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„Ein gewaltiger Schriftsteller“ – Pawel Basinskij zum 149. Geburtstag Maxim Gorkis

Sonntag, 14. Mai 2017, 14:05:27 | Armin Knigge

„Ein gewaltiger Schriftsteller“ – Pawel Basinskij zum 149. Geburtstag Maxim Gorkis

Maxim Gorki (1898)

Der 149. Geburtstag eines Schriftstellers gehört sicher nicht zu den herausragenden Jubiläen, und so ist dieses Ereignis am 28. März dieses Jahres auf dem Blog unbeachtet geblieben. Unbedingt mitteilenswert erscheint mir aber ein Artikel von Pawel Basinskij, der aus diesem Anlass in der „Rossijskaja gazeta“ (27.03.2017) erschienen und mir erst jetzt bekannt geworden ist. Der Titel „Gorki ungekürzt“ bezieht sich auf die zahlreichen Kürzungen durch die Zensur in Gorkis Texten in sowjetischer Zeit, hier übertragen auf das von zahlreichen Klischees überlagerte, „gekürzte“ Gorki-Bild überhaupt. Es handelt sich um eine Hommage an den Schriftsteller Maxim Gorki, die sowohl von solider Sachkenntnis als auch von einer deutlich ausgesprochenen persönlichen Wertschätzung für den Schriftsteller bestimmt ist. Basinskijs Beiträge zu Leben und Werk des Schriftstellers sind auf diesem Blog schon mehrfach besprochen worden, insbesondere seine 2005 erschienene Biographie des Schriftstellers (Links am Ende des Eintrags). In seiner Rolle als Kulturredakteur der Regierungszeitung „Rossijskaja gazeta“ bewahrt sich Basinskij eine erstaunliche Unabhängigkeit von der staatlichen Propaganda. Er streitet für die Bewahrung der geistigen Traditionen Russlands und gegen kulturfeindliche Tendenzen wie den Stalinkult und die verbreitete Sowjetnostalgie. In diesem Kontext präsentiert Basinskij den Schriftsteller Gorki als eine (oder sogar die) Hauptfigur des „Silbernen Zeitalters“, jener zwei Jahrzehnte um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in denen nicht nur die russische Literatur, sondern das gesamte geistige Leben in Russland eine Höhe erreicht hatte, die nur mit dem „Goldenen Zeitalter“ der Puschkinperiode vergleichbar ist.
Wenige Tage vor seiner Hommage an Gorki hatte Basinskij in der „Rossijskaja gazeta“ (19.03.2017) unter dem Titel „Ein Fluch dem Silbernen Zeitalter?“ über eine in den russischen Medien verbreitete negative Bewertung eben dieses Silbernen Zeitalters geschrieben, die er mit fassungslosem Erstaunen wahrgenommen habe. Da werde allen Ernstes behauptet, die russische Revolution und der anschließende Bürgerkrieg wären dem russischen Volk erspart geblieben, wenn nicht zuvor eine Unzahl von Künstlern, Denkern und Wissenschaftlern Verwirrung in den Köpfen der Menschen gestiftet hätten, eine „intellektuelle Betrunkenheit“. Es gab einfach zu viele verschiedene Meinungen, sagen die Verfechter dieser These in deutlicher Nähe zur heutigen staatlichen Propaganda, gefehlt habe die „Einmütigkeit“ und „die Sorge um das Wohl des Landes“. Und weiter: es sei Stalin gewesen, der die Einmütigkeit und mit ihr ein neues „Goldenes Zeitalter“ begründet habe. Basinskij, entsetzt über diese Verschwörungstheorie, entgegnet diesen Stimmen, nicht die Kultur, sondern zwei Kriege (der russisch-japanische 1905 und der Weltkrieg 1917) hätten die russischen Revolutionen herbeigeführt. Das Silberne Zeitalter sei dagegen vom Geist der friedlichen Entwicklung der Gesellschaft geprägt gewesen. Das Beste von dem, was in Russland im 20. Jahrhundert – auch in den angeblich „gesegneten Dreißigern“ – geschaffen worden sei, hätten Menschen des Silbernen Zeitalters oder von ihnen erzogene Kinder geschaffen, lautet das Fazit des Verfassers. In dem Artikel zum 149. Geburtstag ist Maxim Gorki als Haupt- und Schlüsselfigur in diesen Umkreis gestellt.
Vielleicht bringt der 150. Geburtstag im nächsten Jahr dem Schriftsteller wirklich die ihm gebührende Aufmerksamkeit, übrigens in Gesellschaft des Klassikers Turgenjew, eines in vielem mit Gorki verwandten Schriftstellers, dessen 200. Geburtstag ebenfalls 2018 begangen wird. Beide, Gorki und Turgenjew, sind in den Kreis „unserer großen alten Männer“ eingeschlossen, von denen der Verfasser in dem Artikel spricht, der unten in deutscher Übersetzung (vom Autor des Blogs) folgt.
Jedenfalls ist in diesem Beitrag ein gewichtiges Wort über die historische Bedeutung Gorkis gesprochen, gewiss nicht im Regierungsauftrag, denn in dem großen staatlich organisierten Fest „Jahr der Literatur 2015“ war von Gorki nichts zu hören.
Bemerkenswert ist auch, dass Basinskij schon den frühen Gorki als einen bedeutenden „Denker“ präsentiert, zu einer Zeit, als der Schriftsteller eher noch als ein Abenteuer und Vagabund (Bosjak), denn als ein nachdenklicher Beobachter des Lebens wahrgenommen wurde. Der Zigeuner Makar Tschudra, Titelheld seiner ersten veröffentlichten Erzählung, hält seinem Gast, dem jungen Gorki, einen Vortrag darüber, was im Leben wirklich wichtig ist: nicht das Lernen und Lehren für eine bessere Welt, nicht das Massendasein in den großen Städten und die lebenslange Arbeit, sinnlos angesichts des unausweichlichen Todes, sondern ein Leben in Freiheit, auf Wanderschaft und im Angesicht der schönen Natur.


GORKI UNGEKÜRZT

Am 28. März jährt sich zum 149. Mal der Geburtstag Maxim Gorkis (Aleksej Maksimowitsch Peschkows). Im kommenden Jahr werden wir an diesem Tag seinen 150. Geburtstag begehen.
Und ich wünsche mir sehnlichst, dass wir in diesem Jubiläumsjahr aufwachen, uns besinnen und mit echter Würde die runden Daten unserer großen alten Männer begehen werden.

Da ist nun Gorki… Was wissen wir über ihn? Die Vorstellungen von ihm haben sich in den letzten Jahrzehnten schon mehrfach verändert, von der offiziösen Lobpreisung über den vollständigen „Sturz vom Sockel“ bis zu einem, so hoffe ich, vernünftigen Verständnis dessen, was bei Wikipedia über ihn gesagt ist. Gorki sei „einer der bedeutendsten und weltbekanntesten russischen Schriftsteller und Denker“.

Mir gefällt besonders, dass Wikipedia betont, Gorki sei nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch ein Denker gewesen. Das ist die reine Wahrheit! Seine erste publizierte Erzählung „Makar Tschudra“ ist natürlich nicht einfach die Erzählung von einer romantischen Liebe zweier Zigeuner – Lojko und Radda, sondern eine philosophische Parabel darüber, wie der Mensch glücklich sein kann und ob er überhaupt glücklich sein kann. Von den ersten Zeilen der Erzählung an, den Überlegungen des alten Zigeuners Makar Tschudra, überrollt dich gleichsam die neunte Welle der Philosophie. Aber das ist nicht irgendeine abstrakte Philosophie, sondern die Philosophie des Lebens:

„Das Leben? Andere Leute? – Eh! Was geht das dich an? Bist du selbst nicht ein Leben? Andere Menschen aber leben ohne dich und werden auch weiter ohne dich leben. Denkst du denn, dass dich jemand braucht? Du bist kein Brot und kein Stock, nun, so braucht dich auch niemand. – Lernen und Lehren, sagst du? Und könntest du denn lernen die Menschen glücklich zu machen? Nein, du kannst es nicht. Werde du erstmal grau und dann sage, dass man lehren müsse. Was denn lehren? Ein jeder weiß, was er nötig hat. Die Gescheiten, die nehmen was da ist, die Dummen, die kriegen nichts, und ein jeder lernt selbst… Lächerlich sind sie, deine Menschen, drängen sich auf einen Haufen zusammen und erdrücken einer den anderen, dabei gibt’s auf der Erde so viel Platz… Und immer arbeiten sie. Weshalb? Für wen? Niemand weiß es. Du siehst wie ein Mann pflügt, und denkst: da verbraucht er erst im Schweiße seines Angesichts seine Kräfte für die Erde, dann legt er sich selber hinein und verfault in ihr. Nichts bleibt von ihm zurück, er sieht nichts von seinem Acker und stirbt wie er geboren war, als Dummkopf.“

Sagen wir es direkt - eine grausame Philosophie. Aber wer hat gesagt, dass Gorki ein gutherziger Schriftsteller ist? Nein, er ist nicht gutherzig, obwohl er in einigen Sachen (z.B. „Einst im Herbst“ und die schöne Kindererzählung „Der kleine Spatz“) bis zu Tränen sentimental ist. Gorki (der Bittere), verzeihen Sie die Tautologie, ist wirklich ein bitterer Schriftsteller. Die Wahl seines Pseudonym in der Jugend war vielleicht auch eine effektvolle Pose, es war damals Mode sich solche Pseudonyme auszudenken (der Weiße, der Schwarze, der Arme, der Hungrige), aber sein Leben erwies sich wirklich als bitter, was immer man redete über seine komfortablen Villen auf Capri und im sowjetischen Moskau.

Wir werfen Gorki sein Einverständnis mit der Diktatur Stalins vor, seine Reise in das Straflager Solowki, das von ihm organisierte Buch über den Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals [ein Projekt des NKWD zur „Umerziehung“ von Häftlingen]. Aber wir denken nicht darüber nach, warum wir anderen nicht solche Vorhaltungen machen, zum Beispiel dem Schriftsteller Iwan Bunin. Denn man könnte ihm doch den Vorwurf machen, dass er, ein genialer Prosaist, streng genommen, in seinem Leben an nichts anderem teilgenommen hat als an seinem Schicksal als Schriftsteller. Ja, es war ein schweres, ein einsames, ein dramatisches Schicksal. Aber doch nichts anderes als sein, Bunins, Schriftstellerschicksal. Sogar seine Beziehungen mit der russischen Emigration waren angespannt, und die Emigranten wandten sich, wenn sie Hilfe brauchten, eher an Gorki, solange er noch in seiner Villa in Sorrent lebte. Und die jungen sowjetischen Schriftsteller, künftige Klassiker, fuhren in ganzen Gruppen nicht zu Bunin, sondern zu Gorki; einen anderen Fürsprecher für die Sorgen von Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern gab es in den dreißiger Jahren einfach nicht mehr.

Gorki, und das war das Drama seines Lebens, hat sich lebenslang nicht nur für sich selbst verantwortlich gefühlt. Er hat freiwillig die Rolle einer „Brücke“ aus dem 19. in das 20. Jahrhundert auf sich genommen. Nur Gorki konnte gleichzeitig einen Briefwechsel und eine eigentümliche Freundschaft mit Lenin und [dem Religionsphilosophen] Rosanow pflegen.
Einzig Gorki konnte sich mit Leo Tolstoj und Josef Stalin treffen und mit beiden ein ernsthaftes Gespräch führen. Und sie verstehen. Richtig oder falsch, aber verstehen. Und er konnte nicht nur darüber nachdenken, sondern auch handeln, Journale, Zeitungen, Verlage, wissenschaftliche und kulturelle Institutionen organisieren. Den Schriftstellerverband [1934] hat Gorki übrigens nicht geschaffen. Aber die Verantwortung dafür wird dennoch immer auf ihm lasten.

In seinem letzten, unabgeschlossenen Roman „Das Leben des Klim Samgin“ hat Gorki über Menschen geschrieben, die „sich selbst ausgedacht“ haben, und „schlecht ausgedacht“ haben. Ich kenne, ehrlich gesagt, keinen stärkeren und grausameren Vorwurf an die Adresse der russischen Intelligenzija. Aber das Problem bestand darin, dass Gorki das nicht von oben herab, sondern aus dem Inneren dieser Welt geschrieben hat. Er war selbst einer dieser Menschen. Und die Intelligenzija, wie auch immer sie sich zu Gorki verhielt, wusste immer, „er ist einer von uns“. Sogar wenn er im Kabinett von Stalin sitzt.
Wo er übrigens, soweit mir bekannt, nie gesessen hat. Stalin geruhte selbst zu ihm zu fahren.
Gorki hat sich selbst „ausgedacht“. Mal war er „ein echter Mensch des Volkes“, mal ein „Bolschewik“, mal ein „Kritiker der Revolution und Lenins“, mal ein „Emigrant“, mal „der Begründer des Sozialistischen Realismus“. Aber im Kern war er eine echte und höchst bedeutsame Figur des russischen Silbernen Zeitalters. Die Haupt- und Schlüsselfigur. Und Gorki hat sich selbst in solcher Weise „ausgedacht“, dass wir ihn bis zum heutigen Tag nicht vergessen können…
Weil er wirklich ein gewaltiger Schriftsteller war.




Der Originaltext des Artikels “Gorki ungekürzt” (Gor’kij bez kupjur) hier: https://rg.ru/2017/03/27/v-etom-godu-ispolnitsia-149-let-so-dnia-rozhdeniia-maksima-gorkogo.html

Der Auszug aus Gorkis Erzählung “Makar Tschudra” unverändert nach der Ausgabe: Maxim Gorki, Mein Reisegefährte und zwei andere Erzählungen, A.d. Russischen von H. Mexin und Ph. Losch, Leipzig Reclam 1901, S. 71.

Auf diesem Blog:
Über „Seltsamkeiten“ und den „echten Künstler“ – Pawel Basinskij über Maxim Gorki

“Jahr des Sieges der Literatur“ – aber in der Armee der Schriftsteller fehlte Maxim Gorki

Ein großes Buch – “Das Leben des Klim Samgin”

Kategorie: Streit um Gorki

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