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Ein pompöses Begräbnis – Nachlese zum 150. Geburtstag Maksim Gorkis

Mittwoch, 25. April 2018, 10:34:01 | Armin Knigge

Ein pompöses Begräbnis – Nachlese zum 150. Geburtstag Maksim Gorkis

Plakat aus einer Bilderstrecke auf yandex.ru

Begonnen hat das Ereignis mit dem Ukas des Präsidenten vom 13. Juli 2015 „Über die Feier des 150. Geburtstags Maksim Gorkis“. „In Anbetracht des hervorragenden Beitrags Maksim Gorkis zur vaterländischen und der Weltkultur“, heißt es dort, wird der Regierung aufgetragen, ein Organisationskomitee zu bilden und die Ausarbeitung eines Plans der grundlegenden Veranstaltungen sicherzustellen. Damit war ein weiteres Glied in der Kette der staatlich organisierten Literaturjubiläen verordnet, die seit dem 100. Todestag Alexander Puschkins 1937 – auf dem Höhepunkt des stalinschen Terrors – zu den ständigen Einrichtungen der sowjetischen Kulturpolitik gehörten und, nach einer gewissen Zurückhaltung in den ersten Jahren nach dem Ende der Sowjetunion, unter Wladimir Putin wieder aufgenommen wurden. Das Für und Wider bezüglich dieser Veranstaltungen ist in dem Eintrag „Über die Jubiläumsmanie und das Leben ohne Genies“ aus Anlass des hundertsten Todestages Lew Tolstojs 2010 auf diesem Blog erörtert worden (Links am Ende des Eintrags). Es versteht sich, dass der Staat sich hier eher selbst feiert als einen Schriftsteller, insbesondere einen solchen, der, wie der Klassiker Tolstoj, ein radikaler Gegner der im postsowjetischen Russland herrschenden Ideologie des Staates und der Kirche war. Auch die in sowjetischer Zeit gefeierte Eigenschaft Tolstojs als „Spiegel der Revolution“ (Lenin) spielte keine Rolle mehr, wohl aber der Ruf eines „Genies“ in der Weltliteratur, der gewissenmaßen einen Handelswert darstellte. Pawel Basinskij beklagte in der Regierungszeitung „Rossijskaja gazeta“ schon 2008 den Mangel an Literaturjubiläen. Die russischen Bürger müssten „lernen, ohne Genies zu leben“, dabei aber eingedenk der Tatsache sein, dass „es unsere Genies sind, die uns auch dann bleiben werden, wenn Öl und Gas zuende gehen“. Im Gegensatz dazu stellte der Dichter Lew Rubinstein in einer Kolumne zum Tolstoj-Jubiläum fest, er sei nicht unglücklich darüber, dass die staatlichen Medien dem Ereignis mit einer gewissen Zurückhaltung, einem „Halbschweigen“ begegneten. Er persönlich liebe diese prunkvollen Feste mit einem „Meer von offiziellen Banalitäten“ nicht und Lew Tolstoj bleibe ihm auch ohne staatliche Unterstützung nahe. Beim Wiederlesen dieses Eintrags auf dem Blog fiel mir auf, dass die beiden Jubilare Tolstoj und Gorki und auch der heutige Umgang mit ihnen vieles gemeinsam haben. So zitiert Rubinstein eine Äußerung Tolstojs über den Patriotismus, die ihm heute das Prädikat der „Russophobie“ eintragen würde und die genauso von Gorki stammen könnte: Der Patriotismus sei für die Herrschenden „eine Waffe zur Erreichung machthungriger und eigennütziger Ziele“ und für die Beherrschten „der Verzicht auf menschliche Würde, Vernunft und Gewissen“. Gorki nennt Nationalismus und Patriotismus „Krankheiten des geistigen Sehvermögens“ („Erlebnisse und Begegnungen“). Gemeinsam war den beiden Klassikern auch ihre Behandlung in der sowjetischen Schule. Rubinstein stellt fest, diese Schule habe sich nach Kräften bemüht, Tolstoj „in einen finsteren Prediger und unerträglichen Langweiler zu verwandeln“.

Die Organisatoren des 150. Geburtstags Maksim Gorkis haben denselben Effekt erreicht, indem sie die offiziellen Würdigungen des Schriftstellers einigen wenigen „Spezialisten“ übertragen haben, die überwiegend aus dem Lager der sowjetischen Gorki-Forschung stammen. Und als Gegengewicht zu dem dort gewürdigten allzu langweiligen Prediger und braven Parteisoldaten Gorki haben sie einzelne weniger dogmatische Kritiker zu Wort kommen lassen und ein buntes Programm „alles über Gorki“ im Geist einer kapitalistischen Event-Kultur zusammengestellt.
Der wesentliche Unterschied zum Tolstoj-Jubiläum bestand allerdings darin, dass Tolstoj im Bewusstsein der Öffentlichkeit wesentlich lebendiger und beliebter war als Gorki, der sich von seiner Entthronung als sowjetischer Staatsschriftsteller bis heute nicht erholt hat und der seine – auch auf diesem Blog – vielfach beschworene „wahre“ Gestalt nur in vereinzelten Ansätzen zur Geltung bringen konnte. Unter diesen Umständen hat die Mischung aus dogmatischer Reanimation und staatlich gelenkter Vermarktung des Namens Gorki das Jubiläum zu einer anscheinend endgültigen Verabschiedung von einem großen Schriftsteller und einer bedeutenden historischen Persönlichkeit werden lassen, - auf eine einfache Formel gebracht, zu einem pompösen Begräbnis Maksim Gorkis.


Der sowjetische Gorki in kosmetischer Neubehandlung

Auf diesen Seiten ist schon oft beklagt worden, dass die Verwaltung der Hinterlassenschaft Gorkis und damit in gewisser Weise auch die Deutungshoheit über Werk und Leben des Schriftstellers immer noch in den Händen der alten, bis heute in ihren Grundstrukturen sowjetisch geprägten Gorki-Forschung im Moskauer Institut für Weltliteratur (IMLI) liegt, - man kann sogar sagen, in den Händen einer Person, der Leiterin der Abteilung für die Erforschung und Herausgabe des Werkes Gorkis Lidija Aleksejewna Spiridonowa, seit 1995 in dieser Funktion. Im IMLI, einer einst mächtigen staatlichen Literaturzentrale mit dem Namen Gorkis, arbeitet sie seit 1964. Spiridonowa vertritt ein durch und durch politisiertes Gorki-Bild, den Schöpfer und Erzieher des Sowjetmenschen, der, wie sie betont, in den realen Russen der sowjetischen Gesellschaft idealtypisch angelegt war, durch den Terror der Stalinzeit ohne Schuld und Zutun Gorkis „entstellt“ worden sei, aber trotz allem weiterlebe im Heldentum der Kosmonauten und der Soldaten des Großen Vaterländischen Kriegs. Näheres dazu ist in der Rezension zu ihrer Monographie „Der ‚wahre Gorki’ – Mythen und Realität“ (2013)
auf diesem Blog zu lesen. Charakteristisch für Spiridonowas Denk- und Schreibweise ist der Behauptungscharakter ihrer Thesen, die unerschütterliche Gewissheit, dass sie allein den „wahren“ Gorki gegen die böswilligen Erfindungen seiner Feinde verteidigt. Dabei nutzt sie geschickt ihr in der Tat enormes Wissen aus den Beständen des Gorki-Archivs, was aber nichts daran ändert, dass ihre wissenschaftlichen Arbeiten im Grunde politische Kampfschriften sind. Spiridonowa entscheidet natürlich nicht alles allein, so hat z.B. ihre Stellvertreterin Natalja Primotschkina seit der Perestrojka mit fundierten Arbeiten zu einer kritischen Neuorientierung der Gorki-Forschung beigetragen, und auch in den regelmäßig stattfindenden Konferenzen „Gorkovskie chtenija“ (G.- Lesungen) gibt es viele Teilnehmer mit unabhängigen Ansichten. Aber die Grundlinien der „Gorki-Politik“ bestimmt doch die Abteilungsleiterin. Sie ist es auch, die bei allen vorhergehenden Gorki-Jubiläen Beiträge an hervorgehobener Stelle veröffentlicht hat, z.B. in der traditionsreichen „Literaturnaja gazeta“, auf deren Titelblatt seit 2004 wieder das Profil Gorkis neben dem Puschkins zu sehen ist, nachdem es 1990 als ein Symbol der Unfreiheit von diesem Platz entfernt worden war.

Ihre Würdigung zum 150. Geburtstag „Ein großer Sohn Russlands“ platzierte Spiridonowa in der „Pravda“, dem Organ des ZK der Kommunistischen Partei. Ja, es gibt sie noch, diese legendäre Zeitung, und auf Ihrem Titel führt sie stolz den Leninorden, den sie zweimal erhalten hat. Im Vortext rühmt die Redaktion das „grandiose“ Lebenswerk des Schriftstellers, dass zuallererst auf seiner Freundschaft mit Lenin beruhe. Der Anblick dieser Seiten im Jahr 2018 hat etwas Gespenstisches an sich, die Reanimation des sowjetischen Denkmals Gorki. Daran ändern auch die zahlreichen Korrekturen nichts, die Spiridonowa an diesem Bild des tapferen Parteisoldaten vornimmt, um ihn dem herrschenden Zeitgeist näher zu bringen: Gorkis internationaler Ruhm als ein russischer Klassiker, die religiösen Motive in seinem Werk, die angeblich bahnbrechende Bedeutung des sozialistischen Realismus in der modernen Literaturwissenschaft u.a.. In anderen Beiträgen beschreibt die Verfasserin Gorki (mit Anklängen an Dostojewski) als den Verkünder einer „großen Synthese“ gegensätzlicher Weltanschauungen, die der russischen Nation als historische Mission auferlegt sei und zitiert dazu Äußerungen von Würdenträgern der Orthodoxen Kirche. Das Hauptinteresse ist hier immer die Bewahrung der Deutungshoheit über einen Schriftsteller, der die sowjetische Vergangenheit repräsentiert und seinen Anhängern einen Rest von Macht und Einfluss garantiert.


„Wohin mit Gorki?“

In diesen Kontext kosmetischer Operationen am Bild Gorkis gehört auch die vom „Institut für Weltliteratur“ vom 27.-29. März unter der Leitung Spiridonowas durchgeführte wissenschaftliche Konferenz „Die Weltbedeutung M. Gorkis“. Die Liste der ca. hundert Vorträge bestätigte meinen anfänglichen Eindruck, es handele sich hier um eine dem Anlass gemäß vergrößerte Variante der regelmäßig in Moskau und Nischni Nowgorod stattfindenden Gorki-Konferenzen. Nach den Titeln zu urteilen, gab es zweifellos einige interessante Beiträge mit neuen Ideen, in der Mehrzahl aber die Standartthemen mit Materialien aus dem Archiv zu Leben, Werk, Beziehungen Gorkis zu Zeitgenossen u.a., jedoch kaum Beiträge zu der „inneren“ Erneuerung der Gorki-Forschung, obwohl eine solche ständig behauptet wird. Die Teilnehmer stammten wie gewöhnlich in der Mehrzahl aus den Gorki-Abteilungen des IMLI und ihnen nahestehenden Einrichtungen. Der Anteil der ausländischen Gäste war, gemessen an dem Anspruch einer internationalen Konferenz, sehr gering. Ich persönlich habe nur in Form eines Posters (stendovyj doklad) über Gorkis Beziehungen zu Turgenjew teilgenommen, da mir die Reise nach Moskau zu aufwendig war. Zudem konnte ich mir nach der Teilnahme an früheren Konferenzen keinen besonderen Gewinn von dieser Veranstaltung versprechen.
Von einer in Deutschland lebenden Slavistin, die mit einem Vortrag vertreten war, habe ich einen interessanten Bericht erhalten, aus dem ich hier einige Gedanken wiedergebe. Sie hatte den Eindruck, dass entgegen den vollmundigen Würdigungen des Jubilars eher eine Atmosphäre von „Frust und Verwirrung“ geherrscht habe. In den Vorträgen beobachtete sie neben der schon erwähnten wenig überzeugenden Behauptung der „Erneuerung“ eine Mischung aus herkömmlichen Thesen sowjetischen Ursprungs und eine gewisse „philologische Selbstgefälligkeit“, wenn es um die Edition neuen Materials ging. Im ganzen erschien ihr „alles viel zu oberflächlich“ und so „als wäre es nicht klar, wohin mit Gorki“. Mir scheint das eine treffende Kennzeichung der unklaren Situation in der Rezeptiongeschichte des Schriftsteller zu sein, die eigentlich immer von Streit und Widersprüchen gekennzeichnet war, jetzt aber in einer Sackgasse gelandet scheint, in der es nicht einmal mehr echte Leidenschaften und Streit zu geben scheint, nur noch hohle Phrasen.

„Wohin mit Gorki“ fragt sich nicht nur eine vom Ende des sowjetischen Gorki-Kults frustrierte Gemeinde seiner Anhänger, sondern auch die Mehrheit der Schriftsteller, Kritiker und Leser unserer Tage. Gorki scheint auf ewig abgestempelt als der langweilige Sowjetklassiker, und an dem alternativen Gorki, einer widerspruchsvollen und starken Persönlichkeit, besteht gegenwärtig kein Bedarf. Im Prinzip handelt es sich um dasselbe Phänomen wie acht Jahre zuvor bei Tolstojs 100. Todestag. Staat Gesellschaft sind auf solche Rebellen und „Ruhestörer“, überhaupt auf großformatige Persönlichkeiten nicht eingestellt, sie wollen vor allem Sicherheit, „Stabilität“, was nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts auch nicht unverständlich ist. Das Leserinteresse ist entsprechend mehr auf weniger komplizierte und mehr unterhaltende Bücher gerichtet. Es gehört zu den vielen Ärgernissen dieses Jubiläums, dass dieser einfache Befund – Gorkis Stern ist weiter im Sinken, nicht im Aufsteigen begriffen – allenfalls am Rande ausgesprochen wurde. Pawel Basinskij, der auf diesem Blog mehrfach mit seinen unabhängigen und interessanten Ansichten zu Gorki vorgestellt worden ist (vgl. besonders den Eintrag zum 149. Geburtstag: „Ein gewaltiger Schriftsteller“, Juni 2017), wurde in einem Interview aus Anlass des Jubiläums (gorky.media, 28.03.2018) mit einer Frage überrascht, die man sonst kaum zu stellen wagt: „Was denken Sie, warum wird Gorkij heute nicht gelesen?“
Der trotz seiner kremlnahen Tätigkeit in der „Rossijskaja gazeta“ immer diskussionsbereite Basinskij antwortete ohne Umschweife und Beschönigungen: es ist der Fluch seiner sowjetischen Vergangenheit, der ihm anhängt. Schon in der Breschnew-Periode hatten die Gebildeten den Gorki-Kult satt, man beschäftigte sich nicht mehr ernsthaft mit ihm. Vieles in seinem Werk sei eng mit seiner Zeit verbunden und verliere zusammen mit dieser Zeit an Interesse. Es sei zudem nicht immer ein Vergnügen, Gorki zu lesen, vieles rufe beim Leser Widerspruch hervor. Dazu gehöre z.B. seine Methode, philosophische Probleme in Gestalt des Streits zweier oder mehrerer Opponenten vorzuführen. Dabei bleibe oft unklar, auf wessen Seite sich der Autor befindet, eine für den russischen Leser ungewohnte und irritierende Situation. Kurzum, er sei ein schwieriger Autor, nicht nach jedermanns Geschmack.


Gorki für die Massen

Als hätten die Organisatoren diese traurige Diagnose sehr wohl erkannt, bemühten sie sich offensichtlich, dem allzu bekannten Namen Maksim Gorki eine neue zeitgemäße Attraktivität zu verleihen. Ein Klassiker muss mit Superlativen beschrieben werden. In den Medien erschien er regelmäßig als fünfmaliger Kandidat für den Nobelpreis, nach Höhe der Auflagen dritter nach Puschkin, in sowjetischer Zeit mit 242 Millionen Exemplaren sogar an erster Stelle, weiter als Verfasser einer Unzahl von Briefen (früher geschätzt 10.000, neuerdings verdoppelt auf 20.000). Rekordverdächtig sind auch die 500 Aufführungen seines Dramas „Nachtasyl“ in Berlin am Theater Max Reinhardts. In seiner Eigenschaft als Emigrant in Deutschland, auf Capri und in Sorrent – zusammen 18 Jahre – soll er Freunde des Tourismus begeistern. Und natürlich ist die Liste seiner Korrespondenten von Tschechow bis Stalin staunenswert.
Beliebt sind neben Aphorismen auch „interessante Fakten“ aus der Biographie, z.B. Gorkis Widerstandsfähigkeit gegen die Wirkung des Alkohols, ein enormes Tempo beim Lesen (120-180 Wörter pro Minute), daneben unvermittelt nebeneinander die zahlreichen Rettungsaktionen Gorkis für politisch Verfolgte, seine Neigung zu Tränen der Rührung u.a.m.
Befriedigt wird auch das besondere Interesse des Publikums an den Frauen in Gorkis Umgebung, besonders an seinen Ehefrauen Jekaterina Peschkowa und Marija Andrejewa und besonders an der Lebensgefährtin Mura Budberg, der der Ruf einer russischen Mata Hari anhaftet. Das berühmte Moskauer Künstlertheater hat Gorki zu Ehren eine dramatisierte Dokumentation zur Geschichte des Theaters produziert, in der sie alle vorkommen. Auch in diesem Punkt – dem Interesse an den Menschen der Umgebung des Schriftstellers – ist das Jubiläum mit dem Tolstojs 2010 vergleichbar.
Es war zu großen Teilen eine Ehrung für seine Frau Sofja Andrejewna.

Mit zahlreichen Veranstaltungen zur Popularisierung des Namens Gorki taten sich besonders seine Heimatstadt Nischni Nowgorod sowie Orte seines Wirkens wie Samara und Kasan hervor, aber auch Provinzstädte ohne solche direkten Beziehungen, die einfach dem Ukas des Präsidenten folgten. In Pensa z.B. wurde ein Programm zusammengestellt, das die Normen und Begriffe der amerikanisierten Event-Kult in Russland widerspigelt. Die Angestellten der Stadtbibliotheken veranstalteten ein „libmob“ unter dem Titel „Gor’kij – der bekannte Unbekannte“ zu Ehren des „Philosophen und Denkers“. Für die Studenten der medizinischen Hochschule gab es ein literarisches „inform-dosje“ ( kyrillisch so geschrieben) zum Werk des Schriftstellers, dazu Umfragen, „interaktive Spiele“ und einen „fri-market“ „Nimm dir Gor’kij mit“, ein anscheinend kostenloses Bücherangebot.
Ganz im sowjetischen Stil sind die Plakate zum Fest. Heroische Gorki-Köpfe mit entschlossenem Blick in die Zukunft und passenden Parolen, allen voran „Mensch – das klingt stolz!“ und „Liebt das Buch, die Quelle des Wissens!“.

Wenn es darum ginge, möglichst effektive Methoden zur Zerstörung der seriösen Reputation eines Schriftstellers zu finden, könnte man hier reichlich Anregungen finden. Als Gor’kij 1927 in Sorrrent aus der Zeitung „Izvestija“ erfuhr, dass man zu Ehren seines 60. Geburtstags in Russland ein „Jubiläumskomitee“ einrichten wolle, schrieb er dem Chefredakteur: „Im Namen aller Menschen, die durch Jubiläen vorzeitig ums Leben gebracht wurden, beschwöre ich sie: Tun Sie das nicht!“ Der Ruf blieb ungehört und bald darauf begann der staatlich organisierte Gorki-Kult, die Verwandlung eines umstrittenen, aber hochgeachteten Vertreters der Weltliteratur in ein sowjetisches Propagandaorgan, das auch drei Jahrzehnte nach dem Ende dieses Staates sein Bild als historische Persönlichkeit dominiert.

Die auf diesem Blog aus Anlass des 75. Todestages Gorkis (2011) verkündete Nachricht „Gorki ist zurückgekehrt“ hat sich als Irrtum erwiesen. Der Eindruck eines neu erwachten Interesses an Gorki schien mir damals vor allem durch die Monographien von Pawel Basinskij (2005) und Dmitrij Bykov (2008) bestätigt, die in der Tat einen neuen, unabhängigen Blick auf den Schriftsteller zur Diskussion stellten. Aus diesem grünen Zweig der Rezeptionsgeschichte hat sich jedoch kein kräftiger Ast entwickelt, was besonders in dem „Jahr der Literatur 2015“ deutlich wurde, als die pompösen Festlichkeiten praktisch ohne Erinnerungen an Gorki stattfanden. Für alle ernsthaft an Gorkis Leben und Werk Interessierten hat der 150. Geburtstag gleichfalls eher das Ende als einen Neubeginn seiner Nachwirkung bestätigt. Gorki wird auf absehbare Zeit eine Nische in der russischen Literaturgeschichte bleiben, aber das schließt nicht aus, dass immer wieder einmal Schriftsteller, Wissenschaftler und Kritiker ihn neu für sich entdecken. Abschließend soll dazu der Beitrag eines jungen Schriftstellers angeführt werden, den ich beim Surfen im Runet eher zufällig gefunden habe.


„An Gorki erinnern – zum 150. Geburtstag eines Titans“

Der Titel scheint sich an die phrasenhaften Superlative der offiziellen Würdigungen anzuschließen, auch sonst spart der 1985 in Sewastopol geborene ukrainisch-russische Schriftsteller nicht mit starken Worten, aber seine Gedanken gehören eher in die geistige Welt der griechischen Mythologie als in die Kulturpolitik der Regierung. Es geht um nicht weniger als den Kampf der Menschen mit den Göttern um das Privileg der Unsterblichkeit, ein Schlüsselbegriff in Gorkis Denken, wie Besedin erklärt. Eine Quelle seiner Ideen sei Friedrich Nietzsche gewesen, der in Form einer Büste neben der von Gorki auf seinem Bücherregal stehe, berichtet der Verfasser, beide kaum unterscheidbar mit dem großen Schnauzbart. Ihre Wirkungsgeschichte habe sich jedoch in entgegengesetzer Richtung entwickelt: „Nietzsche ist überall – Gorki ist ausgestrichen“. Schriftsteller berufen sich ungern auf ihn, Autoritäten wie Nabokov und Solschenizyn haben ihm die „Aureole des Dichters“ genommen, übrig geblieben sei das finstere Bild des treuen Dieners Stalins, eines Sängers des totalitären Bösen. Anders als die Gorki-Forscher um Spiridonowa versucht Besedin nicht, den Schriftsteller von dieser schweren Schuld reinzuwaschen, aber er hält die Eliminierung Gorkis für ungerecht und engstirnig, sie mache die russische Literatur um vieles ärmer. Große Werke wie der historische Roman „Klim Samgin“ und viele seiner Erzählungen, besonders die der 20-er Jahre, erweisen ihn als einen „kolossalen Schriftsteller“, meint Besedin. Dabei sei er mit seinen wechselnden Neigungen zu Sentimentalität und dogmatischer Härte ein schwieriger Charakter gewesen, zwischen allen Stühlen sitzend und gegen Ende mit fast allen seinen Gefährten zerstritten. Die Unsterblichkeit, seine leitende Idee, hat er sich gewiss auch für sein Schicksal als Schriftsteller gewünscht, meint der Verfasser, aber vor allem für den Menschen als Gattungswesen. Aus dem Gefühl der „Kränkung“, hervorgerufen durch die Missachtung Gottes gegenüber diesem wunderbaren Wesen, habe er mit seinem Werk eine „Welt gegen Gott“ zu errichten versucht, teilweise im Rückgriff auf die Ideen des russischen Kosmismus und utopische Projekte wie die „Wiederbelebung“ (voskreshenie) der Toten bei dem Philosophen Nikolaj Fjodorow. Das Projekt der Unsterblichkeit sei auf beiden Ebenen, der persönlichen und der historischen, gescheitert, stellt Besedin abschließend fest, aber er beschreibt diesen Abgang dennoch als ein grandioses Ereignis: „So sterben Götter, wenn ihre letzten Apologeten sie verlassen“ und Schriftsteller, wenn - wie im Falle Gorkis zu befürchten sei - der letzte Leser den Autor verlässt und „seine Bücher in den Abfall wandern“. Zu entscheiden, ob dieser „große Titan“ seine Rückkehr in die Welt und in diesem Sinne Unsterblichkeit verdient habe, sei die Sache einzelner Menschen, erklärt der Autor der laudatio: „Persönlich bin ich überzeugt, dass er dieser Ehre mehr als würdig ist“. Auch wenn dieser Beitrag keine Aussicht auf allgemeine Zustimmung hat, ist er doch eine eindrucksvolle Gegenrede zu den öffentlichen Banalitäten des 150. Geburtstags.


Im Text erwähnte Beiträge

Über die Jubiläumsmanie und das Leben ohne Genies: Vor hundert Jahren starb Lew Tolstoj
Der „wahre Gorki“ (L. Spiridonowa) – wer ist er im heutigen Russland?
Лидия Спиридонова: Великий сын России (aufgerufen 31.03.2018)
“Ein gewaltiger Schriftsteller“ – Pawel Basinskij zum 149. Geburtstag Maxim Gorkis
Черти и двойники Максима Горькоко (P. Basinskij)
https://gorky.media/context/cherti-i-dvojniki-maksima-gorkogo (aufgerufen 03.04.2019)
Gorki ist zurückgekehrt – Zum 75. Todestag des Schriftstellers
”Jahr des Sieges der Literatur” – aber in der Armee der Schriftsteller fehlte Maxim Gorki
Платон Беседин Вспомнить Горького: к 150-летию титана
https://um.plus/2018/03/28/gorky (aufgerufen 12.04.2018)

Kategorie: Streit um Gorki

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