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Dreizehn Jahre Gorki-Blog – abschließende Bemerkungen (II)

Sonntag, 15. September 2019, 21:08:51

GORKI IM POSTSOWJETISCHEN RUSSLAND (2006-2019)

Russland im Jahr 2008

Um zu verdeutlichen, in welchem staatlichen und gesellschaftlichen Umfeld das Erbe des Schriftstellers Gorki auf diesem Blog dargestellt und diskutiert wird, sei hier der Eintrag „Russland am Jahresende 2008“ (30.12.2008) angeführt. Es gibt im Blog eine ganze Reihe solcher Stimmungsberichte aus dem russischen Internet, sie beruhen überwiegend auf Analysen von politischen Beobachtern aus dem Umkreis der Opposition. Ihnen eine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie in Russland nur in engen Grenzen erreichen, gehört zu den erklärten Zielen dieses Projekts. Aus heutiger Sicht zeigt dieser Eintrag, wie wenig sich seither in Russland verändert hat. 2008 war Wladimir Putin im Begriff, seine dritte Amtszeit anzutreten, wenn auch vorübergehend „nur“ in der Position des Regierungschefs. Inzwischen ist er (im März 2018) zum vierten Mal zum Präsidenten gewählt worden und hat angekündigt, dass er 2024 nicht mehr für das Amt kandidieren werde. Er wird dann das erste Viertel des Jahrhunderts durchgehend regiert haben, und man spricht heute von einer „Generation Putin“, die keinen anderen Präsidenten erlebt hat (dazu im Blog die Rezension auf das Buch „Generation Putin“ des „Spiegel“-Korrespondenten Benjamin Bidder (12.12.2016)). 2008 saß die Regierung mit hohen Zustimmungswerten fest im Sattel, die Opposition sprach verächtlich von einer „Ölstabilität“ angesichts der hohen Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Den Regierungsstil der Putin-Administration beschrieb die bekannte Kolumnistin der „Novaja gazeta“ und des Radiosenders „Echo Moskvy“ Julija Latynina mit den Worten: „Wenn man mich aufforderte, das Hauptkennzeichen des heutigen Russlands zu benennen, so würde ich sagen: es ist die Lüge. Eben die Lüge, nicht das Blut./…/ Die stalinsche Lüge gründete sich auf Blut. Bei uns gründet sie sich auf den Fernseher“. Der Krieg gegen Georgien machte schon deutlich, dass Russland wieder Anspruch auf das Format einer Supermacht erhob, die Bevölkerung begrüßte überwiegend diese Entwicklung, die nationale Selbstverklärung durch die „russische Idee“ kam gut an, und die Propaganda konnte leicht Empörung über das nahe und ferne Ausland entfachen. Um so überraschender erscheint es, dass die Euphorie schon damals von einer untergründigen Angst vor krisenhaften Veränderungen begleitet wurde. Eine der Ursachen dafür war die internationale Finanzkrise, die Russland heftig betroffen hatte. Politologen prophezeiten die Gefahr sozialer Unruhen in absehbarer Zeit, und das unabhängige Lewada-Analyse-Zentrum ermittelte die verbreitete Ansicht von einem bevorstehenden großen „Krieg“, jedenfalls von militärischen Auseinandersetzungen.


„Gorki ist zurückgekehrt“

Mir persönlich erschien diese Situation durchaus geeignet, einer Neuentdeckung des „alten“, vorsowjetischen Gorki mit seinen Vorstellungen von einem „sozialen Idealismus“, demokratischen Regierungsformen und Menschenrechten den Boden zu bereiten und damit die Opposition zu stärken. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt, die Opposition in Russland hat diesen Schriftsteller nur in Ausnahmefällen als einen Gesinnungsgenossen und Unterstützer für ihre regierungskritischen Aktivitäten entdeckt. Gorkis Name war einfach zu eng mit der sowjetischen Vergangenheit verbunden. Aber es gab und gibt immerhin einzelne Stimmen, die eine deutliche Neubewertung des von seinem Sockel gestürzten sowjetischen Klassikers zum Ausdruck brachten. Sie sind in dem genannten Eintrag 2008 als Gegenstimmen zu der geschilderten politischen Situation behandelt. Schon in der Perestrojka-Periode der 90er-Jahre hatte es neben der lautstarken „Entlarvung“ des Gorki-Denkmals auch solide Forschungsbeiträge mit wesentlichen Korrekturen der sowjetischen Gorki-Forschung gegeben, insbesondere die Publikationen von Natalja Primotschkina mit zahlreichen erstmals veröffentlichen Dokumenten aus dem Gorki-Archiv. 2005 war in der von Gorki gegründeten Serie „Das Leben bedeutender Menschen“ eine Gorki-Biographie des Kritikers und Schriftstellers Pawel Basinskij erschienen, mit der er einem breiten Publikum erstmals einen „interessanten“, in vielem rätselhaften Schriftsteller präsentierte, der mit dem sowjetischen Denkmal wenig zu tun hatte. Eine erweiterte Fassung des Buchs erschien 2011 und ist auf dem Blog vorgestellt (17.06.2011). Der Name Pawel Basinskij erscheint in vielen Blog-Einträgen, er war und ist Kritiker und Kolumnist der Regierungszeitung „Rossijskaja gazeta“ und nimmt an Konferenzen zu Kultur- und Literaturproblemen teil, oft auch in Anwesenheit des Präsidenten. Gleichwohl hat er sich ein hohes Maß an Unabhängigkeit bewahrt und erlaubt sich auch kritische Urteile über die Kulturpolitik der Regierung. Dazu gehört sein starkes Interesse an Gorki, den er als einen Klassiker in einer Reihe mit Tolstoj und Tschechow sieht und für den er regelmäßig mehr Aufmerksamkeit fordert. Dabei bleibt er in deutlicher Distanz zu den Vertretern der traditionellen, sowjetisch geprägten Gorki-Forschung. Dass Basinskij gerade mit dem „Staatspreis“ der Russischen Föderation geehrt worden ist, hat mich überrascht, davon wird später noch die Rede sein.
Zu den wichtigsten Stimmen im Streit um Gorki gehört das Buch des Schriftstellers und in den sozialen Netzwerken sehr populären Literaturkritikers Dmitrij Bykov. Er ist ein aktives Mitglied der Opposition. Auch er gehört zu den oft zitierten Autoren auf dem Blog, u.a. mit seinen Kolumnen in der „Novaja gazeta“ . Sein ebenfalls 2008 erschienenes Buch mit dem im Deutschen schwer verständlichen Titel „Gab es Gorki?“ (Byl li Gor’kij) (Eintrag 01.05.2009) ist ein temperamentvolles Plädoyer für die Neuentdeckung des Schriftstellers, der in einer von Trägheit und Stumpfsinn gelähmten Atmosphäre eine mobilisierende Wirkung entfalten könnte. Der Titel nimmt eine leitmotivische Formel aus Gorkis Roman „Klim Samgin“ auf: „War denn ein Junge da?“ Sie bezieht sich auf einen Spielgefährten Klims, der durch seine Schuld ertrunken ist, und kennzeichnet die Neigung des Helden, unangenehme Erinnerungen zu verdrängen. Einem solchen Verdrängungsprozess sieht Bykow auch den Schriftsteller Gorki ausgesetzt. Die Leser tun so, als hätte es ihn nie gegeben, weil sie seinen „Traum“ aus der Welt schaffen wollen: die Schaffung eines „neuen Typs des Menschen, der Kraft und Kultur, Humanität und Entschlossenheit, Willenskraft und Mitgefühl in sich vereinigt“. In der gegenwärtig herrschenden Lethargie sei es an der Zeit, sich wieder den großen Fragen nach den Zielen der Menschheit und der Zukunft des Landes zuzuwenden, den sozialen Utopien und Antiutopien.

Die genannten Autoren und einige weitere Anzeichen eines neu erwachten Interesses an dem Schriftsteller und seiner Welt haben mich zu der Feststellung verleitet: „Gorki ist zurückgekehrt“ (Eintrag aus Anlass des 75. Todestags Gorkis, 18.06.2011). Dort ist aber auch klargestellt, dass es sich nur um eine „Rückkehr“ in einen kleinen Kreis von Literaturkennern handelte, nicht aber zu dem Massenpublikum, das diesem Schriftsteller vom Jahrhundertanfang bis in die 1920er Jahre sicher gewesen war. Als Gorki-Verehrer blieben, etwas überspitzt gesagt, nur die Verwalter seines Erbes in dem sowjetisch geprägten Gorki-Archiv in Moskau und die Mitglieder der Kommunistischen Partei übrig. Die Wortführerin dieser ehemaligen Sowjetbürger, die in Gorki vor allem den Kampfgenossen Lenins und den Schöpfer des Sowjetmenschen sehen, ist Lidija Spiridonowa, die Leiterin der Abteilung für die Herausgabe der Werke Gorkis im Moskauer Institut für Weltliteratur. Mit dieser Autorität und dem riesigen Material des Gorki-Archivs im Rücken, nimmt Spiridonowa nachdrücklich die Deutungshoheit über Leben und Werk des Schriftstellers für sich in Anspruch: „Der wahre Gorki (nastojashchij Gor’kij)“ ist eine ihrer Monographien über den Schriftsteller überschrieben (Eintrag 10.08.2014), und Gorki ist darin das nur leicht modernisierte sowjetische Denkmal, der unermüdliche Parteisoldat, der nicht nur das Ideal des neuen Menschen erschaffen, sondern mit seiner Rückkehr nach Russland auch die historische Realisierung dieses Ideals in Gestalt des Sowjetmenschen der Epoche Stalins beglaubigt hat. Alle Zweifel an dieser These werden in das Reich der „Mythen“ verwiesen, darunter auch die eigentlich unbestreitbare These, dass Gorki mit seiner Propagandatätigkeit eine Mitverantwortung am Terror der Stalinzeit übernommen hat, auch wenn er bemüht war, diesen Terror abzumildern. Spiridonowa wiederholt unerschütterlich ihre These: das Ideal des Schriftstellers und der reale Sowjetmensch waren und sind historische Errungenschaften, und nicht Gorki ist schuld, dass Stalin dieses Ideal „entstellt“ hat. Passend dazu gehört Spiridonowa zu den wenigen Gorki-Forschern, die die Ermordung Gorkis auf Stalins Befehl für sehr wahrscheinlich halten. Es liegt nahe, hier eine Wunschvorstellung zu vermuten, denn verhielte es sich wirklich so, könnten die Vorwürfe an die Adresse Gorkis, er habe sich dem Stalinismus verschrieben, als gegenstandslos betrachtet werden. Ein Zeichen für die ganz von der sowjetischen Kultur geprägte Position Spiridonowas ist der Umstand, dass sie ihren Artikel zum 150. Geburtstag Gorkis „Ein großer Sohn Russlands“ in der „Pravda“ platzierte, dem Organ der Kommunistischen Partei. Ja, es gibt sie noch, diese legendäre Zeitung, und sie führt in ihrem Titel stolz den Leninorden, den sie zweimal erhalten hat.

Ein ähnliches Beispiel für die Sowjetnostalgie mit Hilfe der Erinnerung an Gorki ist die Rückkehr des Gorki-Profils auf die Titelseite der renommierten „Literaturnaja gazeta“ im Jahr 2004. In der Sowjetzeit symbolisierte Gorki dort an der Seite des Klassikers Puschkin die Einheit der klassischen Literatur des 19. Jahrhunderts mit dem sozialistischen Realismus. Im Jahr 1990 war das Gorki-Profil im Geist der Perestrojka als ein Symbol der Unfreiheit entfernt worden, 2004 wurde seine Wiederkehr von einer neuen Redaktion als Sieg über die schändliche „Selbstbespeiung“ im Umgang mit der sowjetischen Kultur gefeiert. Das Duo Gorki und Puschkin im Logo der „Literaturka“ ist heute ein völlig sinnentleertes sowjetisches Symbol wie Hammer und Sichel. Ebenso sinnentleert war der immer noch allgegenwärtige Name des Schriftstellers in der breiten Öffentlichkeit. Den Beweis dafür lieferten die vom Präsidenten angeordneten pompösen Feiern zu seinem 150. Geburtstag im Jahr 2018, die von der Persönlichkeit Gorkis nichts anderes als seinen Weltruhm zum Ausdruck brachten, passend zu dem wiederhergestellten „imperialen“ Stil der russischen Politik (dazu der Eintrag „Ein pompöses Begräbnis“ (25.04.2018)). Pawel Basinskij, der Gorki-Verteidiger, war an diesem Programm offensichtlich nicht beteiligt. Dabei hatte er schon ein Jahr zuvor Gorki als einen „gewaltigen Schriftsteller“ und Repräsentanten des „Silbernen Zeitalters“ gefeiert und ihn damit in eine Reihe mit den großen Namen der Schriftsteller und Künstler des Jahrhundertanfangs gestellt (Eintrag 14.05.2017).


Gorkis Erbe als Gegenposition zur Politik 2014-2019

Gorki spielte also in der Öffentlichkeit kaum noch eine Rolle, obwohl die Ereignisse von 2014 bis 2019 reichlich Gelegenheit geboten hätten, sich an Gorki und seine Gedankenwelt zu erinnern. Die feindselige Einstellung der Regierungspropaganda zu der „bunten“ Revolution in der Ukraine und die Annexion der Krim zeigten deutliche Ähnlichkeiten mit der „großrussischen“ Politik des Zarenreiches gegen die Selbständigkeitsbestrebungen der kleineren Nationalitäten des Imperiums. Diesem Thema ist der Eintrag „Ein Märchen über das ‚nationale Gesicht’ Russlands“ gewidmet, in dem ich eines der satirischen Märchen Gorkis aus der Serie „Russkie skazki“ als „Gorkis Kommentar zur Krimkrise“ annonciert habe (17.03.2014). Gorki solidarisiert sich dort entschieden mit den kleineren Völkern gegen den großrussichen Chauvinismus. Der Eintrag hat mir eine heftige Entgegnung von seiten meiner russischen Kollegin Natalja Primotschkina eingebracht. Der Brief ist dem Text hinzugefügt.
Der Ton der Blogeinträge in den Jahren 2014 und 2015 ist deutlich politischer gefärbt und reflektiert damit die aufgeheizte Atmosphäre nach der Annexion der Krim. Es ging um den „Krieg der Emotionen“(19.05.2014), den „Eisernen Vorhang in den Köpfen“(17.06.2014) und um die Gegenposition Gorkis in vergleichbaren Situationen, sein Eintreten für die Kultur als einzig wirksame Waffe gegen Fanatismus und Krieg. Als Belege dafür sind ein Brief Gorkis an seinen Sohn Maxim aus dem Jahr 1914 („Im Kopf nichts als Krieg“, 25.09.2014) und ein Artikel über die Macht der Kultur (1923) (5.11.2014) vorgestellt.

Der hundertste Jahrestag der Revolutionen von 1917 bot den Anlass, die gegensätzlichen Reaktionen Gorkis auf die Februar- und die Oktoberrevolution darzustellen: „Das russische Volk hat sich mit der Freiheit vermählt“ (18.10.2017) und „Wahnwitzige, von Blut und Schmutz besudelte Tage“ (3.11.2017). In beiden Zusammenhängen verteidigte Gorki Grundwerte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, die in Russland auch ein Jahrhundert später nicht verwirklicht sind.


Gorkis letzte Jahre, das Thema der „Rückkehr“

Wie Gorki selbst sich von einem Freiheitskämpfer in einen Berater und Helfer Stalins verwandeln konnte, ist in den letzten Einträgen auf diesem Blog behandelt. Seine Reiseberichte „Durch die Union der Sowjets“ und insbesondere der Besuch im Lager Solowki (zwei Einträge am 19.04.2019) belegen den Verrat an den eigenen Grundsätzen. Dass Gorki gerade in dieser Situation der Rückkehr mit ihren tragischen Aspekten nicht vergessen war, belegt eine phantastische Erzählung von Roman Sentschin, erschienen 2018, neunzig Jahre nach dem Entschluss Gorkis, das Exil in Italien aufzugeben (Eintrag 01.01.2019). Die Erzählung „Rückkehr“ (in der Pluralform „Vozvrashchenija“) beschreibt diese Situation als einen Modellfall für das Schicksal von Dissidenten in Russland, schon Aleksej Romanow, der älteste Sohn Peters des Großen, erlebte eine solche Rückkehr mit weitaus härteren Konsequenzen als bei Gorki. Er starb in einem Folterkeller.

Fast so etwas wie einen Nekrolog auf diesem Blog bietet der Vergleich des späten Gorki mit dem Helden einer der bedeutendsten Antiutopien des 20. Jahrhunderts, dem Bolschewiken Rubaschow in Arthur Koestlers Roman „Sonnenfinsternis“(Darkness at Noon, 1940). Zentrales Thema ist die Frage nach der Gültigkeit des Satzes „Der Zweck heiligt die Mittel“ (Eintrag 7.07.2019). Rubaschow, der, diesem Prinzip folgend, eine blutige Spur seiner Opfer hinterlassen hat, erkennt am Schluss den menschenfeindlichen Sinn des Satzes und akzeptiert sein Schicksal in der Todeszelle der Geheimpolizei als Strafe einer höheren Instanz der Gerechtigkeit. Gorki, der am Ende vielleicht von ähnlichen Schuldgefühlen verfolgt wurde, wollte oder konnte sich zu einem solchen Bekenntnis nicht entschließen. Dafür blieb ihm das grausame Ende von Koestlers Helden im Keller der Sicherheitshörde erspart. Gorki starb, wie heute die Mehrzahl der Forscher annimmt, eines natürlichen Todes und wurde in Moskau mit einem Staatsbegräbnis geehrt. Das weltweite Echo auf dieses Ereignis ist in einem der ersten Einträge auf diesem Blog aus Anlass des siebzigsten Todestages Gorkis behandelt (18.06.2006).

Mit diesem traurigen Thema einen Schlusspunkt im Blog „Der unbekannte Gorki“ zu setzen, scheint mir nicht ganz unpassend. Auch die Entwicklung in Russland bietet Anlass zu pessimistischen Betrachtungen, wie sie Masha Gessen in ihrem Buch über Putins Russland angestellt hat. Die Vorstellung des Buches ist ebenfalls unter den Einträgen des laufenden Jahres („Hier gibt es keine Zukunft“, 9.02.2019). Es geht dort vor allem um die Verfolgung der Opposition und sexueller Minderheiten.


Ist Gorki vergessen?

Anton Tschechow hat 1903 an einen Freund geschrieben: „Ich denke, es wird eine Zeit kommen, da man die Werke Gorkis vergessen haben wird, er selbst aber wird sogar in tausend Jahren nicht vergessen sein“. Heute könnte es so scheinen, als hätten schon 80 Jahre nach seinem Tod ausgereicht, um sowohl Gorkis Bücher als auch seine Person dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Der bekannte Autor der russischen Gegenwartsliteratur Boris Akunin hat in livejournal.com 2014 die Ansicht vertreten, Gorki wäre den Menschen als „eine der hellsten Gestalten der russischen Kultur“ in Erinnerung geblieben, wenn, ja wenn er zehn Jahre früher in der Emigration gestorben wäre. Aber das Finale seines Lebens sei „so erbärmlich“ gewesen, dass es alle früheren Verdienste „ausgestrichen“ habe. Am Schluss des Eintrag über Gorkis Besuch im Lager Solowki habe ich diesem Urteil widersprochen, das im übrigen durch Akunins eigene Aufzählung der Verdienste Gorkis in Frage gestellt wird, darunter „ein unglaublich starkes Talent“, wirkungsmächtige Werke, der Kampf gegen den Zarismus und der Kampf gegen die Diktatur des Bolschewismus.
Gorkis Rolle ist, wenn man von seiner Weltbedeutung vor der Rückkehr in Stalins Russland ausgeht, zu der eines „ehemaligen“ Großen geschrumpft, der nur für einen relativ kleinen Kreis von Literaturwissenschaftlern und Historikern interessant geblieben ist. Aber dass es selbst in der gegenwärtigen politischen und kulturellen Situation, die seiner Gedankenwelt in vielem direkt entgegengesetzt ist, noch genügend „Lebenszeichen“ von ihm gibt, scheint mir durch die Einträge auf diesem Blog hinreichend erwiesen.


Zum Schluss ein Staatspreis und Protestaktionen

Zu den Gegenargumenten bezüglich des Verschwindens Gorkis kann man auch zwei aktuelle Ereignisse anführen, die allerdings einige Fragezeichen mit sich bringen: Eine öffentliche Ehrung für den Gorki-Verehrer Pawel Basinskij und - am Tag der Verleihung - Protestaktionen in Moskau. Basinskij hat, wie erwähnt, den „Staatspreis“ für das Jahr 2018 erhalten, der so etwas ist wie es zu Sowjetzeiten der Lenin- und der Stalinpreis waren. Wladimir Putin hat ihm den Preis persönlich überreicht und in seiner laudatio erklärt, Basinskij gehöre „zur Plejade der Aufklärer“ in der Gegenwart. Seine Bücher über Leben und Werk der Klassiker zeichneten sich durch ein „tiefes Verständnis des Talents und des Charakters“ der Schriftsteller, insbesondere Lew Tolstojs und Maxim Gorkis aus und eröffneten der Jugend Russlands die Möglichkeit, diese Klassiker auf neue Weise für sich zu entdecken. Näheres zu den Eigenschaften und Wertvorstellungen dieser Klassiker sagte Putin nicht, wie er auch zum 150. Geburtstag Gorkis und zum 100. Todestag Tolstoj nichts anderes als das Talent und den Weltruhm der Schriftsteller hervorgehoben hatte. Offensichtlich sollten beide Jubiläen allein dem Ruhm des Staates unter Putins Führung dienen. Auch mit dem Ruhm von zwei weiteren Jubilaren des Jahres 2018 – Turgenjew (200. Geburtstag) und Solschenizyn (100. Geburtstag) - schmückte sich die Regierung, obwohl die Gefeierten denkbar weit von der gegenwärtig herrschenden Staatsideologie entfernt waren (Eintrag „Drei Jubilare“, 21.10.2018).

Basinskij selbst lobte in seiner Dankesrede vor allem das Regierungsblatt „Rossijskaja gazeta“, das er als einen Hort der Meinungsvielfalt und „die beste Zeitung des Landes“ nannte. Ich schätze Basinskij, mit dem ich eine Zeitlang korrespondiert habe, wegen der in seiner Position ungewöhnlichen Offenheit und Unabhängigkeit seiner Auftritte. Eine seiner Kolumnen, die sich mit den Jubilaren des Jahres 2018 beschäftigte, war „Das Jahr der Einheit der russischen Klassiker“ überschrieben. Man solle den Kindern nicht einschärfen, dass jeder russische Klassiker ein „hundertprozentiger Patriot“ gewesen sei, erklärte Basinskij. Turgenjew sei ein „Westler“, Tolstoj ein Feind der Kirche gewesen und Solschenizyn sei nach Ansicht vieler Bürger schuld am Zerfall der Sowjetunion. Für ihn, Basinskij, persönlich sei aber etwas anderes entscheidend, nämlich die Beseitigung von Verhältnissen, an der sie mitgewirkt haben. Er selbst wolle nicht in einem Staat leben, in dem es die Leibeigenschaft gibt, nicht im vorrevolutionären Russland mit der Monarchie und der orthodoxen Kirche und auch nicht in der „mythischen“ UdSSR, die schon lange vor ihrem Zerfall einen ideologischen Bankrott erlebt habe. Das Wort Freiheit kommt in diesem Text nicht vor, aber es ist klar erkennbar, dass es sich in allen Fällen um Befreiungsakte von Unrechts- und Gewaltregimen handelte, die teilweise auch im gegenwärtigen Russland weiter bestehen. Sind die Klassiker also Befreier, also auch eine drohende Gefahr für das Regime, das ihm gerade den Staatspreis verliehen hat? Basinskij bewegt sich hier auf dünnem Eis, der Begriff der Freiheit ist im gegenwärtigen Russland zu einem Tabu geworden, das man nur in Umschreibungen ansprechen kann.

Auf Basinskijs Prädikat „beste Zeitung des Landes“ für die „Rossijskaja gazeta“ kann man nur mit Kopfschütteln reagieren. Die Preisverleihung fand am 12. Juni 2019 statt, dem „Tag Russlands“, der als fröhliches Volksfest organisiert wird, aber seit 2017 auch für Protestaktionen der Opposition genutzt wird. Die Rossijskaja gazeta hat über solche Aktionen gewöhnlich Stillschweigen bewahrt. So auch in diesem Jahr, aber als in der Folgezeit neue Demonstrationen gegen das brutale Vorgehen der Polizei stattfanden, über die auch in der westlichen Presse berichtet wurde, ging die Zeitung zu scharfen Attacken gegen die Demonstranten über, die man ohne Übertreibung als Hetze bezeichnen kann. Am 10. August, dem vierten Samstag in Folge, fand in Moskau eine Versammlung mit der Rekordbeteiligung von ca 50.000 Menschen statt. Der Bericht der RG war mit „Soll alles brennen? Lasst es nicht zu!“ überschrieben, einer sinnentstellenden Wiedergabe von Parolen der Demonstranten, die als Hooligans, Brandstifter, ukrainische Agenten oder einfach als ahnungslose Mitläufer dargestellt sind. Als ein Argument für die Sinnlosigkeit der Veranstaltung wurde angeführt, dass es gar nicht um die Zulassung der Kandidaten für die Stadtduma gegangen sei, denn 40% der Teilnehmer seien keine Moskauer gewesen, sondern zugereiste Krawallmacher. Soviel zu der „besten Zeitung des Landes“.

Wenn also der Staatspreis für Basinskij zumindest eine zwiespältige Reaktion hervorrufen muss, so stellen die Protestaktionen der Opposition ohne Zweifel einen Beleg für das zunehmende Selbstbewußtsein der überwiegend jungen Demonstranten und eine Schwächung der Regierung dar, die auf solchen Widerstand nur mit Repressionen antworten kann. Die Reihe der Proteste, beginnend 2011, ist im Blog mit Material aus dem Internet dokumentiert. Das gemeinsame Merkmal dieser Ereignisse war die vorwiegend moralische, nicht politische Motivation der Demonstranten. Sie fühlten und fühlen sich gleichsam persönlich beleidigt durch eine staatliche Propaganda, die sie wie ungezogene Kinder und Analphabeten behandelt. Wie oben erwähnt, gab es schon 2008 ernstzunehmende Stimmen, die soziale Unruhen vorhersagten. Es dauerte allerdings vier Jahre bis zu den Großdemonstrationen gegen Fälschungen der Dumawahlen, die als „Schneerevolution“ bezeichnet wurden („Das neue Russland auf dem Bolotnaja-Platz“, 03.01.2012). Einem Buch von Roman Sentschin, der an diesen Ereignissen aktiv beteiligt war, ist der Eintrag „Was wollt ihr eigentlich?“ gewidmet (03.01.2014).
Fünf Jahre später, am 26.März und 12. Juni 2017 folgten russlandweite Demonstrationen gegen Korruption und Lügen der Regierung (dazu Einträge vom 10.04. und 31.07.2017). Trotz verschärfter Gesetze gegen „Massenunruhen“ nimmt die Angst vor dem übermächtigen Staat sichtbar ab. Der Bericht im „Spiegel“ (7.09.2019) über die jüngsten Ereignisse ist „Generation furchtlos“ überschrieben. So betrachtet, bieten die aktuellen Unruhen in Russland ein Gegengewicht zu den eher pessimistischen Tönen der letzten Einträge auf diesem Blog.

Am Ende könnte allerdings der Eindruck entstehen, dass der Gorki-Blog insgesamt ein allzu düsteres Bild von Russland und den Russen vermittelt. Um ein weiteres Gegengewicht auf die Waage zu bringen, soll hier ein Zitat folgen, das von dem auf diesem Blog oft erwähnten Dmitrij Bykov stammt. Er hat dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama zur Vorbereitung auf seinen Staatsbesuch in Russland ein Grußwort „Reiseführer“ (Putevoditel’skoe) gewidmet, das am 7. Juli 2009 in der „Novaja gazeta“ zu lesen war. Er wolle ihm helfen, sich von verbreiteten Vorurteilen über Russland zu befreien, erklärt der Verfasser, und listet die falschen Ansichten in fünf Punkten auf. Es geht um Bären, die auf den Straßen herumlaufen, um den Wodka, der angeblich das Land ruiniert, um das ewige Gejammer der Liberalen über angebliche Misstände, um die absurde Behauptung, man dürfe in Russland nichts gegen die Regierung sagen und schließlich um das „Tandem“, die angebliche schlaue Umgehung der Verfassung durch das Duo Putin/Medwedjew, das in Wirklichkeit ein sehr effektives russisches System sei, der überall wirksame „doppelte Boden“.
Am Schluss lässt Bykov aber die Maske des regierungstreuen Reiseleiters fallen und räumt ein, dass die Verhältnisse in diesem Land dem Gast aus Amerika nicht unbedingt Anlass zur Begeisterung bieten, - und dass man als Russe dennoch nicht umhin kann, dieses Land zu lieben. Sinngemäß könnte dieser Schluss auch von Gorki stammen. - Der Text ist, wie alle Kolumnen Bykovs, gereimt, aber in fortlaufenden Zeilen präsentiert, ich habe ihn während eines Italienurlaubs mehr schlecht als recht ins Deutsche übertragen („Reiseführer Russland“, 1.09.2009):

Mit diesem Reiseführer in der Hand, wirst du an uns vielleicht die Frage richten: Wieso verlasst ihr eigentlich nicht dieses Land, könnt ihr auf so ein Land nicht gern verzichten? Das ist doch weder Heim noch Hort, ein Abgrund, fauler, sumpfiger Morast. Nein, sag ich dir, wir lieben diesen Ort, mit allem, was du hier gelesen hast. Dies Land ist eine Mutter, sorgenschwer, ein schlimmer Clan – und doch der meine. Und diese Heimat geben wir niemals her, noch nicht mal, Freund Obama, gegen deine. Wir lieben unsre aufgeweichten Wege und unser ganzes aufgeweichtes Los. Wir sind geduldig und ein bisschen träge, und nur im Träumen finden wir noch Trost. Doch wenn dir einer sagt, all dies wird nie vergehen, ewig der Frust, vergeblich aller Mut, dies Land wird nie ein bessres Morgen sehen – dann glaub ihm nicht, Obama, sei so gut! Ich glaub es nämlich nicht und wäre froh, wenn du's nicht glaubtest, Bruder, ebenso.



Ich danke Ihnen, liebe Besucher des Blogs, für ihre Aufmerksamkeit und die vielen Kommentare und Anregungen, die ich auf den Seiten des Blogs und in interessanten Briefwechseln mit einigen von Ihnen erhalten habe und wünsche mir, dass Sie den unbekannten Gorki in Erinnerung behalten und vielleicht das eine oder andere seiner Werke, die im Blog vorgestellt sind, in die Hand nehmen werden.
Wenn Sie sich laufend über aktuelle Probleme in Russland informieren wollen, empfehle ich Ihnen die „Russland-Analysen“ der Universität Bremen und die Plattform dekoder.de („Russland entschlüsseln“), die beide übersetzte Originalbeiträge aus russischen Medien anbieten, auf dekoder gerade ein Special „Protest in Russland“.
Und wenn Sie mir schreiben möchten, können Sie außer der Kommentarfunktion auch gern die direkte Adresse benutzen: knigge@slav.uni-kiel.de.

Kategorie: Streit um Gorki

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