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"Nachtasyl" - ein Theaterprojekt

Dienstag, 16. September 2008, 23:40:42 | Armin Knigge

Die Studententheatergruppe TheaterUmriss in Trier hat sich Gorkis Drama "Nachtasyl" erarbeitet und eine interessante Aufführung zustande gebracht, in der es um ungelöste Fragen geht: Wer oder was ist schuld, wenn Menschen in prekäre Verhältnisse geraten? Wie soll man mit solchen Menschen umgehen? Welche Antworten haben politische Systeme auf solche Fragen?
Wir dokumentieren das Projekt mit drei Textbeiträgen. Einen Videobericht finden Sie in YouTube







Roman Schmitz: TheaterUmriss 2008

Hinter dem TheaterUmriss liegt ein aufregendes und facettenreiches Jahr 2008. Auf der Bühne das „Nachtasyl“, in den Köpfen Theater. Die vierzehn am Stück beteiligten Akteure und die große Zahl an Sympathisanten und Unterstützern konnte sich über das Ergebnis freuen.
Die Schauspieler standen auf der Bühne in eigens angefertigten Kostümen, das Bühnenbild wurde in Ensemblearbeit gebaut und Plakate, sowie Programmhefte wurden im Keller gedruckt. Von der Auswahl des Stückes, über die Proben bis hin zu nationalen Gastspielen, alles ist entstanden in studentischer Eigeninitiative und Eigenverantwortung.

Das Ensemble spielte im Theater an der Ruhr, nahm am Theaterfestival Impuls!v teil und wirkte im Rahmen der Designfusion Trier mit. Daneben war das „Nachtasyl“ am Hauptspielort,im Exzellenzhaus Trier, zu sehen. Die insgesamt neun Vorstellungen wurden von mehr als 500 Zuschauern besucht.
Was sich an dieser Stelle als die Reihung zwangsläufig aufeinander folgender Etappen liest, ist in monatelanger, mühsamer und oftmals auch anstrengender Arbeit entstanden. Vom Probenbeginn im November bis zur Premiere im Mai vergingen sieben Monate, in denen Erfahrungen und Ereignisse gemacht wurden, die nicht zu missen sind.

Der Umriss hat sich Gorki gestellt und es zeigte sich wie schwer und wie groß die Thematik des „Nachtasyl“ doch ist. Die marxsche Vorstellung des „ wirklichen“ Humanismus auf die Bühne zu bringen, gilt als große Schwierigkeit. Dies allerdings mit Studenten aus bürgerlichen Familien, denen Armut genauso fremd ist wie der kommunistische Mensch, zu verwirklichen, galt von Anbeginn an als verwegen. Was verstehen junge Menschen von dem was Gorki schreibt? Lässt sich das Drama mit all seinen philosophischen Facetten überhaupt in die heutige Wirklichkeit transportieren und verständlich machen?

Der Anspruch des TheaterUmriss geht weit über den einer unprofessionellen Theatergruppe hinaus.
Ob das Ergebnis gelungen ist, muss jeder Zuschauer selbst beurteilen. Dieser Beurteilung liegt die tief gehende Arbeit des Umriss zu Grunde.
Dem zu Beginn der Arbeit formulierten Credo werden sich die folgenden Arbeiten unterordnen müssen: Gutes Theater mit den minimalen, zur Verfügung stehenden Mitteln machen.


„Nachtasyl“ – Die Bearbeitung
Beitrag in der Homepage des TheaterUmriss

Was kann uns das Stück Nachtasyl, das vor gut hundert Jahren uraufgeführt wurde, heute noch sagen? Diese Frage stellte sich der Theaterumriss im Prozess der Stückarbeit nicht nur einmal. Der Schauplatz der Handlung und die Zeit, in der das Stück spielt, sind tatsächlich »alte« Vorgaben Maxim Gorkis. Die Themen allerdings, mit denen Gorki sich auseinander setzt, sind immer noch aktuell: Es geht um Arbeitslosigkeit, Apathie, die Sehnsucht nach Hoffnung und die Suche nach Wahrheit. Die Anfangsfrage relativierte sich also zu der Frage: Warum kann ein Stück von vor hundert Jahren uns heute noch etwas sagen? Warum sind die Verhältnisse heute immer noch so, wie vor hundert Jahren, warum gibt es wenig Besitzende und eine Mehrheit, die in Armut lebt? Warum erscheinen diese Zustände zementiert, gerade nachdem der Traum (auch von Gorki) des Kommunismus zerbrochen ist? Die Fragestellung, um die es uns primär geht, lautet deshalb: »Haben wir die Möglichkeit die Umstände, in denen wir leben, selbstständig zu ändern?«

Die Stückarbeit wurde im Hinblick auf diese Fragestellung verdichtet. Weil die Fragestellung zeit- und raumlos ist, soll auch das Stück ohne solche Vorgaben auskommen. Dem Theaterumriss geht es darum, den eigentlichen Konflikt zu abstrahieren um ihn aufs Wesentliche zu reduzieren. Dieser wird dadurch noch greifbarer: Die Armut, die von den Charakteren des Stücks ausgeht, kann man sehen, fühlen, dafür braucht es keinen Text. Sie drückt sich nicht nur in der zerissenen Kleidung aus, sondern vor allem in dem Umgang der Akteure damit: Diese Antriebslosigkeit der Resignierten auf der einen Seite, die nervöse Gereizt derer, die noch Energie in sich haben – aber nicht wissen wohin damit. »Ich bin ein Mensch, der arbeitet. Von Kindesbeinen an hab ich gearbeitet, meinst du, ich krabble mich nicht mehr raus aus dem Loch hier? Ganz gewiss tu ich's und wenn meine Haut dabei in Fetzen geht, aber raus muss ich«, meint der Handwerker Kletschsch. Die Prostituierte flüchtet sich in eine Scheinwelt, der Schauspieler in den Suff. Hier und da gibt es Versuche, dem Nachtasyl zu entfliehen oder es zu verändern, aber die Menschen scheinen in der Routine erstarrt zu sein.

Die Menschen sind roh und stumpf. Ihr Lebensinhalt dreht sich ausschließlich um ihre eigene Existenz und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die religiös aufgeladenen, populistischen Reden Lukas Gehör finden.
Auch er könnte dem Heute entsprungen sein, denkt man an die Leiter von Motivationsseminaren oder die immer noch existenten Heilsversprechen der Religionen.

Er scheint barmherzig und gut zu sein – nur ist er nicht bereit, die Folgen seiner Handlung zu tragen.
Die Inszenierung wird den großen Konflikt über die Legitimation von Lügen, über die Formulierung scheinbarer Wahrheiten und die Anerkennung der Realität in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen.

Ob die Verhältnisse zu verändern sind, lässt sich wahrscheinlich schwieriger beantworten als die Frage, wie diese entstanden sind – jeder Bewohner des Nachtasyl trägt seinen Anteil daran.
Wie groß dieser ist, und ob dieser zu dem Urteil führt, die Umstände nicht ändern zu können oder eben doch, dass wird der Zuschauer entscheiden müssen.


Armin Knigge
Die „Wahrheit“ in Gorkis „Nachtasyl“- Brief an Theaterumriss

Ich bin erfreut, dass Sie sich mit Ihrer Auffassung des Themas und besonders der Rolle des Luka ziemlich nahe an der ursprünglichen Auffassung des Schriftstellers Maxim Gorki befinden. Das versteht sich nicht von selbst, denn das Stück ist anfangs keineswegs als eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema der „tröstlichen Lüge“ für die Armen und Kranken aufgefasst worden, wie es in der Seelsorge der Religionen und heute auch in den Seminaren für Lebenshilfe zutage tritt. Luka wurde zunächst ganz in der russischen Tradition als ein positiver Held aufgefasst, der den Menschen aus echter Nächstenlliebe Trost spendet. Sowohl in der Erstaufführung in Stanislavskijs Künstlertheater (1902) als auch in der außerordentlich erfolgreichen Aufführung am Berliner Theater Max Reinhardts (über 500 Vorstellungen zwischen 1903 und 1905) erinnerte die Figur mit Bart und sonstigen Attributen eines Heiligen eher an Lev Tolstoi als an einen der damals berühmten Vagabunden Gorkis. Demgegenüber konnte Satin wenig Pluspunkte für sich verbuchen. In seinen verächtlichen Urteilen über Lukas Tröstungen („Weichbrot für Zahnlose“) schien sich nur seine hochmütige Einstellung zu den Asylgenossen auszudrücken, und sein großer Monolog im vierten Akt über die unbegrenzten Möglichkeiten des Menschen als Gattungswesen („Mensch – das klingt stolz!“) konnte man als Auftritt eines bramarbasierenden Alkoholikers lesen. Dabei sollte er doch die Botschaft des Autors verkünden: der MENSCH (abweichend von der Normalschreibung mit großem Anfangsbuchstaben: Tschelowék) kann sein Leben in Freiheit und Würde selbst gestalten, er braucht solche Krücken des Mitleids nicht.

Es waren aber nicht nur die Vorurteile der Regisseure und des Publikums, die zu solchen Missverständnissen führten. Gorki selbst hatte es nicht vermocht, seinem Thema die nötige Eindeutigkeit zu verleihen, und diese Unentschlossenheit des Autors hat der Qualität des Stücks nicht geschadet: seine „Wahrheit“ ist ambivalent, die Entscheidung zwischen den angebotenen Positionen nicht einfach. Das wird deutlich, wenn man sich die Konsequenzen des Satinschen (und Gorkischen) Menschenkults klar macht. Der Tschelowek wird zu einem abstrakten Ideal, das den Maßstab für alle Menschen setzt, auch für die Schwachen, die Armen und Kranken. Letztere verdienen keine menschliche Anteilnahme, wenn sie sich nicht selbst helfen. Sie sind Gescheiterte auf dem Weg der allgemeinen Menschwerdung, Abfall, sozialer Bodensatz. Das ist natürlich zugespitzt gesagt, aber etwas von dieser unbarmherzigen Position war in Gorkis eigenen politischen Auffassungen festzustellen, als er in den dreißiger Jahren vom Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion fasziniert war und eine Zeitlang glaubte, unter Stalins Herrschaft könne der neue Mensch Wirklichkeit werden. Wer sich diesem Projekt in den Weg stellte, auch wenn er nur ein Bummelant oder Alkoholiker war, wurde zum „Feind des Volkes“ erklärt und entsprechend behandelt.

Von daher war es nur konsequent, dass Gorki in dieser Zeit von seinem Stück „Nachtasyl“ abrückte. Es sei ihm damals nicht gelungen, die negativen Züge des Trösters Luka klar genug herauszuarbeiten, erklärte der Schriftsteller. Daher sei „Nachtasyl“ „ein veraltetes und möglicherweise in unseren Tagen sogar schädliches Stück“. In der Tat kommt der Tröster Luka im Stück nicht so schlecht weg, wie es die Konzeption des Autors forderte. Zwar ist nicht zu übersehen, dass er den Asylbewohnern das Blaue vom Himmel verspricht, aber er ist ein Betrüger ohne Eigennutz (wenn man von einer gewissen Schlitzohrigkeit und der Lust an der Rolle des Beichtvaters absieht). Er bringt ohne Zweifel ein wenig Licht in diese finstere Welt, und nach seinem Abgang wird er schmerzlich vermisst. Auch wenn die Bilanz seines Wirkens am Ende – vor allem mit dem Selbstmord des Schauspielers – eindeutig negativ ausfällt, hat er den Menschen doch etwas gegeben, das für sie von unschätzbarer Bedeutung ist: das Gefühl, als Menschen wahrgenommen zu werden, Aufmerksamkeit und Mitgefühl bei einem anderen zu wecken. Sogar die leeren Versprechungen Lukas werden in diesem Zusammenhang zu Wohltaten. „Schön kannst du lügen“, sagt Pepe. „Deine Märchen tun gut. Lüg ruhig, Bruder, es gibt so wenig Angenehmes auf der Welt.“ In Luka verkörpert sich eine Erkenntnis, auf die Gorki als Sozialist und Utopist immer wieder gestoßen ist: die Menschen suchen Vergessen und Trost, nicht „die Wahrheit“.

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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