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Abschaffen oder neu begründen?

Donnerstag, 19. Februar 2009, 17:10:53 | Armin Knigge

Argumente für eine Diskussion um den Namen des Maxim-Gorki-Gymnasiums in Heringsdorf

(Zur Entstehung der nachfolgenden Stellungnahme s. den Eintrag "Maxim-Gorki-Gymnasium Heringsdorf - Ende einer Diskussion?")

Zur meiner Person: Ich bin Hochschullehrer für Slavische Philologie und habe bis zu meiner Pensionierung 2003 ca. drei Jahrzehnte am Slavischen Seminar der Universität Kiel Lehrveranstaltungen über die russische und die polnische Literatur abgehalten, darunter eine Reihe von Vorlesungen und Seminaren über Maxim Gorki. Seit 2006 biete ich auf der Internetseite der-unbekannte-gorki.de Texte Gorkis sowie Informationen und Meinungen über sein Werk an. Seit 2007 ist diese als „Blog“ firmierende Publikation auch durch eine Abteilung in russischer Sprache ergänzt: neizvestnyj-gorkij.de. Ziel und Anliegen der Website ist es, diesem heute besonders in Westeuropa weitgehend vergessenen Autor wieder zu dem Ansehen zu verhelfen, das dieser bedeutenden Persönlichkeit gerecht wird, zugleich aber nicht die Augen davor zu verschließen, dass Gorki am Ende seines Lebens einen traurigen Verrat an seinen früheren politischen und moralischen Anschauungen verübt hat. Bis zum Ende der 20er Jahre galt er – wenn auch keineswegs unumstritten – als einer der Großen der Weltliteratur. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion aus dem italienischen Exil und der aktiven Unterstützung der Politik Stalins wurde er zu einem mit Ehren überhäuften Staatsschriftsteller und verlor im Gegenzug viel von seiner künstlerischen und menschlichen Autorität. In der Periode von Glasnost‘ und Perestrojka wurde dieses Denkmal der sowjetischen Kultur von heftigen Stürmen erschüttert. Danach begann in der Heimat des Schriftstellers ein zögernder Prozess der Wiederentdeckung dieses allzu bekannten und doch in vielen Teilen seines Werks und seines Lebens unbekannten Schriftstellers.

Von der Diskussion um den Namen des Maxim-Gorki-Gymnasiums habe ich durch Briefe von einem Schüler und einer Lehrerin erfahren, die mich um meine Meinung in dieser Angelegenheit gefragt haben. Ich beziehe mich im folgenden auf zwei Beiträge zu diesem Thema: den mit D.M. gezeichneten Artikel „Maxim Gorki – „Eine unbequeme Wahrheit?“ , erschienen im Dezember 2007 in der Schülerzeitung „Monatswisch“ und auf den Artikel „Fürsprache für Gorki“ von Christina Matte in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ (7.Juni 2008). Der erste formuliert mögliche Argumente für die Abschaffung des Namens, die sich auf Gorkis Unterstützung einer totalitaristischen Ideologie beziehen, der zweite plädiert für Beibehaltung, verbunden mit einem Prozess des „Nachdenkens“ über das Problem. Diesem Modell des Pro und Contra, bezogen auf die Beibehaltung des Namens, möchte ich auch im Aufbau meiner Überlegungen folgen. Dabei muss das Contra, also der Komplex der möglichen Argumente gegen die Beibehaltung des Namens, wie ich meine, am Anfang stehen. Denn hier ergeben sich erhebliche Schwierigkieten, wenn es darum geht, das Bild des Namensgebers mit dem Erziehungsauftrag eines Gymnasiums im heutigen Deutschland zu verbinden, vor allem mit dem Auftrag, den Schülern Werte wie Freiheit, Demokratie und Toleranz nahezubringen. Der Grund dafür liegt in der publizistischen Tätigkeit Gorkis in den 30er Jahren und darüber hinaus in dem offiziellen Bild des Schriftstellers, das in der Sowjetunion und später in der DDR den Umgang mit dem Erbe Gorkis regelte. Dieser Fragenkreis ist in der Abteilung CONTRA ausgeführt, danach folgen in der Abteilung PRO Argumente für eine mögliche Neubegründung des Namens, die sich hauptsächlich auf das künstlerische Werk beziehen.


1. Argumente CONTRA

1.1 Gorkis Publizistik der 30er Jahre

Als signifikantes Beispiel für die publizistischen Auftritte Gorkis in den 30er Jahren soll hier der Artikel „An die Humanisten“ angeführt werden, der, wie viele andere dieser Art, gleichzeitig in der Parteizeitung „Pravda“ und der Regierungszeitung „Izvestija“ gedruckt wurde (11.12.1930). Anlass war ein Protest der deutschen „Liga für Menschenrechte“ gegen die Hinrichtung von 48 Sowjetbürgern, denen die Anklage vorsätzliche Herbeiführung von Nahrungsmittelknappheit, also ökonomische Sabotage vorwarf. Schon in dieser frühen Periode der Prozesse gegen „Schädlinge“ aller Art vermittelten die sowjetischen Presseberichte in Sprache und Inhalt das Bild einer verbrecherischen Mentalität der Angeklagten von unglaublichen Ausmaßen. Unter den Protestierenden, die berechtigte Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieser Urteile hatten, waren Albert Einstein und Heinrich Mann, an die sich Gorki direkt wendet. Er verweist ohne nähere Erläuterung auf die „unbeschreiblichen Scheußlichkeiten“ der Verbrechen der Angeklagten, er halte die Hinrichtung für „vollkommen gerechtfertigt“, in ihr finde der „gerechte Zorn“ und die „einmütige Forderung“ der Arbeiterklasse ihren Ausdruck. Es erscheine ihm in höchstem Maße „seltsam“, fährt Gorki fort, dass gebildete Menschen wie die genannten Unterzeichner „es möglich finden, an das abgeschmackte Märchen zu glauben, in der Sowjetunion herrsche eine Ein-Personen-Diktatur, während es doch offensichtlich ist, dass die Diktatur dort auf der konzentrierten Energie einer Millionen zählenden Masse von Arbeitern und Bauern beruht, einer Energie, die von dem Genie Lenins und der Kraft der Vernunft seiner Schüler und Freunde organisiert worden ist“. Signifikant für die Bewusstseinslage des Schriftstellers ist hier nicht nur der Ton der stalinistischen Propaganda, sondern auch Gorkis ganz persönliche kulturpolitische Perspektive, die er in diesem Artikel ausführt. Das Ziel der Arbeiter- und Bauerndiktatur sei es, durch Erziehung in jedem einzelnen das „Bewusstsein des Rechts auf schöpferische Arbeit unter den neuen Formen und Bedingungen des kulturellen Lebens“ zu erzeugen, seine Integration in eine „sozialistische Gemeinschaft gleicher Menschen“ herbeizuführen.
Man könnte versucht sein, die grobe Polemik der Auftritte Gorkis durch solche Formulierungen eines utopischen Ideals gewissermaßen entschuldigt zu sehen, oder man könnte hier, wie das oft geschehen ist, von der politischen Naivität eines lebensfernen Künstlers sprechen. In Anbetracht der schrecklichen Auswirkungen für Millionen von Menschen, die Stalins Politik schon um diese Zeit mit sich brachte und von denen Gorki Kenntnis haben musste, ist eine solche Entschuldigung jedoch nicht zu verantworten. Erwähnt seien hier nur die zahllosen Opfer im Rahmen der Zwangsmaßnahmen, mit denen um die gleiche Zeit die Kollektivierung der Landwirtschaft durchgesetzt wurde, von Gorki ebenfalls ausdrücklich gebilligt als eine kulturpolitische Massnahme zur Überwindung des Eigentumsinstinkts, den er in der russischen Bauernschaft tief verwurzelt sah. Einen Schlüssel zu dieser Art des kulturpolitischen und „sozialpädagogischen“ Denkens bietet (im gleichen Artikel) ein ausdrückliches Bekenntnis Gorkis zur Gewalt als erlaubtes Mittel für die Schaffung einer besseren Welt: „Wird zum Zweck der Entwicklung des Bewusstseins des Menschen Gewalt auf ihn ausgeübt? Ich sage – ja!“ Gewalt, als eine Gewalt des Guten, gehört nach Gorki gewissermaßen zum Wesen der Kultur, sie ist die unverzichtbare Antriebskraft für der Höherentwicklung des Menschen: „Kultur ist die von der Vernunft organisierte Gewalt über die animalischen Instinkte der Menschen.“

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Lehrer solches Gedankengut heute anders als mit dem Ziel vermitteln könnte, ein abschreckendes Beispiel für einen verhängnisvollen Irrweg zu präsentieren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Gorki mit diesen Gedanken keineswegs allein stand, dass sie vielmehr eine in weiten Kreisen der linken Intelligenz Westeuropas verbreitete Überzeugung darstellten. Geschichte als eine Abfolge blutiger Klassenkämpfe, die weitgehende Gleichsetzung von Politik mit Gewalt und Krieg – solche Auffassungen schienen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ihre volle Bestätigung zu finden. Angesichts des Erstarkens nationalistischer und faschistischer Regimes in Westeuropa glaubte Gorki wie viele Zeitgenossen an einen bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion. Stalin war der Führer dieses einzigen Bollwerks gegen den Faschismus, daher stand ihm die uneingeschränkte Unterstützung aller Antifaschisten zu.
Nicht von der Hand zu weisen ist auch der Vorwurf Alexander Solschenizyns an die Adresse des Schriftstellers, er habe die „Sklavenarbeit“ verherrlicht, indem er sich lobend über die erfolgreiche „Umerziehung“ der Häftlinge durch die Sicherheitsorgane in den Straflagern des GULAG geäußert hat. Über den Besuch im Lager Solowki 1929 gibt es allerdings verschiedene Berichte, darunter auch solche, die eine Intervention Gorkis zugunsten der Häftlinge für wahrscheinlich halten (Näheres darüber im Artikel des „ND“)

Wie sind solche heute fast unglaublich erscheinenden Äußerungen eines Schriftstellers zu erklären? War es „die Zeit“, die Gorkis prostalinistische Position gewissermaßen gesetzmäßig bedingte, und spricht ihn ebendiese Zeit von persönlicher Verantwortung frei? In dem Artikel des „Neuen Deutschland“ wird die Stimme einer Gorki-Verehrerin zitiert, die diesen Schluss zulässt: „Es war keine leichte Zeit. Sie ist nicht gut mit ihm umgegangen.“ Christine Matte, die Verfasserin des Artikels, stellt die Frage, ob man von einem Menschen erwarten dürfe, das er „ohne Fehl und Tadel, ohne Angst“ sei. Beide Erklärungen legen die Deutung nahe, Gorki habe sich aus Opportunismus oder Charakterschwäche für seine Position entschieden. Das erschiene mir jedoch eher als eine Kränkung denn als eine Würdigung seines Andenkens. Gorki hat sich immer entschieden gegen Versuche ausgesprochen, das Verhalten eines Menschen deterministisch aus dem Zwang der Verhältnisse zu erklären. Die Maxime seiner autobiographischen Trilogie lautet: „Ein Charakter bildet sich im Widerstand gegen das Milieu“. Die Selbstverantwortlichkeit eines Menschen für sein Schicksal ist ein Thema vieler seiner Werke, besonders eindrücklich in der Geschichte des Vagabunden Konowalow in der gleichnamigen Erzählung, der geradezu mit Stolz die volle Verantwortung für seine regelmäßigen Abstürze in den Alkoholismus übernimmt. Es fehlte Gorki auch nicht an Mut, er hat sich sogar im Umgang mit Stalin kritische Äußerungen erlaubt, die niemand sonst gewagt hätte (s. dazu den Eintrag „Zwei Briefe an Stalin“). Mit Gorkis Erbe heute vertwortungsbewusst umzugehen, kann daher nur bedeuten, seine politische Tätigkeit der letzten Jahre ohne Wenn und Aber als freiwillig und selbstverantwortlich übernommene aktive Mitwirkung an einem totalitären System zu beurteilen. Auch die Tatsache, dass der Antrieb dafür ein utopisches Ideal der Brüderlichkeit aller Menschen war, wie es z.B. auch Dostojewski in seiner Rede über Puschkin 1880 vertreten hat, kann diese schwere Schuld gegenüber den betroffenen Menschen nicht mindern. Im Leben der Sowjetbürger unter Stalin gab es nichts, was man ohne Zynismus als „Brüderlichkeit“ oder als eine „sozialistische Gemeinschaft“ freier und gleicher Menschen bezeichnen könnte.

Der Protest der deutschen „Liga der Menschenrechte“ mit Einstein und Heinrich Mann zeigt zudem, dass es – wenn auch nicht oft und nicht sehr laut – auch Stimmen gegen das Stalin-Regime gab. Das traurige Paradox der Rolle Gorkis besteht darin, dass er selbst eigentlich zu denen gehörte, von denen eine solche Gegenstimme zu erwarten war. Die Zeitungsartikel der 30er Jahre kamen einer Verleugnung von eigenen Grundüberzeugungen des Schriftstellers gleich, die er in früheren Perioden mit Vehemenz vertreten hatte, vor allem in der Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution“ aus den Jahren 1917/18. Dort hatte er die Oktoberrevolution als einen verantwortungslosen Gewaltakt verurteilt und Lenin die Herrenmoral eines russischen Gutsbesitzers zugeschrieben.. Ljudmila Saraskina hat in einem Artikel 1990 (Titel am Schluss des Beitrags) den scharfen Kontrast zwischen diesen beiden Perioden im Leben Gorkis eindrücklich dargestellt: nach dem Aufstand eines einzelnen Menschen gegen den gerade zur Macht gelangten Bolschewismus, den Saraskina als eine „Heldentat“ des Schriftstellers würdigt, bedeutete die Absage an die „professionellen Humanisten“ einen moralischen Zusammenbruch. Die Verfasserin beendet ihren Artikel mit dem Sprichwort: „Der Sturz des Guten ist der schlimmste Sturz.“

1.2 Das Gorki-Bild in der Sowjetunion und der DDR

Solange keine Klarheit darüber besteht, welchen Inhalt der Name Maxim Gorki für das Gymnasium in Heringsdorf heute haben soll, gilt die Intention der Namensgeber aus dem Jahr 1952. Und diese Intention muss man heute ohne Zweifel der Contra-Seite, d.h. den Argumenten gegen eine Beibehaltung des Namens zurechnen. Das von Partei und Regierung der DDR vertretene Gorki-Bild entsprach ein Jahr vor dem Tod Stalins in vollem Umfang dem Bild des Schriftstellers, das die stalinistische Propaganda produziert und mit gewaltigem Aufwand verbreitet hatte, und dieses Bild war eigentlich eine Karikatur dieser vielgestaltigen und widerspruchsvollen Persönlichkeit, die Reduktion auf den „Begründer des sozialistischen Realismus“ und den „Stammvater der Sowjetliteratur“. Bis zu seiner ersten Reise in die Sowjetunion 1928 waren die Meinungen über den im italienischen Exil lebenden Schriftsteller in Sowjetrussland geteilt: die einen liebten ihn weiter als den großen revolutionären Dichter, die anderen, vor allem die linksradikalen proletarischen Schriftstellervereinigungen, verübelten ihm seine alten Kontroversen mit Lenin und sahen in ihm auch in den 20er Jahren einen verkappten Feind. Mit den Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag (1928) änderte sich diese Situation grundlegend: öffentliche Kritik an Gorkis Werk oder seiner Person wurde praktisch verboten, stattdessen inszenierte der Staat einen maßlosen Gorki-Kult, der in der Umbenennung seiner Heimatstadt Nizhni Novgorod in „Gor’kij“ gipfelte (1932). Gorki war von nun an mehr als ein Schriftsteller, er war ein gigantisches Denkmal des sowjetischen Staates und seiner Kultur. In der ritualisierten Praxis des Zitierens von „Klassikern“ rückte er an die fünfte Stelle nach Marx, Engels, Lenin und Stalin. Gleichzeitig wurde sein literarisches Erbe einer strengen Kontrolle unterworfen, alles der Partei Unbequeme nicht mehr publiziert, verschwiegen oder durch Kommentare entschärft. Das öffentlich vermittelte künstlerische Werk wurde auf eine kleine Auswahl kanonischer Texte reduziert, allen voran der Roman „Die Mutter“, in dem Gorki einen Akt der „Auferstehung“, die Verwandlung einer unterdrückten Proletarierfrau in eine selbstbewusste Revolutionärin gestaltet hatte.

Eben dieser gründlich „bearbeitete“ Gorki war ausersehen, nach dem Krieg den kulturellen Aufbau im östlichen Teil des besiegten Deutschland zu unterstützen. Unter anderen Bedingungen hätte das eine Chance bieten können, diesem Autor im Land seines frühen Ruhms eine neue Leserschaft zu erschließen. So aber konnte das nicht gelingen. Gorki wurde den Deutschen als der Klassiker der Besatzungsmacht aufgezwungen, seine Werke erschienen im Verlag der sowjetischen Militäradministration (SWA) , dort erschien auch die Gorki-Biographie von A. Roskin (1947). Sie enthielt am Schluss noch die von Stalins Propaganda erfundene These, Gorki sei von einem verräterischen „trotzkistischen Block“ heimtückisch ermordet worden. Im Namen Gorkis verkündete der Verfasser „das Todesurteil für die, die Gorki ermordet haben“. (Die Umstände des Todes Gorkis 1936 sind nicht restlos geklärt, neben der wahrscheinlichsten Annahme eines natürlichen Todes sind auch verschiedene Versionen über eine von Stalin veranlasste Ermordung im Umlauf).
Die in der DDR neu etablierte wissenschaftliche Gorki-Forschnung hat trotz einer Reihe bemerkenswerter Arbeiten im ganzen diesen Namen nicht verdient. In den tonangebenden Monographien von Nadeschda Ludwig war über den Künstler Gorki wenig zu erfahren, um so mehr über den „gesetzmäßgen Untergang des Kapitalismus“ und den ebenso gesetzmäßigen „Aufstieg des Proletariats“. In den Schulen erlitt Gorki das Schicksal aller Klassiker, die als Pflichtstoff zu behandeln sind: wieder war es „Die Mutter“, unter deren Last viele Lehrer und Schüler stöhnten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dieser Versuch einer Rückführung Gorkis in die deutsche Kultur gründlich misslungen ist und die Schüler eines nach ihm benannten Gymnasiums nichts von ihm wissen.
Zusammenfassend zum Abschnitt CONTRA möchte ich dem Verfasser des Artikels in der Schülerzeitung im wesentlichen zustimmen: Gorki ist eine „unbequeme Wahrheit“ – ohne Fragezeichen.

2.0 Argumente PRO

Ist es unter den beschriebenen Bedingungen überhaupt vertretbar, Gorkis Andenken in der Form eines Schulnamens zu ehren? Ich halte das für schwierig, aber für durchaus möglich. Die erste Voraussetzung dafür wäre allerdings, in klarer Distanz zu der rein politischen Konstruktion der sowjetischen Propaganda einen neuen Zugang zu der Künstlerpersönlichkeit Gorki zu suchen. Auch hier gibt es „unbequeme Wahrheiten“. Die in dem Artikel „Fürsprache für Gorki“ zitierte Aussage „Sein Platz im Welterbe der Literatur ist unbestritten“ trifft einfach nicht zu. Im Gegenteil, Gorkis Autorität als Künstler ist sogar in den Zeiten seines Weltruhms immer wieder in Frage gestellt worden, meist aus politischen Motiven, aber auch mit ästhetischen Begründungen, die man ernst nehmen muss. Nur ein Beispiel dazu: Ivan Bunin, der heute in Russland zu den wieder- oder neuentdeckten Klassikern der russischen Moderne gehört und bis 1917 mit Gorki befreundet war, führte nach der Revolution einen lebenslangen Kampf gegen Gorki und seinen „unverdienten“ Weltruhm. Unbestritten und unbestreitbar ist sein Platz im Welterbe der Literatur also nicht, ich habe aber keinen Zweifel daran, dass er einen herausragenden Platz in diesem Erbe verdient hat. Im folgenden sollen (neben möglichen anderen) drei wesentliche Eigenschaften seines Werkes erläutert werden, die diesen Anspruch rechtfertigen und die geeignet sind, das Interesse heutiger Leser zu wecken, auch und gerade jugendlicher Leser in der Periode der Bewusstseinsbildung. Die erste dieser Eigenschaften ist eine eigentümliche Verbindung von Leben und Werk, die sein ganzes Erbe als einen autobiographischen Mythos erscheinen lässt; die zweite besteht in der Porträtgalerie „russischer Menschen“, die zusammen so etwas wie eine Enzyklopädie des russischen Lebens der vorrevolutioären Periode bilden; die dritte Eigenschaft bezieht sich auf einen Komplex von Werten wie Vernunft, Arbeit, Energie und Willenskraft, die Gorki den Charaktereigenschaften von Europäern zurechnete und die er als Heilmittel für die „russische Seele“ und ihre aus Asien ererbte Neigung zu Passivität und Träumerei propagierte.

2.1 Gorkis autobiographischer Mythos: Aus der Finsternis ans Licht der Kultur

Anton Tschechow, der ältere Zeitgenosse und Förderer Gorkis, hat über ihn gesagt:“Ich denke, es wird eine Zeit kommen, da man die Werke Gorkis vergessen haben wird, er selbst aber wird sogar in tausend Jahren nicht vergessen sein.“ Diese Bewertung - für einen Schriftsteller auf den ersten Blick nicht sehr schmeichelhaft – bezog sich auf den schon in den ersten Erzählungen Gorkis klar erkennbaren Bezug zum Leben und der persönlichen Erinnerungswelt des Autors, wobei es jedoch primär nicht darum ging, die eigene Person zu thematisieren, sondern eher darum, dieses Erfahrungspotential als exemplarisches Material für allgemeine Probleme des nationalen und universalen Lebens auszugestalten: eine thematische Bewegung vom „Ich“ zum „Wir“. In Vollkommenheit erreicht ist diese Intention in der autobiographischen Trilogie („Kindheit“ (1914), „Unter Menschen“ (1916), „Meine Universitäten“ (1923)). Das Werk umfasst die Erfahrungen des Aleksej Peschkow (Gorkis bürgerlicher Name) vom dritten bis zum zwanzigsten Lebensjahr. Das Leben hat für diesen Jungen anscheinend nichts anderes als Verlassenheit, Gewalt und Tod zu bieten. Die Mutter entzieht ihm ihre Liebe, weil der Dreijährige den Vater möglicherweise mit Cholera infiziert und seinen Tod verursacht hat. Im Haus des einst wohlhabenden und angesehenen Großvaters herrscht die Angst vor dem sozialen Abstieg. Grausame Körperstrafen vom Großvater, Alkohol- und Gewaltexzesse der Brüder der Mutter, Unterdrückung der Schwachen, besonders der Frauen – solche Erfahrungen von Schmerz und Unrecht prägen das Leben des Heranwachsenden, entwickeln aber auch seine Widerstandskraft. Gute Menschen, zuerst die Großmutter, helfen ihm, die „Scheußlichkeiten des russischen Lebens“ zu überwinden, im zweiten Teil ist es „der heilige Geist der Bücher“, der dem Jungen ein Tor in die Welt der Kultur aufstößt: „Ich stehe auf der Erde nicht allein und werde nicht umkommen.“ Fast wäre es doch zu einer Katastrophe gekommen, denn die Begegnung mit den Welten der Bildung und der Politik im dritten Teil endet für den Helden vorerst in der Vereinsamung und einem Selbstmordversuch des Neunzehnjährigen. Am Schluss ist dennoch klar: Peschkow ist zu einem willensstarken Kämpfer gegen staatliche Willkür, Unrecht und Ausbeutung herangewachsen, und der Leser weiß, dass dieser Held ein Jahrzehnt später die Höhe eines weltberühmten Schriftstellers erreichen wird. Dieser ans Wunderbare grenzende Aufstieg aus der sozialen Finsternis an das Licht der Kultur gab dem Werk seinen Beispielcharakter, es hat zahllosen jungen Lesern in Russland als Vorbild und Wegweiser gedient.
Dieser autobiographische Mythos setzt sich im Werk in einer Reihe von Variationen fort, zuletzt in dem Roman „Das Leben des Klim Samgin“, der die Erfahrungen eines Intellektuellen in 40 Jahren russischer Geschichte bis zur Revolution thematisiert. Obwohl der Autor seinen Helden als einen ihm „fremden“ Charakter präsentiert, hat er ihm doch gewisse Züge eines „widerspenstigen“ Begleiters und Helfers der Revolution verliehen, die auf eigenen schmerzlichen Erfahrungen beruhten.

2.2. Gorkijs „russische Menschen“

Gorki hat sich in seinem Erzählwerk als ein unermüdlicher Entdecker und zugleich Erfinder einer ganzen Typologie „russischer Menschen“ erwiesen. Es beginnt mit den „Bosjaken“, den barfüßigen Vagabunden, die seinen Weltruhm begründeten. Sie repräsentierten einerseits den sozialen Typus der entwurzelten und herumstreunenden Bauern, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Massenphänomen in Russland darstellten. Zugleich zeigten diese Bosjaken mit ihrem ausgeprägten Stolz und ihrem Hass auf die Besitzbürger den Einfluss der Ideen Friedrich Nietzsches. Der „stolze Mensch“ war auch ein Thema in Gorkis bis heute erfolgreichstem Drama „Nachtasyl“, das die Thematik der Armut und des sozialen Abstiegs mit einem Streit um die menschenwürdige Hilfe für die Armen und Schwachen verbindet: soll man sie mit schönen Illusionen über ihre Lage hinwegtrösten oder ihren Stolz und ihre Widerstandskraft anstacheln?
Zu den Bosjaken kam in der Sammlung „Wanderungen durch Russland“ eine ganze Galerie von russischen Sonderlingen, Narren und Gottsuchern, Dieben und Betrügern, mit denen der Autor schon wegen ihrer Ferne von den Normalbürgern offensichtlich sympathisierte. Zu Gorkis Entdeckungen gehören auch die Vertreter der russischen Kaufmannschaft, Kaufleute, Reeder und Unternehmer. Sie sind „eisernen Menschen“, die sich ebenso durch Tatkraft wie durch ein sündhaftes Leben auszeichnen. Der größere Teil dieser Menschen, die der Erzähler (meist in der Gestalt eines Wanderers oder Pilgers) auf seinem Wege trifft, sind Vertreter der unteren Schichten, fern von Bildung und Stadtkultur. Gorki hat es meisterlich verstanden, diesen Menschentyp der Masse von der früher üblichen schematischen Typisierung zu befreien und ihm jeweils ein eigenes Gesicht zu geben, seine Sprache und sein oft schwerfälliges Denken genau zu treffen.
Im ganzen vermittelt diese Porträtgalerie der „russischen Typen“ das Bild einer gleichsam prähistorischen Welt, die kaum die Vermutung aufkommen lässt, in diesem Land könne sich in nächster Zeit eine sozialistische Revolution ereignen. Voraussehbar war dagegen, dass eine solche Revolution, sollte sie sich wirklich ereignen, an den „Scheußlichkeiten des russischen Lebens“ scheitern würde. In Russland sind Anzeichen für eine Wieder- oder Neuentdeckung der „russischen Menschen“ Gorkis erkennbar, sie stehen im Zusammenhang mit der Suche nach einer Neubestimmung der nationalen Identität in der postsowjetischen Gesellschaft.

2.3 Gorki – der „Westler“: Apologie der Arbeit und der Vernunft

Gorki war unzweifelhaft ein „russischer“ Schriftsteller, seine Persönlichkeit und sein Werk wurzelten fest im nationalen Boden. Von daher kann es überraschend erscheinen, dass dieser Schriftsteller nie ein russischer Nationalist war. Gorkis ewiger ideologischer Gegner war Dostojewski, den er als einen Apologeten der „Sklavenmoral“ und der abgründigen Seiten im Nationalcharakter der Russen heftig bekämpfte. Gorki plädierte dagegen für die Stärkung der europäischen Komponente in der nationalen Seele, die er im Niemandsland zwischen Asien und Europa angesiedelt sah. Das russische Volk, erklärt er in dem Essay „Zwei Seelen“ (1915) , „muss lernen zu verstehen, was ihm von Asien in Fleisch und Blut übergegangen ist – Willensschwäche, passiver Anarchismus, Pessimismus und die Neigung zu Trunkenheit und Träumerei – und was dagegen aus Europa stammt, dieser durch und durch aktiven, in der Arbeit unermüdlichen, nur an die Kraft der Vernunft und Wissenschaft glaubenden Welt.“

Gorki hat unermüdlich versucht, in seinen Landsleuten die Liebe zur Arbeit, Selbstvertrauen und Zuversicht bei der aktiven Gestaltung des nationalen Schicksals zu wecken. Dass diese sozialpädagogischen Intentionen ihn schließlich zum Stalinismus führten, war eine verhängnisvolle Konsequenz seiner Auffassungen von Kultur und Gewalt. Bis dahin hatte sein Westlertum die Züge eines Humanismus, der sich entschieden von Zwang und Gewalt distanzierte, am deutlichsten in den „Unzeitgemäßen Gedanken“. Die leitenden Ideen in dieser Abrechnung mit dem Bolschewismus waren die Achtung vor der Würde des Menschen, der Wert des einzelnen Menschenlebens, der Vorrang der Kultur vor der Politik und die Freiheit des Wortes.
Auf den Vorwurf der „Prawda“ (Januar 1918), er falle mit diesen Forderungen der Revolution in den Rücken und er werde kein gern gesehener Gast auf dem „lichten Feiertag“ sein, mit dem die Völker ihre brüderliche Vereinigung begehen werden, antwortete Gorki: „Es versteht sich, dass weder der Autor des Artikels noch ich diesen lichten Feiertag erleben werden – bis dahin ist es noch weit: Jahrzehnte beharrlicher, alltäglicher Kulturarbeit werden bis zu dieser Feier vergehen. Auf einer Feier jedoch, wo der Despotismus seinen Sieg über die halbgebildete Masse feiert und wo, wie früher, wie immer, die Persönlichkeit des Menschen unterdrückt bleibt, habe ich nichts zu suchen, und es gibt dort für mich nichts zu feiern. In wessen Händen auch immer die Macht liegen sollte – mir steht das menschliche Recht zu, mich kritisch zu ihr einzustellen.“
Es gehört zu den vielen Merkwürdigkeiten der Lebens- und Wirkungsgeschichte Gorkis, dass dieses und ähnliche Zitate aus den „Unzeitgemäßen Gedanken“ von Vertretern der Opposition im heutigen Russland mit Zustimmung und Respekt zitiert werden. Hinter dem einstigen Apologeten des Stalinismus taucht aus einem früheren Leben der Verteidiger der Freiheit und der Menschenrechte Gorki auf, dessen Stimme in Werken wie „Unzeitgemäße Gedanken“ in sowjetischer Zeit verboten war.

Ich würde mich freuen, wenn dieses Papier und die in ihm enthaltenen Argumente dazu beitragen könnten, die begonnene Diskussion am Maxim-Gorki-Gymnasium zu fördern und nötigenfalls zu versachlichen. Eine Empfehlung für das PRO oder CONTRA gebe ich nicht ab, da mir die Schwierigkeiten bewusst sind, die jede der möglichen Entscheidungen mit sich bringt. Im Falle der Abschaffung des Namens: Läge nicht eine historische Ungerechtigkeit darin, dem gesamten Wirken Gorkis bis zu seinem 60. Lebensjahr ein ehrendes Andenken zu verweigern, weil er danach einen moralischen Absturz erlebte? Im Falle der Neubegründung: Wie geht man mit einem „geteilten“ Gorki um, einem Humanisten, der zum Stalinisten wurde?
Mir persönlich würde eine Lösung zusagen, die den Streit um Gorki für das Leben der Schule produktiv zu machen versucht. Ich sehe aber die Gefahr, dass die Frage nach einer kurzen Periode der Aufregung wieder in Vergessenheit gerät und der Name Maxim Gorki weiter bleibt, was er heute ist: eine weitgehend inhaltsleere Reminiszenz an eine vergangene Epoche.

Juni 2008


Literatur
Geir Kjetsaa: Maxim Gorki. Eine Biographie. Aus dem Norwegischen von Ingrid Sack, Hildesheim 1996
Armin Knigge: Maksim Gor’kij. Das literarische Werk, München 1994
Ljudmila Saraskina: Ein Land zum Experimentieren. In: Das Ende der Abstraktionen, hgg. von Dagmar Kassek und Peter Rollberg, Reclam-Leipzig 1991 (Über Gorkis „Unzeitgemässe Gedanken“)

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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