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„Die große Gereiztheit“ – Eine globale Krankheit in Zeiten des Antiglobalismus

Sonntag, 01. Januar 2017, 14:48:02 | Armin Knigge

„Die große Gereiztheit“  – Eine globale Krankheit in Zeiten des Antiglobalismus

In russischer Sprache hier.


„Die Macht der Ideen war offensichtlich zuende, an der Reihe waren jetzt die empörten Gefühle…“ (M. Gorki, „Das Leben des Klim Samgin“)





„Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen einzelnen und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, dass die Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel ebenfalls überließen“.
Mit diesen Worten beschreibt Thomas Mann im Roman „Der Zauberberg“ die rätselhafte „Infektion“, die das hoch oben in den Alpen gelegene Lungensanatorium „Berghof“ heimsucht, scheinbar fern vom hektischen Getriebe der Welt. Doch in Wirklichkeit spiegelt der plötzliche Einbruch der hochansteckenden Krankheit aggressiver Gefühle unter den bis dato so friedlich und wohlerzogen erscheinenden Patienten die herannahende Katastrophe des Weltkriegs. Das Duell der beiden Lehrmeister Hans Castorps, des Humanisten Settembrini und des Predigers eines theokratischen Kommunismus Nafta, nimmt die künftigen Zusammenstöße von Ideologien, Religionen und Zivilisationen vorweg.

In Deutschland, in der aufgewühlten Atmospäre nach den unerwarteten Erfolgen der Brexit-Befürworter und des Kandidaten für das Präsidentenamt in den USA Donald Trump, haben die Kommentatoren in den letzten Monaten mehrfach an das Kapitel „Die große Gereiztheit“ in Thomas Manns Roman erinnert. Im „Spiegel“ (30/2016) wurde das Jahr 2016 unter der Überschrift „Apocalypse Now“ schon im Juli zum „schlimmsten Jahr des 21. Jahrhunderts“ erklärt: „Wir leben in einer Zeit der Schocks und Krisen, die in ihrer raschen Abfolge, in ihrer Verdichtung, etwas Traumatisierendes haben können“. Die Rede ist nicht nur von der großen Zahl einzelner Konflikte, wie der Krieg in Syrien, der islamistische Terror, der Konflikt in der Ukraine, die Flüchtlingswelle und der sich daraus ergebende Streit in Europa. Das Gefühl der Verwirrung und Unsicherheit wird vor allem durch das Verschwinden zuverlässiger Kriterien für die Orientierung im Weltgeschehen hervorgerufen. Anstelle der zwei „Supermächte“ zu Zeiten der Sowjetunion sind verschiedene neue Prätendenten auf eine regionale oder universale Herrschaft erschienen, solche wie China, Indien, Iran, Saudi-Arabien und Russland, das sich „von den Knien erhoben“ hat. Links und rechts funktionieren nicht mehr als zuverlässige Unterscheidungen von Politik. So ist der Antikapitalismus längst im Lager der Nationalisten angekommen und findet keineswegs nur bei Altkommunisten Unterstützung. Das von diesem Durcheinander ausgelöste Gefühl der Unruhe und Unsicherheit ist ein Hauptgrund für die „allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel“, die – in weit größerem Maßstab als in dem gemütlichen „Berghof“ Thomas Manns – heute in Europa zu beobachten ist. In Deutschland macht sich diese Tendenz in der veränderten Parteienlandschaft bemerkbar, vor allem in den Erfolgen der AfD und der damit verbundenen Verwilderung der Sitten im politischen Leben. Politiker haben in Deutschland schon seit langem eine schlechte Reputation, was im Vergleich vor allem mit den Kollegen in den östlichen Nachbarstaaten, die weit weniger von strengen Kontrollen der Justiz und der Presse bedroht sind, ungerecht erscheinen muss. Aber mit dem Auftreten der Populisten in den Parteien und vor allem in den hemmungslosen Ausfällen gegen Politiker in den sozialen Medien ist das Leben für viele von ihnen unerträglich geworden. Wüste Beschimpfungen und sogar Morddrohungen sind keine Ausnahme mehr.

„Die Macht der Beleidigten“

Kürzlich hat die Abgeordnete der „Grünen“ Renate Kühnast in einer originellen und mutigen Weise auf solche Anwürfe im Internet reagiert, wie der „Spiegel“ (44/2016) berichtet. Sie hat die Absender der Hassbotschaften aufgesucht, die sich nicht selten mit vollem Namen zu erkennen geben, hat ihnen einen Ausdruck hingehalten und erklärt: „Ich bin Renate Kühnast. Sie haben mir was geschrieben, auf Facebook“. Das Interessante dabei war, dass die so Ertappten keineswegs immer sogleich ihre Attacken wiederholten. Sie zeigten sich eher erstaunt über die Empörung der Adressatin. Ob sie nicht in ihrer Küche im selben Ton über politische Gegner rede. Das sei doch ganz normal. Kriterien wie die Würde und die Persönlichkeitsrechte anderer scheinen ihnen in dieser Situation vollkommen zu fehlen, nicht jedoch, wenn es um den Umgang mit ihnen selbst und ihren Überzeugungen geht. Dann bestehen die „Wutbürger“ entschieden auf dem Schutz durch die Meinungfreiheit.

„Flammende Empörung und heiliger Zorn“ vereinen Protestanten aller Couleur, rechte und linke, eingeschlossen die Mörder des Islamismus, schreibt der Autor des Artikels „Seelenverwandtschaften“ („Spiegel“ 47/2016); sie tun so, als sei ihr Terror immer noch der gerechte Aufstand der ökonomisch Ausgebeuteten und politisch Entrechteten und nicht längst Ausdruck eines „selbstverschuldeten Modernisierungsdefizits“. Es werden Feldzüge eröffnet gegen den „wütenden weißen Mann“, der in den USA Trump gewählt hat oder gegen den Typ des „Intellektuellen-Idioten“, der die Gesellschaft mit seiner politischen Korrektheit tyrannisiert. Peter Sloterdijk beklagt dagegen eine „thymotische Unterversorgung“ bei den Intellektuellen, den Mangel an selbstbewusster Zornbereitschaft, angesichts der Migrationsstürme.
„Die Zeit“ (Nr. 42, 6.10.2016) widmet ihre Hauptschlagzeile der „Macht der Beleidigten“: „Wer heute Aufmerksamkeit erhalten will, muss sich gekränkt zeigen“, stellt der Verfasser fest und konstatiert mit Verwunderung den Erfolg dieses simplen Rezepts. Eine Gesellschaft von Beleidigten hat sich versammelt: Der Russe ist beleidigt, weil der Westen die Ukrainer unterstützt, der Muslim, weil er sich als islamistischer Terrorist verdächtigt fühlt, die deutsche Frau, weil die Muslimin mit Burka oder schon mit Kopftuch ein Bild unterdrückter Weiblichkeit abgibt usf. Jede Gekränktheit vermehrt sich durch entsprechende Gegenreaktionen. Vorangestellt ist ein Kasten mit dem Text: „Warnung! Dieser Artikel kann Gefühle der Kränkung auslösen“.
Den Triumph der großen Gereiztheit symbolisiert das Wort vom „postfaktischen Zeitalter“, das es inzwischen zum Wort des Jahres gebracht hat. Nicht weit davon in der Rangliste folgt ihm der Begriff der „Echokammer“, der eine ebenso verheerende Wirkung auf den Prozess einer vernunftgeleiteten Kommunikation bezeichnet. „Wer seine Nachrichten über Dienste wie Facebook bezieht“, schreibt der Autor des „Spiegel“-Artikels „In der Echokammer“ (47/2016), „erlebt eine Welt, in der alles, was stört, entfernt wurde. Dazu gehören vor allem: andere Meinungen“. Die Gemeinschaft der Gleichgesinnten bleibt unter sich.


Gereiztheit - in Russland keine Neuigkeit

Wie steht es in Russland um die große Gereiztheit? Bei der Beobachtung der politischen Debatten in Deutschland kam mir in letzter Zeit oft der Gedanke: in Russland wäre das nichts Ungewöhnliches, aber hier bei uns? Was in Thomas Manns „Zauberberg“ als eine zeitweilige Erscheinung, eine ansteckende Krankheit, über die Patienten des „Berghofs“ hereinbricht – die Zanksucht, eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel und zu Wutausbrüchen – ist in Russland so etwas wie ein nationaler Dauerzustand, den besonders Dostojewskij auch zu literarischer Qualität erhoben hat. Das gilt auch für den Zustand permanenter Gekränktheit und der aus ihr folgenden Aggressivität, wie sie den Helden der „Aufzeichungen aus dem Kellerloch“ auszeichnen und ebenso einen Zustand der nationalen Seele, das beleidigte Russland. Darin ein Alleinstellungsmerkmal der russischen Nation zu sehen, werden wir uns nun abgewöhnen müssen. Die einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, die „Macht der Beleidigten“ und auch die rüden Sitten des russischen Internets sind – unter einer allenfalls indirekten Mitwirkung Russlands - im Westen angekommen und stellen überhaupt ein globales Phänomen dar.

Dennoch gibt es in Russland einige nationalspezifische Ausdruckformen der großen Gereiztheit, die im folgenden ausführlicher erörtert werden sollen. Traditionell zeigt sich das in dem immer schon gespannten Verhältnis zwischen „Volk“ und „Intelligenz“, das heute in Form der völligen Entfremdung zwischen der kleinen Opposition und der loyal-patriotischen Bevölkerungsmehrheit zu beobachten ist.


„Stimme des Volkes“ oder „Idiotismus“?

Als Beispiel für die Spaltung der Gesellschaft und den Umgang mit Andersdenkenden sei hier der Fall des Lehrers Aleksandr Bywschew angeführt, der sich im Jahr 2015 in der Provinzstadt Krom (Orlovskaja oblast’) vor Gericht zu verantworten hatte. Ihm wurde „Aufruf zu nationalem Hass“ vorgeworfen, bezogen auf die Veröffentlichung eines „extremistischen Gedichts“, in dem der Verfasser die ukrainischen Patrioten zur Verteidigung ihrer Heimat gegen die russischen „Okkupanten“ aufrief. 43 Zeugen, die Mehrheit Kollegen an seiner Schule, bekundeten in zum Teil wörtlicher Übereinstimmung ihre Empörung über die politischen Ansichten und das gesamte Verhalten des Angeklagten. Gutachter, die das Vorliegen eines Straftatbestands im Text des Gedichts nicht erkennen konnten, wurden durch andere ersetzt, die die Anklage bestätigten. Im Bericht der „Novaja gazeta“ (1.04.2015) werden Auszüge aus dem Protokoll angeführt, die den absurden Charakter der „im Volk“ herrschenden Meinung zum Vorschein bringen. Einer der Zeugen äußert sich mit Abscheu über die „extrem liberalen Ansichten“ des Lehrers. Auf die Frage des Richters, was er denn unter liberalen Ansichten verstehe, antwortet er: „Nun, was bedeutet denn in unserem Land das Wort ‚liberal’? Unter diesem Begriff werden doch alle Russophoben eingereiht“. Ob also seiner Meinung nach Freiheit und Russophobie ein und dasselbe seien, fragt der Richter nach, und der Zeuge antwortet: „Nun ja, faktisch kann man da ein Gleichheitszeichen setzen“.
Auch in der russischen Provinz funktioniert die „Echokammer“. Die Wahrheit, die keines Beweises bedarf, besteht in dem, was „wir“, die Menschen „in unserem Land“, als solche anerkennen. Andersdenkende sind Feinde, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden müssen. Gemessen an diesen Grundsätzen, ist Byvschew mit einer verhältnismäßig milden Strafe davongekommen. Er wurde nicht ins Straflager geschickt, wie die jungen Frauen von „Pussy Riot“, sondern „nur“ zu 300 Stunden gemeinnützigen „Besserungsarbeiten“ verurteilt, die er auf dem städtischen Friedhof von Krom ableisten durfte.

Schauen wir nun auf die andere Seite der Barrikade, wo die Verteidiger des Liberalismus sich – gewiss nicht ohne Grund – über solche haarsträubenden Fälle empören. Sie sind in aller Regel gebildeter als ihre Opponenten, fähig zu kritischer Analyse, aber in einem entscheidenden Punkt gleichen sie ihnen: sie schauen auf dieses „Volk“, dem sie selbst angehören, mit Verachtung und wollen nichts mit ihm zu tun haben. Einer von diesen Oppositionellen hat auf der Plattform ej.ru (jezhednevnyj zhurnal (15.04.2015) über den Prozess gegen Bywschew berichtet und noch zwei andere Fälle von absurden „Skandalen“ mit politischem Hintergrund hinzugefügt: den angeblich „unsittlichen“ „Tanz der Bienchen“ einer Schülergruppe in Orenburg und den angeblichen „Bilderraub“ des bekannten Widersachers Putins Alexej Nawalny. Der Sinn des Artikels kommt in der Überschrift unmissverständlich zum Ausdruck: „Leben mit Idioten“. Die Formel wird mehrfach variiert, immer im selben Ton der Verzweiflung: „Das Land des siegreichen Idiotismus ist auf dem Marsch“, „Die Phantasie der Geisteskranken kennt keine Grenzen“ u.a.m.
Bei allem Verständnis für die isolierte Situation der Andersdenkenden in Russland stellt sich doch die Frage, was solche öffentlichen Auftritte bewirken sollen, die nur neue Gereiztheit und Aggression auslösen und gleichsam den Vorwurf der „Russophobie“ bestätigen. Wie kann man Reformen in einem Land befördern, wenn die Mehrheit der 143 Millionen Einwohner aus Geisteskranken besteht? Diagnosen dieser Art bedeuten letztlich nichts anderes als den Ausstieg aus dem politischen Leben. Leider beschränken sich viele Auftritte der Opposition auf solche Invektiven gegen das „Volk“. So entwirft der Autor des Artikels „Auf wen stützt sich das Land?“ (Gazeta.ru, 22.03.2016) das Bild eines „normalen Russen“ nach dem Modell des „Durchschnittsmenschen“ in José Ortega y Gassets Buch „Der Aufstand der Massen“. Das Ergebnis ist die gnadenlose Karikatur eines „Herdenmenschen“, ein stumpfsinniger Untertan der Regierung, der „auf ‚Putings’ getrieben“ wird und sogar bereit ist, in den Krieg zu ziehen, allerdings nur in Pantoffeln und mit der TV-Fernbedienung in der Hand. In dem Artikel „Der Bauer triumphiert“ (Gazeta.ru, 9.11.2015) tritt in derselben Rolle der Vertreter der längst untergegangenen erzkonservativen bäuerlichen Kultur mit ihrem Paternalismus und ihrem Fremdenhass in neuer Gewandung auf und bedroht die moderne Stadtkultur.


Was tun?

Bedenkenswerter ist die Analyse in dem Artikel „Was ist falsch an dem russischen System der Werte?“ auf dem Informationsportal GZT.ru (11. 07.2016). Ziel des Verfassers ist nicht die polemische Vernichtung eines ihm widerwärtigen Typs in der russischen Gesellschaft, sondern der Ruf nach einem ernsthaften Nachdenken über den Zustand der Gesellschaft im ganzen, was durch den Gebrauch des Pronomens „wir“ unterstrichen wird. „Wofür leben wir ?“, fragt der Autor und konstatiert mit Bedauern, dass eine Debatte über diese, in der russischen Kultur und Literatur fundamentale Frage seit langem nicht stattfinde. Es fehle das Gespräch über eine neue Ethik nach dem Ende des sowjetischen Staates, der seine Bürger nicht so sehr gelehrt habe, in Ehren zu leben, als vielmehr in Ehren zu sterben: „Das Opfer der eigenen Person, ein individueller Akt, erzwungen durch extreme Umstände, ist in eine kollektive Verpflichtung verwandelt worden“. Neben der Opferbereitschaft habe die sowjetische Lebensschule dem Menschen vor allem negative Emotionen eingepflanzt: den Hass auf äußere und innere Feinde, die Ablehnung anderer Weltanschauungen und alternativer Formen des persönlichen Lebens, den Verzicht auf Kontakte mit dem Ausland außerhalb der Kontrolle durch den Staat usw. Vieles aus diesem Wertekanon sei noch immer in Kraft, insbesondere das Gefühl, in einer belagerten Festung zu leben. Und dieses Gefühl bringt immer neue Ziele der Ablehnung: Migranten, Liberale, Homosexuelle, die Ukraine, die USA, der Westen usf. Es wächst auch der Antikapitalismus, wobei die Unzufriedenheit mit den Folgen dieser wilden Variante der Ökonomie in Konflikt mit manchen liebgewordenen Gewohneiten in der Konsumgesellschaft geraten kann. „Den Kapitalismus muss man nicht ablehnen“, erklärt der Verfasser, „man muss für seine Humanisierung kämpfen“. Den Ausweg aus der durchweg negativen Werteordnung sowjetischen Ursprungs sieht er nur in der Förderung des Gefühls der persönlichen Verantwortung eines jeden Menschen für den Zustand der Gesellschaft und der Bereitschaft, an der Schaffung einer Zivilgesellschaft mitzuwirken.
Von denselben Werten geleitet ist die Argumention der Verfasserin des Artikels „Warum sind wir so aggressiv?“ auf dem Kanal subscribe.ru (1.02.2016), einem Forum von Gemeinschaften im Internet zu verschiedenen Themen der Gesellschaft. Das provozierende Thema bezeichnet direkt die hier behandelte Sache, den Seelenzustand der Gereiztheit, des Ärgers und der Aggressivität. Nach Meinung der Verfasserin, der bekannten Psychologin Ljudmila Petranowskaja, durchdringt diese Gemütsverfassung in Russland nicht nur die Politik, sondern auch das Alltagsleben der Menschen. Zur Illustration führt sie Mitteilungen in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Vkontakte an. Das Runet sei voll von Texten wie „Also nein, nun denkt doch mal, was das alles für Idioten sind (was für Hornochsen, Schwachköpfe, Dumpfbacken usw.)…“ Und auf jeden dieser Einträge folgen hunderte Kommentare mit immer dem gleichen Inhalt: „Ja, diese Missgeburten bringen mich auch zur Weißglut“. Als Anlass für diese Gereiztheit dient in der Regel nicht die große Politik, sondern kleine Unannehmlichkeiten: Kinder machen Lärm im Café, und die Eltern achten nicht darauf, junge Mädchen sind nach Meinung des Beobachters unschicklich angezogen oder hören die „falsche“ Musik. Von hier aus weitet sich der Kreis der Aggressionen auslösenden Individuen und Gruppen auf alle aus, die anders, „nicht wie wir“ sind: Menschen anderer Nationalität, anderer Religion und Kultur, anderer sexueller Orientierung und, insbesondere, anderer politischer Ansichten. Obwohl diese ständige Gereiztheit sich also auf beliebige Ziele richtet und nicht eigentlich politisch motiviert ist, hat sie nach Meinung der Verfasserin doch einen gemeinsamen politischen Grund. Er liegt in der „vertikal“ organisierten, autoritären Staatsform Russlands, die die Bürger entmündigt. „Rechte und Möglichkeiten der Entfaltung stehen den Bürgern nicht per Gesetz zu, sie werden von oben zugeteilt, soweit man das für nötig hält“. Was das real bedeutet, erläutert Petranowskaja an Episoden aus dem Alltagsleben. Milizionäre und andere Beamte finden immer einen Grund, „dir deinen Platz anzuweisen“, können auch zu Hause bei dir erscheinen und nachsehen, wie du deine Kinder erziehst, und ähnliches mehr. Jeder Versuch des Widerstands, etwa gegen offensichtlich unsinnige Vorschriften, ist zum Scheitern verurteilt. Die aggressive Grundstimmung in der Gesellschaft sei als Reaktion auf die ständigen Stresssituationen zu erklären, denen die Bürger ausgesetzt sind, meint die Verfasserin. Die aggressiven Gefühle werden weitergereicht: nach unten, wo sie etwa Untergebene treffen, oder „horizontal“, auf alle möglichen unsympathischen Typen gerichtet. Schließlich kann das Gefühl der Erniedrigung sogar zum Selbsthass führen, wenn der Betroffene sich seiner Hilflosigkeit schämt. Wir befinden uns wieder in der Welt Dostojewskijs und seines „Untergrundmenschen“. Dem Beobachter aus dem Westen drängt sich hier allerdings die Frage auf, warum die große Gereizheit auch in Westeuropa und den USA zum Ausbruch gekommen ist, also in Staaten mit erheblich mehr Freiheit und Rechtssicherheit. Die Verfasserin vertritt wie viele Vertreter de Opposition die Meinung, dass die „Idioten“ allein in Russland zu Hause sind. So muss man jedenfalls ihren Vergleich zweier ähnlicher Szenen verstehen, die sich auf einer Straße in Russland und in England abspielen: eine alte Frau geht an einer ungesicherten Stelle über die Straße und stört den Verkehr. In England habe sie in dieser Situation nicht mehr zu befürchten als einen erhobenen Zeigefinger und die fürsorgliche Ermahnung „Vorsicht!“, in Russland dagegen werde ein Autofahrer sie unweigerlich anschreien: „Was drängelst du dich da durch, du alte Hexe?“ Nach allem, was zu Zeiten des Brexit aus England zu hören ist, erscheint dieser „russische“ Auftritt auch dort durchaus vorstellbar.
In den Leserkommentaren zu dem Artikel folgte denn auch der zu erwartende Widerspruch aus Russland. Eine gewisse Violet-Lady antwortete der Verfasserin: „Na toll. Wieder sind bei uns alle Idioten, aber im Westen gibt es nur Musterknaben. Und jetzt stehen diese Musterknaben da und schauen ohne jede Aggression zu, wie die Flüchtlinge ihre Frauen vergewaltigen“.

Ernsthaft bedenkenswert erscheint dagegen ein Gedanke, den die Verfasserin an den Schluss ihres überwiegend düsteren Szenariums stellt: die russischen Menschen müssten jene Formen einer „gesunden Aggression“ zurückgewinnen, die in der Natur zur Selbstverteidigung dient und die in den Protestaktionen des Winters 2011-2012 gegen Wahlfälschungen und Korruption so eindrucksvoll zur Geltung kam. Ähnliche Rufe nach mehr „Zornbereitschaft“ und „Wehrhaftigkeit“ der Demokraten sind neuerdings auch bei uns zu hören.

Zum Schluss eine Bemerkung in eigener Sache. Im vorhergehenden Eintrag auf diesem Blog ist das Buch von Benjamin Bidder über die „Generation Putin“besprochen worden. Im Vergleich mit dem Zustand ständiger Wut bei den russischen Menschen in Petranowskajas Analyse zeigen die sechs befragten Individuen im Buch des Spiegel-Korrespondenten Bidder ein gänzlich anderes Profil: keiner von ihnen ist ständig gereizt und wütend, es handelt sich eher um nachdenkliche Menschen, die beharrlich und ohne großes Aufsehen an der Verbesserung ihrer persönlichen Verhältnisse arbeiten und im übrigen auf bessere Zeiten hoffen. Wie passt das zusammen? Und wie passen überhaupt die von Bidder erzählten Biographien zu den Russlandbildern der russischen Opposition? Es gibt zweifellos Erklärungen für diese auffallenden Unterschiede der Darstellung und Bewertung, und sie liegen nicht – jedenfalls nicht allein – in der Kompetenz oder Inkompetenz der Verfasser. Es scheint mir jedoch sinnvoller, die hier auftretenden Widersprüche einfach stehen zu lassen und die weitere Entwicklung abzuwarten, als zu versuchen, sie durch mehr oder minder angestrengte Erklärungen aufzulösen.

Ich wünsche den Besuchern des Blogs „Der unbekannte Gorki“ Gesundheit und Glück im Neuen Jahr 2017, in dem uns unter anderem der hundertste Jahrestag eines Ereignisses erwartet, das wie kaum ein anderes die große Gereiztheit symbolisiert: die russische Oktoberrevolution von 1917, die nicht mehr die Große genannt werden darf. Dostojewskij hat sie in seinem Roman „Die Dämonen“ mit den Worten des Liberalen Stepan Trofimowitsch vorausgesagt: „… bei uns herrschte eine allgemeine Gereiztheit, eine nie nachlassende Wut“. Und Maksim Gorki hat diese Diagnose in seinem Abschiedsroman „Das Leben des Klim Samgin“ mit den Worten des Helden und Zeitzeugen bestätigt: „Die Macht der Ideen war offensichtlich zuende, an der Reihe waren jetzt die empörten Gefühle…“
Hoffen wir trotzdem, dass das Neue Jahr uns erfreulichere und nützlichere Erlebnisse bringt als die große Gereiztheit, nicht zuletzt eine bessere Kontrolle über unsere aggressiven Gefühle.

Kategorie: Russland und die Russen

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