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„Über die Schädlichkeit der Philosophie“ – Gorki als ein psychopathologischer Fall

Montag, 13. Mai 2019, 21:02:02

Nach dem „politischen und literarischen Desaster“ im vorhergehenden Eintrag auf diesem Blog, der dem „Rückkehrer Gorki“ und seinem Reisebericht „Durch die Union der Sowjets“ gewidmet war, scheint es mir angebracht, dem allzu bekannten wieder einmal den „unbekannten Gorki“ gegenüberzustellen. Besonders geeignet für dieses Kontrastmodell schien mir die Erzählung „Über die Schädlichkeit der Philosphie“, die 1922, wenige Jahre vor der Rückkehr des Schriftstellers nach Russland entstanden ist. Interessant ist diese Geschichte unter drei Gesichtspunkten. Zuerst ist sie ein eindrucksvolles autobiographisches Dokument, das eine seelische Krise des jungen Gorki zum Gegenstand hat, die ihn im Sommer des Jahres 1890 (nach anderen Quellen 1893) an den Rand des Wahnsinns führte. Darüber hinaus ist die Erzählung ein in Bildern und Symbolen gestaltetes Bekenntnis des Schriftstellers zu dem Ideal der Gedankenfreiheit und zu bestimmten religiösen Elementen in seiner Weltanschauung. Schließlich hat die Erzählung den Psychiater Boris Galant dazu angeregt, eine psychopathologische Analyse der dort beschriebenen Träume und weitere Aufsätze zu Gorkis Charakter zu veröffentlichen, - ein sehr eigenwilliger Blick auf den Schriftsteller. Obwohl er solche Einblicke in sein persönliches Leben nicht liebte, ließ Gorki im Briefwechsel mit Galant doch ein lebhaftes Interesse an Problemen des „Unbewussten“ erkennen.
Unter allen diesen Aspekten werden wir mit einem Bild des Schriftstellers konfrontiert, das denkbar weit von den Klischees des „Sturmvogels“ und des Begründers des sozialistischen Realismus entfernt ist. „Über die Schädlichkeit der Philosophie“ ist dennoch kein singulärer Fall im Werk Gorkis. Einen Beleg dafür bietet der Band „Skizzen“ (Aufbau-Verlag 1956), der im vorigen Eintrag als Übersetzung des Reiseberichts „Durch die Union der Sowjets“ angeführt worden ist. Das Buch enthält auch die Erzählung „Über die Schädlichkeit des Philosophie“ und eine Reihe weiterer Skizzen und Notizen des „Häretikers“ Gorki. Hier findet man Themen und Stilrichtungen unter einem Buchdeckel versammelt, die sich nur mit Mühe ein und demselben Autor zuordnen lassen.


Ein Lehrer, der nicht lehren will

„Über die Schädlichkeit der Philosophie“ ist im ersten Teil vor allem eine von Sympathie und Bewunderung getragene Erinnerung an einen Freund des damals zweiundzwanzigjährigen Gorki, den etwa gleichaltrigen Nikolai Wassiljew (Vasil’ev), der zur Zeit der Handlung an der Universität in Moskau Chemie studiert und im Sommer 1890 seine Ferien im Haus seiner Eltern in Nischni Nowgorod verbringt, wo Gorki ihn oft besucht und lange Gespräche mit ihm führt. Anfangs berichtet der Erzähler Gorki von seinem damaligen Bedürfnis, mehr noch, seinem unüberwindlichen Verlangen nach Erkenntnis und Wissen, das den Autodidakten veranlasst, allen Menschen, die er für gebildet hält, „kindliche Fragen“ über die Beschaffenheit der Welt zu stellen. Meist erhält er als Antwort Literaturhinweise auf Einführungen in die Philosophie, mit denen er nichts anzufangen weiß.
Bei Nikolai ist das anders, er erweist sich als ein echter Lehrer, obwohl er kein Lehrer sein will. Dabei ist Nikolai alles andere als ein vorbildlicher Erzieher im bürgerlichen Sinne. Er liebt boshafte Bemerkungen über die sogenannten Gebildeten, und ist deshalb bei seinesgleichen herzlich unbeliebt. Zu seinen exzentrischen Gewohnheiten gehört, dass er Roggenbrot mit einer dicken Schicht Chinin bestreicht und auch sonst Experimente an sich selbst mit gefährlichen Chemikalien anstellt, zudem hat er lange Haare „wie ein Nihilist“. Wäre Gorki einem solchen Menschen auf seinen Reisen „Durch die Union der Sowjets“ begegnet, so wäre Wassiljew zwangsläufig in die Kategorie der „sozial Gefährlichen“ und „Unbelehrbaren“ eingeordnet worden. Aleksej Peschkow, das junge alter ego des Autors Gorki ist da ganz anderer Meinung. Er sieht im Gesicht des Freundes etwas, das an „die nicht von Menschenhand geschaffene Ikone des Erlösers“ erinnert, Nikolais ausgefallene Gewohnheiten kennzeichnen, wie sein Freund meint, „fast alle begabten russischen Menschen“ und überhaupt ist er „ein prachtvoller Mensch“. Faszinierend findet Aleksej auch die seltsame Redeweise des Freundes, er redet „wie Sokrates in Fragen“, liebt paradoxe Formulierungen wie die „Mystik des Vernünftigen“, hält Idealismus und Materialismus für „gleichwürdige Irrtümer des Verstandes“ und Hegels „Phänomenologie des Geistes“ für eine äußerst spaßige Geschichte, über die er fast bis zu Tränen lachen kann. Nikolais Gedanken über Fakten und unbewiesene Schlussfolgerungen aus denselben sowie Phantasien ganz ohne Fakten erinnern an Debatten unserer Tage.

Nikolai zeigt ebenfalls Sympathie für den gänzlich ungebildeten Aleksej mit seinem Wissensdurst und seinen „kindlichen Fragen“. Zugleich will er ihm aber diesen Zustand der Unschuld erhalten, denn Bildung und Wissen sind in seinen Augen keineswegs nur Errungenschaften auf dem Weg eines jungen Menschen. Sie bedrohen die Offenheit und Unvoreingenommenheit des Blicks auf die Welt und verengen den Horizont mit zweifelhaften Wahrheiten. Von diesen Voraussetzungen aus richtet Nikolai einen dringenden Appell an seinen Freund:

„Du bist ein Mensch, dem ich wünsche , dass er bis ans Ende seiner Tage bleibt, wie er ist. Vergiss nicht, was du schon erfühlt hast: die Gedankenfreiheit ist die einzige wahre und größte Freiheit, die der Mensch erreichen kann. Nur der besitzt sie, der nichts auf guten Glauben hin annimmt, der alles erforscht, der die unaufhörliche Entwicklung des Lebens, die unablässige Bewegung, den endlosen Wechsel der Erscheinungen begriffen hat.“ „Lebe nach deinem eigenen Verstand!“, lautet die abschließende Aufforderung an den Freund.


Vorausblickend auf die Rückkehr Gorkis nach Russland sechs Jahre nach der Entstehung dieses Textes, muss gesagt werden, dass Gorki diesem Rat nicht „bis ans Ende seiner Tage“ gefolgt ist. Seine Rolle als Emissär der Sowjetregierung im Lager Solowki und als Korrespondent des Geheimdienstchefs Jagoda war ein Verrat an dem Ideal der Gedankenfreiheit, dem er zuvor in vielen kritischen Situationen, insbesondere in den „Unzeitgemäßen Gedanken“ 1917/1918 treu geblieben war. In den frühen 20er Jahren war dieses Ideal im Bewusstsein Gorkis noch lebendig, er beschwor es mit der Erinnerung an eine unvergessliche Szene. Der autobiographische Held Aleksej zeigt sich nach der Ansprache Nikolais tief erregt. Die Freunde fassen sich an den Händen und bleiben einen Augenblick stehen ohne zu sprechen: „Es war ein guter Augenblick. Wahrscheinlich einer der glücklichsten Augenblicke, die ich im Leben erfahren habe.“
Aleksej verlässt den Freund „in einer herrlichen lyrischen Stimmung“ – die „Tore zu großen Geheimnissen“ tun sich vor ihm auf.

Die Schädlichkeit der Philosophie

Nikolai hat sich erboten, dem Freund ein Privatissimum zur Einführung in die Philosophie zu halten. Aber die Tore zu großen Geheimnissen werden sich nicht öffnen, denn Nikolai hält das Philosophieren für genauso interessant wie das Kauen von Sonnenblumenkernen, und „ungefähr ebenso nützlich“. Zudem will er eigentlich kein Lehrer sein: „Ich will nicht meine Ansichten in dein Gehirn einhämmern; ich kann überhaupt niemand etwas lehren mit Ausnahme der Mathematik.“ Einen anderen Menschen sich selbst, also dem Lehrer, ähnlich zu machen hält er für eine Gemeinheit. Seine Lehrmethode beschreibt er mit dem Satz: „Ich erzähle“.
Zur Natur dieses Paradoxalisten gehört aber auch, dass er das Philosophieren ebenso liebt, wie er es verachtet, und dass er seine Erzählungen von Denkern und ihren Konstruktionen gern mit schmatzenden Geräuschen begleitet. Dabei ist die von ihm „erzählte“, in eindrücklichen Bildern ausgemalte Welt der Philosphie alles andere als ein Gegenstand des Genusses. In dieser Welt herrscht das Chaos, und als ersten unter den antiken Philosophen führt Nikolaj Demokritos vor, der die Welt als eine ewige Bewegung der Atome im leeren Raum darstellt. Das „System Demokrits“ kommt jedoch im einzelnen gar nicht zur Sprache, es ist nur gesagt, dass Nikolai „interessant und verständlich“ davon erzählt. Im Vordergrund steht vielmehr der Schauplatz der Vorlesung und die dort herrschende düstere und unheimliche Stimmung, in der sich die später eintretende „Umnachtung“ des Zuhörers ankündigt. Gorki verwendet hier überdeutliche Symbole bis an die Grenze des Komischen: unter einem rabenschwarzen Himmel ohne Mond und Sterne liegt, umschlossen von Mauern angrenzender Gebäude, ein verwilderter Garten mit einer halbverfallenen Laube. Auf einem der fast zugewachsenen Pfade irrt hüstelnd und brummend Nikolais Vater umher, ein Beamter des Geistlichen Konsistorium, der an Altersschwachsinn leidet. Nebenan im Haus des Psychiaters Kaschtschenko ist ein Cello zu hören, und auch der Vortragende selbst hat etwas Gespenstisches an sich: nur der Schein seiner Zigarette erleuchtet das Gesicht, er wirkt seltsam erregt, scharrt mit den Füßen und scheint zu fiebern.

In der nächsten Nacht nimmt sich Nikolai die unheimliche Welt des Empedokles vor, wieder mit einem genießerischen Schmatzen. Diesmal weht ein starker Wind, schwarze Wolkenfetzten geistern über den Himmel, dazwischen sind „blaue Abgründe“ mit Sternen sichtbar. Auch in diesem Teil geht es nicht um das philosophische System an sich, sondern um seine Wirkung im Kopf des Zuhörers.

Ich sah etwas unbeschreiblich Schreckliches: im Inneren einer gewaltigen bodenlosen Schale, die umgekippt ist, rasen Ohren, Augen, Hände mit gespreizten Fingern, rollen Köpfe ohne Gesichter, gehen Menschenfüße, jeder für sich, hüpft etwas Unbeholfenes und Behaartes wie ein Bär, bewegen sich Baumwurzeln wie riesige Spinnen, indessen die Zweige und Blätter ihre eigenes Leben führen; es fliegen vielfarbige Flügel hin und her, und stumm blicken mich die augenlosen Fratzen riesiger Stiere an, ihre runden Augen aber hüpfen erschreckt über ihnen; da läuft der geflügelte Fuß eines Kamels, und hinter ihm rast der gehörnte Kopf einer Eule - das ganze Innere der von mir erblickten Schale ist angefüllt mit der wirbelnden Bewegung einzelner Glieder, Teile, Stücke, die manchmal in ironischer Ungestaltheit miteinander verbunden sind.



Das vorherrschende Prinzip ist hier die Fragmentierung, das Trennen zusammengehöriger Teile, die Auflösung der Welt in sinnlose Bruchstücke. Inmitten der gegenständlichen Teile bewegen sich in heftigem Widerstreit auch zwei abstrakte Begriffe, Liebe und Hass, die im System des Empedokles wirklich vorkommen und den ständigen Wechsel von Vereinigung und Trennung bewirken. Zugleich wecken diese Bilder Assoziationen zu bekannten Beispielen der bildenden Kunst, insbesondere zu den Bildern von Hieronymus Bosch, der im Werk Gorkis mehrfach angeführt ist (ausführlich in „Klim Samgin“).

Der Zuhörer Aleksej ist schon jetzt an den Grenzen seines Fassungsvermögens angelangt, aber es kommt noch schlimmer. Nikolai wird überraschend nach Moskau in die Universität gerufen und lässt den Freund mit der Mahnung zurück, sich bis zu seiner Rückkehr nicht mit Philosphie zu beschäftigen. Aber das Durcheinander im Kopf nimmt auch ohne neue Nahrung erschreckende Ausmaße an. „Nach einigen Tagen fühlte ich, dass mein Gehirn schmolz und kochte und merkwürdige Gedanken, phantastische Erscheinungen und Bilder gebar“, erinnert sich Gorki. Es folgt eine lange Reihe von Horrorvisionen, die Aleksej in den nächsten Nächten durchlebt, meist am Ufer der Wolga sitzend. Diesmal sind es vor allem Erscheinungen, die entgegen aller Vernunft und Erfahrung möglich erscheinen, sich im nächsten Moment ereignen könnten. Am Himmel erscheint ein runder schwarzer Fleck, aus dem sich ein feuriger Finger hervorstreckt und dem Beobachter droht. Im Flussbett der Wolga tut sich ebenfalls ein Abgrund auf wie ein weitgeöffneter Rachen, der Scharen von spielenden Kindern, Soldaten mit Musikkapellen und Bauern mit unzähligen Fuhrwerken verschlingt. Aleksej fühlt sich einsam, „allein für vier Ewigkeiten“, genau vier, und er kann sie als Nebel- oder Rauchkreise um sich sehen. Ein riesiges menschliches Ohr wächst vor ihm auf und hört alles, was er denkt. Eine nackte Frau , die auf Vogelklauen geht, gießt ihm glühendheißes Öl auf den Kopf, und ein unbekannter Befehlshaber zwingt ihn, unzählige Menschen zu töten.
Demgegenüber ist Gott in dieser Welt zwar sichtbar anwesend, aber machtlos. Es ist der von Ikonen bekannte Gott Zebaoth: würdevoll, mit einem grauen Bart und teilnahmslosen Augen sitzt er auf seinem Thron. Um ihn ist Leere. Von Gott hatte auch Nikolai zu ihm gesprochen: „Vielleicht existiert er wirklich, aber ich will ihn nicht.“ Auch von Teufeln, die der schmutzigen Hölle und ebenso der langweiligen Harmonie des Paradieses überdrüssig sind, war in den Vorträgen die Rede. Jetzt, in der Einsamkeit seiner Behausung, kommen zwei graue Teufelchen aus einem Loch in der Wand und machen sich über ihn lustig.
Die Situation wird unerträglich. Die Erde ist heimtückisch, sie droht ständig einzubrechen, der Himmel kann jeden Augenblick seine Form verwandeln. Das Fazit lautet: „Alles ist möglich. Unmöglich ist nur, in einer Welt mit solchen Möglichkeiten zu leben“. Gorki erinnert sich an den zwei Jahre zurückliegenden Versuch des Selbstmords an gleicher Stelle am Ufer der Wolga. Wenn er damals nicht erfahren hätte, wie dumm und erniedrigend der Selbstmord ist, hätte er wohl zu diesem letzten Mittel gegriffen. Nun beschließt Aleksej, sich von diesem Alptraum zu befreien, das heißt aber auch sich zu befreien von „diesem allzu interessanten Leben an der Grenze des Wahnsinns“.


Rückkehr in eine banale Wirklichkeit

Im letzten Teil der Erzählung bemühen sich Menschen aus Aleksejs Umgebung, dem Kranken den Weg aus den Träumen zurück in die Wirklichkeit zu erleichtern. Sie alle sind gutwillig und vernünftig, aber auch beschränkt und langweilig im Vergleich mit dem Leben an der Grenze des Wahnsinns: der tatarische Nachtwächter, der ihn nach Hause ins Bett schickt, die Zimmerwirtin, die ihn wegen seiner nächtlichen Schreie bemitleidet, der Rechtsanwalt Lanin, der ihn als seinen Schreiber nicht entlässt, als er Fehler macht, sondern ihn zu einem Psychiater schickt, und schließlich dieser Psychiater selbst, der mit seiner Diagnose einen humoristischen Schlusspunkt setzt.
Er fragt Aleksej zwei Stunden lang aus, dann klopft er ihm auf das Knie und gibt ihm den Rat, die Bücher und den ganzen Unsinn zum Teufel zu jagen. Seiner Konstitution nach sei er ein gesunder Mensch und was ihm fehle, sei eine Frau, und zwar eine, die sich auf das Spiel der Liebe versteht.
Der Psychiater hat aber auch eine interessantere Diagnose anzubieten. Peschkow mache auf ihn „den Eindruck eines, sozusagen, ursprünglichen Menschen“. Im Original ist das ein „pervobytnyj chelovek“, d.h. ein von der höheren Kultur wenig oder gar nicht berührter Mensch, ein Primitiver oder ein Mensch der Urgesellschaft. Bei diesen Menschen, meint der Arzt, sei die Phantasie immer stärker als das logische Denken. „Alles, was Sie gelesen und gesehen haben, hat bei Ihnen nur die Phantasie angeregt, - doch die – stimmt mit der Wirklichkeit überhaupt nicht überein“, erklärt er, und ermahnt Peschkow, es sei für ihn zu früh, schon alles besser wissen zu wollen und allem zu widersprechen, er solle erst einmal „etwas Rechtes lernen“.

Trotz der unübersehbaren Ironie in dieser Szene enthält die Diagnose des Doktors doch auch Züge eines Selbstporträts des Schriftstellers Gorki. Der „pervobytnyj chelovek“ ist unter diesem Gesichtspunkt ein Fremder oder nur ein Gast in der Welt der Gebildeten, ein „schlechter Denker“, dafür aber mit viel Phantasie begabt, die die künstlerische Seite seiner Persönlichkeit bestimmt und ihm auch eine besondere Urteilsfähigkeit verliehen hat. Insbesondere hat ihm diese soziale Sonderstellung eines „Plebejers“, wie er sich selbst gelegentlich nannte, den Zugang zu der Kultur des Volkes, d.h. der ungebildeten Massen eröffnet.

Daraus ergibt sich die enorme Breite der geistigen Interessen Gorkis. Er hat nicht nur Empedokles und Demokrit gelesen, sondern auch Schopenhauer und Nietzsche, sein besonderes Interesse galt Mystikern wie Jakob Böhme und Emanuel Swedenborg,
den russischen Sekten und den Ideen der russischen Religionsphilosophen, darunter Nikolai Fjodorow mit dem Phantasiegebilde einer kollektiven Auferstehung der Menschheit. Gorkis Denken war in der Tat von der Phantasie eines vormodernen „ursprünglichen“ Menschen geprägt, es stellte eher eine Heilslehre als eine philosophische Konzeption dar, selbst das angestrebte Reich der Vernunft war in seiner Vorstellung das Ergebnis einer mystischen Verwandlung der Materie in geistige Energie. „Energie“ war ein Lieblingsbegriff Gorkis, weitgehend synonym mit Geist und Kultur.
Vom Bolschewismus übernahm er nur die Radikalität der Revolution, nicht aber die materialistische und marxistische Grundlage. Der Religionshistoriker Michail Agurskij hat in dem Aufsatz „Der unbekannte Gorki“ (russisch, 1988 in Tel Aviv erschienen) auf die vielfältigen Beziehungen seines Denkens zu religiösen Traditionen aufmerksam gemacht, darunter zum Gnostizismus, einer dualistischen Konzeption der Welt, in der die Materie als Träger des Weltbösen figuriert und daher nicht nur der Veränderung, sondern der gänzlichen Vernichtung unterworfen werden muss. Der in der
Erzählung so eindrucksvoll dargestellte Gedanke der Brüchigkeit und Unzuverlässigkeit der materiellen Welt ist mehr als das Symptom eines kranken Gehirns, er begegnet in vielen seiner Werke und in weltanschaulichen Diskussionen mit seinen Korrespondenten. Leider haben sich nur wenige Forscher mit solchen Fragen befasst, meist, wie im Fall Agurskijs, außerhalb der ausgefahrenen Wege der Gorki-Forschung. Diese einst mächtige Einrichtung im Moskauer Institut der Weltliteratur bemüht sich bis heute, diesen „häretischen“ Gorki hinter dem sowjetischen Klassiker verschwinden zu lassen.


Boris Galant über die psychopathologische Persönlichkeit Gorkis

Zu dem weitgehend unbekannten Gorki gehören auch die Themen der Träume und des Wahnsinns, denen die Erzählung „Über die Schädlichkeit der Philosphie“ gewidmet ist. Der offen autobiographische Charaker dieses Werkes wurde zum Anlass einer Diskussion über die Art der dort beschriebenen Geisteskrankkeit aus medizinischer Sicht und darüber hinaus über mögliche psychopathologische Grundzüge der Persönlichkeit Gorkis. Initiator dieser Debatte war der Mediziner Iwan Borisowitsch Galant, der die psychiatrische Klinik an der Moskauer medizinischen I.M. Setschonow-Universität leitete. Im Dezember 1925, zwei Jahre nach dem Erscheinen der Erzählung, schrieb Galant einen Brief an Gorki, in dem er ihm mitteilte, dass er sich für Gorkis Werke interessiere, ausgehend „von dem rein wissenschaftlich-psychiatrischen Standpunkt“. Dabei verwies er auf den von ihm verfassten Aufsatz „Das Delirium Maxim Gorkis (Delirium febrile Gorkii): Über die Geisteskrankkeit, an der Maxim Gorki 1889-1890 gelitten hat“, veröffentlicht im selben Jahr in der Zeitschrift „Klinisches Archiv der Genialität und Begabung (Neuropathologie)“. Der Titel des Aufsatzes und die Betonung des rein wissenschaftlichen Charakters erwecken
den Eindruck, es handele sich hier um das Werk eines Sonderlings, der nicht verstanden hat, dass er ein literarisches Werk vor sich hat. Entsprechend war auch die erste Reaktion Gorkis. „In Petersburg [dem Erscheinungsort des „Klinischen Archivs] hat man eine neue Form der Geisteskrankheit entdeckt: Delirium febrili Gorkii“, schrieb er an Maria Budberg. „Interessant, wenn auch etwas dümmlich… Der Autor ist ein Dr. Galant, aber nicht besonders galant.“ Aber Gorki ließ es nicht mit diesem ironischen Abwinken bewenden, und trat in eine ernsthafte Diskussion mit dem medizinischen Experten Galant ein, weil ihn das Thema interessierte.

Die Figur des Psychiaters Galant und ihr historischer Kontext verdienen aber auch deshalb Beachtung, weil sie Einblicke in die wechselvolle Geschichte der Psychologie in Russland bieten. Zu diesem Thema hat die Schriftstellerin Masha Gessen in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Die Zukunft ist Geschichte“ interessante Informationen vermittelt und aufschlussreiche Geschichten erzählt. Die Sowjetmacht versuchte in den zwanziger Jahren, Erkenntnisse der westlichen Psychologie für das politische Ziel der Schaffung des neuen Menschen einzusetzen, und publizierte im Staatsverlag Schriften von Freud, Jung und anderen Autoritäten, die später verboten und heftig bekämpft wurden. (s. die Besprechung des Buchs auf diesem Blog (9.02.2019)). Galant profitierte von dieser Entwicklung. In Russland geboren, war er 1912 mit seiner Familie nach Deutschland ausgewandert und hatte in Berlin, Zürich und Basel Psychologie studiert, u.a. bei dem namhaften Schweizer Psychiater Eugen Bleuler, danach hatte er in Schweizer Kliniken geabeitet. 1922 kam er auf Einladung des Volkskommissars für Bildung Lunatscharski nach Russland und begann seine Karriere an einer psychiatrischen Klinik in Moskau, ab 1935 war er Leiter einer Klinik im fernöstlichen Chabarowsk. In russischen Quellen wird er als Begründer der Neuroendokrinologie bezeichnet, die sich mit der Verknüpfung des Hormonsystems mit dem geriet er mehrfach ins Visier der Sicherheitsbehörden und verbrachte die Jahre 1937-1939 in Gefängnissen und Straflagern. Nervensystem befasst. Im Ausland ist er nahezu unbekannt. Parallel zum Auf und Ab des Faches Psychologie

In seinem ersten Brief an Galant zeigt sich Gorki lebhaft interessiert an der Geschichte des Faches Psychologie in Russland. Gern stimmt er der Feststellung seines Briefpartners zu, dass russische Psychiater schon vor Freud von der großen Bedeutung der sexuellen Sphäre auf die Entwicklung der Psyche eines Menschen gewusst hätten. Er konnte sich hier sogar auf eigene Erfahrungen berufen. Wenn er sich nicht irre, berichtet Gorki, so habe der Psychopathologe Wladimir Bechterew 1888 in seinen Vorlesungen an der Kasaner Universität dieselbe Ansicht vertreten. Wie er zu dieser Information gekommen ist, sagt Gorki nicht, dafür wird der Zusammenhang im Kommentar des Bands 15 der neuen akademischen Briefausgabe in aller Ausführlichkeit erklärt. Gorki war im Alter von 20 Jahren selbst Hörer der Vorlesungen des berühmten Gelehrten, aber nicht als Student, sondern als Bäckereigehilfe, der den Studenten Brötchen verkaufte. Durch einen Türspalt habe er den Vorlesungen gelauscht. Bechterew hat sich bei einem späteren Treffen mit Gorki sogar an diesen ungewöhnlichen jungen Mann mit dem Brotkorb erinnert. Die rührende Geschichte passt zu der mythischen Gestalt des Autodidakten Gorki und charakterisiert zugleich das Weiterleben des sowjetischen Gorki-Kults bis in unsere Tage (Band 15 der Briefausgabe ist 2012 erschienen). Die Kommentatoren waren für solche Gelegenheiten der Verehrung ihres Meisters besonders dankbar, weil sie ansonsten über den Inhalt der Briefe wenig glücklich waren und sind. Die Abneigung gegen Themen wie die Psychoanalyse, Sigmund Freud und Probleme der Sexualität ist deutlich zu erkennen. Mit einer seltenen Offenheit spricht Gorki in dem Brief an Galant von seinen persönlichen Erfahrungen mit der Sexualität (z.B. über die Erzählung „Einst im Herbst“) und bekundet ein starkes Interesse an diesem Bereich, mahnt aber zugleich einen sorgfältigen Umgang mit diesem Material an: „In einem Land lebend, wo es ‚kranke Seelen’ im Übermaß gibt, habe ich einiges zur Psychopathologie gelesen, und als Laie habe ich den Eindruck gewonnen, dass die russischen Gelehrten im Vergleich zu Freud vorsichtiger mit ihren Hypothesen sind.“ Seinen Briefpartner Galant, der ja Freud seiner Ausbildung nach wesentlich näher stand als Bechterew u.a., zählt Gorki offensichtlich nicht zu den russischen Gelehrten und ist mit vielen Thesen des Autors
nicht einverstanden. So widerspricht er Feststellungen Galants über seine Lebensgewohnheiten, z.B. über seine Gesundheit, die bis in die 1890erJahre weit besser gewesen sei als von Galant dargestellt, oder über sein Liebesleben, das sich weit weniger aufregend abgespielt habe. Vor allem moniert er aber eine „unaufmerksame“ Lektüre der literarischen Texte und fehlende wissenschftliche Solidität. Personen der Handlung werden ohne ausreichende Begründung mit bestimmten Ideen belegt, Makar Tschudra, der Held der ersten Erzählung, soll ein alter ego des Autors sein u.a.m.
Diese Vorwürfe im einzelnen zu überprüfen, würde hier zu weit führen. Die vollständigen Texte der Aufsätze Galants standen für diesen Eintrag nicht zur Verfügung. Im Ergebnis hat Galant eine Reihe von Auffälligkeiten zu einem psychopathologischen Porträt Gorkis zusammengefügt. Im „klinischen Archiv“ erschienen neben dem „Delirium Gorkis“ Untersuchungen über die Suizidomanie, die „Psychopathologie des Traumlebens“ und über die „Poriomanie“ (den Wandertrieb) des Schriftstellers.
Den Verwaltern des Gorki-Archivs erschienen nicht nur die exzentrischen Thesen Galants, sondern mehr noch die ernsthafte Auseinandersetzung des Schriftstellers mit psychopathologischen Themen unzumutbar für das Publikum der ehemaligen Sowjetbürger. Drei Briefe Gorkis an Galant, 1925 und 1926 geschrieben, wurden in dem genannten Band erstmalig veröffentlicht. Das gilt auch für einen Brief an den Herausgeber und Hauptautor des „Klinischen Archivs für Genialität und Begabung“ Grigori Segalin. Segalin, in dessen „Archiv“ nahezu alle russischen Literaturklassiker von Puschkin bis Esenin unter dem „neuropathologischen“ Aspekt vertreten waren, hatte Gorki auf seine von Galant übermittelte Bitte 1929 zwei Bände der Zeitschrift zugestellt und dazu erklärt, er würde es als eine große moralische Auszeichnung empfinden, die Meinung des Schriftstellers zu dem Projekt der Zeitschrift zu erfahren, schließlich sei auch Gorki ein Psychiater, der bei der Erforschung des Lebens nur andere Methoden anwende. Gorki lobte in seiner Antwort (4.03.1929) diese „höchst interessante Ausgabe“ und bat Segalin seinerseits um einen Beitrag in dem Journal „Unsere Errungenschaften“, das um diese Zeit Gorkis Herzensangelegnheit war. Weiter wandte sich Gorki mit einer Frage an Segalin, den die Verwalter des Gorki-Archivs sicher als eine Peinlichkeit, wenn nicht als haarsträubenden Unsinn empfunden haben. Er habe eine Frage an den Experten für Traumbilder, schrieb Gorki. Er möchte wissen, ob er, Segalin, in seinen Träumen Menschen und Gegenstände mit einem Schatten sehe, ferner ob er sie in drei Dimensionen sehe oder nur zweidimensional wie im Kino, oder sogar in vier Dimensionen, wenn z.B. ein Mensch durch eine Wand geht oder in einen Stein einsinkt, wenn es sich darauf setzt. Die Frage der Genese oder genauer der „Technik“ der Traumgebilde interessiere ihn schon lange, erklärt Gorki. Er selbst sehe niemals Schatten und habe schon Dutzende Menschen befragt, was sie sehen, ohne klare Antworten zu erhalten. „Mir persönlich erscheint das als eine sehr ernste Frage, sie eröffnet gleichsam einen Pfad in das dunkle Gebiet unseres ‚Unbewussten’.“ Im Original ist das Wort „podsoznatel’noe“ gebraucht, das auch als Unterbewusstsein übersetzt werden kann.

Im Jahr seiner Russlandreisen, wenige Wochen vor dem berüchtigten Besuch im Sonderlager Solowki, stellt Gorki Fragen nach der Beschaffenheit von Traumbildern.
Die gewünschte Vorstellung seines Projekts „Klinisches Archiv der Genialität und Begabung“ für die Zeitschrift „Unsere Errungenschaften“ hat Segalin versprochen und wohl auch vorgelegt, sie ist aber dort nicht erschienen. Andernfalls hätte dieses Bekenntnis zur Bedeutung des Unbewussten in die unmittelbare Nachbarschaft mit den Parolen der „Umerziehung durch Arbeit“ und den Musterbeispielen neuer Menschen in den Straflagern geraten können. Mit dem feierlichen Gelöbnis der Gedankenfreiheit, das der junge Gorki mit seinem Freund Wassiljew ablegt, hat diese Autorpersönlichkeit wenig gemeinsam, eher mit dem „interessanten Leben an der Grenze des Wahnsinns“, von dem die Erzählung „Über die Schädlichkeit der Philosophie“ handelt.

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Kategorie: Streit um Gorki

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