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Gorki und der Nobelpreis – Warum hat er ihn nicht bekommen?

Freitag, 17. Juli 2015, 11:58:46 | Armin Knigge

Maxim Gorki, seit dem Jahrhundertanfang ein weltweit bekannter Schriftsteller, war dreimal – 1918, 1923 und 1928 - für den Nobelpreis nominiert. Der zehnjährige Prozess seiner Kandidatur endete 1928 wiederum mit einer Ablehnung. Als sein Schriftstellerkollege und Rivale Iwan Bunin 1933 als erster Russe den Preis erhielt, war von Gorki nur noch am Rande die Rede. Warum es so kam, wird besonders in der letzten kontroversen Debatte um Gorki im Nobelkomitee 1928 deutlich, die deshalb am Anfang dieses Eintrags stehen soll. Das Material entstammt einer 2007 erschienenen Monographie von Tat’jana Martschenko (Marchenko) über die Kandidaten und Preisträger der russischen Literatur in der Geschichte des Nobelpreises; das Buch wird weiter unten vorgestellt.

Gutachten mit Widersprüchen

In seiner Expertise zum Werk des Schriftstellers Maxim Gorki, der 1928 zum dritten Mal für den Nobelpreis nominiert war, legte der schwedische Slavist und Publizist Anton Karlgren eine Darstellung vor, die viel Sachverstand bewies, aber gleichzeitig durch sehr offenherzige Meinungsäußerungen bestimmt war. Allem Anschein nach steuerte die Expertise zunächst auf eine gnadenlose Ablehnung dieser Kandidatur zu. Dem frühen Gorki bescheinigte der Gutachter trotz einer „entwaffnenden Frische“ alle nur denkbaren Sünden der literarischen Gestaltung seiner Erzählungen: „Klischees“, „elegante, aber banale Phrasen“, „leblose Mannequins, mit einer Garderobe aus Ideen behängt“, „Melodramatik“ u.a.m. In der anschließenden „Agitationsperiode“ habe der Schriftsteller auch noch die bescheidenen künstlerischen Ambitionen des Anfangs verspielt und sein Talent dem „Zeigestock der Partei“ unterworfen.
Aber dann folgt eine überraschende Wende in der Entwicklung Gorkis – und im Ton des Gutachtens. Um 1910 wendet sich Gorki von den schematischen und ausgedachten Figuren der Bosjaken und Proletarier ab, meint der Gutachter, und der Schriftsteller beginnt „den Menschen“ darzustellen, den „russischen Menschen in dem ganzen Reichtum seiner Talente und Möglichkeiten“. Karlgren bezieht sich hier auf die autobiographische Trilogie und allgemein auf die Erzählungen und Erinnerungen, die den Stoff des eigenen Lebens verarbeiten. Gorki, „ein großer Mensch, der schon der Geschichte angehört“, nimmt den Leser an der Hand und führt in durch dieses Leben – von der düsteren Welt der Kindheit bis zu den Begegnungen mit großen Zeitgenossen wie Tolstoj und Tschechow. Gorki bleibt weiter ein „tendenziöser Schriftsteller“, stellt der Gutachter fest, aber diese Tendenz – die Darstellung des „wahren Russlands“ und einer „Galerie menschlicher Typen“ auf der Basis der Humanität – werde nun „künstlerisch fruchtbar“. Mit dieser „ungewöhnlichen Wiedergeburt“ habe sich Gorki „einen erstrangigen Platz in der russischen Literatur“ gesichert.

Man könnte meinen, dass diese Feststellung am Schluss der Expertise als eine gute Begründung hätte dienen können, um den Schriftsteller Maxim Gorki als preiswürdig zu empfehlen. Aber das war keineswegs die Absicht des Gutachters. Vielmehr war er, in Übereinstimmung mit der Mehrheit des Komitees, überzeugt, dass eine Ehrung für diesen Schriftsteller unter den gegebenen Umständen eine „gefährliche Reklame“ für seine politischen Aktivitäten und darüber hinaus für seine Unterstützer in Russland, das Regime des Bolschewismus, bedeuten würde. Dies, so meinten die Juroren, sei mit dem Testament des Preisstifters Alfred Nobel, der von den Ausgezeichneten Bestrebungen „in idealistischer Richtung“ gefordert hatte, unvereinbar und stelle eine Gefahr auch für die hohe Reputation des Nobelkomitees dar. Zwar sei man sich einig, dass es gerechtfertigt wäre, Gorki den Preis für seine autobiographische Trilogie zu verleihen, hieß es im Abschlussprotokoll, aber damit könne man nicht verhindern, dass diese Würdigung von der Öffentlichkeit auch auf andere Werke und die politische Tätigkeit des Schriftstellers ausgeweitet würde.

Es bietet sich an, in dieser Argumentation einen Musterfall des kleinmütigen Zurückweichens von Kulturträgern vor den mächtigen Ansprüchen der Politik zu sehen und von den Verantwortlichen den Mut zur Durchsetzung des einzig maßgeblichen Kriteriums, der künstlerischen Bedeutung des Kandidaten, zu erwarten und zu verlangen. Die Verfasserin der genannten Monographie hält denn auch mit ihrem Unmut über die Ängstlichkeit der „schwedischen Professoren“ nicht zurück. Aber ist eine solche Kritik wirklich gerechtfertigt?


Gorki als Aushängeschild der „sowjetischen Kultur“

Der Experte Karlgren spricht auch dieses Problem in aller Offenheit und Klarheit an. Während man hier über die Bedeutung Gorkis streite, werde er in Russland „gefeiert wie kein einziger russischer Schriftsteller vor ihm“, erklärt er am Anfang des Gutachtens: „Die Bolschewiken rufen ihm aus ihren disziplinierten Kehlen zu, er sei nicht nur der größte russische Schriftsteller unserer Zeit, sondern der führende Schriftsteller der zeitgenössischen Weltliteratur“. Die Machthaber hätten zwar bisher wenig Sympathien für Gorki gezeigt, jetzt aber anscheinend erkannt, dass sich seine weltweite Reputation „als Umschlag für die Luxusausgabe mit dem Titel ‚sowjetische Kultur’ gebrauchen lässt“. Das war im Ton, wenn man so will, die typische antikommunistische Propaganda der Zeit, aber nichtsdestoweniger war es eine zutreffende Beschreibung der Vorgänge im Jahr 1928, der pompösen Feiern zum 60. Geburtstag des Schriftstellers und seiner (noch keineswegs gesicherten) „Rückkehr“ in die Heimat.

Karlgren übersieht keineswegs, dass das von der sowjetischen Propaganda verbreitete Bild Gorkis „ungerecht“ sei und mit dem Gorki, dem er selbst einen „erstrangigen Platz in der russischen Literatur“ zuerkannt hatte, nur bedingt in Zusammenhang stand.
Auf die politischen Aktivitäten Gorkis selbst um diese Zeit geht der Gutachter nicht ein, sie waren ihm vielleicht auch nicht bekannt. Schon ein Jahr zuvor hatte Gorki mit Beiträgen in den führenden sowjetischen Zeitungen „Pravda“ und „Izvestija“ seine rückhaltlose Unterstützung für die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse zum Ausruck gebracht, z.B. in dem Artikel „Zehn Jahre“ (1927) aus Anlass des zehnten Jahrestags der Oktoberrevolution. Dort war u.a. zu lesen, Lenin habe mit seiner Partei „Russland vor der endgültigen Zerstörung und Versklavung durch die Kapitalisten Europas gerettet“, die Arbeiter und Bauern seien nun dabei, „den Staat in ihre Hände zu nehmen“, und sie fühlten, das „dies der einzige Weg zur Freiheit“ sei.
Angesichts solcher Beschreibungen der sowjetischen Wirklichkeit – mochten sie nun damals als naiv, töricht oder, aus der Sicht der Emigranten, als verbrecherisch bewertet werden – konnte den Mitgliedern des Nobelkomitees nicht daran gelegen sein, alle früheren und künftigen Äußerungen Gorkis mit der Autorität des Nobelpreisträgers auszustatten. Allerdings konnten sich die Mitglieder des Nobelkomitees in ihrer Begründung der Ablehnung nicht entschließen, die hohe Würdigung des autobiographischen Werks bei Karlgren zu übernehmen, so dass das Gesamtwerk Gorkis eine extrem negative Bewertung erhielt.


Mit Gorki kann und muss man streiten!

Die Expertise Karlgrens erweist sich in diesem Kontext nicht als so inkonsequent und opportunistisch, wie sie auf den ersten Blick erscheinen könnte. Sie macht vielmehr das Dilemma deutlich, in dem sich die Juroren damals befanden, ein Dilemma, das auch heute allen bekannt ist, die sich ernsthaft und ohne propagandistische Absichten mit der Persönlichkeit und dem Werk Gorkis befassen. Gorki ist gänzlich ungeeignet für die Einstellungen und Rituale einer Klassikerpflege, die dem jeweiligen Schriftsteller mit uneingeschränkter Verehrung und einem festen Katalog seiner künstlerischen Errungenschaften, seines Rangs und seiner Bedeutung in der Literatur begegnet. Die sowjetische Propaganda hat eben diese Rituale der Klassikerpflege aufgenommen und im Falle Gorkis bis zur Absurdität getrieben. In den endlos wiederholten Phrasen vom „großen Schriftsteller des russischen Landes“, dem „Begründer des sozialistischen Realismus“ und „Stammvater der Sowjetliteratur“ verschwand die lebendige und widersprüchliche Gestalt des Schriftstellers und Künstlers Gorki unter „Tonnen von bürokratischem Stumpfsinn“, wie Kornej Tschukowskij in seinem Tagebuch notierte. Und auch der Schriftsteller selbst hat sich in diesem Prozess seiner „Sowjetisierung“ bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Gorki kann man nicht bedingungslos verehren, man darf und muss mit ihm streiten. Das bedeutet aber nicht, dass man die Verdammungsurteile der russischen Emigranten gegen den Schriftsteller übernehmen und damit das primitive Bild des Sowjetklassikers indirekt bestätigen sollte. Dies geschieht leider bis heute in einem großen Teil der literaturwissenschaftlichen Behandlung Gorkis. Nachdem sich unsere Kenntnis von Gorkis Persönlichkeit als Künstler und als Mensch in den letzten Jahrzehnten durch zahlreiche Publikationen erheblich erweitert und vertieft hat, ist es an der Zeit, zu einem gerechteren Urteil über seine Bedeutung zu kommen.


Die Nobelpreise für die russische Literatur

Zu den neuen Materialien, die für diese Aufgabe nützlich sein können, gehört auch die erwähnte Arbeit von Tat’jana Martschenko „Russische Schriftsteller und der Literaturnobelpreis (1901-1955)“, 2007 erschienen in russischer Sprache in der renommierten Reihe „Bausteine zur slavischen Philologie und Kulturgeschichte“ (Böhlau Verlag Wien). Den Schwerpunkt der Arbeit bildet der Nobelpreis für Iwan Bunin 1933, den ersten russischen Schriftsteller in der Geschichte des Preises. Ihm folgten Boris Pasternak (1958), Michail Scholochow (1965), Alexander Solschenizyn (1970) und Joseph Brodsky (1987), die aber nur in kurzer Vorausschau behandelt werden. Ausführlich dokumentiert hat die Verfasserin die vorausgegangene Geschichte der „Abgelehnten“ (Kapitelüberschrift), zu denen neben Gorki der Altklassiker Lew Tolstoj und aus den nachfolgenden Generationen der damals in Europa bekannte symbolistische Dichter und Romanautor Dmitri Mereschkowskij, der Dichter Konstantin Bal’mont und der Romanautor Iwan Schmeljow gehörten Die Gutachten der Experten, die Begründungen des Komitees für die Wahl oder die Ablehnung der Kandidaten sowie andere Dokumente aus dem Archiv der Schwedischen Akademie sind hier erstmals einer russischsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Verfasserin präsentiert dieses reiche Material mit dem kritischen Blick eines Lesers, der die russische Literatur „von innen“ kennt und insofern andere Vorstellungen und Wertmaßstäbe mitbringt als die der Mitglieder des Nobelkomitees. Da diese Experten zugleich eine westeuropäische Öffentlichkeit vertraten, ergab sich hier für die russische Forscherin die interessante Aufgabe, die besondere Wahrnehmung der russischen Literatur unter dem Gesichtspunkt universeller Werte und zugleich aus der Perspektive eines europäischen Nachbarlandes zu studieren. Die Textauszüge aus den Dokumenten und die kritischen Kommentare der Verfasserin vermitteln einen guten Einblick in die schwierigen und kontroversen Diskussionen im Nobelkomitee. Leider nutzt die Forscherin diese Gelegenheit auch dazu, die bekannten nationalen Empfindlichkeiten der Russen gegenüber Westeuropa zum Ausdruck zu bringen.
Zweifellos ließ die Kompetenz mancher Experten auf diesem Felde zu wünschen übrig, dass aber alle diese Experten sich als stolze Vertreter der westlichen Zivilisation gegenüber Russland, dem „barbarischen Osten“ gezeigt hätten, ist eine maßlose Übertreibung, die durch das Material der Arbeit nicht bestätigt wird. Die Ablehnung Lew Tolstojs, den viele Zeitgenossen sich als ersten Preisträger für das Jahr 1901, das Gründungsjahr des Literaturnobelpreises, wünschten, war in der Tat eine törichte Entscheidung, die sich auf Tolstojs Ablehnung aller Einrichtungen der modernen Zivilisation bezog. Aber schreckten hier wirklich ängstliche Kleinbürger vor der „mächtigen revolutionären Energie“ dieses Klassikers zurück, der nach Lenins Bestimmung „der Spiegel der russischen Revolution“ war? Auch von der Angst vor dem „Untergang des Abendlandes“ und der Bedrohung aus den „eurasischen Weiten“ ist die Rede, Bilder, die eher der Vorstellungswelt der gegenwärtigen Politik in Russland zu entstammen scheinen als der des Nobelkomitees.
Richtig ist, dass die schwedischen Akademiker gemäß den Vorgaben des Preisstifters eine „idealistische“ Geisteshaltung der prämierten Persönlichkeiten forderten, die sie mit einer kommunistischen Gesinnung nicht in Einklang bringen konnten und wollten.
Die Verfasserin sieht das anders und betrachtet auch die Ablehnung Gorkis als eine ungerechte Maßnahme gegen einen idealistisch gesinnten Revolutionär, der ohne eigene Verantwortung selbst ein Opfer der Machthaber in Sowjetrussland geworden sei. Sie folgt damit Lidija Spiridonova, der Hauptredakteurin der aktuellen Werkausgaben Gorkis, deren Thesen auf diesem Blog diskutiert worden sind.


Bunin und Gorki – zwei Kulturen

Ungeachtet der Sympathien, die Martschenko für den „politischen Gorki“ hegt, sieht sie die Entscheidung der Juroren für Bunin und damit gegen Gorki als gerechtfertigt und unausweichlich an und folgt damit dem Gang der Debatte, die eine andere Lösung nicht zuließ. Die Alternative „Bunin oder Gorki“ war in der nachrevolutionären Periode eine symbolische Entscheidung zwischen zwei politischen Lagern, zwei Kulturen und zwei Arten der Literatur. Das alte und das neue Russland, Emigration und Sowjetstaat, Nationalbewusstsein und Kommunismus standen sich unversöhnlich gegenüber. Bunin vertrat eine Kultur der untergegangenen ländlichen Welt, der Gutshöfe und „dunklen Alleen“, Gorki eine Kultur der Unterschichten, des Protests und des Aufbruchs in eine neue Zeit. In der Literatur galt Bunin mit seiner formvollendeten Prosa als der einzige würdige Nachfolger Tolstojs und Tschechows, wohingegen Gorki seine starke Wirkung eher aus seiner emotionalen Energie als aus seiner Ausdruckskraft erzielte.
Zu einer direkten Gegenüberstellung der beiden Schriftsteller kam es mit ihrer gleichzeitigen Nominierung für den Nobelpreis 1923. Zuvor war Gorki im Jahr 1918 auf Vorschlag eines schwedischen Professors in einen Wettbewerb mit fünfzehn Mitbewerbern getreten, den er aus ähnlichen Gründen wie 1928 verlor. Der Experte Alfred Jensen erstellte ein äußerst unfreundliches Gutachten, in dem Gorki nicht mehr als eine „primitive Kraft“ zugestanden wurde, der es an künstlerischer Entwicklung fehle. Gorkis vehemente Verurteilung der Oktoberrevolution in den „Unzeitgemäßen Gedanken“ wurde zwar mit Genugtuung konstatiert, gleichwohl stehe der Schriftsteller weiter „im Dienst des Bolschewismus“, erklärte der Gutachter.

1923 gab es eine ganz andere Situation. Der Vorschlag, Gorki zu nominieren, kam von Romain Rolland, dem Gesinnungsgenossen und Briefpartner Gorkis, der selbst den Nobelpreis für das Jahr 1915 erhalten hatte. Insofern war das keine Überraschung. Ungewöhnlich war dagegen der Umstand, dass Rollands Vorschlag drei Namen enthielt: Maxim Gorki, Iwan Bunin und Konstantin Bal’mont… Dies war für die Mehrzahl der Zeitgenossen eine unmögliche Kombination, und es steht außer Frage, dass die beiden führenden Vertreter der russischen Emigation schockiert waren, als sie von diesem Vorschlag erfuhren. Von Bunin kann man ohne Übertreibung sagen, dass er Gorki hasste. Rolland war das natürlich bekannt, der Vorschlag war eine noble Geste dieses Schriftstellers, der 1915 den Preis ausdrücklich für seine geistige Unabhängigkeit, seine Position „über den Parteien“, erhalten hatte. Er wolle mit dieser gemeinsamen Kandidatur betonen, erklärte Rolland in seinem Brief nach Stockholm, „dass das Nobelkomitee, indem es sich über die parteilichen Diskussionen erhebt, nur diejenigen Verdienste würdigt, die in einem nichtengagierten Dienst an der Kunst und der Idee erreicht worden sind“.
In diesem Sinne stellte Rolland die drei Kandidaten auf eine Stufe und scheute nicht vor großen Worte zurück: alle drei gehörten zu der „Stadt des Geistes, der Civitas Dei“, erklärte Rolland, und sie seien durch ein gemeinsames Schicksal verbunden, alle drei waren genötigt, ihre Heimat zu verlassen. Den erheblichen Unterschied in den Umständen dieser Emigration ließ Rolland unerwähnt. Die Gleichsetzung der Verdienste insbesondere Gorkis und Bunins entsprach nicht nur dem Wunsch, die Spaltung der russischen Literatur in zwei verfeindete Lager zu überwinden, sie entsprach auch der Überzeugung des Schriftstellers. Martschenko zitiert u.a.einen Brief Rollands an eine Freundin aus dem Umkreis seiner sozialistischen Genossen in Frankreich, wo er über Bunin sagt: „Natürlich, er ist keiner von uns, sondern wütend und giftig antirevolutionär, antidemokratisch, fast antihuman, ein Pessimist durch und durch. Aber was für ein genialer Künstler! Und wie sehr bezeugt er, trotz allem, eine neue Wiedergeburt der russischen Literatur! Was für ein neuer Reichtum an Farben und Empfindungen!“ Im Brief an das Komitee sagt Rolland über Bunin, er sei „einer der vollkommensten Künstler der russischen Literatur, ein Meister der Novelle, ebenbürtig den Meistern dieses Genres im Westen“.
Mit anderen Akzenten, aber nicht weniger enthusiastisch, spricht Rolland über Gorki. Man brauche diesen Schriftsteller eigentlich nicht vorzustellen, die ganze Welt kenne seine Werke und spüre in ihnen „die pathetische Macht seines Herzens, das durchfurcht ist von den Narben aller menschlichen Leiden“. Besondere Aufmerksamkeit verdienten seine letzten Werke, erklärt Rolland, in ihnen verbinde sich „eine ungewöhnliche Lebendigkeit mit einer Meisterschaft, die Gorki niemals zuvor erreicht hat“. Gemeint waren hier die autobiographische Trilogie (der dritte Teil, „Meine Universitäten“, erschien im selben Jahr 1923) und die Erinnerungen an Tolstoi, Tschechow u.a. Zeitgenossen. Die Erinnerungen gehörten „zu den Meisterwerken der Kritik aller Zeiten“.
Trotz der Gleichbehandlung der beiden Kandidaten verleugnete Rolland nicht seine persönliche Präferenz für Gorki. In einem Brief an den Schriftsteller Mark Aldanov, der in dieser Sache als Anwalt Bunins agierte, erklärte Rolland, für Bunin werde er nur stimmen, wenn Gorki eine Nominierung ausdrücklich nicht wünsche. Ihn selbst danach zu fragen, hatte Rolland unterlassen. In einem Brief an Gorki, den er einen Tag vor seinem Brief an die schwedische Akademie schrieb, sprach er nicht von seiner Absicht.

Dass die Nominierung nicht zum Erfolg führte, hatte wieder mit einem überwiegend negativen Gutachten zu tun, dass von Anton Karlgren erstellt wurde, demselben Experten, der am Anfang dieses Eintrags mit seiner Gorki-Expertise im Jahr 1928 vorgestellt worden ist. Zwar lobte der Gutachter auch hier die künstlerische Qualität der Autobiographie, kam aber am Schluss nicht zu einer ähnlich positiven Aussage wie 1928 (Gorki habe sich „einen erstrangigen Platz“ in der russischen Literatur gesichert). Karlgren wollte Bunin als Laureaten sehen, aber das Komitee entschied weder für Bunin noch für Gorki. Den Preis für das Jahr 1923 erhielt der irische Dichter William Butler Yeats.

Gorki selbst vertrat um diese Zeit ähnlich wie sein Freund Rolland eine – durchaus im Sinn des Nobelpreises – „idealistische“, unpolitische Auffassung der Literatur. Davon zeugt ein Aufruf an die Schriftsteller und Kunstschaffenden, der auf diesem Blog behandelt ist (Link am Ende des Eintrags).


Reaktionen auf den Preis für Bunin

Zu Gorkis Anteil an der wechselvollen Geschichte der Nobelpreisvergabe gehören auch die Reaktionen auf die Auszeichnung Bunins 1933, wenngleich Gorkis Nominierung nur formal weiter bestand und im Komitee nicht mehr diskutiert wurde. Man wird der Ansicht Tatjana Martschenkos zustimmen müssen, dass die Wahl Bunins von einem „tadellosen Geschmack“ der Juroren zeugte. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass der Laureat im Westen, auch im Land der Preisvergabe, kaum bekannt war. Seine Unterstützer waren nicht nur in der russischen Emigrantenszene, sondern auch unter Literaturkennern aus aller Welt zahlreich.Trotzdem war die Verleihung in erster Linie ein politisches Ereignis: der erste Russe unter den Nobelpreisträgern – ein erklärter Feind des Bolschewismus! Für die russischen Exilanten war das ein ungeheurer Triumph. Die sowjetische Presse verschwieg das Ereignis. Die Schriftstellerin Aleksandra Kollontaj, Botschafterin der Sowjetunion in Stockholm, zeigte sich entsetzt. Sie hatte trotz allem fest mit Gorki gerechnet und blieb der Zeremonie ostentativ fern.
Gewichtiger in diesem Zusammenhang ist eine oft zitierte Äußerung der Dichterin Marina Zwetajewa, die zu der Zeremonie geladen war und sich in einem privaten Brief im voraus Gedanken dazu machte: sie werde nicht protestieren, aber sie sei doch unzufrieden mit dieser Wahl, „denn unvergleichlich größer als Bunin - größer und menschlicher und eigenartiger und nötiger – ist Gorki. Gorki ist eine Epoche, Bunin – das Ende einer Epoche“. Aber das sei eben Politik, fügt Zwetajewa hinzu, der schwedische König könne einem Kommunisten keinen Orden anheften.
Zwetajewas Urteil über Gorki war eine interessante Meinungsäußerung, die aber nichts daran ändern konnte, dass der Schriftsteller in seiner politischen Rolle zu diesem Zeitpunkt nicht mehr preiswürdig war. Zudem wäre eine solche Rangerhöhung gegenüber Bunin dem Betroffenen selbst mit Sicherheit peinlich gewesen. Er hat Bunin bewundert und ihn immer als einen großen Künstler bewertet. Auf Bunins politische Attacken hat er nie öffentlich geantwortet.
Ein nicht weniger gewichtiges Hindernis für die Wahl Gorkis war die Rücksicht auf das Lager der russischen Emigration. Für die Menschen aus dieser geistigen Welt, die sich überwiegend in einer seelischen und materiellen Notlage befanden, hätte die Auszeichnung Gorkis eine unerträgliche Beleidigung bedeutet. Die Dichterin Zinaida Gippius, die anstelle von Bunin lieber ihren Ehemann, Dmitri Mereschkowski, gesehen hätte, gehörte zu denen, die ihrem Hass auf Gorki freien Lauf ließen. Im Rahmen der Kampagne für Bunin 1932 erklärte sie in einem Brief an den Schriftsteller A. Amfiteatrow: „Nun ja, Bunin, in Gottes Namen, aber Gorki… Sie haben recht, das wäre eine solche Ohrfeige für Russland und für uns alle, dass man ihm dafür ins Gesicht spucken müsste! Und nicht ihm allein…“
In einer längst vergangenen Epoche, im Jahr 1916, hatte Gippius aus Anlass des Erscheinens von Gorkis „Kindheit“ in einem Artikel von einem „erstaunlichen Buch“ gesprochen, mit dem sich Gorki als „ein großer Schriftsteller und ein großer Mensch“ erwiesen habe. Der Kontrast zwischen diesen Äußerungen ist ein Beispiel für die Kollisionen von Kultur und Politik, die sich in der Geschichte des Nobelpreises in großer Zahl finden.
Den Diskussionen in der schwedischen Akadmie kommt aber auch das Verdienst zu, dass die Beteiligten – unabhängig vom Ausgang des Verfahrens - viele Werturteile über Autoren und einzelne Werke abgegeben haben, die Bestand hatten und heute noch gelten. Im Falle Gorkis war das die ausnahmslos positive Bewertug der Autobiographie und derjenigen Werkteile, die Stoffe der Erinnerung gestalten. Mit ihnen sicherte sich Gorki, nach den Worten des Gutachters Anton Karlgren, „einen erstrangigen Platz in der russischen Literatur“.


Warum hat Gorki den Preis nicht erhalten?

In jeder der drei Diskussionen um die Nominierung Gorkis ging es um den Gegensatz zwischen einem – trotz aller Einschränkungen – preiswürdigen Künstler einerseits und einem politischen Akteur andererseits, den die schwedische Akademie auf keinen Fall mit der Autorität des Nobelpreisträgers ausstatten wollte. Er stand, wie der Gutachter Alfred Jensen erklärte, „im Dienst des Bolschewismus“. Dass diese Auffassung im Jahr 1918 und auch noch 1923 sehr zweifelhaft war, da sich Gorki in sehr gespannten Beziehungen mit der Sowjetregierung befand, konnten oder wollten die Beteiligten nicht bemerken. Sie urteilten nach den Überzeugungen des Schriftstellers, die für jedermann erkennbar waren. 1928 dagegen war Gorki in der Tat dabei, ein Teil des sowjetischen Propagandaapparats zu werden, und war in dieser Rolle wirklich ungeeignet für den Preis. Im Verlauf der zehnjährigen Debatte um seine Nominierung wurde oft die Ansicht geäußert, er sei einfach zu spät an die Reihe gekommen. In der Tat waren die Bedingungen für einen Nobelpreis nach der Abkehr Gorkis von den utopischen Entwürfen der Revolution und des „Gottmenschentums“ um 1910 und dem Beginn seiner weitgehend ideologiefreien Gestaltung Russlands und der „russischen Menschen“, den Stoff des eigenen Lebens eingeschlossen, wesentlich günstiger. In den Jahren vor der Revolution war Gorki zudem als politischer Mensch ein überzeugter Europäer und hielt Abstand von Lenin und seiner Partei. Aber in dieser Zeit war er, wie auf diesem Blog mehrfach beschrieben, vor allem in seinem Kampf gegen den Nationalismus, ein Fremder im eigenen Land, und es ist kein Zufall, dass niemand ihn in Stockholm ins Gespräch brachte.
Tat’jana Martschenko, die Chronistin der vergeblichen Bemühungen um den Preis für Gorki, setzt ihrer Darstellung einen Schlusspunkt in trotzigem Ton: Gorki habe solche Attribute nicht nötig gehabt, im Gegenteil, sein Name sei selbst eine Auszeichnung gewesen, die den nach ihm benannten Bibliotheken, Theatern, Straßen und Städten zur Ehre gereicht habe. Aber hat diese massenhafte Verbreitung seines Namens wirklich zu einem gerechten Urteil über der Bedeutung Gorkis in der russischen Literatur beigetragen? Der primitive staatliche Gorki-Kult schien im Gegenteil die verbreitete Auffassung zu bestätigen, dieser Schriftsteller verdanke seinen Ruhm nur der Kommunistischen Partei. Es ist heute an der Zeit, von dieser Vorstellung Abschied zu nehmen und dem Schriftsteller Gorki, einer bedeutenden und zugleich problematischen Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts, einen würdigen Platz in der russischen und der Weltliteratur einzuräumen.
Die von Romain Rolland 1923 vorgeschlagene gemeinsame Nominierung von Gorki und Bunin war ein eindrucksvoller Beweis für die Möglichkeit, eine solche Würdigung ohne Hass und politische Kampfabstimmungen vorzunehmen. Auch wenn die Realisierung dieses Vorschlags von vornherein unwahrscheinlich war, hatte sie doch eine symbolische Bedeutung, die heute noch bedenkenswert erscheint.

Tatjana Martschenko (Marchenko), Russische Schriftsteller und der Literaturnobelpreis (1901-1955) (in russischer Sprache), Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2007 (Bausteine zur slavischen Philologie und Kulturgeschichte NF, Reihe A: Slavistische Forschungen, Bd. 55)

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