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Gorki lebt! (Aus einem Buch von Andrej Kontschalowski)

Samstag, 18. Oktober 2008, 20:33:39 | Armin Knigge

Gorki lebt! (Aus einem Buch von Andrej Kontschalowski)

(Die russischsprachige Version dieses Eintrags finden Sie hier)

Es ist in unseren Tagen möglich und zulässig, sich auf Maxim Gorki als eine Autorität der russischen Kulturgeschichte zu berufen - und das ohne eine nostalgische Beziehung zur sowjetischen Vergangenheit und ohne Bezug auf den «stolzen Menschen» und ähnliche Markenzeichen des «bekannten» Gorki. Zum Beweis für diese Möglichkeit – die sich in Russland keineswegs von selbst versteht und im Westen noch fast eine Unmöglichkeit ist – bringe ich in diesem Blog zwei Auszüge aus einem Buch des bekannten russischen Kino-und Theaterregisseurs Andrej Kontschalowski, das er zusammen mit dem Politologen Vladimir Pastuchow herausgegeben hat: «Auf der Tribüne des Reaktionärs» (На трибуне реакционера), Moskau, Eksmo-Verlag, 2007.
Der ein wenig kokette Titel wird im Vorwort damit erklärt, dass in Russland die Position der Fortschrittlichen schon besetzt sei, nämlich durch die „freiheitsliebenden Liberalen“, und dass man folglich alle diejenigen, die, wie die Autoren des Buchs, den „liberalen Optimismus“ dieser Zeitgenossen nicht teilen, den „Reaktionären“ zurechnen müsse. „Der Reaktionär in Russland – das ist ein Konservativer, d.h. ein Mensch, der glaubt, dass die Kultur die Politik bestimmt, und nicht umgekehrt.“ Die Autoren betonen, dass sie sich dabei auf die nationale Kultur und ihre Voraussetzungen stützen, nicht aber auf „allgemeinmenschliche Werte“, die eine „absolute Universalität der Freiheit der Persönlichkeit“ behaupten. Dennoch scheint es mir, dass es in den interessanten und teilweise radikal kritischen Beiträgen dieses Buches über den Zusstand des gesellschaftlichen Lebens in Russland sehr wohl um universale, allgemeinmenschliche Werte geht, die natürlich immer, und so auch hier, mit den nationalen Besonderheiten der Kultur verbunden sind. Auf universale Werte verweisen die Titel der beiden Beiträge, aus denen im folgenden zitiert wird: „Der Sklave von gestern“ bezeichnet den Mangel an Menschenwürde, „Der Wert des Lebens“ ist die genaue Bezeichnung eines der Grundwerte der (also jeder) Zivilisation.
Die Berufung auf Gorki, vor allem auf den Autor der „Unzeitgemäßen Gedanken“ (aber nicht allein auf ihn), ist hier vollkommen gerechtfertigt. Gorki hat 1917/18 unter wesentlich schwierigeren Bedingungen (verglichen mit dem heutigen Russland) die Würde des Menschen und den Wert des menschlichen Lebens verteidigt - ohne irgendwelche politischen, nationalen oder biologischen Einschränkungen. Mir scheint, dass die angeführte ironische Definition eines "Reaktionärs“ auch auf Gorki zutrifft. Auch er hat immer, sogar in den 30er Jahren, auf dem Primat der Kultur vor der Politik bestanden.
(Die Auszüge aus dem genannten Buch folgen in eigener Übersetzung. Auf die Wiedergabe der Kursiv-Schreibung muss aus technischen Gründen verzichtet werden. A. Knigge)

Andrej Kontschalowski

DER SKLAVE VON GESTERN

Motto: Verflucht sollen sein, die unsere Gedanken vor uns ausgesprochen haben!
(Aelius Donatus, römischer Grammatiker und Rhetor)
[...]
Der Römer Donatus hatte es gut – er bestand darauf, der erste zu sein, der einen anstößigen Gedanken ausspricht. Ich dagegen muss mich auf eine Autorität berufen, einen möglichst bedeutenden russischen Denker, wenn ich meine Meinung ausspreche, die möglicherweise jemanden beleidigen könnte. Andernfalls wird man mir alle möglichen Sünden zum Vorwurf machen, insbesondere den Hass auf alles Russische.
Aber jetzt zu den Gedanken selbst.
„...Besonders argwöhnisch, besonders misstrauisch ist meine Einstellung zum russischen Menschen an der Macht, - ein Sklave von gestern, wird er zum zügellosesten Despoten, sobald er die Möglichkeit bekommt, Herrscher über seinen Nächsten zu sein“ – das ist von Maxim Gorki in seinen „Unzeitgemäßen Gedanken“. Geschrieben von neunzig Jahren, hat das Gesagte kein Jota von seiner Aktualität verloren.
Wir stoßen jeden Moment auf diesen Despoten, sei es der Wachmann am Eingang, der Ihre Berechtigung prüft, die Beamtin an der Passkontrolle, die eine Haufen zusätzlicher Dokumente fordert, oder der Zollbeamte, der Ihr Gepäck durchwühlt, - in diesen Momenten rinnt durch Ihre Adern das klebrige Gefühl der Angst und der Erniedrigung – ein Sklavengefühl. Wir, die Sklaven von gestern, „äußerlich von der Sklaverei befreit, leben weiter mit den Gefühlen von Sklaven“, schrieb Gorki. Und in diesem Sinne muss man das Geständnis Tschechows verstehen, es sei nötig, „tropfenweise den Sklaven aus sich herauszupressen“. Und das ist gar nicht einfach.
„Die Wahrheit“, schrieb Gorki, „in ihrer „reinen“ Form, ohne Bindung an die Interessen der Persönlichkeiten, der Gruppen, Klassen, Nationen... ist äußerst unbequem für den Gebrauch des Spießbürgers und unannehmbar für ihn. Das ist die verflixte Eigenschaft der „reinen Wahrheit“, und zugleich ist sie die allernötigste.“ So ist es, reden wir also im Klartext über unsere Nation.
Wenn man den russischen Menschen charakterisiert, so muss man zu seinen starken Eigenschaften ohne Zweifel die Freundlichkeit, die Gutherzigkeit und Gastfreundschaft, die Auffassungsgabe, Barmherzigkeit und Mitgefühl, auch Opferbereitschaft und Uneigennützigkeit zählen.
Die negativsten Erscheinungen der russischen Natur – das sind die Inkonsequenz und das Fehlen des Bewusstseins der eigenen Würde, Grausamkeit, mangelndes Vertrauen zu sich selbst, zur Zukunft, Gleichgültigkeit in Bezug auf die Gegenwart , mangelndes Interesse am Eigentum und mangelnde Achtung vor ihm . Darüberschrieb Nikolai Berdjajew schon 1915 in dem Artikel „Die Psychologie des russischen Volkes. Die Seele Ruslands“: „Russland ist das Land eines unerhörten Servilismus und einer beklemmenden Unterwürfigkeit, ein Land, dem das Bewusstsein der Persönlichkeitsrechte fehlt und das die Würde der Persönlichkeit nicht verteidigt...“ Bitter zu lesen? Ja, bitter. Aber es hilft nichts – das ist die reinste Wahrhheit. [...]


DER WERT DES LEBENS IN RUSSLAND
[...]
Die Einstellung unseres Volkes zum Mord als zu etwas Gewöhnlichem überrascht durch ihre Selbstverständlichkeit. Kürzlich sind in England ein paar Frauen verschwunden, die sich mit Prostitution beschäftigten. Das wurde zu einem nationalen Skandal, und das ganze Land diskutierte das als ein außergewöhnliches Ereignis. Zur Auffindung der Täter wurden einige Tausend Polizisten und Mitarbeiter von Scotland Yard mobilisiert.
In unserem Land – ein ganz anderes Bild: Morde an Geschäftsleuten, Beamten aller Ränge und einfachen Bürgern in großen und kleinen Städten geschehen jeden Tag. Bei der Mehrzahl dieser Verbrechen hören wir nicht einmal etwas über die Ermittlungen – der Aufmerksamkeit der Medien gewürdigt werden nur große Kriminalfälle, die entweder aus politischen oder aus ökonomischen Motiven in Auftrag gegeben worden sind, wie z.B. die in jüngster Zeit geschehenen Morde an dem ersten Stellvertreter der Zentralbank Kozlov oder an der Journalistin Politkowskaja.
[...]
Ich weiß schon, welche Briefe ich von den Lesern bekommen werde – dass ich ein „Herr“ bin, und kein Russe, dass ich das russische Volk nicht liebe, auch nicht kenne, und – natürlich! – werden sie schreiben, dass es genüge, Puschkin, Tolstoi und Dostojewski zu lesen, um sogleich die geistige Reinheit und die Kraft des „Gotträgervolks“ zu verstehen. Und ich, bin ich nicht das Volk? Eine erstaunliche Sache, sobald du anfängst, von den Mängeln deines Volkes zu sprechen, dann stürzen sich seine Verteidiger sofort auf die rettenden Namen Puschkins und Tolstois...
Schaut euch doch um! Keinem Engländer würde es in den Sinn kommen, seine nationalen Mängel mit Shakespeare zu rechtfertigen, oder den Italieniern, ihre Kultur mit den Namen Dantes und Michelangelos zu verteidigen. Aber wenn es denn jetzt wirklich nötig sein sollte, an einen Klassiker zu erinnern, dann gebe ich Ihnen zum Abschied die bitteren Worte unseres Aleksej Maksimowitsch aus seinen „Unzeitgemäßen Gedanken“ auf den Weg: „...So zieht das Leben dahin: die einen rauben und morden, die anderen erschießen die Räuber, und die dritten reden und schreiben darüber. Und das alles – „einfach“. Manchmal sogar – lustig. Aber wenn man daran denkt, dass all das in einem Land vor sich geht, wo das Leben des Menschen bis zur Lächerlichkeit billig ist, wo es keine Achtung vor der Persönlichkeit und vor der Arbeit gibt, wo die „Einfachheit“ des Mordes zur „Gewohnheit“ wird, zu einer „alltäglichen Erscheinung“, - dann wird einem Angst um Russland...“



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Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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