Blog > Eintrag: 1928 - 1938

1928 - 1938

Sonntag, 18. Juni 2006, 12:32:07 | Armin Knigge

1928

Erste Reise nach Sowjetrussland seit 1921. Es war noch keine endgültige „Rückkehr“, wie die sowjetische Presse glauben machen wollte, denn Gorki behielt seine Wohnung in Sorrent bis 1933 und wechselte bis dahin – nicht nur aus gesundheitlichen Gründen – zwischen Moskau und Italien hin und her.

Im übertragenen Sinn war diese Reise allerdings wirklich eine Rückkehr in die Heimat, die schwerwiegende und irreversible Entscheidung nicht nur für die neue sowjetische Gesellschaft und ihre Kultur , sondern nach Lage der Dinge auch eine Entscheidung für den sowjetischen Staat unter Stalin. Der Schritt war in den vorangehenden Jahren vielfältig vorbereitet worden. Von seiten Gorkis intensivierten sich seit 1925 die brieflichen Kontakte mit russischen Schriftstellern, Kritikern und Institutionen des literarischen Lebens. Noch vor seiner Abreise hatte er sich mit der Förderung junger Talente in der neu entstehenden Literatur große Verdienste erworben, insbesondere in seiner Rolle als Mentor und Beschützer der „Serapionsbrüder“ (Fedin, Slonimskij, Sostschenko u.a.) Neben dieser Eliteliteratur hatten es ihm die jungen proletarischen Schriftsteller und Journalisten, die sog. Arbeiter- und Bauernkorrespondenten (rabkory, sel'kory) besonders angetan. Außerdem hatte G. Aufsehen erregende Beiträge in „Pravda“ und „Izvestija“ veröffentlicht, z.B. 1926 eine Würdigung des Gründers der Tscheka, F.E. Dzerzhinskij aus Anlass seines Todes, die besonders in Emigrantenkreisen Empörung hervorgerufen hatte. Von Lesern und Kritik in Sowjetrussland war G. in den Jahren nach seiner Ausreise stets als eine erstrangige Persönlichkeit wahrgenommen und oft auch kontrovers diskutiert worden. Die freie Diskussion pro und contra Gorki ging erst zuende, als Stalin sich für den Schriftsteller zu interessieren begann. Um Gorkis Namen und seine internationale Autorität für den Sowjetstaat zu gewinnen, setzt Stalin eine kulturpolitische Kampagne in Gang, die kritische Äußerungen über seinWerk und seine Person praktisch unter Verbot stellt und stattdessen überschwengliche Lobeshymnen für den „großen proletarischen Schriftsteller“ verordnet. Die pompösen Feierlichkeiten aus Anlass des 60.Geburtstags 1928 sind Teil dieser Kampagne.

G. trifft Ende Mai in Moskau ein, nimmt an zahlreichen Festakten und Empfängen mit der Parteiführung und Vertretern der Kultur teil. Er unternimmt eine mehrwöchige Reise durch die Sowjetunion, die er in dem publizistischen Bericht „Durch die Sowjetunion“ (Po Sojuzu Sovetov) verarbeitet.

1928 in die Liste der Nobelpreiskandidaten aufgenommen (neben J. Galsworthy, Th. Mann, S. Lewis u.a.), auch in den Folgejahren mehrfach nominiert. 1933 ging der Nobelpreis an Ivan Bunin, den einstigen Freund und erbitterten Gegner G.s


1929-1933

G. wird zum ersten Schriftsteller des Staates und zum Kulturfunktionär. Unternimmt weitere ausgedehnte Reisen in die Sowjetunion. Besucht u.a. das Straflager auf der Insel Solovki im Weißen Meer (Anlass für eine scharfe Abrechnung mit G. in A. Solschenizyns «Archipel GULag»). Redigiert mehrere Zeitschriften, darunter die für die Auslandspropaganda bestimmte Zeitschrift „Unsere Errungenschaften“ (Nashi dostizhenija). Veröffentlicht publizistische Artikel, die man nach Inhalt, Stil und Wirkung als stalinistisch bezeichnen muss, der bekannteste unter ihnen ist überschrieben: „Wenn der Feind sich nicht ergibt, vernichtet man ihn“ (1930).

1929 beginnt der Briefwechsel mit Stalin (größere Teile 1997 u.1999 veröffentlicht).

Themen: Kollektivierung der Landwirtschaft, die Prozesse gegen „Schädlinge“, das Serienwerk „Geschichte des Bürgerkriegs“, Erziehung der Jugend u.a.

Großartig, geradezu genial, ist der Prozess gegen die Schädlinge aufgezogen. Ich bin, natürlich, für die ‚Höchststrafe‘, aber vielleicht wäre es politisch klüger, die Lumpen in strenger Isolierung auf der Erde zu lassen. Möglich, dass das eine heilsame Wirkung auf alle ‚Spezialisten‘ haben und den Feinden das Maul stopfen könnte, die immer auf eine Gelegenheit warten, lautes Geschrei über die Bestialitäten der Bolschewiken zu erheben.
An Stalin (2.12.1930)


(Zum Briefwechel mit Stalin vgl. Eintrag Eine schwere Schuld – Gorki und Stalin.)

1932 Feiern zum 40. Jubiläum seiner literarischen Tätigkeit (u.a. mit Umbenennung der Stadt Nizhni Novgorod in „Gorki“, Gründung des „Gorki-Literaturinstituts in Moskau“)

Am 28.10.1932 in Gorkis Haus in Moskau Treffen einer Gruppe von Schriftstellern mit Stalin und anderen Vertretern der Parteiführung: der „sozialistische Realismus“ wird aus der Taufe gehoben (Terminus nicht von Gorki, aber von ihm unterstützt).

1933 gibt er seinen Wohnsitz in Sorrent auf und bleibt bis zu seinem Tod in der Sowjetunion.

Neben dem öffentlichen politischen Wirken intensive künstlerische Arbeit an Theaterstücken und dem Roman „Das Leben des Klim Samgin“.

Die Stücke „Jegor Bulytschow“ (Premiere 1932) und „Dostigajew“ (1933) sind Charakterstudien aus dem vorrevolutionären Kaufmannsmillieu und haben wenig mit der sowjetischen Gegenwart zu tun. Noch weiter von dieser Wirklichkeit entfernt ist der Roman „Das Leben des Klim Samgin“ (s.oben).


1934

11.05.Tod des Sohns Maksim Peschkow (geb. 1897)

Im Prozess gegen Bucharin u.a. 1938 erklärten Zeugen (darunter der Arzt L. Lewin), der Tod des 37-jährigen Peschkow sei auf Verlangen des NKWD-Chefs G. Jagoda durch falsche Behandlung herbeigeführt worden, nachdem sich Peschkow eine Erkältung zugezogen hatte. Gorkis Sekretär P. Krjuchkov habe zuvor Peschkow nach einem Trinkgelage auf einer Gartenbank zurückgelassen, wo sich dieser die Erkältung geholt habe. – Der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen bis heute ungeklärt. Maksim könnte den 'Bewachern' G.s als ein Vertrauter seines Vaters im Wege gewesen sein.

17.08.- 1.09. Erster Allrussischer Kongress der sowjetischen Schriftsteller unter der Leitung G.'s Eröffnungsvortrag: „Die Sowjetliteratur“

1.12. Mit der Ermordung des Parteiführers Sergej Kirov in Leningrad beginnt die Periode des verschärften Terrors.
1935

Im Januar erscheinen in der „Pravda“ Artikel von D. Zaslavskij und F. Panferov, die sich gegen Kritik von seiten Gorkis zur Wehr setzen und damit erkennbar seine Autorität schwächen. G. hält auf dem zweiten Plenum des Schriftstellerverbands eine Rede „Unsere Literatur – die einflussreichste der Welt“.

Am 1. Mai stürzt das für Propagandazwecke eingesetzte Flugzeug „Maxim Gorki“ während einer Flugschau in Moskau ab.

21.-25.06. Internationaler Kongress der Schriftsteller zur Verteidigung der Kultur in Paris. G. muss die Teilnahme krankheitshalber absagen. Seine Grußadresse wird verlesen.

29.06.-21.07. Besuch des Schriftstellers und Freundes R. Rolland in Moskau. (Rollands Bericht „Moskauer Tagebuch“ erst 1989 veröffentlicht.)

Wird im Dezember vom Zentralkomitee zum Vorsitzenden des Puschkin-Komitees in Verbindung mit dem 100. Todestag des Dichters berufen.


1936

Lebt den Winter über in Tesseli auf der Krim. Arbeit an „Klim Samgin“.

Anfang März Besuch von dem französischen Schriftsteller André Malraux, begleitet von dem Publizisten M. Kol'cov und dem Schriftsteller I. Babel'.

G. protestiert in einem Brief an Stalin gegen die Kampagne, der der Komponist D. Schostakowitsch wegen angeblichen „Formalismus“ ausgesetzt war.

Der Artikel in der „Pravda“ hat einer Schar talentloser Menschen und Pfuscher die Erlaubnis erteilt, eine regelrechte Hetzjagd auf Schostakowitsch zu eröffnen...Die von der „Pravda“ ausgedrückte Beziehung zu ihm kann man kaum als „behutsam“ bezeichnen, aber eben eine behutsame Behandlung verdient dieser begabteste unter den sowjetischen Musikern.
An Stalin, März 1936


27.05. G. kommt nach Moskau und erkrankt bald darauf an Grippe. Vom 6. Juni an erscheinen Bulletins über seinen Gesundheitszustand.

8.06. Besuch Stalins und Woroschilows am Krankenbett in G.s Sommerhaus bei Moskau.

18.06. Gorki stirbt. Todesursache: eine Bronchopneumonie mit zusätzlichen Komplikationen.

19.06. Mitteilung der Regierung in der „Pravda“ über das Ableben des „großen russischen Schriftstellers, des genialen Künstlers des Wortes, des selbstlosen Freundes der Werktätigen, des Kämpfers für den Sieg des Kommunismus“ Maxim Gorki.

20.06. Trauerfeier auf dem Roten Platz. Die Urne mit den sterblichen Überresten wird in der Kremlmauer beigesetzt. Der anwesende französische Schriftsteller André Gide erklärt in seiner Trauerrede: „Er nimmt seinen Platz neben den Größten ein.“


1938

In dem sog. dritten Schauprozess gegen eine «rechts-trotzkistische Organisation», d.h.die Vertreter der ehemaligen Opposition Bucharin, Rykov und Krestinskij, wird dem ehemaligen Chef des Geheimdienstes (OGPU, dann NKVD) Genrikh Jagoda vorgeworfen, er habe mittels verbrecherischer Ärzte vier „medizinische Morde“ begangen, deren Opfer neben den Parteiführern Kujbyschew und Menzhinski der Schriftsteller Gorki und sein Sohn Maksim gewesen seien. Jagoda bekennt sich schuldig, die Anweisung zur Tötung Maxim Gorkis gegeben zu haben. Im Falle des Sohnes weist er jede Schuld von sich.

In der Folgezeit kommen verschiedene Versionen über Gorkis Tod hinzu. Trotzki machte Stalin verantwortlich. Auch in der Gorki-Literatur wird diese Auffassung vielfach mit der Begründung vertreten, das mögliche Verhalten Gorkis bei den anstehenden Schauprozessen habe für Stalin ein Risiko bedeutet. Einige Autoren präsentieren eigene Theorien, darunter L. Spiridonova, die von einem täuschend simulierten natürlichen Tod ausgeht, den Jagoda ohne Wissen Stalins mit pharmazeutischen Mitteln aus seinem Speziallabor bewerkstelligt habe; oder V. Baranov, der eine angeblich völlig im Dunkeln gebliebene Täterin präsentiert: die ehemalige Lebensgefährtin und Vertraute G.s Marija Budberg.- Die inzwischen von Fachleuten geprüfte Krankenakte des Schriftstellers mit den Obduktionsbefunden veranlasst heute allerdings die Mehrzahl der Autoren, einen natürlichen Tod für wahrscheinlich zu halten. Wenn es sich so verhält, war dies allerdings ein glücklicher Zufall für Stalin.

Kategorie: Lebensdaten

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang