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Vorläufer eines neuen Russlands? – Ein deutscher Journalist über die „Generation Putin“

Montag, 12. Dezember 2016, 09:37:10 | Armin Knigge

Vorläufer eines neuen Russlands? – Ein deutscher Journalist über die „Generation Putin“

In russischer Sprache hier.

„Russlands Jugend ist freier und individualistischer als je zuvor. Und überraschend konservativ. Trotzdem unterscheidet sie vieles von ihren Eltern“.

Mit diesen Zeilen leitete Benjamin Bidder, Korrespondent des „Spiegel“ von 2009 bis 2016 in Moskau, seinen Essay „Generation Putin“ ein, erschienen im „Spiegel“ Nr. 38 (17.09.2016), wenige Tage nach dem Erscheinen seines gleichnamigen Buchs im Hausverlag des Magazins und DVA. In Russland löste das Buch schon in den ersten Tagen überraschend positive Reaktionen aus. Sogar der genannte Spiegel-Essay Bidders zum Thema seines Buchs erschien in den Portalen profile.ru und pressa.ru ungekürzt in russischer Übersetzung. Auf anderen Seiten im Runet wurden u.a. ein Interview mit Bidder auf dem Kanal „Deutsche Welle“ und eine Rezension aus der „Schwäbischen Zeitung“ übersetzt und kommentiert.
Angesichts der äußerst angespannten Beziehungen zwischen Russland und Europa im allgemeinen und Deutschland im besonderen ist das ein ungewöhnlicher Vorgang. Ein deutscher Journalist, schon allein in seiner Eigenschaft als Korrespondent eines Politmagazins ein „ausländischer Agent“, erlaubt sich sehr grundsätzliche Urteile über die politischen Ansichten der russischen Jugend und in diesem Zusammenhang über die Möglichkeit tiefgreifender Veränderungen in Russland. Ein solcher Kontext löst in der patriotisch gesinnten Öffentlichkeit nahezu automatisch den Verdacht der „Russophobie“ aus. In der zitierten These Bidders werden der russischen Jugend zudem Werte zugeschrieben, die in direktem Widerspruch zu der offiziellen Ideologie stehen, die die „Einheit des Volkes“ und den Vorrang der gesellschaftlichen vor den privaten Interessen propagiert. Die Rede ist von den Werten der Freiheit und des Rechts auf individuelle Selbstbestimmung eines jeden Bürgers. Man darf annehmen, dass diese These in Russland auch ganz andere Reaktionen, nämlich empörte Zurückweisungen, ausgelöst hat, aber jedenfalls waren sie in den ersten Reaktionen nicht zu hören, man bemühte sich um eine neutrale Berichterstattung. Diese Zurückhaltung hängt sehr wahrscheinlich mit dem Untertitel des Buches zusammen: „Das neue Russland verstehen“. Bidder drückt im Vorwort sein Bedauern darüber aus, dass das Wort „Russlandversteher“ in die Kategorie der Beleidigungen gehöre. Das sei eine verhängnisvolle Entwicklung, erklärt der Verfasser: “Wer nicht versteht, was in Russland passiert, wird aus Furcht auf Abgrenzung setzen, wo kluge Annäherung richtig wäre“.
Solche Sätze sind nicht nur von politischem Nutzen für die Regierung, sie sind auch Balsam für die russische Seele, die im Verhältnis zum Westen permanent im Zustand der Kränkung verharrt. In den Kommentaren zu Bidders Buch kann allerdings oft der Eindruck entstehen, dass der Begriff der „klugen Annäherung“ auch die Anerkennung der aktuellen Regierung und ihres Präsidenten als alternativlose Form des russischen Staates einschließe. Auf der Seite des Telekanals Russia Today werden Umfragedaten aus Bidders Buch zitiert, denenzufolge „acht von zehn jungen Russen Wladimir Putin bis 2024 an den Macht sehen möchten“ und die zugleich belegen sollen, dass „die russischen Studenten den Präsidenten für den ‚größten Patrioten des Landes’“ halten. Ein Foto, das die Besprechung von Bidders Spiegel-Artikel illustriert, zeigt zwei offensichtlich glückliche junge Mädchen, die auf ihrem smartphone selfies mit dem russischen Präsidenten aufnehmen. Mit einer solchermaßen selektiven Verwendung des Materials aus Bidders Buch zu Propagandazwecken, die mit der Auslassung gänzlich anderer Äußerungen und Meinungen in diesem Buch einhergeht, wird der Sinn der vielschichtigen und ambivalenten Konzeption des Verfassers in bezug auf die russische Jugend unzulässig verkürzt.

Es gehört zu den absurden Folgen des gegenwärtig herrschenden Informationskrieges, dass Bidder zu den Lieblingsfeinden der „Freunde Russlands“ gehört, die im deutschsprachigen Internet die russische Regierung gegen die Angriffe der deutschen „Lügenpresse“ verteidigen. Im Portal blauerbote.com wird er als ein „Lügner und Nachrichtenfälscher“ vorgestellt, der „bewusst zur dreisten offenen Lüge“ greife, um „Spiegel-Leser zu manipulieren“. Ähnliches über den „Gesinnungsjournalisten in Diensten des Spiegels“ konnte man schon 2014 im „spiegelkabinett-blog“ und auf der Internetseite „Allgemeine Morgenpost Rundschau“ (amr.amronline.de) lesen. Zu Bidders Buch sind mir keine Reaktionen aus dieser Richtung bekannt, es wäre interessant zu beobachten, ob und wie die Autoren auf die respektvollen Urteile aus Moskau antworten.


Mit den jungen Leuten „kann man offener streiten“

Bidder ist ein nachdenklicher Mensch und die Empathie, die zweifellos aus seinen Berichten und Urteilen über Russland spricht, bezieht sich nicht auf den Staat, sondern auf das Land und die Menschen. Mit ihnen ist er schon Anfang der 2000er Jahre bekannt geworden, als er im Rahmen der Organisation „Christen für Europa“ als Freiwilliger in einem „Psychoneurologischen Internat“ (so die Bezeichnung für psychiatrische Dauereinrichtungen in Russland) in Peterhof bei Petersburg gearbeitet hat. Die schwierigen, zum Teil erschreckenden Bedingungen des Lebens in diesen Anstalten haben den jungen Mann nicht abgeschreckt und sogar seinen leidenschaftlichen Wunsch verstärkt, mit den Bewohnern Russlands in Kontakt zu treten. Für einen Journalisten ist Russland nach seinen Worten „der interessanteste Platz der Welt“. Und die interessanteste Gruppe dort ist die Jugend. Auf die Frage im Interview mit der „Deutschen Welle“, warum die Helden seines Buches gerade junge Menschen seien, antwortete Bidder, mit Menschen unter dreißig könne man „offener streiten“, und zwar „ohne sich zu verzanken“. Sie werden nicht von den nostalgischen Erinnerungen ihrer Eltern an die Sowjetunion gequält. Sie sind Kinder der neuen Mittelklasse und haben sich an den relativen Wohlstand gewöhnt, den Putin den Russen nach den harten Zeiten der Perestrojka verschafft hat. Das Leben in der Konsumgesellschaft und die damit verbundene kulturelle Freizügigkeit hat sie von der Mentalität ihrer Eltern entfernt. Sie sind aufgewachsen unter den Bedingungen einer in Russland nie dagewesenen Freiheit. Bidder zitiert die Worte des letzten Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, in seiner Abschiedsrede 1991: „Die Gesellschaft hat die Freiheit bekommen. Das ist die wichtigste Errungenschaft, auch wenn wir dies bisher noch nicht realisieren konnten. Wir habe nicht gelernt, mit der Freiheit umzugehen“. Die jungen Leute in Bidders Buch sind in diesem Prozess des Erlernens der Freiheit offensichtlich ein ganzes Stück vorangekommen. Übrigens gehört es zu den statistisch belegten Erkenntnissen in diesem Buch, dass die Jugend gegenüber dem letzten Präsidenten der UdSSR deutlich mehr Verständnis zeigt als die Älteren, die in Gorbatschow weiter einen Landesverräter und Zerstörer ihrer Lebenswelt sehen.
Gemäß Umfragen verschiedener Herkunft erscheint in der Rangtabelle der Werte bei den jungen Menschen an erster Stelle nicht „Stabilität“ und „Sicherheit“, wie bei den Älteren, sondern die „Freiheit“, wenn auch nicht im Sinne des politischen Systems, sondern im Sinne der Selbstbestimmung.
Dennoch unterscheiden sich die jungen Leute in Russland erheblich von ihren Altersgenossen im Westen und folgen in vielem ihren konservativen Eltern, stellt Bidder fest. Das hänge damit zusammen, dass ihre Heimat ein sehr besonderes Gebilde, das „Produkt eines Zerfalls“ darstellt. Sie leben in einer gespaltenen Gesellschaft, in der sich eine konservative Mehrheit und eine kleine liberale Minderheit feindselig gegenüber stehen. Die Jungen vermeiden es in der Regel, in diesen Auseinandersetzungen eine eindeutige Position zu beziehen, und vor allem sind sie einig mit ihren Eltern in der Meinung, dass gewaltsame Zusammenstöße nur zu Blutvergießen führen und die Lage eher verschlimmern. Diejenigen unter ihnen, die sich – besonders in der sogenannten „Schneerebellion“ (2011-2012) – an Protestaktionen beteiligt haben, gehen überwigend nicht mehr auf die Straße und warten bessere Zeiten ab. Im übrigen beschäftigen sich die von Bidder ausgesuchten Vertreter der Generation Putin mehr mit ihrer eigenen Person als mit der Gesellschaft und erinnern in manchen Zügen an die bekannten „überflüssigen Menschen“ des 19. Jahrhunderts.


Sechs Vertreter der „Generation Putin“

Sechs Vertreter dieser Generation hat der Verfasser in einem Zeitraum von mehreren Jahren getroffen und stundenlange Gespräche mit ihnen geführt. Gemeinsam ist ihnen das Geburtsjahr 1991 mit seiner ganzen symbolischen Bedeutung, und nicht nur das.
Jeder von ihnen trägt einzelne Züge zu diesem Sammelporträt bei. Im Buch werden sie mit vollem Namen und einem Fototeil vorgestellt, was die Authentizität ihrer Existenz beglaubigt. Im Zusammenhang mit den Persönlichkeitsrechten könnte man darüber streiten, ob soviel Offenheit nötig war. Aber natürlich hat der Verfasser das Einverständnis seiner „Versuchspersonen“ eingeholt. Im vorliegenden Eintrag werden sie dennoch, wie gewöhnlich auch im Buch, nur mit ihren Vornamen genannt.

Lena und Wera haben von einer politischen Karriere in Russland geträumt, und das auf verschiedenen Seiten der Barrikaden. Lena hat dem Präsidenten Putin uneingeschränkt vertraut und tut dies auch weiterhin, in ihrer Heimatstadt Smolensk war sie ein leitendes Mitglied der „Jungen Garde“, einer kremlnahen Jugendorganisation mit ziemlich rüden Manieren. Sie hat Mathematik und Informatik studiert und ein Praktikum als Assistentin des Gouverneurs absolviert. Wera ist eine Vertreterin der russischen Opposition, eine Rebellin, was schon dem Dekan der journalistischen Fakultät der Moskauer Universität aufgefallen war, der ihre politischen Aktivitäten entschieden verurteilt hat. Als einzige von den sechs Helden hat Wera sogar eine gewisse Bekanntheit in Russland erlangt. Sie hat für die „Novaja gazeta“ gearbeitet und gehört zu den Gründern der „Libertären Partei“, die Teil der weltweit agierenden libertären, neoliberalen Bewegung ist.
Trotz dieser vielversprechenden Anfänge ist es beiden Frauen nicht gelungen, einen einflussreichen Platz in der Politik zu erlangen. Lena fühlte sich bald abgestoßen von dem Regierungsstil der Beamten in der Smolensker Gebietsverwaltung, wo ihrer Meinung nach unwürdige Kandidaten Karriere machen und Frauen für dümmer gehalten werden als Männer. Sie hat der Politik Lebewohl gesagt und ist Managerin in einem Versicherungskonzern geworden. Dort ist sie zur rechten Hand des Chefs aufgestiegen und reist ab und zu zum Vergnügen nach Paris. Sie ist nach wie vor regierungstreu, aber sie liest auch kritische Analysen in der liberalen Wirtschaftszeitung RBC. Ihre Devise lautet: „Der Sinn des Lebens ist das Leben an sich. Ich will einfach leben, mein Leben genießen, sehr viel ausprobieren“. Für ihre Eltern, „sowjetische Romantiker“, die auf die Großbaustellen der 30er Jahre wie die BAM (Bajkal-Amur-Magistrale) gezogen sind, ist das eine gänzlich unverständliche neue Welt.
Wera hat es mit viel Mühe geschafft, ein Mandat im Stadtparlament von Tuschino (einem Moskauer Stadtteil) zu erwerben und hat sich in die Kommunalpolitik gestürzt. Sie hat versucht, die Bewohner kommunaler Wohnungen zu mehr Eigenverantwortung in der Verwaltung der Wohnungen zu bewegen, aber die haben lieber Bittgesuche an den Gouverneur oder direkt an Putin geschrieben. Sie ist psychisch so unter Druck geraten, dass sie das Land verlassen hat und nach Kiew, also in Feindesland gezogen ist. Sie leitet dort das politische Internetportal „Reed“. Ihre Devise ist die der „Libertären“, auf dem Parteibuch steht: „Ich wähle die Freiheit“.
Der Moskauer Marat hat die Reiselust (er bezeichnet sie mit dem deutschen Wort „Fernweh“) zu seinem Lebensprinzip gemacht, er ist ständig auf der Suche nach neuen, möglichst extremen Erlebnissen. Früher ist er als Roofer auf die Dächer der Moskauer Hochhäuser geklettert. Jetzt hat er sich auf die Suche nach verlassenen, aber historisch bedeutsamen Orten in Europa gemacht (Urban Exploration), einer davon war ein verlassenes Militärhospital in den Wäldern unweit von Berlin. Er ist betrübt über die schlechte Reputation der Russen in der Welt, möchte den Ausländern „ein anderes Gesicht Russlands zeigen“.
Taissa, aufgewachsen in Grosnyj, der Haupstadt Tschetscheniens, interessiert sich vor allem für Mode und träumt von der Arbeit in einschlägigen Journalen – ein unerfüllbarer Traum in einem Land, in dem Putins Statthalter Ramsan Kadyrow mit eiserner Faust die islamischen Sitten bewahrt. Er hat eine prunkvolle Moschee nach dem Vorbild der Sultan-Ahmed Moschee in Instanbul ins Zentrum der Stadt gesetzt und an den Häuserwänden fordern Plakate die Frauen auf, den islamischen Dresscode einzuhalten. Taissa trägt ein Kopftuch und „kämpft um jeden Zentimeter Haut“, berichtet Bidder. Gegenwärtig ist sie aufs Land zu der Familie ihres Mannes gezogen und arbeitet als Buchhalterin, nebenbei macht sie Hochzeitsfotos. Sie lebt jetzt ganz für ihren Sohn und seine Zukunft.
Diana, der Herkunft nach Armenierin, ist stolz auf das neue Gesicht ihrer Heimatstadt Sotschi, wo sie als ehrenamtliche Helferin an den Olypischen Spielen mitgewirkt hat. Sie hat Jura und Public Relations studiert, beherrscht die deutsche Sprache und ist Mitglied des deutsch-russischen Jugendparlaments. Die negative Berichterstattung über Sotschi in der westlichen Presse hat sie als persönliche Kränkung empfunden und der Verfasser des Buchs stimmt ihr aus eigener Erfahrung zu. Er spricht sogar von einer „Nordkoreanisierung“ des Russlandbilds in den westlichen Medien, was man bei den populistischen Freunden Russlands sicher gern hört. Diana hofft auf eine Arbeit, mit der sie helfen kann, Russland ökonomisch und auch in seinem internationalen Ansehen voranzubringen.
Alexander (Sascha) wohnt in dem „Psychoneurologischen Internat“ in Peterhof bei Petersburg, wo Bidder früher einmal gearbeitet hat, ist seit Geburt gehunfähig und auf den Rollstuhl angewiesen, teilweise auch geistig behindert. Sein Schicksal ist ein Beispiel für einen Prozess der Humanisierung der russischen Gesellschaft, bezogen auf den Umgang mit körperlich und geistig Behinderten. Noch 1991 waren 32% der Bevölkerung der Meinung, Menschen wie ihn sollte man besser „liquidieren oder von der Gesellschaft abschotten“. Mit der Hilfe westlicher Organisationen, aber auch durch den persönlichen Einsatz einzelner Beamter hat sich das grundlegend geändert. Sascha ist heute Vorsitzender des Bewohnerrats und schreibt Eingaben an die Behörden, - früher für einen Menschen mit seinen Handicaps undenkbar. In eigener Sache kämpft er um das Recht, mit seinem Rollstuhl auf einer dafür vorgesehenen Plattform unbegleitet in die tiefen Schächte der Metro einzufahren. Sein Traum ist der Umzug aus dem Heim in eine eigene Wohung. Er ist fest davon überzeugt, dass ihm das gelingen wird.


Patrioten neuen Typs

Uns, die Beobachter aus Westeuropa, interessiert natürlich vor allem die Frage, wie diese jungen Leute sich zu der aktuellen Politik Russlands verhalten, die in der ganzen Welt für Unruhe sorgt. Wie ist ihre Einstellung zum Westen und seinem Wertesystem? Wünschen Sie grundlegende Veränderungen des Regimes in Richtung auf eine Demokratie mit echter Gewaltenteilung, unabhängigen Gerichten, einer starken Opposition usw.? Die Antworten auf diese Fragen, die Bidder in seinem Buch gibt, sind zu einem großen Teil einleuchtend, erscheinen aber oft auch widersprüchlich oder sogar paradoxal, bedingt durch die Unklarheiten im Bewusstsein seiner Gesprächspartner. In den Analysen der Soziologen, die im Buch ausführlich erörtert werden, begegnet regelmäßig der Begriff der „pragmatischen“ Einstellung der Generation der unter 30jährigen, manche Beobachter sprechen sogar von einer an „Zynismus“ grenzenden Nüchternheit in ihren Anschauungen. Wie oben schon festgestellt, gibt es in der Generation Putin mit wenigen Ausnahmen keine Revolutionäre, gewaltsame Auseinandersetzungen werden prinzipiell abgelehnt. Viele, darunter die sechs Helden des Buchs, wünschen sich aber sehr wohl eine größere Freiheit für sich selbst, für die Realisierung ihrer Bedürfnisse, die im wesentlichen mit denen ihrer Altersgenossen im Westen zusammenfallen. Dazu gehören auch Forderungen nach Ehrlichkeit in der Politik, Kampf gegen die Korruption u.a. Aber sie sind nicht bereit, dafür auf die Straße zu gehen, wie es in den Protestaktionen 2011-2012 gegen „Gauner und Diebe“ geschah. Die Jungen von heute warten ab, viele erhoffen sich auch immer noch Reformen von oben, darin ihren Eltern ähnlich. Eine Zeitlang war Dmitrij Medwejew der Hoffnungsträger, der einmal gesagt hat, die Partei „Einiges Russland“ müsse „lernen, ehrlich zu gewinnen und ehrlich zu verlieren“.
Klarer sind die Verhältnisse, wenn es um die Heimatliebe geht. Von der patriotischen Welle sind auch die Jungen erfasst. Im traditionellen System der Einstellung zum Westen sind sie eher Slavophile als Westler. Die westlichen Lebensformen der Generation Putin ändern nichts daran, dass sie der Politik der USA, der Nato und der EU eher ablehnend gegenüberstehen. Die jungen Russen sind überzeugt, dass Russland nicht einfach Europa ist, sondern eine besondere Kultur, die „russische Zivilisation“ darstellt. Auch die sechs Repräsentanten im Buch sind, jeder auf seine Art, Patrioten. Marat, der Moskauer Abenteurer, hat auf seinen Reisen durch Europa ständig Sehnsucht nach der Heimat. Er sei sich darüber im klaren, sagt er, „dass ich abhängig bin von meiner Umgebung, von Russland, seinen Menschen, seiner Seele. So eine Seele habe ich nirgendwo sonst gefunden“. Solche Bekenntnisse zur „russischen Seele“ sind allerdings eher die Ausnahme. Im übrigen stimmt Marat keineswegs in den Jubel „Die Krim ist unser“ ein, er äußert nur ein gewisses Verständnis für die Bewohner der Insel, die lieber in Russland leben wollen.
Mit Ausnahme der „Rebellin“ Wera freuen sich alle Helden des Buches darüber, dass „Russland sich von den Knien erhoben hat“, sie wünschen sich ein Russland mit neuer Stärke und Weltbedeutung. Das Gefühl der persönlichen Würde, dass diese Menschen unter den Bedingungen der postsowjetischen Freiheit erworben haben, wird jetzt in gewisser Weise auf den Staat ausgeweitet, man fordert Achtung vor ihm und seinen Bürgern. Auf diese Weise sind die jungen Russen – mehr oder weniger freiwillig – Verbündete der Regierung und ihrer Außenpolitik. Das bedeutet aber nicht, dass sie die chauvinistischen Tendenzen der antiwestlichen staatlichen Propaganda gutheißen. Man könnte hier von einem aufgeklärten Patriotismus sprechen, der besonders in den Bekenntnissen der Diana aus Sotschi zum Ausdruck kommt:
„Ich bin Patriotin, eindeutig, aber mein Patriotismus besteht nicht darin, den ‚Ersten Kanal’ im Fernsehen zu schauen oder den Tag zu feiern, an dem die Krim Teil Russlands wurde. Mein Patriotismus, das ist eine Bewegung nach vorn. /…/ Ich will vorankommen und andere voranbringen. Ich will das händeringend, nicht im Fahrwasser von irgendjemandem oder irgendeiner Idee, sondern über den Weg der persönlichen Entwicklung. Je stärker und interessanter jeder einzelne Bürger, desto reicher das Land.“ Diana will „nie Teil einer uniformierten Masse sein“. Darum bemüht sie sich auch um eine selbstbestimmte Meinungsbildung.

Mehr von diesem Typ russischer Patrioten zu haben, wäre sicherlich nicht nur für Russland, sondern auch für den Westen wünschenswert. Mit ihnen kann man, dem Wort des Verfassers folgend, „besser streiten, ohne sich zu verzanken“. Es könnte sein, dass sich in der so verstandenen „Generation Putin“ auch ein neues Europa ankündigt, das aus Menschen besteht, die aufrichtig ihre Heimat lieben und sich zugleich als Europäer fühlen, - ein Projekt, das im Moment nicht realisierbar erscheint.


„Russland muss man lieben“

Abschließend soll hier der auf diesem Blog unvermeidliche Bezug auf die Welt Maksim Gorkis folgen. Man kann ohne besondere Anstrengungen davon ausgehen, dass Bidders Buch und seine Helden dem Schriftsteller gefallen hätten. In der Person des Verfassers hätte Gorki sich selbst in seiner Rolle als „Wanderer“ erkennen können, getrieben von einer unersättlichen Neugier auf „interessante russische Menschen“. Wenn Bidder von der „unbändigen Energie“ seiner Helden spricht, benutzt er ein Lieblingswort Gorkis. An die Welt des jungen Gorki erinnert der zentrale Begriff der Freiheit und seiner Synonyme in diesem Buch. Schließlich hat auch der spezifische Begriff des Patriotismus in den Bekenntnissen der Diana seine Parallelen in Gorkis Denken, wo er in klarer Abgrenzung vom Nationalismus und seinen selbstgefälligen Mythen zum Vorschein kommt.
In einem Brief an den Schriftsteller und Freund Leonid Andrejew aus dem Jahr 1911 zählt Gorki wieder einmal die Krankheiten des russischen Nationalcharakters auf, die der „freien Entfaltung der Persönlichkeit“ und der „Handlungsfähigkeit“ im Wege stehen, insbesondere „das Geschwätz über die Ewigkeit und jegliche höhere Materien“ und das „Schwanken zwischen Fanatismus und Nihilismus“. Ihnen stellt der Schriftsteller eine andere Losung entgegen: „Russland muss man lieben, man muss die Energie in ihm wecken, das Bewusstsein seiner Schönheit, seiner Kraft, das Gefühl der eigenen Würde, man muss ihm die Freude des Daseins einimpfen…“
Ein solcher – wenn Sie so wollen – naiver, pragmatischer Optimismus ist den Helden der Generation Putin in Bidders Darstellung eigen. Sie lesen nicht Dostojewski und zeigen auch keine besondere Nähe zur Orthodoxen Kirche, aber sie glauben an ihre eigenen Fähigkeiten und die Fähigkeiten des Landes. Sie lesen sicher auch nicht Gorki, den halb vergessenen Götzen eines untergegangenen Imperiums. Aber in ihren Träumen sind sie dem Ideal des „willensstarken“ Menschen bei Gorki nahe, der frei sein eigenes Leben und das Leben des Staates in die Hand nimmt, näher jedenfalls als dem Sowjetmenschen. In diesem Zusammenhang ist auch das Symbol der Faust, unzweifelhaft einer weiblichen, auf dem Umschlag des Buches von Interesse. Zufall oder nicht, aber die Rollen der aktiven Verfechter gesellschaftlicher Veränderungen sind überwiegend mit Frauen besetzt. Am Schluss ist es allerdings der eher melancholisch gestimmte Marat, der sich mit einem „diffusen Optimismus“ über die Aussicht auf Veränderungen äußert. Er glaubt daran, dass seine Generation die Kraft finden wird, „das Ruder wieder herumzureißen“: „Wenn wir es nicht tun, wer dann?“

Kategorie: Russland und die Russen

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