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Maxim Gorkij über Turgenjew: "ein vorzügliches Erbe" (Zweiter Teil)

Dienstag, 13. November 2018, 13:18:30

Im ersten Teil des Vortrags ging es um drei grundlegende Gemeinsamkeiten in der Weltanschaung der beiden Schriftsteller: ihre Distanz zu den religiösen Botschaften Dostojewskijs und Tolstojs, ihr Bekenntnis zu Europa und ihre Begeisterung für die Literatur. Dagegen treten die Unterschiede der Charaktere der beiden Schriftsteller Charaktere deutlich zutage, wenn man sie mit den Kategorien in Turgenjews bekanntem Aufsatz „Hamlet und Don Quijote“ beschreibt. Gorkij, ein Don Quijote, von dem bedingungslosen Glauben an sein Ideal und einem kämpferischen Willen angetrieben, äußert sich kritisch zu dem eher von Skepsis und Zweifeln bestimmten Blick Turgenjews auf die Gesellschaft und die Möglichkeiten ihrer Veränderung.
Im zweiten Teil geht es um den Konflikt zwischen diesen beiden Positionen, der in Gorkis „Geschichte der russischen Literatur“ deutlich zum Vorschein kommt, wenn es darum geht, den Schülern der Parteischule auf Capri (1909) das im Sinne der Partei richtige Bild des Klassikers Turgenjew zu vermitteln. Das Ergebnis offenbart einen Zwiespalt in der Seele des Revolutionärs Gorki. Einerseits identifiziert er sich uneingeschränkt mit dem Revolutionär Rudin in Turgenjews gleichnamigem Roman und verteidigt den Helden vehement gegen die Angriffe seiner Gegner im Roman, andererseits scheint Gorki aber zu erkennen, das die Kritik der Romanpersonen und in Teilen auch des Autors an einem Menschen, der „nur mit Worten“- ohne Tatkraft und ohne Liebe zu anderen Menschen - für eine neue Gesellschaft kämpft, auch ihn selbst, Gorki, seinen Charakter und seine Tätigkeit als Schriftsteller, berührt.


Turgenjew in Gorkijs „Geschichte der russischen Literatur“

In den Jahren 1908-1909, ein Vierteljahrhundert nach der ersten Begegnung mit Turgenjews Werk,wendet sich Gorkij ein weiteres Mal dem Klassiker zu. Aus dem schwärmerischen Jüngling ist ein erfahrener Revolutionär geworden, der nach dem gescheiterten Aufstand von 1905 im Exil auf der Insel Capri an der Erneuerung der revolutionären Bewegung arbeitet. Diesem Ziel dient seine „Geschichte der russischen Literatur“ [17]. Das Werk, aus dem Nachlass zusammengestellt und 1939 herausgegeben, war dazu bestimmt, in den Kursen der Parteischule von Capri junge Arbeiter aus Russland, Aktivisten der Sozialdemokratischen Partei Lenins, mit der russischen Literatur vertraut zu machen. Ziel der auf Initiative Gorkijs gegründeten Capreser Parteischule, die nur wenige Monate (Mai – Dezember 1909) existierte, war die „Befreiung durch Kultur“, eine proletarische Kultur als Vorstufe einer neuen universalen Gesellschaft [18]. Die theoretische Basis lieferte der Philosoph und Publizist Alexander Bogdanow mit seiner Polemik gegen den Zentralismus und Dogmatismus Lenins und dem Ziel einer „radikalen anthropologischen Transformation“. Es ging darum, auf der Basis eines kameradschaftlichen, antiautoritären Zusammenlebens der Parteigenossen einen undogmatischen Marxismus zu erarbeiten, in dem die Kultur eine wesentlich größere Rolle spielen sollte als die einer bloßen Abbildung ökonomischer Verhältnisse im „Überbau“. Die Teilnehmer, von einem aufklärerischen Enthusiasmus angetrieben, planten nach dem Vorbild der französischen Revolution die Herausgabe einer großen Enzyklopädie des Wissens der Menschheit. Zum Umkreis der Parteischule gehörte auch das Projekt einer religiösen Fundierung des Sozialismus mit der Idee des „Gotterbauertums“, die in Gorkijs Roman „Die Beichte“ (1908) ein literarisches Manifest erhalten hatte. Lenin hatte dieses Konzept scharf verurteilt. Er sah auch in der Parteischule eine feindliche Fraktion und bereitete ihr durch einen Redaktionsbeschluss des Parteiorgans „Der Proletarier“ in Paris ein rasches Ende. Als Gegenmodell wurde eine Parteischule in Lonjumeau bei Paris gegründet. Für Gorkij war diese Entwicklung eine der schwersten Enttäuschungen seines Lebens. Sie markierte auch das vorläufige Ende der Propagandaperiode seines Schaffens und der Zusammenarbeit mit Lenin. Er wandte sich dem autobiographischen Schreiben zu. Mit dem Erscheinen des ersten Teils der Autobiographie „Meine Kindheit“ (1914) begrüßte die Kritik einen „neuen Gorkij“, der die utopischen Illusionen hinter sich gelassen hatte.

In seiner „Geschichte der Literatur“ ging es bestimmungsgemäß noch ganz um politische Bildung: Literarturkritik ist politische Kritik, daran gibt es keinen Zweifel. Bei der Darstellung Turgenjews wählte Gorkij zwei Themen aus dem Umkreis der revolutionären Bewegung: den Kampf gegen die Leibeigenschaft am Beispiel der „Aufzeichnungen eines Jägers“ und das Schicksal des Revolutionärs Rudin, des Titelhelden in Turgenjews erstem Roman. Zugleich handelte es sich aber auch um eine Schule des literarischen Lesens, was schon daran zu erkennen ist, dass Gorkij seinen wenig gebildeten Hörern lange Textauszüge vorlegte, darunter so schwierige Texte wie Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“. Sie sind in dem Band vollständig abgedruckt und im ganzen länger als Gorkijs Kommentare, so dass die „Geschichte“ zugleich eine Anthologie der russischen Literatur war. Zudem lenkte Gorkij die Aufmerksamkeit seiner Hörer auf spezifisch literarische Fragen, insbesondere auf die problematische Beziehung des Autors zu seinen Helden, die Beziehung Puschkins zu Onegin, Lermontovs zu Petschorin, Turgenjews zu Rudin und den Figuren der „Aufzeichnungen eines Jägers“.
Im Falle Turgenjews vermittelte Gorkij seinen Hörern den Eindruck, dass es sich eine schwankende, halbherzige Beziehung handle. Im Roman „Rudin“ stellte Turgenjew nach Gorkijs Auffassung einen Revolutionär als „Träumer“ vor, versagte ihm aber mit vielen kritischen Einschränkungen die Bewunderung, die er verdiente. In den „Aufzeichnungen“ habe Turgenjew das Unrecht im System der Leibeigenschaft gezeigt, zugleich aber den Ausdruck des direkten, offenen Protest gegen dieses System vermieden, den Gorkij für nötig und auch für möglich hielt. In beiden Urteilen mischten sich zutreffende Beobachtungen mit ungerechtfertigten Vorwürfen an die Adresse des Autors.


Gorkij über die „Aufzeichnungen eines Jägers“: „kein einziger zorniger Ton“

Letzteres gilt besonders für das Thema der „Aufzeichnungen“. Gorki erkannte an, dass Turgenjews Gesamtwerk geeignet war, die Einstellung der russischen Öffentlichkeit zur Leibeigenschaft grundlegend zu verändern: „In den Werken Turgenjews beginnt in der russischen Literatur eine neue Beziehung zum Gutsbesitzertum – eine scharf ablehnende und spottlustige Beziehung“ [19]. Gleichwohl sei es falsch, die Jägergeschichten als einen „Schlag gegen die Sklaverei“ zu bezeichnen, denn der Leser finde dort „nirgendwo einen direkten, offenen Protest“ gegen das System [20]. Die Bauern selbst rechtfertigen die gegebene Ordnung, stellt Gorki fest, sie sind sogar stolz auf ihren Herrn, wenn er nur ein „echter Barin“ ist, und ertragen widerspruchslos grausame Misshandlungen. Turgenjews Bauern sind sanftmütig, von christlicher Demut erfüllt, Muster von „Sklavennaturen“, erklärt Gorki. Als solche seien sie nicht repräsentativ für die Masse der Bauernschaft der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts, einer Zeit zunehmender Bauernaufstände. Der Bauer als Typ des Rebellen, eine durchaus zeitgemäße Erscheinung, sei im Personal der „Aufzeichnungen“ nicht vertreten. Stattdessen präsentiere Turgenjew in der Gestalt des geschäftstüchtigen Bauern Chor („Chor und Kalinytsch“) seinen Lieblingshelden, den nüchternen Praktiker, der seine Interessen vertritt, ohne Konflikte mit der Obrigkeit zu riskieren. Die „Aufzeichnungen eines Jägers“, so Gorkis Fazit, bieten sich dem Leser dar als „friedliche, idyllische kleine Bilder“, in ihnen gibt es „keinen einzigen zornigen Ton“[21] .
In den “Aufzeichnungen“ und ebenso in dem Roman „Rudin“ sieht Gorkij einen Autor am Werk, der „die Politik nicht liebt““ [22]: „Turgenjew war ein sehr kluger Mensch, aber er besaß eine wankelmütige Seele, und deshalb spielte er häufig mit demokratischen Ideen und Stimmungen, was ihn nicht daran hinderte, ein Aristokrat bis ins Mark zu bleiben.“ [23]

Wir erinnern uns: der junge Gorkij war bei seiner ersten Begegnung mit Turgenjew tief beeindruckt davon, „wie gut und sanft alles bei ihm klingt“. Jetzt ist es eben dieser leise Ton, der das Missfallen des Lehrers in der Parteischule erregt. Dabei konnte es dem geübten Leser Gorkij eigentlich nicht entgangen sein, dass es in den „Aufzeichnungen eines Jägers“ sehr wohl „zornige Töne“ gibt, auch wenn es sich, besonders in den Reaktionen des Jägers auf offensichtliches Unrecht, meist um Untertöne handelt. Auf seiten der Bauern gibt es – in der Erzählung „Birjuk“ - sogar einen Fall offener Rebellion. Die Verzweiflung eines Bauern, der beim Diebstahl eines Baums ertappt worden ist und nun zu allem sonstigen Unglück auch noch sein Pferd verlieren soll, verwandelt sich in eine wütende Anklage gegen den Waldhüter: „Nun gut, dann friss, dann ersticke dran /…/ saufe Christenblut, du Seelenverkäufer, verfluchter“ [24] Die Szene zeigt eine, wie man annehmen darf, beabsichtigte Ähnlichkeit mit dem Auftritt des kleinen Beamten Jewgenij vor dem Denkmal Peters des Großen in Puschkins Poem „Der eherne Reiter“, dem Musterbeispiel einer individuellen Rebellion gegen die Staatsmacht, die das Wohl ihrer Untertanen bedenkenlos ihren imperialen Interessen opfert.
Zudem gibt es unter den Personen einige, die man sich als Teilnehmer eines Bauernaufstands vorstellen kann, darunter der Leibeigene Jermolaj, an dem der Jäger „Regungen einer düsteren Wildheit“ beobachtet, und der „wilde Junker“ in der Erzählung „Die Sänger“, vor dem sich alle fürchten. Es wird Gorki auch kaum entgangen sein, dass die Titelhelden der Eingangserzählung, Chor und Kalinytsch, beide keineswegs Sklavennaturen sind. Chor, der „alte Skeptiker“, durchschaut seinen Herrn und benutzt ihn zur Förderung seiner eigenen Interessen. Kalinytsch, der „Idealist und Romantiker“, hat Ehrfurcht vor seinem Herrn, aber eine Achtung „ohne alle Unterwürfigkeit“. Die Zuneigung des Jägers – und mit ihm des Autors – gehört auch nicht in erster Linie dem schlauen Chor, sondern Kalinytsch, einem „Menschen von überaus heiterem und sanftem Wesen“. Auch die christliche Demut, die Gorki allen Bauern der „Aufzeichnungen“ zuschreibt, ist ihnen anscheinend fremd, sie besitzen einen „gesunden Menschenverstand“, zeigen sich offen für Neues in den Erzählungen des Jägers über andere Länder und Sitten und werden in dieser Eigenschaft mit Peter dem Großen in Verbindung gebracht, der „in erster Linie ein russischer Mensch war, namentlich in seinen Reformen“ [25]. Der Russe sei von seiner Kraft und Standhaftigkeit so fest überzeugt, erklärt der Erzähler, dass er sich auch eine radikale Erneuerung seines Lebens zutraut, wenn sie ihm nötig und sinnvoll erscheint. Damit erhalten Chor und Kalinytsch eine programmatische Bedeutung für die Sammlung: sie verkörpern, zusammen mit anderen besonderen und begabten russischen Menschen, das Potential einer künftigen freien Gesellschaft.

Gorki hätte hier Berührungspunkte mit seinem eigenen Russlandbild finden können. Im Briefwechsel mit Rolland äußerte er sich oft über die besondere Originalität und die Begabungen der Russen, die diesem Volk eine vielversprechende historische Perspektive, aber auch ernste Gefahren bescheren werde. „Der russische Mensch“, schrieb er 1923 an Rolland, „ist ein Mensch mit einem Übermaß an Phantasie“, und fügt hinzu: „Iwan Turgenjew hat das mit seinem Wort vom ‚schief aufgesetzten Gehirn’ des Russen treffend beschrieben“ [26] (Es handelt sich um eine in einem Brief Wissarion Belinskijs überlieferte mündliche Äußerung Turgenjews, der Russe trage nicht nur seine Mütze schief auf dem Ohr, sondern auch sein Gehirn). Gorki weiter an Rolland: „Diese besondere Windung des Verstands, eine Abweichung vom Gewöhnlichen, ‚Normalen’ macht aus den Russen ein höchst originelles Volk, das einst die ganze Welt mit seiner Talentiertheit erleuchten wird, aber dieselbe Krümmung des Verstands, die die Seele zersetzt, kann Russland auch vernichten für die Welt, indem sie es rationalistisch bis zum Zynismus macht, beraubt des Glaubens an sich selbst und widerwärtig“.
Ein ambivalentes Russlandbild solcher Art hat Gorki auch in seinem künstlerischen Werk entworfen, vor allem in zwei Sammlungen von Erzählungen, die zum besten gehören, was er geschrieben hat: die zweibändigen „Skizzen und Erzählungen“ (1898, 1899), die ihm zu Weltruhm verhalfen, und die Fortsetzung „Wanderungen durch Russland“, von 1912 an erschienen, vollständig zuerst 1918. In gewissem Sinne kann man beide als Wiederaufnahmen der Grundkonzeption Turgenjews in den „Aufzeichnungen“ verstehen: eine Porträtgalerie russischer Menschen, zusammengehalten durch die zufälligen Begegnungen mit einem im Land umherziehenden Erzähler, bei Gorki überwiegend in Gestalt des autobiographischen Helden Aleksej Peschkow in jungen Jahren vor Beginn seiner Schriftstellertätigkeit. Auch die Motivation dieses Erzählers ist der des Jägers bei Turgenjew vergleichbar. Er verkündet keine religiöse oder politische Botschaft, er ist einfach auf der Suche nach „interessanten“ Menschen. Waren es bei Turgenjew die Skeptiker und die Romantiker wie Chor und Kalinytsch, Menschen mit künstlerischen Talenten wie die Helden der Erzählung „Die Sänger“ und dazu eine Reihe von weiteren originellen Existenzen am Rande der Gesellschaft, so sind es bei Gorkij die berühmten barfüßigen Vagabunden, Diebe und Räuber, Sonderlinge, Unruhestifter und wiederum Menschen mit künstlerischen Talenten. Auch das Thema des Gesangs und der Volkslieder kehrt bei Gorkij wieder, die Begabung auf diesem Feld erscheint vielfach als Nachweis echten Künstlertums und authentischer russischer Mentalität.


Gorkij über Rudin: „Gute Worte sind auch gute Taten“

Die Nähe der „Aufzeichnungen“ zu seinem eigenen Werk hätte Gorkij also veranlassen können, ein positiveres Urteil über Turgenjews Bauern abzugeben, aber weit mehr nach seinem Herzen war doch die Titelgestalt des Romans „Rudin“. Der Ton in diesem Abchnitt seiner „Geschichte der russischen Literatur“ ist engagiert, bekenntnishaft, obwohl Gorkij nirgendwo von sich selbst spricht. Hier wurde seine persönliche Sache verhandelt: das Heldentum und das Unglück des Revolutionärs als „Träumer“, als Mann des Wortes, nicht der Tat. Seine Waffe ist allein der Enthusiasmus, der eigene und der, den er in den Herzen junger Menschen zu entzünden versteht. Eigentlich ist er hier nahe bei dem Autor Turgenjew, dem es nach Gorkijs Auffassung gelungen ist, eine „lebendige Person“ zu schaffen, die eine mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegende Epoche charakterisiert, zusammengesetzt aus Zügen des Anarchisten Michail Bakunin, des politischen Schriftstellers Alexander Herzen und in Teilen auch des Autors Turgenjew selbst. Und diese Menschen, so Gorkijs Fazit, „haben ihr Leben nicht umsonst gelebt und uns ein vorzügliches Erbe hinterlassen“ [27]. Im Falle Rudins besteht dieses Erbe in der Verteidigung des Helden gegen seine Ankläger innnerhalb und außerhalb des Romans. Im Buch sind das Natalja, eine von Rudins Liebesunfähigkeit enttäuschte junge Frau, Leschnew, ein ebenfalls enttäuschter Freund aus der Studentenzeit und der weniger ernstzunehmende Provinzler Pigassow, der den erfolgreichen Redner beneidet. Dazu kommen der Rivale um die Gunst Nataljas Wolynzew und Nataljas Mutter, die Gutsbesitzerin und einem modischen Liberalismus anhängende Salondame Darja Michailowna Lasunskaja. Gegen diese geballte Macht seiner Gegner, die in Rudin einen Menschen ohne Charakter und Tatkraft, einen Schwätzer und Selbstdarsteller, einen Verführer junger Menschen und eine „politische Natur“ sehen, tritt gegen Ende überraschend Leschnew mit einer großen Verteidigungsrede für Rudin auf, ausgerechnet derjenige, der zuvor einen ganzen Katalog von Vorwürfen gegen seinen ehemaligen Freund vorgetragen hat. Leschnew leugnet auch hier nicht die Schwächen Rudins, sieht sie aber überwogen von dem, was an Gutem und Seltenem in seinem Wesen ist, und das ist vor allem eins: „In ihm ist Enthusiasmus, und das ist – glauben Sie einem phlegmatischen Menschen – die wertvollste Eigenschaft in unserer Zeit. Wir sind unerträglich berechnend, gleichgültig und lau geworden; wir sind eingeschlafen, wir sind erstarrt und müssen jedem danken, der uns wenigstens einen Augenblick lang aufrüttelt und erwärmt!“ [28] Wir haben ihm Unrecht getan, bekennt Leschnew, und bringt einen Toast aus auf Rudins Gesundheit und auf ihre gemeinsame Jugend, ihre Hoffnungen und idealistischen Bestrebungen.

Leschnews Rede könnte man sich ohne Mühe als einen Text von Gorkij vorstellen. Die Sehnsucht nach Enthusiasmus, nach dem Ungewöhnlichen, „Heroischen“ in einer verschlafenen Zeit findet sich z.B. regelmäßig in seinen Briefen an Tschechow um die Jahrhundertwende und blieb ein Leitmotiv seiner öffentlichen Auftritte und seines künstlerischen Werks, oft mit Metaphern des Feuers, wie sie auch in Turgenjews „Rudin“ begegnen: eine feurige Seele, brennende Herzen, die Glut der Überzeugung, der heilige Funke der Begeisterung u.a.
Unter den Ideen, die Rudin in diesem Ton der Begeisterung vertritt, ist eine, die Gorkij in besonderer Weise ansprechen musste, da sie zum Kern seiner eigenen Überzeugungen und Glaubenssätze gehört: die Würdigung der hohen Bedeutung des Menschen als Gattungswesen im Vergleich mit der Nichtigkeit der Existenz des Einzelmenschen. Bei seinem ersten Auftritt im Roman erzählt Rudin eine skandinavische Legende. Der König sitzt mit seinen Kriegern in einer Scheune am Feuer, es ist Winter und draußen herrscht dunkle Nacht. Plötzlich fliegt ein kleiner Vogel zu einem der offenen Tore herein und gleich darauf zu einem anderen hinaus. Dieser Vogel ist wie der Mensch in der Welt, erklärt der König: aus dem Dunkel ist er gekommen und ins Dunkel verschwunden, nur kurz hat er in Licht und Wärme verweilt. Der älteste der Krieger gibt darauf zu bedenken, dass der Vogel gleichwohl nicht umkommen und auch bei Nacht sein Nest finden wird. Rudin stimmt zu, verleiht dieser Kunst des Überlebens aber einen tragischen Akzent: „So flüchtig und nichtig ist auch unser Leben; doch alles Große wird durch die Menschen vollendet. Das Bewusstsein, das Werkzeug dieser höchsten Kräfte zu sein, muss dem Menschen alle anderen Freuden ersetzen: erst im Tod findet er sein Leben, sein Nest…“
[29]
Der Kult des Menschen war die Basis der Weltanschauung Gorkis. „Ich kenne nichts Besseres, Komplizierteres und Interessanteres als den Menschen. Er ist alles. Er hat sogar Gott geschaffen“, schrieb er 1899 an den Maler Ilja Repin [30], um diese Zeit noch fest davon überzeugt, dass der Mensch sich unaufhörlich vervollkommnen und mit seiner Schöpferkraft eine neue schöne Welt schaffen werde. In den zwanziger Jahren, nach der Erfahrung von Weltkrieg und Revolution, näherte sich Gorkij deutlich der von Rudin vorgetragenen tragischen Konzeption der Existenz des Menschen, sprach oft von der Einsamkeit des Menschen, dieses winzigen Lichts der Vernunft im Dunkel des Weltalls, und über die Ungerechtigkeit der Natur, die ihn zum Tode verurteilt hat. In der „Geschichte der russischen Literatur“ ließ Gorkij diese skandinavische Legende unerwähnt, für die Zwecke der Parteischule erschien sie ihm wohl trotz der hohen Lobs auf die Fähigkeiten des Menschen allzu düster.

Der Begriff des Enthusiasmus, ein Leitmotiv des Romans, kennzeichnet Rudin zudem als einen Vertreter des Typus Don Quijote mit seinem bedingungslosen Glauben an das Ideal und seine einstige Realisierung. Rudin zitiert im 11. Kapitel eine Äußerung Don Quijotes über das Glück der Freiheit, das ein Mensch genießt, dem der Himmel ein Stück Brot gewährt und ihn so fähig gemacht hat, seine hohen Ziele unabhängig von anderen zu bestimmen. Damit signalisiert der Protagonist die Bedeutung des Ritters von der traurigen Gestalt als wichtige Bezugsgröße seines Selbstverständnisses. Das gilt auch für Gorkij, der Don Quijote mehrfach als ein Musterbeispiel des selbstlosen Dienstes zum Wohl des Volkes angeführt hat, insbesondere in seinem letzten Roman „Das Leben des Klim Samgin“, wo der Protagonist, ein satirisch vorgeführter Verteidiger der Autonomie der Persönlichkeit, mit einer Rede „Faust und Don Quijote“ auftritt, einer wütenden Anklage gegen den, wie er meint, von Turgenjew und anderen begründeten Kult der Selbstaufopferung im Dienst an der Gesellschaft. Der Möchtegern-Faust Klim Samgin bestätigt mit seinem Auftritt, bezeichnenderweise in alkoholisiertem Zustand, indirekt die hohe Einschätzung der Figur Don Quijotes und des Ideals der Opferbereitschaft von seiten des Autors.

Bei so viel Übereinstimmung muss man sich wundern, dass
Gorki dennoch nicht zufrieden ist mit der Rede Leschnews. Es scheint ihm, dass es sich gleichsam um einen Freispruch zweiter Klasse handelt, dass dieses Lob des Enthusiasmus aus dem Munde des phlegmatischen Leschnew nicht genügend enthusiastisch gestimmt ist, ja sogar kränkend für den Adressaten ausfällt: „So lobt und rechtfertigt der Satte den Hungrigen, der Sesshafte – den Nomaden“ [31]. Im Hintergund sieht Gorki wiederum den allzu vorsichtigen Turgenjew, der „die Politik nicht liebt“ und deshalb auch für die harsche Kritik an Rudin im ersten Teil verantwortlich ist. Die Kehrtwende am Schluss habe der kluge Turgenjew deshalb hinzugefügt, weil er andernfalls „sich selbst und alle seine Freunde tief beleidigt“ hätte [32] vermutet Gorki. In den Kategorien von Turgenjews Artikel „Hamlet und Don Quijote“ ausgedrückt, heißt das: Gorkij bekennt sich zu dem bedingungslosen Glauben und der Opferbereitschaft des Ritters von der traurigen Gestalt und in diesem Sinne zu Rudin, sieht aber den Schriftsteller Turgenjew eher in der Nähe der von ihm geschaffenen „überflüssigen Menschen“ und „Hamlets des Kreises Stschigry“ [33], zu denen der Autor im Grunde auch Rudin gezählt habe und die mit ihrer Skepsis und krankhaften Selbstbeobachtung das Bild des Revolutionärs verdunkeln.

Vieles spricht dafür, dass bei Gorkij selbst ein Gefühl der persönlichen Kränkung maßgeblich war für die vehemente Verteidigung Rudins. Als Schriftsteller und Publizist identifizierte er sich offenkundig mit Rudin, dem Mann des Wortes im positiven Sinne, mit dem enthusiastischen Redner, der Begeisterung bei seinen Hörern zu wecken, „Samenkörner in junge Seelen“ zu pflanzen versteht. Im Streit um das Wesen Rudins sah er sich aber immer wieder mit der Kehrseite der Sprache und des Wortes konfrontiert, mit „leeren Worten“ und „Geschwätz“, mit der Sprache als Instrument der Verführung und der eitlen Selbstdarstellung. „Seine Zunge ist sein größter Feind [34] “, erklärt Leschnew, und Rudin selbst bekennt: „die Phrasen haben mich zugrunde gerichtet“ [35]. Hier konnte sich Gorkij als ein Revolutionär des Wortes persönlich getroffen fühlen.
Vor allem aber war es das unglückliche Ende der Karriere des Revolutionärs Rudin, das ein Gefühl tiefen Missfallens in Gorkij auslöste. Ungeachtet seines auf den ersten Blick heroischen Todes auf einer Barrikade in Paris werde uns Rudin am Ende seines Lebens als ein kraftloser, vom Leben besiegter Mensch gezeigt, der keine Spur von sich zurückgelassen habe, erklärt Gorkij. Und diese Sicht auf ihn sei zutiefst ungerecht: der „Träumer“ Rudin sei in seiner Zeit „nützlicher“ gewesen als der Lieblingstyp Turgenjews, der „Praktiker und Tatmensch“ [36]. Sich selbst als einen gescheiterten Revolutionär zu verstehen, war Gorkij gerade in dieser Zeit des Umbruchs kein fremder Gedanke. Auf keinen Fall wollte er solche Zweifel jedoch seinen proletarischen Zöglingen vermitteln. Sie sollten sich Rudin ohne Einschränkung zum Vorbild nehmen und gute Worte nicht für leeres Geschwätz halten, sondern für gute Taten.
Dass Gorki dieses didaktische Ziel bei seinen Hörern erreicht hat, erscheint eher zweifelhaft. Zu hoch waren hier die Anforderungen an ein literarisch kaum gebildetes Auditorium. Aber jedenfalls hat Gorkij diesen Menschen mit den Texten der Klassiker ein Angebot gemacht, das geeignet war, ihren Horizont zu erweitern und vielleicht sogar ihr Leben zu verändern. In seiner Rede anlässlich der Einweihung des Puschkindenkmals 1880 in Moskau sprach Turgenjew von den „einfachen Söhnen unseres Volkes“, die Puschkin gegenwärtig nicht kennen, aber in Zukunft vielleicht einmal die Erfahrung machen werden, dass man als Leser Puschkins „russischer, gebildeter, freier“ werden kann [37]. Gorkij hat seine Tätigkeit, auch die Vermittlung Turgenjews, zweifellos im Dienst dieser Mission gesehen, als eine Kulturrevolution, die Befreiung des Menschen durch die Macht des Wortes.

Trotz mancher ungerechter Vorwürfe an die Adresse des Schriftstellers war Gorkij im ganzen doch weit näher bei Turgenjew als andere politisch motivierte Urteile über den Schriftsteller, insbesondere in der sowjetischen Turgenjew-Literatur, aber auch näher als in manchen Meinungsäußerungen über den Schriftsteller, die in jüngster Zeit in Russland zu hören waren und sind. Es geht hier z.B. um die Auftritte des Kulturpolitikers Pawel Poschigajlo im Jahr 2013, der in Turgenjews Werk eine revolutionäre und atheistische Tendenz zu erkennen glaubte, die eine schädliche Wirkung auf die Schuljugend ausüben könnte [38]. Nicht weniger bedenklich müssen Versuche aus dem Umkreis der sogenannten orthodoxen Literaturwissenschaft erscheinen, in Turgenjews Werk umgekehrt eine „christliche Welt“ im Sinne der orthodoxen Kirche zu entdecken und sie mit den Verfahren einer Bibelexegese zu erschließen [39].
Im Jahr 2018 wird in Russland der 200.Geburtstag Turgenjews begangen. In das gleiche Jahr fällt der 150.Geburtstag Gorkijs. Man darf gespannt darauf sein, ob und in welcher Form die öffentlichen Feiern aus diesem Anlass auf die heute eher unbequemen Aspekte des Erbes dieser Schriftsteller Bezug nehmen werden, die beide Verehrer der europäischen Kultur und Gegner eines von Staat und Kirche propagierten russischen Nationalismus waren.


Anmerkungen

[17] M. Gor’kij, Istorija russkoj literatury, Pod obščej redakciej I.K. Luppola, M. 1939 (Archiv A.M. Gor’kogo, t. 1) (Slavica-Reprint Nr. 80, Fotomechanischer Nachdruck, Brückenverlag Düsseldorf/Germany, Europe-Printing Vaduz/Liechtenstein 1972).

[18] Vgl. Paola Čoni (Cioni), “Maksim Gor’kij i Kaprijskaja škola: Proletar’skaja kul’tura meždu utopiej i real’nost’ju”, Beitrag vom 28.10.2013 im Internetportal “Novye rossijskie gumanitarnye issledovanija”, http://www.nrgumis.ru/articles/294.

[19] Istorija russkoj literatury (s. Anm.17), S. 176.

[20] Ebd., S. 179.

[21] Ebd., S. 182.

[22] Ebd., S. 175.

[23] Ebd., S. 177.

[24] Iwan Turgenjew, Aufzeichnungen eines Jägers (Übersetzt von Herbert Wotte), Berlin und Weimar 1968, S. 215 - Ivan Turgenev, PSS (s. Anm. 7), t. 4, M.-L. 1963, S. 174.

[25] Aufzeichnungen eines Jägers (s. Anm. 24), S. 18. – Ivan Turgenev, PSS, t. 4, S.18.

[26] Brief vom 18.09.1923. M. Gor’kij i R. Rollan (s. Anm.11), S. 66.

[27] Istorija russkoj literatury, S. 176.

[28] Iwan S. Turgenjew. Romane (s.Anm. 7) („Rudin“, übersetzt von Josef Hahn), S. 114. - Ivan Turgenev, PSS, t. 6, S. 348.

[29] Iwan S. Turgenjew. Romane, S. 38. – Ivan Turgenev, PSS, t. 6, S. 269f.

[30] An I.E. Repin, 23.11.1899. - Maksim Gor’kij, PSS. Pis’ma v 24 tomach, t. 1, M. 1997, S. 283.

[31] Istorija russkoj literatury, S. 175.

[32] Ebd., S. 173.

[33] Ebd., S. 176.

[34] Iwan S. Turgenjew, Romane, S. 85. – Ivan Turgenev, PSS, t. 6, S. 318.

[35] Iwan S. Turgenjew, Romane, S. 132. – Ivan Turgenev, PSS, t. 6, S. 365.

[36] Istorija russkoj literatury, S. 176.

[37] Iwan Turgenjew, Literaturkritische und publizistische Schriften (s. Anm. 12) , S. 353.

[38] Vgl. den Eintrag vom 18.05.2013 im Blog des Verfassers „Der unbekannte Gorki“: „Über schädliche Klassiker in der Schule – ein Kulturfunktionär fordert Erziehung zum Glauben“ (http://der-unbekannte-gorki.de/index.php?e=117).

[39] Vgl. Alla Novikova-Stroganova, Christianskij mir I.S. Turgeneva, Rjazan’ 2015.

Erster Teil des Vortrags
Maxim Gorkij über Turgenjew: "ein vorzügliches Erbe"

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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