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„Staub der sowjetischen Kanonisierung“ – Gorkis 150. Geburtstag in Deutschland

Dienstag, 17. Juli 2018, 19:34:23 | Armin Knigge

„Staub der sowjetischen Kanonisierung“ – Gorkis 150. Geburtstag in Deutschland

Aufführung TheaterK in Aachen zu Gorkis 150. Geburtstag

Das im vorigen Eintrag beschriebene pompöse Begräbnis Maxim Gorkis aus Anlass seines 150. Geburtstags fand (und findet noch) in Russland statt. In Deutschland wurde der Schriftsteller ebenfalls zu Grabe getragen, wenn auch in einem wesentlich kleineren Format und in einer anderen Tonlage. Ohne Direktiven der Regierung und ohne ein Organisationskomitee konnten die Autoren der Beiträge in Presse, Radio und Fernsehen bei uns freimütig äußern, was sie von diesem Autor halten und wie sie seinen Platz in der gegenwärtigen Literaturszene beurteilen. Der Kontrast zu den Feiern in Russland wird deutlich, wenn man den Beitrag im deutschsprachigen russischen TV-Kanal „Russia Today“ zum Vergleich heranzieht: „Fünf Gründe, warum Maxim Gorki so großartig ist“ (28.03.2018). „Großartig“ fand ihn in Deutschland niemand, und schon gar nicht deshalb, weil er der „Sturmvogel der Revolution“ (Grund 4) und der „einflussreichste Schriftsteller der Sowjetunion“ (Grund 5) gewesen sei. Es sind gerade diese „sowjetischen“ Attribute seiner Lebensgeschichte, die in den meisten Darstellungen im Vordergrund stehen und wenig Lust auf diesen Schriftsteller machen: als Politiker ein wankelmütiger Genosse Lenins und Stalins und als Erzähler ein langweiliger Prediger. In gewissen Grenzen verständlich ist das bei den Kritikern aus der ehemaligen DDR. Der Beitrag in der Ostsee-Zeitung (23.03.18) „Das zwiespältige Erbe des Maxim Gorki“ beginnt mit dem Satz: „Fast jede ostdeutsche Stadt hat ihre Gorki-Straße“. Und weiter: „Er kämpfte für Gerechtigkeit. Doch seine Vergötterung in der Sowjetunion hat die Literatur über Jahrzehnte belastet“. Im weiteren geht es hauptsächlich um den Roman „Die Mutter“ und den Sozialistischen Realismus, den die Sowjetunion nach dem Krieg den Ländern ihres Machtbereichs überstülpte. Neben den Gorki-Straßen wird auch das Gorki-Theater in Berlin als Gründung der Besatzungsmacht erwähnt. Zum Schluss wird auf den Ukas des Präsidenten Putin zu dem „überragenden Beitrag Maxim Gorkis zur vaterländischen und weltweiten Kultur“ verwiesen, ein Wort, dass sich „nicht nach einer Neubewertung“ anhört, wie der Verfasser sarkastisch anmerkt. Dass die gegenwärtige Staatsideologie dem sowjetischen Gründungsmythos der Revolution durchaus kritisch gegenüber steht und sich lieber als Nachfolger des russischen Imperiums sieht, spielt in diesem Zusammenhang offenbar keine Rolle. Der Staatsschriftsteller der Sowjetunion taugt als Propagandamaterial genau so für die Zwecke des im Entstehen begriffenen neuen Imperiums. Und bei den Bürgern im Osten ist das Gorki-Bild ohnehin immer noch das der DDR, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: der größte Schriftsteller der Sowjetunion, ein Symbol der Unfreiheit.

Etwas großzügiger geht der Verfasser des Beitrags „Das Licht der frühen Jahre“ in der Mitteldeutschen Zeitung (28.03.18) mit Gorki um. Es handelt sich um eine Rezension auf die einzige Buchproduktion zum 150. Geburtstag aus dem Aufbauverlag: Maxim Gorki, Jahrmarkt in Holtwa. Meistererzählungen, neu übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. In diesem Band, mit dem der Verlag an die verdienstvollen Neuübersetzungen Gorkis in den siebziger Jahren „Gesammelte Werke in Einzelbänden“ anknüpft, sind hauptsächlich Erzählungen der frühen Jahre des Schriftstellers (1892-1904) enthalten, bevor er zum Agitator der revolutionären Bewegung wurde. (Näheres zu diesem Buch im nächsten Eintrag auf diesem Blog.) Der Titel der Rezension „Das Licht der frühen Jahre“ bezieht sich auf die Frische und Unvoreingenommheit, mit der der junge Gorki eine bis dahin in der Literatur unbekannte Welt vorführt, eine Welt „jenseits von Gut und Böse“ in Gestalt einer Galerie von sozialen Typen und menschlichen Charakteren. Pogrome, Grausamkeiten, Gewalt und Mord werden in „unsentimentalen, lakonisch erzählten Szenen“ dargeboten.
Aber diese Würdigung des frühen Gorki ist hier mit einem vernichtenden Urteil über den gesamten weiteren Weg des Schriftstellers verbunden: beginnend mit seiner aktiven Tätigkeit als Revolutionär sei eine „künstlerisch-literarische Lähmung“ eingetreten, die bis an sein Lebensende angehalten habe. „Jeder Ostdeutsche machte damit seine Erfahrungen“, erklärt der Verfasser und verweist auf das „kommunistische Erbauungsbuch’Die Mutter’“ als Schullektüre. Die frühen Erzählungen wirkten dagegen „wie Rock’n Roll“. Wie sich jetzt zeige, „war dieses Vor- das Hauptspiel des Autors“. Als Erzähler sei Gorki heute „ein toter Mann“. Und wenn er, „der gefallene literarische Held der Sowjetunion“, gerettet werden könne, dann nur mit dieser „rohen, reinen Prosa“. Am Anfang der Rezension steht die Feststellung: „Als Autor ist er beinahe vergessen“. Und die Frage „Zu Unrecht?“ ist unausgesprochen mit Nein beantwortet.

Bei allem Verständnis für den Widerwillen ehemaliger DDR-Bürger gegen die sowjetische Gorki-Propaganda, eine Klage, die u.a. auch von Christa Wolf zu hören war, ist die hier gegebene Darstellung eine grobe Karikatur des Schriftstellers, die von einer völligen Unkenntnis der literarischen Entwicklung Gorkis zeugt. Der Roman „Die Mutter“ von 1907, den Gorki selbst lebenslang als misslungen betrachtet hat, wird hier zum Musterwerk seiner gesamten weiteren literarischen Tätigkeit erklärt. Dabei besteht heute in der Forschung Einigkeit darüber, dass mit dem Erscheinen von „Meine Kindheit“ 1913 ein „neuer Gorki“ auf der literarischen Bühne erschien, den sogar namhafte Kritiker aus dem Lager seiner Gegner als einen „großen Schriftsteller“ begrüßten. Das autobiographische Material fand im weiteren Eingang in die Sammlungen „Wanderungen durch Russland“ (1918) „Erlebnisse und Begegnungen“ (1924) und ging in Teilen auch in die rein fiktionalen „Erzählungen 1922-1924“ ein, die den fundamentalen Problemen der Zeit, „Revolution und Kultur“, gewidmet sind. Viele der in diesen Sammlungen enthaltenen Erzählungen, z.B. die auf dem Blog vorgestellten Texte „Der Romantiker“, „Erzählung von einer unerwiderten Liebe“ oder „Erzählung vom Ungewöhnlichen“ darf man zu den Meistererzählungen Gorkis rechnen, die mit ihrem ideellen Gehalt und ihrer künstlerischen Ausformung die frühen Werke deutlich übertreffen. Auch die Romane „Das Werk der Artamonows“ (1925), die Geschichte einer russischen Familie in der Art der „Buddenbrooks“, und „Das Leben des Klim Samgin“, die in einer höchst komplexen Struktur erzählte Geschichte eines Intellektuellen in den Wirren der Revolution, haben mit der „Mutter“ keinerlei Ähnlichkeit und gehören zu den bedeutenden Werken des 20. Jahrhunderts.


Gorki-Einrichtungen – nur noch ein Name

Dass die negative Reputation des von seinem Sockel gestoßenen Gorki sogar ernsthaft interessierte Leser von der Lektüre abhalten kann, zeigen die Gedanken der Schriftstellerin Olga Grjasnowa „Gorki und ich“, die in dem Band „Jahrmarkt in Holtwa“ als Vorwort vorangestellt sind. „Der Geist Maxim Gorkis verfolgt mich schon mein Leben lang“, erzählt Grjasnowa, geboren 1984 im damals noch sowjetischen Aserbaidschan, nach Deutschland ausgewandert im Jahr 1996 mit ihrer jüdisch-russischen Familie. Sie hatte reichlich Gelegenheit, mit Gorkis Person und seinem Werk Bekanntschaft zu machen, zuerst an einer Grundschule in Baku, wo das Porträt des schnauzbärtigen Schriftstellers ihr erst einmal Angst einjagte. Später hat sie aus eigenem Antrieb angefangen, Gorkis Erzählungen zu lesen, von denen sie stark beeindruckt war, aber den Vorsatz, sich intensiv mit dem Schriftsteller zu beschäftigen, realisierte sie nicht. Dabei hat sie ihre schriftstellerische Ausbildung an zwei Einrichtungen erhalten, die eng mit Gorkis Namen verbunden sind, am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und als Gast an dem legendären Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau. Aber offenbar gab es dort niemand, der ihr Gorki näherzubringen versuchte. Dasselbe erlebte sie am Berliner Maxim Gorki Theater, wo Grjasnowas Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, dramatisiert wurde.
Am Maxim-Gorki-Literaturinstitut wird „auffallend wenig Gorki gelesen und am Maxim-Gorki-Theater wenig Gorki gespielt“, stellt die Schriftstellerin fest. „Er verschwindet allmählich, und die Erinnerung an ihn wird überschrieben“. Mit Gorkis Werken auf ihrem Bücherregal will die Autorin diesem Trend entgegenwirken, denn „kaum jemand durchschaut die Armut und die moderne Gesellschaft, ihre Kleinbürger, Betrüger und Keinkriminelle besser als Maxim Gorki. Vielleicht wäre es nun endlich an der Zeit, sich neu mit seinem Werk auseinanderzusetzen“.


Im Westen nichts Neues

Auch unter denjenigen Kritikern, die nicht von der „Zwangslektüre“ Gorkis betroffen waren, bot der 150. Geburtstag offenbar keinen Anlass zur Würdigung eines bedeutenden Schriftstellers des 20. Jahrhunderts. Das Gorki-Bild in der westdeutschen Literaturszene, ausgenommen die Verehrer aus der radikalen Linken, war schon lange vor dem Ende der Sowjetunion von der Ablehnung des sowjetischen Staatsdichters und der Geringschätzung des Künstlers Gorki geprägt, nicht zuletzt unter dem Einfluss der vernichtenden Urteile aus der russischen Emigration, vor allem von Wladimir Nabokow und Iwan Bunin. In dem Beitrag des Auslandssenders „Deutsche Welle“ „Nie um starke Worte verlegen: Maxim Gorki“ ist der „Galionsfigur Stalins“ weit mehr Raum gewidmet als dem Schilderer des Lebens und der Menschen im vorrevolutionären Russland. Im Beitrag des Redaktionsnetzwerks Deutschland (textgleich in Westdeutsche Allgemeine Zeitung und Göttinger Tageblatt) wurde eine neue Erkenntnis verkündet: „Maxim Gorki war kein Sturmvogel der Revolution“. Der Schriftsteller habe in „geharnischten Artikeln führende Köpfe der Partei“ gegeißelt. Als Quelle dieser These wird die Gorki-Biographie des norwegischen Slawisten Geir Kjetsaa (deutsche Übersetzung1996) angeführt. Kjetsaa habe diese Erkenntnis bei Recherchen in Archiven „entdeckt“. Es handelt sich natürlich um die berühmte Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken über Revolution und Kultur“ (1917/18), die in deutscher Übersetzung seit 1974 jedermann zugänglich ist und sogar den Sowjetbürgern in einer sensationellen Neuauflage 1990 vorgelegt wurde. Der peinliche Lapsus zeigt nicht nur den nachlässigen Umgang mit dem Thema, sondern auch die gänzliche Politisierung der historischen Gestalt Gorkis auf kosten seiner künstlerischen Bedeutung. Als Kuriosum sei hier angeführt, dass im Nachbarland Österreich ein Jubiläumsbeitrag das Gegenteil verkündete: „Maxim Gorki – Sturmvogel der russischen Revolution“ (ORF, Salzburger Nachtstudio, 28.03.2018).
Meinungsbildende Medien wie Die Zeit, SZ und der Spiegel haben das Jubiläum – wenn ich nichts übersehen habe – gänzlich ignoriert. Im ganzen habe ich nur zwei Beiträge gefunden, die ausführliche und fundierte Informationen und Meinungen zu Gorki enthalten und die ich ausdrücklich zur Lektüre empfehlen möchte. Ulrich Schmid, bekannt durch seine Russlandbeiträge in der NZZ, hat in dem hier schon mehrfach empfohlenen Portal dekoder.com der enzyklopädischen Abteilung „Gnosen“ einen Artikel „Maxim Gorki“ hinzugefügt. Schmid weist dort nachdrücklich auf die Notwendigkeit hin, Gorkis Werk neu zu entdecken, solange es noch nicht ganz „vom Staub der sowjetischen Kanonisierung zugeschüttet“ ist. Eine Buchbesprechung von Manfred Orlick zu dem Erzählungsband „Jahrmarkt in Holtwa“ auf dem Rezensionsforum literaturkritik.de befasst sich ungeachtet des Titels „Sturmvogel der Revolution“ mehr mit dem Schriftsteller und Künstler Gorki als mit dem Revolutionär. Bemerkenswert ist hier die Einordnung des Namens Gorki in die Reihe der großen Erzähler des 19. Jahrhunderts nach Dostojewskij, Tolstoj, Turgenjew und Tschechow, ohne dass diese Fortsetzung gleichbedeutend mit dem Sturz in den sowjetischen Abgrund aufzufassen wäre, wie man in Literaturgeschichten nicht selten lesen kann. „Zumindest bis in die 1920er Jahre schuf er (Gorki) ein zeitloses Werk von weltliterarischem Rang“, erklärt der Verfasser und hebt dabei besonders die Autobiographie und die künstlerische Darstellung Russlands und der Menschen aller Gesellschaftsschichten hervor. Die Bemühungen um einen neuen Blick auf Gorki hält er für unzureichend, die Zurückhaltung der deutschen Verlage in Bezug auf das Werk des Schriftstellers für „beschämend“.


Gorkis Stimme: Lesungen und Aufführungen

Um den pessimistischen Grundton dieses Berichts ein wenig aufzuhellen, seien hier noch einige Veranstaltungen in Deutschland erwähnt, die ein echtes Interesse an dem Werk des Schriftstellers und seiner Verbreitung bezeugen. So haben Künstler des russischen Kulturzentrums MIR e.V. in München zwei der frühen Erzählungen Gorkis, „Makar Tschudra“ und „Die alte Isergil“, als eine „Hommage an den Romantiker“ inszeniert. Unter dem Titel „Im Leben ist stets Platz für Heldentaten“ ging es dort sicher recht sentimental zu, aber jedenfalls kam Gorki selbst zu Wort und nicht eine Klage über das ewige Lesen der „Mutter“. Im Kulturradio rbb wurde zum Jubiläum ein Hörspiel nach der Erzählung „Das Ehepaar Orlow“ gesendet, produziert in der DDR 1979. Das Paar versucht, lange vor der Revolution, ein neues Leben, die Frau mit Erfolg, während der Mann im Suff endet. In Österreich präsentierte der ORF eine Produktion von 1993 zu der Erzählung „Der Fremdenführer“, eine hintersinnige Allegorie auf Demagogen und Propheten. In Hannover nahm ein Kino Gorkis „Sommergäste“ ins Programm, die Verfilmung eines der größten Erfolge der Berliner Schaubühne von Peter Stein (1975). Der Film war damals ein hochaktuelles Ereignis, das den Aufbruch der Achtundsechziger in eine neue Welt feierte. So populär war Gorki in Deutschland nur am Jahrhundertanfang, als „Nachtasyl“ am Theater Max Reinhardts 500 Aufführungen erlebte.
Ein interessantes Experiment mit Gorkis Erzählung „Sechsundzwanzig und eine“ (1899), das ich leider nicht gesehen habe, hat das „TheaterK“ in Aachen zum Jubiläum produziert. Es geht um ein bei Gorki mehrfach behandeltes Thema: die Armen und Elenden sind keineswegs immer die Guten, sie können auch gnadenlos und grausam sein, wenn ein noch Schwächerer ihr Missfallen erregt. Die sechsundzwanzig Bäcker fristen in einem finsteren und schmutzigen Kellerloch ein trauriges Dasein. Den einzigen Lichtblick verkörpert die sechzehnjährige Tanja, ein fröhliches Mädchen, das jeden Morgen eine Portion frische Kringel abholt. Sie geht freundlich mit den Männern um, die sie wie eine Heilige verehren. Als ein fescher Soldat auftaucht, der ein Auge auf sie geworfen hat, lassen sie sich mit ihm auf eine Wette ein, dass er es nicht schaffen werde, sie zu verführen. Als es ihm doch gelingt, stürzen die Männer die Angebetete von ihrem Sockel und beschimpfen sie in unflätiger Weise. Die Regisseurin hat dieses psychologische Drama zu einem politischen umgebaut. Die Handlung spielt in den späten 20er Jahren unter stalinistischen Bedingungen, drei der ehemaligen Kringelbäcker erinnern sich an das Geschehen und erzählen von ihrem weiteren Leben, begleitet von einem jungen Genossen, der fest an das Sowjetparadies glaubt, während die Alten schon die Erfahrung gemacht haben, dass sie nur in ein neues Elend geraten sind. Die Inszenierung hat damit einen weiten Diskussionsraum eröffnet und wurde mit viel Beifall aufgenommen.


In eigener Sache: kein „leidenschaftlicher Freund“

Abschließend einige erklärende Worte, die meine eigene Rolle als Autor dieses Blogs betreffen. Nach einem Interview, das ein Mitarbeiter der „Deutschen Welle“ aus Anlass des 150. Geburtstags mit mir führte, sind meine Ansichten zu Gorki in den anschließend veröffentlichten Artikel „Nie um starke Worte verlegen: Maxim Gorki“ unter Angabe der Quelle eingegangen, wofür ich natürlich dankbar bin. Meine Haltung zu Gorki charakterisiert der Verfasser mit den Worten, ich sei „nicht nur Gorki-Kenner“, sondern auch „ein leidenschaftlicher Gorki-Freund“. Den ersten Teil nehme ich gerne an, der zweite scheint mir erklärungsbedürftig. „Leidenschaftliche Gorki-Freunde“ waren und sind z.B. die Vertreter der traditionellen sowjetischen Gorki-Forschung, mit denen ich mich, wie im vorigen Eintrag auf diesem Blog erläutert, nicht identifizieren kann. Es gibt auch anderswo eine Kategorie von „Freunden“ eines Schriftstellers, die die Person dieses Autors rückhaltlos verehren und sich ebenso rückhaltlos mit seinen Ansichten identifizieren. Man trifft sie in Gesellschaften, die den entsprechenden Namen tragen, Museen, Archiven und Forschungseinrichtungen. Gorki ist für mich kein Gegenstand der Verehrung, der Liebe oder der Gesinnungsgenossenschaft, er ist eher ein Gegenstand der Neugier. Um einen Lieblingsausdruck Gorkis selbst zu gebrauchen: er ist vor allem „interessant“. Nicht zuletzt mit seinen Widersprüchen und überraschenden Wendungen, zu denen auch seine ästhetischen Missgriffe und moralischen Vergehen gehören. Das betrifft natürlich in erster Linie seine publizistischen Auftritte in den Zeitungen Prawda und Izwestija in den dreißiger Jahren, die einen Verrat an seinen früheren (oder sogar heimlich weiter bestehenden) Idealen der Freiheit und Gerechtigkeit darstellen. Es ist zweifellos interessant zu fragen, wie es möglich war, dass Gorki den bramarbasierenden Falschspieler Satin in „Nachtasyl“ mit seinem „Mensch – das klingt stolz“ höher schätzte als den menschenfreundlichen Luka, der den Leidenden zuhört und Trost spendet. Ebenso interessant ist die Frage, warum er mit einem rücksichtslosen Fanatiker wie Lenin eine Freundschaft und mit Stalin zumindest eine Zweckgemeinschaft unterhalten konnte.
„Interessant“ sind aber auch die Tugenden des Künstlers Gorki, die vor allem in der Darstellung von Menschen und ihren Geschichten zum Vorschein kommen. Gorkis Talent besteht nicht zuletzt darin, Geschichten von „russischen Menschen“ in Allegorien des nationalen Schicksals zu verwandeln. Wie das geschieht, soll im nächsten Eintrag am Beispiel der frühen Erzählungen aus dem neuen Sammelband „Jahrmarkt in Holtwa“ gezeigt werden. In den Gestalten von Obdachlosen, Trinkern und Kleinkriminellen wird dort eine historische Situation des Umbruchs in den 1880er Jahren abgebildet, die vorausdeutet auf die Revolutionen Jahrzehnte später.

Im Text erwähnte Quellen

Maxim Gorki, Jahrmarkt in Holtwa. Meistererzählungen. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Mit einem Geleitwort von Olga Grjasnowa und einem Nachwort von Christa Ebert, Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2018

Beiträge im Internet
(Öffnen nur mit Eingabe der Adresse, am Schluss Datum des Aufrufs.)

https://deutsch.rt.com/gesellschaft/67462-funf-grunde-warum-maxim-gorki so großartig ist (30.03.2018)
http://ostsee-zeitung.de/Nachrichten/Kultur/das-zwiespaeltige-erbe-des-Maxim-Gorki (30.03.2018)
https://www.mz-web.de/kultur/maxim-gorki-das-licht-der-fruehen-jahre-29936612
(30.03.2018)
http://www.dw.com/de/nie-um-starke-worte-verlegen-maxim-gorki/a-43142327 (28.03.2018)
http://www.waz-online.de/Nachrichten/Kultur/Maxim-Gorki-war-kein-Sturmvogel...-de
(30.03.2018)
http://oe1.orf.at/programm/20180328/509540 Maxim Gorki - Sturmvogel der russischen Revolution (30.03.2018)
https://www.dekoder.org/de/gnose/maxim-gorki Ulrich Schmid (30.03.2018)
http://literaturkritik.de/gorki-jahrmarkt-in-holtwa-sturmvogel-der-revolution-zum-150
Manfred Orlick (30.03.2018)
https://www.gasteig.de/veranstaltungen/-im-leben-ist-stets-platz-fuer-heldentaten
(30.03.2018)
https://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/hoerspiel/archiv/20180325
(30.3.2018)
http://oe1.orf.at/programm/20180328/509514 Radiogeschichten: „Der Fremdenführer“
(30.03.2018)
https://diginights.com/event/2018-03-25-sommergaeste-zum-150-geb-von-maxim-gorki
(30.03.2018)
http://aachenkritiker.blogspot.com/2018/04/theaterkgorki „Sechsundzwanzig und eine“
(19.04.2018)

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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