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Widersprüche bei Gorki (Zitate aus der Literatur)

Mittwoch, 03. Dezember 2008, 22:52:32 | Armin Knigge

In russischer Sprache finden Sie diesen Beitrag hier.

«Zwiespältigkeit», «Widersprüchlichkeit», «Gespaltenheit» – diese und ähnliche Begriffe begleiten die Rezeptionsgeschichte Maksim Gorkis von Anfang an. Sie spiegeln gleichermaßen die zwiespältige Persönlichkeit des Schriftstellers wie die zwiespältige Einstellung vieler Kritiker zu ihm. Dieser Eintrag präsentiert eine Sammlung von Äußerungen namhafter Zeitgenossen und Kritiker Gorkis zu diesem Thema. In einem zweiten Eintrag werden diese Äußerungen kommentiert und in einen geschichtlichen Zusammenhang gebracht.

(1) Anton Tschechow (1899)

Sie sind der Natur nach ein Lyriker, das Timbre Ihrer Seele ist weich. Wenn Sie ein Komponist wären, sollten Sie es vermeiden, Märsche zu schreiben. Zu schimpfen, Lärm zu machen, bissig und wütend Mißstände aufzudecken – das ist Ihrer Natur nicht eigen. Von daher werden Sie verstehen, wenn ich Ihnen rate, bei der Korrektur ihrer Texte die Hundesöhne, Rüden und pshibzdiki [?] nicht zu schonen, die in [der Zeitschrift] «Zhizn'» hier und da auftauchen.

An Maxim Gorki, 3. September 1899; Perepiska A.P.Chekhova v dvukh tomakkh, T. II, M. 1984, S. 321.



(2) Aleksandr Blok (1908)

...wertvoll ist das, was Gorki nicht mit Lunatscharski, sondern mit Gogol verbindet: nicht mit dem Geist der modernen «Intelligenzija», sondern mit dem Geist des «Volkes». Das ist die Liebe zu Russland als ganzem, das Gorkis Verstand vielleicht auch «vergöttert», weil er in die Netze der Widersprüche und der tönenden «Kampf»-Parolen der Intelligenzija und Lunatscharskis geraten ist; aber Gorkis Herz liebt, ohne zu vergöttern, es liebt in tiefer Unruhe, fordernd und streng, auf Art des Volkes, so wie man Mutter, Schwester und Frau in einer Person lieben kann, als die Heimat, Russland.

«Narod i intelligencija»; Sobranie sochinenij v vos'mi tomakh, T. V, 1962, S. 321.



(3) Kornej Tschukowski (1924)

Während Gorki Tolstoi [in dem literarischen Porträt «Lew Tolstoi»] Gottähnlichkeit verleiht, hasst er zugleich das Tolstojanertum. Es erscheint ihm falsch, ausgedacht, feindlich gegenüber jenem dem Leben zugewandten Heiden, der Tolstoi in Wirklichkeit war. In der russischen Literatur ist der Gedanke, dass Tolstoi in Feindschaft mit sich selbst lebte, nicht neu, aber Gorki hat ihn auf neue Weise, in Bildern, klar und laut ausgedrückt. Hat er diesen Widerspruch nicht vielleicht deshalb mit solcher Kraft empfunden, weil auch bei ihm seine Predigt im Vergleich mit seiner literarischen Malerei ausgedacht und falsch wirkt, weil auch in ihm, wie in Tolstoi, zwei Seelen lebten, die eine - verborgen, die andere – für alle, und eine verleugnet die andere? Die erste ist tief versteckt, die zweite vor aller Augen, und Gorki demonstriert sie gern auf Schrit und Tritt.

«Dve dushi M. Gor'kogo» (Die zwei Seelen des M. G.), Leningrad 1924, S. 51-52.



(4) Jewgeni Samjatin (Anfang 20er Jahre)

Ich werde zu Ihnen von zwei Schriftstellern sprechen, die sich scharf voneinander unterscheiden. Der erste ist jung stürmisch, hartnäckig, ungehorsam; am wertvollsten auf der Welt sind ihm Freiheit, Unabhängigkeit, Anarchie. Der zweite – weiß alles; für den zweiten ist alles entschieden, Fragen gibt es nicht. Der zweite hat Programme und Gesetze. Der erste ist Anarchist, der zweite Marxist. Der erste rebelliert dagegen, dass zweimal zwei vier ist ... Der zweite – unterwirft alles dem Gesetz, weil die Vernunft dieses Gesetz nicht widerlegen kann. Der erste ist ganz Gefühl, der zweite ganz Vernunft. Und diese beiden Schriftsteller zusammen – tragen einen Namen: Maxim Gorki...

Entwurf einer Vorlesung über Gorki am Herzen-Institut in Petrograd. Erstveröffentlich aus dem Gorki-Archiv in: N.N. Primochkina, «M. Gor'kij i E. Zamjatin», Russkaja literatura, 1987, 4, S. 153.



(5) Aleksandr Voronskij (1926)

Majestätisch, frei und furchtlos ist das Denken des Menschen, aber bei uns in Russland ist es getrennt und abgerissen von den ursprünglichen Instinkten des Lebens. In dieser Zerrissenheit zwischen Denken und Fühlen sieht der Schriftsteller [Gorki] die Tragödie unserer Revolution. In der Revolution stellte sich heraus, dass das «vernünftige» Prinzip – die Intelligenzija – sich außerhalb des «Volkselements» befand.
Gorki ist kein ganzheitlicher Schriftsteller, er ist nicht monolithisch, wie man sich heute auszudrücken pflegt. In der Erzählung «Karamora» (Stechfliege) sagt der Held: «Ein ganzheitlicher Mensch ähnelt immer einem Ochsen – mit ihm ist es langweilig /.../. Verdrehte Menschen sind interessanter.» Diese Worte kann man auch auf Gorki beziehen. Auch er liebt verdrehte Menschen, und in ihm haben sich viele Widersprüche eingerichtet. /.../ Aber man muss feststellen – besonders für unsere über die Maßen «monolithischen» Künstler und Kritiker -, dass er gerade dank der Uneinheitlichkeit und Kompliziertheit seiner Natur ein großer, gewaltiger, ehrlicher und interessanter Schriftsteller geworden ist.

«O Gor'kom». «Pravda (1926), zit. aus: A. Voronskij, Izbrannye stat'i o literature, M. 1982, S. 43-44.



(6) Zh. El'sberg (1927)

Gorki versteht sehr gut, dass Klim [der Held des Romans «Das Leben des Klim Samgin»] ein erbitterter Feind derselben «interessanten» Menschen, der «Sonderlinge» ist, die er selbst liebt. Aber sich selbst scharf und bestimmt abzugrenzen von Samgin – das vermag er dennoch nicht. Er kann es deshalb nicht, weil der Skeptizismus in dem pessimistischen Blick des Helden sich schon in ihn selbst eingefressen hat, deshalb, weil Klim Samgin konsequent zu entlarven bedeuten würde, auch vor der Selbstentlarvung nicht halt zu machen, denn Gorki stimmt Samgin, wie wir gesehen haben, in vielem zu. Der Glaube an den «Humanismus», an die Kultur überhaupt, an Romain Rolland, an die Sonderlinge – dieser Glaube verbindet sich, besonders in den künstlerischen Werken der letzten Zeit, mit einem «Objektivismus», in dem der kalte Hauch pessimistischer Gleichgültigkeit zu spüren ist. /.../
«Das Leben des Klim Samgin» zeigt, dass die skeptische Brille Samgins schon einen schädlichen Einfluss auf die Augen Gorkis genommen hat.

«Glaza Maksima Gor'kogo skvoz' samginskie ochki»(G.s Augen durch die Brille Samgins), in: Na literaturnom postu, 2, 1927, S. 31.



(7) Georgi Adamovich (1936)
Bei Gorki war die soziale Beunruhigung immer sehr scharf ausgeprägt. Man könnte meinen /.../, dass ihn das Mitgefühl mit den Menschen leitet, dass humane Erwägungen, egal ob richtige oder unrichtige, ihn veranlassen, die gefährlichen Kräfte der Poesie den Prinzipien der Vernunft und des Nutzens unterzuordnen. Aber die Sache ist die, dass Gorki am allerwenigsten «human» ist, und seine Gespaltenheit ist hier besonders anschaulich. Wie weichherzig und sogar sentimental er auch immer im täglichen Leben war, - in der Kunst war er streng und grausam. Die Inspiration stellte sich bei ihm nur im Angesicht des Bösen ein, und kein russischer Schriftsteller hat eine vergleichbare Galerie von Typen hinterlassen, eine Galerie, die einem das Herz zusammenpresst. In Gorkis Schaffen fehlt das Licht. Es ist wenig erotisch, im hohen Sinne des Wortes, und in sich verschlossen. Eine unheilbare Trockenheit hält sein Schaffen in Fesseln.

«Maksim Gorki», in: Sovremennye zapiski (Paris) 1936, T. LXI, S. 391-392.




(8) Vladislav Khodasevich (1936)

Meine Herren! Wenn zur heiligen Wahrheit
Die Welt den Weg nicht findet, -
Dann Ehre dem Wahnsinnigen, der der Menschheit
Den goldenen Traum vor Augen führt.
(M. Gorki, «Nachtasyl»)
Durch die russische Befreiungsbewegung und dann durch die Revolution ging er als der Erwecker und Festiger des Traums, als Luka, der listige Pilger. Von der frühen, 1893 geschriebenen Erzählung über den erhabenen Zeisig, «der log», und den Specht, den nichtswürdigen «Liebhaber der Wahrheit», ist seine gesamte literarische und seine ganze persönliche Tätigkeit durchdrungen von einer sentimentalen Liebe zu allen Arten der Lüge und von einer hartnäckigen, konsequenten Abneigung gegen die Wahrheit. «Ich hasse die Wahrheit, aufrichtigst und unerschütterlich», schrieb er im Jahr 1929 an E.D. Kuskova. Mir scheint, ich sehe ihn vor mir, wie er, mit bösem Gesicht, gesträubtem Fell und einer am Hals geschwollenen Ader, diese Worte ausspricht.

«Gor'kij», in: V.F. Khodasevich, Nekropol'. Vospominanija, Paris 1976, S. 252-253.




(9) Robert Louis Jackson (1988)

In an article in „Novaja zhizn‘“ in December 1917, Gor’kij wrote of the „monstrous contradictions“ of the Russian revolution. Gor’kij, one might say, grappled with these contradictions not only during the Russian revolution, but in the periods leading up to and following that cataclysmic event. As a man and writer, however, he was unable and unwilling to come to terms with these contradictions. „My thoughts and feelings“, he once wrote, „will never reach an equilibrium, will never arrive at a common denominator“. Yet the very disequilibriums and contradictions that we find in Gor’kij the man and thinker are the ones that give his life and work their enormous vitality, interest and value.
Critics and scholares today are reassessing Gor’kijs complex personality and protean work.

Russian Literature XXIV-IV, 15 Novemer 1988. Special issue: Maksim Gor’kij. Introduction.




(10) Mikhail Agurskij (1988)

In dem literarischen Porträt über Lev Tolstoi nennt Gorki ihn einen „ozornik“ [Störenfried, Frechdachs, Spötter, Raufbold, Streichemacher u.a.]. Er behauptet, dass Tolstoi sich nicht als derjenige darstellte, der er wirklich war. Während er in Wahrheit ein Heide war, gab er sich vor den Menschen als ein christlicher Denker aus, - und dies nicht aus Heuchelei, sondern im Verlauf eines seltsamen Spiels mit sich selbst und den anderen.
Es scheint so, als ob auch Gorki selbst ein solcher ozornik war. Wenn Tolstoi unter der Maske des christlichen Denkers sein tiefsitzendes Heidentum versteckte, so benutzte Gorki die Maske des Radikalen (später eines Sozialdemokraten), um seine tiefsitzende Verneinung der Welt zu verbergen, seine Identifizierung mit der alten dualistischen Tradition, die die Welt als Schöpfung des Teufels ansieht und leidenschaftlich die Rettung in der Vernichtung des Weltbösen sucht..
Die Bolschewiken waren Gorki nahe als diejenigen Menschen, die am aktivsten nach einer radikalen Umgestaltung der Welt strebten, deshalb sympathisierte er aufrichtig mit ihnen, identifizierte sich jedoch geistig niemals mit ihnen. Er blieb der tragische Geist der Verneinung, der Wege zur Rettung der Welt suchte und sich eine eigene Soteriologie schuf: eine tief verborgene alte Mystik, zu deren Unterstützung er Elemente verschiedener moderner philosphischer und wissenschaftlicher Doktrinen heranzog.

„Neizvestnyj Gor’kij“ (Der unbekannte G.), Dvadcat‘ dva (Tel-Aviv), 1988, Nr. 61, S. 166.



(11) Boris Paramonov (1992)

In Gorki, im Bolschewismus, explodierte das europäisierte Russland, aber diese Explosion war zielgerichtet, technisch berechnet: die Anarchie wurde motiviert und bemäntelt durch straffe Organisation. Deshalb ist es so schwer zu entscheiden, was eigentlich in Russland vor sich gegangen ist: die Rückkehr in die vorpetrinische Periode oder ein futuristischer Sprung. Es war sowohl das eine wie das andere. Eine Bewegung resultierte daraus jedoch nicht, heraus kam «Stagnation» (zastoj).
Gorki weckt gemischte Gefühle – so wie Russland selbst, vielleicht sollte man sagen: wie die russische Revolution und die folgenden Ereignisse. Das ist natürlich ein Kompliment für Gorki, die Anerkennung seiner Zeitgemäßheit, seiner talentierten Ausdruckskraft als Zeitzeuge. Gorki ist bedeutsam, man muss sich an ihn erinnern.

«Gor'kij, beloe pjatno» (G., ein weißer Fleck), Oktjabr', 1992, Nr. 5, S. 167





(12) V.A. Keldysh (1993)

In diesem Sinne [d.h. im Sinne einer Gegenüberstellung des Publizisten und des Künstlers Gorki] ist vor allem eine der grundlegenden Oppositionen bei Gorki bemerkenswert. Durch sein gesamtes Schaffen ziehen sich zwei Typen von Menschen – der Mensch der „bunten Seele“ (ein Ausdruck des Schriftstellers) und die ganzheitliche Persönlichkeit.
In der „bunten Seele“ „leben alle Widersprüche beieinander“ (nach den Worten Mitja Karamazovs). In den einen Charakteren wird die „Buntheit“ als Schaden aufgefasst, in anderen als innerer Reichtum. Neben der zerstörerischen „Buntheit“ gibt es die polyphonische „Buntheit (wie in der Gestalt Lew Tolstois, des „Menschen als Orchester“, in dem ihm gewidmeten bekannten Porträt). Darin drückte sich nicht nur die Verschiedenheit der Charaktere selbst aus, sondern auch die Uneinheitlichkeit im Denken des Schriftstellers, der darin manchmal einen nationalen Mangel, manchmal das direkte Gegenteil – einen geistigen Besitz des Volkes erblickte: „Der Muschik aus dem Buch ist entweder schlecht oder gut..., aber die lebendigen Muschiks sind weder gut noch schlecht, sie sind erstaunlich interessant“ („Unter Menschen“) /.../
Die richtunggebende Opposition des gorkischen Schaffens, von der die Rede ist, - das ist die Opposition der Normativität und der Anormativität.

„O cennostnykh orientirakh v tvorcheste M. Gor’kogo“ (Über Wertorientierungen im Schaffen M.G.s), IAN, Serija literatury i jazyka, 52, Nr. 4, 1993, S. 23.





(13) Michel Niqueux (1996)

Gor'kij a mérité le purgatoire qu'il connaît maintenant. Il est victime de son dédoublement, de ses «deux âmes», et récolte la haine qui l'habitait (haine contre le passé, les petits-bourgeois, les paysans, l'Église, les «saboteurs», etc.). Sa tragédie est celle de toute une philosophie prométhéenne, d'un humanisme antichrétien, d'un relativisme qui justifie les moyens par la fin (après avoir affirmé le contraire à R. Rolland (lettre du 25 janvier 1922)). Elle est celle d'une majorité de ses contemporains, et Gor'kij est autant le reflet de son époque que son inspirateur. Comme chantre de l'idéologie du stalinisme qui repose sur cette philosophie, Gor'kij ne peut en être la victime innocente. /.../ Ce sont ces contradictions et ces déchirements qui font de sa figure l'emblème de toute une epoque. Le grand mérite de la perestroika a été de nous rendre un Gor'kij dans toute sa complexité.

„Le renouvellement des études sur Gor’kij (1986-1996)“, Revue des Ètudes slaves, Paris, LXVIII/4, 1996, p. 541-553; 553.




(14) Pavel Basinskij (2005)

... von dem Hass auf das russische Imperium ist sein ganzes Werk vergiftet. Übrigens, nicht nur seines. Das war eine Epoche endloser Spaltungen und eines unheimlichen, rätselhaften Willens zur Selbstvernichtung. Die Intelligenzija machte Front gegen Kirche und Staat. Der Staat gegen Tolstoi.
Nicht zufällig wurde Maxim Gorki einer der ausdrucksstärksten Artikulatoren dieser Epoche. In ihm vereinigte sich alles zu einem explosiven Gemisch: die Liebe zu „dem“ Menschen und der Hass auf „die“ Menschen, die Suche nach Gott und das Antichristentum, der Wille zum Leben und der Wille zur Selbstvernichtung, die Liebe zu Russland und die Beschreibung seiner „bleiernen Scheußlichkeiten“. Mitleid und Grausamkeit. Gesundheit und décadence. Alles, alles, alles.

„Gor’kij“, M. 2005, S. 181 (In der von Gorki gegründeten Serie „Das Leben bedeutender Menschen (Zhizn‘ zamechatel’nykh ljudej)).

Kategorie: Streit um Gorki

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