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Widersprüche bei Gorki (Kommentar)

Mittwoch, 03. Dezember 2008, 23:00:40 | Armin Knigge

Kommentar zu dem Eintrag "Widersprüche bei Gorki (Zitate aus der Literatur)"
In russischer Sprache finden Sie den Eintrag hier

Was bedeutet «dvojstvennost'»?

Zunächst etwas über den Wortschatz des «Widersprüchlichen» im Russischen. Neben den direkten Entsprechungen für 'Widersprüche' und 'Widersprüchlichkeit'(protivorechija, protivorechivost') ist in der Gorki-Literatur das Wort dvojstvennost' - 'Ambivalenz' oder 'Zwiespältigkeit' - der bevorzugte Begriff für das hier behandelte Phänomen. Es bezeichnet eine «doppelte» Erscheinung, die häufig einen Widerspruch enthält: dvojstvennoe reshenie – eine zwiespältige Entscheidung. Wenn es, wie in diesem Falle, auf den Charakter oder das Verhalten eines Menschen bezogen ist, bezeichnet es Schwankungen und Zweifel: ein dvojstvennyj chelovek ist ein unentschlossener Mensch, der der einen wie der anderen Seite zuneigt. Nahe an dieser Bedeutung befindet sich das Wort razdvoennost' 'Gespaltenheit', z.B. die Spaltung des Bewusstseins. Die «Zwiespältigkeit» in dvojstvennost' hatte übrigens bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht den Beigeschmack von Heuchelei, Doppelzüngigkeit und Verrat. Den bekam sie erst im Zeitalter der permanenten Verdächtigungen und der öffentlichen Verurteilungen, besonders in der Stalin-Zeit. Auch in der Rezeptionsgeschichte Maksim Gorkis hat die dvojstvennost' oft eine Färbung der moralischen Verurteilung, aber es hat auch immer wieder Stimmen gegeben, die in Gorkis Zwiespältigkeit einen Beweis für seine menschliche und künstlerische Größe gesehen haben.

Alle in die Sammlung aufgenommenen Autoren sprechen von einem «Zwiespalt» bei Gorki, bezogen auf seine «Natur», seine Weltanschauung, seine Kunst oder sein Verhalten im Leben. Offenbar handelt es sich hier um ein Generalthema, eine Art Leitmotiv in der mehr als hundertjährigen Wirkungsgeschichte des Schriftstellers. Das heißt nicht, dass die präsentierte Auswahl alle wesentlichen Meinungen über Gorki enthält, die jemals im Umlauf waren. Es fehlen insbesondere die lange herrschenden Stereotype der sowjetischen Gorki-Literatur über den «großen Schriftsteller der russischen Erde» und – auf der Gegenseite – die zahlreichen Negativurteile aus den Kreisen der russischen Emigration über den «Verräter» an den humanistischen Traditionen der russischen Literatur, den «zu jeder Kultur unfähigen» Gorki (Zinaida Gippius) oder einen primitiven, ganz zu Unrecht berühmten Schriftsteller (I. Bunin, V. Nabokov). Gorki – ein Großer oder Gorki – ein Nichts, das Phänomen der Zwiespältigkeit kommt in solchen «monolithischen» Gorki-Bildern nicht vor. Im Unterschied dazu bemühen sich alle in unserer Sammlung angeführten Autoren (darunter auch der namhafte Kritiker der russischen Emigration G. Adamovich (7) und der Vertreter der sowjetischen Gorki-Forschung V. Keldysh (12)) um ein differenzierteres und gerechteres Urteil. Die Mehrheit der Autoren sind namhafte Zeitgenossen aus der Umgebung Gorkis, ihre Aussagen werden ergänzt durch Urteile von Kritikern, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten mit herausragenden Beiträgen an der Diskussion beteiligt haben.

Die Denkfigur des inneren Widerspruchs, des «Kampfes mit sich selbst», begegnet auch in der Rezeptionsgeschichte anderer russischer Schriftsteller, die Namen der Klassiker Tolstoi und Dostoevskij werden auch in unserem Material mehrfach erwähnt. Dennoch ist die ständige Präsenz dieses Themas im Falle Gorkis auffallend. Bestimmte Fakten aus der Biographie des Schriftstellers, in denen seine «Zwiespältigkeit» besonders hervortritt, sind heute allgemein bekannt: dazu gehört vor allem Gorkis Haltung zur Oktoberrevolution, die er zunächst scharf verurteilt, um ein Jahrzehnt später in das von dieser Revolution geschaffene Land zurückzukehren. Für Irritationen bei Lesern und Kritik sorgten auch seine gegensätzlichen, oft miteinander unvereinbaren, Urteile über Russland und die Russen, die Intelligenzija und das Bauerntum und über viele Persönlichkeiten seiner Zeit, unter ihnen Lenin und Stalin, Tolstoi und Dostojewski, der Schriftsteller und Freund Leonid Andreev, der ieologische Gegner Vasilij Rozanov und viele andere. Die lautesten Reaktionen der Empörung über das «erzcharakterlose» (Lenin) Verhalten des Schriftstellers kamen von den bolschewistischen Führern, aber auch aus der politischen Emigration . In der öffentlichen Debatte wurde die Zwiespältigkeit Gorkis daher vor allem als eine Erscheinung der politischen Unzuverlässigkeit wahrgenommen. Im Unterschied zu diesem rein politischen Kontext stellen die angeführten Autoren dieses Phänomen in einen weiten historischen Kontext, der sowohl die Besonderheiten seines Charakters als auch die Bedingungen seiner Tätigkeit im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einschließt.

Ein „Lyriker“ als Grobian

Die Mehrzahl der angeführten Autoren hält die Zwiespältigkeit Gorkis für eine im wesentlichen negative Eigenschaft, einen Mangel an Ausgeglichenheit, Klarheit und Konsequenz. Gorki selbst hat oft von dem schmerzhaft erlebten Zustand der innneren Unausgeglichenheit und Widersprüchlichkeit gesprochen, den er unter dem Einfluss gegensätzlicher Kräfte auf sein Bewusstsein erlebte. Das betraf vor allem die jungen Jahre seiner Entwicklung, aber die Empfindung der Zerrissenheit zwischen gegensätzlichen Einflüssen und zwischen seinem emotionalen Selbstbefinden und seinen «Überzeugungen» verließ ihn bis zu seinem Lebensende nicht. Das Vorhandensein eines solchen Zwiespalts in der Beziehung des Autors zu sich selbst hat der Schriftstellerkollege Anton Tschechow (1) mit dem ihm eigenen Gespür für solche Probleme als erster entdeckt. Er sah in der betont kämpferischen Haltung des jungen Gorki einen Widerspruch zu seiner «weichen» Natur. Gorki ist dem Rat Tschechows nicht gefolgt: er hat – in Tschechows Bild des Komponisten – weiter «Märsche» geschrieben, aber in den besten Teilen seines Werks auch die Einfühlsamkeit des «Lyrikers» bewiesen. Am Ende unserer Auswahl steht, mit dem Zitat aus Pavel Basinskijs (14) Monographie «Gorki» eine bis zur Absurdität zugespitzte Aufreihung aller Widersprüche der Zeit, die sich in der Person des Schriftstellers und seinem Werk konzentrieren.

Herz und Verstand – Anarchie und Ordnung – Europa und Asien

Zwischen dem Anfang und dem Ende in der Reihe der zitierten Äußerungen befindet sich ein breites Spektrum von Definitionen der Zwiespältigkeit Gorkis und von Versuchen, die Ursachen dieses Phänomens zu erklären. Der Dichter Aleksandr Blok (2) erklärte 1908, Gorki, der Künstler, gehöre dem «Volk», nicht den Ideologen der Intelligenzija, vertreten etwa durch den Sozialdemokraten Lunatscharski. Wie viele Kritiker nach ihm verweist Blok auf den Zwiespalt zwischen «Herz» und «Verstand», der das Schicksal dieses Menschen «aus dem Volk» in besonderem Maße bestimmt habe. Dieser Gedanke wird in einer Reihe von Publikationen der 20er Jahre weiter entwickelt, die zum Besten gehören, was über Gorki gesagt worden ist. Der Schriftsteler Jewgeni Samjatin (4) hat mit seiner Gegenüberstellung von «zwei Schriftstellern», die beide den Namen Gorki tragen, eine griffige Formel für den Zwiespalt Gorkis zwischen den Polen des Chaos und der Ordnung geliefert: Freiheit, Wille, Anarchie auf der einen, Programme, Gesetze, Ideologien auf der anderen Seite. Der Literaturkritiker Kornej Chukovskij (3) hat in seiner bekannten Monographie diesen «doppelten Menschen» mit Gorkis Konzeption der «Zwei Seelen» (1915) in Beziehung gesetzt, wo der Schriftsteller zwei Seiten des russischen Nationalcharakters gegenüberstellt: in ihm kämpfen die Seele des aktiven, denkenden, rebellierenden Europäers und die des passiven, unaufgeklärten und gefühlsbetonten Asiaten um die Vorherrschaft, wobei letzterer allerdings die größere Fähigkeit zum künstlerischen Schaffen besitzt. Ein solcher Kampf spielt sich nach Ansicht Chukovskijs auch im Bewusstsein Gorkis ab. Ungeachtet seiner anscheinend vollkommen «intelligenzhaften» Lebensumstände, habe es Gorki «innerlich, mit seinem ganzen Schaffen, seinem echten Ich» nicht vermocht, sich der von ihm vergötterten Intelligenzija anzuschließen: «Der ganze künstlerische Apparat Gorkis ist ausschließlich für die Darstellung des wilden, kulturlosen Russlands geeignet».

Zwischen «Denken» und «Instinkten des Volkes» – die «Tragödie unserer Revolution»

Der 1926 erschienen Artikel «Über Gorki» des namhaften Kritikers und Redakteurs der Zeitschrift «Krasnaja nov'» (Rotes Neuland) Aleksandr Voronskij (5) enthielt eine im politischen Kontext kühne These: der Zwiespalt Gorkis, seine «Zweifel und Schwankungen» hätten ihre Wurzeln nicht in seinen persönlichen Eigenschaften, sondern im Charakter der nachrevolutionären Kultur. Er berief sich dabei auf die Erzählung «Der Nachtwächter» (Storozh, 1923), wo Gorki in eindrücklichen Bildern des Provinzlebens ein, nach Ansicht des Autors, grundlegendes Defizit der modernen russischen Kultur beschreibt: die Abgetrenntheit der Welt des Denkens, d.h. der Intelligenzija, von den «Instinkten des Volkes». Gorki spricht in diesem Zusammenhang von der «Tragödie einer Nation», Voronskij ändert diese These in die Formel «die Tragödie unserer Revolution». Das ist eine der «häretischen» Ideen Voronskijs, für die er, unter der Anklage des Trotzkismus, 1937 mit seinem Leben bezahlte. Polemisch klang auch Voronskijs Erklärung, Gorki sei «kein ganzheitlicher», kein «monolithischer» Schriftsteller, und in seiner Person hätten sich «viele Widersprüche miteinander eingerichtet». Insbesondere verteidigte der Kritiker die politisch verdächtige Vorliebe des Schriftstellers für Sonderlinge, Störenfriede und andere «unfertige» Menschen. Voronskij ist der erste Kritiker, der die Zwiespältigkeit Gorkis nicht als Mangel oder Verfehlung, sondern als Merkmal einer bedeutenden Künstlernatur beschreibt.

Gorkis Augen und die «schädliche Brille» Klim Samgins

In der Gestalt des «proletarischen» Kritikers Zh. El'sberg (6) kommt einer von denen zu Wort, die Voronskij in seinem Artikel ironisch als «über die Maßen monolithische Kritiker» bezeichnet hatte. El'sberg entdeckte in dem gerade erschienenen ersten Teil des Romans «Das Leben des Klim Samgin» eine vom Standpunkt der Partei unzulässige Sympathie des Autors mit seinem Helden, so etwas wie eine Infektion durch den «Skeptizismus» und «Objektivismus» (!) des Intelligenzlers und zweifelhaften Revolutionärs Klim Samgin. Dem Autor gelinge es nicht, die beabsichtigte «Entlarvung» seines Helden durchzuhalten. Der aggressive Ton des Artikels nimmt den Zeitungsjargon der 30er Jahre vorweg. Die Zwiespältigkeit Gorkis erhält hier einen scharf negativen Akzent, nahe der Bedeutung der Heuchelei und des Verrats. Dennoch war das vorläufig noch eine Einzelstimme in einer durchaus kontroversen und lebendigen Diskussion über Gorki, die mit der Rückkehr Gorkis ab 1928 auf Weisung Stalins beendet wurde. Von da an waren kritische Äußerungen über Gorki praktisch verboten.

Fehlendes Mitgefühl und «Hass auf die Wahrheit»

In den Nekrologen (1936) von Georgij Adamovich (7) und Vladislav Khodasevich (8), beide in der Presse der Emigration veröffentlicht, wird der Gedanke der Zwiespätigkeit auch von der anderen Seite seiner politischen Gegner, obgleich mit einem gewissen Verständnis, überwiegend negativ akzentuiert. Adamovich glaubt in Gorkis Werk einen eigentümlichen Widerspruch zwischen dem programmatischen Thema des sozialen Mitgefühls und der Gestaltung dieses Themas im künstlerischen Werk zu entdecken. Dort nämlich spüre man nichts von Wärme und Mitleid, Gorkis Kosmos sei vom Prinzip des Bösen beherrscht. Darin sieht der Kritiker eine Nähe zu seinem ungeliebten Vorgänger Dostojewski. Bei beiden habe die vorherrschende Düsternis mit der Naturferne der Autoren zu tun, erklärt Adamovich.
Khodasevich, als einstiger Mitarbeiter ein guter Kenner der Welt Gorkis, konstatiert mit polemischer Schärfe die «sentimentale» Liebe des Schriftstelers zu allen Formen der «Lüge» in Gestalt des «erhebenden Betrugs», der Hoffnungen und Illusionen, und auf der anderen Seite eine hartnäckige Abneigung gegen die «Wahrheit», d.h. die den Träumen entgegenstehende «Wirklichkeit» des Lebens, eine Abneigung, die sich unter Umstaänden zum offen erklärten «Hass auf die Wahrheit» steigern kann. Khodasevich hat mit diesem Thema zweifellos einen Kernpunkt des Phänomens getroffen, einen Zwiespalt, der nicht nur Gorki, sondern generell das utopische Denken seiner Zeit betraf.

«Bunte Seele» anstelle des positiven Helden

Im zweiten Teil der Sammlung (9) – (14) werden die Resultate der wissenschaftlichen und publizistischen Diskussion über Gorki in den letzten beiden Jahrzehnten angeführt, d.h. in einer Periode, die nach dem Ende der staatlichen Gorki-Forschung durch eine Neuorientierung in der öffentlichen Beschäftigung mit diesem Schriftsteller gekennzeichnet war. Den Versuch, eine solche Neuorientierung auf dem Wege einer Reform der «alten» staatlichen Gorki-Forschung einzuleiten, stellt der Artikel von V.A. Keldysh (12) dar. Es ist bememerkenswert, dass der dort vetretene «neue Blick» auf Gorki in wesentlichen Punkten mit den Thesen des «Häretikers» Voronskij (5) zusammenfällt: Gorki ist nicht «ganzheitlich», nicht «monolithisch», seine Lieblingsfigur ist nicht der «positive Held» des sozialistischen Realismus, sondern ein widersprüchliches Wesen, der «Mensch der bunten Seele». Samjatin (4) folgend, bestimmt Keldysh die Zwiespältigkeit Gorkis als eine Opposition zwischen «Normativität» und «Anormativität» – mit deutlicher Präferenz für den zweiten Teil.
Dass diese – verglichen mit dem Gorki-Bild der sowjetischen Periode – wirklich überraschenden Erkenntnisse eine dauerhafte Neuorientierung bei den Teilnehmern der regelmäßigen Gorki-Konferenzen (Gor'kovskie chtenija) in Nizhni Novgorod bewirkt haben, ist allerdings vorläufig kaum zu beobachten.

Die Gnostiker und der Bolschewismus

Die übrigen Autoren der jüngsten Periode stellen das Phänomen der Zwiespältigkeit Gorkis zum Teil in neue, unerwartete Kontexte. Das betrift besonders die Konzeption des russisch-israelischen Kulturhistorikers M. Agurskis (10), der fein neues Bild der «geistigen Persönlichkeit» Gorkis entdeckt (oder geschaffen) hat. Der zentrale Gedanke darin ist die (ihm weitgehend unbewusste) Nähe Gorkis zur religiösen Tradition des Gnostizismus und seiner tiefen «Negation der Welt», die für die Gnostiker eine Emanation des Bösen darstellt und nur durch ihre Vernichtung «gerettet» werden kann. Von daher ergibt sich nach Ansicht des Verfassers das zwiespältige Verhältnis zu den Bolschewiken. Das Thema «Gorki und der Bolschewismus» steht auch im Mittelpunkt des gedankenreichen Artikels von B. Paramonov (11). Die Zwiespältigkeit Gorkis spiegelt nach Ansicht des Kritikers die eigentümlich gemischten und widersprüchlichen Tendenzen der russischen Revolution: war sie «die Rückkehr in die vorpetrinische Archaik» oder «ein futuristischer Sprung»? Pavel Basinskij (14) hat in seiner Monographie, neben anderen interessanten Gedanken, eine auffällige Nähe des späten Gorki zu den französischen Existenzialisten entdeckt, die in wiederholten Äußerungen über die «Einsamkeit des Menschen» im Kosmos ihren Ausdruck findet.

Auch im Westen – ein «neuer Gorki»

Zum Beweis dafür, dass sich der Blick auf Gorki auch in der westlichen Welt erneuert hat, werden Artikel des amerikanischen Slavisten Robert Jackson (9) und seines schweizerischen

Kollegen Michel Niqueux (13) angeführt. Jackson hat in einer Gorki gewidmeten Sondernummer der Zeitschrift Russian Literature 1988 die Hoffnung auf einen Aufschwung in der Forschungsarbeit über den Schriftsteller ausgesprochen und hat dabei . wie ein halbes Jahrhundert zuvor A. Voronskij – auf den positiven, produktiven Effekt der Widersprüchlichkeit und Unausgeglichenheit seines Lebensweges verwiesen, die dem Werk des Schriftstellers «eine enorme Energie, Interessantheit und Werthaltigkeit» verleihen. Niqueux verhält sich zu der Frage nach der bleibenden Bedeutung des Schriftstellers wesentlich kritischer: in Gorki sei «die Tragödie der gesamten prometheischen Philosophie» verkörpert, das Scheitern eines «antichristlichen Humanismus» in der Epoche der Moderne. Die Schuld an den Grausamkeiten der russischen Revolution und der Folgeperiode, die ihre letzten Wurzeln in eben dieser Philosophie haben, hat nach Meinung des Forschers auch Gorki, der «Sänger des Stalinismus», mitzutragen.

„Gorki ist bedeutsam, man muss sich an ihn erinnnern“

Die angeführten Argumente über die «Zwiespältigkeit» Gorkis in einer einzigen griffigen Formel zu vereinigen, ist unmöglich. In der Persönlichkeit Maxim Gorkis existierten in der Tat zahlreiche Widersprüche neben- und gegeneinander, verschiedene, unvereinbare «Seelen»: der «Lyriker» und der Grobian, der Plebejer und der Intelligenzler, der russische Künstler und der Bolschewik, der Sänger der «östlichen» Seele des Russentums und der radikale «Westler», der religiöse Mensch und der militante Atheist. Welche Gefühle erweckt der Anblick einer solchen zwiespältigen Persönlichkeit? In dem hier vorgeführten Korpus von Äußerungen überwiegen die Reaktionen der Irritation, des Befremdens und der offenen Ablehnung auf dieses Phänomen. Diejenigen, die in dieser Unausgeglichenheit eher einen Vorzug der Persönlichkeit Gorkis als einen Mangel erblicken, bleiben in der Minderheit. Diesen Schriftsteller zu schätzen, ihn womöglich zu «lieben» - das erscheint in der postsowjetischen Periode schwierig oder unmöglich. Für die Älteren ist sein Name mit einer Epoche verbunden, die – neben nostalgisch verklärten Erinnerungen, auch schmerzhafte Wunden hinterlassen hat. Für die Jungen wirken gerade die Themen, die ihm am wichtigsten waren, als Zeugnisse einer längst vergangenen Welt. Für diejenigen unter ihnen, die Fragen an diese Vergangenheit haben, kann Gorki aber gerade mit seinen Widersprüchen ein sehr interessanter Zeitzeuge sein. Er hat offenbar Tolstoi in der Rolle des «Spiegels der russischen Revolution» (Lenin) abgelöst. Vielleicht kann er auf diesem Wege auch einfach als ein großherziger Mensch und ein großes Erzähltalent wiederentdeckt werden.
Über die Zwiespältigkeit bei Gorki werden mit großer Wahrscheinlichkeit noch viele Arbeiten geschrieben werden, wissenschaftliche und unwissenschaftliche. B. Paramonov (11) hat recht: «Gor'ki weckt gemischte Gefühle – wie Russland selbst...», und eben deshalb ist er «bedeutsam», «man muss sich an ihn erinnern».

Kategorie: Streit um Gorki

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