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„Das russische Volk hat sich mit der Freiheit vermählt“ – Gorki und die Februarrevolution 1917

Mittwoch, 18. Oktober 2017, 23:20:13 | Armin Knigge

„Das russische Volk hat sich mit der Freiheit vermählt“ – Gorki und die Februarrevolution 1917

Plakat (1917): Nikolaj Romanov übergibt seinen Siegern die Krone

Gorki hat drei Revolutionen in Russland miterlebt, die erste 1905 und die folgenden im Februar und Oktober 1917. In der offiziellen Geschichtsschreibung der sowjetischen Periode bildeten die drei Ereignisse eine aufsteigende Linie – von der Generalprobe einer proletarischen Revolution, die mit einer Niederlage endete, über die Februarrevolution, die „nur“ den Sturz der Monarchie und eine bürgerliche Republik zustande brachte, zu dem glorreichen Weltereignis der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Im Leben des Schriftstellers muss man die drei Revolutionen hinsichtlich der aktiven Beteiligung und des Enthusiasmus dagegen auf einer absteigenden Linie anordnen. Die Revolution von 1905 war die einzige, an der er aktiv teilgenommen hat, sie war in wesentlichen Teilen sein Werk. Gorki hat die Erschießung friedlicher Demonstranten am 9. Januar 1905, dem „Blutsonntag“, in einem eindrucksvollen Bericht dokumentiert, Manifeste verfasst und als Häftling in der Peter-und-Paul-Festung in Petersburg eine weltweite Protestaktion ausgelöst. Auch den Moskauer Aufstand hat er in nächster Nähe der Führung begleitet. Die Erschütterung über die Niederlage der Revolution bedeutete für ihn nicht, dass die Opfer an Menschenleben sinnlos gewesen wären. Nach dem „Blutsonntag“ schrieb er an seine Frau, J.P. Peschkowa: „Die russische Revolution hat begonnen, wozu ich dich von Herzen beglückwünsche. Die Ermordeten dürfen uns nicht in Verwirrung bringen – nur mit Blut nimmt die Geschichte neue Farben an.“
Die Februarrevolution begrüßte der Schriftsteller als die „Vermählung Russlands mit der Freiheit“, der Sturz der Monarchie bedeutete für ihn persönlich den Sieg in einem lebenslangen Kampf. Dennoch überwog in seinen Beobachtungen der Massen auf den Straßen die Skepsis. Er sah „keine festliche Freude“, stattdessen Schreie nach Rache und Gewaltausbrüche, Reaktionen der in Jahrhunderten anerzogenen „Sklavennatur“ der Menschen auf die neue Freiheit. Gleichwohl sah er in den Februarereignissen das „Glück der Freiheit“ und den Beginn einer großen Kulturrevolution, deren Ziel es sein sollte, „im Menschen das soziale Gewissen und die soziale Moral zu entwickeln und zu stärken“.
Die Oktoberrevolution bestätigte Gorkis schlimmste Befürchtungen, denn die Bolschewiki, die radikalste und skrupelloseste Kraft in der neuen Republik, verstanden es, wie er mit Entsetzen konstatierte, am besten, auf der Klaviatur der „dunklen Instinkte“ der Massen zu spielen und mit dem russischen Volk „ein erbarmungsloses Experiment“ zu veranstalten, das alle Errungenschaften des Februars zunichte machte.
In der Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken über Revolution und Kultur“ erschienen Aufrufe zum Widerstand an die Arbeiterklasse und alle demokratischen Kräfte. Gorki wurde zum Feind der Bolschewiki, heftig bekämpft in der „Pravda“.
Aber damit war das Kapitel ‚Gorki und die Revolution’ nicht beendet. Schon im Frühjahr 1918 entschließt sich der Schriftsteller, mit Lenin und seinen Genossen zusammenzuarbeiten, wenn auch nur in der Rolle des Beschützers der vom Roten Terror bedrohten Intelligenzija. Dabei schwankt er zwischen der Empörung über die Gewalttaten der neuen Herrn und der Bewunderung für ihre „Energie“. Es vergeht ein ganzes Jahrzehnt der Irrungen und Wirrungen, bis der Schriftsteller 1928 aus dem Exil in Italien in die Sowjetunion zurückkehrt und zu einem Klassiker der Sowjetliteratur erhoben wird. Die Rolle des Ratgebers an der Seite Stalins lastet schwer auf der Erinnerung an eine bedeutende Künstlerpersönlichkeit Russlands und erklärt die bis heute andauernden Auseinandersetzungen über sein Leben und sein Werk.
Im folgenden soll es zuerst um die Rolle Gorkis in den Tagen der Februarrevolution und den Monaten danach bis zum Oktoberumsturz gehen.


„Kultur – wichtiger als Politik“

Als die Streiks und Massendemonstrationen in Petrograd den Sturz der Monarchie ankündigten, war Gorki weit entfernt von der Vorstellung einer in naher Zukunft bevorstehenden sozialistischen oder radikal-demokratischen Revolution. Auch die Überzeugung, dass die Geschichte sich nur mit Blut in neue Farben kleidet, wie er 1905 an seine Frau geschrieben hatte, war seit langem einer tiefen Abneigung gegen jede Form der Gewalt gewichen. Dies vor allem unter dem Eindruck des Weltkriegs, dieses „sinnlosen Gemetzels“ unter den zivilisierten Völkern Europas. Die Antikriegspropaganda war das Hauptthema der Monatsschrift „Letopis’“ (Chronik), die Gorki 1915 bis 1917 redigierte und blieb es auch in der im Mai 1917 gegründeten Tageszeitung „Novaja zhizn’“ (Neues Leben), wo die „Unzeitgemäßen Gedanken“ erschienen. Obwohl es unter den veränderten Umständen um die Verteidigung einer Republik ging, konnte Gorki seinen Widerwillen gegen jede Art des Krieges nicht überwinden. Das galt in gleicher Weise für die Welle des Chauvinismus, die der Kriegsbeginn auslöste. In einem 1914 erschienenen Artikel (erstmals unter dem von Nietzsche inspirierten Titel „Unzeitgemäßes“) scheute er sich nicht, Schriftsteller aus seinem persönlichen Umfeld, darunter Leonid Andrejew, Alexander Kuprin, Fjodor Sologub u.a. anzugreifen, weil sie dazu aufgerufen hatten, deutsche Spione aufzuhängen und die deutsche Kultur mit Stumpf und Stiel auszurotten. In der Presse erschienen um diese Zeit Analysen des deutschen Geistes, die strukturelle Übereinstimmungen zwischen dem Denken Kants und der Kanonenproduktion der Familie Krupp nachzuweisen versuchten. Gorki antwortete auf solche Entgleisungen mit der Bestimmung eines Schriftstellers, wie er sie verstand: „Mir scheint, dass dies nicht die Aufgabe des Schriftstellers in den Tagen des Zusammenbruchs der Kultur ist. Als der Verteidiger der Gerechtigkeit und der Wahrheit, als Verfechter der Achtung vor dem Menschen, muss der russische Schriftsteller die Rolle derjenigen Kraft auf sich nehmen, der den Aufstand erniedrigender und schändlicher Gefühle eindämmt“.
Typisch für die Denkweise und Rhetorik Gorkis ist hier der ausschließlich moralische Charakter der genannten Hochwertbegriffe und das Fehlen eines erkennbaren politischen Programms. Es geht, vereinfacht, um „anständiges“ und „unanständiges“ Verhalten des einzelnen Menschen, nicht um Parteien und Ideologien. Dies aber mit einem Rigorismus vorgetragen, der keine Kompromisse kennt. Entsprechend den Forderungen des praktischen Handelns in gesellschaftlichen Zusammenhängen war diese Sicht der Dinge unvereinbar mit Politik. In einer Rede vor den Gesellschaft „Kultur und Freiheit“ im Juni 1918 erklärte Gorki: „Politik ist immer abstoßend, ganz gleich, wer sie macht, denn sie wird unvermeidlich von Lüge, Verleumdung und Gewalt begleitet./…/ Und diese Wahrheit muss uns zu der Einsicht bringen, dass kulturelle Arbeit wichtiger ist als politische Arbeit“. Der Oberbegriff für die beschriebene unpolitische „Anständigkeit“ bei Gorki ist die Kultur, wie sie auch im Namen der von Gorki mitbegründeten Gesellschaft und im Untertitel zu den „Unzeitgemäßen Gedanken“ – „über Revolution und Kultur“ – erscheint. Bernd Scholz, der Herausgaber und Übersetzer der einzigen vollständigen deutschen Ausgabe der „Unzeitgemäßen Gedanken“ (1972), hat deshalb mit gutem Grund den Begriff der Kultur – abweichend von den russischen Ausgaben – dem der Revolution vorangestellt. „Gedanken über Kultur und Revolution“.


Was ist Kultur?

Kultur ist eine Art nomen sacrum in Gorkis Terminologie ohne eine festgelegte und konsequent angewendete Bedeutung. In diesem Wort konzentriert sich die fast religiöse Ehrfurcht des Autodidakten vor der Welt der Worte und der Bücher, die ihn persönlich vor dem sozialen Abgrund gerettet und in die höchsten Sphären des Geisteslebens erhoben hat. Annähernde Synonyme sind die Kunst und die schöpferische Arbeit, Freiheit, Menschenwürde und Humanität. Träger der Kultur sind für Gorki keineswegs alle Gebildeten oder die russische Intelligenzija, sondern die Vertreter einer anthropologischen Elite, Menschen mit besonderen Begabungen und moralischen Eigenschaften wie Opferbereitschaft, Menschenliebe, aber auch Stolz und Willenskraft. In einem Artikel der „Unzeitgemäßen Gedanken“ (24.12.1917) erscheinen sie als „die beiden größten Symbole“, die der Mensch geschaffen habe, Christus als die Idee der Barmherzigeit und Prometheus, der Feind der Götter und der „erste Rebell gegen das Schicksal“. Im Frühwerk Gorkis begegnen sie als mythische Gestalten wie der Retter seines Volkes Danko oder der stolze Räuber und Verächter des bäuerlichen Besitzdenkens Tschelkasch.
Im Zusammenhang mit diesem Ideal des „Menschen“ in Großschreibung (Chelovek), hat die Kultur im Denken Gorkis durchaus auch eine politische Dimension. Denn der stolze Mensch, der sein Schicksal in die Hand nimmt und mit seiner schöpferischen Arbeit den Göttern auf Augenhöhe begegnet, verkörpert sich nach Gorkis Vorstellung in den Menschen der europäischen Kultur. Die Russen hingegen sind nach jahrhundertelanger Knechtschaft in einer „asiatischen“ Mentalität gefangen, die durch Passivität, Anarchismus und Mystizismus gekennzeichnet ist. In der Abhandlung „Zwei Seelen“, 1915 in „Letopis’“ erschienen und in sowjetischer Zeit praktisch verboten, ist diese völkische und in Teilen rassistische Theorie zu einem Aufruf an die Arbeiterklasse verarbeitet, sich von den dunklen Wurzeln des „Ostens“ loszureißen und den revolutionären Weg nach Westen einzuschlagen. (Der Text ist auf diesem Blog in einer neuen kommentierten Übersetzung nachzulesen. Die Links am Ende des Eintrags.)
Im politischen Spektrum fanden diese in der Tat unzeitgemäßen Gedanken Gorkis irgendwo in der Mitte links von den Monarchisten und rechts von den Bolschewiki ihre Unterstützer, darunter Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Internationalisten und Radikale Demokraten, aber immer nur wenige. Die von Gorki gegründete Radikal-demokratische Partei war so unbedeutend, dass er sie in einem Brief scherzhaft als eine „Ein-Mann-Partei“ bezeichnet hat. Seine Aufrufe und Berichte „von der Straße“ in „Novaja zhizn’“, immer mit großer Leidenschaft vorgetragen, weckten nicht nur bei der „Pravda“, sondern auch bei den Nationalisten heftigen Widerspruch. Gorki war von April 1917, dem Erscheinen der ersten Nummer von „Novaja zhizn’“, bis zum Verbot der Zeitung im Juli 1918, ein einsamer Rufer in der Wüste.
In den Briefen an seine Frau J.P. Peschkowa spricht er oft von seiner Einsamkeit, dazu kamen Attacken seiner Tuberkulose und andere Krankeiten. Seine politische Position bezeichnete er, wenn er es überhaupt tat, als „sozialen Idealismus“. Lenin war immer wieder entsetzt über die Ideenwelt des Schriftstellers. Überliefert ist seine Bemerkung, Gorki sei „in der Politik erzcharakterlos“.

Gorki als Kulturarbeiter

Eine wenigstens teilweise Befriedigung fand der Schriftsteller in seiner praktischen Arbeit an der Kultur, auch wenn sie weit entfernt war von dem Ziel einer neuen Kultur der Menschheit. Er las ständig Manuskripte angehender Schriftsteller, besonders von solchen aus der Arbeiterklasse, in die er große Hoffnungen setzte. Ein erheblicher Teil seiner Korrespondenz war der kritischen Beratung der Neueinsteiger gewidmet. Er konnte harte Urteile sprechen, wo er es für nötig hielt, aber auch enthusiastisches Lob verteilen, wenn er ein Talent entdeckte. Seine Qualitäten als Literaturlehrer sind durch zahlreiche dankbare Reaktionen belegt. Ebenso aktiv betätigte er sich in dieser Zeit als Redakteur der Monatsschrift „Letopis’“, die nicht nur Poesie und Prosa namhafter Schriftsteller versammelte, sondern auch Berichte über neueste Entwicklungen in den Naturwissenschaften. Redakteur der Abteilung war der Begründer der russischen wissenschaftlichen Schule der Physiologie der Pflanzen Klimentij Timirjazew. Auch der durch seine Versuche mit Hunden bekannte Physiologe Iwan Pawlow gehörte zu Gorkis Korrespondenten. Letzterer gehörte wie Gorki 1917 zu den Gründern der „Freien Vereinigung zur Förderung der Entwicklung und Verbreitung der Naturwissenschaften“, eines von zahlreichen Kulturprojekten des Schriftstellers.
Schon 1912 hatte er sich mit Begeisterung der Idee des amerikanischen Schriftstellers Upton Sinclair angeschlossen, eine „Internationale Liga“ von Intellektuellen zum Kampf gegen den Krieg zu gründen, die allerdings nicht zustande kam. Im selben Geist führte er während des Weltkriegs Briefwechsel mit Romain Rolland und H.G. Wells.


„Ich bin voller Skeptizismus“

Die angesprochenen Ideen und Tätigkeiten des Schriftstellers geben eine Vorstellung davon, in welcher geistigen Verfassung Gorki den Ausbruch der Februarrevolution erlebte und welche Gegensätze sich hier zwischen seinen utopischen Kulturvorstellungen und den harten Realitäten des revolutionären Treibens auf den Straßen auftaten. Am 1. März 1917 schrieb er an seine Frau (die in Moskau lebte): „Was da vor sich geht, sind äußerlich grandiose Ereignisse, manchmal sogar anrührende, aber ihr Sinn ist nicht so tief und großartig, wie er allen erscheint. Ich bin voller Skeptizismus, obwohl mich die Soldaten, die mit Musik zur Duma marschieren, zu Tränen rühren.“ Typischer für die Situation erscheinen dem Beobachter die mit roten Fahnen und Bajonetten gespickten Lastwagen, die durch die Stadt rasen und Jagd auf verkleidete Polizisten machen, manche von ihnen werden umgebracht. Es gibt Raubüberfälle und andere Gewalttaten.
In nächster Zukunft hält Gorki eine neue Ordnung nicht für möglich. Die Soldaten werden nicht mit den Arbeiterräten zusammengehen, meint er, und die Monarchisten werden versuchen, aus der Revolution einen Militärputsch machen. „Zurück werden wir nicht gehen, aber vorwärts auch nicht weit, allenfalls ein kleines Schrittchen. Aber es wird natürlich viel Blut vergossen werden, unglaublich viel“.
In seinen öffentlichen Auftritten versuchte Gorki dennoch, die historische Bedeutung der Revolution und ihre künftigen Möglichkeiten zu würdigen, wobei sich immer wieder überraschende Widersprüche in seinen Stimmungen und Urteilen ergeben. Eine Rede „An den Leser“ in der Mai-Ausgabe von „Letopis’“ 1917 begann mit den Worten: „Das russische Volk hat sich mit der Freiheit vermählt. Lasst uns glauben, dass aus diesem Bund in unserem physisch und geistig gequälten Land neue starke Menschen hervorgehen werden.“ Aber auch hier besteht die Situationsbeschreibung fast ausschließlich aus negativen Erscheinungen, die Rhetorik Gorkis ist in solchem Maße mit Bildern und Begriffen des Hässlichen, Abstoßenden überfrachtet, dass dem Leser eigentlich nur jeder Mut zum Aufbau einer neuen Ordnung vergehen kann. Menschen von gestern sollen die Welt von morgen errichten? „Wir alle“, erklärt Gorki, sind „vergiftet vom Leichengift der krepierten Monarchie“. Ein Beispiel bieten die Listen geheimer Mitarbeiter des Staatsschutzes (Ochrana), die in den Zeitungen veröffentlicht werden. Die „vielköpfige Hydra der Unwissenheit, Barbarei, Dummheit, Gemeinheit und Rohheit“ ist nicht vernichtet, stellt Gorki fest, sie hat sich nur versteckt und droht die neue Freiheit zu „verschlingen“.

Am Ende der Rede erscheint dann - überraschend und in einem neuen Ton – die doch noch mögliche Aussicht auf eine helle Zukunft in dieser finsteren Welt. Es ist, wie immer bei Gorki, die Kultur, die der von politischen Konflikten vergifteten und entzweiten Gesellschaft „einen breiten Weg zu künftigen Siegen“ zeige, wie der Schriftsteller erklärt. Grundlage der Kultur seien das Wissen und die menschliche Arbeit, überwölbt vom Begriff der Vernunft. Der Glaube an die menschliche Vernunft habe ihm sein Leben lang Kraft gegeben, bekennt Gorki. Und hier folgt ein Satz, der im Vergleich mit den vorhergehenden Thesen des Verfassers geradezu paradox erscheint: „Bis zum heutigen Tag ist die russische Revolution in meinen Augen eine Kette klarer und freudiger Erscheinungsformen der Vernunft“. Möglicherweise bezieht sich Gorki auf die gesamte revolutionäre Bewegung in Russland, jedenfalls aber auch auf die gegenwärtigen Ereignisse. Als jüngsten Beweis für das Walten der Vernunft auch in dieser Revolution führt er ein Ereignis an, das ihn tief beeindruckt habe, die Beisetzung der 180 Opfer des Aufstands auf dem Marsfeld in Petrograd am 23. März: „Zum ersten Mal und fast greifbar empfand ich bei diesem Parademarsch der hunderttausend Menschen: Ja, das russische Volk hat die Revolution vollendet, es ist von den Toten auferstanden und wendet sich jetzt dem erhabenen Werk des Friedens zu – dem Aufbau neuer und freierer Lebensformen!“ Gorki spricht von dem großen Glück, diesen Tag erlebt zu haben und wünscht seinem Volk, dass es auf diesem Weg ebenso ruhig und kraftvoll weitergehen möge, „vorwärts und aufwärts, bis zum großen Fest der Freiheit der ganzen Welt, der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen!“
Es gibt sie also doch schon jetzt und sogar in großer Zahl, die „neuen und starken Menschen“, die am Anfang der Rede nur eine Hoffnung in weiter Ferne zu sein schienen, und dabei gehören sie einer Nation an, die zuvor beschrieben worden ist als „ein sozial völlig unerzogenes Volk“, „vergiftet vom Leichengift der krepierten Monarchie“. In offenem Widerspruch zu diesem pathetischen „großen Fest der Freiheit“ stehen zudem die Äußerungen Gorkis in dem angeführten Brief an seine Frau, wo er allenfalls „ein kleines Schrittchen“ als Resultat der Revolution für möglich hielt, mit Gewissheit aber ein gewaltiges Blutvergießen voraussah.

Ein abgrundtiefer Pessimismus und ein überbordender utopischer Optimismus stehen sich hier unvermittelt gegenüber. Es handelt sich um einen der vielen Widersprüche, die für das Denken und das Verhalten Gorkis charakteristisch sind und immer wieder zu kontroversen Urteilen über seine Person geführt haben. Man hat solche Schwankungen mit einer ungefestigten Persönlichkeit zu erklären versucht, auch mit der Neigung zu kompromisslos extremen Positionen und eher emotional als logisch fundierten Urteilen, wie sie dem russischen Denken allgemein nachgesagt werden. Verteidiger sprechen in diesem Zusammenhang oft auch von seiner Künstlernatur. Er selbst hat sich gern als „Häretiker“ verstanden.
In Bezug auf die Revolutionen des Jahres 1917 verleiht diese widersprüchliche Haltung Gorkis zu den Ereignissen seinen Zeugnissen eine gleichsam stereoskopische Mehrdeutigkeit, seine Artikel reflektieren in Teilen ansonsten unvereinbare Positionen wie die von konservativen Revolutionsgegnern, gemäßigten und radikalen Demokraten und auch von Bolschewiki wie Bogdanov und Lunacarskij, mit denen er zeitweilig eng zusammengearbeitet hatte. Manchmal kokettierte Gorki auch mit der Unbestimmtheit seiner politischen Orientierung: „Ich bin nicht Be, nicht Me, sondern Kikeriki“ (gemeint sind Bolschewiki und Menschewiki), erklärt er in einem Brief.


Ein demokratisches Gegenmodell zum Bolschewismus

Was Lenin und seine Partei anbetrifft, so war Gorki schon seit der Auseinanderstzung um die Parteischule von Capri (1909) auf Distanz zu ihrer Politik und zum Marxismus allgemein gegangen. Der Erfolg der Februarrevolution ließ diese Distanz eher größer werden. Der zitierte Artikel in „Letopis’“ erschien wenige Wochen nach den berühmten „Aprilthesen“, mit denen Lenin zum Kampf für die „richtige“, die sozialistische Revolution aufrief. Dieses Programm ist in dem Artikel mit keinem Wort erwähnt.
Dennoch hat das „große Fest der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ in Ton und Inhalt eine gewisse Ähnlichkeit mit der Propaganda der Bolschewiki. Gelesen mit der Kenntnis der nachfolgenden Ereignisse könnten diese Worte die erneuerte Zusammenarbeit mit Lenin und den Bolschewiki andeuten, die im Frühjahr 1918 begann. Zuvor aber kam es im Juli 1917 zu den ersten offenen Angriffen Gorkis auf die Politik der Bolschewiki, die in Petrograd mit einem chaotischen Aufstand gescheitert waren. Gorkis Beschreibung der „entsetzlichen Bilder des Wahnsinns“ auf den Straßen machte deutlich, dass er nicht nur eine solche wilde Rebellion, sondern jede Form eines bewaffneten Aufstands gegen die neue Ordnung verurteilte. In dem zitierten Artikel in „Letopis’“ hatte Gorki festgestellt, dass das russische Volk die Revolution „vollendet“ habe und sich nun „dem erhabenen Werk des Friedens zuwenden werde“ – „dem Aufbau neuer und freierer Lebensformen!“

Diese Aufgabe – nicht der Aufbau des Sozialismus! – bezeichnet auch das durchgehende Thema der ca. 20 Artikel, die von Mai bis Juli 1917 in Novaja zhizn erschienen sind. Immer wieder betont Gorki den Vorrang der Kultur vor dem Machtkampf der Parteien. „Die neue Struktur des politischen Lebens verlangt von uns eine neue Struktur der Seele“, stellt er in dem Beitrag vom 3. Mai fest (Daten immer nach dem heute gültigen Gregorianischen Kalender, der in Russland im Februar 1918 eingeführt wurde). Die neue Seele soll von einem „sozialen Idealismus“ beflügelt werden, der nicht weniger vollbringen soll als „die soziale Feindschaft in der Welt zu beseitigen“. Ein utopischer Maximalismus verbindet sich in diesem Kulturprogramm mit praktischen Zielen der Erziehung mündiger Bürger. Zusammen ergeben diese Ziele das Gegenteil all dessen, was die Menschen in der realen Diktatur des Proletariats erwartete: „Ekel und Abscheu vor jeder Gewalt“ und dem Töten Andersdenkender („Über Mord“, 6. Mai); die Achtung vor der Persönlichkeit; die „Freiheit des Wortes“, die sich um das schwierige Finden und Aussprechen der „Wahrheit“ bemüht und nicht darauf aus ist, dem politischen Gegner „die Rippen zu brechen“ („Über Polemik“, 8. Mai); eine Wissenschaft, die allein darauf gerichtet ist, die Gesundheit der Menschen zu bewahren und ihre Lebensbedingungen zu verbessern (über ein „Wissenschaftliches Institut zu Ehren des 27. Februar“, 12. Juni). Dabei kommt Gorki immer wieder auf die Schwierigkeiten zu sprechen, die sich aus der Mentalität der Massen ergeben, diesem „sozial völlig unerzogenen Volk“. Er verteidigt seine Thesen aus der Abhandlung „Zwei Seelen“ über die „asiatische“ Trägheit der Russen und entschuldigt seine Landsleute zugleich mit dem Erbe der unmenschlichen Monarchie. Auch der fortdauernde Krieg, „der Selbstmord Europas“, geht weiter und vernichtet wertvolle Antriebskräfte der Kultur, wenn Z.B. Schauspieler, Maler und Musiker in die Schützengräben abkommandiert werden (15. März). Wiederholt beteuert Gorki seinen „Glauben an die Vernunft des russischen Volkes“, und konstatiert dann doch wieder mit Entsetzen das Fehlen jeder moralischer Orientierung bei vielen Menschen. Eine ehemalige Ochrana-Agentin besucht ihn, um Verständnis und Mitgefühl für ihre Lage zu erbitten, sie habe doch nur „aus Liebe“ zu einem Offizier spioniert und werde nun so grausam verfolgt („Ein Alptraum“, 16. Mai).

Dennoch gibt es Anzeichen für ein Erwachen sozialer Veranwortung bei den Menschen, z.Initiativen von Arbeiterorganisationen für die Gesundheit der Kinder, oder für Tuberkulosekranke in Petrograd. Der Schriftsteller selbst fungiert als „Kummerkasten“, an ihn als einen bekannten Menschenfreund wenden sich Bürger und tragen ihm ihre Sorgen um die Entwicklung des Landes vor, z.B. über die neue Rolle der Frauen auf dem Lande oder das Fehlen von „Romantikern“ und „Helden“ in der Politik. Angenommen, der Oktoberauftstand wäre ausgeblieben, so wäre es nicht undenkbar, dass sich dieses Russland, „mit der Freiheit vermählt“, friedlich zu einem modernen demokratischen Staat entwickelt hätte. Menschen wie Gorki, der mehrfach einräumt, dass seine Ansichten sicher „naiv“ oder auch „widersprüchlich“ erscheinen mögen, wären in diesem Prozess keine schlechten Lehrmeister gewesen. Aber es gab auch genügend Anzeichen für die andere, die reale Entwicklung. Gorki bekennt sich im Beitrag vom 12. Juli zu dem Wort des Literaturkritikers V. Karenin: „Politiker, ob Konservative oder Liberale, sind Leute, die davon überzeugt sind, die Wahrheit zu kennen und das Recht zu haben, andere ihrer Irrtümer wegen zu verfolgen…“ Auch die „radikalen Revolutionäre“ würde er gern in diese Reihe stellen, bemerkt Gorki und fügt hinzu: „Der ‚Kampf um die Macht’ ist unvermeidlich; aber über wen werden die Sieger ‚herrschen’, wenn es nur noch Schutt und Asche gibt?“

(Der folgende Beitrag ist Gorki und der Oktoberrevolution gewidmet.)

Literatur

Maxim Gorkij, Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Bernd Scholz, suhrkamp tb 210, 1974

Nesvoevremennye mysli. Zametki o revoljucii i kul’ture, Moskva, Sovetskij pisatel’,1990

M. Gor’kij, Polnoe sobranie socinenij. Pis’ma v dvadcati cetyrech tomach. T. 12. Pis’ma janvar’ 1916 – maj 1919, Izd. Nauka, Moskva 2006
(Gorkis Briefe Januar 1916 – Mai 1919. Etwa ein Drittel der Briefe erstmals oder erstmals vollständig.)


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Kategorie: Russland und die Russen

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