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Gorki gegen Dostojewski: Kampf um das Selbstbild der Russen

Montag, 21. April 2008, 19:58:56 | Armin Knigge

Gorki gegen Dostojewski: Kampf um das Selbstbild der Russen

Fjodor Dostojewski

Dostojewski – „unser nationaler Prophet“, die „heilige Schrift“ des Russentums, „unser alles“, so tönt es heute aus dem Lager der russischen Nationalisten (s. den vorhergehenden Beitrag Dostojewski: „Politisches Testament“). Auch in anspruchsvolleren Kreisen der russischen Literaturkritik wird diese Ansicht von vielen geteilt: der Verfasser der „Brüder Karamasow“ und der „Dämonen“ hat im postkomunistischen Russland einen neuen Höhepunkt seines Ruhms erreicht. Maksim Gorki hat diesen Giganten der russischen Literatur immer wieder heftig angegriffen. Muss das heute nicht als ein Zeugnis des politischen Fanatismus und der künstlerischen Inkompetenz gelten, als ein weiterer Minuspunkt für die ohnehin beschädigte Reputation des sowjetischen Klassikers? Ich möchte dieser Ansicht im folgenden Beitrag widersprechen, in der Hauptsache unter drei Gesichtspunkten: 1. Gorkis öffentlicher Protest im Jahre 1913 gegen die Aufführung einer dramatisierten Fassung der „Dämonen“ (Besy) am Moskauer Künstlertheater war in ihrer „sozialpädagogischen“ Argumentation angreifbar, aber sie war eine freie Meinungsäußerung und kein Akt der Zensur. 2. Es ging in dieser Kontroverse nicht – jedenfalls nicht unmittelbar - um die politischen Ansichten der Schriftsteller Dostojewski und Gorki, sondern um den Kern ihrer künstlerischen Welten: das Bild des Menschen und zugleich das nationale Selbstbild der Russen. 3. Gorkis Beziehung zu Dostojewski war keineswegs nur eine Beziehung der Opposition, in seiner Publizistik der Jahre 1917/18 hat Gorki das Revolutionsgeschehen in der Sprache Dostoevskijs beschrieben.

Tolstoi und Dostojewski – die „Kleinbürger“

Schon 1905, mitten in den Kämpfen der ersten russischen Revolution, hatte Gorki den Klassikern Tolstoj und Dostojewski die Geisteshaltung des „Kleinbürgers“ zugeschrieben (Bemerkungen über das Kleinbürgertum; Zametki o meshchanstve), ein Schimpfwort, in dem die linke Publizistik in Russland alle üblen Eigenschaften zusammenfasste, die im Westen etwa dem Bourgeois oder dem Spießbürger eigen waren: Unterwürfigkeit gegenüber der Staatsmacht, Apologie des Eigentums und der Persönlichkeit, Bewahrung von „Ruhe und Ordnung“. Die bedeutendsten Schriftsteller Russlands, so Gorki, waren der Revolution in den Rücken gefallen. Anstatt die Menschen aufzurufen, sich dem Kampf gegen den Despotismus anzuschließen, hatten sie christliche Demut von ihnen gefordert: „Dulde!“, „Arbeite an deiner sittlichen Erziehung!“ (Samosovershenstvujsja). Lenin war begeistert über diese Provokation, die Herren Redakteure der liberalen Presse hätten doch nun ein wunderbares Thema für ihr Protestgeheul gegen den „Hooliganismus der Revolutionäre“: Sie nennen Tolstoj einen Kleinbürger! Was für eine Ungeheuerlichkeit! „Zametki o meshchanstve“ war in der Tat eine politische Kampfschrift, über ihren Wahrheitsgehalt in Bezug auf Dostojewski und Tolstoj lohnt es nicht, viele Worte zu verlieren. Für den Auftritt Gorkis 1913 ist diese Vorgeschichte jedoch von Bedeutung, weil der Schriftsteller um diese Zeit eine Wiederkehr der revolutionären Situation von 1905 zu erkennen glaubte: „Unser gequältes Land erlebt eine zutiefst tragische Zeit, und obwohl ein ‚Stimmungsaufschwung‘ zu beobachten ist, braucht es für diesen Aufschwung organisierende Ideen“, und solche Ideen sind – in der für Gorki typischen Sprache – „Energie (bodrost‘), geistige Gesundheit und der Glaube an die schöpferischen Kräfte des Verstandes und des Willens“.
Hier kommt nun die „Besy“-Aufführung des Künstlertheaters ins Spiel. Das Projekt des Regisseurs Nemirovich-Danchenko kam nach Gorkis Ansicht dem Geschmack eines Publikums entgegen, dem es „angenehm“ war, solche „Teufel der Revolution“ wie Petr Verkhovenskij oder „Lumpen“ wie die Liputins und Lebjadkins auf der Bühne zu sehen und dabei zu vergessen, dass es auch anständige und uneigennützige Menschen in dieser Bewegung gibt. „Dostojewski ist ein Genie“, erklärt Gorki, „aber er ist unser grausames Genie“. Mit seiner Entdeckung der Abgründe des russischen Nationalcharakters, der in ihm verborgenen Neigung zu Sadismus und Masochismus, müsse sein Werk unter dem Gesichtspunkt der „Sozialpädagogik“ als „schädlich“ bewertet werden. „Ich kenne die Zerbrechlichkeit des russischen Charakters, die schwankende russische Seele, die Neigung dieser gequälten, müden und verzweifelten Seele zu jeder Art von Infektionen“. Deshalb müsse auch der Gefahr begegnet werden, die von Dostojewskis „Dämonen“ und auch einer an einem anderen Theater geplanten Aufführung des Romans „Der Idiot“ ausgehe. Dies sei auch deshalb nötig, weil die notwendig zuspitzende szenische Bearbeitung die Wirkung verstärke. Gorkis Fazit lautet: „Ich mache allen geistig gesunden Menschen, allen, denen die Notwendigkeit einer Gesundung des russischen Lebens klar ist, den Vorschlag, gegen die Aufführung von Werken Dostojewskis auf der Bühne zu protestieren.“

„Schädliche“ und „nützliche“ Literatur

War dies wirklich ein Akt des bolschewistischen „Hooliganismus“, ein barbarischer Angriff auf die Freiheit der Kunst? Die liberale Presse, die lautstark auf Gorkis Artikel reagierte, sah es so. Einzelne Kritiker sprachen sogar von einem Akt der Zensur. Vor allem ging es um den Begriff der „Sozialpädagogik“ und die von Gorki vertretene Kategorie einer „schädlichen“ Literatur. Ein Opponent hielt Gorki vor: „Nein, eine schädliche Literatur gibt es nicht! Je genialer ein Werk ist, um so größer ist seine wohltätige Wirkung, sogar wenn das Genie sich im Irrtum befindet.“ In seiner Erwiderung („Nochmals über das Karamasowtum“) zitierte Gorki diesen Satz und wies den Verfasser darauf hin, dass der selbst mehr als einmal Bücher als „schädlich“ qualifiziert habe, und es sei wohl nicht von ihm zu erwarten, dass er zum Beispiel genüssliche Beschreibungen von abweichendem sexuellen Verhalten oder die Aufforderung zur Vernichtung der Türken (letzteres eine Anspielung auf die Turkophobie Dostojewskis) als „nützlich“ bewerten werde. Gorki reklamiert für sich das „Recht der Gesellschaft auf Protest“, darunter auch gegen „die Predigt dieses oder jenes Schriftstellers“.
Aus der Perspektive unserer Tage wird man dem Verfasser dieses Recht zugestehen müssen. Es gab damals ein – wenn auch durch die staatliche Zensur eingeschränktes - Recht auf freie Meinungsäußerung, und es gibt dieses Recht auch heute –wiederum in Grenzen. Dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen an Äußerungen von Schriftstellern, Musikern und Künstlern Anstoß nehmen und diese Kritik mit „sozialpädagogischen“ Argumenten vortragen, ist in Russland eine fast selbstverständliche Tradition. Dostojewski, der Adressat der Kritik Gorkis, pflegte in den gleichen gesellschaftlichen Kategorien von Schaden und Nutzen , Krankheit und Gesundheit zu argumentieren, auch wenn er andere Werte vertrat und eine andere Terminologie benutzte. Das gilt mehr oder weniger für alle russischen Klassiker, sogar für Puschkin und Tschechow, die sich nicht ausdrücklich um die Rolle des Lehrers und Wegweisers der Gesellschaft bewarben. Im 20. Jahrundert setzte sich diese Tradition fort, ein konsequenter Verweigerer der „Gesellschaftskritik“, vielleicht der einzige, war Vladimir Nabokov (Ein „Lehrer“ war er indessen nicht weniger als seine Vorgänger.)

Wenn Gorkis Dostojewski-Kritik dennoch auch heute Unbehagen hervorrufen kann, so hauptsächlich deshalb, weil seine Argumentation böse Erfahrungen der nachfolgenden Periode des 20. Jahrhunderts Zeit in Erinnerung ruft. Was geschieht, wenn die Deutungsmacht über das, was gesund oder krank, nützlich oder schädlich ist, der Staatsgewalt vorbehalten ist? Und was geschieht, wenn religiös oder politisch fanatisierte Gruppen sich diese Deutungsmacht anmaßen und „schädliche“ Kunst mit Gewalt bekämpfen? In der politischen Situation des Jahres 1913 stand auch der Bolschewik Gorki unter diesem Verdacht. In seiner öffentlichen Erwiderung („Noch einmal über das Karamasowtum“) zitiert Gorki einen Schriftsteller, der ihm vorgehalten hatte: Wenn er, Gorki, eines Tages „Minister“ würde, so würde er Dostojewski „verbrennen“. Er könne diesen aufgeregten Kritiker beruhigen, erklärte Gorki dazu: „Selbst wenn ich Minister werden sollte, werde ich ihn nicht verbrennen. Ich werde das nicht tun, weil ich die russische Literatur nicht weniger als dieser geschätzte Literat liebe und ehre.“ Aus heutiger Sicht muss diese Episode als eine symbolträchtige Vorausdeutung auf Gorkis künftige Rolle im nachrevolutionären Russland erscheinen. Er war der Parteiführung - zuerst unter Lenin, dann unter Stalin - zeitweilig so nahe, dass man fast von einem Ministeramt sprechen konnte. Verbrennen oder verbieten lassen hat er die Bücher seines großen Antipoden in der Tat nicht, aber er hat sich nach Kräften um die Eindämmung seines gesellschaftlichen Einflusses bemüht. Bevor wir auf dieses schwerwiegende Problem der Lebensgeschichte Gorkis näher eingehen, soll aber Gorkis Dostojewski-Kritik von 1913 etwas näher betrachtet werden.

Fjodor Karamasow – ein „russischer Charakter“

Es ging in den Artikeln 1913 nicht wie im Jahre 1905 vorrangig um politische Fragen, d.h. vor allem um Dostojewskis Verhältnis zur revolutionären Bewegung, auch nicht um seine politischen Ansichten im „Tagebuch eines Schriftstellers“, sondern um das Menschenbild, das in den Werken des Schriftstellers, besonders in den großen Romanen, vermittelt wird. Es gibt zwar auch hier – besonders in der Beurteilung der „Dämonen“ – politische Polemik, aber im ganzen bemüht sich Gorki um eine ästhetisch begründete Argumentation, vor allem um Dostojewskis Charakterstudien und ihre Glaubwürdigkeit. Mit vielen anderen Dostojewski-Kritikern teilt er die Ansicht, dass die Kunst des „Psychologen“ Dostojewski sich am eindrücklichsten in seinen negativen Persönlichkeiten, den gespaltenen, gekränkten, boshaften und zugleich an sich selbst leidenden Helden entfaltet. Gorki ist aber wohl der einzige, der die Figur des Fedor Karamazov als eine Art Sammelfigur in das Zentrum des künstlerlischen Universums Dostojewskis gerückt hat. Dieser „krankhaft bösartige“ Charakter sei es, den Dostojewski „am besten verstanden hat“, seine Züge wiederholten sich in zahlreichen Varianten seines Romanpersonals, denn dies sei unzweifelhaft eine „russische Seele“, in der sich Züge Ivans des Schrecklichen und die mancher gewalttätiger russischer Gutsbesitzer wiederfinden (genannt wird die für ihre Grausamkeit berüchtigte Dar’ja Saltykova, genannt Saltychikha, die 138 ihrer Leibeigenen zu Tode gequält haben soll). Bemerkenswert ist dabei, dass Gorki den Vater der vier Hauptgestalten des Karamazov-Romans als einen komplexen Charakter beschreibt, eine „dunkle, verwirrte, widerwärtige Seele“, die auf der Suche nach einem „Kern- und Angelpunkt“ sei, der ihr Festigkeit verleihen, eine Form aus ihr „kristallisieren“ könnte, und die deshalb „ständig revoltiert, alles zerstört und alles beschmutzt“. Auch Gorkis Urteil über Ivan, den widersprüchlichsten der Karamazovs, entbehrt nicht der Originalität: ein „Oblomov“, der den Nihilismus nur aus Faulheit und Bequemlichkeit angenommen hat und dessen Bekundungen des Mitleids mit den gequälten Kindern nichts anderes als „sentimentale Lügen“ und „widerliche Heuchelei“ darstellen. Als pointierte Abweichungen von einer überwiegend apologetischen Linie der Dostojewski-Kritik verdienen solche Urteile durchaus eine ernsthafte Erörterung. Gorki hat auch als einer der ersten auf die kaum verhüllte antisemitische Tendenz einer Episode in „Die Brüder Karamazov“ aufmerksam gemacht, die man dem Künstler Dostojewski kaum verzeihen kann. Es ist die Antwort „Ich weiß nicht“, mit der Aljoscha auf die Frage Lizas reagiert, ob es wahr sei, dass „die Jidden zu Ostern Kinder stehlen und umbringen“. Der Leser weiß,sagt Gorki dazu, dass der sanfte Aljoscha, so wie er gezeichnet ist, „nicht so antworten konnte“, dass er an diese „schändliche Legende“ unmöglich glauben konnte.

Gorki in der Sprache Dostojewskis – „Unzeitgemäße Gedanken“

Alle diese dunklen Motive konstituieren in Gorkis Darstellung eine Sammelfigur der Romanwelt Dostojewskis, die den Menschen als „ein wildes und bösartiges Tier“ präsentiert. Diesem vermeintlichen Menschenbild seines großen Rivalen gilt der Protest Gorkis: „Aber der Mensch ist nicht so, ich weiß es.“ Wie der Mensch wirklich ist, genauer: wie er sein sollte, das hatte Gorki seinen Lesern in seinem gesamten vorhergehenden Werk und so auch hier wieder nahezubringen versucht: befreit von seinen dunklen Instinkten, tatkräftig und vernunftgesteuert, ehrlich und uneigennützig. Nach diesen Vorgaben und den politischen Überzeugungen Gorkis musste er die ideale Verkörperung dieses Menschenbilds in den zeitgenössischen Revolutionären erwarten, zuallererst in den Bolschewiken Lenins. Vier Jahre später, mit der Machtübernahme eben dieser Bolschewiken, scheint dieser Traum für immer ausgeträumt. Dieses Erlebnis bezeichnet in Gorkis Leben eine persönliche und künstlerische Katastrophe, zugleich aber einen enormen Zuwachs an Mut und Tatkraft, auch an künstlerischer Energie. Beides hat sich in der Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken über Revolution und Kultur“ (1917/18) und in der Prosa der Revolutionsjahre niedergeschlagen.
Zu dieser radikalen Abwendung von der Partei, die seine geistige Heimat war, gehört auch ein neues Verhältnis zu Dostojewski, auch hier vollzog Gorki eine überaschende und fast paradoxale Wende: „Er fing an, in der ihm verhassten Sprache der ‚Kleinbürger‘ zu sprechen – der Sprache der Gewaltlosigkeit“, - so beschreibt Ljudmila Saraskina Gorkis Hinwendung zu Tolstoi und Dostojewski, ihr Artikel „Ein Land zum Experimentieren“ aus dem Jahr 1990, mit Sachverstand und Leidenschaft geschrieben, ist einer der besten Beiträge aus der an Höhepunkten reichen Geschichte von Glasnost‘ und Perestrojka. In Lenin und seinen Mitstreitern erkennt Gorki zu seinem Entsetzen die Züge jenes „russischen Charakters“, die er in seinen „Karamazow“-Artikeln als einseitige Zerrbilder in der Welt des „grausamen Genies“ bekämpft hatte: die Herrenmentalität und Rücksichtslosigikeit russischer Gutsbesitzer, die mit dem Volk umgehen wie mit ihren Leibeigenen und die Menschen zum Spielmaterial für ihre ideologischen Experimente machen. „Dostojewski-Fragen“, die Ideen und Bilder der „Dämonen“, scheinen sich vor den Augen des Schriftstellers „mit Feuer und Schwert“ zu realisieren. Aber auch auf der Seite des „Volkes“ beobachtet der Autor mit Entsetzen die Züge jenes „bösen und wilden Tiers“, das er im Menschenbild Dostojewskis ausgemacht hatte. Viele Seiten der „Unzeitgemäßen Gedanken“ sind dem Entsetzen über das Erscheinungsbild des Volkes in der Revolution gewidmet. Die revolutionären Phrasen erweisen sich als Demagogie: „Dieses ‚freie‘ russische Volk, das sich ‚von der alten Wqelt losgesagt‘ hat ..., dieses gleiche Volk veranstaltet grausame und widerwärtige Aktionen der Selbstjustiz“, plündernde Horden rauben Weinkeller aus, „wälzen sich wie die Schweine in Schmutz und Blut“. Das Ideal des neuen russischen Menschen ist in weite Ferne gerückt: „Dieses Volk muss noch lange und mühevoll daran arbeiten, das Bewusstsein seiner Persönlichkeit und seiner Menschenwürde zu erlangen.“

Die „Unzeitgemäßen Gedanken“, dieses „Tagebuch eines Schriftstellers“ aus einer blutigen Periode, war „ohne Zweifel eine sittliche und staatsbürgerliche Großtat Gorkis“, erklärt Saraskina. Mit Recht hebt sie eine Erklärung Gorkis hervor, die seither zum Wortschatz der Publizistik im postkommunistischen Russland gehört: „In wessen Händen auch immer die Macht sich befindet, - mir steht das Recht zu, mich kritisch zu ihr einzustellen“. Auch die Fortsetzung des Zitats gehört zu den oft gehörten Mahnungen an die russische Öffentlichkeit der Gegenwart: „Besonders vorsichtig und misstrauisch ist mein Verhältnis zu dem russischen Menschen an der Macht, - ein Sklave von gestern, wird er zum zügellosen Despoten, wenn er die Möglichkeit erlangt, der Herrscher über seinen Nächsten zu sein.“

„Der Fall des Guten ist der schlimmste Fall“

Die Partei reagierte auf die scharfe Polemik Gorkis, wie immer in solchen Fällen, mit heftigen persönlichen Angriffen auf den abtrünnigen Genossen. Das Besondere in diesem Falle bestand jedoch darin, dass der Angegriffene die Waffen selbst geliefert hatte. Gorkis Vorwürfe gegen Tolstoj und Dostojewski, ihr angeblicher Verrat an der Revolution, ihre „kleinbürgerliche“ Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, ihre Warnungen vor Gewalt und den dunklen Instinkten der Masse - all das kehrte in den polemischen Erwiderungen der Parteipresse (u.a. in einem Artikel Stalins) auf Gorkis Artikel zum Teil wörtlich wieder. Zu den Paradoxien der Biographie Gorkis gehört nicht nur dieser „Bumerang-Effekt“ (Saraskina), sondern auch die ganze nachfolgende Geschichte seiner Wiederannäherung an die Parteiführung und an Stalin.

In den „Unzeitgenmäßen Gedanken“ hatte Gorki erklärt, es sei unter der Sowjetmacht „sinnlos geworden, über Gewissen, Gerechtigkeit, Achtung vor dem Menschen und über all das zu sprechen, was der politische Zynismus ‚Sentimentalität‘ nennt, aber ohne das man nicht leben kann“. Saraskina hat dieses Wort Gorkis aufgenommen und den weiteren Weg des Schriftstellers mit bitterer Ironie nachgzeichnet. Offenbar konnte er, Gorki, eben doch ohne solche „Sentimentalitäten“ leben, wie seine polemischen Atikel der 30er Jahre gegen die „professionellen Humanisten“ zeigen. Er wurde zum autoritätsmächtigsten Vermittler und „Hauptideologen“ der Politik Stalins.Auch die alte Polemik gegen Dostoevskij und Tolstoj kehrte in sein rhetorisches Arsenal zurück. Dass jedoch „die schwärzesten, die unsinnig-grausamsten und zynischsten Ideen der stalinschen Repressionsmaschine“ von Gorki stammten, ist sicher eine Überspitzung, denn eine restlose Unterwerfung Gorkis unter den Willen Stalins hat es nachweislich nicht gegeben. Aber es bleibt die Tatsache, dass Gorki die eigenen Positionen der Jahre 1917/18 aufgegeben und sich von einem Humanisten zu einem Apologeten des Staates (gosudarstvennik) gewandelt hat. „Wahrhaftig: der Fall des Guten ist der schlimmste Fall.“ Mit diesen Worten beendet Saraskina ihre Erzählung von den wechselvollen Beziehungen zwischen Gorki und Dostojewski. Man muss ihr darin zustimmen, dass „das Thema Gorki unter Lenin und Gorki unter Stalin – ein gewaltiges, schweres, tragisches ist“. Daß es gleichbedeutend sei mit dem Thema „der Preisgabe und des Untergangs des menschlichen Geistes“, gilt jedoch nur für die Lebenszeit Gorkis, und auch dort nur mit Einschränkungen. In den posthumen Wirkungsgshichte und der Erinnerung an seine Person ist dieser „menschliche Geist“ wieder auferstanden, in Russland spätestens mit der Veröffentlichung der „Unzeitmäßen Gedanken“ (1988).

Sieht man sich heute in der russischen Publizistik nach Themen um, die „Russland und die Russen“ betreffen, so stößt man sicher häufiger auf den Namen Dostojewskis als auf den Gorkis. Dennoch scheint es mir nicht ausgemacht, dass das breitere gebildete Publikum, das in Zeitschriften, Büchern und im Internet nach „interessanten“ Themen des nationalen Schicksals sucht, hauptsächlich im Umkreis Dostojewskis fündig wird. Zu tief im alten, vorrevolutionären Russland verwurzelt ist die Welt Dostojewskis, um Antworten auf Fragen bereit zu halten, die sich heute stellen und die weitere Perspektive der Zukunft Russlands betreffen. Gerade zu den strittigen Themen wie Russland und Europa, die Universalität von Werten wie Persönlichkeit und Freiheit, der Wert des einzelnen Menschenlebens, der russische „Sonderweg“ und der „nationale Charakter“ könnten russische Leser in vielen Fällen bei Maksim Gorki mehr Anregung finden als bei Dostojewski, nicht zuletzt deshalb, weil die „Antworten“ Gorkis oft durch Widersprüche und problematische historische Kontexte kompliziert werden. Auch wenn sich die „Sozialpädagogik“ Gorkis oft ein wenig hausbacken anhört, so treffen seine Situationsbeschreibungen doch häufig recht genau auch die heutige Lage in Russland: „Vor uns liegt eine gewaltige Arbeit der inneren Reorganisation nicht nur im sozialpolitischen Sinne, sondern auch im psychologischen“, erklärte Gorki 1913. „Nicht die Stavrogins muss man Russland heute zeigen, sondern etwas anderes.“ Auf das heutige Russland bezogen, könnte eine Variante dieser Forderung lauten: „Selbstverständlich darf und muss man heute die Stavrogins zeigen, aber es gibt – zum Beispiel bei Maxim Gorki – auch etwas anderes, und es steht dem Leser frei, sich dafür zu interessieren.“

Weitere Beiträge zum Thema in diesem Blog:
Dostoevskij: „Politisches Testament“
Blinde Fanatiker und Abenteurer

Literatur
M. Gorki: Bemerkungen über das Kleinbürgertum (Zametki o meshchanstve, 1905)
M. Gorki: Über das Karamasowtum (O karamazovshchine, 1913)
M. Gorki: Noch einmal über das Karamazowtum (Eshche raz o karamazovshchine, 1913)
M. Gorkij: Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution, Hg. B. Scholz, Frankfurt a.M. 1972
M. Gorkij: Nesvoevremennye mysli. Zametki o revoljucii i kul’ture (I. Vajnberg). M. 1990
L. Saraskina: Strana dlja eksperimenta. Oktjabr‘ 1990, 3, s. 159-170
L. Saraskina: Ein Land zum Experimentieren.In: D. Kassek und R. Rollberg (Hg.): Das Ende der Abstraktionen. Provokationen zur „Sowjetliteratur“, Reclam Leipzig 1991, S. 17-50

Kategorie: Russland und die Russen

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