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„Adel des Geistes“ - Horst-Jürgen Gerigk über den Klassiker Iwan Turgenjew

Freitag, 26. Juni 2015, 21:48:00 | Armin Knigge

„Adel des Geistes“ - Horst-Jürgen Gerigk über den Klassiker Iwan Turgenjew

ILJA REPIN: IWAN TURGENJEW

Horst-Jürgen Gerigk, Turgenjew. Eine Einführung für den Leser von heute, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2015

Zwei Jahre nach dem Erscheinen seiner Monographie „Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller“ (Fischer Klassik 2013), die auf diesem Blog vorgestellt wurde (Links am Ende des Eintrags), hat der renommierte Literaturwissenschaftler, Slawist und Komparatist Horst-Jürgen Gerigk sein neues Buch dem Schriftsteller Iwan Turgenjew (1818-1883) gewidmet. Zusammen mit Dostojewskij und Lew Tolstoj gehört Turgenjew traditionell zum „Dreigestirn“ der nationalen Klassiker. Was im Vergleich mit der vorhergehenden Arbeit des Verfassers auffällt, ist die stärkere Betonung des „Heute“, der Bedeutung des literarischen Schaffens dieses Schriftstellers gerade für den „Leser von heute“, für das „literarische Bewusstsein unserer Gegenwart“ (Überschrift des ersten Kapitels).
Im Vorwort zu der Dostojewskij-Monographie spricht der Verfasser von der „weltweiten Präsenz“ dieses Schriftstellers „im kulturellen Bewusstsein unserer Zeit“: „Unanfechtbar ist sein Ruf als Klassiker der Weltliteratur“. Für Turgenjew gilt das offenbar nicht in gleicher Weise. Zwar lässt Gerigk keinen Zweifel daran, dass Turgenjew diesen Ruf nicht weniger als die beiden anderen verdient hat, dass man ihn sogar als den für unsere Zeit bedeutendsten in diesem Dreigestirn auffassen könnte. Aber das ist nicht die herrschende Meinung, sondern eher eine Aufgabe, die gerade erst in Angriff genommen ist und deren Erfüllung der Verfasser mit dieser Publikation – und mit seiner Tätigkeit in der 1992 gegründeten „Deutschen Turgenjew-Gesellschaft“ - nachdrücklich unterstützen will.
Gerigk spricht von einer „modischen Abwertung“ Turgenjews, sogar von einer „Verschwörung“ gegen den Schriftsteller, die ihre Wurzeln in der linksradikalen russischen Literaturkritik des 19. Jahrhunderts und ihrer sowjet-marxistischen Fortsetzung habe. In einem Umfeld, das den Wert von Kunst und Literatur primär nach gesellschaftspolitischen Kriterien bestimmte und als künstlerische Methode einzig einen entsprechend verstandenen Realismus gelten ließ, konnte Turgenjews „poetischer Realismus“, die Kunst eines „Aristokraten als Erzähler“ und die skeptische Weltsicht eines Agnostikers nicht gewürdigt werden. Damit stand er und steht er bis heute im Schatten seiner weitaus wirkungsmächtigeren Kollegen Dostojewskij und Tolstoj.

Bei der Darstellung der künstlerischen Welt Turgenjews bedient sich der Verfasser daher regelmäßig des konfrontativen Vergleichs mit den beiden Zeitgenossen. Ihr mit missionarischem Eifer vertretenes Christentum, die Vorstellung vom möglichen Glück der Überwindung des Bösen und der Verbrüderung aller Menschen, die chauvinistische Herabsetzung fremder Nationen bei Dostojewskij und der kompromisslose öffentliche Kampf Tolstojs gegen die Unmenschlichkeit in Gerichten, Gefängnissen, Schlachthöfen und anderen Einrichtungen der Zivilisation – all das hatte im Denken und Schaffen Turgenjews keine Entsprechung. Die künstlerische Bedeutung der Konkurrenten, die sich ja nicht in solchen Extremen erschöpfte und teilweise auf ganz anderen Gebieten lag, wird in dieser Gegenüberstellung vielleicht zu sehr geschmälert, aber das kann man als Kompensation für die Vorteile ansehen, die sie durch ihr insgesamt sehr viel lauteres Auftreten bis heute genießen. Der Verfasser zitiert eine Äußerung Thomas Manns aus dem Jahr 1914, in der er von seinem seit zwanzig Jahren anhaltenden „Entzücken“ bei der Lektüre Turgenjews spricht. Er plane einen größeren Aufsatz über den Schriftsteller, „weil mir scheint, dass er augenblicklich zu Gunsten Dostojewskijs in der undankbarsten und ungehörigsten Weise unterschätzt, ja missachtet wird“.
Mit welchen Eigenschaften hat sich Turgenjews Werk diese energische Unterstützung Thomas Manns und anderer europäischer Schriftsteller verdient? In den Äußerungen der Leser und Verehrer Turgenjews unter seinen Schriftstellerkollegen, die sich in einer beeindruckenden Sammlung von 22 Namen aus der Weltliteratur im Anhang des Buches finden, ist mehrfach von einer aristokratischen Würde seiner künstlerischen Persönlichkeit, von „Vornehmheit“ die Rede. Gustave Flaubert hat diese Eigenschaft in einem Brief an den Schriftsteller 1863 so beschrieben: „Was ich an Ihrem Talent über alles bewundere, ist die Vornehmheit – etwas Großartiges. Sie verstehen es, wahr zu sein ohne Banalität, gefühlvoll ohne Ziererei & [sic] komisch ohne die geringste Niedertracht“. Auch hier tritt – wenn auch nicht ausdrücklich – der Unterschied zu Dostojewskij und Tolstoj hervor. Vornehme Zurückhaltung war ihre Sache nicht. Zugleich scheint Flaubert seinen Kollegen von Vorwürfen freizusprechen, die andere gegen ihn erhoben haben, besonders in der Formel „gefühlvoll ohne Ziererei“. Das Gefühlvolle, eine starke Emotionalität, die sich insbesondere in seinen Liebesgeschichten, Naturbeschreibungen und den Reflexionen über Tod und Vergänglichkeit findet, gehört zu den traditionellen Markenzeichen Turgenjews, und es hat Gegnern seiner Kunst oder seiner Person als Angriffspunkt gedient, etwa in der boshaften Turgenjew-Karikatur des Karmasinow in Dostojewskijs Roman „Die Dämonen“. Thomas Mann spricht – ohne solche Herabsetzung – von einer „slawischen Künstlermelancholie“, die nicht ganz ohne „Posiertheit“ sei. Boris Eichenbaum hat besonders in den Briefen des Schriftstellers einen künstlich, „gespielt“ anmutenden Ton gefunden, wie er Gesprächen in einem „mondänen Salon“ eigen war („Turgenjews Künstlertum“). Es handelt sich hier wohl in der Tat um einen stilistischen Grenzbereich, der Turgenjews Schreibweise „altmodisch“ oder sogar trivial erscheinen lassen kann. Dass ein Übermaß an Gefühl, das nicht durch Ironie gemildert wird, als „Kitsch“ empfunden werden kann, schließt auch Gerigk nicht aus (im Kapitel „Wo beginnt der Kitsch?“). Die gesamte Darstellung Turgenjews in diesem Buch macht aber überzeugend deutlich, dass eine herabsetzende Bewertung des Schriftstellers auf Grund solcher Merkmale ein grobes Missverständnis wäre.
Das Gefühlvolle ist zusammen mit der „lyrischen“ Haltung des Autors in Turgenjews Werk Teil seines „poetischen Realismus“ und hat nichts mit Sentimentalität und Verschwommenheit zu tun. Es verbindet sich mit Eigenschaften, die im Gegenteil ein hohes Maß an Rationalität voraussetzen, darunter eine scharfe Beobachtungsgabe, glänzende satirische Porträts und Vertrautheit mit allen weltanschaulichen Debatten der Zeit. Die Struktur der Erzählungen zeichnet sich durch komplizierte Konstruktionen auf mehreren Sinnebenen und eine beziehungsreiche Symbolik aus. Der auf Dostojewskij bezogene Satz „Unanfechtbar ist sein Ruf als Klassiker der Weltliteratur“ kann also getrost auch über Turgenjew gesagt werden.
Warum nun ist es dem Verfasser so wichtig, diesen Klassiker gerade jetzt dem „Leser von heute“ vorzustellen? „Auf Turgenjew hat das 21. Jahrhundert gewartet“, erklärt der Verfasser, es sei nun an der Zeit, „ihn, den Aristokraten als Erzähler, auf eine ganze neue Weise zu entdecken“. Es geht dabei um einen künstlerischen Ausdruck der Humanität, den der Verfasser als „Adel des Geistes“ bezeichnet, und zugleich um eine Methode der Erschließung des Werks, die „poetologische“ Analyse der Texte.
Beide Aspekte dieser Neuentdeckung, die Geisteshaltung des Schriftstellers und die Methode der Analyse, erscheinen in dieser Darstellung als Elemente einer gehobenen literarischen Kultur, die es zu verteidigen, wiederherzustellen bzw. neu zu etablieren gilt. Ihr gegenüber stehen verschiedene Erscheinungsformen eines unsachgemäßen, sinnentstellenden, kunstfeindlichen Umgangs mit Literatur, allen voran die politische Vereinnahmung der Literatur durch die sowjetisch-marxistische Propaganda. Sie hat ihre Vorläufer in der linksradikalen russischen Literaturkritik des 19. Jahrhunderts, als deren Opfer Gerigk auch den Klassiker Turgenjew sieht. Ihr primitiver Realismusbegriff hat das Verständnis für die Welt seiner Dichtung blockiert. Darüber hinaus spart der Verfasser nicht mit pauschaler Kritik auch an methodische Strömungen in der neueren westlichen Literaturwissenschaft, den „Verwertungsgesellschaften des Zeitgeistes“, die sich auf andere als die rein literarischen Phänomene fokussieren: historische, soziologische, tiefenpsychologische, rezeptionsteoretische, schaffenspsychologische u.a. Interpretationen. Es fehlt auch nicht an sarkastischen Seitenhieben auf die moderne Massenkultur.
Nicht jeder wird dem Verfasser auf diesen Wegen folgen wollen. Die Literaturwissenschaft wird ihrem Gegenstand entsprechend immer eine Mischwissenschaft bleiben. Unzweifelhaft berechtigt ist eine solche Kritik jedoch dort, wo es um die Verteidigung der Freiheit der Kultur gegen den ideologisch motivierten Druck von politischen Bewegungen und Parteien, von Kirche und Staat geht. In diesem Zusammenhang ist auch die Intention dieser Arbeit zu sehen. Turgenjews Weltanschauung ist ebenso wie seine Schreibweise von einer liberalen, Europa zugewandten Gesinnung geprägt. Mit Recht gibt der Verfasser zu bedenken, ob nicht diese Geisteshaltung Turgenjews erst in unserer Gegenwart, nach der Erfahrung zweier Weltkriege und dem Zusammenbruch der totalitären Staaten voll zur Geltung kommen kann. Dem ist hinzuzufügen, dass Turgenjew gegenwärtig in seiner Heimat wegen eben dieser liberalen Gesinnung von neuem Angriffen ausgesetzt ist. Näheres dazu am Schluss dieses Eintrags. Zuvor sollen jedoch die Grundzüge des literarischen Universums Turgenjews, wie sie in diesem Buch erscheinen, und die Thesen zur „poetologischen“ Analyse, insbesondere zur Rolle des Lesers, vorgestellt werden.


„Unser einziger konservativer Dichter“

Dmitrij Mereschkowskij, ein auch im Westen einflussreicher Publizist aus dem Lager der russischen Symbolisten, hat Turgenjew als einen Bewahrer der Kultur und ihrer Werte gekennzeichnet: „In diesem Sinne ist Turgenjew, im Gegensatz zu den großen Erbauern und Zerstörern Tolstoj und Dostojewskij, unser einziger konservativer Dichter und, wie jeder echte Konservative, auch ein Liberaler“. Das ist ein erstaunlich objektives Urteil aus dem Munde eines Schriftstellers, der selbst eher in religiösen Kategorien dachte, während in Russland Liberalität mit Atheismus und Aufklärung verbunden wurde und weiter so verstanden wird. In der Tat fehlt dem Weltbild Turgenjews die religiöse Dimension und damit auch das mobilisierende, weltverändernde Element des „Erbauens und Zerstörens“, das die beiden anderen Klassiker des Dreigestirns kennzeichnet. Für sie sind die Probleme der Welt Abbildungen des Kampfes zwischen Gott und Teufel in der Seele des Menschen bzw. Folgen eines falschen Lebens gegen die sittlichen Gebote des Christentums. Der Mensch besitzt einen freien Willen, um sich in diesem Kampf auf die richtige Seite zu stellen. Daraus folgt die prinzipielle Möglichkeit eines glücklichen Weltendes, die brüderliche Vereinigung aller Menschen. Turgenjews Weltsicht ist frei von solchen eschatologischen Vorstellungen. Es ist die Weltsicht eines Agnostikers, der in einer Haltung der Skepsis und der Trauer auf das Leben des Menschen blickt. Das Leben hat kein Ziel außer dem unabwendbaren Tod. Damit entfällt, jedenfalls in der Perspektive des Autors, das in der russischen Literatur so wichtige Thema der Zukunft, vor allem der glücklichen. Trotzdem herrscht in dieser Welt nicht ein abgrundtiefer Pessimismus oder gar Zynismus vor. Gerigk bezeichnet Turgenjews Haltung als die einer „kritischen Gelassenheit“ und eines „lyrischen“, d.h. kontemplativ-philosophischen Blicks auf die Welt. Es gibt Ideale, aber nur als Gegenstand von Träumen und Sehnsüchten in der Innenwelt einzelner Menschen. Versuche ihrer Realisierung in der Außenwelt scheitern. Turgenjew glaubt nicht daran, dass Revolutionen an diesen Gegebenheiten grundsätzlich etwas ändern können. Glück ist dennoch in dieser Welt nicht ausgeschlossen, es findet aber nur in flüchtigen Augenblicken statt. Das Gleiche gilt für die Schönheit der Natur und die Liebe. Eine Sonderstellung in Turgenjews Welt nimmt – wohl unter dem Einfluss Schopenhauers - die Kunst ein. Die Kunst und die künstlerische Gesinnung gehören für Turgenjew zu den höchsten Werten der Kultur und vertreten in gewisser Weise die fehlende religiöse Dimension.

Gerigk versteht es, solche abstrakten Thesen durch präzise analysierte und anschauliche Textbeispiele zu belegen. Die Apologie der Kunst findet ihren Ausdruck in der Vorliebe für Motive der Musik, z.B. in der Erzählung „Die Sänger“ und in der Gestalt des Komponisten Lemm im Roman „Das Adelsnest“. Die Grundzüge der Weltanschauung Turgenjews kommen auch in bestimmten strukturellen Merkmalen seiner Erzählungen und Romane zum Ausdruck, etwa im Motiv des Bruchs oder des „Absturzes“, der fast ausnahmlos die Sujets seiner Liebesgeschichten kennzeichnet. Mit einem Happy-End ist hier nicht zu rechnen. Auch die Träume und Sehnsüchte der Helden in den Romanen und ihre Liebesbeziehungen gehen unglücklich und meist mit dem Tod der Protagonisten aus. Der bekannteste Fall ist der Tod Basarows im Roman „Väter und Söhne“. Seine anscheinend felsenfeste materialistische Überzeugung wird durch die Erfahrung der Liebe zunichte gemacht.
Zu den strukturellen Merkmalen der Erzählkunst Turgenjews gehört auch die Mehrschichtigkeit des Bedeutungsaufbaus. Dem konkreten Geschehen wird auf einer zweiten Ebene eine verallgemeinerte, „allegorische“ Bedeutung verliehen. Ein Musterbeispiel bietet die umfangreiche und präzise Analyse der Erzählung „Tschertopchanows Ende“ aus der Sammlung „Aufzeichnungen eines Jägers“. Der Protagonist, ein Gutsbesitzer und ein äußerst unsympathischer und grober Mensch, ist dennoch fähig, eine große Sehnsucht nach Schönheit und Glück zu entwickeln. Diese Sehnsucht verkörpert sich in einem Pferd mit wunderbaren Eigenschaften und dem rätselhaften Namen Malek-Adel. Die Erzählung über den Erwerb und den Verlust dieses Wundertiers wird zu einer überzeitlichen Allegorie menschlicher Sehnsucht. Auf einer weiteren Ebene ist sie als eine zeitgeschichtliche Allegorie des adligen Gutsbesitzers aufzufassen, die auch in vielen anderen Porträts der „Jägergeschichten“ variiert wird. Turgenjew ist, wie gesagt, kein Revolutionär, und auch kein lautstarker Ankläger wie Tolstoj. Aber er zeigt in dieser Sammlung immer wieder die dem System der Leibeigenschaft immanente Tendenz zu Gewalt und Unmenschlichkeit. In diesem Sinne nennt der Verfasser den Autor der „Aufzeichnungen eines Jägers“ einen „Whistleblower“. Man könnte hier von einer politischen Kritik mit den Mitteln einer unpolitischen Kunst sprechen, die unter Umständen wirksamer sein kann als eine agitatorische Gesellschaftskritik. Es gilt als sicher, dass Turgenjew mit seinen Erzählungen die Einstellung der Gesellschaft zur Institution der Leibeigenschaft grundlegend verändert hat.

Eine kleine Turgenjew-Enzyklopädie

Gerigks Buch zeichnet sich durch eine erstaunliche Vielseitigkeit des Materials und der Fragestellungen aus. Im ersten Teil werden eine große Zahl von Erzählungen exemplarisch behandelt, dazu die sechs Romane und die „Gedichte in Prosa“ sowie die Briefe und autobiographischen Texte. Kritisch erläutert werden die von Turgenjew stammenden Begriffe „Überflüssiger Mensch“ und „Nihilismus“, die die Diskurse des 19. Jahrhunderts wesentlich mitbestimmt haben. Auch wichtige biographische Beziehungen wie die Liebe zu der Sängerin Viardot und die Feindschaft mit Dostojewskij werden behandelt, obwohl wir es weder mit einer Biographie noch mit einer schaffenspsychologischen Studie zu tun haben. Im zweiten Teil folgt eine Reihe von Studien zu der starken Wirkung der Sujets und der Schreibweise Turgenjews in der Weltliteratur. Im Kapitel „Turgenjew unterwegs zum Zauberberg“ konstatiert der Verfasser eine „fundamentale typologische Verwandtschaft“ in den Werken der beiden Schriftsteller, die insbesondere in der Priorität des Individuums gegenüber der Gesellschaft, in der Vorliebe für Themen der Musik und für ironisch-satirische Darstellungen zum Ausdruck kommt. Überraschende Allianzen ergeben sich im Kapitel „Turgenjew in den USA“, wo Gerigk, gestützt auf eigene Forschungen, nicht nur das lebhafte Interesse an Turgenjew in den Äußerungen von Henry James, Sherwood Anderson, Owen Wister und Ernest Hemingway, sondern auch Merkmale des Einflusses oder typologische Übereinstimmungen in Sujets und Schreibweise zeigen kann. Als Kuriosum ist hier Owen Wisters Bestseller „The Virginian. A Horseman of the Plains” (1902) zu nennen, in dem der Hauptheld, der Typ des Cowboys, seiner Frau begeistert von einem russischen Roman erzählt, dessen Titel ungenannt bleibt. In der Hauptfigur, die den Cowboy als ein echter Kämpfer beeindruckt hat, erkennt man deutlich Basarow („Väter und Söhne“).

Auch der Rezeptionsgeschichte des Werks – sowohl in den Darstellungen für ein breites Publikum als auch in der akademischen Forschung – widmet sich der Verfasser ausführlich mit kritischen Analysen. Der Leser kann hier viel Interessantes über wichtige Vermittler der russischen Literatur in Europa und den USA erfahren, die nicht nur Studenten der Slavistik bekannt sind, darunter Eugène-Melchior de Vogüé, Dmitrij Mirskij, Adolf Stender-Petersen, Victor Terras und Wladimir Nabokow. Auf weniger als dreihundert Seiten hat Gerigk eine veritable Turgenjew-Enzyklopädie vorgelegt.


Wer ist der Leser von heute?

Dem „Leser von heute“, für den das Buch als Einführung gedacht ist, wird viel abverlangt. Der Verfasser tritt ihm weniger als freundlicher Berater denn als strenger Lehrmeister entgegen. „Wie kann man Turgenjew gerecht werden?“, lautet die Frage am Anfang und am Ende der Darstellung. Die Antwort heißt: „Es kommt darauf an, Turgenjew ‚künstlerisch’ zu lesen“. Das soll nicht bedeuten, dass das literarische Werk allein als „Sammlung von Kunstgriffen“, also formalistisch, gewürdigt werden soll. Der „Erkenntnisgewinn“, den die Begegnung mit der Welt Turgenjews bringen kann, soll keineswegs ausgeschlossen werden. Aber diese Erkenntnis soll und darf allein über den Text erfahren werden, nicht aus irgendeinem von außen herangetragenen Vorwissen des Lesers. Kenntnisse, das Leben des Autors, den historischen Hintergrund oder womöglich die eigene Lebenserfahrung betreffend, haben in der „poetologischen“ Analyse nichts zu suchen. Die Prämisse für diese Herangehensweise lautet, dass der Text alle Voraussetzungen für ein „richtiges“, der Autorintention adäquates Verständnis mitbringt, der Leser muss sich nur der „Verständnislenkung“ durch den Autor anvertrauen, seinen Anweisungen folgen, die von der Bedeutung des einzelnen Wortes bis zu hochkomplizierten Beziehungen zwischen Personen und Situationen reichen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, muss der Leser einerseits „Kunstverstand“ besitzen, andererseits aber, unbeeinflusst von störendem „historischem Ballast“, dem Prozess eines „natürlichen“ Verstehens freien Lauf lassen. Ist dies alles überhaupt möglich? Wir haben es hier mit einem Konstrukt zu tun, das die Zielsetzung dieses Verfahrens der textimmenenten Interpretation veranschaulicht, in Gestalt konkreter Leser in der Wirklichkeit jedoch kaum anzutreffen ist.
Man versteht die Abneigung des professionellen Literaturwissenschaftlers gegen ein gedankenloses Gerede über literarische Texte. Hier ist es besonders der „sensationslüsterne Zeitungsleser“, in dem der Verfasser seinen Widersacher ausgemacht hat, ein Leser, der auch bei der Lektüre literarischer Texte „schon alles besser weiß“. Aber hat nicht der Leser überhaupt eine freundlichere Aufmerksamkeit verdient? Kann seine Rolle wirklich auf die eines gewissermaßen neutralen Apparats zur Aufnahme und „Rekonstruktion“ eines vorgegebenen Sinngebildes reduziert werden?
Dem Ideal eines solchen „literarischen“ Lesers am nächsten kommen sicher die Schriftstellerkollegen Turgenjews, überwiegend Verehrer seiner Kunst, die im Anhang zu Wort kommen. Aber in ihren Urteilen begnügen sie sich keineswegs mit einer passiven Rolle als dankbare Empfänger der Auffassungen des Schriftstellers und seiner künstlerischen Verfahren, sie reagieren als lebendige Menschen mit eigenen Ansichten und Gefühlen. Sherwood Anderson erinnert sich genau, wie ihm die Hände zitterten, als er Jahrzehnte zuvor zum ersten Mal Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“ las. Später schätzte er – ohne solche Erregung – die „wunderschöne, ruhige, selbstsichere Prosa“ des Kollegen. Schon innerhalb eines einzelnen Lebens kommen hier ganz verschiedene Leseerfahrungen zur Geltung. Fontane findet in dem späten Roman „Rauch“ eine an sich lobenswerte „Reife“ , langweilt sich aber in dieser „grenzenlos prosaischen“ Welt, der die poetische „Verklärung“ der Jägergeschichten fehle. Tolstoj ist in ähnlicher Weise von „Väter und Söhne“ enttäuscht, dieser berühmteste der Romane ist für ihn ein „kaltes Werk“, nirgendwo sei darin „die Handschrift eines stockenden Herzens“ zu spüren. Tschechow reagiert auf dasselbe Werk mit den Worten: „Mein Gott! Welch eine Pracht./…/Weiß der Teufel, wie das gemacht ist. Einfach genial“.
Natürlich können solche Befunde nicht als Beweise dafür dienen, dass der Leser als letzte Instanz über Sinn und Wert eines literarischen Werks entscheidet. Aber er ist ein wichtiger Mitspieler im literarischen Prozess, ohne ihn, den konkreten Leser mit seinem ganzen Erfahrungsschatz und seinen Affekten, gibt es kein literarisches Leben, nur Archive. - Diese Bemerkungen mögen weniger als Argumente in einer theoretischen Diskussion denn als Einwände eines „Lesers von heute“ verstanden werden, einer Kategorie, der sich auch der Autor dieses Blogs zugehörig fühlt. Keinesfalls soll hier einem bequemen Lesevergnügen nach Geschmack und Gemütslage das Wort geredet werden. Die Beschäftigung mit einem literarischen Text ist wirklich eine Aufgabe, die gewisse Fähigkeiten und Kenntnisse und ein ernsthaftes Bemühen voraussetzt. Aber sie hat auch wesentlich mit der Persönlichkeit des Lesers zu tun. Unter den Lesern von heute wird man im übrigen auch nicht wenige Zeitungsleser vermuten dürfen. Sie müssen keineswegs alle sensationslüstern und unfähig zum Verstehen literarischer Texte sein. Gerade verantwortungsbewusste Staatsbürger kann man sich gut in der Rolle von Turgenjew-Lesern vorstellen.


Über die „Schädlichkeit der Klassiker“

Die in den letzten Jahren zunehmenden Eingriffe des Staates in das kulturelle Leben in Russland haben auch die klassische Literatur erreicht. Dass Dostojewskij in einer grob vereinfachten Auffassung zur Leitfigur des neuen Nationalismus geworden ist, zeichnete sich schon in den 90er Jahren ab. Neuerdings erheben sich zudem Stimmen, die auf der Suche nach staatsfeindlichen Bestrebungen diejenigen unter den großen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts unter Beschuss nehmen, die der Staatsideologie eher im Wege stehen. Solche Stimmen sind vor allem aus kirchlichen Kreisen zu hören. Im März 2013 sorgte ein Artikel in der Zeitung „Izvestija“ unter dem Titel „Ostrowski und Turgenjew werden unter besondere Kontrolle gestellt“ für Aufsehen. Darin wurden Richtlinien für einen neuen Literaturunterricht in den Schulen zitiert. Die Lehrer wurden dort zu einer Erziehung verpflichtet, „die den Kindern mit Hilfe literarischer Bilder den Stolz auf unser multinationales Land, einen tiefen und unaufgeregten Patriotismus /…/ sowie die Wertschätzung einer gefestigten traditionellen Familie vermittelt“. Die Formulierungen stammten von einem einflussreichen Regierungsberater, dem Vorsitzenden der „Gesellschaftlichen Kammer Russlands“ Pawel Poschigailo. In diesem Zusammenhang wurde von der Existenz einer Liste „potentiell gefährlicher Werke“ der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts berichtet: neben Iwan Turgenjew erschienen dort Alexander Ostrowski, Nikolai Nekrasow und Michail Saltykow-Schtschedrin. Poschigailo wies zunächst den Vorwurf zurück, man wolle die Klassiker verbieten, erhob dann aber bei öffentlichen Auftritten noch weit schärfere Angriffe gegen die genannten Schriftsteller und die klassische Literatur insgesamt. Mit Ausnahme Dostojewskijs und des späten Gogol’ habe diese Literatur „künftige Revolutionäre ideologisch ausgerüstet“, indem sie ihnen ein atheistisches Weltbild vermittelte, erklärte der Kulturfunktionär. Aufgabe des neuen Literaturunterrichts müsse es sein, mit Hilfe literarischer Bilder die „Eingliederung in die Kirche“ zu betreiben.

Anzeichen für eine neue „Verstaatlichung“ der Literatur zeigen sich auch in dem von Wladimir Putin ausgerufenen „Jahr der Literatur 2015“. Auf einer Sitzung im Kreml im Dezember 2014 zur Vorbereitung dieser Veranstaltungsserie trat der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Gennadi Sjuganow auf und forderte neue Auflagen von staatsnahen sowjetischen Schriftstellern, um ihre große erzieherische Leistung für Generationen von Sowjetmenschen zu würdigen. Dass er sich bei dieser Gelegenheit auch für eine feierliche Ausgestaltung des 200. Geburtstags Turgenjews im Jahr 2018 aussprach, hatte seinen Grund nicht in der Hochachtung gegenüber dem Klassiker. Es ging ihm vielmehr darum, der geplanten Ehrung Aleksandr Solschenizyns, eines Hauptschuldigen am Untergang der Sowjetunion, dessen Geburtstag sich im selben Jahr zum hunderststen Mal jährt, eine weniger unangenehme Veranstaltung entgegenzusetzen. In einem Bericht der „Rossijskaja gazeta“ über diese Diskussion gab der Verfasser des Artikels Pawel Basinskij, ein eher nachdenklicher Redakteur der Regierungszeitung, zu bedenken, auch die Wahl Turgenjews als Gegenstand von Ehrungen sei nicht unproblematisch, sei doch dieser Schriftsteller „durch und durch ein Europäer“ gewesen. Die große russische Literatur sei „nicht homogen“, sie sei lebendig in ihren Widersprüchen.
In der Tat dürfte es den Kulturbeamten in ihren Festreden aus diesem Anlass schwerfallen, die erforderlichen Verdienste Turgenjews zu finden und herauszustellen. Vom „Adel des Geistes“ und seiner liberalen Gesinnung wird dort mit Sicherheit nicht die Rede sein. Diese Werte einer freien Kunst wären vielmehr geeignet, den unwürdigen und kunstfeindlichen Charakter solcher politischen Rituale zum Vorschein zu bringen. Eine Nachwirkung dieser Art wäre eine passende Form der Ehrung Turgenjews.

Im übrigen darf nicht unerwähnt bleiben, dass es neben den unerfreulichen politischen Entwicklungen auch immer noch eine sehr lebendige und freie Literaturszene in Russland gibt, wenn auch in kleinerem Maßstab. Dort gibt es Stimmen, die – vergleichbar dem Anliegen des besprochenen Buchs – mehr Aufmerksamkeit für diesen Klassiker besonderer Art fordern. Der Schriftsteller Dmitrij Bykov, eine Kultfigur in intellektuellen Kreisen, hat eine seiner im Internet verbreiteten Vorlesungen zur russischen Literatur Turgenjew gewidmet, dem „am wenigsten gelesenen Klassiker“ (Überschrift). Er habe die traurige Rolle eines „wohlerzogenen Jungen“ im Kreise von rüpelhaften Altersgenossen spielen müssen. Dabei sei seine Botschaft für Russland wichtiger als der Nationalismus Dostojewskijs: „Er fordert mehr von uns als Dostojewskij – und Unbequemeres“. Die von Turgenjew vertretenen Werte seien einfache Menschlichkeit, geistige Disziplin, Sinn für Maß und Form - und das sei „eine bessere Schule für die Seele“.

Nachbemerkung:
Einer der nächsten Einträge auf diesem Blog wird den Beziehungen Maxim Gorkis zum Werk Turgenjews gewidmet sein. Sie betreffen nicht nur die von Hochachtung geprägten Urteile Gorkis über den Klassiker, sondern auch thematische und typologische Übereinstimmungen mit Turgenjew in Gorkis Erzählwerk. Auch hier eröffnet sich ein Bedeutungsfeld des unbekannten Gorki, weit entfernt vom Stammvater des sozialistischen Realismus.

Einträge zum Thema auf diesem Blog

“Der Meister aus Russland“ – Horst-Jürgen Gerigk über das Werk Dostojewskijs

Über schädliche Klassiker in der Schule – Ein Kulturfunktionär fordert Erziehung zum Glauben

Kultur in Zeiten des Krieges – Zur Situation in Russland

Dmitrij Bykov – Lekcija “Ivan Turgenev – samyj neprocitannyj klassik"

Kategorie: Russland und die Russen

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