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1906 - 1928

Sonntag, 18. Juni 2006, 11:56:45 | Armin Knigge

1906

Reise ins Ausland mit dem Auftrag der Partei, die Weltöffentlichkeit über die Ereignisse in Russland zu unterrichten und um Solidarität mit den gescheiterten Revolutionären und finanzielle Unterstützung zu werben. In Berlin bereitet ihm das Publikum Ovationen. Begegnungen mit Karl Liebknecht und August Bebel. Auch in Amerika wird er begeistert empfangen, dann jedoch von der Presse scharf angegriffen. Grund ist das Bekanntwerden der Tatsache, dass seine Begleiterin, M.F. Andreeva, nicht seine gesetzliche Ehefrau ist. Er hat weniger öffentliche Auftritte, arbeitet an dem Roman „Die Mutter“ (Mat‘), der 1906 zuerst in Appleton Magazine erscheint. Nach der Amerikareise lässt er sich in Italien auf Capri nieder.


1907-1908

Erstes Zerwürfnis Gorkis mit Lenin. Anlass ist die Idee einer Erneuerung des Sozialismus durch die Einführung religiöser Begriffe und Emotionen in die sozialistische Ideologie. G.s eigener Beitrag ist das sog. „Gotterbauertum“ (bogostroitel’stvo), das er explizit zuerst in dem Roman „Die Beichte“ (1908), ansatzweise auch schon in „Die Mutter“ entwickelt : Das Volk schafft seinen eigenen Gott, ist selbst als Kollektiv die Verkörperung dieses Gottes. Zusammenarbeit mit A. Bogdanov und A. Lunatscharskij in dieser Sache. Gemeinsames Projekt einer Parteischule auf Capri. Auf einer Konferenz 1908 auf Capri, an der auch Lenin teilnimmt, kommt es zum Eklat. Mit solchen Phantastereien arbeiteten die Genossen nur der Reaktion in die Hände, erklärt Lenin.

Manchmal scheint mir, dass jeder Mensch für Sie nicht mehr als eine Flöte ist, auf der Sie diese oder jene Melodie spielen, und dass Sie jede Individualilität nur unter dem Gesichtspunkt beurteilen, welchen Nutzen sie Ihnen bringt – für die Verwirklichung Ihrer Ziele, Meinungen, Aufgaben.
An Lenin (Nov. 1909)



1910-1913

Trotz weiterer Zusammenarbeit mit Lenin und den Bolschewiki verlagert sich der Schwerpunkt der Arbeit des Schriftstellers auf die künstlerische Literatur. Die räumliche Entfernung von Russland und der Zauber der italienischen Natur auf Capri begünstigen diesen Prozess. Werke wie der Roman „Das Leben des Matvej Kozhemjakin“, die Dramen „Vassa Zheleznova“, „Barbaren“ und „Sonderlinge“ sowie die Sammlung von Erzählungen „Durch Russland“ (Po Rusi) zeigen den Übergang von der plakativen politischen Bekenntnisliteratur in der Art der „Mutter“ und des Dramas „Feinde“ zu einem psychologischen Realismus, in dem es vor allem um Menschen und individuelle Schicksale geht, oft in Verbindung mit den Themen der russischen Provinz und des russischen Nationalcharakters. G. führt die mit den Vagabunden (bosjaki) begonnene Galerie russischer ‚Typen‘ und ‚Sonderlinge’ fort. Das Erscheinen von „Kindheit“ (1913), des ersten Teils der autobiographischen Trilogie, löst sogar bei erklärten Gegnern G.s, die wenige Jahre zuvor das „Ende Gorkis“ verkündet hatten, positive Reaktionen aus. Allerdings zeigt sein polemischer Auftritt gegen eine Inszenierung von Dostoevskijs „Dämonen“ in Moskau im selben Jahr, dass auch der ‚alte‘ Gorki am Leben ist.

Wie konnte das geschehen: Menschen gibt es auf der Erde in unendlicher Zahl, ich aber habe unter ihnen gelebt, als hätte es mich gar nicht gegeben. Ich habe stets nur in armseligen Gedanken an mich selbst gelebt, wie ein Küken in der Eierschale, zum Ausschlüpfen fand ich nie die Kraft.
„Das Leben des Matvej Kozhemjakin“ (1910)



1914-1917

Eine Amnestie ermöglicht G. die Rückkehr aus dem Exil nach Russland. Er verlässt Capri im Dezember 1913 und lässt sich in Petersburg nieder.

Seine Wohnung auf dem Kronverkskij prospekt ist von 1914 bis zu seiner Ausreise 1921 ein eigentümlicher, gleichsam exterritorialer Treffpunkt sehr verschiedener Vertreter der russischen Intelligenz und nach der Revolution ein Zufluchtsort für Verfolgte durch die neue Staatsmacht.- In der Zeitschrift „Letopis' (Chronik) organisiert er eine Antikriegsplattform; er fördert Schriftsteller proletarischer Herkunft durch Herausgabe von Sammelbänden. Als politischer Mensch bleibt er jedoch weitgehend unabhängig von der Partei der Bolschewiki. Lenin schreibt 1916 über ihn:

„Gorki ist in der Politik immer gänzlich charakterlos (archibeskharakteren) und überlässt sich Gefühlen und Stimmungen.“



1917

Reagiert mit Begeisterung auf die Februarrevolution, aber mit Ensetzen auf den Umsturz der Bolschewiki (Oktoberrevolution). In der Zeitung „Novaja zhizn'“ (Neues Leben), die er mit einer Gruppe von Sozialdemokraten gegründet hat, erscheint ab April 1917 die Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken über Revolution und Kultur“.(nach der Buchausgabe 1918 erst 1999 wieder in Russland erschienen). G. verurteilt die Aktionen der Bolschewiki in scharfer Form als das menschenverachtende Experiment einer Führungsclique, die nach dem Motto des berüchtigten Anarchisten Sergej Netschajew agiert: „Mit Volldampf durch den Sumpf!“. Statt einer sozialen Revolution hätten sie einen „russischen Aufstand“, die wilde Rebellion der Massen, ausgelöst.
„Novaja zhizn'“ wird im Juli 1918 verboten.

Lenin, Trotzki und ihre Weggenossen sind schon von dem fauligen Gift der Macht verdorben, davon zeugt ihre schändliche Beziehung zur Freiheit des Wortes und der Persönlichkeit, zu der ganzen Summe jener Rechte, für deren Sieg die demokratische Bewegung gekämpft hat. – Blinde Fanatiker und gewissenlose Abenteurer stürzen Hals über Kopf vorwärts – angeblich auf dem Weg zur „sozialen Revolution“, in Wirklichkeit ist das der Weg zur Anarchie, zum Untergang des Proletariats und der Revolution..
„Novaja zhizn'“ (Nov. 1917)


Zeitgleich mit seiner scharfen Kritik an den Bolschewiki arbeitet G. mit der Duldung oder sogar im Auftrag der Partei an kulturpolitischen Projekten, insbesondere an dem Verlag „Weltliteratur“ (Vsemirnaja literatura), der den Lesern des neuen Russland die wichtigsten Werke der universalen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts präsentieren soll. Zahlreiche Schriftsteller erhalten in diesem Projekt mit Übersetzungs- und anderen Arbeiten eine Chance zum Überleben.

Auf diese Weise wird der Bürger Russlands alle Schätze der Poesie und der künstlerischen Prosa zu seiner Verfügung erhalten, die im Verlauf von eineinhalb Jahrhunderten intensiven geistigen Schaffens in Europa entstanden sind. – Die Ehre der Verwirklichung dieses Unternehmens gehört den schöpferischen Kräften der russischen Revolution, jener Revolution, die ihre Feinde für einen ‚Aufstand der Barbaren‘ halten.
„Die Weltliteratur“ (1919)


G.s widersprüchliche Verhaltensweisen gegenüber den neuen Machthabern geben Anlass zu Missverständnissen und schaden seiner Reputation. In den Augen der Emigranten und auch bei vielen, die in Russland geblieben sind, gilt G. als Opportunist und Verräter, seine Meinungsverschiedenheiten mit der Partei nur als Intrigen innerhalb einer Verbrecherclique. G. nutzt seine wiederhergestellten persönlichen Kontakte zu Lenin, um Terrormaßnahmen des Regimes gegen Schriftsteller und andere Vertreter der Intelligenz zu korrigieren, wird dadurch immer mehr zu einer Belastung für die neue Macht.

Die Jahre der Revolution und des Bürgerkriegs sind zugleich eine produktive Schaffensperiode. Neben Skizzen aus dem Revolutionsgeschehen (erschienen 1924 als ”Aufzeichnungen aus dem Tagebuch” (Zametki iz dnevnika)) entstehen Erinnerungen an Schriftsteller, unter denen vor allem «Lev Tolstoi» (1919) weltweit eine starke Wirkung hat.


1921-1923

Wegen der verstärkt auftretenden Beschwerden G.s im Zusammenhang mit seiner Tuberkulose besteht Lenin – so die offizielle Version - auf einer Erholungsreise des Schriftstellers ins Ausland. Nach dieser faktischen Ausweisung tritt G. seine zweite Emigration an, obwohl er zunächst an eine Rückkehr nach Russland denkt. Er lebt zuerst in Deutschland (Heringsdorf an der Ostsee und Bad Saarow bei Berlin), dann in der Tschechoslowakei (Prag, Marienbad).

Der Kreis um Gorki, dem zu dieser Zeit der Lyriker Vladislav Chodasevich, seine Frau Nina Berberova, die Schriftsteller Andrej Belyj, Aleksej Remizov, Viktor Schklovskij und zahlreiche wechselnde Besucher angehören, bildet eine Brücke zwischen den Kulturen Sowjetrusslands und der Emigration. G.s Versuch, diese Funktion in Form der Zeitschrift „Beseda“ (Gespräch) manifest werden zu lassen, scheitern am Widerstand der sowjetischen Führung. Eine Verbreitung der Zeitschrift in Russland wird nicht zugelassen. - In den ersten Jahren im Ausland entstehen Werke, die direkt oder indirekt die Erfahrungen der Revolutionsjahre reflektieren, darunter der dritte Teil der autobiographischen Trilogie „Meine Universitäten“ und der Artikel „Über das russische Bauerntum“ (O krest'janstve), der die Erschütterung des Autors über die in Revolution und Bürgerkrieg zutage getretene Erbarmungslosigkeit und Grausamkeit von seiten des 'Volkes' zum Ausdruck bringt – eine Absage an die in der russischen Literatur verbreitete Demophilie.

Ich habe keine ‚Abneigung gegen die Bauern‘, aber ich gehöre überhaupt nicht zur Sekte der Volksverehrer.
„O krest’janstve“ (1922)



1924-1928

Der Tod Lenins bringt den Prozess der erneuten Annäherung an Sowjetrussland in Gang, Lenins Frau N.K. Krupskaja hat dem sterbenden Führer die erste Fassung des Porträts „V.I. Lenin“ vorgelesen, das G.s Bewunderung für den Revolutionsführer, aber auch seine Vorbehalte gegenüber Lenins rücksichtslosem Umgang mit politischen Gegnern zum Ausdruck bringt (1930 überarbeitet!).

Im selben Jahr zieht G. aus Prag nach Italien. Eine Villa in Sorrent wird der Sitz seines zweiten italienischen Exils, das – unterbrochen von Reisen nach Russland – bis 1933 dauert.

Verglichen mit den finsteren Jahren in Russland ist es eine glückliche Zeit. Die Hausgemeinschaft, der die Lebensgefährtin und Sekretärin Marija Zakrevskaja (nach ihrem zweiten Mann auch Baronin Budberg), der Sohn Maksim und seine Frau, V. Chodasevich und N. Berberova und wieder viele wechselnde Gäste angehören, führt ein geselliges Leben wie eine große Familie. Obwohl die Mehrheit der russischen Emigranten, unter ihnen sein früherer Freund Ivan Bunin, G. erbittert bekämpft, hat er doch ständig persönliche und briefliche Kontakte mit Menschen aus diesem Umkreis. Sorrent wird zu einem besonderen Ort ost-westlicher Kulturkontakte.

Die literarische Produktion ist nun – wie nie zuvor in seinem Leben – die Hauptsache unter seinen immer noch vielfältigen Tätigkeiten.

Mit dem Roman „Das Werk der Artamonovs“ kehrt er zu dem Thema der russischen Kaufmannsfamilien zurück, das ihn schon in „Foma Gordeev“ beschäftigt hatte. Eine Reihe von Erzählungen, die nicht nur ungewöhnliche, sondern aus sowjetrussischer Sicht geradezu skandalöse Persönlichkeiten beschreiben, ohne sie zu verurteilen, bilden Vorstudien zu dem großen Abschiedswerk „Das Leben des Klim Samgin“, einem vierbändigen Roman, an dem er von 1925 bis an das Lebensende arbeitete und der Fragment geblieben ist. Der Titelheld ist ein Feind der Revolution und gleichwohl der mit scharfer Beobachtungsgabe ausgestattete Chronist und Begleiter eben dieser revolutionären Bewegung seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zu ihrem Höhepunkt im Jahr 1917. Gorki führt seinen ungeliebten Helden als das Musterbeispiel eines selbstverliebten und zugleich zutiefst unsicheren Individualisten vor, der sich von der Flut der zeitgenössischen ideologischen Bewegungen überrollt fühlt und um seine Unabhängigkeit kämpft. Vieles in diesem Kampf reflektiert eigene Erfahrungen des Autors, die Zweifel und Abwehrreaktionen eines denkenden Menschen, der sich in die gnadenlose Disziplin einer politischen Bewegung gezwungen sieht. Möglich, dass sich G. mit diesem Werk gleichsam einer Selbstreinigung unterzog, um sich von nun an ohne Rückhalt der Sache des neuen sozialistischen Russlands zu widmen.

Manchmal fühlte er, dass er alle diese Eindrücke, alle von ihm angehäuften Gedanken – nicht brauchte. In ihnen war nichts, was fest mit ihm verwachsen war, was er sein eigen hätte nennen können, eine Erkenntnis, ein Glaube. Alles das lebte in ihm gleichsam gegen seinen Willen, und es saß nicht tief, irgendwo unter der Haut, und darunter war die Leere, die die Füllung mit einem anderen Inhalt erwartete.
„Das Leben des Klim Samgin“

Kategorie: Lebensdaten

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