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Bemerkungen am Tag des 150. Geburtstags Maxim Gorkis

Mittwoch, 28. März 2018, 19:27:32

Bemerkungen am Tag des 150. Geburtstags Maxim Gorkis

Gorki-Büste in der Gedenkstätte Heringsdorf (picture allience/dpa/Stefan Sauer)

Gorkis 150. Geburtstag am heutigen Tag begann für mich persönlich mit einem Beitrag des Deutschlandfunks um 9.05 in der Serie „Kalenderblatt“, die ich regelmäßig höre: „Vor 150 Jahren gestorben – Der russische Schriftsteller Maxim Gorki“, verfasst von der Schriftstellerin Doris Liebermann. Der Beitrag hat mir nicht gefallen. Das ist vielleicht auch nicht besonders verwunderlich bei einem Blogger, der seit 2006 regelmäßig über Gorki und angrenzende Themen schreibt und seine Erfahrungen mit diesem Gegenstand in einem 5-Minuten-Beitrag nur teilweise oder gar nicht wiederfinden kann.
Es waren auch weniger die Worte und Urteile der Verfasserin als die Töne aus dem Radio, die ich nicht ganz passend für Gorki fand, insbesondere die Untermalung durch Chöre aus der russischen orthodoxen Kirche, die dem ganzen Porträt eine sakrale und etwas sentimalentale, um nicht zu sagen, kitschige Färbung verliehen. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt in der gedruckten Fassung auf der Website des DLF, dort erschien nämlich das diesem Eintrag beigefügte Foto von der Gorki-Büste, die laut Kommentar in der Gorki-Gedenkstätte in Heringsdorf steht. Und eine ganz ähnliche Gorki-Büste steht bei mir auf dem Regal, nur kleiner im Format (ca. 10 cm hoch). Diese Art der Gorki-Verehrung – zusammen mit Tausenden von Figuren in Stein, Bronze, Porzellan und anderen Materialien – verkörpert einen seinem geistigen Gehalt nach „gipsernen“ Gorki, der seinen Ort in dem Kult des sowjetischen Staatsschriftstellers in Russland und und dem weitgehend identischen Kult in der DDR hatte. Es war der von seinem unbeugsamen Glauben an die Größe Lenins und Stalins beflügelte Parteisoldat, der sein Leben und sein Werk ganz dem Projekt des ersten sozialistischen Staates gewidmet hatte. Wie dieser Kult konkret aussah und wie wenig er mit dem lebendigen Gorki zu tun hatte, darüber hat der Schriftsteller Kornej Tschukowski in seinem Tagebuch 1932 nach der Teilnahme an einer Gorki-Feier berichtet. Der Text ist auf diesem Blog unter dem Titel Tonnen von bürokratischem Stumpfsinn nachzulesen. Die Büste aus der Heringsdorfer Gorki-Gedenkstätte zusammen mit der Erinnerung des bekannten Reporters Egon Erwin Kisch an einen Besuch bei dem kranken Gorki in einem Sanatorium in Saarow bei Berlin, die in dem DLF-Beitrag angeführt ist, brachten mich auf die Idee, dass die Verfasserin möglicherweise aus der Umgebung der wissenschaftlichen und kulturpolitischen Gorki-Pflege in der DDR stammen könnte. Ich habe erst bei dieser Gelegenheit erfahren, dass sie im Gegenteil der ostdeutschen Bürgerbewegung angehört hat und deshalb ihr Theologiestudium abbrechen musste. Dieser Irrtum war aber doch nicht ganz unbegründet, weil der Schriftsteller hier in einer betont unpolitischen Weise präsentiert wird, gewisssermaßen in einer von Widersprüchen gereinigten Version. Ich will hier keineswegs mit einer meinerseits politischen Widerrede antworten. Ich habe mich selbst immer bemüht, diese vollständig politisierte Rezeptionsgeschichte zugunsten der Bedeutung Gorkis als Schriftsteller und Künstler zu korrigieren. Doris Liebermann hat außerdem eine Reihe guter Argumente für dieseSichtweise angeführt: das Verdienst Gorkis, dass er nach den adligen und bürgerlichen Russen seine neuen Helden aus dem sog. einfachen Volk in die Literatur eingeführt hat; dass die Kindheit mit ihren Erfahrungen der Grausamkeiten des Großvaters und den Märchen der Großmutter prägend für seine Sensibilität für Schmerz und Kränkung waren; dass es die Bücher waren, die ihm das Überleben möglich machten. Zu der Biographie des Künstlers gehört aber ebenso die Erkenntnis, dass dieses Leben ein einziger Kampf gegen Gewalt, Lüge und Aberglauben war, der sich – mit künstlerischen und publizistischen Waffen - zuerst gegen die Monarchie, dann gegen die bolschewistische Revolution richtete und zuletzt einem verbrecherischen Regime diente, das er, in einer kaum fassbaren Illusion befangen, auf dem Weg zu einem Sozialismus mit menschlichem Gesicht sah. Hinweise auf die dramatischen Konflikte dieses selbsternannten „Häretikers“ und seine daraus resultierende menschliche und künstlerische Größe fehlen in diesem Beitrag oder sind nur angedeutet, etwa in dem „ambivalenten Verhältnis zur ‚Diktatur des Proletariats’“, das ihn von Lenin trennte. Ein mit Gorki wenig bekannter Hörer des Beitrags sollte wohl auch über die letzten Lebensjahre Gorkis etwas mehr erfahren als die Tatsache, dass er sie „auf Einladung Stalins“ in der Sowjetunion verbrachte und „vom Geheimdienst überwacht“ wurde. Er war Teil dieses Staates, Zeitgenossen spotteten, er sei der fünfte sozialistische Heilige nach Marx, Engels, Lenin und Stalin.
Das „Kalenderblatt“ war sicher nicht einer der wichtigsten Beiträg zu dem Jubiläum, und es ging mir hier auch nicht um Polemik, vielmehr um die Spannung, die in den Details dieses Themas steckt, einschließlich der Bilder und Töne.

Auf eine neuerliche Würdigung Gorkis aus Anlass des Jubiläums will ich an dieser Stelle verzichten und mich darauf beschränken, einige Einträge auf diesem Blog zu nennen, die zu den Kernproblemen der Gorki-Rezeption gehören. Der letzte war der gleichfalls spannungsreichen Beziehung des Schriftstellers zu seinen Landsleuten gewidmet: Gorki über „russische Menschen“ – „Erlebnisse und Begegnungen“ (1924). Schon im Mai vorigen Jahres hatte ich den Beitrag von Pawel Basinskij zu dem 149. Geburtstag des Schriftstellers vorgestellt, kalendarisch wenig bedeutsam, aber sehr ungewöhnlich in seiner begeisterten Verehrung des Schriftstellers und unbedingt lesenwert: „Ein gewaltiger Schriftsteller“.
Von Basinskij gibt es auch eine 1905 erschienene Monographie in russischer Sprache, besprochen im Blog unter dem Titel Über „Seltsamkeiten“ und den „echten Künstler“. Eine weitere lesenswerte Monographie (2008) stammt von Dmitrij Bykov, einer Kultfigur der Opposition und Literaturszene, der, anspielend auf ein gefügeltes Wort von Gorki aus dem Roman „Klim Samgin“ („Gab es denn überhaupt einen Jungen?“), die Anwort gibt: „Es gab ihn und es gibt ihn wieder“.
Wer sich für den Rang Gorkis in der Weltliteratur interessiert, könnte sich darüber in dem Eintrag Gorki und der Nobelpreis – Warum hat er ihn nicht bekommen? informieren. Das Pro und Contra in Gorkis Werken und in den Urteilen über ihn illustriert die Sammlung Widersprüche bei Gorki – Zitate aus der Literatur.
In die Rubrik der Bekenntnisse Gorkis und seines Wertesystems gehören die Einträge Christus und Prometheus sowie Kultur gegen Krieg und Politik (1923). Zu letzterem auch der Vortrag M.G. – Das Gesicht des Künstlers.
Abschließend seien noch zwei Einträge zum „politischen Gorki“ empfohlen. Der erste betrifft das Verhältnis zu Stalin - Eine schwere Schuld, der zweite ist ein satirisch formulierter Kommentar Gorkis zur Krimkrise im Jahr 2014, betreffend sein „Märchen vom nationalen Gesicht“, das – wie viele andere Beiträge auf dem Blog - , die Unverträglichkeit der Gedankenwelt dieses Schriftstellers mit den heute in Russland staatlich propagierten Werten des großrussischen Nationalismus und der Europafeindlichkeit deutlich macht.

Über die medialen Früchte des 150.Geburtstags wird es in nächster Zeit weitere Berichte auf dem Blog geben. Geplant ist außerdem eine nach Themen gegliederte Inhaltsübersicht zu den Einträgen auf dem „Unbekannten Gorki“ seit 2006.

Kategorie: Streit um Gorki

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