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Ein russischer Kapitalist

Donnerstag, 16. Oktober 2008, 15:51:28 | Armin Knigge

Ein russischer Kapitalist

Viktor Deni: Das Kapital. Plakat, 1919

Die Figur des Berdnikov aus Gorkis Roman «Das Leben des Klim Samgin»

(Die russischsprachige Variante dieses Eintrags finden Sie unter dem Titel «Русский толстосум»)

Das große Business im heutigen Russland steht der politischen Macht nahe, - und beide, Business und politische Macht, stehen dem kriminellen Milieu nahe. Dieser Eindruck ist keine Erfindung «russophober» westlicher Medien, sie gehört zu den Grundüberzeugungen des durchschnittlichen Bürgers Russlands. Korruption, Morde aus Motiven der politischen oder ökonomischen Rivalität, Nepotismus, überhaupt eine extrem niedrige Moral im öffentlichen Raum – das ist so, das war so und das bleibt auch so. Im Werk Gorkis begegnet dieses Phänomen als eines der Grundübel des russischen Lebens. Neben den Vertretern eines reaktionären Staates erscheinen auch die Besitzenden als Träger und Verursacher dieses Übels. Die lange Reihe der ökonomischen «Herren» in Gorkis Werk reicht von dem kleinen Hausbesitzer, der seine Mieter terrorisiert, über die noch ganz national geprägten Unternehmer des Typs der Artamonovs bis zu den mächtigen Vertretern des übernationalen Finanzkapitals. Was sie – bei aller Unterschiedlichkeit ihrer sozialen Rollen und individuellen Charaktere - miteinander verbindet, ist das Bewusstsein des «sobstvennik», des Eigentümers von materiellen Werten und Geld. Sein Ziel ist es nicht nur reich zu werden, er will Macht über die Menschen und das Land erlangen. In den Augen eines Revolutionärs und Bolschewiken kann der Kapitalist nichts anderes sein als ein «negativer Held», ein «Feind», der durch die Revolution vernichtet werden muss. Es ist nicht zu leugnen, dass dieses einfache Schema in Gorkis Werk oft zu einem ebensolchen Schematismus in der künstlerischen Behandlung des Themas führt, etwa im Roman «Die Mutter» oder im Drama «Die Feinde».
Aber, wie immer bei Gorki, gilt diese einfache Lösung nur auf den ersten Blick. Gorkis Beziehung zu den Eigentümern – einmal abgesehen von den Bauern, die er für hoffnungslose sobstvenniki hielt – war durchaus zwiespältig. Die tüchtigen Handwerksmeister (wie sein Großvater) und leitenden Angestellten in der Wirtschaft (wie sein Vater) verkörperten doch gleichzeitig Grundeigenschaften seines Ideals vom Menschen, die er sich auch für die Russen wünschte: Aktivität, Willenskraft, vernunftbestimmtes und zielgerichtetes Handeln, Verantwortungsbereitschaft für Gesellschaft und Staat. Mit Unternehmern solcher Art verband den Schriftsteller Gorki auch ein gemeinsamer Feind: der Kult der Demut und des Leidens in der Tradition Dostojewskis. Solche Gemeinsamkeiten treten sogar bei solchen Personen hervor, die klar als abstoßende Charaktere konzipiert sind wie zum Beispiel der Reeder Majakin im Roman «Foma Gordejew» . Gorki hat diesem Apologeten der rücksichtslosen Ausbeutung viele Wahrheiten in den Mund gelegt, wenn es um das Verhältnis der Russen zur Arbeit und ähnliche Defizite des Nationalcharakters geht. So verhält es sich auch mit der Figur des Großindustriellen Zachar Berdnikov im vierten Teil des Romans «Das Leben des Klim Samgin», um die es in diesem Beitrag geht. Den historischen Hintergrund bildet die Zeit um 1910. Die Gestalt des «hässlichen Kapitalisten» Berdnikov bietet ein interessantes Material für Diskusionen über das heutige Russland und seine Perspektiven.
Der Held des Romans, der Jurist und Intellektuelle Klim Samgin, erlebt die Begegnung mit diesem Menschen als einen neuerlichen Angriff auf seine Unabhängigkeit und Menschenwürde, nachdem er sich mühsam aus den Verstrickungen in die revolutionäre Bewegung auf seiten der Bolschewiken gelöst hat. Nach dem Willen des Autors Gorki ist das ein schmählicher Verrat, der diesen geschworenen Verfechter des Individualismus zu einem wütenden Konterrevolutionär werden lässt. Zu dieser Karriere gehört auch seine Begegnung mit Berdnikov. Der in der Stahlproduktion tätige Industrielle will ihn bestechen, um an Informationen über die Geschäfte seiner Rivalin Marina Zotova auf dem internationalen Kapitalmarkt heranzukomen. Von dieser rätselhaften Frau, in deren Person moderner Kapitalismus und die Tradition der russischen Sekten eine seltsame Verbindung eingehen, wird später in diesem Blog-Eintrag die Rede sein. Berdnikov hasst diese Frau, weil sie ausländische Investoren (die «Waräger») ins Land holen will, um eine Umgestaltung Russland im Sinne ihrer religiösen Vorstellungen zu fördern. Zotova wird ermordet, und sehr wahrscheinlich hat Berdnikov diesen Mord organisiert, der unaufgeklärt bleibt.

Berdnikov ist also ohne Zweifel ein abstoßender Charakter,ein «Geldsack» (tolstosum), ein Intrigant und Verbrecher. Aber dieser Mann trägt auch Züge anderer Art: er ist «ein großer Meister der Rhetorik», genauer des «leeren Geschwätzes» (prazdnoslovie), ein Talent, das ihn zu einem gefährlichen Verführer im Geiste Dostojewskis macht; nichtsdestoweniger ist er ein erklärter Gegner der von Dostojewski herkommenden Apologie der Demut und des Leidens. Berdnikov, der sich selbst einen «kommerziellen Menschen» nennt, versteht auch einiges von der Psychologie des Business. Schließlich ist Berdnikov ein kluger Beobachter des Lebens der Menschen in Russland und im Westen. Seine Erfahrung führt ihn zu einer verächtlichen und zynischen Auffassung vom Wesen des Menschen, die ihn stellenweise als eine ernstzunehmende Persönlichkeit erscheinen lässt. Es lohnt sich also, diesen «russischen Kapitalisten» etwas näher zu betrachten.

«Ein interessantes Tier»

In seiner äußeren Erscheinung entspricht Berdnikov in vollem Maße den Regeln der Ästhetik des Klassenkampfes, d.h. des sozialistischen Realismus: der Kapitalist muss hässlich sein. Sein höckeriger Schädel ist nur von wenigen roten Haaren bedeckt, die hervortretenden «Krebsaugen» blicken mit einem schwer fassbaren Ausdruck, seine rundlichen Wangen und weichen kleinen Hände rufen den Eindruck einer formlosen, zerfließenden Masse hervor. Er spricht mit einer hohen weiblichen Stimme. Berdnikov ist ein Liebhaber der französischen Küche und - nach den Worten seines Helfers Popov - «ein großer Schwerenöter». Die Züge der Sinnlichkeit werden unterstrichen durch «westlichen» Luxus: die erste Begegnung mit Samgin geht in Paris vor sich, wo auf den Boulevards reiche Männer und schöne Frauen in ihren eleganten Kutschen vorbeiziehen. – Einige der genannten Merkmale verweisen auf den Teufel, Samgin fasst den ersten Eindruck so zusammen: «ein interessantes Tier».

«Ein großer Meister des leeren Geschwätzes»

Charakteristisch für die effektvollen Auftritte Berdnikovs ist der ununterbrochene Strom seiner Rede, seine Tiraden erinnern an die des Fedor Karamzov und anderer Schwätzer in Dostjewskis Romanwelt. Berdnikov sieht darin ein typisches Merkmal des Russentums: «Ich wetze gern meine Zunge an allerhand hohen Weisheiten! Man wirft uns Russen vor, wir redeten viel, nun, ich halte das just für keine Sünde. Die Kirche warnt uns: 'Wer viel redet, wird nicht erlöst', dabei redet sie selber unermüdlich, obwohl es für sie Zeit wäre, einzusehen, dass ihre Reden unser buntscheckiges Volk nicht einfarbig machen, sondern just das Gegenteil bewirken.». In diesem Stil verbreitet sich Berdnikov über weitere Züge des russischen Nationalcharakaters wie die Trägheit («Wir sind kein Volk des Willens, sondern ein Volk des Denkens...»), über die Neigung der Russen zu Rebellentum und Anarchie und über die schweren Bedingungen des Geschäftslebens. Inhalte sind zweitrangig, es geht ihm darum, seine Zuhörer zu unterwerfen. «Überwältige ich Sie mit meinem Geschwätz?» , fragt er Samgin.

«Die Sanften kann ich nicht ausstehen»

Berdnikov, ein Soldat auf dem Schlachtfeld der Ökonomie, verurteilt in scharfer Form die christliche Tradition der russischen Kultur: «Unsere Slavophilen, alle diese Volkstümler – sind samt und sonders Altgäubige! Und sobald nur irgendeinen Peter, ein großer oder kleiner anfängt, uns nach Europa umzulenken, dann schreien wir: 'Der Antichrist! Selig sind die Sanftmütigen...'». Mit den Sanftmütigen, den «Unglücklichen» und den «Liebhabern des Leidens» hat Berdnikov nichts im Sinn: «Ich produziere Eisen – was soll ein Sanfter damit anfangen?»Entsprechend seiner grenzenlosen Selbstgewissheit erhebt Berdnikov Anspruch auf einen Kommandoposten im Staat und auf den Gehorsam der Bürger, besonders der Intellektuellen: «Ich mache Geschichte, vielleicht schlecht – aber ich mache sie, und gebe den Intelligenzlern die Freiheit über mich zu richten und mich zu verurteilen. Aber sie sollen sich nicht anders in meine Angelegenheiten einmischen als mit Worten!» Berdnikov erweist sich damit als Rivale der anderen Prätendenten auf die Macht im vorrevolutionären Russland – der Bolschewiken. Viele Äußerungen des «Geldsacks» Berdnikov sind in Ton und Inhalt den Positionen Lenins vergleichbar, im Roman vertreten durch den Bolschewiken Kutuzov. Berdnikov oder Kutuzov - einer von ihnen wird mit mit starker Hand die Regierung übernehmen. Wer von ihnen verspricht den Menschen eine bessere Zukunft oder, skeptischer gefragt, wer von ihnen stellt das kleiner Übel dar? Vom Standpunkt des «bekannten» Gorki können natürlich allein Lenin und Kutuzov Russland den Weg zur Oktoberrevolution und in die lichte Zukunft des Sozialismus weisen. Aber ergibt sich diese klare Lösung wirklich zwingend aus der komplexen Struktur des Romans?

«Ja, solche muss man vernichten...»

Klim Samgin muss vor sich selbst eingestehen, dass er im Kampf mit Berdnikov nicht gewinnen kann, dass er den geforderten Verrat an seiner Arbeitgeberin und Freundin letztlich doch begehen wird. Aus diesem Gefühl der Hilflosigkeit erwächst der Hass auf den mächtigen Gegner. «Ja, solche muss man vernichten...», ist seine wütende Reaktion auf die schamlosen Angebote Berdnikovs. Mit den gleichen Worten hat sich Samgin aber auch von den Revolutionären losgesagt, von denen er sich ebenso moralisch erpresst und vergewaltigt gefühlt hat. «Die Revolution ist nötig, um die Revolutionäre zu vernichten», so lautet sein Urteil. Aber nicht nur der ungeliebte Held, auch der Autor selbst zeigt, entgegen seiner Absicht, die große Nähe der Positionen dieser Vertreter antagonistischer Ideologien. Es verbindet sie vor allem die gleiche utilitäre Beziehung zur Moral: gut ist, was uns nützt, schlecht, was uns schadet. Und unter denen, die ihnen schaden, befinden sich hier wie da dieselben Menschen: sanftmütige «Altgläubige», kritische Intellektuelle, unabhängige Künstler, Wissenschaftler, Juristen, Journalisten. Sie erwartet im einen wie im anderen Fall ein Regime der Unfreiheit, vielen droht sogar das Schicksal des Juristen Tagil'skij im Roman, der von Offizieren der Armee ermordet wird, weil er sich für die Rechte von Deserteuren eingesetzt hat. Noch einmal: dies ist nicht die deklarierte Autorposition Gorkis, wohl aber ein möglicher Eindruck, der sich aus dem unvollendeten vierten Teil seines «Abschiedsromans» ergeben kann. Das bedeutet nicht, dass die Demokratie mit dem Kommunismus Leninscher Prägung gleichgesetzt wird, denn das voraussehbare Regime Berdnikovs, ein russischer Raubtierkapitalismus, wäre kaum als Demokratie vorstellbar.

«Der Mensch ist ein Nichtsnutz, ein Betrüger...»

Berdnikov selbst hätte den Vorwurf, seine Welt sei genauso menschenfeindlich wie die der Bolschewiken, möglicherweise ohne Protest hingenommen. Er könnte mit einem Achselzucken antworten: Ja, auch ich mache den Menschen alle möglichen Versprechungen. Sie wollen betrogen sein. Seine Grundüberzeugung fasst Berdnikov so zusammen: «Der Mensch ist ein Nichtsnutz, ein Betrüger, sein Leben besteht darin, daß er sich selbst in Worten angenehme Kunststücke vormacht, das unglückliche Kind...» Samgin erinnert sich vor dem Einschlafen an diese Worte und mit ihnen endet – Zufall oder nicht – der von Gorki autorisierte Text des vierten Teils. Der folgende Schlussteil des Romans (im Unfang von ca. 500 Seiten) ist von einer Kommission aus dem Nachlass zusammengestellt worden.

Gab es eine historische Alternative zu Berdnikov?

Berdnikov ist ohne Zweifel die finsterste Figur unter den Vertretern des Kapitals in Gorkis Werk. Es begegnen dort auch Menschen ganz anderen Schlages aus diesem Milieu, zum Beispiel die Porträts der (nicht fiktiven) Unternehmer S.T. Morozov und N.A. Bugrov, die mit ehrlichen Absichten die revolutionäre Bewegung unterstützten. Die rätselhafteste Figur unter Gorkis russischen Kapitalisten ist die erwähnte Marina Zotova. Sie sucht die Zusammenarbeit mit ausländischem Kapital, um eine Entwicklung des russischen Staates im Sinne ihrer religiösen Vorstellungen zu fördern (sie ist die «Steuerfrau» der Sekte der Geißler (Chlysty)). Damit ist die Zotova eine ganz aus dem Rahmen fallende Erscheinung, und sie bestätigt diesen Eindruck in einer ironischen Selbstbeschreibung: «In der Tat: ein gesundes Weib lebt ohne Liebhaber – unnatürlich. Sie scheut sich nicht, Geld zu machen und spricht vom Primat des Geistes. Über die Revolution urteilt sie nicht ohne Skepsis, aber – wohlwollend, - das ist schon die reinste Teufelei!» Nach Ansicht des Literaturwissenschaftlers Aleksandr Etkind ist diese «Gottesmutter der Geißler» «die wahre Heldin» des Romans. In der Tat spricht vieles dafür, daß in dieser Gestalt die Idee einer idealen Synthese zwischen entgegengesetzen Kulturtraditionen und Werten verkörpert ist (Ost und West, Gefühl und Verstand, Religion und Wissenschaft, Anarchie und (kapitalistische) Ordnung), eine Idee, über die Gorki in früheren Perioden oft gesprochen hat (besonders im Zusamenhang mit dem «Gotterbauertum», einer sozialistisch fundierten Religion), die aber in den dreißiger Jahren völlig indiskutabel war. Als eine denkbare historische Alternative zur Oktoberrevolution der Bolschewiken wäre dieses Modell ohnehin nicht ernsthaft in Frage gekommen, dazu ist es allzu deutlich ein literarisches Konstrukt, der Wunschtraum eines Schriftstellers. Wenn Gorki in seinem Romankonzept überhaupt eine historische Alternative zum Bolschewismus ins Auge gefasst hat, so am ehesten den Kapitalismus in der Art Berdnikovs. Dass eben diese Ordnung dem Bolscheiwsmus nach dessen 70-jähriger Herrschaft nachfolgen könnte, hat er wohl kaum für möglich gehalten.
Welcher Erkenntniswert in Bezug auf das postsowjetische Russland ist in der Figur dieses russischen Kapitalisten enthalten? Vieles, vor allem ein gewisser Schematismus in der sozialen und psychologischen Darstellung eines Vertreters des Kapitals, gehört der Literaturtradition des 19. und 20. Jahrhunderts und ist mit ihr vergangen. Dennoch gibt es in der Charakteristik Berdnikovs und seiner Umgebung viel «Lehrreiches» für den heutigen Leser.

«Ich bin ein kommerzieller Mensch»

Interessant erscheint mir, insbesondere, eine eigentümliche «Psychologie des Business», die in den Äußerungen verschiedener Personen enhalten ist. Berdnikov nennt sich selbst einen «komerziellen Menschen» (chelovek kommercheskij) oder einen chelovek delovój, d.h. einen Geschäftsmann oder «Macher». Beides ist nach seiner Ansicht «dasselbe wie ein Soldat (voennyj)». Samgin nimmt diese Bestimmung in sein Nachdenken über Berdnikov auf: «Ich bin mit einem Menschen aus einer Klasse zusammengestoßen, die in der Konkurrenz lebt. Er hat sich mit Recht als Soldat bezeichnet. Sein Leben besteht aus Überfällen auf andere Menschen und der Verteidigung gegen Überfälle auf seine Person.» Das Leben als Krieg – diese Weltauffassung unterstreicht noch einmal die Nähe der Welt des Kapitals zu der der Revolution. Zugleich gibt diese Formel eine einleuchtende Beschreibung des großen Business von heute, auch und besonders in Russland.
Sehr «zeitgemäß» lesen sich in unseren Tagen auch die Überlegungen der Personen über die Intelligenz «im Dienst des Kapitals». Ohne alle Illusionen spricht darüber der Ingenieur Popov, ein ehemaliger Revolutionär, jetzt die rechte Hand Berdnikovs. «In unserem versumpften Vaterland befindet sich die Intelligenz in einer schwierigen Lage, sie muss der Industriebourgeoisie die elementaren Begriffe vom Wert der Wissenschaft beibringen», erklärt Popov, und deshalb «müssen wir unsere Kenntnisse verkaufen». «Aber nicht unsere Ehre», antwortet Samgin, obgleich er schon darüber nachdenkt, sich doch auf den Verrat an seiner Arbeitgeberin und Freundin Marina einzulassen. Mit offenkundiger Ironie gibt der Autor die Argumentation seines Helden wieder – Bestechungsgeld als Waffe der Selbstverteidigung: «Sehr leicht kam ihm der einfache Gedanke, dass in der Welt des Kaufens und Verkaufens nur das Geld, viel Geld, die Freiheit sichern kann...»
Die Aufmerksamkeit eines heutigen Lesers könnten auch die Aufrufe zur Einrichtung einer demokratischen Ordnung in Russland erregen, die wiederum aus dem Mund des Ingenieurs Popov stammen. Aus der Sicht des Autors ist er ein Liberaler und Opportunist, also wenig glaubwürdig. In heutiger Betrachtung klingen seine Ansichten eher als Ausdruck des «gesunden Menschenverstands»: Russland braucht nach seiner Meinung den «Unternehmer des europäischen Typs, den Organisator» und dazu eine «kulturell entwickelte Bourgeoisie». Bezogen auf die Gründungslegende des russischen Staates von der Berufung der Waräger (d.h. der ersten russischen Fürsten aus dem europäischen Norden) und auf Fonvizins Komödie «Der Landjunker», die den halbgebildeten und tölpelhaften Nachwuchs des russischen Adels im 18. Jahrhundert aufs Korn nahm, stellt Popov fest: «Unser russischer Landjunker muss bei den Warägern lernen, wie man lebt und arbeitet. Groß und reich ist unser Land, aber es ist verunreinigt von einem bettelarmen Bauern und einem kraftlosen Konsumenten, und wenn wir uns nicht ändern (ne perestroimsja), dann droht uns das Schicksal Chinas.» (Der letzte Teil bedarf natürlich einer Aktualisierung.)

P.S. Ein Interview mit einem «russischen Kapitalisten» in der «tageszeitung» vom 13. Oktober bringt mich auf den Gedanken, dass es im heutigen Russland eine Variante dieses Typus gibt, die bei Gorki nicht vorgesehen war: es ist der Vertreter eines «Kapitalismus mit menschlichem Gesicht». Der russische Milliardär (ja, er sei es immer noch, erklärt er) Aleksandr Lebedev, 48, spricht dort über seine Geschäfte zum Nutzen des Landes (er ist u.a. der «größten Kartoffelproduzent» Russlands), er sieht sich aber permanent behindert durch diktatorische Tendenzen der Staatsmacht und korrupte Bürokraten. Im Vergleich mit Berdnikov fällt auf, dass er (wie das Foto zeigt) keineswegs hässlich ist, und seine Gedanken erscheinen mir als die eines klugen Beobachters der russischen Verhältnisse, die nicht allein vom Interesse der Kapitalvermehrung bestimmt sind. Es könnte vielleicht doch sein, dass in Russland gerade in der Welt des Business Kräfte heranwachsen, die willens und in der Lage sind, die scheinbar ewige und gesetzmäßige Verbindung von Business, Staatskorruption und Kriminalität aufzulösen und durch eine vernünftigere Ordung ersetzen. Ein solcher «Kulturoptimismus» kann sich durchaus auf den Schriftsteller Gorki berufen.

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Kategorie: Russland und die Russen

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