Blog > Eintrag: Zehn Jahre Gorki-Blog - Was hat sich verändert?

Zehn Jahre Gorki-Blog - Was hat sich verändert?

Samstag, 18. Juni 2016, 10:54:40 | Armin Knigge

Zehn Jahre Gorki-Blog - Was hat sich verändert?

Totale Mobilmachung - Panzer übernehmen den Busverkehr

Heute vor zehn Jahren, am 18. Juni 2006, ist „der-unbekannte-gorki.de“ mit den ersten neun Einträgen im Netz erschienen, darunter „Mein Gorki – Erfahrungen mit einem Forschungsgegenstand“ und „Vor siebzig Jahren: Gorkis Tod“. (Ich verzichte auf Links, die Einträge sind mit Hilfe des Datums in der Zeitleiste „ARCHIV“ auf der Startseite leicht zu finden.)
Zu den Inhalten des Blogs und den Reaktionen der Besucher ist in den Einträgen „Fünf Jahre Gorki-Blog“ (17.02 und 27.2.2012) das Notwendige gesagt worden. Heute soll es nur um die Frage gehen: Was hat sich verändert von 2006 bis 2016, ist da ein neues, bis dato unbekanntes Russland entstanden? Und was ist mit dem Erbe Gorkis geschehen, dem dieser Blog gewidmet ist?

Für die Beschreibung der aktuellen Situation steht hier eine Kolumne des Dichters Dmitrij Bykov aus der „Novaja gazeta“ (7.11.2015), wie immer in gereimten Versen, aber ohne grafische Gliederung, sehr frei ins Deutsche übertragen:

„Russland sitzt quasi im Gefängnis des unverhofften eignen Ruhms. Die ganze Welt ist in Bedrängnis zum Wohle unsres Russentums. – Ich schreibe nichts, ich halte mich zurück. Was du auch sagst – du hast das Land verraten; wo du dich einmischst – überall ist Krieg. Es droht Zensur, Gericht für solche Taten. – Der Zuschauer, Bewunderer des Krieges, verkündet stolz das Wort der Tadition: ‚Die Russenwelt ist eine Welt des Sieges!’ Und träumt vom Heldentod auf seinem Sofathron.“


Der Gorki-Blog hat diese Militarisierung der Kultur in Russland mit einer Reihe von Beiträgen reflektiert, beginnend mit „Ein Märchen über das ‚nationale Gesicht’ – Maxim Gorkis Kommentar zur Krimkrise“ (19.02.2014), dann mit einer Reihe von Einträgen, in denen das Wort „Krieg“ dominierte: „Krieg der Emotionen“ (19.05.2014), „Im Kopf – nichts als der Krieg (Gorki 1914)“ (10.08.2014), „Kultur gegen Krieg und Politik“ (5.11. und 6.11.2014), „Kultur in Zeiten des Krieges“ (22.02.2015) u.a.
Im Vergleich damit ist das Russland zehn Jahre zuvor in diesem Blog ein Ort der Ruhe und der Rückschau auf längst Vergangenes wie die Stalinzeit, Gorkis Tod und der ewige Konflikt zwischen Herz und Kopf , Gefühl und Verstand („Der Nachtwächter“). Über das Russland um 2006 war wenig Aufregendes zu berichten: die (damals schon) starke Hand Putins und der hohe Ölpreis sorgten für die „neftjanaja stabil’nost’“ (Ölstabilität), die Opposition murrte, durfte das aber ungestraft tun, es interessierte niemanden besonders.
Das wechselseitige Verhältnis Russlands und Europas war relativ entspannt, auch wenn diese Zeit heute in Russland eher als ein permanenter Angriff Europas und Amerikas auf Russlands Größe beschrieben wird. Hat also erst der neue Nationalismus und die Annexion der Krim die Ruhe gestört? Zweifellos haben Russlands Operationen auf der Krim und der lautstarke Großmachtanspruch der Führung zum Ausbruch des Konflikt zwischen Russland und dem Westen und den kriegsähnlichen Zuständen auf vielen Ebenen geführt, die wir heute beobachten. Aber die Ursachen des Konflikts zeichneten sich schon lange vorher ab, sie sind auch in Einträgen auf diesem Blog angesprochen, z.B. in „Russland am Jahresende 2008“ (30.12.2008), wo einige Stimmungsberichte zusammengetragen sind. Im Krieg gegen Georgien kam Russlands Anspruch auf die Rolle einer Supermacht zum Vorschein, gleichzeitig wurde das Land heftig von der internationalen Finanzkrise getroffen. Politologen erörterten die Möglichkeit sozialer Unruhen in absehbarer Zeit. Im Winter 2011/2012 kam es tatsächlich zu einer breiten Protestbewegung gegen Fälschungen der Duma-Wahlen und generell gegen Putins Politik. Davon handeln die Einträge „Das neue Russland auf dem Bolotnaja-Platz“ (3.01.2012) und „Was wollt ihr eigentlich“ über Roman Sentschins Roman zu diesem Thema (3.01.2014). Die Bewegung hat, auch wenn sie keine Fortsetzung fand, doch den Beweis für ein großes Protestpotential in Russland geliefert. Verkörpert wurde es in einigen wenigen Oppositionsführern, vor allem in der Person Boris Nemzows (zu seinem Tod „Boris Nemzow – das andere Russland“, 18.03.2015).
Was hat sich also verändert in Staat und Gesellschaft Russlands von etwa 2005 bis heute? Im Grunde doch nur die internationalen Rahmenbedingungen, vor allem die ökonomischen. Sie sicherten Russland eine Zeit des relativen Wohlstands, dann aber mit Finanzkrise und verschiedenen Unruhen und Revolutionen in der Welt eine zunehmende Bedrohung für diesen Zustand der Zufriedenheit. Das Wesen des Staates und seiner Politik hat sich dabei nicht verändert. Demokratiedefizite gab es auch schon lange vor der Krimkrise und die Meinungsfreiheit für Andersdenkende war höchstens geduldet, nicht garantiert. Ein neues Russland ist also nicht entstanden. Der Prestigegewinn der Regierung Putins ist nicht mehr als eine Art Trostpflaster für die ökonomischen Misserfolge. Als Kompensation muss auch die Größe der nationalen Geschichte herhalten. „Die Staatsmacht schöpft ihre Legitimität aus der Vergangenheit“, stellt ein Kommentator (Andrej Kolesnikov, Forbes.ru; 3.06.2016) fest, „sie verfügt über den Großen Vaterländischen Krieg, Gagarin und Stalin“. Ihre treuen Anhänger, immer noch eine Mehrheit, werden zu heldenhaften Verteidigern der historischen Wahrheit erklärt. Die Wörter „Krieg“ und „Sieg“ (die sich im Russischen nicht reimen) haben in diesem Selbstbild des Staates eine geradezu magische Bedeutung.

Auch die Literatur soll wieder – wie in Zeiten der Sowjetunion – die „Siege“ des Staates verherrlichen. Das „Jahr der Literatur 2015“, nicht zufällig mit dem 70. Jahrestag des Kriegsendes zusammenfallend, wurde in dem pompösen Abschlussbericht als „Jahr des Sieges der Literatur“ gefeiert (Eintrag vom 8.02.2016). Maxim Gorki war in diesem Dokument, das die ganze russische Literatur von Puschkin bis zu der Nobelpreisträgerin von 2015 Swetlana Aleksijewitsch feierte, fast gänzlich abwesend. Hier gab es also in den letzten zehn Jahren wirklich eine Veränderung, die Aufmerksamkeit für den Patron des Blogs „der unbekannte Gorki“ hat sich merklich vermindert. Dabei gab es im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts so etwas wie eine Wiederentdeckung des Schriftstellers Gorki. Pavel Basinskij stellte ihn in einer Biographie 2005 und weiteren Publikationen als einen in vielen Zügen „seltsamen“ Menschen und einen „echten Künstler“ vor (Eintrag 17.06.2011), Dmitrij Bykov bescheinigte ihm in einer 2008 erschienenen Monographie ebenfalls ein beträchtliches künstlerisches Talent und hob die Aktualität seines rebellischen Geistes in den Zeiten der „Ölstabilität“ hervor(Eintrag 1.05.2009). In der Tat erschien Gorki in manchen Publikationen als ein Verbündeter der Opposition. So verwendeten Bürgerrechtler in Novorossijsk ein Wort Gorkis – „Freiheit gibt man nicht, man nimmt sie“ – bei einer Demonstration und handelten sich dafür ein Gerichtsverfahren ein. Dort traten ein Kandidat der Philosophie und eine Psychologin auf, die diese Losung als „extremistisch“ begutachteten. Sie diene „den Interessen derjenigen, die die Grundlagen der gesellschaftlich-politischen Ordnung erschüttern wollen“ und könne „von Minderjährigen als Aufforderung zum aktiven Widerstand gegen die Staatsorgane“ verstanden werden. Gorki, auf diese Weise als „Extremist“ eingestuft, kam dabei nicht zur Sprache (Eintrag 11.09.2009). Dass Gorki zu vielen Übeln des russischen Lebens Wesentliches zu sagen hatte, machte der Regisseur und Publizist Andrej Kontschalowskij in einem seiner kritischen Zeitbilder deutlich (Eintrag 18.10.2008). Auch die Erhebung Dostojewskijs zu einer Kultfigur und zum Apologeten des „russischen Menschen“ fand in Gorkis Urteilen über den Autor der „Dämonen“ eine klare Gegenposition (Einträge vom 24.01. und 21.04.2008). Auch der Artikel „Zwei Seelen“ (1913), Gorkis Bekenntnis zu den Grundwerten Europas, ist trotz mancher Übertreibungen ein auch heute lesenswerter Text (zwei Einträge vom 12.02.2010). Beispiele dieser Art haben den Verfasser des Blogs mehrfach zu Einschätzungen wie „Gorki lebt“ (18.10.2008) oder „Gorki ist zurückgekehrt“ (18.06.2011) veranlasst. Aus heutiger Sicht muss man wohl sagen, dass da Wunschdenken im Spiel war. Gorki ist – vor allem in seinen Urteilen über Russland – ein für die Russen unbequemer Autor, ein unermüdlicher Mahner gegen die „asiatische Trägheit“, die Oblomow-Mentalität, die Abneigung gegen Vernunft und Aufklärung, Selbstverantwortung und „aufrechten Gang“. Unter diesem Gesichtspunkt mag die geringe Aufmerksamkeit für diesen Schriftsteller auch als ein Argument zu seinen Gunsten verstanden werden. Wenn es trotzdem einmal wieder zu einer Gorki-Konjunktur kommen sollte, so wird die wahrscheinlich nicht auf die Wirkung der didaktischen Intentionen des Publizisten und Ideologen Gorki zurückzuführen sein, sondern eher auf die Originalität seiner künstlerischen Werke. Die Reihe der Einträge, die herausragenden Texten Gorkis gewidmet sind, aufgeführt am Ende des Eintrags „Fünf Jahre Gorki-Blog“ (17.02.2012), ist fortgeführt worden. Genannt seien hier „Konovalov“ – Gorkis Traum von der Revolution (4.09.2013), „unbekannte Erzählungen“, eine nach Inhalt und Erscheinungsort (Berlin 1941) ungewöhnliche Sammlung (5.12.2013), Das „Märchen über das ‚nationale Gesicht’“ mit Bezug auf die Krimkrise (17.03.2014), ein Brief Gorkis 1914 an seinen Sohn (10.08.2014), die „Erzählung von der unerwiderten Liebe“ (1.11.2015) und „Meine Kindheit“, der erste Teil der autobiographischen Trilogie (25.03.2016). Zu den „Stichwörtern“ des Gorkischen Schaffens ist nach „Neugier“ (18.06.2006) und „Verrat“ (8.03.2011) die „Langeweile“ (skuka), eine Krankheit der „russischen Seele“, hinzugekommen (22.10.2012). Dem „Gesicht des Künstlers“ Maxim Gorki ist der Eintrag vom 20.03.2013 gewidmet.
Einige Beispiele aus der Romanliteratur der letzten Jahre findet man in der Kategorie „Neue russische Literatur“ auf der Startseite, Berichte über Theateraufführungen und andere aktuelle Ereignisse in der Kategorie „Gorki in unseren Tagen“. Von den Buchbesprechungen der lezten Jahre auf diesem Blog seien hier genannt: Jens Mühlings „Das bärtigste Land der Welt“ (27.02.2012), die Monographie der bekannten Vertreterin der traditionellen Gorki-Forschung Lidija Spiridonova über den „wahren Gorki“ (10.08.2014) und die Bücher des Slavisten Horst-Jürgen Gerigk über Dostojewskij (1.11.2013) und Turgenjew (26.06.2015). Aufschlussreiche Informationen über die Rezeptionsgeschichte Gorkis enthält der Eintrag „Gorki und der Nobelpreis“ (17.07.2015).

Als Beispiel für ein trotz allen „Streits um Gorki“ (ebenfalls als Kategorie aufrufbar) normales Weiterleben des Schriftstellers im literarischen Leben der Gegenwart sei hier eine unscheinbare Publikation in russischer Sprache angeführt: Maksim Gor’kij, „Das Lied vom Falken“, 2014 in der Serie „Alphabet der Klassik“ (Azbuka-klassika) erschienen, ein Taschenbuch mit der Erzählung „Meine Kindheit“ und einer Auswahl aus den frühen Erzählungen, dazu die bekannten Lieder vom Falken und vom Sturmvogel sowie das Prosagedicht „Der Mensch“. In den kurzen Begleittexten ist nichts von Gorkis Rolle als Sowjetklassiker gesagt, dafür ist von den Freuden und Leiden der Menschen im vorrevolutionären Nischni Nowgorod und von der romantischen Welt der freiheitsliebenden Vagabunden in den frühen Erzählungen die Rede. Über Gorkis Bedeutung wird ein Wort des einflussreichen Schriftstellers des russischen Symbolismus, des Emigranten und politischen Gegners Gorkis Dmitri Mereschkowskij zitiert: “Gorki hat seinen Ruhm verdient: er hat neue, unbekannte Länder entdeckt, einen neuen Kontinent der geistigen Welt; er ist auf seinem Gebiet der einzige und, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein unwiederholbarer Schriftsteller“.

Wenn ich mich selbst als der Verfasser in dieser schier endlosen digitalen Schriftrolle auf und ab bewege, erscheint mir hier vieles unsystematisch, zufällig und auch überflüssig, anderes lese ich auch gern noch einmal nach. In der Gesamtansicht überwiegen nach meinem Eindruck düstere Farben: politischer Streit, Gewalt und Krieg, Lügen und Verrat aller Art, wenig Liebe und Freude am Leben und an der Literatur, schon gar nicht das Wohlgefühl, das die Beteiligten an der Pflege von Klassikern mit unbestrittener Reputation wie Puschkin, Dostojewskij und Tolstoj vereint. Gorki ist da eher ein Abbild Russlands mit den Gemeinden seiner Verehrer und Verächter, die ständig um die Vorherrschaft kämpfen.

Zur Entspannung nach diesen ernsthaften Betrachtungen soll noch einmal wie am Anfang der Dichter Dmitrij Bykov zu Wort kommen, wieder mit einer freien Übersetzung aus seinen gereimten Kolumnnen in der „Novaja gazeta“, diesmal aus dem „Reiseführer Russland“ (1.09.2009), einem Brief, den Bykov Barack Obama als Vorbereitung zu dessen Russlandreise schickte. Es geht dort um einen Katalog von Vorurteilen in Bezug auf Russland: über die Bären auf den Straßen, den Alkoholkonsum, den Mangel an Demokratie und Meinungsfreiheit, die Lügen der Medien usf. Sie sollen Stück für Stück entkräftet werden, was aber immer auf das Gegenteil hinaus läuft. Am Schluss steht dann doch so etwas wie eine Liebeserklärung an die Heimat, die auch von Gorki stammen könnte:

Mit diesem Reiseführer in der Hand, wirst du an uns vielleicht die Frage richten: Wieso verlasst ihr eigentlich nicht dieses Land, könnt ihr auf so ein Land nicht gern verzichten? Das ist doch weder Heim noch Hort, ein Abgrund, fauler, sumpfiger Morast. Nein, sag ich dir, wir lieben diesen Ort, mit allem, was du hier gelesen hast. Dies Land ist eine Mutter, sorgenschwer, ein schlimmer Clan – und doch der meine. Und diese Heimat geben wir niemals her, noch nicht mal, Freund Obama, gegen deine. Wir lieben unsre aufgeweichten Wege und unser ganzes aufgeweichtes Los. Wir sind geduldig und ein bisschen träge und nur im Träumen finden wir noch Trost. Doch wenn dir einer sagt, all dies wird nie vergehen, ewig der Frust, vergeblich aller Mut, dies Land wird nie ein bessres Morgen sehen – dann glaub ihm nicht, Obama, sei so gut! Ich glaub es nämlich nicht und wäre froh, wenn du's nicht glaubtest, Bruder, ebenso.

Kategorie: Russland und die Russen

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang