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„Jahr des Sieges der Literatur“ – aber in der Armee der Schriftsteller fehlte Maksim Gorki

Montag, 08. Februar 2016, 15:14:21 | Armin Knigge

„Jahr des Sieges der Literatur“ – aber in der Armee der Schriftsteller fehlte Maksim Gorki

Titelblatt des Albums "Jahr des Sieges der Literatur"

In russischer Sprache hier.

Das reich mit Text- und Bildmaterial ausgestattete und im Internet verbreitete Album „Jahr des Sieges der Literatur“ dokumentiert ein gigantisches Festival der Literatur, des Buchs und des Lesens, das in der Art der Durchführung an die großen Feiern der Sowjetzeit erinnerte. Nichtsdestoweniger hatte die Veranstaltung unter den Bedingungen eines neuen Kalten Krieges und wirklicher blutiger Kriege eine friedenstiftende Funktion. Eine besondere Diskussion erfordert allerdings die seltsame Abwesenheit Maksim Gorkis im „Jahr der Literatur 2015“. Von neuem stellt sich die Frage “War denn Gorki da?“

Vor fast einem Jahr (18. März 2015) habe ich auf diesem Blog meine ersten Eindrücke über Ziele und Duchführung des Jahrs der Literatur in Russland mitgeteilt (22.02.2015 „Kultur in Zeiten des Krieges“; alle links am Schluss): Es war von der Lebendigkeit der gegenwärtigen russischen Literatur die Rede, aber auch von der Gefahr einer bevorstehenden neuen Verstaatlichung des literarischen Lebens. Die tausende Besucher haben das wohl nicht so empfunden und hatten ihren Spaß an diesem Literaturfest. Davon zeugt das abschließende Album mit dem Titel „Jahr des Sieges der Literatur“, zusammengestellt vom Organisationskomitee des Literaturjahres und der Regierungszeitung „Rossijskaja gazeta“, finanziert von der Föderalen Agentur für Presse und Massenkommunikation. Kein Zweifel, wir hatten es hier mit einer staatlichen Veranstaltung zu tun, einem Teil der Kulturpolitik der Regierung. Niemand versuchte auch, diesen Umstand zu verschleiern, etwa durch den Hinweis auf die Unabhängigkeit von Literatur und Kunst und die partikulären Interessen von einzelnen Gruppen und Individualitäten und ihren Verbänden, also der Schriftsteller, Verleger, Kritiker, Bibiothekare usw. Sie alle stellten sich willig in den Dienst dieses großangelegten Projekts, das der Präsident per Erlass angeordnet hatte und das von der staatlichen Verwaltung nicht nur in den Metropolen, sondern in allen Regionen Russlands geplant und gelenkt wurde. Den staatlichen Charakter der Veranstaltung unterstrich auch das Emblem auf allen Dokumenten: die streng ausgerichteten Profile Puschkins, Gogols und Achmatowas. Sie erinnerten an die ebenso aufgereihten Profile der Klassiker des Sowjetmarxismus (und übrigens auch an die Profile Puschkins und Gorkis auf dem Titel der „Literaturnaja gazeta“, doch darüber später). Zum Stil der Sowjetzeit gehörte auch die originelle Idee, das Literaturjahr mit dem „Tag des Sieges“ zu verbinden, einem der größten Feiertage Russlands. Dem Betrachter von außen mag dieses martialisch aufgeputzte „Jahr des Sieges der Literatur“ ´íns Ohr schneiden´, wie man in Russland sagt, aber dort drückt es heute wenn nicht ein reales freudiges Gefühl des Sieges über äußere Feinde aus, so doch die Sehnsucht nach einem solchen Gefühl.


Der Staat lässt der Literatur ihre Verschiedenheit

Geirrt haben sich dennoch Beobachter, die auf Grund bekannter Muster der sowjetischen Ästhetik angenommne hatten, es handle sich hier um einen Teil des Projekts UdSSR-2, d.h. den Versuch der Rückkehr zu einer Einheitsliteratur unter vollständiger Kontrolle des Staates. Befürchtungen in dieser Richtung konnte unter anderem der Auftritt des Führers der Kommunistischen Partei Russlands Gennadi Sjuganov auf der gemeinsamen Sitzung des Staatsrats und des Rats der Kultur beim Präsidenten im Dezember 2014 wecken. Zur Verteidigung der Größe und des Ruhms der sowjetischen Vergangenheit forderte der KP-Chef die Wiederauflage von Werken solcher Sowjetschriftsteller wie Juri Bondarew, Michail Aleksejew u.a., mit deren Werken nach seinen Worten „eine ganze Generation von Helden, Patrioten und unermüdlichen Arbeitern erzogen“ worden seien. In dem Album sind mir die genannten Autoren nicht aufgefallen, die sowjetische Vergangenheit ist durch eher respektable Schriftsteller und Dichter wie Majakowskij, Pasternak, Jessenin und Majakowskij vertreten. Vergeblich suchen Verehrer der Sowjetzeit dort auch solche Produkte der neuesten Publizistik wie „Das Imperium des Guten“ oder „Die UdSSR – das verlorene Paradies“.

Die Organisatoren haben solche Themen der Propaganda offenbar vermieden, der Präsidient sprach auf der feierlichen Eröffnung im Moskauer Künstlertheater nur in allgemeinen Worten über die „mächtige schöpferische Kraft der russischen Literatur“ und ihre Fähigkeit, „die Nation im Umkreis allgemeiner geistiger und sittlicher Werte zu vereinigen“, ohne dabei auf die Inhalte dieser Werte einzugehen. Das Staatsoberhaupt konnte sich auf diese Weise als Verteidiger der Kultur präsentieren und vergaß auch nicht, sein Bedauern darüber auszusprechen, dass die Leser in Russland weniger werden. Er rief die Beteiligten am literarischen Prozess auf, „den Wert eines guten Buches wiederzubeleben“. Den Sinn dieser Position kann man etwa so zusammenfassen: Der Staat betrachtet die Kultur und die Literatur als eine Filiale seiner Macht, aber der Apparat besteht nicht auf einer vollständigen Kontrolle über diese Sphäre. Die Verwaltung erkennt im Prinzp die Vielfältigkeit und Gegensätzlichkeit der Literaturproduktion und ihrer Aufnahme an (der Kritiker Pawel Basinskij hatte in der Regierungszeitung die „Nichthomogenität der Kultur“ betont). Im Jahr 2015 hatten sich durch den Zufall des Kalenders zum Beispiel die folgenden Schriftsteller mit ihren Geburtstagen getroffen oder waren aufeinander gestoßen: Boris Pasternak (125. Geburtstag), Sergej Jessenin (120.), Michail Scholochow (110.), Konstantin Simonow (100.). Was verbindet diese Autoren, außer ihrer Zugehörigkeit zur russischen Sprache und Literatur? Im patriotischen Lager spricht man gern von der gemeinsamen „russischen Welt“, der „nationalen Matritze“, „nationalem Volksbewusstsein“ oder einfach von „Russentum“ (russkost’), aber im Grunde sind das Leerformeln, die nichts über die Individualität eines jeden der Genannten aussagen. An sorgfältigeren Begriffsanalysen ist der Staat nicht interessiert und betrachtet die Schriftsteller nur als – freiwillige oder unfreiwillige – Unterstützer seines Prestiges in der Welt oder einfach als schmückendes Beiwerk der Macht. Das trifft im übrigen nicht nur auf Diktaturen, sondern mehr oder weniger auf alle politischen Systeme zu. Wenn solche offizielle Aufmerksamkeit wirklich der Wiedererweckung des Sinns für ein gutes Buch dienen sollte, ist dagegen nicht unbedingt etwas einzuwenden.

Man muss sich auch nicht denen anschließen, die Massenveranstaltungen solcher Art für prinzipiell unvereinbar mit Kultur und Literatur halten. Es gab einzelne Stimmen in diesem Tenor: „Inspiration ist unverkäuflich (Puschkin)“, „der freie Geist der Literatur weht, wo er will“ u.ä.m. Aber die Literaturproduktion und –rezeption ist auch in Russland längst zu einem großen Markt geworden. Dem trug auch der Unterhaltungscharakter des Festivals Rechnung. Im Vorwort des Albums berichten die Organisatoren stolz: „In Blagowestschensk hat ein Hausmeister literarische Raritäten gesammelt, in Woronesch haben Schüler Briefe an Vanjka Schukow geschrieben [den Helden der gleichnamigen Erzählung von Tschechow] und in Jasnaja Poljana wurde Konfitüre nach einem Rezept von Sofja Andrejewna [Tolstojs Frau] gekocht“. Die Veranstalter haben sich bemüht, die Atmosphäre von traditionellen Volksbelustigungen herzustellen, die schönen Landsitze von Schriftstellern boten dafür eine ideale Kulisse. Die Fotos zeigen, dass es den Menschen dort gefallen hat, ebenso auf den riesigen Literaturmärkten, u.a. auf dem Roten Platz in Moskau. Es gab ungewöhnliche Aktionen, Wettbewerbe, Lesemarathons (z.B. 60 Stunden „Krieg und Frieden“ auf mehreren Kanälen des staatlichen Fernsehens). Dergleichen lassen sich auch Eventmanager im Westen einfallen, Russland ist in dieser Hinsicht voll europäisiert. „Dieses Album ist kein Rapport über die Erfüllung eines staatlichen Programms“, heißt es im Vorwort, „eher das emotionale und dokumentarische Zeugnis für ein echtes Interesse am Lesen und an einem guten Buch“. Mag es so sein.


Nicht allen Schriftsteller wurde die gleiche Ehre zuteil

Gehen wir nun zu den ernsthafteren Einwänden über, die besonders durch die Auswahl und Präsentation des eigentlichen literarischen Materials geweckt werden konnten. Beginnen wir mit der Laureatin des Nobelpreises für Literatur Swetlana Aleksijewitsch, der der Neujahrseintrag auf diesem Blog gewidmet war. Die regierungsnahe Presse begegnete dieser Entscheidung ohne den inszenierten „Volkszorn“, der in Sowjetzeiten für fast alle Reaktionen auf die Entscheidungen in Stockholm typisch war und erteilte auch Kollegen und Freunden der Schriftstellerin das Wort. Den wütenden Reaktionen patriotisch gesinnter Schriftsteller und Kritiker auf die Preisverleihung an diese „weißrussische Journalistin“ räumte man im Album „Jahr des Sieges der Literatur“ keinen Platz ein. Dennoch hätte das Ereignis selbst, die Würdigung einer russischsprachigen Schriftstellerin nach einer langen Pause seit 1987 (Verleihung an Joseph Brodsky) auf einer Veranstaltung , die der russischen Literatur in ihrer Ganzheit gewidmet war, eine aufmerksamere und respektvollere Antwort verdient. In der Charakteristik der Laureatin – „ein Mensch russischer Kultur, der mit seiner künstlerisch-dokumentarischen Prosa selbstbewusst in den Kreis europäischer Intellektueller eingetreten ist“ – hört man den Ärger über den rebellischen Charakter dieser Frau heraus, über ihre Nähe zur europäischen Kultur und ihr vernichtendes Porträt des „roten Menschen“. Kein Wort darüber, dass ihr Werk „ganz unsere Sache ist – bis ins Mark“ (P. Basinskij). Dazu wurde der Preisträgerin auf derselben Seite des Albums Bella Achmadulina mit ihrem Gedicht „Sieg“ an die Seite gestellt. Die Gedanken der Dichterin zum Tag des Sieges 1945 wurden dem Leser auf diese Weise als eine Art Korrektiv zur Geisteshaltung Swetlana Aleksijewitschs empfohlen. In der Tat, Siegesfreude ist nicht ihre charakteristische Stimmungslage.

Einen seltsamen Eindruck erweckte bei mir die fast vollständige Abwesenheit des Klassikers Turgenjew im Album. Alle Klassiker sind – unabhängig vom Vorliegen eines Jubiläums – mit einer Veranstaltung und einer Charakteristik bedacht: Puschkin, Gogol, Lermontow, Dostojewskij, Tolstoj, Tschechow. Turgenjew wird, wenn ich nichts übersehen habe, nur im Projekt „literarische Konfitüre“ erwähnt. Jedenfalls nicht genannt ist er auf den Seiten, die der glamourösen Eröffnungsveranstaltung im Moskauer Künstlertheater gewidmet sind, wo die literarisch-künstlerische Komposition „Kreis des Lesens“ von bekannten Schauspielern aufgeführt wurde. In der Aufzählung der Schriftsteller, von denen ausgewählte Zeilen zu Gehör gebracht wurden - Puschkin, Lermontow, Dostojewskij, Tolstoj, Gogol, Tschechow – wurde gewissermaßen eine Lücke hörbar, der Name des Autors von „Väter und Söhne“. Auf den Gedanken, dass es sich hier nicht um einen Zufall handeln könnte, brachte mich die Erinnerung an Meinungsverschiedenheiten über diesen Klassiker, die in Diskussionen der letzten Jahre zu lesen waren. Über die Auftritte des Vorsitzenden der Kommission für Kultur in der regierungsnahen Gesellschaftskammer (Obstschestwennaja palata) Pawel Poschigajlo im Jahr 2013 gegen den angeblich schädlichen Einfluss der Klassiker auf die Erziehung der Schuljugend war auf diesem Blog berichtet worden. Poschigajlo hatte Turgenjew zu denjenigen Schriftstellern gezählt, die mit ihren Werken „Atheisten und Revolutionäre“ erzogen haben. Die Annahme, es könne sich auch in diesem Fall um Vorbehalte gegenüber dem „russischen Europäer“ Turgenjew handeln, entbehrt also nicht jeder Grundlage.


Im „Kreis des Lesens“ fehlt Maksim Gorki

Schwer zu glauben, dass im russischen literarischen Leben einmal die Leser und Verehrer Turgenjews verschwinden würden. Nicht weniger phantastisch erscheint mir die Vorstellung eines solchen Schicksals für das Erbe Maksim Gorkis. Nichtsdestoweniger ist hier der Umstand zu konstatieren, dass das gigantische Fest „Jahr der Literatur 2015“ – wenn man dem abschließenden Bericht „Jahr des Sieges der Literatur“ glauben soll – in Abwesenheit des Autors der dreiteiligen Autobiogaphie, der Erinnerungen an Tolstoj, des Dramas „Nachtasyl“, des ersten Bewusstseinsromans „Das Leben des Klim Samgin“ und einer Reihe anderer bekannter Texte der russischen und der Weltliteratur stattgefunden hat. Einen Zufall darf man hier ausschließen. Gorki ist offensichtlich nicht gefragt. In dem Album fand ich nur eine Erwähnung seines Namens im Zusammenhang mit dem 125. Jahrestag der Gründung der berühmten Serie „Das Leben bedeutender Menschen“. Begonnen in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, wurde die Serie in den 1930er Jahren wiederbelebt – „auf die Initiative von Maksim Gorki“. In dem Bericht über die Eröffnungszeremonie, wo ein ganzes Panorama der russischen Literatur in Bild und Ton vorgeführt wurde, erscheint eine Reihe von Zeitgenossen, die, wenn nicht freundschaftliche, so doch intensive persönliche Kontakte mit Gorki hatten: Tolstoj, Tschechow, Andrejew, Bal’mont, Bunin, Blok, Belyj, Pasternak, Majakowskij. Auch hier tut sich eine Lücke auf – nach Tolstoj und Tschechow.

Natürlich kann keine Rede davon sein, dass hier das „Ende Gorkis“ verkündet werden soll, wie das schon mehrfach in der Rezeptionsgeschichte dieses Schriftstellers geschehen ist. Ich denke, dass die Organisatoren des Jahres der Literatur, die sich hauptsächlich von dem Ziel der Popularisierung der Literatur leiten ließen, davon ausgingen, dass Gorki sich heute nicht der besonderen Sympathie des breiten Lesepublikums erfreut, und dass sie auch nicht gewillt waren, diese Situation zu ändern.


Warum ist Gorki nicht gefragt?

Auf der Suche nach Gründen für den Mangel an Popularität bei Gorki bietet sich zuerst das Bild eines durch übermäßigen Gebrauch in Schule und Öffentlichkeit verbrauchten Klassikers an, und zwar eines sowjetischen Klassikers: Gorki – das ist der in Gips und Bronze gegossene „große Schriftstelller der russischen Erde“, der Kampfgefährte Lenins und Stalins, der Begründer des Sozialistischen Realismus und Stammvater der Sowjetliteratur, Autor des „Lieds vom Sturmvogel“ und des Romans „Die Mutter“, den Generationen von Schülern in festen Formeln zu lernen hatten und entsprechend langweilig fanden. Wenn das wirklich der Hauptgrund für die Abneigung gegen Gorki ist, wäre das eine denkbar bittere Strafe für die Sünden seiner letzten Lebensjahre. Er wird in der Gestalt, in der er den höchsten Punkt seines Ruhms erreichte, aus dem Pantheon der Literatur ausgeschlossen. Dabei interessiert sich kaum noch jemand dafür, dass der historische Gorki eine gänzlich andere Persönlichkeit war, ein plebejischer russischer Nietzsche, ein großer Künstler und unermüdlicher Kämpfer für ein neues, freies Russland, ein Reich der Arbeit und schöpferischen Energie, in dem das russische Volk seine ungewöhnlichen Talente entfalten und „die Erde verschönern“ sollte mit der wundertätigen Kraft seiner Volkshelden vom Typ des Waska Buslajew. In dieser anderen Gestalt ist der Schriftsteller Gorki ein großartiges Russland-Symbol, das nun hinter einem Parteiplakat verschwindet.

Wenn es sich so verhält, entstehen aber neue Fragen. Wie passt dieses Desinteresse an Gorki zu der neuerlichen Sehnsucht nach der sowjetischen Vergangenheit, die in Russland zu beobachten ist? Warum sind die ehemaligen Bürger der UdSSR nicht stolz auf diesen Repräsentanten der Sowjetmacht mit dem internationalen Namen? In der Tat gibt es bis heute nicht wenige Menschen, die Gorki in diesem Sinne verehren, darunter z.B. die Leser der bekannten „Literaturnaja gazeta“, auf deren Titelleiste Puschkin und Gorki seit 2004 wieder die alte und die neue russische Literatur verkörpern, nachdem Gorki im Jahr 1990 von diesem Platz verschwunden war. Aber dieser zurückgekehrte Sowjetklassiker ist nur noch ein Symbol der Erinnerung und entspricht nicht dem Geschmack des breiten Lesepublikums.

Neben dem abgenutzen Klassiker wirkt auch der entgegengesetzte Prozess weiter, die in der Periode der Perestrojka begonnene „Entkrönung“ oder „Entthronung“ (razvenchanie) Gorkis, vor allem die gerechtfertigte scharfe Verurteilung seiner Zusammenarbeit mit Stalin und seiner willentlichen oder unwillentlichen Unterstützung des Terrors. Auch dieses Argument ist heute aber nicht mehr vorherrschend angesichts einer zunehmenden Bereitschaft der Öffentlichkeit, den Führer des sowjetischen Imperiums und Sieger über den Faschismus zu rehabilitieren.

In der Sphäre der anspruchsvolleren Leser wirken außerdem die negativen Urteile führender Vertreter der russischen Emigration abschreckend auf ein mögliches Interesse an Gorki. Die höhnischen Bemerkungen Wladimir Nabokows, Iwan Bunins und anderer über den primitiven Charakter des Schriftstellers, sein dürftiges Talent und seine unbedeutende Rolle in der Literatur haben für viele die verbreitete Ansicht bestätigt, dass ein ernsthaftes Interesse an Gorki auf einen schlechten Geschmack hindeutet. Dies ist übrigens auch in der wissenschaftlichen Forschung sowohl in Russland als auch in Westeuropa und besonders in Deutschland ein weiter wirksames Vorurteil.


„Eine zu große Figur für uns“

Einige wenige Forscher und Kritiker, die auf diesem Blog schon mehrfach zu Wort gekommen sind, sehen den Grund für das geringe Interesse an Gorki, in direktem Gegensatz zu den einfachen und vielfach verbeiteten Ansichten über ihn, gerade in der Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des Schriftstellers, die die Beschäftigung mit ihm interessant machen, für viele aber auch anstrengend und unbequem. Gorki ist entgegen seinem früheren Ruf eigentlich kein Schriftsteller für das „Volk“, seine Bücher und Briefe fordern vom Leser die Bereitschaft, sich auf seine Gefühls- und Gedankenwelt einzulassen und eine kritische Haltung gegenüber der Geschichte und Gegenwart Russlands einzunehmen, auch gegenüber den eigenen Vorurteilen auf diesem Gebiet.

Zur Erläuterung dieser These sollen hier einige Urteile über diesen „anderen“ Gorki aus den letzten beiden Jahrzehnten angeführt werden. Sie sind großenteils auf diesem Blog ausführlicher nachzulesen. Nicht zufällig waren es Vertreter der traditionellen, strenger staatlicher Kontrolle unterworfenen Gorki-Forschung, die noch in der Periode der Demontage des Sowjetklassikers die Notwendigkeit einer grundlegenden, wissenschaftlich fundierten Neubestimmung der Bedeutung dieses Schriftstellers erkannten. „Gorki bleibt eine zentrale, eine Kernfigur im literarischen Prozess des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts“, erklärte Natalja Primochkina in ihrer Arbeit „Der Schriftsteller und die Macht“ (Pisatel’ i vlast’, 1996), in der sie die politischen und künstlerischen Beziehungen Gorkis zu denjenigen Schriftstellern der 1920er Jahre darstellte, die von der Sowjetmacht nicht anerkannt oder sogar verfolgt wurden, darunter Aleksandr Blok, Sergej Jessenin, Jewgenij Samjatin, Michail Bulgakow und Boris Pilnjak. In dem großenteils unveröffentlichten Material kam nicht nur die Weite und Unabhängigkeit der Ansichten Gorkis über die neue russische Literatur zum Vorschein, sondern auch die Nähe seiner eigenen Suche nach neuen Themen und Formen zu diesen der „Dekadenz“ verdächtigen Autoren. 2003 folgte ein Band derselben Forscherin über Gorkis Beziehungen zu den Schriftstellern der Emigration – Wladislaw Chodasewitsch, Iwan Bunin, Dmitrij Mereschkowskij, Sinaida Gippius, Alexei Remisow u.a. – die er auch dann als Künstler schätzen und verteidigen konnte, wenn sie politische Gegner waren.
Die Entdeckung eines neuen Gor’kij beschrieb Lidija Kolobajewa in der Monographie „Literatur und Philosophie“ (2013), die insbeondere der Nähe des jungen Gorki zur Philosophie Nietzsches gewidmet war, einem Thema, das in sowjetischer Zeit nur in ideologisch „gereinigter“ Form dargestellt werden durfte: „Maxim Gorki, in unserer Vorstellung noch vor kurzem ein vollständig entdeckter und verstandener, bis zur Langeweile klarer und den Normen entsprechender Schriftsteller, wird plötzlich rätselhaft“.
Dem in vielem „rätselhaften“ Gorki war auch die breit diskutierte Biogaphie des Kritikers und Schriftstellers Pawel Basinskij gewidmet, die 2005 erschien (veränderte Fassung 2011). Der Autor war ebenfalls vom Thema des „russischen Nietzscheanertum“ fasziniert und von Gorki als einer „religiösen Persönlichkeit“. In einem Interview stellte er ein überraschendes Argument zur Diskussion. Dieser Autor sei einfach „eine zu große Figur für uns“. „Wir fürchten gegenwärtig alles ´Große´, es herrscht eine kulturelle ´Makrophobie´…Und so schreckt auch Gorki viele ab. Vier Bände „Klim Samgin“ und so weiter.“ („Vzgljad“, 17.10.20)
Ein breiteres Lesepublikum fand auch das Buch „War denn Gorki da?“ (Byl li Gor’kij?) (2008) des in Russland durch Auftritte im Fernsehen und als Kolumnist der oppositionellen Zeitung „Novaja gazeta“ bekannten Schriftstellers und Kritikers Dmitrij Bykov. Der Titel spielt auf ein Leitmotiv aus Gorkis Roman „Das Leben des Klim Samgin“ an, ein in Russland ein geflügeltes Wort – „War denn eine Junge da?“. Ein junger Mann ist ertrunken, und ein Passant stellt die Frage, ob das denn überhaupt als gesichert gelten könne. Bykov fasst die Bedeutung des Schriftstellers so zusammen: „Gorki ist ein großer, monströser, rührender, seltsamer und heute unbedingt notwendiger Schriftsteller“. Die aktuelle Notwendigkeit bezog sich auf die Atmosphäre der „nuller“ Jahre, die Bykov als „Lethargie“ und eine „schläfrige Verwirrtheit“ charakterisiert. Das war noch vor dem nationalen Aufschwung, aber bis heute unverändert geblieben ist die allgemeine Abneigung gegen grundlegende Veränderungen der Gesellschaft, die nach Überzeugung der Menschen immer und unausweichlich zu großem Blutvergießen führen müssen. Man will „Stabilität“ und keine revolutionären Umtriebe, wie sie sich mit dem Namen Gorkis verbinden. Bykov vertritt dagegen die Notwendigkeit einer Zivilgesellschaft, die ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Es sei an der Zeit, sich wieder mit den Grundfragen der Gesellschaft, den Utopien und Antiutopien zu beschäftigen und eben dafür biete Gorkis Erbe einen idealen Ansatz. Gorki habe sich nicht nur mit dem Kapitalismus und der Konsumgesellschaft, sondern auch mit dem Nationalismus kritisch auseinandergetzt: „Er hat doch genau das russische Leben entlarvt, das wir heute unter dem Namen der ´nationalen Matritze´vergöttern“. Deshalb sei keinesfalls die Zeit für eine „Abschreibung“ des Schriftstellers gekommen: „Gorki ist weiter fähig, die Gemüter zu erregen“.
In diesem Punkt erhielt Bykov Unterstützung aus dem entgegengesetzten Lager der Anhänger des Sozialismus sowjetischen Typs. Lidija Spiridonova, eine bekannte Gorki-Forscherin, Leiterin der Abteilung für die Erforschung und Herausgabe seiner Werke im Moskauer Institut für Weltliteratur (IMLI) erklärte in ihrer 2013 erschienenen Monographie „Der wahre Gorki: Mythen und die Realität“: „Er [Gorki] ist in das dritte Jahrtausend als ein lebendiger und aktueller Klassiker eingetreten, dessen Werke durch die Tiefe des Denkens und die Frische der Weltbetrachtung beeindrucken“. Die Aktualität Gorkis sieht Spiridonova, wie auch Bykov, in seiner radikalen Kapitalismus-Kritik, aber die Größe des „wahren Gorki“ bestehe in seinem „Traum vom Menschen“, der nach ihrer Ansicht in dem Sowjetmenschen der 30er Jahre des vorigen Jahrhundert Wirklichkeit geworden ist.


Es hat ihn gegeben!

Es scheint also unzweifelhaft, dass Gorki „da war“, er ist sogar weiter „fähig, die Gemüter zu erregen“. Angesichts solcher Aussagen mutet die schweigende Abwesenheit dieses Schriftstellers im Literaturjahr 2015 geradezu absurd an. Aber es bleibt die Tatsache, dass sich das Interesse an ihm auf einen relativ kleinen Kreis beschränkt. Beim breiten Lesepublikum gibt es genügend Gründe, ihn mit Missachtung zu strafen. Den einen ist er als Sowjetklassiker verleidet, andere hassen ihn als Bolschewiken, als „Sänger des GULAG“ und als Verräter an der nationalen Kultur, wieder andere halten es für unter ihrer Würde sich mit ihm zu beschäftigen, in direktem Gegensatz zu solchen Zeitgenossen, die ihn wegen seiner „Größe“ für allzu anstrengend halten. In jedem Fall entspricht ein solcher Mangel an Aufmerksamkeit nicht der Bedeutung dieser historischen Figur.

Im Jahr 1928, fünf Jahre vor der Verleihung des Preises an Iwan Bunin, war das Nobel-Komitee im Prinzip bereit, Gorki zum Laureaten zu machen. Mit seiner Abkehr von der revolutionären Propaganda um 1910 und der realistischen Kunst seines autobiographischen Werks habe sich Gorki, nach Ansicht des Experten in der zuständigen Kommission Anton Karlgren, „einen erstrangigen Platz in der Geschichte der russischen Literatur gesichert“. Aber das Komitee sah sich genötigt, von dieser Entscheidung Abstand zu nehmen, weil sie es für unverantwortlich hielt, die Zeitungsartikel Gorkis in „Pravda“ und „Izvestija“ durch die Autorität eines Nobelpreisträgers aufzuwerten. Aus heutiger Sicht kann man das als eine gerechtfertigte Entscheidung betrachten. Trotzdem war die Mehrheit des lesenden Publikums in Europa damals überzeugt, dass Gorki zu den bedeutendsten Schriftstellern der russischen und der Weltliteratur gehörte.

Anton Tschechow schrieb 1903 an einen Freund: „Meiner Ansicht nach wird eine Zeit kommen, da die Werke Gorkis vergessen sein werden, er selbst aber wird sogar in tausend Jahren schwerlich vergessen sein“. Heute könnte man meinen, dass sich diese Prognose als falsch erwiesen hat: vergessen sind nicht nur die Bücher, sondern auch ihr Autor. Es ist aber zu bedenken, dass die beschriebene Situation wohl mehr über das heutige Russland aussagt als über das Wesen und das Schicksal des Schriftstellers Gorki. Im übrigen ist er ja in Wirklichkeit nicht verschwunden. Auf den Bühnen der Welt, besonders in Deutschland, ist er nach wie vor präsent, und auch seine Prosa, vor allem die autobiographische, findet ihre Leser, wenn auch in bescheidenerem Umfang. Außerdem setzen die Gorki-Spezialisten im Moskauer Institutut für Weltliteratur ihre aufopferungsvolle (weil unzureichend geförderte) Arbeit fort. In diesen Tagen ist der 18. Band der 24-bändigen Vollständigen Ausgabe der Briefe in Druck gegangen. Wenn man allein den publizierten Teil der gewaltigen epistolarischen Hinterlassenschaft (mehr als 10.000 Briefe) zusammen mit den Publikationen kompletter Briefwechsel Gorkis mit Zeitgenossen in den Blick nimmt, so haben wir eine Enzyklopädie des ersten Drittels des 20. Jahhrunderts vor uns, die ihresgleichen sucht. An keinem anderen Ort findet man eine solches – durch die Person Gorkis vermitteltes – Zusammentreffen von Zeitgenossen: Tschechow zusammen mit Lenin und Stalin, Bunin und Bal’mont neben Lunatscharskij und Bogdanow, Andrejew und Rozanow nicht lange vor dem Erscheinen der ersten Schriftsteller Sowjetrusslands – dazu eine lange Reihe von Schriftstellern und Kulturschaffenden des europäischen Auslands. Allein dieses Massiv von Texten sichert nicht nur das Andenken an den Menschen Gorki, sondern bewahrt auch seine Bücher, die in den Briefen von so verschiedenen Zeitgenossen diskutiert werden.


Die Schriftsteller und der Staat

Im vorhergehenden Eintrag über das Jahr der Literatur war von der relativen Unabhängigkeit der Literatur im postsowjetischen Russland die Rede, aber auch von der Gefahr einer erneuten Verstaatlichung des literarischen Lebens. Sie wird nicht wie in Sowjetzeiten durch offene ideologische Kontrolle hergestellt, sondern mit eher sanften Methoden betrieben. Die Administration mit dem Präsidenten an der Spitze bemüht sich offensichtlich, die soziale Lage der Produzenten und Organisatoren der Literatur zu verbessern, insbesondere durch Wettbewerbe und Preise, deren Bedeutung in den letzten Jahren erheblich gewachsen ist. Das Literaturjahr als Werbeveranstaltung für das Lesen liegt auf dieser Linie. Aber erwartet die Staatsmacht im Gegenzug zu solcher Wohltätigkeit nicht auch mehr Loyalität oder sogar aktive Unterstützung von seiten der schreibenden Zunft?
Der Schriftsteller Roman Sentschin, ein kritischer Beobachter der Kulturszene, der auf diesem Blog schon mehrfach zu Wort gekommen ist, berichtete im Dezemer 2014 auf dem Portal „Svobodnaja pressa“ (svpressa.ru, 1.12.2014) von seinen Eindrücken bei der Verkündung der Preisträger des populären Buchpreises „Bolschaja kniga“, also einer Veranstaltung im Umfeld des Literaturjahres. Der Schriftsteller fühlte sich dort gleichsam in eine fremde und zugleich allzu bekannte Welt versetzt. Die Zeremonie begann mit dem Lied „Und wieder geht es in den Kampf“ (I vnov’ prodolzhaetsja boj). (Die Fortsetzung lautet: „Voll Unruhe schlägt das Herz…/Und Lenin ist so jung / Und der junge Oktober steht bevor“). Die Annotationen der ins Finale gekommenen Bücher waren „in bester sowjetischer Stilistik“ gehalten, bemerkt Sentschin. Moderatorin der Zeremonie war die frühere Sprecherin des Zentralen Fernsehkanals der UdSSR Anna Schatilowa. Nach den Beobachtungen des Schriftstellers sind Veranstaltungen solcher Art in den letzten Jahren in vielen Sphären des gesellschaftlichen Lebens zur Norm geworden. Die Schriftsteller in seiner Umgebung reagierten bislang eher mit Ironie auf diesen Stil der Präsentation, meint Sentschin, aber er ist sich nicht sicher, ob das so bleibt: „Nicht ausgeschlossen, dass sehr bald auch wir, die Literaten, ernsthaft daran teilnehmen werden…“
Sentschin glaubt zu bemerken, dass dieser neue Respekt vor dem Staat sich auch auf die schöpferische Tätigkeit der Schriftsteller auswirkt. Talentierte Prosaiker der realistischen Richtung, die in der Lage wären, komplexe und kritische Beschreibungen des gegenwärtigen Lebens in Russland zu schaffen, vermeiden überhaupt das Thema der Gegenwart und ziehen es vor, die Handlung ihrer Werke in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu verlegen, wobei die Zukunft eher düster und ohne jede utopische Vision gezeigt werde. Man könnte damit Anstoß erregen, und wer möchte schon „auf eine Gabel treten“.
Es mag sein, dass Sentschins Beschreibung der Situation stimmungsbedingt ein wenig überspitzt formuliert ist. Immerhin ging der Preis „Bolschaja kniga“ für das Jahr 2014 in der Zeremonie, von der Sentschin berichtet, an den Schriftsteller Sachar Prilepin für den Roman „Das Kloster“ (Obitel’) über das Lager Solowki, ein Buch, das keineswegs als eine Verklärung der sowjetischen Vergangenheit zu verstehen ist und sogar im liberalen Lager ein positives Echo fand. Dennoch hat die tiefe Beunruhigung, die aus den Worten des Schriftstellers spricht, gute Gründe. Mehr noch als offene staatliche Willkür fürchtet er die Neigung bei vielen Schriftstellerkollegen, in den sicheren Hafen der staatlichen Protektion zurückzukehren. Das „Schreiben als Privatangelegenheit“ hat nach seiner Ansicht nicht zu wirklich bedeutenden Resultaten geführt und die schöpferische Energie nimmt weiter ab. Er fragt nach möglichen neuen Impulsen: „Ist denn wirklich Druck von oben nötig? Ein neuer sozialer Auftrag oder der Protest gegen die herrschende Ideologie, damit die echte Inspiration zu den Schriftstellern zurückkehrt?“ Man kann nur hoffen, dass zumindest der Druck und die Ermunterungen von oben sich als unnötig erweisen.

Kultur in Zeiten des Krieges – Zur Situation in Russland
Ein Moment des Waffenstillstands – Nobelpreis für Swetlana Alexijewitsch
Über „Seltsamkeiten“ und den „echten Künstler“ – Pavel Basinskij über Maksim Gorki
“Es gab ihn und es gibt ihn wieder“: Dmitrij Bykovs Buch über Gorki
Der „wahre Gorki“ (L. Spiridonova) – Wer ist er im heutigen Russland
Gorki und der Nobelpreis – Warum hat er ihn nicht bekommen?

Kategorie: Streit um Gorki

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