Minsker Verhandlungen eine Rückkehr zu den Grausamkeiten des Krieges auf allen Ebenen dar. Die Reaktionen zeigten von neuem die Spaltung der Gesellschaft. Während die Opposition eine „Anstiftung zum Mord“ von seiten der Regierung konstatierte, sprachen die Vertreter der Macht sofort von dem „ausschließlich provokativen Charakter“ des Verbrechens: „Sie haben auf Nemzow geschossen, aber auf Putin gezielt“.
Letztere Position spricht gegen alle Wahrscheinlichkeit, aber das stört ihre Verfechter nicht. In der „Komsomolskaja prawda“, dem Flaggschiff der Regierungspropaganda, benannte der bekannte Kommentator W. Baranets am Tag danach „vier dunkle Mächte“, die für die „Bestellung“ der Tat in Frage kämen: „die Bastarde aus der Führung der sogenannten Opposition, die Kiewer Chunta, unsere hausgemachten und die ukrainischen Oligarchen sowie die Spezialdienste der USA“. Bald darauf wurden Täter gefasst, die angeblich Sondereinheiten der tschetschenischen Armee angehören und gemeinsam mit Angehörigen ukrainischer Sicherheitskräfte dem Ansehen Putins schaden wollten. In nächster Zeit ist erfahrungsgemäß mit einem ganzen Strom solcher oft ans Absurde grenzenden Nachrichten zu rechnen. Dagegen kann es kaum einen Zweifel daran geben, dass die Situation in Russland eine solche Tat begünstigt hat.
„Die Ermordung Nemzows hat sich unter den Bedingungen einer beispiellosen Hasskampagne in Russland ereignet“, schreibt A. Makarkin in dem oppositionellen „Tagesjournal“ (ezhednevnyj zhurnal; 1.03.2015). „Von den Bildschirmen des Staatsfernsehens hat man den Menschen Tag für Tag erklärt, dass im Land eine fünfte Kolonne am Werk ist und ausländische Agenten die nationale Sicherheit untergraben“. In dieser Atmosphäre der belagerten Festung wird jeder Kritiker der Regierung zum „Nationalverräter“ gemacht. Der Verfasser des Artikels spricht von einem „Virus des Hasses“, das die Gesellschaft infiziert hat. I. Milstein vertritt in dem offiziell blockierten Portal grani.ru (28.02.1015) die Ansicht, dass die gesamte Regierungszeit Putins durch das Prinzip des Hasses gekennzeichnet gewesen sei, eine geschickte Lenkung aggressiver Gefühle auf bestimmte Personen, soziale Gruppen und Völker, - „zuerst auf die Tschetschenen, dann die Oligarchen mit ihren Fernsehsendern, später die Georgier, jetzt die Ukrainer, die Europäer und die Anerikaner, und immer auch auf die Andersdenkenden“.

Boris Nemzow – einige Züge seiner Biographie

Für die Besucher des Blogs „Der unbekannte Gorki“ ist es vielleicht nicht uninteressant, dass Nemzow der Heimatstadt des Schriftstellers Nizhni Nowgorod (1932 bis 1990 Gorki) entstammte. Geboren 1959 in Sotschi, lebte er von 1967 an in Gorki, wo er 1981 sein Studium an der radiophysikalischen Fakultät der Staatlichen Lobatschewski-Universität abschloss. Seine ersten politischen Sporen hat sich Nemcov in der Antiatomkraft-Bewegung verdient, er nahm aktiv an dem Kampf gegen den Bau des Atomkraftwerks in der Oblast Gorki teil (es soll demnächst ans Netz gehen). 1990 bis 1993 war Nemcov Volksdeputierter der Russischen Sowjetrepublik (RSFSR). Während der Präsidentschaftswahlen 1993 diente er Boris Jelzin als offizielle Vertrauensperson in Nizhni und wurde mit dessen Unterstützung Gouverneur der Oblast (wiedergewählt 1993). In den Erinnerungen der Menschen seiner Umgebung ist Nemzows Tätigkeit als Gouverneur eine Erfolgsgeschichte: „Nizhni war damals eine führende Region, wir hatten das Gefühl, dass wir in diesem Kessel das neue Russland brauen“ (N. Zwerewa). In dieser Zeit lernte Nemzow Jegor Gaidar und Anatoli Tschubais kennen und machte sich mit ihnen an den Umbau der Wirtschaft, zunächst mit Pilotprojekten in Nizhni zur Privatisierung u.a. Maßnahmen. Nemzow war ein enthusiastischer Anhänger der Marktwirtschaft, was ihm in seiner weiteren Karriere sehr geschadet hat. Heute werden die Namen der Perestroika-Aktivisten als Synonyme für eine verbrecherische Politik des Ausverkaufs der Sowjetunion gehandelt und die Unterscheidung von guten Absichten und wirklichen Fehlern interessiert niemanden mehr. Tatsächlich haben die Menschen in den 90er Jahren neben mancherlei Errungenschaften Arbeitslosigkeit und Hunger erlebt. Nemzow hat diese Entwicklungen keineswegs übersehen und sich zunehmend für eine neue Sozialpolitik eingesetzt, aber das hat ihn nicht davor bewahrt, dass viele ihn als Mitverantwortlichen für den „Banditenkapitalismus“ betrachtet haben.
1997 wurde er in der Regierung Kirijenko erster Vizepremier. Um ihn für dieses Amt zu werben, kam Präsident Jelzin nach Nizhni und überzeugte sich noch einmal von den Fähigkeiten dieses „energischen, klugen Menschen“, wie er ihn in seinen Erinnerungen nennt. Als Vizepremier betreute Nemzow zugleich das Ministerium für Energie und Brennstoffe, und setzte sich für eine Demonopolisierung der Gas- und Ölindustrie ein. Ein eher kurioses, aber für Nemzows Erfindungsgabe typisches Projekt war sein Versuch, die Dienstwagen der Regierungsbeamten, fast ausschließlich ausländische Marken, auf den heimischen Markt zurückzuholen. Zu diesem Zweck entstanden im Nizhni Nowgoroder Automobilwerk Autos der berühmten Marke „Wolga“, an denen aber nur die Karosserie einheimisch war. Sie hatten keine Chance auf dem Markt.
Mit dem Ende der Regierung Kirijenko, der eine Hausmacht im Kreml fehlte, endete im Jahr 1998 auch Nemzows Karriere in Regierungsämtern.

Nemzow und Putin – Geschichte einer Feindschaft

Um diese Zeit konnte man annehmen, dass ihn noch größere Aufgaben in den Machtstrukturen erwarteten. Jelzin sah in ihm seinen möglichen Nachfolger im Präsidentenamt, was sowohl Jelzin als auch Nemzow selbst bezeugt haben. Jelzin nahm aber Abstand von diesem Plan, da er mit Recht vermutete, dass die Wähler keinen Kandidaten aus dem Reformlager akzeptieren würden. Nemzow sah sich in diesem Zusammenhang außerdem als ein Opfer von Medienkampagnen der Oligarchen Beresowki und Gussinski. Hier ist anscheinend manches ungeklärt, Tatsache ist aber, dass Nemzow die Kandidatur Wladimir Putins unterstützt hat. Seine „Union der rechten Kräfte“, eine regierungskritische Partei, trat 1999-2000 mit den Losungen an „Putin - ins Präsidentenamt, Kirijenko – in die Duma. Russland braucht junge Menschen!“ Nemzow unterstützte Putin auch persönlich, empfahl ihn als einen „ehrlichen, körperlich starken und verantwortungsbewussten Menschen“. Über diese Charakteristik kann man streiten, aber sie besagt jedenfalls, dass Nemzows Einstellung zu Putin nicht von Neid oder Rivalität bestimmt war. Erst im Verlauf eines Jahrzehnts verwandelte sich seine Loyalität gegenüber dem Mitbewerber in offene Feindschaft. Spätestens beginnend 2008, als er in das Präsidium des Oppositionsbündnisses „Solidarnost“ eintrat, wurde Nemzow zu einem radikalen Kritiker der Politik und des persönlichen Verhaltens von Wladimir Putin. Zu den Themen seiner Auftritte gehörte auch das Business im Umkreis des Präsidenten bzw Ministerpräsidenten. Der so Attackierte reagierte in entsprechender Manier. In dem Teleprogramm „Gespräche mit Wladimir Putin“ beschuldigte er seinen Opponenten, er habe in den 90er-Jahren zusammen mit Beresowski, Chodorkowski und anderern Karrieristen „nicht wenige Milliarden beiseite geschafft“. Nemzow verklagte den Präsidenten wegen Verleumdung, aber die Klage wurde abgewiesen mit der Begründung, es habe sich um eine allgemeine, nicht persönlich auf den Kläger bezogene Aussage gehandelt.
Ungeachtet solcher persönlichen Beleidigungen war die Auseinanderstzung zwischen Putin und Nemzow in der Hauptsache politisch motiviert. Nemzow war einer der Initiatoren der Protestaktionen des Winters 2011-12 (auf diesem Blog mehrfach behandelt), bei denen es um die gefälschten Duma-Wahlen ging. Zu der letzten von ihm selbst organisierten Demontration, dem für den 1. März 2015 vorgesehenen Protestmarsch „Frühling“, rief Nemzow die Moskauer am 27. Februar (dem Tag des Attentats) in der Zeitung „Tagesjounal“ zur Teilnahme und Unterstützung der folgenden Losungen auf:
- den Krieg in der Ukraine beenden
- korrupte Politiker vor Gericht stellen
- den Haushalt zugunsten der Regionen umverteilen
- gegen die Expropriation der Rentenkassen
- für freie Wahlen mit Zugang der Opposition zu den Medien

Es ging, wie man sieht, um eine Wende von der imperialen Außenpolitik zu sozial akzentuierten Reformen im Inneren des Landes. Der „Frühlingsmarsch“ wurde nicht abgesagt, sondern in „Gedenkmarsch für Boris Nemzow“ umbenannt und von dem vorgesehenen Ort im Distrikt Marjino ins Zentrum Moskaus verlegt. Anstelle der angeführten Forderungen erschienen neue Losungen mit Bezug auf die historische Bedeutung des Ereignisses: „Er ist für die Zukunft Russlands gestorben“, „Kämpfe! Denn die Kugeln galten jedem von uns!“, „Helden sterben nicht!“


Ein professioneller Politiker und ein „leichter Charakter“

Der Tod und seine Begleitumstände machen Nemzow unausweichlich zu einem Helden, jedenfalls zu einer bedeutenden historischen Persönlichkeit. Die reale Person Boris Nemzow scheint dagegen dem Prozess der Heroisierung zu widersprechen. Ihm nahestehende Menschen haben ihn als einen sympathischen Menschen in Erinnerung, der mehr durch seine Ungezwungenheit und Lebensfreude beeindruckte als druch das Charisma eines politischen Führers. Er war zweifellos ein professioneller Politiker, der nicht nur parlamentarische Debatten, sondern auch die in Russland übliche politische „Schlägerei“ liebte. Dennoch waren ihm Fanatismus und Gewalttätigkeit fremd. In den Erinnerungen von Zeitgenossen ist oft von der „Leichtigkeit“ eines Charakters die Rede. Der Dichter und politische Kolumnist Lew Rubinstein schrieb auf dem Portal grani.ru (29.02.2015): „Er machte immer den Eindruck eines glücklichen, freien und leichten, sogar eines leichtsinnigen Menschen. Er war so etwas wie ein Mozart der Politik“. Aber gerade diese Leichtigkeit inmitten einer von ständiger Erregung und Wut geprägten Atmophäre wirkte auf seine Gegner provozierend. Er war „irgendwie herausfordernd lebendig“, stellt Rubinstein fest. Andererseits bot diese Ungezwungenheit den Gegnern die Möglichkeit, ihn als politisches Leichtgewicht darzustellen. Das mag ein Grund dafür sein, dass er die Macht des Schwergewichts Putin nie ernsthaft gefährden konnte. Ihn aus dem Weg zu räumen, bestand eigentlich keine Notwendigkeit. Der Mord war offenkundig von Hass gegen seine Politik und seine Person geprägt und hatte insofern Symbolcharakter.


Die „leichten Menschen“ von Maksim Gorki

Wer sich mit Gorkis Werk und seiner Person beschäftigt hat, wird es nicht abwegig finden, in diesem Zusammenhang an den Schriftsteller zu erinnern. Nemzow hatte zweifellos Ähnlichkeit mit Gorkis Lieblingshelden. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren das junge Menschen aus dem Volk, solche wie der Titelheld der Erzählung „Ljochkij tschelowek“ (wörtlich „Ein leichter Mensch“), ein neugieriger, wissensdurstiger junger Mann, fröhlich und immer auf der Suche nach „interessanten“ Menschen und Dingen. In der Übersetzung von Georg Schwarz (in: Wanderungen durch Russland, Berlin, Aufbau-Verlag, 1955) heißt die Erzählung „Ein Mann von leichter Lebensart“. Das ist nicht falsch, erweckt aber doch die falsche Vorstellung von einem mit Stock und Hut bewaffneten Lebemann. Für den „leichten Menschen“ gibt es im Deutschen offenbar keine adäquate Übersetzung. Für Gorki waren diese Menschen, die eher Sonderlinge und Störenfriede als Revolutionäre darstellten, Symbolfiguren einer kommenden Kulturrevolution. In der Gestalt Nemzows kann man, wie mir scheint, die Weiterentwicklung dieses psychologischen Typs eines Russen erkennen. Er hat die Sowjetzeit, der er seine Bildung und vieles andere verdankt, mit allen ihren Errungenschaften und Grausamkeiten erlebt und danach auch die postsowjetische Periode mit den ihren eigenen Errungenschaften und Grausamkeiten, diesmal denen der Freiheit. Dabei gehört er zu der kleinen Minderheit, die den Glauben an die Freiheit nicht verloren hat. Solche Vertreter des „anderen Russlands“ braucht das Land, und mit ihrer Hilfe kann es gelingen, das heute im Westen weitgehend verlorene Vertrauen zur Staatsführung und die Sympathien für das russische Volk wiederherzustellen. Die unter starkem Druck stehende Opposition in Russland verdient in diesem Prozess mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung, als ihr gegenwärtig in der deutschen Öffentlichkeit zuteil wird.




Quellen

Material zur Biographie Nemzows aus dem Artikel „Er liebte das Leben“; Autorenkollektiv in gazeta.ru (28.02.2015) sowie aus dem Artikel „Freund Jelzins und Feind Putins: welche Spur hat Boris Nemzow in der Politik hinterlassen“; Lola Tagajewa, Swetlana Botscharowa; rbc.ru (RosBiznesKonsalting) (28.02.2015)
A. Makarkin: „Jaurès oder Popieluszko?“; ej.ru (ezhednevnyj zhurnal) (2.03.2015)
I. Milstein (Mil’shtejn): „Mord aus derselben Wurzel“, grani.ru (28.02.2014)
L. Rubinstein: „Ihn haben Tote ermordet“ grani.ru, im Blog Svobodnoe mesto (28.02.2015)

Kategorie: Russland und die Russen

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