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Der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution – ein verschwundener Feiertag

Samstag, 25. März 2017, 20:13:08 | Armin Knigge

Der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution – ein verschwundener Feiertag

Gratulation zum "Großen Oktober"

Mit Postkarten wie im Bild zu diesem Eintrag gratulierten sich einst Sowjetbürger zum „Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“, dem wichtigsten Staatsfeiertag des Jahres, der am 7. November gefeiert wurde. Infolge der Einführung des gregorianischen (westeuropäischen) Kalenders im Februar 1918 war dies das neue Datum des 25. Oktober 1917. Die graphischen Motive zu diesem Anlass in schönstem sowjetischen Stil kann man auch heute noch dutzendfach besichtigen, z.B. auf dem Infoportal yandex.ru. Den Feiertag gibt es nicht mehr, aber seine Abschaffung verlief zögerlich. 1991 wurde er erstmals nicht öffentlich begangen, blieb aber bis 2005 arbeitsfreier Tag. 1996 wurde er durch einen Ukas des ersten Präsidenten der Russischen Föderation Boris Jelzin umbenannt zum „Tag der Aussöhnung und des Einvernehmens“. 2004 wurde auch dieser Staatsfeiertag per Gesetz abgeschafft, an seine Stelle trat ein neuer mit dem gleichen hohen Rang, der „Tag der nationalen Einheit“ (Den’ narodnogo edinstva), der am 4. November gefeiert wird. Er ist symbolisch der neuen Staatsideologie angepasst, denn er bezieht sich auf einen „Sieg Russlands“, die Befreiung von der polnischen Fremdherrschaft in Moskau durch einen Volksaufstand im Jahr 1612. Damit ist zwar jede direkte Beziehung zur Machtergreifung der Bolschewiki getilgt, aber die staatstragende Stimmung der „Einheit“ der Nation beibehalten bzw. wiederhergestellt.


Revolutionen - in Russland nicht angesagt

So kompliziert wie die Geschichte des Feiertags ist die heutige Einstellung des Staates und der Gesellschaft zu den Ereignissen des Jahres 1917. Uneingeschränkt positiv wird der Oktoberumsturz und die von ihm eingeleitete sowjetische Periode nur von der Kommunistischen Partei (KPRF) bewertet. Ihr Vorsitzender Gennadi Sjuganow behauptete in einem Interview im April 2016 (bezeichnenderweise mit der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua) sogar, dass nur eine Minderheit in Russland die Bolschewiki „mit Schaum vor dem Mund“ verdamme, wohl wissend, dass der Aufstand „ein Segen für das Land“ war. Die radikale Ablehnung der kapitalistischen Ordnung und des gesamten „liberalen“ Kurses der Regierung hindert die Partei aber nicht daran, das Streben nach neuer Größe des russischen Staates zu unterstützen und „sachliche“ Beziehungen mit Präsident Putin zu unterhalten.
In der Bevölkerung herrscht dagegen, von den Massenmedien unterstützt, eine generell ablehnende Haltung nicht nur der Oktoberrevolution, sondern allen revolutionären Bestrebungen gegenüber. Sie werden mit den „bunten Revolutionen“ der jüngsten Vergangenheit in der Ukraine und auch in den arabischen Ländern in Verbindung gebracht, die als von „fremden“ Mächten außerhalb des Landes, vornehmlich von westlichen Geheimdiensten und Finanzmagnaten angestiftete Palastrevolutionen gelten. Auch für die Oktoberrevolution gibt es eine passende Verschwörungstheorie, sie erklärt die Idee der Weltrevolution als ein Projekt dubioser Figuren aus dem Umkreis Lenins wie Alexander Parvus (Helphand) und wird meist von antisemitischen Tönen begleitet.

Das tiefer liegende Motiv für diese Ablehnung jeglicher „revolutionären Umtriebe“ ist jedoch in einem allgemeinen Bedürfnis nach „Ruhe und Ordnung“ zu suchen, was besonders nach den Erfahrungen der älteren Generation verständlich erscheint. Man kann oft die Meinung lesen oder hören, dass radikale politische Aktionen unausweichlich in Gewalt und Blutvergießen münden. Die Protestaktionen des Winters 2011/12, die, was die friedliche und humorvolle Gemütsverfassung der Demonstranten betrifft, eigentlich das Gegenteil bewiesen haben, sind heute fast vergessen, der Konflikt mit der Ukraine dagegen allgegenwärtig.
Ein wesentlicher Faktor bei der Zerstörung des staatlichen Gründungsmythos war die Verurteilung der Oktoberrevolution durch die Orthodoxe Kirche. Auf diesem Blog wurde im Mai 2013 von den Auftritten des einflussreichen Vertreters der Kulturbürokratie Pawel Poschigailo berichtet, der die Forderung erhoben hatte, Teile der klassischen russischen Literatur, darunter Turgenjew und Saltykow-Stschedrin, im Schulunterricht einer besonderen Kontrolle zu unterziehen, da sie mit ihrer atheistischen Ideologie „Revolutionäre erzogen“ habe. Die Oktoberrevolution sei eine schwere Sünde gewesen, für die das Volk mit einer siebzig Jahre währenden Buße bestraft worden sei. In diesem Sinne äußerte sich jetzt aus Anlass des 100. Jahrestages auch der Patriarch Kirill: die Oktoberrevolution sei „ein großes Verbrechen“ gewesen, das den Menschen in Russland die Pflicht auferlege, „dass wir durch Tugendhaftigkeit Buße tun für unsere Sünden und die Sünden unserer Vorfahren“ (Ria-Novosti, 19.02.2017).


Der Präsident ruft zur „Versöhnung“ auf

Verglichen mit den kontroversen Stellungnahmen in Politik und Gesellschaft zeichnen sich die Äußerungen des Präsidenten Wladimir Putin zu den Ereignissen von 1917 durch betonte Neutralität in der Bewertung und den Aufruf zur Versöhnung bestehender Gegensätze aus. In seiner Botschaft an die Föderalversammlung (16. Dezember 2016) sprach Putin von den „schweren Erschütterungen“ der Gesellschaft und den „Tragödien“ infolge von Repressionen, die praktisch jede Familie in Russland betroffen haben, und rief zu einer „objektiven Analyse“ der historischen Ereignisse und zur Versöhnung auf. Der wichtigste Teil seiner Botschaft war, deutlich auch auf den Ukraine-Konflikt bezogen, die „Einheit Russlands“.
Gegenstand des historischen Gedenkens war in Putins Formulierung der 100. Jahrestag nicht nur einer, sondern zweier Revolutionen, der Februar- und der Oktoberrevolution. Dabei vermied der Präsident Attribute wie „große“, „sozialistische“ oder „demokratische“ Revolution. Ohne näher darauf einzugehen, wies der Präsident damit auf die Schwierigkeiten hin, die sich aus dem Gedenken an den Sturz der Monarchie und die erste demokratische Regierung in Russland ergeben können. Im Verständnis der großen Mehrheit der Zeitgenossen war dies ohne Einschränkung ein freudiges Ereignis, der Sieg der Freiheit über die Tyrannei. Müsste man also nicht auch heute die Februarrevolution feierlich begehen, deren Wertesystem in den Grundzügen der heute in Russland geltenden Verfassung von 1993 entsprach? Dem steht aber der Sturz der Monarchie im Wege, eines Imperiums, das dem Präsidenten heute in mancher Beziehung näher zu stehen scheint als die UdSSR. Hinderlich für die Ehrung des Februar 1917 ist auch der heute in Russland herrschende Begriff der Freiheit, der mit der verhassten Perestrojka, dem Zerfall der Sowjetunion und der liberalen Opposition verbunden wird.


Die Große Sozialistische Oktoberrevolution – vergessen?

Was folgt aus diesen verzwickten Zusammenhängen? Die natürlichste Lösung des Problems könnte wohl das einfache Vergessen der unbequemen Ereignisse des Jahres 1917 sein. Wenn man einer Umfrage des immer noch autonomen Lewada-Zentrums im Januar 2017 folgt, ist dieser Fall sogar schon weitgehend eingetreten. (Quelle: Russland-Analysen Nr. 332, 17.03.2017). Die Meinungsforscher fragten nach Ereignissen in der Geschichte Russlands, einmal nach solchen, die „Stolz“ auslösen, dann nach solchen, die „Scham und Verdruss“ hervorrufen. Die erste Überraschung besteht darin, dass weder die Februar- noch die Oktoberrevolution in den Fragen vertreten sind, allerdings konnten die Probanden auch selbst ein Ereignis angeben (wovon nur 1% Gebrauch machten). Offenbar erschien das Thema der Oktoberrevolution den Spezialisten als zu unbedeutend oder als zu wenig aussagekräftig für den Zweck der Befragung.

Unter den Ereignissen, die das Gefühl des Stolzes in den Bürgern Russlands auslösen, erscheinen auf den ersten fünf Positionen die Hauptpunkte der heutigen Staatsideologie, „Russlands Größe“, wobei die Errungenschaften des untergegangenen Sowjetimperiums und auch das vorrevolutionäre Russland ohne Bedenken eingeschlossen sind: der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg (83%), die „Rückkehr der Krim“ (43%), die Errungenschaften im Kosmos (41%), die „große russische Literatur“ (36%) und die „Rückkehr“ in den Kreis der großen Industrieländer in der sowjetischen Periode (35%). Ein solches Ergebnis ohne die Große Sozialistische Oktoberrevolution wäre in Sowjetzeiten undenkbar gewesen.
Bei den Ereignissen, die Scham und Verdruss auslösen, ist erwartungsgemäß der „Zerfall der Sowjetunion“ (33%) vertreten, aber es gibt auf den ersten Plätzen auch eine kritische Distanz zum neuen Russlandkult, auf Platz eins rangiert die Scham darüber, dass ein so großes und reiches Land in „ewiger Armut“ lebt (54%), an vierter Stelle sind Repression, Terror und Vertreibung von Völkern zwischen den 1920er und und 1950er Jahren gewählt worden (22%), ein Thema, das mit der Oktoberrevolution korreliert. Aber wichtiger erscheint den Befragten ein allgemeinmenschliches Phänomen wie die „gegenseitige Grobheit und Respektlosigkeit bei den Menschen“ (24%) – eine Bestätigung für Befunde, die im Eintrag „Die große Gereiztheit“ (1.01.2017) auf diesem Blog behandelt worden sind.

Die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ und ihre Vorgeschichte in der russischen Befreiungsbewegung als der zentrale Gedächtnisort in Russland hat also ausgedient. Möglicherweise würde die Oktoberrevolution in vergleichbaren Befragungen in Westeuropa als welthistorisches Ereignis mehr Beachtung finden als im eigenen Land. Man kann in diesem Phänomen Geschichtsvergessenheit sehen oder auch eine vernünftige Reaktion auf den Revolutionskult der Sowjetideologie. Wie oft in der Geschichte Russlands ist hier eine extreme Einstellung der Gesellschaft in ihr ebenso extremes Gegenteil umgeschlagen. Mit der Verurteilung jeglicher radikaler Umbrüche sind Begriffe wie Protest, Opposition, letztlich jede öffentliche Kritik an der Regierung zu zweifelhaften und eigentlich unzulässigen Aktionen geworden. Die Folge ist eine immer mehr abnehmende Bereitschaft, die Regierung zu kontrollieren und an der Gestaltung der Zukunft des Landes aktiv teilzunehmen, kurzum: das Fehlen einer Protestkultur und einer Zivilgesellschaft, die mehr als eine kleine Minderheit von Intellektuellen umfasst. Der Prophet einer solchen Gesellschaft war der „ewige Revolutionär“ Maxim Gorki, der mit seiner Persönlichkeit und seinen Ideen in Russland heute ebenso wie vor hundert Jahren äußerst „unzeitgemäß“ erscheint. Ihm ist der folgende Eintrag auf diesem Blog gewidmet.

Den erwähnten Eintrag „Über schädliche Klassiker in der Schule“ finden sie hier.
Die Liste der Einträge zum Thema der Revolution bei Maxim Gorki s. im folgenden Eintrag.

Kategorie: Russland und die Russen

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