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Ein Moment des Waffenstillstands - Nobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Freitag, 01. Januar 2016, 13:10:08 | Armin Knigge

Ein Moment des Waffenstillstands - Nobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

In russischer Sprache hier.

Die Ergebnisse des „Jahres der Literatur“ in Russland sind noch nicht abschließend bewertet, aber jetzt schon steht fest, dass das literarische Hauptereignis in diesem Jahr außerhalb dieser staatlichen Veranstaltung und außerhalb Russlands stattgefunden hat: es war die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch. Und es war – ungeachtet der im heutigen Russland unvermeidlichen Dissonanzen der Medien – ein Anlass zur Freude nicht nur für das Millionenpublikum der Leser der Preisträgerin. In der herrschenden Atmosphäre von Kriegen aller Art, der blutigen Zusammenstöße in der Ukraine, in Syrien und anderen Schauplätzen und des neuen kalten Kriegs der Information in Europa hat der höchste internationale Literaturpreis die Aufmerksamkit der Öffentlichkeit auf die Kultur gelenkt, insbesondere, nach einer langen Pause seit 1987, als Joseph Brodsky den Preis erhielt, auf die russische Literatur, mit der Alexijewitsch nicht nur durch die Sprache tief verbunden is. Allein damit erlangte die Laureatin die Bedeutung eines Friedensstifters, auch wenn sie diese Rolle nicht ausdrücklich anstrebt. Zudem ist Alexijewitsch als geborene Ukrainerin, die in Weißrussland lebt und lange Zeit in Westeuropa verbracht hat, eine echte Vertreterin des Kontinents Europa und seiner besten kulturellen Traditionen. Mitglied des sowjetischen Schriftstellerverbands seit 1983, hat sie ihre ersten Auszeichnungen vor dem Untergang des UdSSR erhalten, danach von verschiedenen westeuropäischen und US-amerikanischen, aber auch russischen Institutionen. Von ihr sind 125 Bücher in Übersetzungen außerhalb Russlands erschienen, mit Auflagen von mehreren Millionen.


Das offizielle Russland antwortet in „europäischer“ Manier

Als Anlass zu Freude und Erleichterung kann man auch den Umstand betrachten, dass das offizielle Russland von Anfang an auf die wütende Rhetorik verzichtet hat, die seit dem ersten Preisträger Iwan Bunin (1933) die Reaktionen Russlands auf die Entscheidungen des Stockholmer Komitees bestimmt hat: mit der einzigen Ausnahme Michail Scholochows (1965) waren die Laureaten mehr oder minder Staatsfeinde: nach Bunin Boris Pasternak (1958), Alexander Solschenizyn (1970) und Joseph Brodsky (1987). Alexijewitsch bietet mit ihrem Sammelporträt des Sowjetmenschen und ihren Stellungnahmen zur aktuellen Politik reichlich Anlass zur Aufnahme in diese Reihe von Feindbildern. Man konnte also befürchten, dass die Regierung wie im Falle Pasternaks ein „Gericht des Volkes“ über den Preisträger inszeniert, bestehend aus Stellungnahmen mit der Einleitungsformel „Ich habe das Buch nicht gelesen, sage aber dazu…“ Diesmal hatten etwas klügere Regierungsberater, die die Entscheidung in Stockholm voraussahen, lauten Protesten vonseiten des Staates einen Riegel vorgeschoben. Auf der offiziellen Seite des „Jahres der Literatur“ wurde die Aktion „Helft dem Nobelpreiskomitee“ angeboten. Dort figurierte Alexijewitsch an zweiter Stelle in einer Liste von möglichen russischen Kandidaten mit dem Kommentar: „Es kommt Ihnen so vor, dass sie zu publizistisch ist? Aber Solschenizyn hat das doch auch nicht geschadet. Ganz im Gegenteil. Außerdem verteidigt Swetlana Alexandrowna mit großem Zorn die ´allgemeinmenschlichen Werte´ - so, wie man sie im Westen sieht. Und hat nicht Alfred Nobel in seinem Testament eben dazu aufgefordert?“ Mit ironischem Unterton wurde den Lesern hier erklärt, dass es sich im Falle einer Entscheidung für diese Autorin zwar um einen feindseligen Akt gegen den russischen Staat handeln werde, dass die europäisch eingestellte Journalistin deshalb aber nicht als gefährlicher Feind zu betrachten sei und mit gleichem Recht wie andere russische Schriftsteller als Laureat in Frage komme, genannt waren u.a. Jewgeni Jewtuschenko, Daniil Granin, Wladimir Sorokin und Sachar Prilepin. Diese Liste soll hier nicht kommentiert werden, in jedem Falle war dieses offizielle Urteil über Alexijewitsch nicht dazu bestimmt, den „gerechten Zorn des Volkes“ anzustacheln.


Die Feinde der Laureatin melden sich

Die Gegenstimmen blieben jedoch nicht aus, in den patriotisch gesinnten Medien erhob sich eine Welle von hasserfüllten Erwiderungen auf die Entscheidung des Nobelkomitees, in denen die tiefe Kränkung zum Ausdruck kam, die der Zyklus „Stimmen der Utopie“ bei vielen der ehemaligen Sowjetbürger ausgelöst hat.
In gewisser Weise ist diese Reaktion in Alexijewitschs Werk angelegt, der scharfe, kompromisslose Ton ihrer Analysen klingt nach Plakaten und Losungen: „Der Kommunismus hatte einen wahnwitzigen Plan – den ‚alten’ Menschen, den altersschwachen Adam umzuformen. Und das ist gelungen… vielleicht das Einzige, das gelungen ist“. Über das Resultat des Experiments, den Sowjetmenschen, heißt es: „Er – das bin ich. Das sind meine Bekannten, meine Freunde, meine Eltern“. In einem Interview erklärte die Schriftstellerin: „Unser wichtigstes Kapital ist das Leiden. Das ist das einzige, was wir in großer Menge zutage fördern. Nicht Öl, nicht Gas, sondern Leiden“. Als Sammlerin eines gewaltigen Materials von „Stimmen“, als Redakteur, Kommentator und als persönlicher Zeuge spricht die Autorin im Namen von „uns allen“. Eben dieser Anspruch fordert den Protest der Patrioten heraus, der sich oft in den dem groben und höhnischen Umgangston äußert, der im russischen Internet verbreitet ist: „In Russland unterstützen einige Alexijewitsch als eine ‚angesagte’ billige Antisowjetschiza (für empfindsame Dummköpfe ist sie genau die Richtige). Aber was können diese tendenziös zusammengestellten Geschichten von Menschen, die gelitten haben, uns erzählen, redigiert von einer Dame, die nicht an Objektivität interessiert ist, sondern allein daran, wie man den Nobelpreis bekommt?“ „Mitleidige Büchelchen“, „politische Vulgarität“, „liberale Mythologie“ – das sind die Leitmotive der Gegenstimmen.
Der Schriftsteller Sachar Prilepin, den ich kürzlich auf diesem Blog als den nachdenklichen und undogmatischen Schilderer der sowjetischen Kultur am Beispiel des Straflagers Solowki (im Roman „Das Kloster“) vorgestellt habe, verstieg sich in der Zeitung „Izvestija“ (9.10.2015) zu der Behauptung, die Verleihung des Nobelpreises an Alexijewitsch sei die Antwort auf die tiefe Demütigung, die der Westen durch die Annexion der Krim, den Ukrainekonflikt und Russlands Eingreifen in Syrien erlitten habe. Zu diesem Zweck habe man eine Journalistin ausgesucht, die sich durch ihre unerträglich banalen Interviews hervorgetan habe, die alle mit dem Refrain enden: „Russland hat immer nur alle umgebracht und wird weiter alle umbringen…“


„Das ist unsere Sache. Bis ins Mark“

Pawel Basinskij, Kulturredakteur der Regierungszeitung „Rossijskaja gazeta“, zeigte sich entsetzt über diese kindischen Auftritte von namhaften Schriftstellern, und erklärte ihnen in aller Ruhe, die schwedische Akademie habe im Gegenteil „eine weise und ausgewogene Entscheidung getroffen“. Zuerst deshalb, weil sie den Preis für ein Werk der Dokumentarliteratur (non fiction) vergeben habe, eine Gattung, die in der ganzen Welt an Aufmerksamkeit gewinne, und zum zweiten deshalb, weil die Bücher Alexijewitschs „durch ihren Geist ganz und gar mit unserer Geschichte verbunden sind“. Basinskij erinnert an die Erschütterung, die Bücher wie „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ über russische Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg oder „Zinkjungen“ über die Afghanistanopfer ausgelöst haben. „Sie (Alexijewitsch) hat darüber geschrieben, wie niemand sonst schreiben konnte. Sie hat die Menschen selbst zu Wort kommen lassen. Und das ist unsere Sache. Bis ins Mark“.
Im gleichen Ton der Hochachtung, verstärkt durch eine lebenslange Freundschaft mit der Autorin, hat sich Jadwiga Juferowa, ebenfalls Journalistin der „Rossijskaja gazeta“ auf der Seite „Jahr der Literatur“ (8.10.2015) geäußert. Sie erzählt von der Entstehung der Bücher Alexijewitschs und ihrer Arbeitsweise, wobei sie auch Meinungsverschiedenheiten mit der Freundin in politischen Fragen nicht verschweigt.
Viele negative Reaktionen von seiten ehemaliger Sowjetbürger seien aber nicht politisch, sondern psychologisch motiviert. Alexijewitsch löse Gedanken und Gefühle aus, die schwer zu ertragen sind: „Sie ist uns zu nahe. Zu sehr eine von uns, und dabei nicht immer begeistert von dem, was in unserem Land vor sich geht“.
Auf dieser Basis gegenseitiger Achtung könnte in Russland eine Diskussion über die kommunistische Vergangenheit in Gang kommen, in den Zeiten neuer imperialer Ambitionen Russlands ist damit allerdings vorläufig nicht zur rechnen. Immerhin hat die Regierung – wenn auch nicht ohne taktische Überlegungen - Ansätze einer solchen Debatte zugelassen. Die oppositionelle „Novaja gazeta“ lobte die Regierung: sie habe sich „von den den Umständen der Preisverleihung an Pasternak und Solschenizyn entfernt und etwas näher zu einem Wort des Dichters Puschkin bewegt: ‚Der einzige Europäer ist die Regierung’“. Das war nicht ganz ernst, aber doch anerkennend gemeint.


Über den Zyklus „Stimmen der Utopie“

Nachdem sich also der Pulverdampf verzogen hat, kann man in Ruhe über die Vorzüge und auch die angreifbaren Eigenschaften des Projekts „Stimmen der Utopie“ sprechen. Ich beschränke mich her auf einige persönliche Bemerkungen, die sich hauptsächlich auf das letzte Buch „Secondhand-Zeit“ beziehen (2013 erschienen, im selben Jahr auch in deutscher Übersetzung).
Bewunderung wecken der Mut und die Beharrlichkeit, mit denen Alexijewitsch das Projekt zu ihrer persönlichen Sache gemacht hat. Anfang der 80er Jahre bekam sie von ihren älteren Schriftstellerkollegen und Vorbildern Ales Adamowitsch und Wassil Bykow 5000 Rubel als eine Art Stipendium und trat eine mehrjährige Reise quer durch das Land an, um Material für das Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ zu sammeln. Die Tatsache, dass es ihr gelang, mehrere hundert Frauen zu bewegen, über ihre traumatischen Erfahrungen an der Front zu sprechen, spricht für die Charakterstärke der jungen Journalistin. Auch für jedes der weiteren Bücher nahm Alexijewitsch mit ihrem Tonbandgerät 400 – 500 Interviews auf. „Ich höre einem einzelnen Menschen zu und ich höre der Straße zu“, erklärte sie im Gespräch mit Juferowa. Mich erinnerte diese Haltung an den jungen Gorki, der ein Jahrhundert zuvor durch Russland wanderte und „Stimmen“ sammelte, vorzugsweise auf der Straße. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass es sich bei Gorkis Erzählungen um Belletristik auf der Basis autobiographischen Materials handelt, bei Alexijewitsch um bearbeitete Protokolle von Ezählungen meist anonymer Gesprächspartner, über deren Authentizität man streiten kann. Auswahl und Anordnung des Materials sowie Kommentare und eigene Erzählungen sind Sache des Autors. Es handelt sich hier um anfechtbare Seiten jeder Art von dokumentarischer Literatur. Opponenten haben es relativ leicht, wenn sie den Wahrheitsgehalt der Texte in Frage stellen wollen. Das hat sich schon bei dem bis heute andauernden Streit um Solschenizyns „Archipel GULag“ gezeigt. Die Überzeugungskraft dokumentarischer Texte hängt wesentlich von der Bereitschaft des Lesers ab, dem Autor und seinen Gespächspartnern Vertrauen zu schenken. Und dieses Vertrauen ist Alexijewitsch sowohl in Russland als auch in Europa in großem Maße zuteil geworden. Diejenigen ihrer Leser, die sie verehren und lieben, halten sie zudem nicht so sehr für einen Historiker und politischen Analytiker (was sie ausdrücklich auch nicht sein will), sondern für eine ihnen nahestehende Zeitgenossin, mit der sie gemeinsam die Epoche des Kommunismus erlebt haben.
Die Nobelpreisträgerin hat auf diese Weise auch eine theoretische Debatte angeregt, die für Kritiker und Literaturwissenschaftler interessante Fragen aufwirft: Wie authentisch ist dokumentariche Literatur? Kann aus Tonbandprotokollen „literarische Wortkunst“ entstehen? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur? Und was ist überhaupt Literatur? Eine Zusammenfassung der Diskussion um Alexijewitsch in Deutschland findet sich in dem Artikel von Simone Frieling „Swetlana Alexijewitsch, die Ohren-Zeugin“ (s. am Ende des Eintrags). Die Mehrzahl der Beteiligten spricht nicht von der Journalistin, sondern von der Schriftstellerin Alexijewitsch.


„Unser wichtigstes Kapital – das Leiden“

Hauptthema der Bücher Aleksijewitschs ist das Leiden. Es ist nach Meinung der Autorin die Grunderfahrung der Bewohner Russlands im vergangenen Jahrhundert und darüber hinaus ein Grundprinzip der russischen Kultur. Ihm steht als eine weit weniger gesicherte Erfahrung das Streben nach Freiheit gegenüber, ein Begriff, der im Munde der Autorin den hohen Klang bewahrt hat, den er in den Zeiten der Perestrojka besaß. Der Traum von der Freiheit ist nach ihrer Ansicht ein Opfer des räuberischen russischen Neokapitalismus geworden. Zu diesem Konzept mögen hier abschließend einige Überlegungen folgen.

Die großen Katastrophen, denen Alexijewitschs Zyklus gewidmet ist - die gewaltsame Erschaffung des neuen Menschen, der Große Vaterländische Krieg, der Krieg in Afghanistan, das Drama von Tschernobyl, das Ende der Sowjetmacht und seine Folgen – haben sich nicht zufällig in Russland ereignet. Das ist unser nationales Schicksal, versichert uns die Autorin. Einige ihrer Gesprächspartner sind geradezu stolz auf diese Dominanz des Unglücks, zum Beispiel ein Lehrer der älteren Generation: „Wir reden fortwährend über das Leiden… Das ist unser Weg der Erkenntnis. Die westlichen Menschen scheinen uns naiv zu sein, weil sie nicht leiden wie wir, sie haben für jeden Pickel ein Medikament. Dafür haben wir in den Lagern gesessen, im Krieg die Erde mit Leichen bedeckt, mit bloßen Händen den radioaktiven Brennstoff in Tschernobyl’ zusammengescharrt… Und jetzt sitzen wir auf den Trümmern des Sozialismus. wie nach dem Krieg. Wir sind Geschundene und Geschlagene. Wir haben eine eigene Sprache – die Sprache des Leidens“. Die Schriftstellerin selbst bestätigt diese Weltsicht, wenn auch ohne die stolze Intonation: „Dass wir Menschen des Unglücks und der Leiden sind – das ist eine tiefe, weit zurückreichende russische Kultur /…/ Leiden, Kampf und Krieg – sind die Erfahrung unseres Lebens und unserer Kunst“.
Die Opponenten des patriotischen Lagers sprechen verächtlich von der „weinerlichen“ und „nekrophilen“ Grundstimmung ihrer Bücher, aber auch die „Novaja gazeta“ nennt das Werk der Autorin „Ein Klagelied über alle und für alle“. Man kann nicht sagen, dass Alexijewitsch den nationalen Kult des Leidens, der besonders von Dostojewskij geschaffen worden ist, bewusst weiterführt. Sie sucht nach Alternativen, klagt darüber, dass es in Russland „keine Kultur des Glücks“ gebe, in der russischen Literatur z.B. das Thema der glücklichen Liebe fehle, aber sie bekennt zugleich, dass sie sich für die Beantwortung solcher Fragen nicht kompetent fühlt. In dem Gespräch mit Natalja Igrunowa („Secondhand-Zeit“) wird sie von der Journalistin gefragt, ob sie auf ihren Reisen nicht auch Menschen getroffen habe, die nicht zerbrochen sind, tatkräftige, erfolgreiche Menschen mit einer positiven Einstellung zum Leben, und wenn das so war, warum sie sie dann nicht in ihre Bücher aufgenommen habe. Die Antwort ist überraschend. Sie zeigt, dass Alexijewitsch sich bei ihrer Arbeit von einem künstlerischen Wahrheitsbegriff leiten lässt, der nicht mit der Wahrheit der „nackten Tatsachen“ übereinstimmt: „Dann wäre reiner Journalismus herausgekommen, ‚das positive Beispiel’. Ich habe mich in diesem Buch an das gehalten, was am meisten schmerzt, und habe gezeigt, was hinter all dem steht“.


Perestrojka – „Das war meine Zeit“

In „Secondhand-Zeit“ gibt es übrigens trotz dieses Grundsatzes nicht wenige tatkräftige und erfolgreiche Menschen, unter ihnen die Schriftstellerin selbst mit ihren Erzählungen über die „Neunziger“, eine Periode, die heute im Verständnis der Mehrheit der Russen als eine der schrecklichsten Erfahrungen ihres Lebens in Erinnerung ist: der Zerfall des Sowjetreichs, der Einbruch des Kapitalismus, die Zerstörung aller Orientierungspunkte, der Verlust der sozialen Sicherheit und bei vielen die Erfahrung von Not und Hunger. Das alles unter der Losung „Freiheit!“ - ein Begriff, der inzwischen fast zu einem Schimpfwort geworden ist.
Ein großer Verdienst des Buches besteht darin, dass diesem Wort die hohe, von Begeisterung und großen Hoffnungen erfüllte Bedeutung zurückgegeben wird, die es damals für so viele ehemalige Sowjetbüger hatte, besonders für die Kulturschaffenden. Dabei bringt Alexijewitsch auch die notwendigen Korrekturen an der Reputation des letzten Präsidenten der UdSSR Michail Gorbatschow an, den viele heute am liebsten hinter Gittern sehen würden. „Das war meine Zeit“, erklärt die Laureatin im Gespräch mit Juferowa: „Und das war eine erstaunliche Zeit. Ich erinnere mich, wie die Gesichter der Menschen sich veränderten, sogar die Erscheinung der Menge war eine andere. Und so viele neue Namen, Worte und Gefühle!“
Viele der Gesprächspartner Alexijewitschs haben diesen Geruch der Freiheit gespürt, zugleich aber die Enttäuschungen erfahren, die den großen Hoffnungen folgten. Eine Frau (anonym) erinnert sich: „Das waren schöne, naive Jahre… Wir glaubten Gorbatschow, wie wir jetzt niemandem mehr so leicht glauben. /…/ Je mehr wir sagten und schrieben ‚Freiheit! Freiheit’, desto schneller verschwanden aus den Regalen nicht nur Käse und Butter, sondern auch Salz und Zucker.“ Die Frau erzählt von Hamsterreisen gebildeter Menschen nach Polen mit Säcken voll Kinderspielzeug und ähnlichen Bildern der Not und Demütigung. Man muss jedoch bis zum Ende weiterlesen: „Aber ich bin glücklich, dass ich in dieser Zeit gelebt habe. Der Kommunismus war vorbei! /…/ Das freie Atmen jener Tage werde ich nie vergessen…“


„Die Freiheit seiner Majestät des Konsums“

Die gleiche Ambivalenz in der Begegnung mit der neuen Zeit zeigt sich auch in den Erzählungen von der neuen Ökonomie und ihren Folgen im täglichen Leben. Eine Gesprächspartnerin gibt ihre Eindrücke vom Anbruch der Konsumgesellschaft wieder: „Es erschienen ganz andere Sachen. Nicht die plumpen Stiefel und Altfrauenkleider, sondern Sachen, von denen wir immer geträumt hatten: Jeans, Halbpelze, feine Unterwäsche und gutes Geschirr… Alles farbig, schön. Unsere sowjetischen Sachen waren grau, asketisch, ähnlich wie Uniformen“. Die Rede ist, sozusagen, von der Ästhetik des Kapitalismus, von den Freuden der neuen Welt der Dinge. Alexijewitsch selbst zeichnet ein ganz anderes Bild von dieser neuen Welt: „Da ist sie - die Freiheit! Haben wir sie uns so vorgestellt? Wir waren bereit für unsere Ideale zu sterben. Uns im Kampf zu schlagen. Aber nun fing ein ‚tschechowsches’ Leben an. Ohne Geschichte. Alle Werte brachen zusammen, außer dem Wert des Lebens, des Lebens an sich. Neue Träume: ein Haus bauen, ein gutes Auto kaufen, Stachelbeeren anpflanzen… Die Freiheit erwies sich als Rehablilitation des Kleinbürgertums, das gewöhnlich im russischen Leben ausgemerzt war. Es kam die Freiheit seiner Majestät des Konsums“.

Das ist zweifellos Balsam auf die Seele des ehemaligen Sowjetbürgers, der in den Büchern Alexijewitschs überwiegend wenig schmeichelhafte Charakterbilder über sich selbst lesen musste (obwohl die Schriftstellerin Schimpfwörter wie ‚homo sovieticus’ oder ‚sowók“ vermeidet). Hier haben wir den Helden der Epoche vor uns, der bereit ist, für seine Ideale, den neuen Menschen, das Vaterland, zu sterben, den Asketen, der sich mit Verachtung von den Gütern des Lebens, dem „kleinbürgerlichen Glück“ abwendet.
Für den Betrachter von außen und wohl auch für viele jüngere Bürger Russlands wirft dieses Bild Fragen auf: ist dieses heroische Ideal nicht seinerseits ein sowjetischer Mythos, der besonders in der Intelligenz verbreitet war und weiter ist? Jeder weiß, dass die Sowjetbürger einen großen Teil ihrer Energie und Zeit auf die Beschaffung defizitärer Waren aufwenden mussten, und man muss ihnen das nicht zum Vorwurf machen. Aber die Ideale von Einsiedlern und Asketen waren ihnen überwiegend fremd.
Einwände könnte man auch gegen die Missbilligung eines „tschechowschen“ Lebens erheben. Ja, Tschechow, Tolstoj, Turgenjew und andere Klassiker hatten schöne Landsitze, Häuser und Gärten, die zum Stolz der russischen Museumskultur gehören. Aber waren sie deshalb verachtungswürdige Kleinbürger? Man könnte auch fragen, ob hübsche Kleider und gutes Geschirr immer eine teuflische Versuchung darstellen.
Überzeugender mögen die Ansichten der Laureatin erscheinen, wenn es um den verblassenden Ruhm der klassischen Literatur geht, die einst in Russland als eine der wichtigsten Orientierungshilfen im Leben eines jeden Menschen gegolten hat. Wenn das wirklich so war, so hat die Literatur diese Funktion zweifellos eingebüßt. Aber damit ist das literarische Leben in Russland keineswegs verschwunden oder auch nur ärmer geworden. Der Büchermarkt bietet den Lesern heute eine Weltliteratur praktisch ohne Grenzen an, wie es sie in diesem Land nie zuvor gegeben hat. Jeder kann Orwells, Huxleys und Samjatins Antiutopien lesen, Solschenizyns „Archipel GULag“, die Klassiker der Emigration Nabokov und Bunin, dazu Philosophen wie Nietzsche, Schopenhauer und Sartre. All das war dem Sowjetmenschen nicht zugänglich. Und das Internet hat eine neue Filiale des literarischen Lebens eröffnet.

Die hier vorgebrachten Einwände gegen einzelne Ansichten der Laureatin sollen in keiner Weise Zweifel am Wert des von der Stockholmer Akademie ausgezeichneten Projekts wecken. Sie zeigen vielmehr, wie ich hoffe, den Reichtum des von Alexijewitsch gesammelten und bearbeiteten Materials, zu dem auch ihre eigene Persönlichkeit als Zeitzeugin gehört. Dieses Material wäre geeignet, der Diskussion in Russland über die kommunistische Vergangenheit, die sich bisher nur als ein Schlachtfeld darbietet, eine neue Grundlage zu geben. Ein gewisser Ansatz dafür, eine Atempause im Informationskrieg, war in den gegensätzlichen Reaktionen der Medien erkennbar. Man darf hoffen, dass diese Debatte irgendwann einmal ihre Fortsetzung findet.

Auf eine Gegenüberstellung des Themas mit der Welt Maxim Gorkis, die man an dieser Stelle erwarten könnte, möchte ich verzichten, um die Geduld meiner Leser nicht zu strapazieren. Der sowjetische Klassiker Gorki hätte sicher manches gegen die Thesen der Laureatin einzuwenden, der „unbekannte Gorki“ würde ihr dagegen in vielem zustimmen, wenn es um die „russischen Menschen“ geht.

Ich wünsche Ihnen, liebe Besucher des Blogs „Der unbekannte Gorki“, Gesundheit und Glück im Neuen Jahr 2016, und ein „tschechowsches“ Leben, ungestört von der großen Geschichte.

Zum Thema auf diesem Blog
Gorki und der Nobelpreis – Warum hat er ihn nicht bekommen?

Zur Diskussion in Deutschland:
Simone Frieling, Swetlana Alexijewitsch, die Ohren-Zeugin. Aus Anlass der Verleihung des Literaturnobelpreises am 10. Dezember 2015 hier.
Weitere Quellenangaben in der russischsprachigen Version des Eintrags (Link am Anfang)

Kategorie: Russland und die Russen

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