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Dostojewski: ''Politisches Testament''

Donnerstag, 24. Januar 2008, 23:23:30 | Armin Knigge

Dostojewski: ''Politisches Testament''

Aber erlauben Sie, wird man uns sagen, was bedeutet nun eigentlich Ihre Nationalität? Was sind Sie selbst, die Russen? Da brüsten Sie sich nun damit, dass wir Sie nicht verstehen. Aber verstehen Sie sich denn selbst?
(F.M. Dostojewski, Einige Artikel über die russische Literatur, 1861)


Gesundheit und Erfolg im Neuen Jahr, liebe Besucher des Blogs der-unbekannte-gorki.de!
Bei uns beginnt das Jahr 2008 mit der Einführung einer neuen Textkategorie: „Russland und die Russen - Selbstidentifikationen“ Wir wenden uns einem alten und ewig neuen Thema des russischen Nationalbewusstseins zu, der „russischen Idee“. Und das auf einer Internetseite, die Maksim Gorki gewidmet ist. Wie das? Gorki hat an dieser Idee der nationalen Selbstverliebtheit nicht mitgewirkt. Sie war für ihn im Gegenteil ein Musterbeispiel für den „zoologischen“ (sprich: den nicht vernunftgesteuerten, instinkthaften) Nationalismus. Auch den Urheber dieser Idee, Fjodor Dostjewski, liebte er nicht (wenngleich er stärker von ihm beeinflusst war, als er sich selbst eingestehen wollte). Von diesem gespannten Verhältnis Dostojewski – Gorki wird auf diesen Seiten zu sprechen sein. Aber zu Beginn scheint es mir unumgänglich, die Bedeutung Dostojewskis im heutigen, postsowjetischen Russland zu beleuchten, genauer die Aufnahme und Präsentation des Literaturklassikers in den Kreisen des russisch-orthodox fundierten Nationalismus. Als Material soll ein 2006 in Moskau erschienener Sammelband dienen, der Artikel aus dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ sowie Fragmente aus dem Romanwerk unter dem Titel vereinigt: F. Dostojewski: Politisches Testament (Politicheskoe zaveszchanie). - Im nächsten Beitrag folgt dann „Gorki gegen Dostojewski“, ausgehend von zwei Artikeln des Schriftstellers „Über das Karamasowtum“ (O karamasovshchine), die 1913 einen Skandal auslösten. In einem geplanten dritten Beitrag „Gorki über Russland“ möchte ich das Bild Russlands und des russischen Volkes anhand des Zyklus „Wanderungen durch Russland“ (Po Rusi) behandeln und dabei auch die „aktuellen“ Aspekte des Themas herausarbeiten.
Der Autor und Redakteur dieser Internetseite kennt - nicht zuletzt aus der Lektüre Dostojewskis - die spezifische Empfindlichkeit vieler russischer Menschen gegenüber Urteilen, die neugierige Beobachter ihres nationalen Lebens aus dem Ausland verbreiten. Ich möchte deshalb betonen, dass die Beiträge der Kategorie „Russland und die Russen“ hauptsächlich russischsprachiges Material verwenden, darunter auch Zeitungsartikel aus dem heutigen Russland . Es geht um „Selbstidentifikationen“, die allerdings alles andere als einheitlich und homogen sind, sondern ein Nebeneinnader extrem unterschiedlicher, oft gänzlich unvereinbarer „Selbstbilder“ des russischen Volkes vermitteln.
Den Lesern in Deutschland (und auch denen in Russland) ist bekannt, dass die Einstellung in der Presse Westeuropas gegenüber gewissen Erscheinungen des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens in Russland in letzter Zeit stark negativ akzentuiert ist. Die Frage, inwieweit diese Einstellung gerechtfertigt, übertrieben oder, wie manche Experten meinen, eigentlich „nicht rational“ ist, möchte ich zuerst einmal beiseite lassen und sie dort erörtern, wo sich konkrete Anlässe dafür ergeben. Die Hauptfrage bleibt - Dostojewski folgend - jedenfalls immer: Wie verstehen sie, die Russen, sich selbst?


Begegnungen mit der „russischen Idee“

Ich darf sagen, dass die „russische Idee“ mit allen ihren obligatorischen Bestandteilen mir seit langem gut bekannt ist. Schon in meiner Studienzeit in den 1960er Jahren begegneten mir ihre Komponenten in der Literatur- und der Geschichtswissenschaft: Die Gedichtzeilen von Fedor Tjutchev „Umom Rossiju ne ponjat‘“ (Mit dem Verstand kann man Russland nicht begreifen); der „Sonderweg“ der russischen Geschichte; der „faulende Westen“; die „Allmenschlichkeit“ und universale „Empfänglichkeit“ der russischen Kultur für alle anderen Kulturen; Schatows Worte über das russische „Gottträger“-Volk in den „Dämonen“ Dostojewskis und natürlich der skandalöse (und wunderbare) Auftritt des Fürsten Myschkin im Salon der Epanchins im Roman „Der Idiot“, wo der Held sich in fieberhafter Erregung zum „russischen Gott“ und der „russischen Zivilisation“ bekennt (bevor die chinesische Vase zu Bruch geht). Mein verehrter Lehrer Ulrich Busch war ein begeisterter Dostojewski-Leser, den Inhalt der bekannten Puschkin-Rede (1880) vermittelte er uns in seinen Vorlesungen als unbezweifelbare Wahrheit über die russischen Klassiker und die russische Kultur. Später gefiel mir auch das spezifische „Russentum“ (russkost‘) in den Schriften des Philologen Dmitrij Lichachev, einer Koryphäe der altrussischen Literatur. Keine Sympathien in mir weckte dagegen die Renaissance der „russischen Idee“ in den 1990-er Jahren der Perestrojka. In Organen der Rechten wie der Zeitschrift „Nash sovremennik“ wurde diese „Idee“ als ein Gemisch aus nationaler Überheblichkeit, Hass auf den Westen, Xenophobie und Antisemitismus präsentiert. Leider fanden sich auch in der seriösen Literatur des Jahrhundertendes, bei Solzhenicyn, Rasputin, Belov und anderen „derevenshchiki“ (Vertreter der Dorfliteratur) mehr oder weniger deutliche Sympathiebekundungen für diese Richtung. Zusammen mit anderen Experten ging ich damals davon aus, dass ein solcher erzkonservativer Ethnonationalismus unter den Bedingungen einer sich in Freiheit entwickelnden Gesellschaft keinen Bestand haben werde. Das war aber, wie wir heute wissen, ein Irrtum. Die „russische Idee“ setzt ihre Existenz anscheinend unbeirrbar fort. Ein Beweis dafür unter vielen ist der genannte Dostojewski-Band, von dem im weiteren die Rede ist.

Dostojewskis „Politisches Testament“

Beginnen wir mit dem Titel. Er ist Programm, denn er präsentiert diese eineinhalb Jahrhunderte alten Texte als „politisch“ aktuelle, unterstützt durch das kommerzielle Prädikat „filosofskij bestseller“, das ebenfalls auf dem Buchdeckel steht. Nicht nur Erkenntnisse soll Dostojewski vermitteln, es geht um moralische und religiöse Handlungsganweisungen für die Bürger des heutigen Russland. Das Motto (ebenfalls auf dem Deckel) beklagt mit den Worten des Schriftstellers den „Materialismus“, die „blinde, raubtierhafte Gier nach persönlicher materieller Versorgung“, die an die Stelle der „christlichen Idee der Rettung“ trete, und zielt damit unübersehbar auf die Konsumlust der heutigen Russen. Mit der Bezeichnung als„politisches Testament“ werden die Ideen als letzter Wille des Klassikers für die Ausgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung seines Vaterlands deklariert. Dass ein Schriftsteller ein politisches Programm hinterlässt, mag selbst in Russland nicht ganz selbstverständlich erscheinen, aber man könnte sich darauf einigen, dass dies zumindest ein interessantes Thema für das Feuilleton abgeben könnte. Varianten wie das politische Testament Puschkins oder das politische Testament Tolstois, Tschechows, Gorkis und anderer könnte reichlich Stoff für Kontroversen bieten. (Im Falle Gorkis werden wir darauf zurückkommen.) Aber der Herausgeber S. Sergeev ist an solchem Pluralismus offenkundig nicht interessiert, denn für ihn ist allein Dostojewski „der für unsere Zeit aktuellste Klassiker der vaterländischen Literatur“. „Unser nationaler Prophet“ ist das Vorwort des Herausgebers überschrieben, und in dem Nachwort von A. Shumskij, der sich ausdrücklich als Priester (svjashchennik) vorstellt, spricht der Verfasser von seinem Wunsch, die bekannte Formel von Apollon Grirgor’ev „Puschkin – unser alles“ umzuformen in „Dostojewski – unser alles“. Ebendort wird auch vorgeschlagen, Dostojewski den „Apostel der Intelligenzija“ zu nennen, weil er in postsowjetischer Zeit bei vielen in atheistischem Geist erzogenen Intellektuellen eine geistige Wende ausgelöst habe. Überhaupt lassen Argumentation und Wortwahl der Autoren keinen Zweifel daran, dass „Politik“ in ihrem Kontext gleichbedeutend mit Religion ist. Sergeev zitiert eine Stelle aus dem Werk des Schriftstellers V. Rozanov, wo die Worte Schatows über das „Gottträger“-Volk mit den Worten kommentiert werden: „Für die Russen ist das – die Heilige Schrift (Svashchennoe Pisanie).“ Der Autor des Vorworts fürchtet nicht, man könnte ihn der Blasphemie beschuldigen, für ihn gehören die genannten Worte wirklich zu den „heiligen Texten“ der russischen Literatur. Hinsichtlich des Wortgebrauchs verweist er auf das bekannte Lied aus dem Großen Vaterländischen Krieg über den „heiligen Krieg“ gegen die Invasoren (Idet vojna narodnaja, svjashchennaja vojna) und bemerkt dazu, dass heute auch Priester keine Einwände gegen eine solche Formel erheben würden.

Die „neutestamentarische Psychologie“ der Russen

Die Realisierung des letzten Willens Dostojewskis muss man also in erster Linie als eine Sakralisierung oder (Re-) Christianisierung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens in Russland verstehen. In unseren Tagen ist das ein nicht weniger ambitiöses Programm als zu Lebzeiten Dostojewskis. Aber wenn man der Argumentation der Autoren der Begleittexte folgt, dann hat sich dieser Traum schon erfüllt: „Das Wesen des russischen Selbstverständnisses besteht im Christentum“, erklärt Sergeev, und zwar unabhängig davon, wie groß der Prozentsatz derjenigen Bürger ist, die in die Kirche gehen oder sonst an Ritualen der Orthodoxie festhalten. Die Sache ist die, dass „die Psychologie der erdrückenden Mehrheit (der Russen) eine neutestamentarische war und weiter bleibt“ und dass „Christus ihr Lebensideal darstellt“. Kein Zweifel, das Christentum bildet die Grundlage der gesamten europäischen – und damit auch der russischen – Kultur. Aber hier wird uns erklärt, dass das Christentum der Russen (und nur das ihre!) früher ebenso wie heute zur Grundidee ihres Lebens, zur Richtschnur für ihr gesamtes Verhalten geworden ist. Und dieser Befund wird uns mitgeteilt wie eine erwiesene Tatsache, quasi das Resultat einer soziologischen Untersuchung. Indessen ist die Rede von den Vorstellungen und Hoffnungen eines russischen Schriftstellers. Ihnen weiter folgend, beschreibt der Verfasser als einen charakteristischen Zug der russischen Mentalität „das unaufhörliche Bedürfnis nach reinigendem Leiden“, das letzten Endes gleichbedeutend ist mit dem Wunsch, „zusammen mit Christus die Kreuzigung zu erleiden“. „Und das ist keine Metaphysik, das sind Fakten“, fügt der Verfasser hinzu. Eine solche Art der Argumentation – man könnte sie eine „Rhetorik der Beweisfreiheit“ - nennen , ist ein allgemeines Merkmal der „patriotischen“ Literatur. Sie bevorzugt Wendungen wie „Man braucht nur an das-und-das zu denken, um sogleich zuzustimmen, dass...“; „Muss man denn noch sagen...?“, „Es ist doch nicht von ungefair...“ Im gleichen Ton der Feststellung unerschütterlicher Wahrheiten erfahren wir auch von der zweiten Grundeigenschaft des russischen Volkscharakters. Es ist , nach Dostojewski, die „Allmenschlichkeit“, d.h. eine übernationale, universale Empfänglichkeit (vseotzyvchivost‘) der Russen, ihre Fähigkeit, „Fremdes als Eigenes anzunehmen“ sowie „das Fehlen des nationalen Egoismus“. Im Unterschied zu anderen neueren Vertretern dieses nationalen Mythos, die in diesem Zusammenhang von einer besonderen kulturhistorischen Formation sprechen, der „russischen Zivilisation“, hält unser Autor diese Konstruktion für überflüssig. Russland hat nach seinen Worten „der erstaunten Welt gezeigt, dass es Zivilisationen gibt, deren unwiederholbare Eigenart in der permanenten Lossagung von sich selbst besteht“.

„Ewiges Verweilen im Element des Tragischen“

Es stellt sich nun die Frage: Wie gestaltet sich unter diesen Voraussetzungen das konkrete alltägliche Leben der Bevölkerung? Die Antwort des Herausgebers ist einer Grabpredigt würdig. Es verstehe sich von selbst, dass die Grundlagen des russischen Selbstverständnisses „einem stillen, satten und ruhigen Leben nicht zuträglich sind“, dass „ein Volk mit einer solchen ‚Idee‘ zum ewigen Verweilen im Element des Tragischen verurteilt ist“. Das Leben der russischen Menschen, so darf man schlussfolgern, vergeht in einem ständigen heroischen Widerstand gegen eine sie umgebende feindliche Welt. Konkrete Vertrter dieser feindlichen Umwelt werden nur flüchtig angedeutet, das sind z.B. „diejenigen, die davon träumen, in Russland ‚europäische Standards‘ zu installieren“ oder (mit den Worten A. Shumskijs im Nachwort) „unsere heutigen Liberalen“, die „mit frommer Miene in den Kirchen stehen, um anschließend Pornofilme aufzunehmen". In solchen Figuren haben sich nach Meinung der Autoren die Prophezeiungen des nationalen Genius Dostojewski erfüllt, leider nur die negativen von ihnen. Es sind solche Einlassungen, die den latenten Hass hervortreten lassen, der dieser Welthaltung durchgehend eigen ist, sich gewöhnlich aber hinter der Tonlage der Friedfertigkeit verbirgt. Objekt dieses Hasses ist alles, was „nicht russisch“ ist: der Westen. „diese gepanzerte Geschlossenheit, die abstößt und kränkt“ (A. Shumskij) und ebenso der Osten, der „Furcht einflößt und paralysiert“. Im Unterschied zu diesen fremden Welten wird sogar der atheistische sowjetische Kommunismus als vertraute „Heimat“ erinnert.

Ein genialer Schriftsteller – aber „kein Lehrer des Lebens“

Worin besteht der Sinn dieses „politischen Testaments“, das in vielem nebulös und weit abgehoben vom realen Leben erscheint? In welchem Maße bildet es wirklich die künstlerische Welt Dostojewski ab? Und in welchem Maße entspricht es dem wirklichen inneren Zustand der heutigen Russen, ihrer Selbstidentifizierung? – Oben war darauf hingewiesen worden, dass die in dem Band enthaltene Textauswahl als repräsentativ für den gesamten Komplex der „russischen Idee“ bei Dostojewski gelten kann. Eine andere Frage ist, in welchem Maße diese Auswahl repräsentativ für das künsterlische Gesamtwerk des Schriftstellers ist. Zahllose Artikel enzyklopädischen Typs über die „Weltanschauung“ des Schriftstellers präsentieren fast ausschließlich den Publizisten Dostojewski, sogar dort, wo sie Fragmente der Romanplots wiedergeben. Die Herausarbeitung von „Anschauungen“ und „Glaubenssätzen“ des Autors zwingt die Autoren zu Vereinfachungen, die den komplexen Verhältnissen gerade bei diesem Autor nicht gerecht werden. Nehmen wir, zum Beispiel, die einfache Frage, welche Bedeutung dem Begriff „die Europäer“ in Dostojewskis „Tagebuch eines Schriftstellers“ zukommt. Der Versuch, diese Adressaten unter dem Gesichtspunkt der Beziehung des Autors zu ihnen zu klassifizieren, führt zu einer langen und ziemlich widersprüchlichen Reihe. „Europäer“ – das sind verehrte, manchmal vergötterte Vertreter der höchstentwickelten Kultur der Menschheit; geliebte Brüder; Väter, würdig der Verehrung und der Bewunderung, - und sie sind ebenso geschworene Feinde des „russischen Gottes“; Diener des Antichrist; treulose Freunde; ungerechte und unaufmerksame Väter und Erzieher; Quelle ständiger Enttäuschungen und Kränkungen. Daneben erscheinen die Europäer auch einfach als Dummköpfe. Die Struktur des publizistischen Gesprächs bei Dostojewski – mit dem Leser, mit Freunden, Opponenten usw. – zeichnet sich durch extreme Dynamik aus. Sie erlaubt eine multiperspektivische und polyvalente Präsentation der „Wahrheit“, ein Verfahren, das in der summierenden Darstellung verloren geht. – Ein anderes Problem besteht heute in der Notwendigkeit, Dostojewskis Ansichten einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Was zu seinen Lebzeiten in Russland - zum Beispiel in den Ansichten über Juden - als gängige Münze gelten konnte, muss heute in vielen seiner Äußerungen als Ausdruck eines bösartigen Antisemitimus qualifiziert werden (s. dazu die am Schluss genannten Beiträge von Karla Hielscher und Pawel Kauschanskij). Auf der Gegenseite können seine idealisierenden Bilder des Russentums als Ausdruck eines geistigen, zugleich aber eines handfest politischen Imperialismus gelesen werden. Im Westen haben sich die Dostojewski-Experten – nicht ohne Schwierigkeiten – darauf geeinigt, dass man diese „dunklen Seiten“ seines Denkens und Wirkens nicht ignorieren darf, dass sie aber andereseits einen nur marginalen Einfluss auf die Qualität des künstlerischen Werkes haben. (Darüber noch einige Bemerkungen im nächsten Beitrag.) In Russland haben viele Anhänger der „russischen Idee“ keine Skrupel, gerade die chauvinistischen und xenophobischen Äußerungen als besonders „beweiskräftig“ hervorzuheben. Dostojewski erweist sich , wie in unserem Beispiel, als eine geradezu ideale Quelle des Trostes für ein „von Staats wegen“ gekränktes Selbstwertgefühls des ehemaligen Sowjetbürgers.

Das am schwersten wiegende Argument gegen den Einsatz Dostojewskis für die Zwecke einer „patriotischen“ Erziehung besteht jedoch im Wesen seines künstlerischen Schaffens. Der Philosoph Nikolaj Berdjaev hat zu Recht die Meinung vertreten, Dostojewski sei „kein Lehrer des Lebens“, schließlich sei es „unmöglich, zur Tragödie aufzurufen“. Die Welt Dostojewskis stellt sich nicht als eine klare und überschaubare Ordnung dar, wie sie für die Zwecke der Erziehung und der Politik unerlässlich ist. In dieser Welt ereignen sich unvorhersagbare Katastrophen und unlösbare Konflikte zwischen Menschen und innerhalb eines Einzelwesens. Hier ist der Begriff des Tragischen angebracht, aber nicht im Sinne der gängigen Phrase für alles nationale Unglück. In diesem Zusammenhang muss auch die Auswahl der Dostojewski-Texte bei seinen neuesten Verehrern zweifelhaft erscheinen. Es zeigt sich darin eine Beschränkung auf die Publizistik und auf „kanonische“ Stellen im Romanwerk. Dagegen werden solche Meisterwerke wie „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ oder „Die Sanfte“ meist ignoriert, weil sie für die Zwecke der patriotischen Propaganda kaum geeignet sind. Die Protagonisten dieser Werke erleben ihr „Russentum“ nicht als eine Tugend, sondern als einen Zustand des Unglücks und der Verzweiflung. Eben die Helden dieses Typs haben Dostojewski zu einem der einflussreichsten Schriftsteller der europäischen Moderne gemacht. Auch der beispiellose Erfolg seiner Romane bei dem sogenannten Massenleser hat wenig mit der „russischen Idee“ zu tun. Er verdankt sich der Fähigkeit Dostojewskis, nicht nur grandiose Kollisionen im philosophischen Maßstab, sondern auch „herzzerreißende“ Konflikte zwischen gewöhnlichen Menschen darzustellen, die es an Spannung mit jeder gelungenen TV-Serie aufnehmen können.

„Leben wollen die Russen hier und jetzt“

Wenden wir uns zum Schluss der Frage zu, in welchem Maße das „politische Testament“ Dostojewskis den realen Zustand der Herzen und Geister der heutigen Bewohner Russlands widerspiegelt. Ich ziehe dazu, wie heute im politischen Leben üblich, die Meinung eines Experten heran. In diesem Falle ist das Vladimir Petukhov, Leiter der Abteilung für die Analyse des Massenbewusststeins am Institut der Soziologie der Moskauer Akademie der Wissenschaften (RAN). Mit ihm unterhielt sich die Mitarbeiterin der „Novaja gazeta“ Irina Timofeeva über den letzten Bericht des Instituts zu den Ergebnissen mehrerer Befragungen. (Das Interview ist in der „Novaja gazeta“ vom 10.Januar 2008 abgedruckt). Die Beziehung der Bürger zur Religion, zu Dostojewski und zur „russischen Idee“ war nicht Gegenstand der Untersuchungen, es gab aber interessante Ergebnisse über ihre Beziehung zur Vergangenheit des Landes. Danach zeigt sich, dass die Bürger Russlands „die Schlüsselsymbole der Größe und des Stolzes ... im wesentlichen aus der sowjetischen Vergangenheit beziehen“. Weder in dem Russland vor 1917, noch in dem nach 1991 finden sie etwas, auf das man stolz sein könnte. Eine Ausnahme bildet die russische Kultur, die großen Schriststeller, Künstler, Musiker. In diesem letzten Punkt bewegen sich die Herausgeber des „politischen Testaments“ in den Bahnen der herrschenden Meinung, indem sie die Autorität eines Literaturklassikers für ihre Ziele einsetzen. Auch die Verknüpfung dieser Tradition mit „heiligen“ Werten der Sowjetzeit – eine eigentlich absurde Verbindung, denn Dostojewski war in der Sowjetperiode ein ungeliebter, in Teilen verbotener Autor - entspricht dem mainstream des gegenwärtigen Geschichtsbewusstseins in Russland. Dessenungeachtet entspricht der religiöse Fundamentalismus der Herausgeber und die radikale Rückwärtsgewandtheit ihrer Vorstellungswelt den Analysen zufolge nicht der Befindlichkeit der Bürger Russlands: „Leben wollen die Russen jedenfalls hier und jetzt, und die Zukunft bewegt sie in weit höherem Maße als die Vergangenheit.“

Hauptgegenstand der Analysen des Instituts der Soziologie war die Beziehung der Bürger zu den Werten und Einrichtungen der Demokratie, ein Thema also, das in den Kommentaren zum „politischen Testament“ Dostojewskis in äußerst negativer Beleuchtung erscheint. Auch die Soziologen gingen von der ähnlichen These der „demokratischen Bildungsunfähikeit (nevospituemost‘) der Russen“ aus, d.h. von der Nichtakzeptanz der Werte der Demokratie durch die Mehrheit der Bevölkerung. Gewöhnlich verbindet sich diese Diagnose mit der Beobachtung einer„Renaissance des Traditionalismus“ in Rusland, zu dem auch die Theorie des russischen „Sonderwegs“ gehört. Dem Kommentar V. Petukhovs zufolge haben die Resultate der Analysen diese Annahmen nicht bestätigt, genauer, sie haben ein komplizierteres Bild ergeben. Die Russen, so zeigt sich, erkennen und anerkennen sehr wohl den Wert der Freiheiten, die ihnen die Demokratie gebracht hat, sie sind jedoch enttäuscht von den unbefriedigenden Resultaten, die ihnen die Einführung der Demokratie im wirtschaftlichen und rechtlichen Alltagsleben gebracht hat. Ihre Hoffnung, sie würde „die Gewalt des Kapitalismus mildern“ und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz gewährleisten, haben sich nicht erfüllt. In Verbindung damit hat das Interesse an der Politik allgemein abgenommen. Zusammenfassend wird die Beziehung der Bürger zur Demokratie von den Soziologen als „wohlmeinende Skepsis“ bezeichnet.

Ungeachtet solcher Anzeichen einer gewissen Resignation sind die Russen offenbar nicht zu dem mönchischen Leben und dem „ewigen Verweilen im Element des Tragischen“ bereit, das die Lehrer der „russischen Idee“ ihnen auferlegen möchten. Den Analysen zufolge ist in Russland eine ganze Generation herangewachsen, die sich „im Grundsatz auf die eigenen Kräfte orientiert“ und keine Hilfe von einem wohltätigen Staat erwartet. Voll bestätigt werden nach den Worten Petukhovs auch die Ergebnisse früherer Studien der Soziologen Igor‘ Kljamkin und Tat‘jana Kutkovec. Sie hatten festgestellt, dass „die Vorstellungen über die Russen als ein ‚Gemüse-Volk‘, das aus trägen, passiven und faulen, zu verantwortlicher Initiative unfähigen Menschen bestehe – einen Mythos darstellen“. Ein ebensolcher Mythos sei auch die These von einem „Abgrund der Werte“, der angeblich zwischen Russen und Europäern existiert.

Die angeführten Erkenntnisse erlauben den Schluss, dass die Entwicklung der nationalen Identität sich nicht in Richtung auf die „russische Idee“ bewegt, sondern sich eher vom Einfluss dieser Tradition entfernt. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass die Ergebnisse der Forschungen in den Kommentaren der Soziologen unbeabsichtigt ein wenig in Richtung auf wünschenswerte Verhältnisse geschönt sind. Andere Experten sprechen von einem starken Anstieg des Nationalismus in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts. So konstatiert Aleksandr Verkhovskij in einem Aufsatz (2007) über die ideelle Evolution des russischen Nationalismus das Entstehen einer neuen Strömung des Nationalismus, den er „Nationalpopulismus“ nennt. Im Unterschied zu dem Nationalismus der Unterschicht („nizovoj“ nacionalizm) gehörten die Vertreter dieser Richtung dem Establishment an und arbeiteten dementsprechend weit erfolgreicher. Verkhovskij verweist auch auf isolationistische Tendenzen. Seit dem Jahr 2000 liege der Zustimmungsindex zu der These „Russland für die Russen“ bei über 50%. - Es scheint also angebracht, sich mit allzu selbstgewissen Prognosen in der einen oder anderen Richtung zurückzuhalten. Abschließend möchte ich aber mit meiner persönlichen Meinung nicht hinterm Berge halten. Ich „glaube“ den Moskauer Soziologen und glaube auch an die Richtigkeit ihrer Diagnose über die zunehmende „Tüchtigkeit“ (um es deutsch zu sagen) der Russen und ihr wachsendes Selbstvertrauen. Sowohl der Inhalt als auch die Wortwahl in der Beschreibung der Bewusstseinslage der jüngeren Russen erinnert mich – Verzeihung! – an Maksim Gorki, der in dem Artikel „Über das Karamazovtum“ (1913) geschrieben hatte: „Was wir mehr als irgendwer sonst brauchen, ist geistige Gesundheit, Energie (bodrost‘) und der Glaube an die schöpferischen Kräfte der Vernunft und des Willens.“ (Ausführlicher dazu im nächsten Text der Kategorie „Russland und die Russen“: „Gorki gegen Dostojewski“)

Benutzte Literatur
Достоевский Ф.М.: Политическое завещание. Сборник статей за 1861-1881. Составитель С.М. Сергеев. М. 2006
Бердяев Н.А.: О русских классиках. Сост. А.С. Гришин. М. 1993
Россия - рагу, но не из «овощей». Владимир Петухов: Наши граждане относятся к демократии с «благожелательным скептицизмом». Новая газета, 10 января 2008 г.
Верховский, А.: Идейная эволюция русского национализма: 1990-е и 2000-е годы (Статья из сборника «Верхи и низы русского национализма». М. 2007)

Weitere Literatur
Karla Hielscher: Die dunklen Seiten der Weltanschauung Dostojewskijs. Biographische Hintergründe und politische Dimensionen. Jahrbuch 2006 der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft, Flensburg o.J., S.115-128
Pawel Kauschanskij: Dostojewskij und die „jüdische Frage“. Jahrbuch 2005 (Bd. 12) der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft, Flensburg o.J., S. 113-129
Armin Knigge: Der beleidigte Mensch – das beleidigte Russland. Ein Thema Dostojewskis und seine Folgen. Jahrbuch 2002 der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft, Frankfurt a.M. 2002, S. 60-75
Armin Knigge: Aleksandr Solzenicyn über den Westen: Feindbilder der „russischen Idee“. Zeitschrift für Slawistik 46 (2001), 1, S. 3-18

Kategorie: Russland und die Russen

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